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Fernanda glaubt, in Julio den Mann ihres Lebens gefunden zu haben – und lässt sich (zu) vieles gefallen. Wie Julio sein Geld verdient, liegt auf der Hand und wird von ihr dennoch verdrängt: In einer Stadt wie Monterrey im Norden Mexikos, wo sich die Kartelle seit Jahren befehden ist der Drogenhandel zu einer Selbstverständlichkeit geworden, an der sich niemand mehr stört. Mit derselben fatalen Selbstverständlichkeit lässt sich Fernanda, geblendet von einem Leben im Luxus, immer mehr in Gewalt und Gegengewalt verstricken. Die mexikanische Autorin Orfa Alarcón schildert diesen Prozess in einer rasanten, beängstigend realistischen Sprache. So sehr der Leser im Rhythmus der gerappten Texte der Band Cártel de Santa auch mit Fernanda leidet – ihre allmähliche Emanzipation macht alles nur noch schlimmer ...
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Seitenzahl: 227
Veröffentlichungsjahr: 2014
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Orfa Alarcón
Aus dem mexikanischen Spanischvon Angelica Ammar
Verlag Klaus Wagenbach Berlin
Die mexikanische Originalausgabe erschien 2010 unter dem Titel Perra brava bei Planeta in Mexiko-Stadt.
Die vorliegende Publikation wurde durch das Übersetzungsförderungsprogramm PROTRAD der mexikanischen Kulturinstitutionen unterstützt.
Esta publicación fue realizada con el estímulo del Programa de Apoyo a la Traducción (PROTRAD) dependiente de instituciones culturales mexicanas.
© 2010 Orfa Alarcón
© 2014 für die deutsche Ausgabe: Verlag Klaus Wagenbach, Emser Straße 40/41, 10719 Berlin
Umschlaggestaltung: Julie August.
Alle Rechte vorbehalten.
Jede Vervielfältigung und Verwertung der Texte, auch auszugsweise, ist ohne schriftliche Zustimmung des Verlags urheberrechtswidrig und strafbar. Dies gilt insbesondere für das Herstellen und Verbreiten von Kopien auf Papier, Datenträgern oder im Internet sowie Übersetzungen.
ISBN 978 3 8031 4149 1
Auch in gedruckter Form erhältlich: 978 3 8031 3259 8
Für Antonio Ramos Revillas,mein bissiges Herz.
Du bist ’ne Hündin mit Klasse, Fleisch für Bosse, angelst Haifische mit Flossen, für die Löwen was zum Fressen.
CÁRTEL DE SANTA
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Kapitel 11
Kapitel 12
Kapitel 13
Kapitel 14
Kapitel 15
Kapitel 16
Kapitel 17
Kapitel 18
Kapitel 19
Kapitel 20
Kapitel 21
Kapitel 22
Kapitel 23
Kapitel 24
Kapitel 25
Kapitel 26
Kapitel 27
Kapitel 28
Kapitel 29
Kapitel 30
Kapitel 31
Kapitel 32
Kapitel 33
Kapitel 34
Kapitel 35
Kapitel 36
Kapitel 37
Kapitel 38
Kapitel 39
Kapitel 40
Kapitel 41
Kapitel 42
Kapitel 43
Kapitel 44
Kapitel 45
Kapitel 46
Kapitel 47
Kapitel 48
Kapitel 49
Kapitel 50
Kapitel 51
Kapitel 52
Kapitel 53
Kapitel 54
Kapitel 55
Kapitel 56
Kapitel 57
Kapitel 58
Kapitel 59
Kapitel 60
Kapitel 61
Kapitel 62
Kapitel 63
Kapitel 64
Kapitel 65
Kapitel 66
Kapitel 67
Kapitel 68
Kapitel 69
Kapitel 70
Kapitel 71
Kapitel 72
Kapitel 73
Kapitel 74
Kapitel 75
Kapitel 76
Kapitel 77
Kapitel 78
Kapitel 79
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Mir war klar, dass er mich mit einer Hand töten könnte. Er hatte im Dunkeln nach meinem Hals gegriffen, sein Körper lag auf mir. Lautlos hatte er das Haus durchquert, ohne Licht zu machen. Ich bin nicht erschrocken, weil er immer kommt, ohne sich anzukündigen, Herr und Gebieter. Er hielt mir den Mund zu und murmelte etwas Unverständliches. Ich durfte nicht fragen. Er biss mich in die Brüste, ohne meine Arme loszulassen, als würde ich sonst Widerstand leisten.
Ich habe mich solchen Spielen nie widersetzt. Ich finde es aufregend, wenn einer Macht ausübt, den anderen unterwirft. Und noch mehr erregte mich der Gedanke, dass es für Julio nicht nur um Sex ging: Er bezwang meinen Körper, meinen Geist und meinen Willen. Tag und Nacht, allein oder in Gesellschaft, schlafend oder wach.
»Ich will nicht noch mal hören, dass dich das ekelt.«
Ich wusste nicht, was er meinte. Er hielt mir wieder den Mund zu, was mich wahnsinnig machte, so verrückt war ich danach, ihn zu beißen. Seit ich ihn das erste Mal sah, wollte ich mit meiner Zunge über seinen Hals fahren, ein Hund sein und ihm das Gesicht lecken. Seit mein Kiefer sich das erste Mal seinen Lippen genähert hat, hätte ich am liebsten von ihm abgebissen, seine Seele gekostet. Gut dressierter Hund. Reicher Leute Hund. Hund mit Killerinstinkt – vom ersten Moment an haben seine Augen mir Angst eingeflößt.
»Damit du aufhörst, dich für was Besseres zu halten.«
Ich hatte keine Ahnung, wovon er sprach. Er drang in mich ein.
Ich biss ihn in die Hand, damit er sie von meinem Mund nahm.
»Ich will dich lecken. Von oben bis unten.«
Julio bot mir seinen Hals dar, vertrauensvoll wie einer treuen Dienerin, und ich begann, ihn abzulecken, so gierig wie beim ersten Mal. Wir drehten uns um: Ich oben, er unten. Ich leckte bis zu seinem Bauch hinab.
»So ist ’s gut, ja, ja – was hörst du denn auf?«
»Dein Schweiß ... schmeckt irgendwie anders.« Ich wischte mir den Mund ab.
»Mach schon, besorg ’s mir, bis ich komme.«
Zum ersten Mal mochte ich seinen Geschmack nicht, schmeckte er fremd, sauer, eklig.
»Na los, blas mir einen.« Er hielt meinen Kopf fest.
Mir wurde übel von diesem neuen Geschmack. Ich stemmte mich gegen ihn.
»Was ist los? Gefall ich dir nicht mehr?« Er lachte und platzierte sich wieder wie am Anfang, als er nach einer Woche Abwesenheit direkt ins Bett gekommen war, woher auch immer, wer weiß auf welchen Wegen, mit welchem Schmutz an seinem Körper, dem Schweiß wie vieler Frauen; wütend drang er in mich ein, wie es eben seine Art war, als wolle er sich selbst beweisen. Meine Lust wich dem Schmerz, ich rang nach Luft, hoffte nur noch, dass er zu einem Ende käme, bevor er mir alle Knochen brach.
»Damit du aufhörst, dich für was Besseres zu halten«, wiederholte er.
Endlich kam Julio und schlief ein. Ich schmiegte mich an ihn, wäre ebenfalls eingeschlafen, hätte ich nicht noch immer den fauligen Geschmack im Mund gehabt. Schlaftrunken stand ich auf, um zu pinkeln und mir die Zähne zu putzen. Da begriff ich, was Julio meinte: Als ich nach der Zahnpasta griff, sah ich im Spiegel mein blutbeflecktes Gesicht. Brüste, Hände, das Innere meiner Schenkel, alles voller Blut. Ich schrie auf. Als wäre mir der Geist meiner Mutter erschienen. Ich schrie so laut, bis ich heiser wurde. Bis Julio ins Bad trat und mir eine Ohrfeige verpasste.
»Damit du es weißt, das ist das Blut von einem Scheißkerl mit verdammt dicken Eiern. Und der ist draufgegangen, weil man im Leben nur weiterkommt, wenn man Schläge austeilt. Also komm mir nicht wieder, dass du kein verfluchtes Steak braten kannst, weil ’s dich ekelt. So ein Schwachsinn zieht bei mir nicht.«
Erstarrt stand ich da und wollte nur noch unter die Dusche.
»Wenn man austeilt!« Julio zog ab und schlug die Tür hinter sich zu.
Ich habe ihn im Vorbereitungskurs für die Uni kennengelernt. Das klassische Muttersöhnchen: Seine Mama brachte ihn bis zum Schultor und holte ihn dort wieder ab. Zu der Zeit hatte ich nur supercoole Typen im Kopf, und das war er noch nicht, aber ich redete mit ihm, weil er nett war, und da ich nicht leicht Freundschaften schloss, konnte ich mir nicht den Luxus erlauben, wählerisch zu sein.
Kurz, er wurde mein bester Freund. Während des ganzen Kursjahrs heulte ich mich bei ihm aus, und da gab es einiges zum Heulen. Nicht, weil mein Leben besonders tragisch gewesen wäre, aber in dem Alter nimmt eben alles schreckliche Dimensionen an. Die Streitigkeiten mit meiner Schwester und meiner Tante, mein angeknackstes Selbstwertgefühl, die beliebten Jungs, die mich natürlich nie beachten würden ... alles war gleich das Ende der Welt. Außerdem war ich so eine Langweilerin, dass ich beim Abschlussfest die typische miese Tour aus den amerikanischen Filmen am eigenen Leib erfuhr: vom beliebtesten Jungen der Schule eingeladen und dann versetzt. Und ich machte es sogar noch schlimmer, indem ich so naiv war, allein zum Ball zu gehen, um nach ihm zu suchen, weil ihm ja vielleicht etwas dazwischengekommen sein konnte, sodass er mich nur nicht abgeholt hatte (ja, ja, er hatte mir sogar weisgemacht, er würde mich zu Hause abholen). Den Rest kann man sich denken: das doofe dicke Mädchen im Abendkleid, das sich auf der Toilette die Augen ausheult. Die angeblichen Freundinnen, die der Heulsuse genervt ein paar tröstende Worte zuwispern und sofort weitertanzen.
Aber meine Geschichte hat ein Extra: einen entschlossenen Komparsen, der die Tür zur Damentoilette nicht nur aufstieß, sondern trotz der allgemeinen Entgeisterung durchschritt.
»Na komm, du wirst doch nicht wegen diesem Idioten heulen. Du hast schließlich mich.«
Er zog mich nach draußen, und in diesem Moment fiel es mir wie Schuppen von den Augen: Julio war nicht mehr der schmächtige, nach Eau de Cologne riechende Schnösel. Julio war energisch genug, um mit mir zu machen, was er wollte. Ich hatte das Gefühl, als sähe ich ihn zum ersten Mal, nicht den Julio von früher, sondern einen ganz neuen, den ich gar nicht kannte und der tatsächlich mit mir machte, was er wollte.
Wer hätte den nicht gern gehabt? Mara betrat den Saal mit so erhobenem Kinn und herablassendem Blick, als säße sie am Steuer eines BMW oder als trüge sie den letzten Schrei von Tous, bevor er überhaupt in den Geschäften war, oder als spaziere sie Arm in Arm mit Orlando Bloom höchstpersönlich herein. Tatsache. Sie hatte instinktiv ein spöttisches Lächeln aufgesetzt, das ihr aber nicht richtig gelang, weil sie es nie geübt hatte; es war das erste Mal, dass sie mit etwas angeben konnte, und noch dazu mit etwas, worum man sie wirklich beneiden konnte. Mara, dreißig Jahre, klatschdick Schminke, mit einer roten Kunstlederjacke und darunter einem Top, das sexy sein sollte, was ich aber erst viel später merkte, als ich sie auf der Toilette traf und ihr mit einem Blick zu verstehen gab, dass ich die Partie gewinnen würde. Wer hätte den nicht gern gehabt, ein besser aussehender Mann war mir im Leben noch nicht untergekommen.
»Na, gefällt dir mein Freund?«, fragte sie und sah mich im Spiegel an; direkter traute sie sich nicht.
»Aber klar.«
Mara hatte den abgefuckten Korridor an Julios Arm durchquert. Oder ihn vielmehr mitgezerrt. Als ich ihn sah, wusste ich, dass ich meine letzten falschen Wimpern verspielen würde, um ihn zu kriegen. Ich saß auf diesem blöden Stuhl am Eingang, ohne mich entschließen zu können, ob ich zur Party reingehen sollte oder nicht. Es war das Willkommensfest an der Uni, und die Erstsemester waren so euphorisch, als kämen sie zum ersten Mal mit Ausweis in eine Disko rein. Ich versuchte, Dante und eine Freundin per SMS zu überzeugen, uns an einem dezenteren Ort zu treffen, wo uns keine achtzehnjährigen Kiddies auf die Pelle rücken würden. Ich tippte gerade die zigste Nachricht, als ich Mara mit ihrem Typen eintrudeln sah.
Seit Wochen hatte Mara während der Pausen im Hörsaal von ihm gesprochen, ihn aber nie genauer beschrieben. Keiner von uns anderen war eingefallen, nachzuhaken. Bei Mara stellte man sich einen Schnarcher mit Glatze, Brille und Bauch vor, der auf irgendeinem Amt stempelte. Mara kriegte nie was Ansehnliches ab. Sie trafen sich seit ein paar Wochen, und als Mara ihn einmal fragte, was sie nun seien, habe er geantwortet, es sei ihm nicht eilig, ihre Verbindung zu definieren, sie sei das Beste, was ihm je passiert sei, er wolle nichts überstürzen und damit vielleicht kaputtmachen. Mir war nicht ganz klar, ob Mara aus mangelnder Erfahrung oder aus Dämlichkeit sagte, sie finde das wundervoll, so zumindest erzählte sie es mir am nächsten Tag: »Mein Baby ist einfach wundervoll.« Mir schauderte bei der Vorstellung des Glatzkopfs in Windeln. Deshalb ging ich auch ohne jede Spur von Neugierde auf die Willkommensparty, ich dachte nicht mal an die Geschichte, weil ich davon ausging, dass Mara gar nicht erst kommen würde, um ihren Freund nicht mitbringen zu müssen, über den wir uns sonst den Mund zerreißen würden. Aber sie kam. Stolz, als habe sie George Clooney am Wickel, und mehr als einer von uns klappte beim Anblick ihres Exemplars die Kinnlade herunter (ich wette, wir waren uns alle unausgesprochen einig, dass das zu viel Kerl war für Mara Pummelbrillenschlange).
Dante schickte mir eine SMS, ein »minderjähriger Loser« habe ein Auge auf ihn geworfen, wir könnten gehen, wann immer ich wolle, worauf ich antwortete: »ICH GEH 1 MOMENT REIN, HAB FRISCHFLEISCH GESEHN«.
Mara wankte bemüht lässig auf ihren zwölf Zentimeter-Absätzen. Ich würde reingehen, mich eine Weile nicht vom Fleck rühren, ein paar Drinks angeboten kriegen. Irgendwann würde ich mich an den Typen ranmachen, ohne dass er etwas von meiner Beobachtungstaktik gemerkt hätte.
Mara tat wieder so, als sähe sie mich nicht, sie kam nicht mal zu mir, um mit ihrem Nicht-Glatzkopf anzugeben. Aber er nahm sie auch völlig ein, Mara war gar nicht mehr fähig, irgendetwas anderes mitzubekommen.
Ich ließ einen angemessenen Zeitraum verstreichen; lang genug, damit Mara sich mit ihrem Femme-fatale-Getue lächerlich machen konnte, aber nicht so lange, dass eine andere Bitch mir zuvorgekommen wäre.
Mara war die Älteste unserer Gruppe. Wir fanden sie alle furchtbar – weil sie sich so schrecklich anzog, weil sie so dämlich war (aber trotzdem immer gerade genug auswendig lernte, um die besten Noten einzuheimsen) und weil sie sich in allen Kursen ständig meldete, um irgendeinen Schwachsinn zu labern. Sie war unglaublich dämlich (einmal brachte ein Kommilitone sie in einem Kurs zum Heulen, als er sagte, sie solle sich lieber zu Hause um ihre Tochter kümmern, statt ihre Zeit an der Uni zu vergeuden, was nur dazu führte, dass sie noch übereifriger wurde und ihr Foto auf die Ehrentafel kam). Zu mir war sie allerdings sehr nett. Da sie eine Freundin meiner Schwester war, dachte sie, dass sie folglich auch meine Freundin war. Fehlschluss. Aber Mara nahm es uns nicht übel, dass wir uns über sie lustig machten. Ich wette, sie bewunderte, respektierte oder beneidete uns sogar, weil wir nicht für eine Familie zu sorgen hatten. Sie versuchte immer, sich in die Gruppe zu integrieren, indem sie uns ihre Notizen lieh oder mit uns lernte. Eine Zeit lang hatten wir sie nicht mal mehr so dick, und sie erzählte uns ganz treuherzig von sich: wie sie per Anwalt um das Sorgerecht für ihre Tochter kämpfen musste, von den Problemen mit ihrer Mutter, von ihrem neuen Freund ... Sachen, die uns herzlich wenig interessierten, denn Mara gehörte nicht zu uns. Ihr neuer Kerl interessierte mich jetzt aber sehr wohl.
»Du hast uns gar nicht vorgestellt, Mara«, sagte ich, ohne sie zu begrüßen, damit gleich klar war, um wen es hier ging.
»Das ist Julio.«
»Tanzt du nicht?« Das war mein Einsatz.
Während der nächsten Stunde ließ ich ihn nicht mehr los.
Mara führte sich auf wie ein verzogenes kleines Mädchen: Sie schrie, plärrte, heulte. Irgendwann folgte sie mir auf die Toilette und sagte:
»Mein Freund gefällt dir also, was?«
Aber klar doch.
Ich verließ die Toilette vor ihr, damit sie mich bei ihrer Rückkehr in den Armen des »Exemplars« sah.
Mara redete danach natürlich nie wieder ein Wort mit mir, und es war vorbei mit irgendwelchen Gefallen für die Clique, zu der sie auch gar nicht mehr gehören wollte. Ich fühlte mich ein bisschen schlecht, ihr die Sache mit Julio verdorben zu haben, aber Gott. Ob die Beziehung es wert war? Kurz, krankhaft, intensiv wie sie war, allemal, allein seine Stimme, sein Auftreten, seine Haut machten alles wett. Ganz egal, wie schlimm und schmerzhaft es kam, wie geschunden mein Herz zurückblieb.
»Großer dunkelhaariger Wahnsinnstyp.« Er sah aus wie einer einschlägigen Annonce entstiegen. Ein Wahnsinnstyp von hinten. Normalerweise verfliegt das Verlangen, ist es einmal gestillt, doch dieses Verlangen sollte nicht einmal verfliegen, als es längst gestillt war. Ich ging direkt auf ihn zu und stellte mich hinter ihn in die Schlange am Busfahrkartenschalter. Eine raue, dabei nicht kratzige Stimme. Mir fiel ein, dass ich kein bisschen Make-up im Gesicht hatte, meine Augen aufgequollen waren, meine Haare nach Rauch stanken und mein Kopf dröhnte. »Abgefucktes Partygirl mit Hangover und Jointwolke.«
Das hörte sich eher an wie eine Annonce für die Müllabfuhr.
Aber das hielt mich nicht davon ab, mich hinter dem Prachtexemplar zu postieren. Unwahrscheinlich, dass er sich überhaupt nach mir umdrehen würde. In meinem Zustand würde sich niemand nach mir umdrehen. Der Besuch bei meiner Tante Marina, der eigentlich vierundzwanzig Stunden dauern sollte, war auf eine Nebenspur geraten, als ich ein paar Geologiestudenten kennenlernte, die mangels sonstiger Vergnügungen in Linares ihre eigene Party organisierten und ein Pseudo-Nirwana in einer ehemaligen Hacienda von Guadalupe veranstalteten. Nicht, dass die Typen besonders spannend gewesen wären, aber ich fand es gut, dass sie sich so um mich bemühten. Ich nahm an, dass sie nicht viel weiblichen Umgang hatten, zumindest nicht mit lockeren Mädchen. Außerdem nahm ich an, dass die Sache gut besucht sein würde und auch ein paar coole Typen dabei wären, und so erklärte ich meiner Tante, ich könne doch nur den Nachmittag mit ihr verbringen und müsse abends nach Monterrey zurück.
Stattdessen begab ich mich zu dem Pseudo-Nirwana, einem völligen Reinfall von Party. Computerfreaks in Flanellhemden, das Gras sofort aus, lauwarmes Bier, Cumbia-Geschunkel. Und zwei superprimitive Tussen, weiß nicht, wo sie die aufgegabelt haben, die einen von den Strebern anhimmelten. So todlangweilig, dass ich mich sofort auf einem Sofa aufs Ohr haute, ich konnte ja weder nach Hause noch nach Linares. Nur dass die Typen um drei Uhr morgens auf die glorreiche Idee kamen, eine Gitarre auszukramen und Schnulzen von José Alfredo zu trällern, sodass es mit Schlafen vorbei war.
In entsprechend erbärmlichem Zustand kam ich morgens um acht an die Busstation von Linares, um eine Fahrkarte nach Monterrey zu kaufen. Und ich hätte wirklich nicht gedacht, dass in diesem Provinzloch außer Karamellbonbons auch hübsche Jungs fabriziert werden. Groß, dunkelhaarig und scharf. Und ich ungeschminkt, in Schlappen und verwahrlost, wer zupft sich schon die Augenbrauen für den jährlichen Besuch bei Tante Marina?
Als ich gerade hinter ihn getreten war, wurde der andere Schalter geöffnet.
»Hierher, bitte, Señorita.«
Ich bewegte mich von ihm weg und beschloss, keine weitere Annäherung zu versuchen, es war ohnehin nicht der Mühe wert, von vornherein ein aussichtsloser Flirt.
»Einmal nach Monterrey, bitte.«
»Fährt in zehn Minuten.«
Ich vergaß das Ganze und setzte mich für die zehn oder neun oder acht verbleibenden Minuten auf eine Bank. Ich wollte nur noch in den Bus steigen, ankommen, duschen und alle Loser-Partys der Welt vergessen.
Nachmittags müsste ich Cinthia zum Schwimmen bringen. Das war der Deal: Meine Schwester kochte, und ich brachte meine Nichte zu ihren diversen Sportkursen. Da wir nur ein paar Häuserblocks auseinander wohnten, war das nicht weiter umständlich. Außerdem wollte ich meine Nichte jeden Tag zumindest einmal kurz sehen. Sie war mir schon ähnlicher als Sofía, sie imitierte meine Kleidung, meine Schuhe, wenn ich mir Strähnchen machen ließ, wollte sie auch welche, und wenn ich mir einen Pony schnitt, dann sie auch.
Beim Einsteigen in den Bus schaute ich aus dem Fenster, hinter dem die Hitze von Linares dampfig vom Asphalt aufstieg und einen seltsamen Nebel bildete. Ich dachte an Cinthia, wie schnell sie wuchs, und dass ich in ihrem Alter noch ein schüchternes kleines Mädchen gewesen war, das sich in den Rockzipfeln der älteren Schwester versteckte; sie dagegen war schon ein richtiges Persönchen, superselbstständig, und wir ließen sie machen, soweit es vertretbar war.
Ich war so gedankenvertieft, dass Mister Wahnsinnstyp sich ganz unbemerkt neben mich gesetzt hatte.
»Du bist doch Fernanda, oder?«
»Wie?«
»Vom Mariano-Escobedo-Gymnasium ...«
Meine Tante Marina hatte alles daran gesetzt, mich auf eine der renommiertesten staatlichen Schulen von Linares zu bringen.
»Julio!«
Damals war meine Schwester krank geworden, und ich war zu meiner Tante Marina gezogen, der einzigen Person, die sich um uns kümmerte. Es waren nur noch drei Monate bis Schuljahresende, als ich nach Linares kam, und schon am ersten Tag auf der Schule fiel mir Julio auf, weil einem in diesem Alter so ziemlich alles auffällt. Das, und mein romantisches Gefühl, dass das Leben und die Entfernung uns unweigerlich trennen würden, machten aus Julio meine erste platonische Liebe. Und ich sage nicht platonisch, weil Julio so unnahbar gewesen wäre, sondern weil ich, mein wahres Ich, damals unter fünfzehn Kilo Übergewicht und einer Brille Marke Lupe versteckt war.
»Du siehst so anders aus. Glatt zum Verlieben.« Julio verlor keine Zeit.
Ich muss in der Schule wirklich ziemlich unansehnlich gewesen sein, damit er mich so viele Jahre später, ungeschminkt, ungekämmt und nach Gras riechend, attraktiv fand.
Es stellte sich heraus, dass er nach Monterrey gezogen war und nur noch gelegentlich seine Eltern in Linares besuchte, dass es ihm gut ergangen war und er sich, wie ich, ziemlich verändert hatte: Er war nicht mehr der schlaksige Lulatsch mit den eingezogenen Schultern, dessen einzige Dreistigkeit darin bestand, meine Mathe-Hausaufgaben abzuschreiben. Und so kam eins zum anderen, an der Busstation in Monterrey lud ich ihn zu mir nach Hause ein, Cinthia ging an diesem Tag nicht zum Schwimmen, und Julio verließ meine Wohnung erst am nächsten Tag wieder.
Ich hatte jemanden. Der ganz allein und für immer mir gehörte. Schluss mit Suchen, Schluss mit Weinen, mit dem gebrochenen Herzen und dem Groll. Jetzt zahlte ich die Raten für ein Haus und möblierte ein Herz. Die Fenster verriegelte ich, damit man nur nach innen sah. Ich würde am warmen Kamin sitzen, mich mit einem Glas Wein auf den Teppich legen. Käse essen, mein eigenes Brot backen. Draußen Wind und Wetter, Pfützen nach dem Sturm. Drinnen wäre ich wohlig geschützt, würde neue Regeln für Gesellschaftsspiele erfinden und Lieder für die fallenden Tropfen. Denn draußen würde es regnen. Und plötzlich, ehe ich mich versähe, wäre der Regen ein Leck in meinen Augen, und ich würde wieder in den Matsch und in die Kälte hinauswollen. Der ganze Körper geschüttelt von Weinen und Kälte. Von all der Kälte, die ich verdient hatte.
Ein unverschämter cooler Macho, das war er von unserer ersten Begegnung an. Er könne mich mal, sagte ich zu ihm und zeigte ihm den dicken Finger. Darauf er:
»Du gehst auch nur zum Spaß zu Fuß, mit diesem Hintern hast du bestimmt Chauffeure im Überfluss.«
Meine Nachbarin und ich drehten uns um, da hörten wir das Reifenquietschen.
»Die kommen hinter uns her«, rief meine Nachbarin panisch.
Ich sagte nichts, der Wagen bremste genau vor uns, mit drei Typen drin, am Steuer der mit dem großen Mundwerk.
»Lauf bloß nicht weg, sei nicht blöd.« Ich hielt meine Nachbarin fest an der Hand, damit sie mich nicht alleinließ.
Der Typ versuchte mich mit seinem Blick zu hypnotisieren. Dann stieg er aus. Umwerfend.
»Tut mir leid, wollte dir nicht zu nahe treten.«
Was kann man da schon sagen? Ich wäre am liebsten sofort bei ihm eingestiegen.
»Fernanda.«
»Julio.«
Ich habe viele Geschichten zur Hand, aber es gibt nur einen Namen. Sämtliche Geschichten sind wahr, und doch bleibt nur eine Person: mein Schulfreund Julio, der scharfe Julio, der mich fast umfährt, Julio in der Oberstufe, Julio, meine Disco-Bekanntschaft, der Julio, der einen Monat vor meiner Hochzeit in mein Leben tritt und sie ruiniert. Das sind meine wichtigsten Geschichten. Ich will sie nicht verlieren. Was ich vergessen habe, sind die Namen dazu. Es gab niemanden vor Julio und niemanden danach. Er war mehr als genug.
Ich würde nicht weinen, nicht alles kaputtmachen. Das war mein einziger klarer Gedanke. Alle anderen waren ein schriller Schrei, dem ich nicht entkam, so wenig wie dem Gefühl, eine blutige Leiche zu sein. Ein langer Schrei in meinem Kopf, den ich nur ersticken könnte, indem ich meinen Schädel gegen die Wand schmetterte. Nicht weinen, nicht alles kaputtmachen. Es musste einen Weg geben, ich musste mir Schmerz zufügen, und mir fiel nichts anderes ein, als mich in Hände und Unterarme zu beißen, bis sie von Gebissabdrücken übersät waren, eine kurze Pause, wenn mir die Luft ausging, und weiter. Ich würde nicht weinen, das würde alles noch schlimmer machen. Sobald der Schmerz einträte, hätte das Chaos ein Ende. Wäre Julio in diesem Augenblick hereingekommen, hätte er mich gefasst und folgsam vorgefunden; kein Geheule, kein Geschluchze. Aufrecht. Gesammelt. Wäre ich eine Barbie aus Plastik, hätte ich mich verletzen können, ohne einen Tropfen Blut sehen zu müssen, hätte ich meine Haut aufschlitzen, mich häuten können, und hätte endlich frei geatmet. Aber ich war nicht aus Plastik. Meine Körpersäfte flossen in mir, und dort mussten sie bleiben. Punkt. Das war wohl die Definition von »Haltung«: Mein Körper hielt Fernanda. Mein Körper war ein Dampfkochtopf, aus dem nichts herausbrodeln durfte. Du sollst nicht weinen. Du sollst nicht das Blut deines Nächsten sehen. Nicht dein eigenes Blut. Würdest du überquellen, würde deine Haut verbrennen. Würdest du einmal anfangen, könntest du nicht der Versuchung widerstehen, dich komplett zu entleeren – du würdest alles Wasser, alles Blut aus dir entrinnen lassen, würdest auf den Fliesen zerfließen, durch den Abfluss hinab. Du wirst Julio nicht aufwecken. Du wirst nur eine Zigarette rauchen, um nicht Straßen, Pistolen und Verstümmelte vor dir zu sehen. Dann wirst du Laken und Kleidung verbrennen. Du wirst nichts fragen, nichts denken. Du wirst das Grauen ignorieren.
Ich weiß nicht, wie viele Stunden ich in der Badewanne lag. Wie oft ich das Wasser neu einließ. Meine Haut war ganz runzlig. Ich übergab mich in die Kloschüssel, nahm die Schuld auf mich: Ich hätte es vorhersehen müssen. Ich hätte es verhindern müssen. Es war noch ekliger, sich möglichst lautlos zu erbrechen, aber ich durfte Julio nicht aufwecken.
»Lass dich nicht von mir in den Arsch ficken«, hatte Julio vor langer Zeit einmal gesagt.
Julio bat niemals um Verzeihung, und dieser Hinweis war für seine Verhältnisse schon ziemlich nett:
»Lass dich von so was nicht unterkriegen, wenn dir solche Sachen was ausmachen, kannst du dich gleich verziehen. Ich will eine Frau, kein Püppchen.«
Und ich wollte doch nur seine Barbie aus Plastik sein, um mich zu schneiden, ohne dass es blutete. Es war das einzige Mal gewesen, dass er mich weinen sah: An diesem Tag hatte ich herausgefunden, dass er mit anderen schlief, etlichen, mit wie vielen genau, habe ich nie erfahren.
Damals umarmte ich ihn und sagte:
»Wenn du mich je verlässt, verpass mir einen Schuss in den Nacken, bevor du aus der Tür gehst.«
Worauf er antwortete:
»O Mann, du und deine Fernseh-Melodramen.«
Gegen diesen Scheißkerl kam man einfach nicht an, kein Wille und kein Gesetz konnten es mit ihm aufnehmen. Ich hatte ihm mein Leben zu Füßen gelegt, er konnte darauf herumtrampeln, wie er wollte.
»Du wusstest doch, dass so einer sich nicht mit einer Frau begnügt«, war alles, was meine Schwester sagte, als ich ihr von den anderen erzählte.
Ich antwortete nicht, dass ich gehofft hatte, mit mir wäre es anders, um nicht noch dämlicher dazustehen.
Sofía hatte völlig Recht. Ich dachte an sie, an die anderen, an die Badewanne, an die Konsistenz von Seife, an alles Mögliche, um nicht rotzusehen.
Sofía, hol mich aus der Badewanne.
Sofía, Schutzengel mein.
Der Morgen dämmerte. Um diese Zeit kam meine Schwester wahrscheinlich von ihrer Nachtschicht im Krankenhaus, Cinthia schlief bestimmt noch. Ich lag verschrumpelt in der Badewanne, bibbernd im kalten Wasser, das ich nicht neu einlassen wollte, um kein Geräusch zu machen.
Bei Tag und Nacht, ich bitte dich, behüte und beschütze mich.
Als ich klein war, hatte Sofía mir ein Gebet beigebracht, nur eines, das sie halb im Fernsehen gehört hatte. Welche religiöse Erziehung kann man schon von einem Mädchen erwarten, das gerade erst in die Oberschule gekommen ist? Behüte und beschütze mich. Bis dahin konnten wir es.
Ich hätte gern meine Schwester angerufen, aber ich hätte durchs Schlafzimmer gehen müssen, um zum Festnetztelefon zu kommen. Das Handy lag auch am anderen Ende des Zimmers.
Trotz ihrer vorwurfsvollen Blicke war Sofía für mich eine Seelenverwandte, das einzige Wesen auf diesem Planeten, das mich verstand.
Sofi, komm.
So rief ich sie stumm herbei, als ich noch ein kleines Mädchen war und unter der Decke solche Angst hatte, dass ich nicht einmal laut schreien konnte. Ich rief sie mit meinem Herzen, und als hätte Sofía es geahnt, kam sie in mein Zimmer, um nach mir zu sehen, mir einen Kuss auf die Wange zu geben, die Decke zurechtzuziehen. Ich stellte mich schlafend, meine Angst war verflogen.
Sofi, komm, klopf an die Tür, frag Julio, ob ich da bin.
Sofi, bei dir wird er nie böse, sag ihm, du bringst Frühstück.
Sofi, vor dir fährt er mich nie an.
Komm, ich will aus der Wanne steigen.
