Beschreibung

Tiefe Finsternis, die seit siebzehn Jahren über dem Reich Relhok liegt, und die dicken Mauern ihres Turms - etwas anderes kennt Luna nicht. Sie muss sich verstecken, damit die Welt sie für tot hält, nachdem ein Verräter ihre Eltern ermordete, um sich der Krone zu bemächtigen. Als sie fliehen muss, weil ihr Leben in Gefahr ist, hilft ihr der Waldläufer Fowler. Er erfüllt ihre dunkle Welt mit Licht, doch nicht einmal ihm darf sie sagen, dass sie die wahre Königin Relhoks ist. Denn der neue König sucht nach ihr, um sicherzustellen, dass sie niemals ihren Thron besteigen wird. "Eine fesselnde, einzigartige Fantasygeschichte voller Spannung und Romantik." Jennifer L. Armentrout, Spiegel-Bestsellerautorin der "Obsidian"-Reihe "Fantasy, Spannung und ein Hauch Romantik sind in diesem Roman aufs Beste vereint." Weilheimer Tagblatt

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EPUB

Seitenzahl: 366


Sophie Jordan

Königreich der Schatten Die wahre Königin

Roman

Aus dem Amerikanischen von

Barbara Imgrund

HarperCollins YA!®

HarperCollins YA!® Bücher

erscheinen in der HarperCollins Germany GmbH,

Valentinskamp 24, 20354 Hamburg

Geschäftsführer: Thomas Beckmann

Copyright © 2017 by HarperCollins YA! in der HarperCollins Germany GmbH

Titel der amerikanischen Originalausgabe:

Reign of Shadows

Copyright © 2016 by Sharie Kohler

Erschienen bei: HarperTeen, New York

Published by arrangement with

HarperTeen, an imprint of HarperCollins Publishers, LLC

Cover-/Umschlaggestaltung: formlabor, Hamburg

Redaktion: Laura Oehlke

Titelabbildung: alicedaniel, Lars Hallstrom, elwynn / Shutterstock

ISBN eBook 978-3-959676-229

www.harpercollins.de

eBook-Herstellung und Auslieferung:readbox publishing, Dortmund

www.readbox.net

Alle Rechte, einschließlich das des vollständigen oder auszugsweisen Nachdrucks in jeglicher Form, sind vorbehalten.

Der Preis dieses Bandes versteht sich einschließlich der gesetzlichen Mehrwertsteuer.

Alle handelnden Personen in dieser Ausgabe sind frei erfunden. Ähnlichkeiten mit lebenden oder verstorbenen Personen wären rein zufällig.

Für Jared, denn wenn ich mir eine Welt wie diese hier vorstelle,möchte ich dich an meiner Seite wissen …

JAHR SIEBZEHN

DER SCHWARZEN FINSTERNIS

Kapitel 1

LUNA

Die Finsternis umspannte mein ganzes Leben. Sie drang in alles ein – eine tiefe, sickernde Schwärze, die in jede Ritze und jeden Spalt rann wie zusammenlaufendes Blut. Außerhalb meines Turms war die Dunkelheit besonders undurchdringlich; wie Tinte floss sie dorthin, wo ich auf dem Balkon stand und dem Summen hungriger Insekten und Tiere lauschte. Und ihnen.

Seufzend stützte ich beide Ellbogen auf die Brüstung. Kohlen zerplatzten in dem Ofen hinter mir und verbreiteten eine gemütliche Wärme, die in harschem Gegensatz stand zu der feuchten Kälte, die mir in Nase und Wangen kniff. Hitze und Wohlbehagen leckten an meinem Rücken, während Dunkelheit vor mir lag. Und doch wollte ich nach draußen mit einer unruhigen Energie, die meine Nerven zum Zerreißen spannte.

In mir pulsierte eine Sehnsucht, so zäh wie die fortwährende Nacht. Ein kleines Tier huschte weit unter meinem Balkon durch den Wald. Ich senkte das Kinn in seine Richtung und legte den Kopf schief, um ihm zu folgen – als könnte ich durch das Dunkel und die Baumwipfel blicken, als wären die Geschöpfe am Fuße des Turms zu sehen.

Das Tier schnupperte an der Außenmauer; wahrscheinlich versuchte es, das Hindernis zu enträtseln, das sich ihm in den Weg stellte und nicht Teil der natürlichen Welt war. Ein Turm gehörte nicht in diese Wälder. Kein Anflug von Zivilisation tat dies. Nachdem es ein paar Minuten lang umhergeschnüffelt hatte, kehrte das Tier in den Wald zurück. Ich folgte seiner Bewegung durchs Unterholz und beneidete es um seine Freiheit.

Von meinem Ausguck hoch oben lauschte ich. Mein Gehör hatte sich schon vor langer Zeit der Dunkelheit angepasst. Dem raschen Klopfen der Pfoten entnahm ich, dass es ein Kaninchen war. Es gab reichlich von ihnen in diesen Wäldern. Sie vermehrten sich zügig und waren schnell genug, um den Finsterirdischen zu entkommen. Meistens jedenfalls.

In der Ferne erklang ein Geräusch. Ich reckte mein Gesicht gen Himmel, während das eintönige Zirpen aus dem Osten anschwoll und an Lautstärke zunahm. Ich war nicht die Einzige, die es hörte. Das Kaninchen flitzte durchs Unterholz.

Meine Finger umklammerten die steinerne Brüstung so fest, dass die Knöchel schmerzten; mein Herz schlug hart in meiner Brust.

Beeil dich, beeil dich.

Ich senkte erneut das Kinn, und ein Drängen brannte in meinen Adern, während ich das Kaninchen innerlich beschwor, sich zu beeilen, am Leben zu bleiben. Was lächerlich war. Wir aßen eine Menge Kaninchen, aber aus irgendeinem Grund identifizierte ich mich mit diesem einen hier.

Die Armee aus Fledermäusen näherte sich in einer großen, ausladenden Wolke; ihre gewaltigen, ledernen Schwingen klatschten durch die Luft. Früher hatten Fledermäuse in eine Tasche gepasst. Doch seit dem Hereinbrechen der Finsternis waren sie gewachsen, sodass sie nun durchschnittlich einen Meter zwanzig groß wurden. Sie verzehrten keine Insekten mehr. Sie jagten nun größere Beute.

Lauf, lauf, lauf.

Sie sirrten und schwirrten um den Turm mit schrillen Lauten, die mir Gänsehaut verursachten.

„Luna, komm“, rief Perla. „Das Letzte, was wir gebrauchen können, ist, dass eine von ihnen hereinfliegt.“

Ich konnte mich nicht bewegen. Wie angewurzelt stand ich einfach nur da und horchte nach meinem Kaninchen.

Die Fledermäuse erspähten es und stürzten sich wie ein einziges gewaltiges Untier darauf. Blätter raschelten und Zweige knackten, als sie ins Geäst hinabtauchten. Ihr Gesang wurde beim Näherkommen fieberhaft, erregt.

Das Kaninchen schrie gellend, während sein Körper zerfetzt wurde und Fleisch und Knochen wie Pergament und Federkiel aufbrachen. Ich schlug mir die Hände über die Ohren als Schutz gegen die schrecklichen Geräusche.

Perla war plötzlich da, zerrte mich nach drinnen und schloss die Tür. Sie zog mich in den warmen Schein des Lampenlichts. Dort nahm sie mich in ihre weichen, nachgiebigen Arme, bis ich aufhörte zu zittern. Ich konnte die Fledermäuse noch immer hören. Das Schreien des Kaninchens hallte in meinem Kopf wider und verhöhnte mich, obwohl es schon lange tot war.

„Ist ja gut.“ Sie tätschelte mir den Rücken, als ob ich noch immer das kleine Mädchen wäre, dem sie früher abends vorgelesen hatte. „Du bist in Sicherheit.“

Ich sackte gegen sie und ergab mich ihrem Trost, auch wenn es mich störte, dass sie glaubte, ich bräuchte ihn. Denn nichts von alldem änderte etwas. Ich wollte noch immer hinaus. Ich musste noch immer lernen, jene Welt zu meiner zu machen.

Ich hatte mein ganzes Leben hinter diesen Mauern verbracht. Ich würde nicht auch noch den Rest davon hier verbringen. Das konnte ich nicht.

Sivo zufolge sollte im Leben ein Gleichgewicht aus Licht und Dunkel herrschen. Jedes Mal, wenn wir nach der Jagd unsere Waffen säuberten, teilte er diese Weisheit mit mir.

Früher herrschte der Mond nur über die eine Hälfte des Tages. Die andere Hälfte belegte die Sonne den Himmel mit Beschlag und schien so hell, dass sie einem die Haut versengte, wenn man zu lange draußen blieb. Es war unmöglich, mir so etwas auch nur vorzustellen; es wirkte so erfunden wie die Märchen, die Perla mir als Mädchen erzählt hatte.

Ich kannte nur dieses eine Dasein – die schwarze Finsternis und die dicken Mauern, die uns vor einer Armee von Finsterirdischen beschützten. Ich kannte nur Sivo und Perla und die Abgeschiedenheit. Dieses Leben bestand aus vereinzelten Ausflügen in den großen Schlund der Nacht mit Sivo an meiner Seite, der mir im Schatten unseres Turms beizubringen versuchte, wie man überlebte.

Ein hingemetzeltes Kaninchen war ein Opfer des Krieges, der im Gange war. Ich würde kein solches Opfer werden. Ich wusste das, weil ich das Dunkel kannte. Ich wusste, wie es im Mund schmeckte. Wie es sich auf der Haut anfühlte. Wie es an mir klebte. Mich erstickte. Es barg den Tod in seinem Schoß.

Das Dunkle hätte mich erschrecken müssen, aber das tat es nicht. Das hatte es nie getan.

Das Kaninchen war nicht ich. Es war Beute, und ich würde nie Beute sein.

Perla trat zurück und ließ die Arme sinken. „Komm jetzt. Die Leintücher falten sich nicht von allein zusammen.“

Ich sah zurück zur verschlossenen Balkontür. „Es ist wieder ruhig.“

Meine Ohren lauschten angestrengt auf den Lärm der Fledermäuse, aber sie waren weitergezogen, und ihre Schreie hatten sich in der Ferne verloren. Über die gewöhnliche Geräuschkulisse des Waldes hinaus war nichts mehr zu hören. Nur das Brummen von blutgesättigten Insekten in der Luft und das Krächzen von Aasvögeln. Hier und da hangelte sich ein Baumaffe durchs Geäst.

Das Flüstern von Stoff sagte mir, dass Perla mit dem Zusammenlegen begonnen hatte.

„Das wird nicht von langer Dauer sein“, sagte Perla in ihrer gewohnt nüchternen Art. „Das ist es nie.“ Sie schlug ein Leintuch aus.

Ich drehte mich vom Balkon zu ihr um. „Wie lange dauert es noch, bis ich hinausgehen kann? Allein?“ Ich ging oft genug hinaus, aber immer nur mit Sivo. „Ich muss es wissen … Ich muss da draußen überleben können.“

Es war ein allzu vertrautes Argument. Sivo führte es jedes Mal ins Feld, wenn er mich mitnahm. Es besaß eine Logik, die nicht einmal sie abstreiten konnte. Aber das, worum ich bat – allein hinauszugehen –, hatte sie mir noch nie erlaubt. Und doch musste ich es versuchen. Wie sollte ich jemals in dieser Welt zurechtkommen, wenn Sivo mir alles abnahm?

„Du lebst nicht dort draußen. Du lebst hier drinnen. Und es ist mir egal, wie gut du allein zurechtzukommen glaubst“, sagte Perla. „Du tust nicht einen Schritt allein aus diesen Mauern.“

„Lass mich kurz Beeren sammeln gehen. Es ist sein Geburtstag“, bat ich. „Lass mich das für ihn tun.“

„Nein“, erwiderte sie rasch und nachdrücklich.

Seufzend ließ ich mich auf mein Bett sinken; die brokatene Tagesdecke lag steif unter mir. Ich zupfte an einem losen Faden. Die Decke war alt, denn sie hatte der ersten Bewohnerin des Turms gehört – angeblich einer Hexe, die, lange bevor wir kamen, große Verwüstungen in diesem Wald angerichtet hatte. Lange vor der Finsternis. Wir hatten ihr den Turm zu verdanken. Offenbar hatte es ihr Freude bereitet, Reisende an ihre Tür zu locken und dann Suppe aus ihnen zu kochen. Es war der Stoff, aus dem Märchen gemacht sind, aber ich wusste, dass alles möglich war. Dieses Leben, die Welt, so wie sie jetzt war, hatte mich das gelehrt.

Sivo und mein Vater hatten vor langer Zeit alle Winkel des Königreichs erkundet. Sie kannten jeden Fußbreit, auch die Schwarzen Wälder. Die beiden entdeckten in jenen Jahren auch den Turm, vor meiner Geburt, vor der Finsternis. Nun streiften nur noch Finsterirdische durch das dichte Brombeergestrüpp und unter den turmhohen Bäumen umher. Die Welt gehörte ihnen.

Das nächste Dorf lag über eine Woche Fußmarsch entfernt, wenn es denn noch stand. Wir wussten es nicht. Wir wussten nicht, wie viele Menschen überhaupt noch übrig waren. Unsere Welt war der Turm und der ihn umgebende Wald.

Sivo hatte unseren Turm wegen seiner Abgeschiedenheit ausgewählt und weil man munkelte, dass die Schwarzen Wälder verflucht seien. Der furchtbare Ruf der Hexe überdauerte ihren Tod lange Zeit und hielt Mann, Frau und Kind davon ab, in diesen Wald vorzudringen. Ein glücklicher Umstand für Leute wie uns, die sich nicht finden lassen wollten.

„Wenn du schon da herumsitzen willst, dann mach dich wenigstens nützlich“, ermahnte mich Perla.

Ich rupfte ein Leintuch aus dem Korb, schlug es einmal aus und begann, es zusammenzulegen. Die Leintücher rochen nach draußen. Wir hängten die Wäsche immer zum Trocknen auf ein Stück Schnur auf dem Balkon von Perlas Zimmer. Ich legte das zusammengefaltete Leintuch sorgsam auf den Stapel und rückte dabei näher an die Frau heran, die mich aufgezogen hatte wie eine Mutter. Ohne sie wäre ich in der Nacht meiner Geburt zusammen mit meiner Mutter gestorben; doch diese Tatsache verhinderte nicht, dass Unmut in meiner Brust brodelte.

„Perla, bitte.“ Ich berührte ihren Arm. „Sivo …“

„Sivo wird es schon verstehen, und wir haben ja schließlich zu diesem Anlass sein Lieblingsfladenbrot gebacken. Er wird damit zufrieden sein.“

Murrend ließ ich mich zurück aufs Bett fallen.

Zufrieden. Da war schon wieder dieses Wort. Zufrieden mit unserem Leben zu sein genügte ihr. Sie verstand das Verlangen nach mehr nicht. Mein Verlangen. Sie fand, dass ich zufrieden sein sollte mit dem, was ich hatte. Eine Zuflucht. Ein Dach über dem Kopf und Essen im Bauch. Es war mehr, als so viele Menschen hatten.

„Willst du wie das Kaninchen da draußen enden?“, fragte sie.

„Aber Fledermäuse greifen keine Menschen an“, frischte ich ihre Erinnerung auf.

„Ich spreche nicht von den Fledermäusen, und das weißt du sehr gut.“

Ich wusste es in der Tat. Sie sprach von den Finsterirdischen.

Ich setzte mich auf, verschränkte die Arme vor der Brust und versuchte es mit einer anderen Taktik. „Sivo denkt auch, du solltest mich langsam allein hinauslassen.“

Ich konnte das leise Mahlen ihres Kiefers hören. Diese Angewohnheit hatte sich in letzter Zeit verschlimmert, und ich vermutete, dass ich daran schuld war.

Sivos schwere Tritte erklangen vor meinem Zimmer und hielten an der Schwelle inne. Er brachte den Lehmgeruch der Wälder mit sich. „Bin wieder da“, verkündete er überflüssigerweise.

„Sind diese Stiefel schmutzig?“, wollte Perla wissen, wobei sie das Gewicht auf den hinteren Fuß verlagerte und die Hüfte vorstreckte.

„Was, die hier?“ Er scharrte mit den Stiefeln und hob prüfend erst den einen, dann den anderen.

„Ja … die Dinger an deinen Füßen“, blaffte sie. „Du weißt doch, dass ich gestern den ganzen Tag gewischt habe.“

„Nein. Kein Schmutz“, versicherte er ihr.

Perla knurrte, offenbar wenig überzeugt. Ich verkniff mir ein Lächeln; ich war an das Gezänk der beiden gewöhnt.

„Ich weiß nicht, warum du unbedingt die Abfälle vergraben musst, wenn es dunkel ist“, brummte sie.

Perla hielt nichts von unnötigen Risiken, und für ihren Geschmack ging Sivo zu oft welche ein.

„Mitterlicht ist von zu kurzer Dauer, um alles zu tun, was an einem Tag zu tun wäre.“ Er wirkte nicht verärgert, als er das sagte. Was bemerkenswert war, wenn man bedachte, dass er es fast täglich sagte. Mitterlicht dauerte nicht mehr als eine Stunde, doch es war die einzige Tageszeit, in der ein Hauch von Licht aufging, um die Nacht zu verdrängen. „Außerdem gedeihen Wurzeltrüffel nicht bei Mitterlicht.“

Perla schnappte vor Entzücken nach Luft. Ich roch den scharfen Duft, als Sivo einige aus der Tasche zog und Perla hinhielt.

„Das gibt ein schönes Abendessen“, murmelte er. „Besonders, wenn du sie mit ein paar Kartoffeln nach deinem Rezept kochst.“

Sie räusperte sich und versuchte, schroff zu klingen. „Bring sie in die Küche. Wir essen sie am Tag nach deinem Geburtstag. Trotzdem waren sie das Risiko nicht wert.“ Diese letzte Bemerkung konnte sie sich einfach nicht verkneifen.

„Ich freue mich schon darauf.“ Sivos Stimme war die gute Laune anzuhören. In der trostlosesten Stunde blieb er immer noch fröhlich. „Also, ich gehe jetzt schlafen. Bis morgen früh, ihr Mädchen.“

„Gute Nacht, Sivo“, rief ich. Normalerweise hätte er mich noch umarmt, doch er hastete davon. Wahrscheinlich, um seine Stiefel auszuziehen und jede Schmutzspur zu beseitigen, die er hinterlassen hatte.

Da ich nun wieder allein mit Perla in meiner Kammer war, befeuchtete ich die Lippen. „Ich hätte Sivo helfen können, mehr Trüffel zu suchen.“ Schweigen. „Vier Hände sammeln mehr als zwei …“

„Ich habe schon gesagt, was ich dazu zu sagen habe.“ Sie nahm einen Stapel Handtücher und ging damit zum Schrank. Ihre Gelenke knackten, als sie sich vorbeugte, um die Wäsche hineinzulegen. Sie knallte die Türen absichtlich zu. „Lass uns morgen nicht noch einmal darüber reden – du würdest Sivo nur den Tag verderben. Kannst du mir das versprechen?“

Ich stieß die Luft aus und nickte. „Ich werde morgen nicht darüber reden.“

Sie schnaubte; ihr war nicht entgangen, dass ich es nur für morgen versprochen hatte. Sie baute sich vor mir auf und legte ihre Hand, die ganz rau von all der Arbeit war, an meine Wange. „Ich will doch nur, dass du in Sicherheit bist. Beschützt.“

Ich drückte ihre Hand und versuchte es noch einmal mit Betteln. „Wozu soll es gut sein, mich in diesem Turm einzusperren?“

„Dazu, dass du am Leben bleibst.“ Verdrossenheit schwang in ihrer Stimme mit.

„Nicht in alle Ewigkeit“, hielt ich dagegen. „Wir alle müssen sterben, Perla.“

„Und einige früher als andere.“ Ihre Stimme wurde hart. „Deine Eltern haben zu früh den Tod gefunden. Ich werde nicht zulassen, dass du dieses Schicksal mit ihnen teilst. Du bist die Königin von Relhok.“

Diese Worte hörten nie auf, mich zu erschrecken. Ich fühlte mich nicht wie eine Königin. „Eine Königin, die in einem Turm festsitzt. Wie soll das dem Volk von Relhok helfen? Wie kann das ein besseres Schicksal sein?“

„Welche Hilfe bist du ihnen, wenn du tot bist?“, erwiderte sie. „Eines Tages wird die Sonnenfinsternis ein Ende haben, und die Finsterirdischen werden verschwinden …“

Sie unterbrach sich bei meinem mühsam unterdrückten Schnauben. Niemand wusste, wann die Finsternis enden würde. Wenn überhaupt. Der Druck ihrer Hand auf meinem Gesicht hielt mich von weiteren Bemerkungen ab.

„Eines Tages wird alles ein Ende haben“, wiederholte sie. „Und dann kommst du frei aus diesem Turm. Bis dahin bleibst du hier drinnen und in Sicherheit.“

Sie nahm die Hand von meinem Gesicht. Mit festem Schritt entfernte sie sich und hob den letzten Stapel Leinen vom Bett hoch. Ich spürte ihren Blick auf mir. „Das ist dein Schicksal.“

Dann glitten die weichen Ledersohlen ihrer Schuhe leise über den Steinboden, und sie verließ den Raum.

Nun wieder allein in meiner Kammer, öffnete ich erneut die Türen zum Balkon und trat hinaus. Meine Brust brannte von einem unangenehmen Gefühl der Enge, und mein Gesicht flammte hitzig auf, als ich mein Gespräch mit Perla noch einmal in Gedanken durchging. Plötzlich bekam ich nicht mehr genug Luft in meine hungrigen Lungen.

Enttäuschung war mir nicht neu, doch dieser Abend war der erste, an dem ich Zorn in mir brodeln fühlte. Ich umklammerte die kalte Steinbrüstung, bis das Blut aufhörte, durch meine Finger zu zirkulieren, und meine Knöchel schmerzten. Perla konnte nicht über mein Schicksal befinden. Nur ich konnte das. Wenn ich beschloss, etwas zu unternehmen, würde nicht einmal sie mich aufhalten.

„Dieser Turm ist nicht mein Schicksal.“ Die Worte, ein Schwur an mich selbst, flogen hinaus in den Nebel.

Kapitel 2

LUNA

Einige Stunden nachdem sich Perla und Sivo zur Nachtruhe zurückgezogen hatten, schlich ich mich durch die Dunkelheit die Wendeltreppe hinab zum Fuß des Turms. Die Schreie des Kaninchens hallten leise in meinen Ohren wider und erinnerten mich an das, was mich draußen erwartete. Ich schob die Erinnerung nicht weg. Ich klammerte mich daran, damit sie mich wachsam machte.

Ich hatte Sivo häufig genug begleitet, um mich im Dunkeln nicht mehr vorwärtstasten zu müssen, als ich hinabstieg. Ich musste mit den Händen nicht an der dunklen Mauer entlangfahren, in deren Ritzen Moos und Farn wuchsen. Ich wusste, wohin ich meine Füße setzen musste. Ich wusste haargenau, wann ich mich unter dem niedrigen Türrahmen wegducken musste. Ich wusste, wo ich in dem kreisrunden Raum gebückt gehen musste, wo ich nach dem Riegel greifen musste, der in den Vorraum und zu einer weiteren Tür im Erdgeschoss führte.

Nachdem ich die Tür zum Vorraum hinter mir geschlossen hatte, entkleidete ich mich in der Kälte, während ich die feuchte, moderige Luft einatmete. Meine Finger zitterten leicht, als ich die Schnüre am Vorderteil meines Mieders löste und mein Kleid abstreifte; mein unregelmäßiger Atem war ein Wispern in der Kälte. Alles musste fort, bis hin zu den Bändern in meinem kunstvoll geflochtenen Haar und den Pantoffeln an meinen Füßen. Perla bestand auf den Bändern, als wären wir noch immer bei Hofe, wo Dinge wie frisiertes Haar von Bedeutung waren. Anders als hier, wo es nur das Vergehen der Tage gab. Existieren, aber nicht leben. Eine neue Entschlossenheit packte mich.

Ich hängte meine Gewänder an den Haken neben der Tür, wobei mich eine Gänsehaut überlief. Ich legte die passende Kleidung an, die stets in diesem nach Farnkraut und Erde riechenden Raum bereitlag. Es war eine Vorsichtsmaßnahme. Finsterirdische besaßen einen hervorragenden Geruchssinn, und wir wollten nicht, dass Düfte aus dem Turm, die unseren Alltagsgewändern anhafteten – gebackenes Brot, zerdrückte Minze und Blätter und Bienenwachskerzen –, sie anzogen. Meine Hände fanden leicht die Tracht, die ich im Freien trug. Ich griff über Sivos größere Kleider hinweg, die neben meinen hingen. Dank Perla waren meine weniger abgetragen und die Rehlederjacken auch nicht so weich wie seine. Heute Nacht würden sie wieder einmal zum Einsatz kommen.

Meine Handflächen fuhren flüchtig über das geschmeidige Leder meiner bequemen Hose. Sivo hatte die Hose gescheuert und durch Laub und Schmutz gezogen, bis sie so streng roch wie lehmige Erde.

Ich nahm eine Umhängetasche von einem weiteren Haken und meine Waffen von einem Gestell auf dem Regal. Ein Messer für meinen Stiefel. Ein Schwert und eine Scheide für die Hüfte.

Ein ferner, fast unhörbarer Laut ließ mich hochfahren. Mit geneigtem Kopf lauschte ich und versuchte, dem Geräusch auf die Spur zu kommen. Es kam nicht aus dem Innern des Turms. Sivo war nicht wach. Dieser Laut drang von draußen herein. Ich hörte ihn fast jeden Tag von meinem Ausguck auf dem Balkon. Einer von ihnen streunte herum. Vielleicht waren es auch mehrere von ihnen.

Ich trat näher und legte eine Handfläche an die massive Steinmauer. Sie war einige Zentimeter dick und damit stabil und verlässlich. Sie hielt uns drinnen und die draußen. Und doch machte sich Perla Sorgen. Immer machte sie sich Sorgen.

Ich lauschte weiter. Ich war gut im Lauschen. Warten. Wissen, wann es Zeit war, mich zu bewegen. Sivo sagte, das sei meine Begabung. Das dichte, satte Dunkel machte es leichter, Laute wahrzunehmen. Geräusche und Gerüche verweilten länger, schienen sich nie wieder verflüchtigen zu wollen.

Nach einigen Augenblicken beschloss ich, dass es nur eine einzelne Kreatur war, deren Füße übers Laub schleiften. Ihr Gang war ein stetiges Stakkato schlurfender, dumpfer Schritte. Ich konnte sie einen nach dem anderen zählen. Ein Taktschlag schwebte zwischen dem Aufsetzen eines Fußes in der Luft und dem nächsten, ohne dass er von einem weiteren Tritt überlappt wurde.

Der Finsterirdische atmete so, wie sie alle es taten, mit tiefen Zügen nassen, zischenden Atems, der durch die sich an seinem Maul krümmenden Fühler strömte.

Ich wartete, bis er vorbeigezogen und tiefer in den Wald vorgedrungen war. Zufrieden, dass er nun zu weit entfernt war, um mich zu hören, entriegelte ich die Tür im Boden. Es gab nur einen einzigen sichtbaren Eingang zum Turm. Der offensichtlichste Weg hinein und hinaus. Wir benutzten ihn nur selten, für den Fall, dass jemand den Turm beobachtete und darauf wartete, dass jemand auftauchte. Eine weitere von Sivos Vorsichtsmaßnahmen.

Ich umklammerte den metallenen Türzieher mit den Fingern und schwenkte die Tür auf, dankbar dafür, dass die gut geölten Scharniere geräuschlos arbeiteten. Ich tauchte ab in den Tunnel, wobei ich auf das glitschige Moos achtete. Ich ließ die Falltür über meinem Kopf wieder einrasten und vergewisserte mich, dass sie fest verschlossen war.

Dann ließ ich die Arme sinken, drehte mich um und schob mich auf den weichen Sohlen meiner Stiefel über den schlüpfrigen Steinboden vorwärts. Ich hastete durch den Tunnel unter dem Turm, wurde aber langsamer, als ich mich seinem Ende näherte. Mit erhobenen Händen suchte ich nach dem herabhängenden Riegel an der Geheimtür über mir. Ich bekam ihn zu fassen, kletterte die paar Fußhalterungen in der Felswand empor und lauschte wartend in der tropfenden Dunkelheit, ob es Geräusche in der Nähe gab.

Nach einigen Momenten der Stille entriegelte ich die Tür, stieß sie auf und schlüpfte in die Nacht hinaus. Ich ließ die verborgene Tür vorsichtig zurücksinken, sodass sie ebenerdig zum Waldboden abschloss und einrastete, und bedeckte sie wieder mit Laub und Erde.

Ich atmete befreit auf, als ich mich erhob. Leben wuselte überall um mich herum. Keine Turmmauern umgaben mich. Ein Krähenschwarm krächzte, während er mit wild schlagenden Flügeln durch die Luft schoss. Frösche quakten. Ein Affe tollte in einem Baum über mir herum, sprang von Ast zu Ast und schnalzte zu mir herunter. Mit Blut vollgesaugte Insekten summten und zirpten. Eines von ihnen sirrte an mir vorüber, wobei seine drahtigen Beine meine Schulter streiften. Perla glaubte, dass sie Krankheiten übertrugen, aber sie bissen uns nie. Sie waren so kugelrund und gut genährt von den Finsterirdischen, dass wir für sie nur eine kümmerliche Versuchung darstellten.

Der Wind raschelte durch die Zweige und Blätter und bewegte die winzigen Härchen, die mein Gesicht einrahmten. Es blieb jedoch keine Zeit, es zu genießen. Ich musste zurück sein, bevor Sivo und Perla aufwachten.

Meine Füße bewegten sich flink auf den Fluss zu, an dem die Beeren wuchsen. Selbst wenn ich die Strecke nicht schon mehrfach mit Sivo an meiner Seite zurückgelegt hätte, hätten meine Nase und meine Ohren mich durch die immerwährende Schwärze führen können. Ich hatte gelernt, mir die Windströmungen zunutze zu machen, zu lauschen und zu spüren, wie der Luftstrom sich änderte, sobald etwas im Weg stand. Die Welt hatte ihre eigene Stimme, und ich hörte ihr zu.

Ich hörte das flinke Gurgeln des Flusses, noch bevor ich das frische Wasser roch. Ich wagte es, mich schneller zu bewegen, denn ich wusste, dass der Lärm fließenden Wassers jedes Geräusch übertönen würde, das ich womöglich unabsichtlich verursachte.

Ich ließ die Bäume hinter mir und ging zum Fluss; dort hockte ich mich auf dem Kieselstrand hin und trank gierig. Eisiges Wasser rann über mein Kinn und meinen Hals. Ich wischte es mit der Hand weg, während ich das Gewicht auf die Fersen verlagerte und hörte, wie ein Fisch nahe der Oberfläche mit dem Schwanz schlug.

Neben dem Regenwasser, das wir oben auf dem Turm einfingen, hatten wir nur das Wasser, das Sivo in Eimern mitbrachte. Es war jedes Mal ein mühseliges und gefährliches Unterfangen.

Ich trocknete mir beim Aufstehen die Hände an der Jacke ab und lief zu den Beerensträuchern. Ich schlug die Klappe meiner Umhängetasche zurück und begann, Beeren zu pflücken. Einige steckte ich mir beim Arbeiten in den Mund und ließ mir ihren säuerlichen Geschmack auf der Zunge zergehen. Meine Tasche war fast voll, als ich den Schmerzensschrei hörte. Er durchzuckte mich wie ein Beben.

Ich hörte augenblicklich auf zu kauen. Dieser allzu menschliche Schrei kam aus der Nähe. Meine Gedanken rasten, im Geiste ging ich die Umgebung durch und sah dabei alles ganz deutlich, obwohl ich es in der Dunkelheit nicht sehen konnte. Den Fluss. Den Turm. Die Richtung, aus der der Schrei kam.

Mit einer Empfindung, die sich erst langsam setzte, erkannte ich die Ursache für den Schrei. Er kam von einer der Fallen, die Sivo aufgestellt hatte, um Wild zu fangen. Manchmal fing er auch einen Finsterirdischen und gab ihm dann den Gnadenstoß. Einer weniger, der das Land heimsuchte.

Ich fuhr zusammen, als ein weiterer schmerzerfüllter Schrei durch die Luft gellte. Ein Mensch war da draußen, und er war unseretwegen in Not. Mein Magen krampfte sich zusammen. Ich kannte diese gesichtslose Person nicht einmal, aber ich wollte sie packen, schütteln, ihr eine Hand auf den Mund drücken und sie zum Schweigen bringen. Sie konnte nicht so lange überlebt haben und dabei nicht wissen, wie wichtig es war, still zu sein. Sivos Stimme raunte in meinem Kopf, kehrtzumachen und nach Hause zu kommen.

Während ich noch dieser eingebildeten Stimme lauschte, schlug ich die Klappe über meine Tasche und wandte mich wieder dem Turm zu. Dem zügigen Tempo meiner Schritte fehlte nicht viel zu einem gestreckten Lauf über den schwammigen Untergrund.

Und dann hörte ich den ersten Finsterirdischen.

Es war ein Signalruf, der mehr von seinesgleichen herbeirief. Lang und klagend, scharf und misstönend, wie kein Mensch ihn jemals zustande bringen würde. Der gespenstische Ruf fuhr durch mich hindurch wie das Kratzen von Nägeln auf Glas. Mein Herzschlag setzte fast aus und preschte dann wie wild weiter. Wo ein Finsterirdischer war …

Ein Antwortruf kam, dann zwei weitere in schneller

Folge. Ich zählte rasch. Vier Finsterirdische.

Ich hielt den Atem an und wartete auf weitere Geräusche von ihnen, um feststellen zu können, wie nah sie schon waren. Ich bahnte mir meinen Weg durch kratzende Ranken und Bäume und lauschte, schnupperte in der Luft nach dem metallischen Geruch von Blut …

Finsterirdische besudelten sich immer mit dem Blut der Toten. Sie kamen. Die Luft war schon dicker, und ein Hauch Lehm und Eisen lag über dem gewöhnlichen Geruch des Waldes nach verfaulender Vegetation.

Ich zog im Laufen mein Schwert und schloss die schwitzende Handfläche um den abgewetzten Lederknauf. Der Wind ließ nach, die Strömung verlagerte sich, weil etwas Großes vor mir ein Hindernis darstellte. Der Turm.

Ich erkannte das Gefälle des Bodens unter meinen Füßen, während ich mich meinem Zuhause näherte. Ich würde es schaffen. Jubel stieg in meiner Brust auf. Die kalte Hand der Angst begann, ihren Griff zu lockern und loszulassen.

Dann kam ein weiterer Schrei. Länger, klagend und hungrig. Eis schoss meine Wirbelsäule hinab. Das machte fünf.

Ich war fast zu Hause, aber für den Menschen, der in der Falle saß, begann die Angst jetzt erst.

Ich hielt ein paar Schritte vor der verborgenen Falltür an. Meine Brust hob und senkte sich schwer vom Laufen, mein Blut floss heiß durch meine Adern. Sivos und Perlas Stimmen flüsterten in meinem Kopf, und sie drängten mich, die Geheimtür zu öffnen und in den Tunnel abzutauchen, damit ich überlebte.

Ich schüttelte den Kopf. Es musste mehr im Leben geben, als sich zu verstecken und die Tage bis zu seinem letzten Atemzug zu zählen. Es musste mehr geben, als wegzuschauen, wenn jemand anderes sein Leben verlor. Es musste mehr geben.

Ich umklammerte den Griff meines Schwerts noch fester, dann drehte ich mich um und stürzte zurück in den Wald.

Kapitel 3

FOWLER

Ich schleuderte die Eisenfalle mit einem Fluch zu Boden. Fetzen von Madocs Fleisch steckten in ihren bösen, blutbefleckten Zähnen. Dagne wimmerte und fuhr zur Seite, obwohl keine Gefahr bestand, dass die Falle sie treffen könnte. Dann streckte sie die Hand aus und berührte leicht den Arm ihres Bruders.

Der Blick aus ihren riesigen Augen heftete sich auf mich. „Du kannst es wieder heil machen, ja?“

Ein ungläubiges Schnauben entschlüpfte mir, während ich auf Madocs zerstörtes Bein hinabschielte. Ich konnte nicht viel sehen, und das lag nicht nur an der Dunkelheit. Blut bedeckte seine Haut und durchnässte den zerrissenen Stoff seines Hosenbeins. Er wäre besser dran gewesen, wenn die Falle ihm das Genick gebrochen hätte.

„Du kannst ihn doch tragen, oder?“ Sie nickte, als erwartete sie, dass ich ihr zustimmen würde.

Natürlich. Ich konnte einen dreizehnjährigen Jungen tragen und zur gleichen Zeit den Kampf gegen die Finsterirdischen aufnehmen.

Ich sah nach oben, als könnte ich einen Ausweg im dichten Blätterdach aus Ranken und Ästen über mir finden. Ich bekam den Mond kurz zu sehen; er blinzelte höhnisch zwischen den Blättern herab.

Ich senkte den Blick, um mich wieder auf den Jungen und das Mädchen zu konzentrieren, die schmutzstarrend zu meinen Füßen lagen. Fette, von Blut trunkene Insekten umschwärmten sie im schwachen Mondlicht. In ihren schmuddeligen Fetzen und mit ihren schmutzverschmierten Gesichtern stanken sie nach Angst und Fäulnis und passten damit perfekt zu unserer Umgebung.

„Alles wird wieder gut, Madoc. Wir haben Fowler. Er wird sich um dich kümmern.“ Sie tätschelte die Schulter ihres Bruders und hob wieder den Blick zu mir. „Stimmt’s?“ Sie ließ erneut ihren Kopf auf und nieder tanzen, um mich dazu zu bewegen, ihr Lügen zu versprechen. „Fowler?“

Sie war so hartnäckig wie ein alter Jagdhund, den ich früher hatte. Der Hund holte jeden geschossenen Fasan, aber es war eine völlig andere Geschichte, ihn dazu zu bewegen, den Vogel aus seinen Fängen zu entlassen. Am Ende tötete ihn mein Vater, weil er keine Geduld mit solchem Eigenwillen hatte. Er hätte auch keine Geduld mit Dagne oder ihrem Bruder gehabt. Die Tatsache, dass ich diese Geduld aufbrachte, hätte ihn empört.

Ich fuhr mir mit den Händen durchs Haar; meine Finger gruben sich in Strähnen, die im letzten Jahr ein ganzes Stück gewachsen waren. Ich zog fest daran, als würde es mir Erleichterung verschaffen, sie mir aus der Kopfhaut zu reißen. Ich stieß die Luft aus. Wider besseres Wissen hatte ich die Geschwister mitgenommen, und nun würde ich dafür bezahlen. Es wäre nicht so schlimm gewesen, wenn sie auch nur einen Funken Verstand besessen hätten. Ich verzog den Mund zu einer Grimasse. Sie waren eine tote Last, die mich mit ihnen hinunterziehen würde.

Ich hätte mich heimlich davonmachen können. Ich hatte darüber nachgedacht. Aber ich wollte durchhalten und sagte mir, dass es ja nur bis zum nächsten Dorf war. Ich würde sie dort lassen. Vielleicht lag der Grund, der mich davon abhielt, sie aufzugeben, ja darin, dass ich nicht so sein wollte wie mein Vater; dass ich entschlossen war, nicht so zu werden.

Ich sah mich um und spähte durchs Dunkel, um abzuwägen, ob einige der Schatten mehr als Schatten waren. Ob die Formen, die in der tintenschwarzen Luft um mich herumwaberten, sich von einem Willen getrieben bewegten. Ob wir bereits gejagt wurden. Ich starrte ins Dunkel, strengte meine Augen an in einer Welt, die in einer unbarmherzigen Nacht erkaltet war.

„Fowler, kannst du …“

„Still“, sagte ich rau, während ich hinter mich in die gähnende Dunkelheit sah, bemüht, dem nachzulauschen, was jenseits des Summens der Insekten und des fernen Schreis eines Affen zu hören war.

Ich schnüffelte und roch den Rauch eines Torffeuers irgendwo in der Nähe. Ich glaubte, es schon früher wahrgenommen und nur ausgeblendet zu haben. Wo Feuer war, waren für gewöhnlich auch Menschen, und Menschen lebten nicht in diesen Wäldern.

Es waren noch einige Stunden bis Mitterlicht – bis zu jener trüb-dunstigen Stunde, wenn von dort, wo sich die Sonne hinter dem Mond versteckte, ein Minimum an Licht durchdrang. Die einzige Tageszeit, zu der die Erde frei von Finsterirdischen war. Aber selbst dann herrschte noch Anspannung, ein hauchzarter Anflug von Panik, der so scharf war, dass er Glas hätte schneiden können. Ein würgender Druck, schneller als die Zeit zu sein und sich zu beeilen, bevor das Zwielicht schwand und sie zurückkehrten.

Dagne begann zu weinen – ein kleiner, kläglicher Laut wie von einem maunzenden Kätzchen, das um den letzten Atemzug ringt. Sie schlang ihre dünnen Arme um die Brust ihres Bruders und mühte sich ab, ihn auf die Füße zu zerren. Er schrie auf. Ich zuckte bei dem Geräusch zusammen, das um uns herum widerzuhallen schien. „Hilfst du mir?“

Ich nahm eine Hand hoch, um sie zum Schweigen zu bringen, neigte den Kopf und lauschte einem Wald, der plötzlich zu still geworden war.

„Wir hätten nie hierherkommen dürfen“, jammerte Dagne. „Ich hab dir ja gesagt, dass dieser Wald verflucht ist.“

Als Junge hatte ich die Geschichten gehört, mich aber nicht darum gekümmert, weil ich annahm, dass die Schwarzen Wälder kaum bevölkert waren. Und wo weniger Menschen waren, waren auch weniger von ihnen. „Ich kann mich nicht erinnern, euch eingeladen zu haben, mitzukommen.“

„Geht einfach, bevor sie kommen. Lasst mich zurück“, flüsterte Madoc.

Ich stieß die Luft aus. Es war verlockend. Er hatte aufgeschrien, als die Falle sich in sein Bein gebohrt hatte, und noch einmal, als ich die Eisenzähne aus seinem Knöchel gezogen hatte. Eine Horde Finsterirdische war vermutlich schon unterwegs zu uns. Selbst wenn wir mit dem Leben davonkamen, wie hoch war die Wahrscheinlichkeit, dass wir unversehrt bleiben würden? Es war nur ein Biss notwendig, um sich anzustecken. Ein Tropfen Gift machte so krank, dass man, selbst wenn man nicht starb, zu nichts mehr fähig war. Nicht einmal mehr zum Weglaufen.

Wir alle erstarrten beim ersten Ruf. Nun gab es keinen Zweifel mehr. Sie kamen.

Andere Finsterirdische fielen ein. Die gespenstischen Rufe wurden einer nach dem anderen aus einer anderen Richtung beantwortet. Es war nicht das erste Mal, dass ich sie hörte, aber die Laute, die sie von sich gaben, waren nicht weniger entsetzlich. Affen gerieten in den Bäumen außer Rand und Band, sprangen herum und rüttelten an Ranken und Ästen, zwar sicher auf ihrem luftigen Posten, aber doch nicht weniger beunruhigt.

Ein unterdrücktes Schluchzen kam von Dagne. Sie zog ihren Bruder enger an sich. „Ich verlasse dich nicht!“

In einem plötzlichen Aufwallen von Kraft schubste Madoc seine Schwester zu mir, und ich fing sie auf. Bei der Anstrengung verlor er das Gleichgewicht und fiel wieder zu Boden. „Nimm sie mit! Ich kann nicht weitergehen.“

Dagne war so schwach in meinen Armen, so leicht zu brechen wie ein trockener Kienspan. Sie war erst sechzehn, aber sie fühlte sich jünger an. Sie erinnerte mich an Bethan mit ihrer schlanken Statur und Augen so groß wie die eines verwundeten Tiers. Ich konnte sie nicht beschützen. Ich konnte nicht für ein weiteres Leben verantwortlich sein.

Ich wollte es nicht sein.

Ich sah hinab auf Madocs zerschmettertes Bein. Er hatte recht. Er würde nirgendwo mehr hingehen.

„Fowler.“ Er stieß meinen Namen zwischen zusammengebissenen Zähnen hervor. „Nimm sie mit dir und geh. Ich … ich werde sie aufhalten.“

Sie aufhalten. Er meinte, dass sie zu beschäftigt damit sein würden, ihn niederzumetzeln, um uns nachzusetzen. Dagne entfuhr ein kleiner Schrei, als auch sie verstand. Ich nickte und umklammerte ihren Arm noch fester, um sie mit mir zu ziehen. Sie wehrte sich, flehte, und ich wusste trotz meines Nickens, dass es nicht funktionieren würde. Nicht mit ihr. Nicht mit mir. Nicht zusammen.

Ein Zweig knackte.

Ich ließ Dagne los und schubste sie hinter mich. Dann riss ich einen Pfeil aus dem Köcher auf meinem Rücken und brachte den Bogen in Anschlag. Blut pulsierte schnell und heftig durch meine Adern. In einer einzigen, fließenden Bewegung spannte ich die Sehne und legte den Pfeil ein; ich straffte die Sehne so weit, bis meine gekrümmten Fingerspitzen meine Wange berührten. So mühelos wie Atmen.

Alle Muskeln angespannt, drehte ich mich auf den Fußballen um die eigene Achse und suchte die Umgebung ab. Leicht machte ich die dunkleren, reglosen Formen von Bäumen und Büschen aus und suchte weiter nach der geringsten Bewegung.

Meine Nasenlöcher blähten sich. Die üblichen Gerüche waren da. Der reife, lehmige Geruch der freien Natur durchdrang alles. Aber darunter lag auch ein Hauch von etwas anderem. Die Quelle war schwach minzig, ein wenig pfefferig, wie der schwarze Tee, der in den Hügeln von Relhok angebaut wurde. Es war kein Finsterirdischer, sondern etwas anderes. Jemand anderes.

Der Neuankömmling trat vorsichtig und mit langsamen Bewegungen aus dem Dickicht aus Bäumen und tief hängenden Ästen hervor.

Ich blickte durch die Finsternis prüfend auf sein Gesicht. Kein Er. Eine Sie. Ein Mädchen.

Ihre Augen glänzten dunkel in einem blassen Gesicht, das keine Spur von Schmutz zeigte. Das saubere Gesicht gab mir zu denken; es sagte mir sofort, dass sie in der Nähe einen Unterschlupf hatte. Einen sicheren Ort.

Ich senkte meinen Bogen ein Stück. Ihr Erscheinen bedeutete eine Chance für Madoc und seine Schwester. Ich öffnete den Mund, aber bevor Worte herauskommen konnten, schoss ein Pfeil an meinem Ohr vorbei direkt auf die Fremde zu.

Das Mädchen wich dem Pfeil geschickt aus, indem es im letzten Augenblick mit einem Ruck zur Seite fuhr. Er verschwand in der Dunkelheit. Ich wirbelte herum und riss Dagne den Bogen aus den knochigen Fingern.

Sie protestierte: „Ich muss …“

„Du tötest nur, was getötet werden muss.“

Dagne riss die Augen auf. „Ich dachte, sie ist ein Finsterirdischer!“

„Rasch. Hier entlang.“ Als ich die Stimme des Mädchens hörte, drehte ich mich wieder um. Seltsam gelassen stand sie vor mir und deutete auf Madoc, der am Boden lag. „Kannst du ihn tragen?“

„Wer bist du?“

„Luna“, antwortete sie, als wäre ihr Name Erklärung genug.

Sie neigte den Kopf und lauschte, wie Tiere es tun. „Sie kommen“, verkündete sie mit einer Stimme, die so glatt war wie von Wasser geschliffene Steine. „Es sind zu viele, um zu kämpfen.“

Fast wie aufs Stichwort zerriss der vertraute Ruf die Nacht. Er löste eine Kakofonie von Antworten aus.

„Wir haben nicht viel Zeit.“ Sie sagte es mit so viel Überzeugung, so viel Wissen.

„Da bist du von ganz allein drauf gekommen, oder?“ Ich hängte mir den Bogen über die Schulter und bückte mich. Einen Arm um Madocs Mitte gelegt, zog ich ihn auf die Füße. Mit zusammengekniffenen Lippen, sodass nur ein kleines Stöhnen entweichen konnte, legte er mir einen Arm um die Schultern.

„Haltet euch dicht hinter mir“, sagte das Mädchen mit dieser glasglatten Stimme.

„Du hast sie gehört. Halte dich hinter ihr“, befahl ich Dagne.

Ich stützte Madoc beim Laufen, wobei seine Füße über den Boden schleiften. Das Rascheln von Laub und das Knacken von Zweigen, das wir verursachten, quittierte ich mit einer Grimasse.

Das Mädchen bewegte sich rasch und behände durch das dunkle Blätterwerk.

Ich kam kaum nach. Und dann gar nicht mehr. Sie war verschwunden, als wäre eine Flamme ausgelöscht worden. Im einen Moment noch da. Und im nächsten fort.

Ich blieb stehen und blinzelte. Mit einer schnellen Kopfbewegung sah ich mich um.

Die Finsterirdischen waren da, ihr Moschusgestank war überall. Ich konnte meinen Bogen nicht benutzen, während ich Madoc stützte, deshalb zog ich mit der freien Hand das Schwert an meiner Seite.

„Wohin ist sie gelaufen?“ Dagne umklammerte meinen Arm und rüttelte an ihm. Sie war der Hysterie nahe.

Mein Schwert schwankte vor mir. „Lass mich los“, befahl ich, aber es war zu spät.

Eine Kreatur nahm in der Dunkelheit Gestalt an. Sie war ungefähr so groß wie ich. Auf dem grauen, faltigen Körper spross nirgendwo ein Haar. Obwohl das Fleisch an zähflüssigen Lehm erinnerte, wusste ich, dass der Körper fest war und aus sehnigem Gewebe bestand, das nicht annähernd so nachgiebig war wie das Fleisch eines Menschen. Dennoch konnten sie ein gut platzierter Pfeil und ein präzise, strategisch geführtes Schwert verletzen. Man musste einfach nur nahe genug an sie herankommen.

Das Maul der Kreatur war weit geöffnet, und lange Fühler sprossen aus ihrem Gesicht, um den Geschmack der Luft aufzunehmen und nach Beute zu tasten. Die Augen waren kleine, dunkle Kugeln, die sehr wenig sahen – wenn überhaupt. Aber sie jagten genauso gut auch ohne Sicht, weil sie sich auf ihr Gehör und diese Fühler verließen, die sich auf der Suche nach uns wie ein Nest aus Schlangen wanden.

Dagne schrie.

Bei diesem Laut hob der Finsterirdische das Kinn und ruckte den Kopf zur Seite.

Ich ließ Madoc fallen, als das Ding in einer direkten Linie auf uns zukam; dabei neigte es den Kopf zur Seite, während es unsere Bewegungen abmaß.

Dagne war panisch und wollte den Griff um meinen Schwertarm nicht lockern. Fluchend packte ich mit der Linken die Waffe in meiner Rechten. Diese Verzögerung kam mich teuer zu stehen. Der Finsterirdische war bei mir, noch bevor ich das Schwert hochreißen konnte.

Der stämmige Körper prallte wie ein Fels mit mir zusammen, und wir gingen zu Boden. Das Schwert flog mir aus der Hand. Feuchter, fauliger Atem wurde mir ins Gesicht gestoßen und blies mit widerlichem Hauch auf meine Wange. Das Maul klappte weit auf und enthüllte scharfe, gezackte Zähne, die zuzubeißen versuchten, während die dünnen Fühler sich schüttelten und sich nach meinem Gesicht ausstreckten wie hungrige Schlangen, bereit, ihr Gift zu versprühen.

Ich stieß eine Hand gegen seine Kehle, um einen Abstand zwischen uns zu erzwingen. Es stürzte sich auf mein Gesicht. Ich wich seinem Maul aus, indem ich den Kopf abwandte, und sah, wie ein Tropfen Gift knapp meine Nase verfehlte. Ich entdeckte mein verlorenes Schwert, nur ein kleines Stück außer Reichweite.

Ich schrieb es ab und tastete nach dem Dolch, den ich an meinem Oberschenkel festgebunden hatte. Ich riss ihn heraus. Mit einem Knurren hob ich ihn hoch und sägte an der Kehle der Kreatur, grub ihn tief in dicke, knotige Haut. Die kleinen Augen wurden glasig; sie erinnerten mich an eine Kette mit Onyxperlen, die meine Mutter immer getragen hatte.

Blut, das aus dem tiefen Schlitz an seinem Hals strömte, durchnässte mich. Die Kreatur brach schlaff über mir zusammen.

Knurrend schleuderte ich ihre Last von mir und kroch zu meinem Bogen.

Dagne schrie auf. Ein dumpfer Aufprall hinter mir ließ mich herumfahren, den Bogen im Anschlag, der Pfeil zeigte nach vorn, direkt in Lunas Gesicht.

Sie hielt einen Dolch in der Hand, von dessen Klinge Blut tropfte. Ein toter Finsterirdischer lag zwischen uns hingestreckt zu ihren Füßen.

Ich senkte den Bogen ein Stückchen. „Du bist wieder da.“

Ihre Augen glitzerten im Dunkeln. „Ich hab euch doch gesagt, dass ihr dicht hinter mir bleiben sollt.“

Ich schnaubte. „Ich bin nicht so schnell wie du, wenn ich jemand anderen tragen muss.“

Sie wandte mir den Rücken zu und setzte sich wieder in Bewegung. „Es kommen weitere. Von Osten. Beeilt euch.“

Ich blickte nach links, als könnte ich sie durch die Nacht sehen. Wie als Antwort auf ihre Worte drang ein weiterer Ruf durch die Luft, bald erwidert von einem zweiten und dann noch einem.

Schon war ihre schlanke Gestalt kaum noch in der gefräßigen Dunkelheit zu erkennen. Ich bückte mich und zerrte Madoc wieder hoch. Er war nun schwächer als vorhin und eine noch schwerere Last.

Mit einem Wimmern schloss Dagne sich mir an, während ich dem Mädchen nachhastete. Ohne auf meine Erschöpfung zu achten, blieb ich in Bewegung, drängte vorwärts und setzte einen Fuß vor den anderen.

Kapitel 4

LUNA

Ich streckte meine Arme unter der Falltür nach oben und rückte sie wieder an Ort und Stelle, sodass wir darunter eingeschlossen und in Sicherheit waren. Draußen konnte ich immer noch die Finsterirdischen hören – ihre stampfenden Tritte und ungleichmäßigen Atemzüge. Ihr Gestank, der mir sauer in die Nase und bitter wie Eisen in den Mund stieg, jagte mich hinab in den Tunnel.