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Was tut eine Dirigentin, wenn sie nicht gerade mit ihren Chören und dem Orchester probt? Wie alle Dirigentinnen dieser Welt befasst sich Alyson Philipps mit Spielplänen und spielt privat gern Mikado und Schach. Mit Stäben. Und Figuren. Ihr Job führt sie ständig in aufregende Situationen mit ihren dienstlichen Partnern und führt sie auf Reisen in Länder, in denen sich die Abenteuer aneinanderreihen. Im Roman spielt Alyson so lange, bis ihre faszinierende Wandlung von der Musik-Managerin zur wahren Künstlerin vollzogen ist. Und das Privat-Leben verläuft genauso ultimativ, ein Partner und Kinder. Ein neuer Mann und noch ein Kind? Dieser Roman ist in Drinks komponiert - genauso wie das gestalterische Konzept unserer gesamten Reihe angelegt ist. In allen Titeln aus DER KICK DES CHICEN JOBS ist die Komposition eine hinreißende Liebes-Geschichte, utopisch und sehr musisch.
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Seitenzahl: 380
Veröffentlichungsjahr: 2019
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Bellini
Alexander
Thunderstorm
Entwicklungshilfe
Angélique
Paris Opera Special
Golden Fizz
Lichtblick
Eggnog
Singapore Sling
White Lady
Grüner Blitz
Vulcano
Mint Collins
Margarita
Blue Med
Euphoria
Port in a Storm
Dirty Mother
Italian Stallion
Kiss in the Dark
Look out Above
Napoleon
5 cl Pfirsichnektar von frischem Pfirsich
10 cl eiskalter Sekt
1 Spritzer Grenadine nach Geschmack
BELLINI
Alyson hatte sich wieder gut durchgesetzt. Aus ihrer inneren Stimme heraus. Und sie hatte daher auch wieder gute Unterstützung erfahren. Zusammen mit der Kultur-Senatorin der Stadt, Elfrun Merwarth, hatten sie um elf mit dem Intendanten der Staatstheater von Berlin zusammengesessen und es war um ihren Spielplan gegangen. Alyson wollte ein Crossover durchsetzen und als Dirigentin der Bühnen der Stadt ihre Aufnahmen mit attraktiver Pop-Musik durchboxen, durchkämpfen, erreichen, behaupten, verwirklichen, abarbeiten und ihren eigenen Genuss dabei erleben. Sie wollte spüren, wie die Zuhörer und Käufer der Aufnahmen mitgezogen wurden, wie sie sich öffneten, wie es ihnen gefiel, weil die Musik sie interessierte, weil es höchstrangige Orchester waren, mit konzentrierten Leuten, die sie, Alyson Philipps, dazu motivierte.
All das war wie immer harte und lange Arbeit gewesen. Sie hatte diesen Auftrag in ihrem Arbeitsvertrag, für die Musikwelt ihrer Stadt und mit den Tonträgern, die sie produzierten, alle Generationen der Hörer und interessierte Schichten zu erreichen.
Eins der schwierigsten, weil recht langwierigen Themen war es natürlich anfänglich, etwas konservativere Musiker zu Pop-Konzerten zu bringen. Aber es musste sein. So war die Zukunft und Alyson wollte und konnte nicht nur Mozarts Klavier-Konzerte neu einspielen. Lange Phasen hatte sie gebraucht, um mit den reizenden altgedienten Geigern und Bratschisten, die in sich durchaus umgängliche Leute waren, darüber zu sprechen, wie sie mit neuster Aufnahme-Technik wunderbare Künstler mit Songs, die erst gestern komponiert worden waren, einspielten und auch damit eine erstklassige, weil zuweilen harte, befriedigende und beglückende Arbeit ablieferten. Alyson Philipps hatte eine gewisse Geduld mit älteren Musikern aufgebracht. Sie hatte sie ernst genommen, den guten Ferdinand Bauer mit ernsthaften Gesprächen überzeugt und jetzt eben nur noch diesen Intendanten vor sich gehabt.
Das Üble und sehr Beängstigende an diesem elf-Uhr-Gespräch war schon allein die Tatsache gewesen, dass es im Büro der Kultur-Senatorin Merwarth stattfand, der Intendant Fritz Terruhn zu Beginn des Gesprächs jedoch demonstrativ deren Platz an deren Schreibtisch einnahm und dieser ungewohnte Platzwechsel Alyson wohl innerlich sehr gestört hatte. Es musste sie wirklich furchtbar geängstigt haben, denn seither ging ihr keine einzige Gesprächsphase aus dem Kopf.
Mit einem “Schönen guten Morgen” hatte sie gutgelaunt begonnen. Und Elfrun Merwarth hatte gleich helfen wollen und es noch einmal laut gesagt. Terruhn stand immer noch mit dem Rücken zu ihnen beiden und stellte erst einmal ordentlich einen Ordner in ein Regal zurück. Dann nahm er gewichtig in Merwarths Sessel Platz.
“Bitte sagen Sie mir doch einmal, wie Sie zu diesem Budget-Stand gekommen sind?” Die Frage hatte recht sachlich und fast noch freundlich geklungen. Alyson überlegte kurz.
Es roch hier sehr gut nach Espresso und das erleichterte ihr das Gespräch mit all diesen für sie noch neuen Leuten enorm.
“Das Musical von Idsteiner zu diesen Bedingungen anzusetzen, ergab sich aus der Lücke und dem Ausfall vom vorigen Jahr, als ich schnellstens dieses erste Pech in einer langen Reihe von Umbesetzungen und von Rücktritten umdisponieren musste.“
“Kennen Sie denn all die weiteren Unkosten und Spesen, die bei Ihren Besetzungen schon auf Sie zugekommen sind?” “Natürlich und es konnte einiges erfreulicherweise auch reduziert werden”, hatte sie mit einem Blick auf die Merwarth geantwortet, die ihr wirklich geholfen hatte, das Budget zu verringern mit einigen schönen Ideen, die ihr selbst im Eifer der Arbeitsvorbereitungen zu dem Musical entgangen waren.
Tapfer wollte dieser Terruhn dann natürlich das Ganze abblasen, das Goldene Auto absetzen, Alysons Stolz und Freude ihrer gesamten Initiative entreißen und es wahrscheinlich anderweitig zum Spottpreis an Rechten und Tantiemen verschleudern helfen, selber einen Vorteil daraus ziehen, ihr nur Angst machen und die reinste künstlerische Habgier an diesen doch recht schönen Tag zu legen.
Die Merwarth hatte es Gott-sei-Dank gleich gemerkt und sagte dazu, mit einem leisen Lächeln zu Alyson gewandt, nur: “Wie Ihr Nachfolger!” Sie meinte damit Alysons Nachfolger auf ihrem früheren Posten in Hamburg, der Alysons Spielplan mit aller Macht sofort zu zerstören versucht hatte und damit in ein großes Chaos an Finanzen, im Programm und seiner ganzen Qualität geraten war.
Skandal-Werbung hatte der nun, aber Alyson war bei ihrem Amtsantritt doch in geordnete Verhältnisse hier nach Berlin gekommen, wo immer noch einige Hauptstadt-Privilegien an Finanzförderung möglich waren und es ihrer Ansicht nach überhaupt und immer nur darauf ankam, auch hier ihr Ziel nicht aus den Augen zu verlieren.
Die Merwarth hatte erstaunlich sicher und mutig verstanden, dass der Gentleman Terruhn, der Alyson gegenüber in seiner Gepflegtheit mit manikürten Fingernägeln und in einem sportlich karierten Hemd zum korrekten Anzug das Unding im Auge hatte, das chice Musical abzusetzen, an dem Alyson im Moment eine Menge gelegen war.
Alyson referierte sachlich einige Einzelheiten zu den Aufführungsrechten und Terruhn hörte aufmerksam zu, wusste selbst einige Perspektiven, die diese Aufnahmen nach der Aufführung haben konnten und Alyson fühlte sich durchaus in einigen Punkten von Terruhn verstanden. Dennoch wollte er ihr in seinem eigenen maskulinen Instinkt das Ding entreißen und sie zum Absetzen dieses Punktes bringen. Alyson sah es jedoch nicht im Allergeringsten ein.
Das Gespräch war sehr schwierig. Sie musste sich länger äußern, als sie gedacht hatte, war jedoch mit dem festen Gedanken hineingegangen:
Ich verhandele erstklassig und es wird ein sehr gutes Gespräch. Die Bemerkung von Merwarth zu ihrem eigenen Nachfolger hatte sie überrascht. Es hatte ihr gefallen und sogar Spaß gemacht, wie witzig und ironisch die Kultur-Senatorin diese drei Worte ausgesprochen hatte und das hatte Alyson ihr längst nicht zugetraut. Deren Mut hatte ihr sogar etwas Angst gemacht und im weiteren Verlauf des Gesprächs war Alyson außerdem glasklar geworden, dass dieser Mann schon eine Menge Macht hatte. Es war also wirklich ernst. Terruhn hatte fest vor, ihren Spielplan zu demolieren.
Alyson sprach mutig weiter. Ihr bisheriger Status aus Hamburg und die vielen langen Jahre ihrer Tätigkeit insgesamt ließen sie jetzt mit Energie und schon einer gewissen Arroganz in ihrer eigenen Weiblichkeit sagen: “Herr Terruhn, ich habe mit meinen Spielplänen in den drei Jahren in Hamburg eine gute Tradition geschaffen, die ich hier in Berlin genauso stark anstrebe”, und es war ihr selbst schon ein wenig zu dick aufgetragen vorgekommen, wo sie doch immer zurückhaltend war, kein großes Maul aufriss und damit nun hier gelandet war und zu Erfolgen kommen musste, wenn sie nicht mit Schimpf und Schande verlieren wollte. Nein, da hatte auch ihre Mutter immer locker mit dem Kopf geschüttelt, wenn es um irgendetwas im Leben gehen sollte. Vor einem möglichen Verlieren einfach nur schlicht den Kopf schütteln. Genau. Alyson war so sicher in dieser Verhandlung, dass alle vorausgegangenen Fehlschläge in der Sache dieses entzückenden kleinen Musicals keinesfalls dazu führen sollten, es sicherheitshalber und bei fliegenden Fahnen ganz abzublasen. Undenkbar für sie. Und gerade lief Terruhn zur Hochform auf: “Wenn wir das jetzt absetzen, sparen Sie vierhunderttausend und die können Sie mit Frau Merwarth gemeinsam in neue Produktionen anlegen…” Ertönte dieses sein Hauptargument mit solch geschwollener Brust, dass es jedem Autoverkäufer, Versicherungs-Vertreter und sonstigen Repräsentanten der Gockel-Zunft alle Ehre gemacht hätte.
Mit der Merwarth zusammen einen neuen Spielplan konzipieren! Das kannte sie bereits und es war höllisch schief gegangen. Drei Monate lang hatten sie versucht, gute Sachen unter Dach und Fach zu bekommen. Am Ende hatten sie noch draufgelegt mit Provisionen für Künstler-Agenten, die die gute Frau ihr schließlich organisiert hatte und alle hatten sich als Flops erwiesen.
Und so verschwendete Alyson im weiteren Verlauf des Gesprächs schließlich keinerlei Gedanken mehr an Terruhns Ideen, ging dennoch innerlich ein wenig auf ihn zu, was ihr nicht schwerfiel. Ernsthaft war er gewesen und auch nicht offen gegnerisch. Also schwang sich Alyson nur noch ein einziges Mal in diesem Gespräch soweit auf, zu sagen:
“Herr Terruhn, die bestehenden Verträge und die neuen Ersatz-Kräfte werden von mir erstrangig ausgewählt werden. Genauso wie mein gesamtes ursprüngliches Konzept. Das ist für mich die bestmögliche Form der Programmgestaltung in dieser Stadt.”
Elfrun Merwarth sprang ihr bei:
“Ich wüsste auch noch eine andere Lösung für die technische Aufsicht…”, aber Terruhn ließ sie überhaupt nicht zu Wort kommen. Alyson tat es leid, dass ihr Engagement im Augenblick nicht gewürdigt wurde. Aber die Merwarth konnte sich ziemlich locker zurückhalten, wenn ihre Meinung nicht gefragt war, stellte sie für sich fest. Elfrun Merwarth sah wirklich hübsch aus an diesem Morgen in ihrer frischen weißen Tunika mit dicken braunen Holzperlen-Ketten und einer feinen sandbraunen Strickjacke. Doch, die Merwarth taugte damit einiges in Alysons Augen und sie engagierte sich wirklich gerade in dieser Phase des Gesprächs, stellte Alyson wieder für sich fest. Ihre Zusammenarbeit war immer sehr nett gewesen und das war in diesen Zeiten schon eine ganze Menge wert.
Terruhn hatte seine Eindrücke nun wohl gewonnen und ließ den Druck aus seiner Gesprächs-Führung weichen. Alyson hatte gut verhandelt, zunächst die schlechtesten Möglichkeiten skizziert, die eintreten konnten, wenn wirklich noch mehr schiefging, als bisher schon eingetreten war. Und dann hatte sie den Zeitpunkt kommen sehen, an dem sie dem guten Intendanten wirklich mal die Augen öffnen musste und erklären konnte:
“Herr Terruhn, dieses war das Worst-Case-Szenario, damit ich nicht allzu sehr die rosa Brille aufhabe!”, und das hatte nun endlich auch Wirkung. Die Gesprächsatmosphäre erleichterte sich deutlich spürbar und er gestattete ihr für ein volles weiteres Jahr freie Hand ohne Auflagen.
Alyson fielen etliche Steine vom Herzen, die sich allein in diesem Gespräch aufgebaut hatten. Dabei hatte Terruhn sie wohl wirklich nur ernst genommen, als sie rein taktisch anfänglich nur deshalb die schlechtesten Möglichkeiten erwähnt hatte, um sich später viel besser darstellen zu können. Mann, Mann, dachte sie, haben diese Leute hier Angst. Angst kommt von Enge, erklärte sie sich in solchen Fällen immer wieder gern, um von ihrer Enttäuschung wegzukommen, wenn die Menschen wiederum so mutlos geworden waren, dass ihre Angst vor dem Scheitern sie immer passiver machte, ihnen alle Freude und Initiative abschnürte und so dieses Land dennoch vergleichsweise wunderbar lief.
Der kulturelle Standard war nach wie vor wesentlich höher als in Italien, wo, wenn es hoch kam, fünf größere öffentliche Orchester bestanden und in der Bundesrepublik gab es hundert. In diesem Land und seinem hohen sozialen und kulturellen Niveau waren viele schöne Chöre finanziell sehr gut abgefedert durch all die aufgelaufenen Mitgliedsbeiträge, die jährlich addiert wurden und die durch die Gagen von zwei oder drei Aufführungen im Jahr nicht angetastet wurden.
Das Land war reich.
Alle Bodenschätze wurden aktiviert und leichtestens gehoben. Der große, unschätzbar kostbare Kupfergürtel in den neuen Bundesländern war jetzt endlich leicht gehoben worden, der sich schon ab Hamburg, ihrer früheren Stadt und erstem Arbeitsort bis nach Dresden, der wunderbaren Kulturmetropole, in der sie auch sehr gern einmal für längere Zeit leben würde, um die architektonische Atmosphäre, die immer noch trotz aller Zerstörung nach dem zweiten Krieg bestand, auf sich wirken zu lassen. Nun, die Menschen hatten trotzdem oft Angst und Verhinderungsmuster in ihren Köpfen, die ihnen sagten, das hat schon einmal nicht geklappt, also wird es jetzt auch wieder danebengehen.
Und hier setzte Alyson Philipps bei ihren sämtlichen Gesprächspartnern immer an. Sie setzte sich bei Terruhn mit ihrem Musical im Programm durch und sah, dass er sogar mit seiner eigenen Freude und Erleichterung darauf reagierte, dass er jetzt doch keine Arbeit mehr mit weiteren, größeren Dispositionen hatte.
Gern sicherte Alyson ihm dann auch seine Einspielung der Mozart-Klavierkonzerte zu, die ihr wohl auch zu ihrem Job in Berlin verholfen hatten. Das war sein Steckenpferd und für Alyson ein Spaziergang, also gehörte sofort die italienische Pianistin Montefiori erwähnt, die ihr über ihren Agenten schon so gut wie eine Zusage angekündigt hatte.
Alyson bevorzugte die Italienerin und da ließ ihr Terruhn wohl gerade freie Hand, der eventuell einen jungen Russen favorisierte, erschien es ihr.
Und die gute Merwarth hatte in ihrem Gespräch nur in der Anfangsphase diese wahnsinnig mutige, entspannt sichere Bemerkung über die Taktik Terruhns mit diesem Hamburger Vorgänger gemacht, so dass der entweder deswegen oder aus ein wenig anderen Gründen schließlich Alyson in dieser Phase ganz freie Hand gab. Und sie würde ihn nicht enttäuschen.
5 cl Weinbrand
5 cl Crème de Cacao
Aufgießen mit flüssiger Sahne nach Geschmack
ALEXANDER
So war für Alyson jetzt Zeit, sich über die wichtigeren Themen des Lebens klar zu werden. Auf der Fahrt nach Hause überlegte sie wieder einmal, wie erstaunlich es doch war, zu erfahren, warum die Mutter der Prinzessin von Wales ihre vier Kinder so früh beim Vater zurückgelassen hatte. Er hatte wohl die Mutter geschlagen, sie ihn verlassen und sie musste so in Kauf nehmen, dass sie ihre Kinder nicht mehr bei sich hatte. Ein Frauenhaus war im damaligen Britannien wohl noch nicht in Frage gekommen.
Eine unmögliche Vorstellung für Alyson, die mit ihrem Partner Dean und den drei Kindern, die sie jetzt zusammen hatten, sehr gut zusammenlebte. In vielen Momenten war sie wirklich sehr glücklich, dass sie ihren früheren Partner nicht geheiratet hatte, sondern mit Dean, dem Astronauten, besser fuhr. Sie und er konnten auch bei ihren anspruchsvollen Jobs ganz gut in vielen Phasen zu Hause arbeiten oder nur anwesend sein. Tagesmütter, Babysitter und Hilfen für das neue Haus und den Garten wechselten sich bei ihnen ab.
Und Alyson hatte ihre Schwester in der Stadt, mit deren Familie auch viele Kontakte und Betreuung ihrer eigenen Drei abliefen. Es war ein einziges Kommen und Gehen in ihrem Haus und für Alyson gelegentlich nur ein nervlicher Kraftakt, sich immer auf das Wichtigste zu konzentrieren. Sie nahm ihren Dean nicht einmal besonders wichtig, denn der war in sich sehr bescheiden, konnte sich enorm gut auf sie alle und auch auf die Menschen bei seiner Arbeit einstellen und brauchte ihre Zuwendung nicht besonders. Er war darin eben so sympathisch unkompliziert, wie viele Menschen in technischen Berufen häufig waren. Sie kamen sehr gut mit dem Leben zurecht.
Alysons eigene Künstler-Welt war darin von Natur aus komplizierter. Die Musiker und Solisten hatten immer Launen und Stimmungen, die ihnen selbst wahrscheinlich nicht immer klar waren. Alyson bemühte sich, diese nicht allzu groß werden zu lassen. Sie sagte dann ganz mutig und mit großer Anstrengung als Erstes immer gern:
“Dass sich hier niemand überarbeitet!”, wenn es wieder von vorn losging mit diesen Probenzeiten. Lauter alte Hüte und Alyson wusste es gut. Darin unterstützte auch Dean sie immer gern und lachte, wenn sie zuhause von den neuen Anläufen und scheinbaren Nöten ihrer Musiker erzählte. Und Dean verstand es immer auf Anhieb. Er nickte dann, wenn er ihre Schilderung gleich zu Anfang schon verstanden hatte und das motivierte Alyson jedes Mal wieder, ihre Story durchaus abkürzen zu können, um sich dem Spiel mit ihren Kindern oder einer Partie Schach zu widmen.
Hierzu hatte sie schon ihren Großen, Severin, angelernt und es machte dem Siebenjährigen viel Spaß, mit seiner Mutter dieses interessante Spiel anzulegen. Auch das erste Mädchen von beiden, Cécile sah jetzt schon ruhig und interessiert zu, wenn Alyson mit Severin die Figuren über die Platte schob. Ja, das interessierte die Fünfjährige auch schon ein wenig.
Jeder kopierte immer seine Eltern in seinem Leben und merkte es nicht einmal. Es machte das Leben spannend, Züge und Verhaltensweisen, die jeder unbewusst von seinen Eltern übernahm, nach und nach bei einer Zusammenarbeit, einem alltäglichen Kontakt und in einer Liebesform dann zu erkennen, wenn sich Schwierigkeiten zeigten. In Geschwister-Konstellationen und Freundschaften erwiesen sich sehr oft Parallelen zum Leben seiner Eltern, die auf Anhieb sehr lange nicht erkennbar waren und sich erst auf einen zweiten und dritten Blick hin offenbarten.
Eigentlich hatte es Dean etwas einfacher mit seinen Mitarbeitern. Sie arbeiteten als aktive Astronauten immer ihre Befehlslisten für Starts und Landungen ab. Notfallprogramme und seitenweise Listen. “Deine Partituren”, sagte ihm Alyson dann gern, wenn sie allein waren und sie ihn zu seiner Arbeit im Grunde auch gern einmal fragen wollte, dieses aber entweder über ihrem eigenen Leben wieder vergaß oder es unterließ, um ihn nicht über Gebühr zu stören, anzureden, wenn er es gar nicht unbedingt beabsichtigte, wo bei ihm immer alles ganz gut lief. Diese Techniker tickten anders als Musiker und Alyson fand es immer spannend zu sehen, wie die Kollegen von Dean sich zuhause verhielten, wenn sie nicht von ihren Raumfahrt-Zentren aus ins All flogen.
Dean hatte nette Kollegen und ein paar sehr alte Freunde noch aus seiner Zeit in Darmstadt bei der ESA, der europäischen Luft- und Raumfahrtbehörde. Sie testeten auf der Erde immer zusammen ihre Missionen zu den Stationen im All zu technischen Prüfungen. Am Boden waren sie ziemlich normale, gute Väter und in ihrem sozialen Leben wirklich unauffällig. Einmal hatte Dean einen ganz großen Fehler im All gerettet und außergewöhnliche Arbeit geleistet, als Außen-Geräte ausgefallen waren und es ihre Messungen erheblich reduziert hatte.
Er hatte schließlich erreicht, dass das Maschinchen am Ende wieder im Gang war, unterdessen war die gesamte Mission jedoch ziemlich ins Stocken geraten. Es war bisher sein größter Gau in seiner Arbeit und er hatte sich bewährt. Nie war die Crew in Gefahr gewesen zu scheitern, aber die wichtigen Außenarbeiten hatten längst nicht den beabsichtigten Effekt mit auf die Erde zurückgebracht.
Und das Schönste daran war, Dean ärgerte sich nicht einmal besonders darüber. In Absprache mit dem Zentrum am Boden hatten sie alles zusammen beschlossen und eine gute Rückkehr erreicht, trotz einiger fehlender Zielarbeiten.
Nun, die Ziele von Technikern und die von Künstlern waren in sich natürlich letztlich gleich: der Menschheit nützlich zu sein. Alyson betrieb dazu ihr musikalisches Metier und Dean seine Raumfahrt.
Sie mixte ihnen beiden jetzt einen schönen Drink und legte eine Partie nur für sie beide auf ihrem eigenen Schachbrett an. Dean eröffnete mit dem Königs-Inder und Alyson gefiel es. Sie sprach oft gern mit Dean über alles, über den Tag und die Nacht, die kommen würde, über Raumfahrt und den Sternenhimmel im All und nebenher zogen sie ihre Figuren über das Brett.
Mit Severin hatte sie in seinem Kinderzimmer ein eigenes schönes neues Schachbrett, wo sie ihre Partien spielten und Alyson sich bemühte, nie von sich aus abzubrechen. Sie vermied es den Eindruck zu erzeugen, keine Zeit für ihr Kind zu haben und hielt in deren Interessen wirklich gern mit. Und wenn sie seine Fragen abwürgte, hätte sie ein Gefühl, so wie sich saftig verspielt zu haben.
Mit ihren Musikern machte sie es ähnlich. Wenn wieder herumgenörgelt wurde, äußerte sie gern: wir haben keinen Wohlfahrtsstaat. Und auch keine Abzocke hier. Die Aufgaben sind die reizvollsten, die wir nur haben können. Sie führen Ihr Leben elegant, Herr Bassist, Frau Posaunistin, Severin, Cécile oder kleine Inès.
Und das klappte immer gut. Nur musste Alyson sich dafür selbst entspannt halten. Und das ging beim Schach wirklich gut. Severin bemühte und bemühte sich, aber Alyson war in dieser Phase doch stärker als der Siebenjährige.
Es freute sie und sie entspannte sich weiter gut. Auf der anderen Seite konnte der Junge ihr ein wenig leidtun, wo er an diesem Nachmittag noch verloren hatte, aber es war doch nur ein Spiel zuhause gewesen.
Außerhalb dessen war das Spiel immer etwas ernster. Dennoch war Musik natürlich auch nur Spiel. Ein Spiel, in dem man Gutes erst einmal zeigen musste, um es in einer Aufführung wirklich leicht und fließend präsentieren zu können. Ernste Mienen allerorten konnten nicht immer darüber hinwegtäuschen, dass Musik eine entkrampfende Wirkung hatte. Ihre Musiker im Orchester und viele Zuhörer im Inland trugen nur zu oft wirklich angespannte, ernste Mienen zur Schau – ohne es zu merken. Es war wie mit der menschlichen Sprechstimme. Alle Anspannung lag immer darin und führte in vielen Fällen zu überflüssigen Unglücken. Entspannung der Gesichtsmuskeln dagegen ließ die Menschen lachen, laut lachen und ein humorvolles Wort löste viele Fragen immer besser als eine schwere Problematik. Alyson war es immer gelungen, diese Kreaturen ernst zu nehmen, aber nicht allzu sehr, sondern bei ihrem eigenen Weg zu bleiben und vor allen Dingen nicht immer die größtmögliche Katastrophe aus einer Kleinigkeit vorauszudeuten. Nein, so war es in ihrer Branche einfach nicht. Bei Dean sicher viel eher. Doch er hatte, wie viele Vertreter seiner Zunft, eine gehörige Portion Realitätssinn und Optimismus, einen ziemlich guten Glauben an die Verlässlichkeit der Technik und daher die Einstellung, dass Probleme immer aus den Menschen selbst heraus entstanden, also nicht weiter verwunderlich waren.
Dann setzte Alyson ein. Was ist die Lösung? Die ideale Lösung? Sie fragte es in ihrer kleinen Familie immer gern deutlich, wenn eine Partie danebenzugehen schien, Angst machte und das Thema es eigentlich nicht wert war. Ernsthaft unlösbare Situationen gab es für sie in ihrer Musik natürlich nicht. Sie hätte wohl eine andere Tätigkeit angestrebt, wenn das der Fall gewesen wäre. Sie hätte selbst Geigerin werden können, in einem schönen Orchester oder solistisch arbeiten wollen, wenn die ständige Sorge um ihr perfektes Spiel sie weiter allein angetrieben hätte.
Aber sie hatte das Dirigier-Studium sehr genossen. Der weißhaarige, dennoch jugendliche Professor Schlüter war ihnen als Studenten immer sehr zugetan gewesen, wenn sie im Partitur-Studium bei ihm saßen. Nie hatte er jemanden abgelehnt, sondern immer alles angenommen, was von ihrem Studiertisch zu ihm kam. Es waren intensive Sitzungen in der Musik-Hochschule im Haus eines Cinemax-Kinos gewesen, einem wirklich amerikanisch anmutendem Gebäude. Hier saßen sie mit ihren Kollegen Cesco, Olli und dem japanischen Kollegen Haruo, der nie etwas von sich aus erzählte, über den Partituren und Alyson dachte gerade jetzt wieder dankbar daran.
Alle Informationen zum Tonsatz hatte Schlüter immer gegeben und Alyson konnte manche Unlust in diesem Fach somit gut übergehen. Schlüter hatte sie nie mit Fragen gequält. Und es war Alyson als einzige Frau am Pult gewesen, die den besten Job von ihnen allen erreicht hatte. Die Kollegen hingen noch immer in der Provinz herum und lavierten sich mühsam durch.
Aly hatte sich an alles begeben, was sie interessierte, Zeitgenossen und Klassiker, und legte ihre Programme immer so an, dass an einem Konzertabend die Moderne zuerst gespielt wurde und erst am Ende ein bekannteres Werk aus dem Repertoire drankam, um die Zuhörer befriedigt und gelöst nach Hause zu schicken.
Ja, nach Hause gehen lassen mit der Musik in ihnen, die sie geboten hatten. Das wollte sie immer und ihr Konzept war erfolgreich.
Auch ließ sie sich nie auf lange politische Initiativen oder Provokationen ein, bepinselte niemanden in seiner Wichtigkeit, was ihre Mutter immer noch gemacht hatte und gut damit gefahren war. Nein, Aly gab niemandem nach oder teilte Extras aus, wenn sie nicht der Überzeugung war, dass ihr Gegenüber wirklich ein Lob verdient hatte. Vielleicht strengten sich alle wirklich auf ihren Instrumenten und in ihren Amtsstuben an, eine möglichst gute Reichweite ihres großen Orchesters zu erzielen.
Auf der anderen Seite waren die Diskussionen um die Arbeitszeiten immer so, wie in Demokratien gängig: der kleinste gemeinsame Nenner befand sich auf einem unteren Niveau. Und gelegentlich sogar auf einem sehr, sehr tiefen, unteren, hatte sie von einem sehr unabhängigen Journalisten schon deutlich bestätigt bekommen.
Nun, sie mixte sich an dieser Stelle ihrer Gedankenführung einen zweiten schönen Bellini und einen für Dean und saß noch ein wenig mit ihm auf dem Sofa zusammen.
Eigentlich war das Gespräch mit Terruhn und der Merwarth doch recht gut gelaufen, und auch der Intendant hatte wenigstens immer ganz guten Kaffee, wenn sie in sein Zimmer kam. Es duftete immer recht würzig bei ihm und so konnte er kein ganz so herber Kostverächter sein, dachte sie gerade noch, als sie sich höflich nach Deans Astronauten-Sachen erkundigen wollte. Jedoch war der inzwischen schon wieder genau so wenig auskunftsfreudig wie sie selbst und daraus entnahm Aly, dass sein Tag sicher nicht ganz so schlecht ausgelaufen war. Bis jetzt.
Morgen würde Dean nicht nach Hause kommen, sondern reiste für zwei Tage auf einen Kongress und so genossen sie den Abend jetzt ohne ihre Kinder bei einigen Drinks, in die Aly immer gern viele frische, wunderbare Pfirsiche mischte, weil ihr allein der Geruch dieser Früchte schon sehr gefiel, wie allein ihre praktische Handhabung und die wunderbar belebende Wirkung in ihrer Pelzigkeit sie schon sehr belebten und immer sogleich aufmunterte.
Sie hatte ihr berühmtes Crossover nun endgültig durchgesetzt und an einer sehr gelungenen Aufführung fehlte nicht mehr viel. Darauf freute sie sich und würde ihren Damen und Herren Mitwirkenden schon gehörig einheizen. Verbal. Um sie zu einer grandiosen Leistung aufzurütteln. Anders lief es wohl nicht. Nein, dieses Ziel wollte sie genauso erreichen, als sie gerade wieder daran dachte. Und es niemals aus den Augen verlieren.
Gut, sie musste sich nur ein wenig besser entspannen können. Besser loslassen in Gedanken, denn sie tat doch immer rechtzeitig alles, was in ihrer Macht stand, um ihre Ziele Wirklichkeit werden zu lassen. Dennoch konnte sie manches Mal den Widerspruch nicht lösen, das Ziel im Auge zu haben und es gleichzeitig einfach wieder loszulassen.
Aber das würde sie auch noch schaffen und es gleich einmal Dean und später Severin vortragen. Wie konnte sie das nun auch noch moderieren, es ausgleichen und eine Sprachregelung finden, die ihre Gedanken steuerte, es ihr leichter machte und damit alles in den Äther schicken? Es war nicht einmal eine Idee ihres Astro-Spezialisten Dean, die sie da gerade erinnerte. Nein, das hatte ihr einmal ein Journalist bei einem Essen nach einem Rundfunk-Interview gesagt. Er war auf Diät und wollte seine Gelüste im Restaurant, wo es eine fantastisch kräftige, orangefarbene Kürbis-Suppe gab, ins Nirwana schicken und Alyson war über diese Formulierung sehr glücklich. Schick deine Gedanken einfach in den Äther und es entsprach genau der Idee ihrer mentalen Trainings, eben das, was sie sich gerade sehnlichst wünschte, einfach beim Universum zu bestellen. Bestellen war gut, so einfach machte sie es sich aber nicht, sondern bat das Universum freundlich und gelegentlich sogar den lieben alten Gott darum, ihr dazu zu verhelfen. Zu guten Musikern im Orchester, zu Gesundheit für ihre Kleinkinder und zu guten Mitmenschen in ihrem Leben Und das hatte trotz einiger aufziehender Stürme bis jetzt immer gut geklappt. Jawohl, das hatte es in wesentlichen Dingen denn doch.
Sie und Dean hatten zwar schon Zigtausende in Aktien verloren, aber sich geschworen: das holen wir uns schon irgendwo wieder zurück.
Und sie hatten es gerade geschafft. Es hatte zwar zehn Jahre gedauert, aber dann waren unter Ausschöpfung aller ihre Möglichkeiten diese Verluste wieder eingefahren. Sie hatten Fördergelder für Renovierungen beanspruchen können, die ihnen erhebliche Steuer-Vorteile brachten und ohne großes Dazutun und allein mit diesem einen Ziel recht locker wirtschaftlicher gearbeitet als bis dahin. Und es war ihnen sogar leichtgefallen. Ein wunderbarer Beweis für die Macht ihrer Gedanken: wir fahren unsere Aktien-Verluste vollständig wieder ein.
1 Barlöffel Zucker
1 ganzes Ei
30 ccm Weinbrand
1 Prise Cayenne-Pfeffer
Alles im Shaker schütteln und in ein Glas seihen
THUNDERSTORM
Aly wollte jetzt ihr Versprechen an Terruhn einlösen und auf die Einspielung der Mozart-Klavier-Konzerte mit Sabrina Montefiori zugehen. Dean reiste für zwei Tage ab und so war Aly in ihren Gedanken wirklich frei, eine solche Routine-Arbeit, die ihr zunächst weder besonderen Spaß noch Mühe abverlangte, anzugehen. Alternativ konnten die jungen Letten Sergei Lagaschin oder andere famose Leute gefragt werden. Das würden sie schon zusammenkriegen.
Terruhn war es hoffentlich egal, wer seine Lieblinge einspielte. Für ihn schien die Hauptsache nur die zu sein, überhaupt ein einziges Mal in seinem Arbeitsleben eine Aufnahme seiner Wahl verwirklicht zu sehen und das kostete Alyson Phillips gerade genau so viel wie ein Lächeln. Nichts weniger und auch keinen Cent mehr. Ob die Montefiori aber zusagen konnte? Sie war eine große Überfliegerin und hatte sicherlich auf Jahre hinaus Engagements. Ob die sich zu einem solch aufwendigen Zyklus bewegen lassen würde? Die Aufnahmen würden lange Zeit in Anspruch nehmen, konnten dann aber auch als größere Leistung in der Welt der Musik-Aufnahmen gelten als der umfangreichste Opern-Ring, als die ausgefallensten, zeitgenössischen Inszenierungen und man war schließlich auch in einem solch umfänglichen Vorhaben frei in seinen Planungen.
Ihr Büro musste auf die Agentur Luano-Holt in London zugehen. Hier waren viele gute Leute gelistet und Alyson konnte im Fall einer eigenen Suche nach Engagements immer auf diese Leute zugehen, falls sie selbst einmal in ihrem Leben ganz frei werden sollte. Zurzeit war sie mit ihrem Berliner Kultur-Management jedoch ganz gut eins.
In Hamburg war die gesamte Atmosphäre um einiges anders gewesen, weiblicher und daher in sich in einer Weise energischer, lösungsbetonter und man meckerte nicht immer so lange sinnlos herum im Orchester, nur um wichtig zu sein. Nein, das hätten ihre dortigen Assistentinnen und Mitarbeiterinnen einfach nicht gelten lassen. Die Orchester-Mitglieder und Kultur-Büros der Stadt waren da oben wesentlich stärker mit Damen besetzt und nun in Berlin regierten die alten Herren immer noch sehr herrschaftlich. Unerträglich waren für Aly seit ihren ersten Berufsjahren schon längst alle Gremien, in denen nur die alten Herren saßen. Alle Säle, die nur mit Senioren gefüllt waren und natürlich Dirigenten-Pulte und Orchester-Reihen, in denen über neunzig Prozent Gentlemen saßen. Es war für sie absolut unerträglich.
Alyson benutzte den Ausdruck Gentlemen immer gern ironisch, wenn es wieder an allem fehlte, man nicht einmal andeutungsweise aufstand, wenn sie in den Raum kam, man in keiner Weise behilflich war, diskutierte, anstatt zu arbeiten und eventuell noch randalierte, ausrastete, auch wenn man Rektor einer Universität war. Alles war schon dagewesen und Aly staunte immer wieder. Kontrollverlust machte vor keiner Position Halt, wenn der Grund vielleicht auch in der Familie liegen konnte. Man kopierte immer seine Eltern.
Sie verbrachte die zwei Tage der Reise von Dean mit ihren Dreien recht lustig. Wenn ihr Vater einmal für kurze Zeit verreist war, ging es zuhause genauso schön zu. Die kleine Inès war jetzt selbständiger und passte sich an ihre großen Geschwister gut an. Sie war erstaunlich beweglich und immer daran interessiert, was im Folgenden gemacht werden sollte, hatte eigene nette Freunde auf dem Spielplatz und betrachtete im Haus gern das, was ihre große Schwester und Severin für sich selbst und manches Mal auch für die Kleine mittaten. Sie spielten Mikado und das half der Geschicklichkeit und Sicherheit von Inès enorm. Seit sie die ersten zarten Holzstäbe zu greifen versuchte, besserte sich ihre gesamte Lebenssicherheit erheblich. Es war wie ein Konzentrations-Training oder ein großer Fortschritt für ihre gesamte Haltung in ihrem jungen Leben.
Aly selbst trainierte morgens in Ruhe ihre Muskeln mit den Übungen von David Kirsch aus New York und wunderte sich über die immense Wirkung, die diese zielgerichteten wenigen Minuten, die sie anfänglich darauf verwandte, schon nach wenigen Wochen hatten. Sie war nach den drei Geburten im Nu wieder genauso schlank wie vorher und darüber hinaus noch um einiges straffer. Dieser Trainer arbeitete auch für Heidi Klum und für die wandelnde Puderdose Ivana Trump, kostete diese eine Stange Geld für jede Stunde und Alyson hatte die Übungen in der BRIGITTE gelesen, der Zeitschrift, die sie seit ihren Teenager-Tagen immer gern las. Ihrer Schwester und ihrer Freundin Moni war die BRIGITTE oft zu feministisch, aber Alyson Philipps blieb ihrer persönlichen Meinung und Anschauung allgemein und jederzeit treu: wäre dieses Land jetzt komplett von Damen regiert, dann würde die Wirtschaft noch weit besser florieren, als sie es gerade tat. Per Gesetz waren auch in Deutschland nun alle Vorstands- und Aufsichtsratsposten zu fünfzig Prozent mit Damen zu besetzen, in der Realität haperte es aber noch ganz gewaltig bei den Kandidatinnen, sich solches überhaupt zuzutrauen und sich zur Verfügung zu stellen.
Nun, da konnte man zwar nichts erzwingen und forcieren. Ein Vorbild konnte man jedoch sein. Die Überwindung der Rest-Angst vor der Verwirklichung des realen Zieles, sich für einen Top-Job zu bewerben und ihn auch locker und sehr erfolgreich auszufüllen, war immer eine überaus reizvolle und erfüllende Lebensaufgabe der Menschen gewesen. Zu allen Zeiten.
Also, das Ziel auf jeden Fall im Auge behalten: Das Goldene Auto wunderbar realisieren. Schließlich hatte Aly es selbst in seiner Uraufführung beim alten Idsteiner in seinem Chor ihrer Heimatstadt Klünde mitgesungen und es war ein tolles Fest der Musik gewesen. Er komponierte jetzt immer noch fantastisch, das Goldene Auto war jedoch das Aufwändigste und Wirkungsvollste, das Alyson von ihm kannte.
Die Mozart-Konzerte einspielen war dagegen eine wesentlich intimere, dennoch traumhaft schöne Angelegenheit. Wie weit konnte ihr Büro jetzt mit den Verhandlungen mit Montefiori oder Lagaschin gediehen sein? Und später vielleicht John Cage auf den Spielplan und in die Aufnahmen-Pläne bringen. Eine eher anspruchsvolle und auf den ersten Blick wieder sperrige, dennoch in höchstem Maße faszinierende Aufgabe für sie.
Dean kam von seiner Dienst-Tour zurück und fand es wohl wieder genau wie immer. Angestrengt war er jedenfalls nie, wenn er zurückkehrte, sondern freute sich immer auf sie, auf sein Zuhause und sein ganzes Leben in Berlin.
Aly konnte getrost in ihren alten Citroen in seiner Muschel-Formin moccabraun steigen, den sie liebte wie ihren anderen Oldtimer, den feinen Jaguar, den sie und Dean abwechselnd durch die Stadt fuhren.
Normal hätten auch sie gern inländische Autos gefahren und die gefielen Dean und ihr sehr gut. Als kreative Persönlichkeit, die auch Dean in seinem wirklich und im wahrsten Wortsinn herausgehobenen Job sein musste, bevorzugten sie jedoch die selteneren Exemplare von Gefährten, die man auf den Straßen dieser alten Industriestadt nicht so häufig sah. Besonders Aly liebte den Citroen in seiner Form einer Jakobsmuschel oder einer Auster über alles und wenn der mal Macken hatte, half ihnen Herr Enkemann, ihr getreuer Allrounder im westfälischen Klünde, wo man immer überaus höflich und getreulich wunderbare Ergebnisse und fertig gestellte Arbeiten präsentierte.
Im Gegensatz zum Rest der Welt, so erschien es Alyson immer wieder, wenn sie sich einfach menschlich umsah und wieder hören musste, wie wenig Zielwasser die Menschen getrunken hatten, wie sehr sie sich zunächst durch Wenn und Aber von der Wirklichkeit ihrer Vorstellungen entfernten, bis ihnen jemand wie ein Enkemann oder ein Idsteiner vorführten, was eine perfekte Reparatur eines Oldtimers, noch dazu eines Ausländers oder die Komposition eines chicen Musicals faktisch waren. Befriedigung.
Ja, Aly ließ auf eine solide Arbeit nichts kommen und behandelte ihre Musiker dementsprechend. Im Orchester waren natürlich immer noch viel zu viel alte Herren und dazu taten die Renten-Regelungen ihr Übriges.
Aber das führte sowieso zu weit. Auf den Proben-Plan gehörten jetzt das Musical und, sowie sich die Solisten für die Mozart-Einspielung geäußert hatten, auch diese. Und dann nichts wie heran an die schöne Arbeit. Das Auto-Musical musste den älteren Semestern unter ihren Gentlemen im Orchester doch regelrecht hineinlaufen, dachte Aly.
Und dann war augenblicklich ihre Entspannung wichtig. Beim Schachspiel und bei den Kirsch-Übungen tat sie aktiv schon eine ganze Menge für sich. Jedoch kam es aus ihrem klaren Willen heraus und entspannte sie nicht einfach ohne ihr Dazutun. Vielleicht sollte sie mehr Fahrradfahren mit ihren Leuten oder schwimmen gehen. Wobei Ersteres eine einfache Sache war, der Gang in ein öffentliches Schwimmbad jedoch schon etwas schwieriger, aufwändiger und umfänglicher in ihrer Tages-Planung. Jedoch konnte sie auch hier eine einfache Programmierung finden: ich entspanne mich ganz einfach immer, wenn ich überhaupt angespannt worden bin. Was nichts anderes bedeutete, als dass sie sich nur selbst zu sehr angespannt hatte, ohne es gleich zu bemerken. Und das musste nach diesem netten, großen dienstlichen Gespräch mit Terruhn und der Merwarth doch eigentlich nicht mehr sein.
Nein, Alyson brauchte nicht einen einzigen Gang herunterschalten in ihrer Aktivität, konnte alles seinen eigenen Lauf nehmen lassen und beim Autofahren mit ihrem chicen Citroen konnte ihr doch völlig glasklar sein oder binnen kurzem klar werden, dass sie im Grunde und schon längst alles getan hatte, was für ihre Zielvorstellung wichtig war, sie hatte es schließlich beim auch heute noch jugendlichen Idsteiner gleich mitbekommen, der den alten Albert Schweitzer gern in dessen Eigenschaft als Organisten in seiner dienstlichen Haltung des: „ichschieße-meine-Böcke-vorher“ zitierte.
Und Alyson hatte im Grunde nicht die Risiken eines Instrumental-Solisten zu tragen, aus seinem Vortrag, seinem Spiel, plötzlich auszusteigen, um im absolut Negativsten alle seine Karriere-Perspektiven angstvoll zu vergessen, alle Ziele auszublenden wegen Wenn und Abers. Nein. Nicht so Alyson Philipps. Und auch nicht Dean Guilfoyle. Welche Kalamitäten dessen Branche immer vor Augen sein mussten, war von noch ganz anderer Dimension.
Alyson war frei in ihren Entscheidungen, in ihrer Tätigkeit. Und sollte ihr einmal mitten in einer Aufführung etwas zustoßen, ein gesundheitliches oder ein anderes Problem, würde sie es immer leicht und daher perfekt lösen. Sie konnte zusammenbrechen, ein Feuer konnte entstehen, ihr Solist oder ein anderer Musiker aus dem Orchester sterben, nichts war nicht unumkehrbar. In diesem Staat gab es für alles jedoch mehr als Hilfe. Auch gegen die Angst.
Jedoch versteckte die sich häufig in anderen Erscheinungen, in zu großer Anstrengung, zu hoher Erwartung, zu exakter Planung, in zu viel Vorhersehbarkeits-Zwang. Überhaupt in allem Zwang, der in sich immer ein Zuviel, ein zu-Oft, zu-Stark, zu-Sehr und zu-Übermächtig trug.
Ja, diese Übertreibungen immer. Dabei merkte es jeder doch sofort, selbst die kleine Inès begann schon damit, fragend zu schauen, wenn sie irgendetwas wollte und die anderen noch längst nicht soweit waren, immer noch an alten Anstrengungen klebten, es dem Kind viel zu lange dauerte, weil sie genau wusste, wann es genug war, weil sie es schon einmal erlebt hatte. Dann, wenn sie höflich fragte: „Nach hause gehen?“ Und zuerst ein Nein hören durfte, ein Kopfschütteln sah und mit einem „später gehen wir nach Hause“ abgespeist wurde. Es schien ihr auch nichts Besonderes auszumachen, jedoch war es sehr schmerzlich, die freundliche Initiative des kleinen Kindes abzulehnen, das sich nur gern beteiligen wollte, wie sie es kannte und dann, wenn es genug gewesen war, für sich sagte: jetzt gehen wir.
Und so begann Aly Philipps jetzt ihren Proben-Plan anzusetzen. Das Goldene Auto von Friedrich Idsteiner mit den schönen, großen Chören in Berlin und ihrem Orchester. Diese Musik war mit schmissig nur unzureichend beschrieben. Sie brachte einen Rausch, Musik-Freude in ihrer reichsten Form und Abwechslung, Leichtigkeit im Hören und war für Aly schon seit eh und je einfach himmlisch gewesen. Bei der Uraufführung hatte sie im Sopran neben Frau Idsteiner gesungen und sich soweit mitreißen lassen, am Schluss selbst kräftig mit zu applaudieren, was die schüchterne, zurückhaltende Dame, aus Berlin ursprünglich kommend, ein wenig abgewehrt hatte. In dieser Zeit war auch noch völlig undenkbar gewesen, dass Musiker selbst für einen Solisten, den Kompositeur oder einfach aus Freude an ihrer eigenen Teamarbeit mitklatschten.
Und dazwischen hatte Alyson das Stück eigentlich vergessen. Sie wusste über Idsteiner, dass er einen Schlaganfall erlitten und danach keine Triller mehr auf der großen Orgel, seinem Hauptinstrument, ausführen konnte. Dennoch konzertierte er mit fantastischen Improvisationskonzerten, seinem Hauptunterrichtsfach, und immer war er genial. Ein solider Arbeiter, der nichts dem Zufallsfehler überlassen wollte. Dennoch waren Alyson selbst bei ihm einige Registrierfehler unterlaufen, die ihr längere Zeit danach immer noch tüchtig zu schaffen gemacht hatten. Auch hatte er ihr bei einem Weihnachtskonzert in Berlins Gedächtniskirche, das sie privat besucht hatte, ihre vier Wunsch-Choräle einfach abgelehnt, obwohl es doch ein Wunsch-Konzert war. Das hätte der alte Bach auch nicht gemacht, ließ er von seinem Platz aus an sie auf der Empore ausrichten.
Und so setzte Alyson ihre Premiere seines Musicals an und danach zehn Vorstellungen. Nun blieb nur noch die Frage offen, wer wollte und konnte ihre Mozart-Konzerte einspielen? Bis jetzt hatte ihr Büro noch nicht ansatzweise ein Ergebnis. Und das war immer sehr wichtig für ihre Planungen. Ohne etwas zu überstürzen konnte sie nun doch nach irgendeiner Äußerung fragen, sie waren schließlich nicht irgendein Orchester der Welt und unter Berücksichtigung dieses Sachverhalts konnte nun langsam eine Entscheidung bei den Solisten fallen. Mein Gott, dachte Aly, wenn ich Solist wäre, würde ich keine Sekunde zögern, hier zuzusagen, aber sei‘s drum. Wahrscheinlich waren die Beweggründe dieser sensiblen Künstler entweder wesentlich profaner, als man glauben mochte oder deren Termine wirklich so, dass nichts mehr drin lag. Und dann wäre eine klare Absage wirklich fair gewesen.
Aly drehte sich im Garten auf ihrem Liegestuhl dennoch einfach auf die andere Seite, um ein bisschen braun zu werden und vergaß das Thema wieder. Sie hörten gerade eine schöne Dixieland-CD mit dem alten Phil Baxter und Charles Dornberger mit dem Tiger Rag.
Als nächstes interessierte sie ja auch John Cage und sein Cembalo-Konzert, um ihre Orchester-Leute ein wenig zu reizen, sie auf eine unmerkliche Palme zu bringen, bei all ihren versammelten Ängsten vor der Überforderung mit diesem Werk.
Sie würde es schon hinbiegen, ihre Musiker zu motivieren, so wie sie den alten Bauer anfangs überzeugt hatte, was dessen Kollegen und einige Mitarbeiter in der Konzert-Verwaltung auch sehr erstaunt hatte. Und Aly selbst hatte es jedes Mal gefreut, wie freundlich er ihr zugehört hatte und wie er langsam, aber sicher, immer mehr auf ihre Seite gekommen war.
Auch sie profitierte inzwischen sehr von seinen Gesprächen, seinen Hinweisen und Hilfen, wie sie in der neuen Stadt mit der neuen Aufgabe besser zurechtkam. Als sie ihm einmal ihr Unverständnis wegen einer Berichterstattung in einer Zeitung vortrug, war er es gewesen, der ihr zugeflüstert hatte: „…wenn man Angst hat, die ist wirklich besser …“ Aly hatte erst später verstanden, wen er wirklich gemeint hatte: sie selbst war es, die dieser Stadt und ihren Journalisten ein wenig Angst machte und ihren Neid schürte. Das hatte der gute Bauer ihr ein für alle Mal vermittelt in seiner leisen Art und feinem Auftreten.
Ferdinand Bauer wirkte immer prima, gab ein gepflegtes Bild eines Orchester-Musikers ab und spielte zuverlässig genau so, wie sie die Musik auffasste, sie ihren Leute anzeigte und ein Klang-Erlebnis schuf, das sich den Zuhörern einschließlich der Zeitungs-Leute einprägte. Ja, den erst so skeptischen Bauer mochte sie einfach. Nicht einmal nur deswegen, weil sie diesen Senior in ihrem Club so geduldig und erfolgreich hatte überzeugen können. Nein, er war einfach ein guter Typ in ihrer Truppe.
Alyson hatte die Journaille aus Hamburg noch als recht anders in Erinnerung. Die Atmosphäre war dort eben hanseatischer und gehobener als im industriellen Berlin. Der Hauptstadt-Stil war wenig verhalten und diese Schickse von Warnkross von der Tageszeitung eine offene Zicke schon am Telefon gewesen. So verhielt man sich in Hamburg keinesfalls. Es war für Alyson recht neu und sie wollte sich auch nicht daran gewöhnen, blieb immer sachlich und höflich und ließ sich auch auf Musiker-Intrigen nach bester Möglichkeit nicht ein.
Ihre Schwester Susanne hatte ihr eingeschärft: “es ist am besten, sich dann zu ducken und diese Leute vor die Wand laufen zu lassen.“ Ein hilfreicher Rat von Susanne, der ihr damals geholfen hatte und sie auch weiter durchtrug. Diese Schwester kannte sich natürlich in der Welt aus, war Medizinerin und hatte entscheidend dazu beigetragen, die Augen-Forschung so weit zu bringen, dass viele Blinde hierzulande jetzt wiedersehen konnten.
Auch Gehörlosen konnte schon seit längerem geholfen werden und so war Aly in der Lage, die gesamte Saalausstattung für Zuhörer mit schwachem Gehör auszurangieren, es als Hilfe für Entwicklungs-Länder zu stiften, in denen der medizinische Standard denn doch noch nicht so ganz der gleiche war wie in den alten Industrie-Ländern der hochentwickelten Hemisphäre.
Ja, sie könnten auch einmal eine Tournee mit Idsteiners Musicals in die ärmsten Länder Afrikas ansetzen, dachte Aly gerade. Burundi, Burkina Faso und der Sudan hatten es nach wie vor wohl immer noch bitternötig, obwohl auch dort reiche Bodenschätze lagerten und auf jeden Fall genügend Grundwasser vorhanden war, jedoch hier wie dort ständig etliche faule Ausreden vorgeschoben wurden, es sei sehr schwierig daranzukommen.
Auf jeden Fall konnten sie nun alle alten Hörhilfen ihrer Bühnen stiften, mussten es längst nicht so großartig der Presse stecken, um gut auszusehen, nein, eine kleine Einladung an Vertreter von Hilfs-Organisationen reichte völlig aus, um diese Dinge unter die Leute zu bringen.
Und dann konnte Alyson sich wieder entspannen, Udo Jürgens‘ „Der Mann mit dem Fagott“ lesen. Jedoch fing auch der wieder bei Adam und Eva an. Sein Großvater wurde breitgewalzt und das war Alyson einfach zu langweilig. Die Zukunft war doch sehr klar zu gestalten und diese Aufgabe erfüllte sie mit so großer Anregung, dass sie auch die Biographie der schönen Senta Berger nach einigen Seiten Großvater aus der Hand gelegt hatte. Zugegeben, auch sie selbst hatte ihren Großvater auch oder gerade unbekannterweise sehr geliebt. Dennoch würde sie ihn nie so weit mit sich schleppen, dass die Gegenwart davon überdeckt wurde. Nein, solche Künstler-Biographien waren nicht ihr Ding.
Sie zählte nach: wer waren inländische Repräsentanten der unterhaltenden Branche, die im Land mit Anspruch komponierten, schauspielerten und, was am wichtigsten war, diese schönen Filme und die Unterhaltungs-Musik zunächst einmal schrieben. Udo Jürgens gehörte schon dazu und Aly selbst war seit ihrer Jugend ein Fan. „Du gingst vorbei“ hatte sie als Schülerin tausendmal gehört. Es war zu der Zeit gewesen, als sie bei Idsteiner Chor-Sängerin in Klünde war. Sie hatten das Udo-Jürgens-Konzert besucht und ihre Mutter ihm einen Rosenstrauß zugeworfen. Die trug einen schwarzen Blazer mit rotem Seidenfutter, den sie ihm abgeschaut hatte. So elegant war man eben in der westfälischen Provinz. Schneiderin Luzie erledigte solche Aufträge immer sofort und Alys Mutter erwähnte es nur einmal beiläufig beim Fernsehen: „solch einen Blazer habe ich doch schon längst.“
Und Alyson fiel ein, welch sehenswerte Schauspielerinnen dieses Land ästhetisch doch aufbot: die schönen Buschhorn und Lanz, Landgrebe und die Thomallas, die Schwestern Kling und Plathe repräsentierten einen wirklich sehr feinen Frauen-Typ, der häufig aus der früheren DDR kam, einem ansonsten architektonisch eher leidigen Thema, das Aly in Berlin immer wieder neu vor Augen hatte.
Nun, auch die deutschen Fernseh-Filme ließen sich sehen. Sie waren in ihrer Art auf keinen Fall so wie die amerikanischen Meister-Werke in den Spielfilmen mit Tom Hanks, Richard Gere und Meg Ryan. Von Julia Roberts, besonders in Erin Brockovitch gar nicht erst zu reden.
Nein, die Film-Produktion war und blieb hier immer eine Nummer kleiner, trotz der feinen Darsteller wie einem Michael Au, Haio Stetten, Henning Baum und René Steinke. Man drehte jedoch nur zu gern und zu oft Szenen der deutschen Häuslichkeit, in denen sich die Helden gründlich die Zähne putzten und Wasser ausspien, um damit Alltäglichkeit zu transportieren. Dieses war in anderen Ländern ein Unding und genauso unmöglich, wie die Tatsache, sich zunächst eine Mauer durch die ganze Stadt vor die Nase setzen zu lassen, um sie dann auch wieder einzureißen.
