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Nichts beeinflusst Schicksal tiefgreifender und nachhaltiger als Krankheit. Gelegentlich macht auch das Schicksal krank. Wie gehen Menschen damit um, und wer entscheidet, wann Gesundheit aufhört und Kranksein beginnt? Diese Frage beantwortet nicht alleine der Arzt, sondern auch der Patient selber. Der eine könnte noch, will aber nicht mehr. Sein Zipperlein weitet sich zum Leiden aus. Der andere kann nicht mehr richtig, müht sich aber redlich. Er will noch mit dazu gehören. Die hier präsentierten dreißig Episoden greifen dieses Spannungsfeld auf. Es geht um Leid und Wünsche, Geduld und Geld, um große und kleine Helden oder Schurken auf der Seite der Patienten, aber auch bei den Ärzten. Dr. K. ist ein Arzt, der den Zenit seiner beruflichen Karriere überschritten hat. Er befindet sich in einem Alter, in dem andere schon längst ihren Altersruhestand pflegen. Er hat den harten Praxisalltag hinter sich gelassen. Geblieben ist ihm der Gutachterjob. Jetzt steht ihm mehr Zeit denn je zur Verfügung, um ausführliche Anamnesen zu erheben. Dabei entdeckt er das eingehende Gespräch mit dem Patienten als Diagnoseinstrument für sich neu. Und es befallen ihn aber auch Zweifel, ob er mit seiner Einschätzung zum Könnenwollen immer ganz richtig liegt.
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Seitenzahl: 253
Veröffentlichungsjahr: 2012
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Prolog
1. Lerchen-Syndrom
2. Sternhagel
3. Das teuerste Hobby der Welt
4. Sitzprotest
5. Es kam eins zum anderen
6. TUR-P
7. Und es war genau so…
8. Ausgangssituation
9. Scheiß Krebs
10. Frau G. gegen Herrn Dr. G.
11. Analitäten
12. Grenzdosis
13. Gekränkter Knüppel
14. Herr des Verfahrens
15. Baggerführer
16. Riesterrente
17. Glück im Unglück
18. Fehlerhafte Kunst
19. Hobbykoch
20. Kollateralen
21. Brunhilde
22. Bleisatz
23. Plasmozytom
24. Hausbesuche
25. Tierfreund
26. Freitag
27. Fortune
28. Wildecker Herzbube und -dame
29. Meat Packing District
30. Recht und Gerechtigkeit
Nichts beeinflusst Schicksal tiefgreifender und nachhaltiger als Krankheit. Gelegentlich macht auch das Schicksal krank. Wie gehen Menschen damit um, und wer entscheidet, wann Gesundheit aufhört und Kranksein beginnt? Diese Frage beantwortet nicht alleine der Arzt, sondern auch der Patient selber. Der eine könnte noch, will aber nicht mehr. Sein Zipperlein weitet sich zum Leiden aus. Der andere kann nicht mehr richtig, müht sich aber redlich. Er will noch mit dazu gehören. Die hier präsentierten dreißig Episoden greifen dieses Spannungsfeld auf. Es geht um Leid und Wünsche, Geduld und Geld, um große und kleine Helden oder Schurken auf der Seite der Patienten, aber auch bei den Ärzten. Die Grundlage der ärztlichen Kunst besteht im Untersuchen nicht nur des Körpers, sondern auch der Seele und des sozialen Umfelds der Patienten. Das erfordert viel Zeit, die heutzutage kaum ein Arzt hat. Bei gleichen Ausgangsbedingungen können so ganz unterschiedliche sozialmedizinische Beurteilungen entstehen. Die hängen nicht nur davon ab, was den Patienten quält und was er erzählt, sondern auch von der Tagesform des Arztes. Dargestellt werden die Grenzen der Medizin, die Insuffizienz ärztlichen Handelns, fatale Ignoranz im Banne der medizinischen Spezialisierung sowie Quacksalberei und mangelnde Erfahrung vor dem Hintergrund von Ressortdenken. So entsteht schlaglichtartig ein Sittengemälde unseres derzeitigen medizinischen Versorgungssystems.
Dr. K. ist ein Arzt, der den Zenit seiner beruflichen Karriere überschritten hat. Er befindet sich in einem Alter, in dem andere schon längst ihren Altersruhestand pflegen. Er hat den harten Praxisalltag hinter sich gelassen. Geblieben ist ihm der Gutachterjob. Jetzt steht ihm mehr Zeit denn je zur Verfügung, um ausführliche Anamnesen zu erheben. Dabei entdeckt er das eingehende Gespräch mit dem Patienten als Diagnoseinstrument für sich neu. Und es befallen ihn aber auch Zweifel, ob er mit seiner Einschätzung zum Könnenwollen immer ganz richtig liegt.
Die in diesem Buch erzählten Fallbeschreibungen entstammen der Wirklichkeit und der Fantasie des Autors. Einige Episoden sind so passiert, andere sind ausgedacht, haben aber immer einen realen Bezug. Alle Geschichten sind hinsichtlich Name, Ort und Handlung so verfremdet, dass die Persönlichkeitsrechte der Akteure strikt gewahrt bleiben. Ähnlichkeiten mit lebenden Personen sind Zufall und nicht gewollt.
Dieser Patient sammelte gleich am Anfang Minuspunkte bei K. Er schlurfte über das sorgsam gepflegte alte Eichenholzparkett. Man hörte und sah es ganz deutlich. Jeder Schritt bedeutete einen Kratzer in K.s Wertemuster, in dem der Respekt vor altehrwürdiger Bausubstanz einen hohen Stellenwert genoss.
Irgendwie bemerkte der Patient K.s skeptischen Blick und die hochgezogenen Augenbrauen. „Ich habe keinen Parkplatz gefunden. Ich musste ungefähr zweihundert Meter laufen“, sagte er und ließ sich in den Stuhl fallen.
Ja und, zweihundert Meter, was ist das schon, dachte sich K. und musterte den kleinen dürren Mann etwas näher. Luftnot schien ihn nicht zu plagen. Er hatte ein Kurzarmhemd an. Aus den Ärmeln ragten Ärmchen hervor, braun gebrannt, aber dünn, sehr dünn, wie Hähnchenschenkel. Die mickrigen Muskelpartien vibrierten.
„Ist Ihnen kalt?“, fragte K.
„Nein, eigentlich nicht.“
Der Mann kam K. eigenartig abwesend vor. Er schob ein paar Unterlagen rüber. „Ich habe ein Lerchen-Syndrom“, sagte er, so als würde er an einer Erkältungskrankheit leiden.
„Aha“, parierte K., ohne auch nur die geringste Vorstellung davon zu haben, was ein Lerchen-Syndrom sein könnte.
„Warum sind Sie denn so klapperdürr?“, fragte K. mit gespielter Anteilnahme.
„Seit ein paar Monaten habe ich keinen Appetit. In der Zeit habe ich knapp zehn Kilo an Gewicht verloren.“
„Und das bei Ihrer Größe“, staunte K. Der Mann war gerade mal eins sechzig groß.
„Ja, und vorher kam das mit der Gehbehinderung, schon vor ein paar Jahren. Mir taten die Unterschenkel weh, auch die Oberschenkel. Es war so ein Ziehen. Ich musste nach immer kürzeren Gehstrecken stehen bleiben.“
„Also so eine Art Schaufensterkrankheit“, sagte K.
„Ja, so haben es die Ärzte genannt. Gaudiatio interruptus, oder so ähnlich.“
„Claudicatio intermittens meinen Sie sicherlich.“
„Ja, richtig.“
Zwischenzeitlich hatte K. nebenher Lerchen-Syndrom bei Wikipedia eingegeben. Er stieß auf Leriche-Syndrom. Er las, dass der Erstbeschreiber der französische Chirurg René Leriche gewesen war. Es handelte sich dabei um einen vollständigen Verschluss der Bauchschlagader und zwar oberhalb der Stelle, an der sich das wichtigste Blutgefäß beim Menschen in die zwei Beinarterien aufspaltet. Das ist aber mit dem Leben nur schlecht vereinbar, dachte sich K., dem Mann müssten zumindest die Beine abgefallen sein.
„Das kommt von Ihrem Leriche-Syndrom“, sagte K., nunmehr als Wissender.
Der Mann schaute ihn traurig an und wurde in seinen Bewegungen leicht fahrig.
„Rauchen Sie?“, fragte K.
Es kam ein unsicheres „Ja“ mit einer gequälten Verwindung des Oberkörpers. Natürlich wusste der Mann, dass das inhalative Tabakrauchen der wichtigste Risikofaktor für seine Grunderkrankung war.
„Wieviel?“ K.s Frage stand schneidend im Raum.
Der Mann tat so als, wenn er rechnen müsste. „Weniger als zwanzig“, antwortete er.
„Alkohol und Nikotin rafft die halbe Menschheit hin. Aber: Ohne Schnaps und ohne Rauch stirbt die andere Hälfte auch, pflegte mein Großvater immer zu sagen, wenn er genüsslich an seinem Rotweinglas nippte und sich eine Zigarre anzündete.“ K. wollte mit diesem volkstümlichen Erfahrungsspruch versöhnlich stimmen und vorfühlen, wie es denn mit dem Saufen stand.
Der Mann reagierte hektisch. „Ich trinke keinen Schnaps.“
„Und wie sieht es aus es mit anderen alkoholischen Getränken?“
„Vor Jahren hatte ich mal eine Phase, private Schwierigkeiten, da war es etwas mehr.“
„Wieviel?“
Wieder sah es so aus, als wenn er ganz neu kalkulieren müsste. Zögernd kam die Antwort. „So acht bis zehn Flaschen waren es dann doch.“
„Bier pro Tag?“
„Ja, nur Bier. Aber nach sechs Wochen stationärem Entzug war ich über den Berg.“
„Sie meinen, Sie sind seitdem trocken.“
„Absolut.“
K. entdeckte in den spärlich vorhandenen medizinischen Unterlagen Angaben zu den Leberenzymaktivitäten. Sie waren leichtgradig erhöht, was nicht unbedingt für übermäßigen Alkoholkonsum sprechen musste. Das mittlere korpuskuläre Erythrozytenvolumen, kurz MCV, lag jedenfalls im oberen Streubereich der Norm. Erhöhungen dieses Parameters weisen auf einen schon länger bestehenden Alkoholabusus hin. Letztlich war es auch egal, ob der Mann soff. Entscheidend für die Gefäßerkrankung war das Rauchen.
Bei dem Patienten war nicht nur die Aorta verstopft, sondern auch eine Nierenarterie. Die Blutzufuhr zur kontralateralen Niere war nur dadurch einigermaßen gesichert, weil es sich hier um eine Gefäßanomalie mit einer arteriellen Doppelversorgung handelte.
„Sie haben noch etwas Glück im Unglück gehabt. Sie haben die chronische Variante des Leriche-Syndroms. Der Verschluss in der Bauchschlagader hat sich schleichend entwickelt. So hatte Ihr Arteriensystem Gelegenheit, Umgehungskreisläufe zu entwickeln. Der Radiologe beschreibt in seiner Magnetresonanz-Angiographie Kollateralenbildungen über die Bauchwand- und die Lumbalarterien. Das ist aber letztendlich so, als wenn es beim Wasserwerk keine Hauptleitung gibt, sondern das ganze Wasser ab dem Ursprungsort über dünne Rohre zum Verbraucher geleitet wird. Das kommt schon an, aber halt langsamer und mit weniger Druck.“
Als sich der Mann auszog, damit K. ihn untersuchen konnte, zeigte sich ein erbärmliches Bild. Der Patient stand wacklig auf den Beinen, dünn wie Streichhölzer. Die Schlüsselbeine traten hervor wie Haltegriffe . Die Halsmuskulatur existierte so gut wie gar nicht mehr. Er zitterte wie Espenlaub. Das Herz raste und der Blutdruck lag trotz Untergewicht bei 210/120 mmHg. Die Fußpulse waren nicht mehr tastbar.
Ich muss aufpassen, dass mir der hier nicht in meiner Praxis abschmiert, dachte sich K. und ging ganz behutsam vor. „Machen Sie langsam, ich habe viel Zeit“, beruhigte er.
Nachdem sich das Häuflein Elend wieder angezogen hatte, nahm der Mann die Stufen zwischen Untersuchungsraum im Souterrain und Besprechungszimmer im Erdgeschoss recht zügig. Das gelang aber nur dadurch, dass er sich am Handlauf hoch zog. Oben aber musste er sich sofort hinsetzen, weil ihm die Beine den Dienst versagten.
„Es ist völlig illusorisch, dass Sie wieder arbeitsfähig werden“, stellte K. fest. „Es ist für mich sowieso schleierhaft, wie Sie so lange Ihren Job als Lagerist durchhalten konnten. Da hilft nur noch eine Operation.“
„Die Wegstrecken im Lager waren nicht so lang. Ich bin auch viel Stapler gefahren. Wenn schwere Sachen zu heben waren, dann hat man mir geholfen.“
„Warum sind Sie denn erst so spät zum Spezialisten gegangen? Sie kennen doch schon seit Jahren Ihre Grunderkrankung.“
„Mein Hausarzt hat gesagt, dass wir das schon hinkriegen würden.“
„Wissen Sie was, möglicherweise ist es jetzt zu spät. Ihre Appetitlosigkeit kommt von der Minderdurchblutung Ihrer Darmgefäße. Sie sind dadurch an den Rand einer Kachexie gekommen, denkbar schlechte Voraussetzung dafür, eine Operation zu überstehen. Bei Ihnen muss eine sogenannte Y-Prothese eingesetzt werden, das heißt, es wird der verstopfte Teil der Aorta mit den daran hängenden Anfangspartien der Beinarterien durch ein künstliches Gefäßstück ersetzt. Was nicht ganz ungefährlich ist. Durch die plötzlich wieder ungehinderte Durchblutung kann sich ein sog. Postischämiesyndrom entwickeln. Dabei kommt es zum Schock oder zum Nierenversagen. Ich weiß nicht, ob Sie einen Gefäßchirurgen finden, der sich bei Ihrem Ernährungszustand an eine so schwierige Operation heran wagt.“
Obwohl, dachte sich K., irgendwo gibt es immer einen Chirurgen, der sich so mächtig fühlt, dass er das Risiko eingeht, der Patient muss nur ja sagen. Doch im vorliegenden Fall bezweifelte K., dass seitens des Patienten Bereitschaft für einen operativen Eingriff bestand. Der Mann würde sich draußen erst mal eine Zigarette anzünden und zu Hause einen Schluck aus der Pulle nehmen. Und K. konnte ihm das bei der schlechten Prognose auch gar nicht verübeln.
Wenn er doch nur die Fersen etwas anheben könnte, wünschte sich K., als der Mann aus der Praxis hinaus hatschte.
Der Mann war groß, kräftig und braun gebrannt. Die leicht gelockten brunetten Haare hatte er streng nach hinten gekämmt. Durch die tiefen Geheimratsecken entstand der Eindruck einer flach gelegten Irokesenfrisur. Der Bart war nach Manier eines D’Artagnan gestutzt. Er hatte eng anliegende Handschuhe an, blau und teilweise mit abgeschnittenen Fingerenden. Er trug nagelneue Sneaker von Ascis und lief irgendwie schwer.
„Wir wohnen direkt am Waldrand“, sagte er. „Das ist ideal für unsere Hündin, ein Weimaranerweibchen. Nur ein paar Schritte, und sie ist in der Natur. Sie ist die ganze Zeit dabei herumzuschnüffeln und Fährten aufzunehmen. Ein Paradies. Und dann kam die kälteste Nacht des Jahres. Es hatte noch dazu ausgiebig geschneit. Der Schnee, das war etwas völlig Neues für sie. Sie spielte damit, warf Schneeschollen mit ihrer Schnauze nach oben, leckte das Eis und war außer Rand und Band. Als ich in unser Haus zurückkehrte, hatte sich meine Frau bereits zu Bett begeben. Sie hatte schon den ganzen Tag lang über Migräne geklagt. Ich setzte mich vor den Fernseher, es lief Wetten dass. Als die Sendung rum war, ging ich auf die Terrasse, um noch eine zu rauchen. Ich schaute hinauf zum Himmel und war überwältigt von der Sternenpracht. Noch nie hatte ich so viele Lichter am Firmament gesehen. Die Streustrahlung der zwei Großstädte in der näheren Umgebung war in dieser Nacht geringer als sonst. Ich schaute auf das Außenthermometer. Es zeigte minus 21 Grad an. Und da kam mir die romantische Idee, in dieser hinreißenden Nacht noch einen Spaziergang zu machen. Ich zog mich also warm an und nahm einen Schluck aus der Flasche, um sozusagen auch etwas innere Wärme zu tanken.“
„Was war das denn für eine Flasche?“
„Es war ein Zwetschgenschnaps. Die Flasche stand schon ewig bei uns in der Vitrine. Ich trinke so gut wie nichts, höchstens zu Geburtstagen oder zu Weihnachten, aber auch dann nicht mehr als ein, zwei Gläser Bier oder Wein.“
„Und was war Ihr Plan?“
„Ich hatte keinen richtigen Plan. Da war nur das Bedürfnis nach Naturerleben. Mein Vater war Angler und mein Großvater war Jäger. Die Naturverbundenheit liegt mir im Blut. Ich nahm also noch einmal den Weg, den ich vorher mit dem Hund gegangen war. Der Himmel war unbeschreiblich.“
„Und wo war die Schnapsflasche?“
„Die hatte ich in die Manteltasche gesteckt, für unterwegs. Vielleicht noch einen Schluck zum Aufwärmen.“
„Was war das denn für eine Flasche, ein kleiner Flachmann?“
„Nö, wie soll ich sagen, das war eine normale Schnapsflasche mit 0,33 Litern Inhalt.“
„Okay, eine ungewöhnliche Größe. Und was passierte dann?“
„Am Ende des Parcours befindet sich eine Bank. Auf die habe ich mich gesetzt und fasziniert den Sternenhimmel betrachtet.“
„Wie viele Kilometer ist denn die Bank von Ihrem Haus aus entfernt?“
„Das kann ich nicht genau sagen. Vielleicht einen Kilometer oder zwei.“
„So, und dann haben Sie noch einmal in die Flasche geschaut.“
„Kann sein, dass ich einen weiteren Schluck genommen habe. Jedenfalls ist die Bank das Letzte, an das ich mich erinnern kann. Erst drei Tage später wachte ich auf. Ich lag auf der Intensivstation.“
„Was war in der Zwischenzeit passiert?“
„Ich weiß es nicht genau. Ich kann mich nur auf die Aussagen von anderen Personen stützen. Ein Spaziergänger fand mich am nächsten Morgen im Wald. Ich lag im Schnee. Auf meiner Jacke fand sich Erbrochenes. Das sprach für eine Gehirnerschütterung.“
„Eine Gehirnerschütterung? Hat man denn eine Kopfverletzung gesehen?“
„Da war gar nicht nachgeschaut worden.“
„Mh, wissen Sie, was eine ziemlich sichere Methode ist, einiger maßen kommod aus dem Leben zu scheiden?“
„Nein.“
„Sie lassen sich volllaufen und gehen dann in die Kälte hinaus. Zunächst sorgt der Alkohol dafür, dass Ihre Haut besser durchblutet wird. Sie fühlen sich trotz Minustemperaturen behaglich. Die Wärmezufuhr aus dem Körperinneren erschöpft sich aber. Im weitern Verlauf kommt es unweigerlich zur Unterkühlung. Müdigkeit und Benommenheit begünstigen einen unkritischen Umgang mit der prekären Situation. Man legt sich hin und wenn man aufwacht, ist man tot.“
„Interessant, das wusste ich bislang noch nicht. In der Klinik stellten sie aber fest, dass ich mir große Blutergüsse an meiner linken Flanke zugezogen hatte. Zusammen mit der Gehirnerschütterung sprach das alles für einen Sturz. Irgendeine Spurrinne oder ein Ast unter der Schneedecke.“
„Wie auch immer, es ist nicht meine Aufgabe Kausalanalysen durchzuführen. Wie ging es weiter?“
„Der Spaziergänger informierte die Notrufzentrale. Der Notarzt versuchte, mich zu reanimieren, beziehungsweise meinen darniederliegenden Kreislauf wieder anzukurbeln. Es kam zu Komplikationen, weil vermehrt kaltes peripheres Blut in die zentrale Blutbahn gelangte. Das senkte die Körperkerntemperatur noch weiter ab. Sie sagten mir, dass die bei 23 Grad gelegen hätte. Es trat mehrfach Kammerflimmern auf. In der Intensivstation wurde ich in ein künstliches Koma versetzt und an so eine Art Herz-Lungen-Maschine angeschlossen.“
„Das war sicherlich die extrakorporale Membranoxygenierung. Damit kann man den Körper mit Sauerstoff versorgen und das angefallene Kohlendioxid ableiten. Außerdem gelingt die langsame Steigerung der Körperkerntemperatur. Da haben Sie aber Glück gehabt, dass die in der Klinik eine solche Maschine parat hatten.“
„Ja, da habe ich großes Glück gehabt. Und dann hatte ich noch mal Glück. Als ich nach vier Tagen von der Intensivstation auf die normale Station verlegt wurde, sagten mir die Ärzte, dass mir wahrscheinlich beide Hände und beide Füße abgenommen werden müssten. Ich hatte mir Erfrierungen dritten Grades zugezogen. Die letzte Entscheidung bezüglich der Amputationen würde man aber gerne den Kollegen in der Klinik für Schwerbrandverletzte überlassen, sagten sie. Also wurde ich verlegt. In der Spezialklinik lag ich dann insgesamt zwei Monate.“
„Tja, das ist schon paradox, dass die Behandlungsmethoden von schweren Verbrennungen ähnlich denjenigen bei Erfrierungen sind.—Na, dann zeigen Sie doch mal, was da rausgekommen ist.“
Der Mann hatte große Mühe, die Handschuhe abzustreifen. Er arbeitete vorrangig mit den Daumen. Die Greiffunktion der Finger war stark eingeschränkt.
„Das sind speziell angefertigte Kompressionshandschuhe“, keuchte er. „Die habe ich auch noch in schwarz.“
Zum Vorschein kamen Finger mit Beuge- und Streckkontrakturen, teilweise ihrer Endglieder beraubt und mit unterschiedlich pigmentierten Hautarealen.
„Es musste Einiges amputiert werden. Es waren zahlreiche Spaltlappenübertragungen erforderlich. Die Haut haben sie am Oberschenkel abgehobelt.“
Er versuchte die Finger zu beugen und zu strecken. Das gelang nur gegen erhöhte innere Widerstände und verursachte offensichtlich Schmerzen. Der rechte Mittelfinger war am Kuppenstumpf prall aufgetrieben. Er drückte auf die Schwellung. Es entleerte sich gelblicher Eiter.
„Hier riechen Sie mal.“ Er hielt K. den Finger unter die Nase. „Stinkt, oder?“
„Da steckt eine Infektion drin. Da muss dringend was gemacht werden. Sonst besteht die Gefahr, dass sich die Entzündung über die ganze Hand ausbreitet“, mahnte K. und wandte sich leicht angeekelt ab.
„Und das Schlimmste sind die Phantomschmerzen, teilweise schrill wie elektrischer Strom und dann wieder dumpf, wie ein Hammerschlag. Sie kommen immer dann besonders stark, wenn ich mich hinlege. Ich kann dann stundenlang nicht einschlafen. Einige Stellen sind auch weitgehend gefühllos.“
Er konnte für jeden einzelnen Abschnitt seiner malträtierten Finger einen sensorischen Zustandbericht abgeben. Endlich schlugen ihm die Aufmerksamkeit und Fürsorge entgegen, die er sich immer erträumt hatte. Man hörte ihm zu, der Physiotherapeut kümmerte sich zweimal die Woche um ihn, bei den Nachschauterminen in der Spezialklinik hatte der Chefarzt immer Zeit für ihn. In der Vorlesung über Wiederherstellungschirurgie war er ein Starpatient, den man gerne als Profiteur der modernen Medizin präsentierte.
„Und wie sehen die Füße aus?“, fragte K.
Es war ein Elend, ihn zu beobachten, wie er mit seinen starren und kraftlosen Fingern versuchte, die äußerst straff anliegenden Kompressionssocken abzustreifen.
„Die Zehen hat es nicht so stark erwischt. Es mussten nur die Endglieder an den beiden Großzehen abgenommen werden. Auch die Beweglichkeit aller Zehen ist deutlich besser, als an den Fingern.“
„Okay, dann können Sie Strümpfe und Handschuhe wieder anziehen.“
„Die Socken kriege ich hier nicht an. Das geht zu Hause nur an einer ganz bestimmten Stelle, wo ich die Füße hoch setzen kann.“
„Wie sieht es denn mit Schreiben aus?“
„Das geht nur schwer.“
„Hier haben Sie Papier und Kugelschreiber. Schreiben Sie: Ich kann nur schwer schreiben.“
Er fasste den Kuli nur mit Daumen und Zeigefinger, sondern er setzte alle Finger der rechten Hand ein. Schwerfällig führte er das Schreibgerät über das Papier und bekam nur eine krakelige, kaum lesbare Schrift hin.
„Und wie steht es mit der Bedienung der PC-Tastatur? Als IT-Systemberater ist das Ihr Instrument, was Sie vorrangig bespielen müssen.“
„Das geht nur mit den Daumen.“
„Und dann gibt es da—verzeihen Sie, aber auch darüber müssen wir reden—ästhetische Vorbehalte. Wenn Sie mit Ihren blauen oder schwarzen Handschuhen auftreten, wird sich jeder fragen, was der zu verbergen hat. Und wenn Sie die Handschuhe ausziehen, dann assoziiert man die Verunstaltungen Ihrer Finger mit Krankheit und Verfall, wie bei einem Leprakranken. Bei jedem Bewerbungsgespräch werden Ihre Hände im Mittelpunkt stehen. 70 Prozent der zwischenmenschlichen Kommunikation verlaufen nonverbal. Mimik und Gestik und hier wiederum die Hände bestimmen den Informationsaustausch.“
„Darüber habe ich noch gar nicht nachgedacht.“
„Klar, verstehe ich, momentan sind Sie noch voll und ganz damit beschäftigt, den entstandenen Körperschaden wieder einigermaßen zu beheben. Aber Sie sind jetzt 53 Jahre. Das ist ein Alter, in dem man in Ihrer Branche bereits zum alten Eisen zählt.“
Er hatte seine Firma aufgeben müssen. Die Auftragslage hatte sich miserabel entwickelt. Nicht, dass es in seinem Geschäftsfeld nicht genug zu tun gegeben hätte, aber gegenüber den großen IT-Beratungsfirmen verlor er immer mehr Land. Die Lösungen wurden immer komplexer und es wurde überregionale Präsenz gefordert. Da konnte er nicht mehr mithalten und schmiss hin. Froh war er gewesen, als er nur wenige Wochen später bei einem der Großen in der Branche eine Anstellung fand.
Doch Fortuna war ihm nicht lange hold. Er faxte seiner privaten Krankenversicherung ein Attest seines Hausarztes, in dem eine Erkrankung nach dem ICD-Code mit F 32.2 verschlüsselt worden war. Dummerweise verwendete er dazu das Faxgerät in der Firma. Irgendwie fiel das in einem Faxprotokoll auf und sein Vorgesetzter entschlüsselte den Code. Der stand für eine depressive Episode mit Verlust des Selbstwertgefühls sowie Gefühle von Wertlosigkeit und Schuld mit häufig auftretenden Suizidhandlungen. Noch in der Probezeit wurde ihm gekündigt. Vorgeworfen wurde ihm Untreue gegenüber dem Arbeitgeber. Der eigentliche Kündigungsgrund aber war natürlich die fatale Diagnose. So einer macht auf Dauer nur Probleme. Tatsächlich war bei ihm in Zusammenhang mit seinem vorangegangenen beruflichen Crash ein depressiver Schub aufgetreten. Sein Vater hatte sich mit Anfang vierzig umgebracht. Da bestand wohl eine familiäre Prädisposition.
Erschwerend kam hinzu, dass seine Ehe schon lange kaputt war. Zunächst wahrte man die heile Fassade noch, wegen der schulpflichtigen Kinder. Doch als die aus dem Haus waren, brachen die Dämme und die jahrelang angestaute Beziehungsgülle ergoss sich in ihre bürgerliche Idylle. Darüber hinaus hatte ihn die erst sechs Monate alte Hündin gebissen. Ein unglücklicher Zufall, sicherlich keine böse Absicht. Es passte aber in die anschwellende Negativstimmung.
Seine Frau hatte ihm mitgeteilt, dass da ein anderer Mann in ihrem Leben existieren würde. Sie wolle sich scheiden lassen. Er hatte diese Botschaft in Demut entgegen genommen. Er war nicht ausgerastet, sondern hatte ihr mit knappen Worten mitgeteilt, dass er das schon länger wüsste. Sie war froh, dass es nicht den großen Eklat gegeben hatte und ging darauf hin sofort schlafen.
Es war gegen Mitternacht. Er ging zur Vitrine und holte die Flasche mit dem Pflaumenschnaps raus. Sein Berufsleben und sein Privatleben waren ein Scherbenhaufen. Er trank aus der Flasche, bis die leer war. Es war tatsächlich die kälteste Nacht des Jahres. Das Außenthermometer zeigte minus 21 Grad. Das verhängnisvolle Zusammenspiel zwischen Suff und Kälte war ihm sehr wohl bekannt. Immer wieder hatte er sich mit Methoden des Suizids auseinandergesetzt. Die eiskalte Nacht war da wie ein Wink des Schicksals, grausam schön.
Ob nun der Wille bestand unwiederbringlich aus dem Leben zu scheiden, sei dahingestellt. Er war einfach nur lebensmüde. Zwar war sein Gleichgewichtsorgan durch den Alkohol erheblich irritiert. Seine Performance reichte aber noch aus, um den Einstieg in seine Uggs zu finden und sich die Lammfelljacke überzustreifen. Handschuhe zog er keine an. Er wankte hinaus in die sternenklare Nacht. Das fahle Licht des Vollmonds produzierte eine gespenstische schwarz-weiße Landschaft mit langen grauen Schatten. Das alles sah er nicht. Sein Blick war nach unten gerichtet. Da war der jungfräuliche Pulverschnee, der alles eingezuckert hatte. Beim Stapfen durch die weiße Unendlichkeit keimte in ihm eine tiefe Sehnsucht auf, mit diesem Weiß eins zu werden und in ihm zu verschwinden. Er musste kotzen. Die Kotze landete teilweise auf dem Fellkragen. Er stolperte und fiel hin, auf die linke Flanke, ungebremst. Die Schmerzen wurden durch die analgetische Wirkung des Alkohols gemildert. Der Versuch, wieder hochzukommen, misslang. Der Gleichgewichtssinn war jetzt doch nachhaltig gestört. Ein unwiderstehliches Verlangen nach Ruhe überfiel ihn. Der Schlaf kam mit Macht und er machte keinerlei Anstalten sich dagegen zu wehren.
Motorradfahren an sich ist nicht so teuer. Es gibt bereits für unter 10.000 Euro ordentlich motorisierte Zweiräder. Steuer und KfZ-Versicherung sind ebenfalls erschwinglich. Und ein Risikozuschlag auf die Prämien für die Kranken- und Unfallversicherung wird bislang noch nicht erhoben, was befremdlich anmutet.
Motorradfahren kann aber ganz schnell zum teuersten Hobby der Welt werden, dann nämlich, wenn man durch das Ding seine körperliche Unversehrtheit einbüßt. Und das geht oftmals schneller, als man denkt. Wenn man nicht mit dem Leben zahlt, so doch mit der Lebensqualität. Auf einmal ist die Welt eine andere. Es fehlen Gliedmaßen, Gelenke funktionieren nicht mehr, Muskeln und Sehnen sind gerissen, Schädelknochen gespalten, Halbseitenlähmungen persistieren, innere Organe sind zerquetscht und müssen geflickt oder herausgenommen werden, Symphysen sind gesprengt, das Riechen oder das Sehen funktionieren nicht mehr richtig, die Schmerzen sind nur noch mit hoch dosierten Analgetika zu ertragen. Das ist die Währung in der der havarierte Motorradfahrer zahlt: Krankheit, Leid, beschnittene Teilhabe, sozialer Abstieg. Aber natürlich kostet ein solches Ereignis auch Geld. Die Kosten für die medizinische Versorgung erreichen schnell fünfstellige Summen, ausreichend um einen gebrauchten und gut erhaltenen Ferrari zu erstehen.
Gerne belohnt sich der Erfolgreiche oder der Erbe mit der Erfüllung des Jugendtraums, der Maschine, die Freiheit, Abenteuer aber auch neue Freunde verspricht. Dabei kann es schon mal vorkommen, dass die neuen Freunde nicht die anderen Motorradkumpels sind, sondern das Pflegepersonal in der Spezialabteilung für Tetraplegiker.
Herr Mast war so einer, noch dazu einer, der es hätte wissen müssen. Er arbeitete sehr erfolgreich als Kraftfahrzeug-Sachverständiger. Die Bewertung von Unfallschäden auch bei Motorradcrashs gehörte mit zu seinem Aufgabenspektrum. Trotzdem gönnte er sich eine BMW R 1200 GS, mit einem Zweizylinder-Boxermotor, der 110 PS auf die Straße brachte. Dass das Krad über 200 km/h schnell sein konnte, spielte für Mast nicht die entscheidende Rolle. Er wollte nicht rasen, sondern cruisen.
Das Motorrad kostete reichlich 13.000 Euro. Für die komplette Motorradkluft aus dem Hause BMW—Lederkombi mit Protektoren, Helm, Handschuhe, Stiefel—legte er noch mal 1.500 Euro hin. Er meinte, dass ihn seine jahrelange Erfahrung vor Unfällen schützen würde. Die fehlende Knautschzone würde er durch umsichtiges und defensives Verhalten auf der Straße ersetzen.
Es sollte ein wunderschöner milder Sonnentag werden, noch dazu ein Samstag. Unter guten Freunden charakterisierte Mast solche gnadenvollen Tage als Tage, an denen man den besten Freund auch über der Hose tragen könnte. Das Frühstück fiel kürzer aus als sonst. Seine Frau hatte Müsli mit vorgeschroteten Getreidekörnern serviert. Mast löffelte die Pampe brav aus, stürzte den Kaffee hinunter und war die ganze Zeit schon in Gedanken bei seiner großen neuen Liebe, die er in wenigen Minuten zwischen seine Oberschenkel zwängen würde. Die Motorradkombi hing schon bereit. Sie roch nach Leder, aber auch ein wenig nach Aqua di Parma, dem Eau de Cologne, welches mit seinem Schweiß eine sehr individuelle und private biochemische Verbindung eingegangen war. Er konnte sich gut riechen.
Mit dem schwarzen Spezialoutfit und dem hochgeklappten Visier sah er aus wie der Hauptdarsteller in einem Science-Fiction-Film, und er fühlte sich auch ein wenig so. Die Harleyfahrer auf ihren antiquierten und überteuerten Maschinen, mit ihren pubertären Rockerwesten und den zu eng erscheinenden Wehrmachtshelmen, die in Wahrheit ihren kleinen und leeren Schädeln entsprachen, waren für ihn Phänomene aus der Zweirad-Steinzeit. Er war mehr der Jedi-Ritter, der jetzt gleich mit seiner High-Tech-Maschine interstellare Pfade befahren würde. Ein Endpunkt existierte nicht. Die Fortbewegung war das Ziel. Wer weiß, vielleicht würde am Rande des Weges Prinzessin Leia Amidala Skywalker erscheinen. Sie würde ihm huldvoll zuwinken und er würde zurück grüßen, indem er die gespreitzte linke Hand kurz vom Lenker nehmen würde, so als wollte ein Stückchen vom Gegenwind auffangen.
Das Blubbern des robusten Zweizylinders brachte ihn wieder in die Gegenwart. Er legte den ersten Gang ein. Ein sattes Klackgeräusch meldete Vollzug. Langsam ließ er die Kupplung kommen und gab ganz vorsichtig Gas. Die Maschine setzte sich in Bewegung. Zeitverzögert zog er seine Füße auf die Fußrasten hoch. Er bog nach rechts in die Hauptstraße ab. Ordnungsgemäß hatte er den Blinker gesetzt, der seinen Funktionszustand durch einen Piepton rückmeldete. Erst jetzt klappte er sein Helmvisier nach unten.
Samstagmorgen gegen 9.00 Uhr war noch nicht so viel los auf den Straßen. Frau G., Mutter dreier schulpflichtiger Kinder, nutzte die Ruhe vor dem Sturm, um sich mit dem Auto auf den Weg zu ihrem Supermarkt zu machen. Ihr Mann beaufsichtigte derweil die Rasselbande zu Hause. Doch der gewohnte Weg war wegen Bauarbeiten gesperrt. Sie musste eine Umleitung fahren. Sie war voll konzentriert, jedoch nicht auf die Straße, sondern auf ihre geplanten Einkäufe. Sicherlich würde auch diesmal ein Einkaufswagen nicht reichen, um den Bedarf für eine Woche abzutransportieren.
Der Schlag von der Seite war gewaltig. Der Kopf der Frau G. wurde dadurch derartig beschleunigt, dass er gegen den Innenspiegel prallte. Sie sah einen Schatten über die Windschutzscheibe fliegen. Dann krachte es noch einmal. Sie war gegen eine Hausmauer gefahren. Der Lenkradairbag hatte sich Gott sei Dank ausgelöst und Schlimmeres verhindert.
Herr Mast befand sich auf der Vorfahrt berechtigten Straße. Den auf der Kreuzung von links kommenden silbermetallicfarbenen 5er-Touring-BMW der Frau G. sah er erst in allerletzter Sekunde, zu spät, um noch bremsen zu können. Mit einer Geschwindigkeit von gerade mal 40 km/h kollidierte er mit dem gegnerischen Fahrzeug in Höhe der vorderen Tür. Dabei versetzte es seine Maschine. Das rechte Bein wurde zwischen dem Motorrad und der Autokarosserie eingeklemmt. Sodann hob Mast ab, gefolgt von seinem Motorrad. Noch im Fliegen beschlich ihn die Furcht, dass ihn die Maschine treffen könnte. Doch das passierte nicht. Vielmehr landete er nach ungefähr zehn Metern Flug auf dem Asphalt. Dabei knallte sein Helm nach hinten auf, was eine kurze Benommenheit verursachte. Als er hoch schaute, sah er seinen rechten Unterschenkel grotesk verdreht und in etwa 90 Grad-Position nach außen abgeknickt.
Erstaunlich rasch waren Rettungssanitäter zur Stelle. Sie untersuchten ihn grobneurologisch und testeten seine Vitalfunktionen. Da war alles okay. Sie gaben ihm eine starke Schmerzspritze und brachten das Bein wieder weitgehend in Normalstellung. Dann wurde eine pneumatische Schiene angelegt. Herr Mast entdeckte durch seinen Analgetikum-Schleier die Fahrerin des gegnerischen Fahrzeugs nur wenige Meter entfernt. Es war nicht die schöne Prinzessin Leia, sondern die eher biedere Hausfrau und Mutter, Frau G. Ein Sanitäter kümmerte sich auch um sie. Man hatte ihr eine Decke über die Schultern gelegt. Sie machte einen verwirrten Eindruck. An der rechten Gesichtshälfte rann eine Blutspur hinunter, die sich am Hals verlor.
Mast wurde mit Blaulicht in die nahe gelegene Unfallchirurgie gefahren. Es ist nur ein Bruch, das kriegen die wieder hin, sonst ist ja alles in Ordnung, dachte sich der Verunfallte. Ob er jemals wieder auf ein motorisiertes Zweirad steigen würde, da war er sich nicht so sicher.
Noch am Unfalltag wurde Mast operiert. Das Schienbein wies eine Trümmerfraktur auf. Seitlich war ein dreieckiges Fragment herausgesprengt. Das Wadenbein hingegen war glatt durchgebrochen. Also insgesamt eine Routinesituation für eine osteosynthetische Versorgung mit Platten und Schrauben. Im Rahmen der Eingangsdiagnostik war jedoch ein weiterer Körperschaden übersehen worden. Bei der Erstmobilisierung wenige Tage nach der Operation klappte der rechte Fuß nach unten und konnte aktiv nicht mehr angehoben werden. Zunächst vermutete man eine Peronäuslähmung. Dann aber stellte sich heraus, dass Herr Mast den vor dem Schienbein seitlich befindlichen Musculus tibialis anterior zwar anspannen konnte, sich dies aber nicht in einer Fußhebung niederschlug. Dies sprach eindeutig für einen Riss der entsprechenden Sehne und zwar einen kompletten. Parallel dazu hatte sich im Unterschenkel- und Sprunggelenkbereich eine Reflexdystrophie entwickelt, auch Morbus Sudeck genannt. Die Gegend war heiß, gerötet und geschwollen, der Haarwuchs auf den Zehenrücken und die Schweißabsonderung nahmen zu, es traten Dauerschmerzen auf. Die Röntgenkontrollen zeigten eine regelrechte Position der Metallplatten und eine ausgezeichnete achsengerechte Stellung der Frakturenden. Eins jedoch fehlte, und das war die knöcherne Durchbauung des Bruchspaltes im Schienbein. Es bildete sich ein Pseudogelenk aus, ein beständiger Fokus für Instabilität und aseptische Entzündung.
