Könnte schreien - Carola Clever - E-Book

Könnte schreien E-Book

Carola Clever

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Beschreibung

AUFBRUCH IN EIN NEUES LEBEN Eine junge Frau bricht alle Brücken hinter sich ab, um sich von den Zwängen ihres Elternhauses und dem Muff der Kindheit in einer typischen deutschen Kleinstadt zu befreien. Beherzt und unerschrocken geht sie neue Wege, erlebt zahl­lose Abenteuer, trifft ungewöhnliche Frauen, deren Schicksale sie tief berühren. Sie stellt sich ihren Dämonen und findet auf einer abenteuerlichen Reise in den dunklen Kontinent der menschlichen Seele schließlich zu neuem Selbstvertrauen und nach vielen Umwegen ihre große Liebe. Klug beobachtet und erfrischend originell und humorvoll erzählt: Viele Leserinnen werden sich in Valentina Behrmanns Geschichte wiederfinden. Ein mitreißender und hochemotionaler Roman, über die Lebensreise einer jungen Frau, der Leserinnen Mut macht, selbstbestimmt ihren eigenen Weg zu gehen.

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB
MOBI

Seitenzahl: 536

Veröffentlichungsjahr: 2020

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Könnte schreien

immer noch

-Eine zweite Chance-

Band II

Vor Glück, Freude, Begeisterung und Dankbarkeit?

oder

Vor Wut, Zorn, Enttäuschung und Frustration?

© 2020 Carola Clever

Grafik, Konzept, Layout: Carola Clever

Verlag und Druck: Tredition GmbH, Halenreie 40-44, 22359 Hamburg

Homepage: www.carola-clever.com

Instagram: carola.clever

978-3-347-05916-0 (Paperback)

978-3-347-05917-7 (Hardcover)

978-3-347-05918-4 (e-Book)

Die Namen und charakteristischen Identifikationsmerkmale aller Personen in diesem Buch wurden geändert. Wenngleich auch alle in diesem Buch beschriebenen Vorkommnisse wahr sind, so wurden doch bestimmte Ereignisse verkürzt, verdichtet oder neu angeordnet, um die Identität der in sie involvierten Personen zu schützen und den Fluss der Erzählung zu gewährleisten. Jeder einzelne Dialog ist entsprechend meiner genauesten Erinnerung eine bestmögliche Annäherung an die Form, in der er tatsächlich stattgefunden hat.

Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung des Verlages und des Autors unzulässig. Dies gilt insbesondere für die elektronische oder sonstige Vervielfältigung, Übersetzung, Verbreitung und öffentliche Zugänglichmachung. Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek: Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.

Für alle Frauen

Ich widme dieses Buch allen Frauen

die ihre eigenen kreativen Fähigkeiten leben wollen

die mutig ihre schöpferische Einzigartig- und

Vielseitigkeit, wahrnehmen und fördern wollen

……… und, weil sie es wert sind!

     -

Das Buch

Von Düsseldorf nach Bonn über Toronto und Südamerika und wieder zurück zum Ursprung: Der Roman „Könnte schreien“ nimmt die Leserin mit auf eine abenteuerliche und inspirierende Reise durch fremde Kulturen und nicht zuletzt auf eine Reise durch den unentdeckten dunklen Kontinent der eigenen Seele. Valentina Behrmann erkennt, dass in jeder Frau das Potenzial steckt, das eigene Leben in die Hand zu nehmen, auch wenn das Wissen darum bei vielen verschüttet ist. Über viele schmerzhafte und beglückende Episoden findet sie zu sich selbst und letztlich ihr Lebensglück in einem Beruf, der sie ausfüllt, und in einer Partnerschaft, die von tiefem gegenseitigem Verständnis und Liebe getragen ist. Eine Geschichte über Zufall und Bestimmung, Überwindung und Mut, Liebe und Verlust, Freude und Glück, Fortgehen und Zurückkommen und Akzeptanz der Vielfalt!

Leben heißt nicht zu warten, dass der Sturm vorüber zieht, sondern zu lernen, im Regen zu tanzen!

Wenn dir das Leben hundert Gründe zum Weinen gibt, zeig ihm, dass es tausend Gründe zum LACHEN gibt!

Weil ich Engel ohne Flügel nicht Engel nennen kann, nenne ich sie Freunde!

NEU GEBOREN /// ZWEITE CHANCE

Ich hörte ein seltsames Rauschen: ein eigentümliches Pfeifen und Keckern. Waren es Delfine, die ja über ein außergewöhnliches Ortungssystem, eine Art Sonar, verfügen, das Schallwellen aussendet, die wie ein Widerhall in mein Ohr drangen? Wie konnte das sein? Oder täuschte mein Gehör meinem Gehirn Geräusche vor, die nur in meiner Fantasie vorhanden waren?

Wer wollte hier mit wem kommunizieren?

Gedankliche Schleier lüfteten sich.

Tüllfetzen, die meinen Blick verhangen hatten, aber jetzt vom Wind verdrängt wurden. Wieso Wind? Oder waren es Erinnerungsfetzen, die mich zurück ins Hier und Jetzt brachten?

Ich strich bedächtig mit geschlossenen Augen, aber ausgestreckter Handfläche über den Untergrund neben mir.

Ein Bett … Bettlaken, samtweich und streichelzart. Wo vorher helles Grau zu erahnen war, grüßten plötzlich freundliche Farben meine Augen. Es roch intensiv nach Chemie. Ich atmete tief ein und aus, bemerkte ein leichtes Kratzen im Hals, hustete.

Keine Ahnung, wie lange ich so dagelegen hatte – aber ein ruhiges, entspanntes Gefühl lenkte meine Aufmerksamkeit.

Ich bemerkte lächelnd: Es waren doch keine Delphine! Das Rauschen und Surren der Beatmungsapparate, das Piepsen und Gurren anderer lebensrettender medizinischer Geräte hatten eine surrealistische Fantasie in mir ausgelöst.

Willkommen zurück im Leben!

Ruckartig setzte ich mich auf, drehte meinen Körper von links nach rechts. Mein Bauch tat mir weh. Meine Schultern schmerzten. Ich musterte meine Umgebung, betrachtete die Beatmungsmaschinen mit argwöhnischem Blick, nahm die Sauerstoffflaschen, Masken und Schläuche neben meinem Bett wahr.

Konnte das sein?

O mein Gott, ich war nicht tot?

War ich von den Toten auferstanden? Ich kniff mir in den Unterarm, um zu sehen, ob ich das wirklich spürte. Ich spürte, lebte.

Die Dosis war so exorbitant hoch gewesen und hätte eigentlich garantiert meine Absichten erfüllen müssen!

Wie konnte das sein? Wütend schlug ich mit der linken Hand auf die Matratze.

„Schei…benhonig!“, schrie ich die Geräte an.

Tränen der Enttäuschung fanden ihren Weg über meine Wangen und flossen am Hals entlang zur kleinen Kuhle unterhalb der Kehle. Dort, im Sammelbecken der Enttäuschung, entstand ein kleiner Pool, der überlief und sich auf meiner Brust verteilte, um einen Abfluss zu finden.

Ich fiel zurück ins Kissen. Dankbar empfing ich diese Schwere, die mich tiefer ins Kissen drückte, um mich zu umarmen. Tiefer Schlaf schenkte meinem Körper die Entspannung, die er brauchte.

Keine Ahnung, wie lange ich geschlafen hatte. Aber als ich aus diesem Tiefschlaf wiedererwachte, lag ich seitlich in einer Art Embryohaltung und bemerkte, wie DANKBARKEIT meinen Kopf beseelte und mich wachküsste. Freudig, geradezu euphorisch wuchs das Gefühl der zweiten Chance.

Die nette Schwester hatte gerade wieder das Zimmer verlassen, als sich der Krampf näherte. Er zog meinen Bauch zusammen und ein fürchterlicher, messerartiger Stich durchfuhr mein Inneres. Ich zog meine Beine an und versuchte, die Wucht des Schmerzes so zu mildern. Ich hielt den Atem an in der Hoffnung, dass ohne weiteren Sauerstoff der Schmerz ersticken würde.

Keine Chance!

Ich riss meinen Mund zum Schrei auf, aber kein Laut drang hinaus. Lautlos schrie ich den Schmerz aus meinen Lungenflügeln, spürte den Druck in meiner Blase, riss den Schlauch vom Tropf aus meinem Handrücken, drückte auf den Einstich der Spritze, damit sich das Blut einen anderen Weg suchte und sich die Einstichstelle beruhigte. Der Druck tat auch mir gut.

Kurz darauf stand ich auf. Wacklig tastete ich mich am Bett entlang, um das Bad zu erreichen. Die Schwester kam ins Zimmer und fing mich auf, als ich den größeren Schritt bis zur Badezimmertür wagte.

Kaum saß ich auf der Toilette, plumpste ETWAS geräuschvoll in das Toilettenwasser. Ich schaute die Schwester an, die mit einer Hand meinen Oberkörper stützte und mit der anderen meinen Nacken streichelte. Ein ziehendes Gefühl durchstreifte meinen unteren Bauch. Ich war wie erstarrt.

Ich spreizte meine Oberschenkel und schaute in die Toilette, sah einen Klumpen! Erschrocken drehte ich mich ruckartig aus ihrer Hilfestellung und drückte vehement auf die Spülung, die mit einem Wasserschwall das Ergebnis meiner Schmerzen in die Kanalisation trieb.

Ich fiel in mir zusammen. Die Schwester half mir hoch und geleitete mich zum Bett zurück. OMG!

Wieder fiel ich in einen bewusstlosen Schlaf, der diesmal eine völlig andere Qualität hatte. Ich schlief und schlief. Die Schwester maß meinen Puls, befeuchtete meine Lippen. Ich schlief weiter, obwohl ich die Worte des Arztes hörte, die mir aber nichts sagten.

Als ich aufwachte und die Sonne durch den Lamellenvorhang schien, erwachte wieder meine freudige Dankbarkeit. Ich erkannte wieder meine zweite Chance, kreuzte meine Arme über meinem Bauch, dann faltete ich meine Hände und dankte dem Universum.

Aus den Augenwinkeln sah ich meine imaginäre Rüstung ans Bett gelehnt. Auf Hochglanz poliert wartete sie darauf, dass sie von mir angezogen und mit Stolz getragen wurde.

Ich dachte an meinen letzten Besuch bei Mrs. Levinson und ihre aufmunternden Worte, wie sie mir Mut gemacht hatte. Ich spürte ihr Vertrauen in mich und mein Potenzial. NIE wieder wollte ich sie zukünftig enttäuschen.

MARY IS BACK

Ich war früh aufgestanden, saß bereits dreißig Minuten nach dem Frühstück über Wertentwicklungsprognosen. Was für ein Schwachsinn! Die hatten noch nie etwas getaugt laut Aussage eines hochangesehenen Wirtschaftsgurus, der im heutigen Artikel der New York Times, eine meiner derzeitigen Pflichtlektüren, meinte: „Wirtschaftszyklen haben sich exakt noch nie mittel- und langfristig vorhersagen lassen!“

Ja, toll! Ich lernte etwas, bei dem der X-Faktor höher war als das Berechenbare. Ich stützte meinen Kopf in den Händen, legte meine Denkerstirn wie beim Shar-Pei, der asiatischen Hunderasse, in Falten, überlegte. An manchen Tagen war ich begeistert von den wirtschaftlichen Zusammenhängen. An anderen Tagen kriegte ich schon nach gefühlt zehn Minuten eine Staublunge, weil der Stoff derart knochentrocken war.

Es klopfte. Ich stand auf, öffnete die Tür für Mrs. Clark, die mir strahlend auf dem Tablett meine Post reichte.

„Hallo Valentina! Um dir einen guten Morgen zu wünschen, ist es bereits zu spät, aber guten Tag geht auf jeden Fall. Geht’s dir gut?“ Ohne Atempause ging es weiter. „Gestern bin ich gegen elf Uhr ins Bett gegangen, da warst du noch nicht da!“ Hm … Klang das vorwurfsvoll oder besorgt? Ich entschied mich für besorgt. „Ich bin aber nicht wirklich besorgt, weil ich weiß, dass du ohne Zögern dein Pfefferspray benutzen würdest.“

Ich umarmte sie. „Mrs. Clark“, sang ich feierlich. „Sie sind wie eine Mutter zu mir. Danke, dass Sie gelegentlich ein bis zwei Augen auf mich werfen – ein wärmendes Gefühl!“

„Ich hoffe, es kommt nicht wie eine Überwachung rüber. Mein Sohn kommt jede Woche vorbei. Er schaut bei mir nach dem Rechten. Aber seit meine Tochter aus dem Haus ist, sie nur gelegentlich nach Hause kommt, fehlt mir etwas. Deshalb bin ich froh, wenn ich dich etwas bemuttern kann.“

Sie stand auf und ging aus dem Zimmer, nur um nach drei Minuten mit einem Teller Banana-Fritters zu erscheinen, die sie wohl am Treppenabsatz deponiert hatte.

„Juhu, juhu“, klatschte ich vor Freude in die Hände. „Hm, die ultraleckeren Fritters, hauchdünn, in bestem Jamaika-Kokosöl gebraten! Ich werd‘ ja nicht mehr!“

Ich machte Platz auf dem Bett. Wir setzten uns mit gekreuzten Beinen zum Lotussitz, zwischen uns die Fritters. Wir fielen wie die Wölfe über die Leckerlies her. Beim Essen blickte ich auf die Post, fixierte den ersten Umschlag, sprang plötzlich auf.

„Was ist los?“, fragte Mrs. Clark erschrocken.

„Was ist heute für ein Datum?“

„Na, Dienstag, der dreiundzwanzigste. Warum?“

Ich sprang vom Bett, riss den schwarzen Overall aus Crêpe de Chine mit weißem Kragen sowie Manschetten aus dem Schrank, zog ihn über. Huschte noch schnell das Deo unter die Arme. Suchte die schwarzen Leder-Stilettos. Den passenden geschnürten Ledergürtel. Band meine Haare zum Pferdeschwanz. Platzierte eine schwarze Samtschleife über das Gummi. Kramte die Buntstifte hervor. Begann, meinem ausdruckslosen farblosen Gesicht Farbe und Konturen zu geben. Sprühte die Mischung aus Maiglöckchen, Jasmin und Vanille über meine Haare. Klatschte mir mit meinen Handflächen zum Schluss auf beide Wangen, um die Durchblutung anzuregen. Wurde zu Rotbäckchen. Schnappte meine Handtasche. Küsste Mrs. Clark, die mich ungläubig und fragend beobachtete, auf die Wange. Trotz High Heels rauschte ich im Affenzahn die Treppe runter.

„Tschüssle“, rief ich nach oben zu Mrs. Clark.

„Ich hole Mary am Flughafen ab. Sie will mich sofort sehen, stand auf der Karte. Will Powershoppen, mich zum Essen einladen. Juhu, bin ja so aufgeregt. Hab sie soooo vermisst“, sang ich meine Worte.

Auf dem Bürgersteig zur U-Bahn versuchte ich einen halbwegs normalen Gang hinzulegen. Die Höhe der Stelzen gab meinem Gang etwas Affektiertes, obwohl ich den Rücken durchstreckte und die Schultern nach hinten zog. Ich hob meinen Kopf, um locker zwei Zentimeter Höhe zu gewinnen. Jawohl, aufrecht und gerade sollte es aussehen. Ich bemerkte, wie ein Wagen gefährlich nah an den Bürgersteig rollte. Der Fahrer ließ die Scheibe herunter, beugte sich vor, sodass ich ihn erkennen konnte.

„Hallo Valentina, was für ein Zufall!“

„Oh, hallo Jeff! Grüß dich. Schön, dich zu sehen. Geht’s dir gut?“

Der Wagen hinter ihm hupte wie verrückt. Ich zuckte zusammen. „Blendend! Danke der Nachfrage!“

Hast du es eilig?, fragten seine Augen. „Darf ich dich mitnehmen?“

„Ich muss zum Flughafen. Das ist sicherlich nicht deine Richtung!“

„Egal. Steig ein. Ich fahr dich.“

„Nicht egal! Ich will dir keine Umstände machen.“

„Für dich würde ich bis Feuerland fahren!“, lächelte er vielsagend, fast verschmitzt.

Was sollte ich darauf antworten? Ich sagte nichts. Dafür lächelte ich ihn bewundernd an.

Jeff kratzte sich am Kinn. „Ich musste immer wieder an unsere letzte Unterhaltung denken. Da warst du ja ganz schön in Fahrt. Deine religiöse Einstellung teile ich nicht ganz, aber sie ist für mich nachvollziehbar und interessant. Ich erkenne, dir ist Ethik wichtig!“

„Absolut. Ethik ist für mich wichtiger als Religion. Gott hat die Bibel nicht geschrieben, hatte er auch nicht nötig, Jesus auch nicht. Dieses Buch der Geschichten mit Leitsätzen für gutes Verhalten, Empfehlungen für ein respektvolles Miteinander, das für viele Trost und Ansporn zugleich ist, ist ein wertvolles Buch … doch von Menschen geschrieben.“

„Nun, wenn man so wie ich in einer religiösen Gemeinschaft aufgewachsen ist, ist die Wahrnehmung der Dinge, die Indoktrinierung, eine andere, als wenn man ohne oder nur mit wenig Religion in Berührung kommt. Ich finde es schön, dass du so zu deiner Meinung stehst. Die meisten Frauen, die ich bisher ausgeführt habe, zeigten wenig bis gar kein Interesse an vielen Dingen wie Sport, Politik, Wirtschaft oder Religion.“

„Das kann ich verstehen. Manche Frau ist da vielleicht in anderen Themen breiter gefächert als ich. Deine Themen streifen manche dann gern nur am Rande.“

„Hättest du vielleicht noch einmal Lust, dich mit mir zu treffen? Wir könnten essen gehen, ins Theater, in den Zoo oder eine Kunstausstellung besuchen. Was immer du möchtest!“

„Hört sich gut an. Lustig, dass du den Zoo vorschlägst. Das würde mir gut gefallen. Ich liebe Tiere aller Art.“

„Wirklich? Das war eigentlich nur ein Scherz, weil der Zoo so gar nicht in die Aufzählung passt. Frauen haben bisher nie den Zoo gewählt haben, wenn ich eine Aufzählung machte.“

„Was waren das nur für Frauen? Ich liebe es, den Affen zuzuschauen: Sex und Gewalt am Affenberg, ganz so wie im Leben“, scherzte ich. „Meld dich doch Donnerstag, Jeff, dann können wir etwas ausmachen.“

„Freue mich.“

Am Flughafen suchte ich den Bürgersteig nach Mary ab. Sie wollte am Ausgang der mittleren Tür bei der Ankunft stehen bleiben, auf mich warten. Sicherlich dachte sie, ich käme mit dem Airport-Bus. Jeff sah sie zuerst, zog seinen Wagen zur Bordsteinkante herüber.

Mary war völlig irritiert, als ich aus dem Auto sprang: „Hallo Süße, habe dich nicht im Auto erwartet. Schön, dich zu sehen. Komm her, lass dich küssen, drücken. Habe dich ja so vermisst!“

Gosh, hatte sie Kraft. „Und ich erst! Ich kann jetzt endlich die Fahne von der Stange nehmen, denn meine Staatstrauer ist vorüber.“

Jeff war zwischenzeitlich ausgestiegen, beobachtete uns, während er den Kofferraum öffnete.

Ich stellte ihm Mary vor. Danach verstaute er ihre Koffer im Kofferraum.

„Mein Gott, Süße, du siehst so verändert aus“, lachte Mary.

„Ich bin süchtig nach Endorphinen.“

„Na, da schau her! Es sind die Endorphinchen! Ich sag’s doch, Sex ist für alles gut! Schöne Haare, schöne Nägel, schöne Haut. Es macht Spaß und entspannt zugleich.“

Ich wechselte meine Gesichtsfarbe in Stufen zu Ketchup, senkte verlegen den Blick. Gosh, war das jetzt peinlich. Schaute Jeff an, während ich ihr antwortete.

„Ich habe Churchills Motto über Bord geworfen. Seit ich jogge, radele und täglich Qi Gong mache, meine Ernährung auf Früchte, Gemüse, Nüsse umgestellt habe, bin ich fitter als fit.“

Jeffs Blick sprach nicht Bände, sondern ganze Enzyklopädien, als er antwortete: „Also ich lebe mit ‚Sport ist Mord’, Mister President bleibt mein Vorbild!“

Jeff hielt galant die Beifahrertür auf. Mary stieg ein. Ich setzte mich auf die Rückbank, quetschte mich zwischen Marys Reisetaschen. Bis wir auf Cumberland, Ecke Avenue Road, kamen, hatte Mary Jeffs Lebensgeschichte erfahren. Sie beendete abrupt ihr Verhör. Bei der Verabschiedung zog mich Jeff näher zu sich.

„Ich hoffe, ich bekomme auch eine Chance, dich mit Endorphinen zu überschütten?“

Verwundert schaute ich ihn an. Wie war der denn drauf? So einen Frontalangriff hatte er noch nie gewagt. Er räusperte sich, dabei hielt er sich die Hand vor dem Mund.

„Könnte mir die Sache mit dem Sport überlegen. Mit einer so hübschen Partnerin an meiner Seite macht Joggen und alles andere bestimmt doppelt Spaß!“

Ich nahm ein kurzes Cremebad in seinen Schmeicheleien. „Och! Wusste gar nicht, dass du auch joggst. Wenn du möchtest, können wir heute Abend joggen. Ich melde mich.“

Vor Verblüffung konnte er nicht sprechen, dafür aber so strahlen, dass Robert Röntgen sich überlegt hätte, ob er die Strahlen bündeln sollte. Mary zog mich ungeduldig am Arm. Wir verabschiedeten uns, liefen in Richtung Shopping-Paradies. Bloor Street hieß die angesagte Shopping-Meile.

„Also Vali, wenn der dich zu fassen kriegt, frisst er dich mit Haut und Haaren! Verschenk dich nicht zu früh, denn ich habe noch Einiges für dich in petto!“

„Mary!“, herrschte ich sie lachend an. „Du bist unmöglich.“

„So? Meinst du? Da hast du recht. Seit ich die Prüfung des Lebens, meinen Primärkonflikt, überstanden habe, sehe ich das Leben mit anderen Augen. Warte, bis ich dir von meiner G-Punkt-Massage, meinem Irokesen-Haarschnitt am Bär berichte!“

„Waaas? Du hast eine Frisur an den Scharmhaaren machen lassen? Ich fall tot um“, mimte ich einen Schwächeanfall.

„Das ist nicht alles.“

„Waaas, es gibt Steigerungen?“, quiekte ich wie ein Schwein.

„Und ob! Der Irokese ist nicht nur aufgestellt, sondern auch rot gefärbt!“

Ihre Augen musterten mich in freudiger Erwartung. Ich kriegte den Mund nicht zu. „Wow … ich schmeiß mich hintern Zug!“ Ich ließ die angehaltene Luft ausströmen. Nach kurzer Erholung bemerkte ich lakonisch: „Und ich dachte, du hättest ordnungsgemäß deine Töchter im Internat besucht.“

„Valilein! Ich bin zwar Mutter und Ehefrau, aber deshalb nicht tot. Stevie verhält sich vielleicht wie ein testosterongesteuertes Warzenschwein auf Brautschau, aber ich verfolge einen anderen Weg. Jedem das Seine! Er wird sich noch wundern.“

„Ist das eine Drohung oder ein Versprechen?“, erkundigte ich mich lachend.

„Unser Nachbar, der intelligente Dummschwätzer, glaubt auch noch mit weit über achtzig, dass er den wildgewordenen Sexteufel mit seinen gekauften Grazien spielen muss. Dabei meinte er zu Stevie, als er ihn fragte, wie er in seinem Alter den Sex noch praktiziere: Junge, das ist, als wenn ich mit einem Seil versuche, Billard zu spielen! Seitdem spiele ich Taschenbillard, schwenke ihn von links nach rechts in meiner Hose, um Bewegung reinzubringen. Haha, kleiner Scherz, Stevie. Mann, es gibt pillenförmige Krückstöcke. Die können auch im Alter noch Wunder bewirken! Gib niemals auf!’“

Ich hielt die Luft an, konnte mir nicht vorstellen, dass man im Alter noch Sex haben wollte.

„Wirklich nett von Jeff, meine Koffer und Taschen zu Hause abzuliefern4, bemerkte Mary.

„Ja, er ist ein echter Gentlemen!“, säuselte ich.

Am Eingang zur Boutique von Creeds hielt ich ihr die Tür auf. Im Vorbeigehen hauchte ich ihr flüchtig einen Kuss auf die Wange.

„Vali, ich weiß, dass es dir unangenehm war. Aber das Verhör war wichtig, weil ich ihm auf den Zahn fühlen wollte: wo er herkommt und was er vorhat. Meinen zwanzigjährigen Altersvorsprung muss ich doch nutzen, um dich zu schützen, Süße!“

„Das liebe ich ja so an dir. Aber das war kein Verhör, sondern eine Mata-Hari-Nummer!“

„Mata-Hari-Nummer? Wer ist das? Kenn ich die auch?“

„Keine Ahnung. Opa Eugen hat mir von Mata erzählt. Ein selbstgewählter Künstlername, den sie benutzte, als sie sich entschloss, erfolgreich im Ersten Weltkrieg die französische Generalität auszuspionieren. Sie setzte ihren glasklaren Verstand und ihre sexuellen Reize ein, um an wichtige Informationen zu kommen. Haha … hier sind sie wieder, die Tauschgeschäfte, der Kuhhandel, der hier heißt: Tausche Sex gegen Informationen.“

Mary lachte. „Das hat sie ja gut erkannt. Halte den Männern eine gutaussehende, hübsch verpackte Muschi hin und die hoch dekorierten Jungs pfeifen auf ihre Orden und Abzeichen, unterwerfen sich lieber dem ewig lockenden Weib. Jetzt mal ernsthaft, lass uns über Jeff sprechen!“

Ich sagte nichts.

„War ich so schlimm? Hab ich ihn jetzt für immer vergrault? Also, wenn das so ist, muss ich zukünftig die Mata-Nummer fallen lassen. Sorry, Süße. Mea culpa!“

„Du musst dich nicht entschuldigen. Er wird es überleben.“

Während wir sprachen, lief Mary von einem Kleiderständer zum anderen, selektierte in Windeseile einige Blusen und Hosen. Wir liebten die Kostümierung, als wenn die Teile auf der Stange sie ansprangen. Ihr Geschmack war erlesen. Ich bewunderte sie, kopierte sie, wo ich konnte.

„Süße, das hier ist kein Laden zum Wühlen. Hier selektiert man oder lässt selektieren.“

Vor der Ecke mit den neu eingetroffenen Kleidern streckte ich meine Hand aus und übergab Mary einen Umschlag.

„Was ist das?“

„Die Finanzierung deines Kaufrausches. Meine Rückzahlung. Danke, dass du so geduldig warst.“

„Habe ich gern getan. Danke.“

Mary hatte drei Kleider, drei Pullover und einen Mantel überm Arm, drückte mit dem Ellbogen die Tür der Umkleidekabine auf. Mary war schneller als jeder Wimpernschlag ausgezogen. Ich saß auf einem Hocker und betrachtete ihre Auswahl.

„Ja hallo! Du hast ja ein Tattoo!“, stellte ich fasziniert fest.

„Leben und Tod sind vorbestimmt“, daneben ein exotischer orangefarbener Schmetterling.

„Tolle Aussage. Zwischen Leben und Tod sollst du fröhlich und unbeschwert fliegen. Wie ein Schmetterling!“

„Hey, du hast gute Augen, aber ich wusste nicht, dass du Chinesisch kannst.“

„Kann ich auch nicht. Ich erkenne aber diese Weisheit und die Schriftzeichen dazu. Es stand als Überschrift in einem Buch. Ich habe es mir gemerkt, falls ich mir mal ein Tattoo leisten kann, wäre das meine erste Wahl.“

„Oh, tut mir leid, Süße. Sei nicht traurig. Eines Tages hast du genügend Geld, dann kannst du dieses und viele andere haben.“

„Geld wäre nicht schlecht, weil es meine monatlichen Kosten decken würde.“

„Bleib entspannt, Süße, alles zu seiner Zeit. Für den Stabhochsprung brauchst du erst mal eine Stange, damit du den Sprung über die Latte schaffst.“ Der Umschlag fiel vom Hocker. „Ach ja, der Umschlag. Warum zahlst du es jetzt schon zurück? Warst du beim Buchmacher, im Spielkasino oder beim Pferderennen? Woher hast du das Geld?“

„Erzähle ich dir später. Danke auf jeden Fall für deine Leihgabe. Ich hasse Schulden, sie geben einem das Gefühl, unzulänglich, unfähig und klein zu sein.“

Danach schlenderten wir in Richtung Young Street: zum angesagten Schuhladen, in dem der Geschäftsführer bei Marys Eintritt in den Laden zur Begrüßung die Papst-Nummer machte. Ich hasste seine schleimige Art, wenn er schauspielernd den Boden küsste, um seine Ware an die Frau zu bringen, hasste es, wenn man sich prostituierte, nur um seine Ware zu verkaufen. Neid und Frustration überkamen mich. Ich konnte nichts kaufen oder bei der Kostümparty mitmischen. Was für ein erhabenes Gefühl muss das wohl sein, wenn man shoppen konnte, bis die Karte glühte.

Shoppen, ohne aufs Geld zu achten.

Ich nahm Mary drei Shopping-Tüten ab, damit wir ohne Probleme durch die Drehtür von Goodmann‘s Taschenladen passten, von wo aus wir problemlos direkt in die Parfümerie gehen konnten. Nach einer weiteren Stunde nahm ich Queen Mary zwei weitere Tüten ab, bevor sie endgültig genug hatte.

Wir machten uns auf den Weg zum Italiener.

MOLLY

Vittorio, unser sizilianischer Strahlemann, strahlte wie die Mittagssonne in Palermo, als wir hereinkamen. Er ging sofort zu einem freien Tisch, zog zwei Stühle unterm Tisch zurück, wischte hektisch mit einer weißen Serviette über die Stuhlsitze und bat uns in gebeugter Haltung und mit galanter Geste zu Tisch. Präsentierte sein Motto: Eintreten, wohlfühlen!

Wir prosteten uns mit Prosecco und einem Schuss Mirabelle zu. Mary erzählte zuerst, wie es ihr auf der Reise ergangen war, was sie erlebt hatte. Ich übte mich in Geduld. Eine Eigenschaft, die bei mir wirklich nicht ausgeprägt war. Mary erzählte.

„Dieser Arzt, Dr. Huegli, hatte eine spezielle Kamera. Damit hielt er meine Aura auf dem Foto fest. In seiner Praxis spielte als Hintergrundmusik einer deiner Lieblinge, Maurice Ravel, während er mir die sichtbaren Farben erklärte. Er sagte, dass die Aura eine persönliche Sache ist und keine der anderen gleicht. Weil wir alle unterschiedlich sind. Laut seinen Ausführungen habe ich viel Rot in meinem Bild. Das zeugt von Energie und großer Dynamik. Das Lila steht für Menschenkenntnis und Intuition, der Streifen Blau für Ehrlichkeit, Schutz und Kommunikation, das Gelbgrün für Selbstreflexion und Offenheit. Gott sei Dank habe ich wenig Orangegelb, was ein Hinweis für Stress, Ermüdung und Kopflastigkeit wäre. Er gratulierte mir zu meinem großen Anteil an Blautürkis, das Zeichen für große Spiritualität und dafür, dass ich ein Gefühlsmensch bin. Das war sehr interessant für mich.“

Ich hörte ihr mit offenem Mund zu. Wow, ihre Geschichten waren lang, spannend und schmerzhaft zugleich, dauerten bis zum Dessert: Kuchen mit geeister Zabaglione, frischen Walderdbeeren und Vanilleeis.

„Hm, ich nehme den achtstöckigen Kuchen mit Sahne, Kirschwasser und anderen leckeren Zutaten, strecke meinen Rücken und ziehe meinen Bauch ein, damit dieses Stück noch Platz hat.“

Mary schaute erst gar nicht in die Karte, als sie dem Oberkellner winkte. Vittorio, dessen Aufmerksamkeit nichts entging, war sofort strahlend zur Stelle. „Was darf ich den Damen Leckeres servieren?“

Mary strahlte zurück, vielleicht sogar ein wenig länger als erlaubt! Sie kokettierte mit ihrem Hunger: „Vittorio!“ Sein Name kam klagend über ihre Lippen. „Bitte zwei Stück von eurer hausgemachten bella torta.“

Ich rutschte auf meinem Stuhl hin und her, klopfte mit dem Zeigefinger immer auf dieselbe Stelle am Tisch. Endlich, ich war dran, sprudelte wie die heißen Quellen auf Island alle Neuigkeiten aus. Mein Redeschwall war nicht zu stoppen.

Nachdem all meine Quellen versiegt waren, fragte Mary ungeduldig: „Hat Sabia dich nach deinem inneren Kind gefragt?“

„Welches Kind?“

„Okay, ich erkläre es dir: Dein inneres Kind ist eine Art Instanz, die sich wie ein kleines Kind verhält. Zunächst ist es noch unwissend und sehr zerbrechlich. Das kleine Kind ist unschuldig, fröhlich, neugierig, verspielt. Es ist aber auch ängstlich, verletzlich, wild, beleidigt, um nur einige Eigenschaften zu nennen, wie kleine Mädchen so sind. Jede Frau trägt so ein kleines Mädchen in sich, der Mann einen kleinen Jungen. Wenn du erwachsen wirst, zeigst du vielleicht in manchen Situationen diese charmanten Züge. Du wirkst herrlich jugendlich und unbeschwert. Wenn wir die Kleine lieben, pflegen, unterstützen, achten und respektieren, wird daraus eine starke, selbstbewusste und liebenswürdige junge Frau, die sich auf ihre Wurzeln besinnt, die diese Stärke für andere sichtbar ausstrahlt.“

„Aha, das ist ähnlich wie die Haltung beim Qi Gong, wenn ich meine Zehen in den Boden kralle und mich mit der Erde, mit meinen Wurzeln verbinde!“

„Wahrscheinlich. Ich mache Yoga. Dort gibt es auch Übungen, die das vermitteln. Wie gesagt, das kleine Mädchen trägst du immer bei dir. Auch wenn du alt bist, ist es immer da. Für so ein kleines Ding ist die Welt noch in Ordnung. Denn sie denkt mit dem Herzen. Es ist hilfreich, wenn du oft mit ihr sprichst. Die Kleine fragt, wie es ihr bei deiner Entscheidung geht, was sie fühlt und denkt. Diese Kommunikation zwischen dir und der Kleinen kann sich zu einem tollen Selbstgespräch entwickeln. Du kannst ihr auch einen Namen geben, um Nähe zu erzeugen!“

„Lustige Vorstellung. Nach dem Motto die große Valentina und die kleine Valentina?“

„Genau. Mit der Zeit verstehst du sie, ziehst ihre Gefühle, ihre Wünsche in Betracht, hast ein kleine Freundin, auf die du aufpassen musst.“

„Also meine Kleine heißt nicht Valentina. Meine heißt Molly!“

„Molly wie mollig?“

„Ja, ich sehe sie als kleine mollige, robuste, fröhliche Prinzessin. Mit Grübchen und Schillerlocken!“

Vittorio stellte mit breitem, geradezu frechem Grinsen die Kuchenteller vor uns hin. Dieses gigantische Stück Torte. Achtstöckig. Es sah aus wie Schwarzwälder Kirschtorte und strahlte uns an. Mary bohrte mit steifem Zeigefinger seitlich in die Sahnecreme, leckte genüsslich ihren Finger der Länge nach ab. Vittorio beobachtete im Hintergrund die Szene, wischte sich nervös die Stirn mit einer Serviette ab. Ich nahm die Deko-Kirsche von oben, ließ sie in meinen geöffneten Mund plumpsen. Vittorio rollte seine Augen nach hinten, tupfte wieder mit der Serviette.

„Gosh, lecker.“ Ich sprach mit Molly. Sie nickte zustimmend.

Mary brach ein riesiges Stück aus dem Kuchenstück ab, schob es mit dem Finger auf die Gabel. Während ich ihr zuhörte, balancierte ich ebenfalls ein überdimensionales Stück auf meiner Gabel. Keine Ahnung, wie es passierte. Ich blickte zu Mary, während sie lautstark „Scheiße“ brüllte. Das fette sahnige Häppchen fiel von der Gabel direkt über ihren Busen, rutschte im Zeitlupentempo von dort glibberig über ihr rotes Lederkleid in Richtung Schoß. Bei ihrem Aufschrei hatte mein Stück Torte vor Schreck ebenfalls die Balance verloren, hüpfte gleichfalls von der Gabel direkt auf mein Oberteil, folgte der Erdanziehung in Richtung Hose. Die sahnige Schleimspur machte in meinem Bermuda-Dreieck halt. Geschockt blickten wir auf unsere sahnigen Schlachtfelder, tauschten ungläubige Blicke aus, prusteten und lachten, gackerten und juchzten, sahen herrlich bescheuert und verschmiert aus. Ich lachte so hart, dass meine Blase auch kicherte. Freudig berührt, sonderte sie etwas Flüssigkeit ab, was zu meinem Entsetzen direkt auf den grünen Samtbezug des Sessels lief. Wohlige Wärme breitete sich unter mir aus. Wir erstickten im Lachen, bevor der Horror begann, sich Platz zu verschaffen. Toll! Ich saß hier mit bepisster Hose. Wenn der Samt jetzt nicht farbecht war, hatte ich auch noch hinten auf meinem Anzug einen riesigen grünen Fleck!

Ich glaubte es nicht. Klein-Molly lag auf dem Boden, krümmte sich vor Lachen, als wenn wir uns abgesprochen hätten. Wir standen zeitgleich auf, nahmen beide unsere Serviette, die Gott sei Dank das Ausmaß eines Kopfkissens hatte. Mary ging vor, hielt sich die ausgebreitete Serviette vor ihre Scham. Ich folgte dicht hinter ihr, hielt meine Serviette großflächig über meinen Po. Wie siamesische Zwillinge bewegten wir uns durch das Lokal zur Toilette unter den ungläubigen und verwunderten Blicken der anderen Gäste. Hilfe! Das war megapeinlich.

Im Vorraum der Toiletten brachen wir wieder in schallendes Gelächter aus. Mary hatte zuerst ihr Kleid über den Kopf gezogen, während ich noch mit dem Reißverschluss kämpfte. Wir standen in BH und Höschen vor dem Spiegel, hielten die versauten Stellen von Kleid und Anzug ins Waschecken unter warmes Wasser und begannen mit der Waschung. Handwäsche! Ich zog kurzerhand auch mein Höschen aus. Pissnass.

Mary schaute mich verwundert von der Seite an.

„Kann es ja wohl nicht fassen! Was für eine gemeine Sauerei. Schau uns an, fast nackt auf der Toilette und die Klamotten im Waschzuber. Das Stück ist bühnenreif. Wirklich.“

Wir brachen wieder in schallendes Gelächter aus, schnappten nach Luft wie Fische auf dem Trockenen.

„Süße, mit dieser Nummer können wir demnächst beim Zirkus auftreten!“

„Wieso?“

„Du schaffst es, mit einem Stück Torte dich vorn und hinten zu besudeln!“

Jetzt gackerte sie wie ein Huhn. Sie ging in die Hocke, während sie sich vor Lachen in die Muschi kniff.

Ihr Gesicht streute feuerrote Flammen. Ich krümmte mich ebenfalls.

„Die Nummer sieht nicht nur wie Zirkus aus, sie ist auch Zirkus.“

„Häh? Wie meinst du das?“

„Ich habe mir bei deinem entsetzten verschmierten Anblick direkt mal vor Lachen in die Hose gepinkelt!“

„Waaas? Du bist der Knaller, Vali. Wirklich? Ich glaub es nicht. Auf dem Stuhl? In den Samt? Nach dem Yoga-Motto ‚befreien und loslassen‘?“

Dabei wälzte sie sich auf dem Boden, schüttelte sich vor Lachen.

Lachend beendete ich meine gründliche Waschung, wrang den Anzug und den schwarzen Ritzenfeger aus, ging auf die andere Seite zum elektrischen Händetrockner, schaltete ihn ein. Das Gebläse mit Turbinenstärke ließ meine Wäsche flattern. Ich stieg auf den Mülleimer, den ich auf den Kopf gestellt hatte, um näher an das Gebläse zu kommen, beugte mich vor, stand auf Zehenspitzen, hielt meinen Po näher unters Gebläse, damit dieser auch etwas Wärme und Trockenheit bekam.

Mary quiekte und kreischte, schlug lachend mit den Händen um sich, rollte sich beim Anblick meiner Trocknungsnummer von links nach rechts auf dem Boden.

„Scheiß Torte“, sabbelte ich, während ich mit nacktem Po auf die Uhr schaute. Nach zwanzig Minuten ermüdender Trocknungsdauer nahmen die Klamotten eine gute Form an.

„Tja, Vittorio, der Kuchen wird teuer bei dem Stromverbrauch“, murmelte ich vor mich hin, während ich mich anzog.

„Miss Pissy“, lachte Mary wieder. „Mach Platz, Schatzi, am Trockner. Postier dich an der Eingangstür als Wachposten. Hab keine Lust, von Gästen überrascht zu werden, während ich den meinen in die Höhe strecke und meine Fähnchen trockne. Shit, das wird bestimmt noch lustig. Leder in Verbindung mit Wasser und heißer Luft wird bretthart. Ja, super. Was für ein Auftritt!“

Zurück im Restaurant, hatten viele Gäste bereits das Lokal verlassen. Es ersparte uns weitere Blicke und verbale Anzüglichkeiten. Mary ging zu ihrer Handtasche, holte zwei große Scheine heraus. Lachend legte sie diese auf den Tisch.

„Stimmt so, Vittorio. Tut mir wirklich leid!“ Sie schenkte ihm das strahlendste Lächeln, das sie ernsthaft hervorbringen konnte.

Ich sagte gar nichts. Die Nummer war an Peinlichkeit kaum noch zu toppen und an Situationskomik nicht zu überbieten. Vittorio, anscheinend hellsichtig, hatte schon mal ein Taxi bestellt, in das wir wie Flüchtlinge einstiegen. Der Fahrer sah mehrfach in den Rückspiegel, um uns zu beobachten. Solch gackernde Hühner hatte er sicherlich noch nie transportiert. Wir verschluckten die Hälfte der Sätze, weil wir immer noch lachten. Mary saß steif wie ein Brett in den Polstern. Das Leder hatte sich stark zusammengezogen und zwickte überall.

Die Koffer und Taschen standen vor Marys Eingangstür. Jeff war wirklich verlässlich. Mary überreichte mir den Zettel, der auf den Koffern lag. Ich faltete den Zettel auseinander.

„Shayna, Süße! Es war viel zu kurz, aber wie immer interessant, dich zu sehen. Danke für deine überraschende Zusage. Freue mich auf heute Abend. Wenn es dir recht ist, hole ich dich um zwanzig Uhr dreißig ab.

Dein Jeff.

P. S. Die Anrede ist jiddisch. Nicht, dass ich der große Crack in Sprachen oder Dialekten bin, aber das bedeutet: Schöne Süße, und selbst das ist völlig untertrieben!“

Der Zettel zwang ein Lächeln auf meine Lippen. Jeff war echt süß!

Ich fragte Molly nach ihrer Meinung. Sie nickte zustimmend. Okay: Ich musste mich erst mal an diese Form der Kommunikation mit ihr gewöhnen. Mary holte ihren polierten Zweisitzer aus der Garage und fuhr mich nach Hause, klingelte Sturm. Mrs. Clark öffnete freudestrahlend die Tür. Sie schwang dabei ihre Hüften, tänzelte ein wenig.

„Schön, dich zu sehen, du warst aber lange unterwegs! Das Telefon stand nicht still. Habe dir die Zettel an die Tür geklebt.“

Auf dem Weg zu meinem Zimmer hörte ich im Hintergrund Harry Belafonte seinen Yellow Bird singen, ihr Liebling unter vielen. Sein Timbre ließ meinen Beckenbodenmuskel – wie hieß der noch? Popukoksus oder so ähnlich? – vibrieren. Mrs. Clark ließ sich in den Cocktailsessel plumpsen, nahm ihr Glas wieder auf. Die Eisstückchen klimperten an der Glaswand. „Komm, setz dich zu mir, Vali. Möchtest du auch einen leckeren Cuba Libre? Oder lieber einen Rum Runner?“

„Oh, vielen Dank. Bin beim nächsten Mal wieder dabei. Ich bin in Eile, weil mich Jeff gleich abholt.“

„Jeeefff!“ Sie zog seinen Namen in die Länge, strahlte sofort. „Ich freue mich, dass Jeff kommt und du dich für ihn entschieden hast.“

„Wieso entschieden? Wir gehen nur joggen, vielleicht auch essen. Oder wir gehen auf einen Drink. Nichts Verwerfliches oder Entscheidendes.“

„Das ist es ja gerade. Der schwarze Mann ist dagegen gefährlich!“

„Wieso? Du bist doch selbst farbig und ebenfalls aus Jamaika!“

„Waaas? Der ist aus Jamaika? Gott bewahre!“

Sie schlug sich mit der flachen Hand auf die Brust, hob ihr Glas, nahm einen kräftigen Schluck.

SOLL ICH ODER SOLL ICH NICHT?

Jeff stand am Auto. In der Minute, in der er mich sah, nahm sein Körper eine straffe Haltung an. Ein wunderschönes Lächeln schwebte über sein Gesicht. Galant hielt er mir die Tür auf. Im Auto unterhielten wir uns über diverse Themen. Ich musste lachen. Er war witzig, fast schon übermütig. Er konnte seine Freude kaum noch unterdrücken. Nach fast dreißig Minuten fetziger Fahrt auf dem Don Valley Parkway setzte er den Blinker, fuhr rechts in eine Parkbucht ein. Mein Blick schweifte über den Ontariosee. Er war riesig. Meine Augen schauten auf endlose Wellen mit sich kräuselnden Schaumkronen, die bis zum Horizont reichten, um dort am Ende der Welt wie ein tosender Wasserfall auf die andere Seite der Erde zu fallen. Ich schaute erschrocken nach oben. Du lieber Himmel, wegen dieser Aussage würde mich Kopernikus kreuzigen!

Jeff machte einen auf Vorturner. Wir dehnten uns wie ein Gummiband in alle Richtungen. Ein wenig viel für meinen Geschmack, weil meine Sehnen und Bänder ein mächtiges Krachen im Gebälk verursachten. Es ging los. Aha, Jeff liebte die Strecke am Wasser entlang. Wir liefen schweigend in schnellem Tempo. Ich war froh, dass wir nicht sprachen, weil ich mich so ganz auf meinen Körper, auf meine Atmung konzentrieren konnte, weil ich laut meinem nachbarschaftlichen Bewegungs-Guru falsch atmete. Gab es so etwas überhaupt?

Nach geschätzten acht Kilometern waren wir wieder am Parkplatz. Mir war schon vor einer Weile die Puste ausgegangen. Ich unterdrückte ein Hecheln. Wer will schon schwächeln, wenn man sich gerade intensiv kennenlernt! Ich hielt mich benebelt am Auto fest. Jeff wirkte wie frisch geduscht. Gab’s das? Ich dachte bisher, dass sich unsere knapp sieben Jahre deutlicher bemerkbar machen würden. Typischer Fall von jugendlicher Überheblichkeit!

Jeff hielt mir eine Flasche stilles Wasser entgegen und meinte lakonisch: „Weisheit ist die Anerkennung der eigenen Grenzen! Auch beim Sport!“ Ich nahm sie dankbar entgegen, wusste nicht so recht, was ich mit seiner Aussage anfangen sollte. „Sollen wir zu mir fahren, essen gehen oder möchtest du nach Hause?“

Ich überlegte einige Sekunden. „Würde gern zu dir fahren. Ich möchte sehen, wie du wohnst!“

„Ich liebe deine ehrliche Neugier. Im Leben sollte man immer neugierig bleiben, das hält jung und aufgeschlossen. Und man kann vom Zustand der Wohnung Rückschlüsse auf die darin lebende Person ziehen.“

„Stimmt“, antwortete ich und fühlte mich ertappt.

„Ich interessiere mich seit Jahren für Feng Shui.“

„Ich kenne die dahinterliegende Philosophie“, nickte ich zustimmend.

„Aber woher weißt du das?“

„Ich gehe regelmäßig dienstags zu Sabia Consuela, die Weise Wissende. Wie schon in der Oper Turandot: Wage zu wissen oder Nessun Dorma.“

„Du magst Opern?“, staunte Jeff.

„Meine Großeltern mütterlicherseits versuchten mir, ihre Freude an altem Wissen und Können zu vermitteln.“

An der Kreuzung bog er rechts ab. Wir fuhren durch den Crimson Millway, fuhren in eine Seitenstraße, hielten an. Jeff drückte auf einen Sender, der unter der Sonnenblende angebracht war. Das schmiedeeiserne Tor schob sich in eine Öffnung der Mauer. Die Einfahrt im Rundbogen vor dem Eingang war schwarz geteert. In der Mitte thronte ein plätschernder dreistöckiger Brunnen. Dieses Oktagon war aus hellem Muschelkalk, einem ursprünglichen Gestein, wie Mary mir mal erklärt hatte. Üppiger Farn rahmte ihn ein. Das Haus hatte über dem Eingang einen großen Überbau, der getragen wurde von jeweils drei weißen Steinsäulen, deren Enden zu Schnecken gerollt waren. Am Anfang der Treppen lagen rechts und links Löwenskulpturen. Sie sahen aus wie Ableger der berühmten Löwen von Delos. Oma Clara hatte mir mal vor Jahren erklärt, dass die Steinkünstler aus der griechischen Antike schon damals gewusst hatten, wie man Macht darstellte.

An der Eingangstür hielt Jeff den linken Daumen vor ein winziges Gerät. Eine Sicherungsanlage, deren grelles Licht Jeffs Einzigartigkeit scannte. Die Tür ging mit einem Surren auf. Jeff beugte sich vornüber, bedeutete mir mit einladender Geste, dass ich eintreten sollte. Der Eingangsbereich war rechteckig. Auf einer antiken Kommode stand ein flaches Aquarium mit bunten Fischen: hauptsächlich Goldfische, zwischen denen ein schwarzer Schleierschwanz schwamm. Flächendeckende Spiegelwände zierten die Wände. An der Bildleiste hing der malerische Traum aller Träume. „Auguste Renoir!“, hauchte ich mit weitaufgerissenen Augen, während er mich ins Wohnzimmer führte. Schwarz-weiß dominierte, wobei Weiß die Oberhand behielt. Semiokulas, die Feng-Shui-Pflanze schlechthin, deren fleischige Blätter an langen Stielen wucherten. Kräftig und gesund ragten sie aus schwarzen chinesischen Lacktöpfen. Ich setzte mich beeindruckt auf seine Couch, ließ meinen Blick schweifen, nahm die interessanten Details auf: chinesische Kunstobjekte in beleuchteten Vitrinen, chinesische Kalligrafien an den Wänden. Fernöstliche Jadefiguren teilten sich den exponierten Platz mit kanadischer Eskimo-Kunst. Die Mischung war außergewöhnlich.

Eine verspielte französische Kaminuhr aus Porzellan mit üppigen Goldverzierungen thronte über dem Kamin. Rechts und links auf dem Kaminsims standen weiße Marmor-Obelisken, die große Ähnlichkeit mit denen in Kairo, die neben der Sphinx standen, hatten. Die moderne Einrichtung, gepaart mit edlen, fast höfischen Antiquitäten, verliehen dem Wohn- und Esszimmer eine wohnliche Ausstellungsatmosphäre. Neben dem Kamin auf der Marmorsäule fiel mir die lebensgroße Skulptur eines Torsos auf. Sie sah aus, als ob sie aus Kupfer oder Bronze wäre. Vielleicht ein Modigliani? Nee, glaubte ich nicht. Der könnte nicht einfach so hier rumstehen, oder?

Opa hatte mir mal in einem Kunstbuch gezeigt, dass man bei dieser Skulptur den Brustkorb wie Doppeltüren öffnen konnte. Man sah in den menschlichen Körper und dessen Anordnung innerer Organe, alles aus polierten Metallen, unglaublich detailliert. Ob die Skulptur und das Bild wohl echt waren? Es machte mich unruhig und nervös. Alles war so sauber, so aufgeräumt und roch betörend nach Vanille und Rose, dass ich glaubte, in einem Schloss, einer Galerie oder im Möbelgeschäft zu sein. Ich konnte riechen, Jeff achtete aufs kleinste Detail. Selbst die frischen Blumen, Callas mit weißen Lilien und Lederfarn, standen in Vasen in Küche, Wohn- und Esszimmer. Nichts zu wenig. Nichts zu viel. Hier gab es Klarheit, Ordnung und Schönheit.

Hey? War das nicht auch mein Mantra? Haha, mein Zimmer ähnelte im Vergleich einer zugemüllten Hundehütte. Ich entschied: Jeff durfte niemals nach oben in meine Abstellkammer kommen. Da waren sie wieder, meine Minderwertigkeitskomplexe. Ich ging in seine Küche, die ein riesiges Fenster hatte. Beim Spülen konnte er in einen gepflegten Garten schauen. Nicht schlecht!

„Darf ich fragen, warum deine Küche keine Griffe hat?“

„Lustig, dass dir das auffällt. Den meisten Menschen entgeht dieses Detail. Nun, an den Griffen erkennst du, wie alt eine Küche ist. Hersteller verändern die Griffleisten.“

„Aha, und das wolltest du bei deiner verhindern?“

„Nein! Aber ich liebe Technik, Funktionalität und Originalität.“

Was sollte ich dazu noch sagen! Aus dem Kühlschrank holte Jeff eine Flasche Moët, öffnete sie mit einem lauten Knall, schenkte ihn in die bereitgestellten Flöten ein. Ich beobachtete, wie er eine Drahtspirale aus rosa Glasperlen um den Fuß meines Glases wickelte. An seinem Glas waren die Perlen hellblau. Wir hoben das Glas, prosteten uns zwinkernd zu.

„La Chaim, auf das Leben“, sagte Jeff. Er kam nah an mein Gesicht, beugte sich vor und hauchte einen zarten Kuss auf meine Wange. Seine Augen strahlten so hell, dass sie eine Sonnenfinsternis erzeugen konnten.

„La Chaim“, erwiderte ich. „Warum hast du die Perlenspirale um mein Glas gelegt? Ist das auch ein Symbol?“

„Nein. Damit kann man aber Gläser voneinander unterscheiden.“

Wie vornehm! Ich kam mir ziemlich gewöhnlich vor. Jeff hielt mich am Ellbogen. Er führte mich ins Wohnzimmer auf die Couch zurück.

„Möchtest du den Rest des Hauses sehen oder lieber hier sitzen bleiben?“

Ich platzte vor Neugierde, denn mein Eindruck, meine Einschätzung von ihm hatten komplett danebengelegen. Ich zügelte diesmal meine Neugierde.

„Vielen Dank, aber ich würde gern hier sitzen bleiben.“

Er auch, das sah ich seinen Augen an. Jeff prostete mir zu.

„Was ist los, schmeckt der Schampus vielleicht nicht? Du verziehst dein Gesicht.“

„Doch, es ist nur, dass ich Champagner ohne süßen Likör nicht so wahnsinnig gern trinke!“

„Entschuldigung, dass ich das einfach so angenommen habe. Die meisten Frauen lieben Champagner pur.“

„Möglich, aber ich nicht.“ Bin ich wie andere?, dachte ich bissig. Oder schlich schon Mrs. Eifersucht von hinten auf der Bühne?

„Was möchtest du denn?“

„Hast du einen Himbeerlikör und einen Apfel?“

„Einen Apfel?“, fragte er erstaunt. Jeff stand auf, ging in die Küche. Kurz darauf kam er wieder: „Habe zwei zu Auswahl, den grünen Delicious oder den Braeburn!“

„Nehme den Braeburn. Danke! Wo kaufst du dein Obst?“, fragte ich interessiert.

„Na, beim Chinesen auf Young, Ecke Bayview. Lim… soundso! Der hat seit einiger Zeit so einen tollen Powersaft. Meine Schwester ist ganz verrückt danach. Sie schleppt ganze Tabletts davon an.“

Meine Augen leuchteten fröhlich wissend. Ja, da schau her! Ich hob mein Glas, leerte es in einem Zug.

Jeff zog die Augenbrauen fragend hoch. „Stimmt etwas nicht?

„Ich glaube, ich bekomme eine Erkältung. Mein Hals kratzt, mein Magen grummelt.“

„Oh, das tut mir leid. Kann ich etwas dagegen tun?“

„Einen Aquavit?“, lachte ich. Wurde ich jetzt dreist oder mutig?

„Kommt sofort.“ Jeff sprang auf und füllte großzügig ein Glas.

„Ich töte mit Hochprozentigem Bakterien ab, aber baue mich mit dem Apfel wieder auf.“

Er strahlte mich an. „Ja wenn’s denn hilft!“

„Wohnt deine Familie auch in Willowdale?“, fragte ich wieder neugierig.

„Bin quasi von ihr umzingelt. Wie die Iglus der Eskimos bilden wir auf dieser Straße einen Kraal. In den zwei Häusern rechts wohnen meine Brüder mit Familie. Die links bewohnen meine Eltern und meine Schwestern. Tanten und Onkel bilden den krönenden Abschluss.“

„Wohnst du hier allein im Haus?“

„Ja! Bin seit drei Jahren geschieden. Meine Frau ist damals mit den Kindern ausgezogen. Sie zog drei Straßen weiter. Danach hatte ich keine Lust, mir etwas Kleineres zu suchen. Auch war ich eine lange Zeit emotional nicht in der Lage, eine Veränderung einzuleiten. Außerdem ist es bequem, denn die Kinder können zu Fuß zu mir kommen. Meine Familie organisiert meinen Haushalt, kümmert sich um Wäsche, Kochen und Putzen und was es sonst noch zu regeln gibt. Unsere portugiesischen Perlen Hanna, Marena und Helena sind sozusagen von uns adoptiert. Sie werden auf sechs Familien aufgeteilt und wohnen im Anbau meiner Eltern.“

Was sollte ich dazu sagen? So wie ich das sah, passte meine Hundehütte gleich zweimal in seinen Flur. Ich beschloss wieder: Jeff darf niemals mein Zimmer betreten. Ich würde mich zu Tode schämen. Warum eigentlich? Es konnte ja nicht jeder mit goldenem Löffel im Rachen geboren werden!

„Sollen wir das Thema wechseln?“, fragte Jeff. „Du siehst so nachdenklich aus.“

Stille. Ich traute mich nicht zu antworten.

„Bedrückt dich mein Haus?“

Ich antwortete nicht, aber senkte meinen Blick. Jeff rückte näher, legte seinen Arm um mich, schaute mich durchdringend an.

„Lass dich bloß nicht von diesen Äußerlichkeiten beeindrucken. Materiellen Reichtum kann man sich hart erarbeiten. Er kann vererbt oder geschenkt werden, aber auf keinen Fall ist er ein Garant für Glück und Zufriedenheit. Viele Menschen sind glücklicher auf weniger Raum mit weniger Geld. Lass dich also nicht täuschen!“ Jeff hauchte einen flüchtigen Kuss auf mein Ohrläppchen.

Ich strahlte ihn an. Es waren diese und andere Aussagen, die ihn für mich so unglaublich sympathisch machten. Oder brauchte ich sein verbales Trostpflästerchen, um mich besser zu fühlen? Jeff musste eine Kugel haben oder wo sah er, was ich dachte oder fühlte?

„Schön, dass du das sagst.“ Im Hintergrund sah ich Molly. Die kickte den Karton mit der Aufschrift „Minderwertigkeitsgefühle“ in den Keller, hob drohend ihre Faust in meine Richtung. Waaas? Hast du dich noch nie mickrig gefühlt?, schrie ihr mein Unterbewusstsein zu.

Jeff legte den zweiten Arm um mich. Wir küssten uns innig. Seine Arme wickelten meine Gefühle ein, liebkosten sie. Nach diesem intensiven Kuss schaute mir Jeff noch tiefer in die Augen. Schwindel stieg auf.

„Soll ich dir was sagen?“, flüsterte Jeff über meinen Scheitel.

Mollys Pupillen weiteten sich fragend. Sie hielt beide Daumen hoch. Wieso wusste sie, was kam?

„Ich bin total verliebt in dich!“

Ich schluckte mehrfach, denn mein Gaumenzäpfchen ging rauf und runter wie eine Quecksilbersäule. „Schon als ich dich zum ersten Mal gesehen habe, merkte ich eine körperliche Reaktion. Als du dann beim zweiten Mal die Treppe herunterkamst, breitete sich ein wärmendes Gefühl in mir aus. Deine Aura muss meine berührt haben, denn wie auf einer Pferderennbahn galoppierte mein Herz ununterbrochen. Du machst süchtig!“

„Wow!“ Ich senkte meine Augenlider. Das hatte man mir noch nie gesagt. Ich fühlte, wie sich mein Blut aufgeschäumt in die Venen-Wildwasserbahn zwängte, kratzte mich am Hinterkopf, drehte meine Haare in eine Nackenrolle.

Hiiilfe! Wie gern hätte ich jetzt eine geraucht, etwas Hochprozentiges getrunken! Egal, irgendeinen Krückstock, nur um meine Unsicherheit und Nervosität zu bekämpfen. Ich atmete tief durch. Was für eine Liebeserklärung! Mit beiden Daumen rieb ich am Zeigefinger entlang. Das beruhigte.

„Liebes, ich würde so gern mit dir schlafen, dir meine wahren Gefühle zeigen!“

Ach, du liebe Zeit, mit Ansage! Seine direkte Art machte mich vollkommen unsicher, schob verlegen eine lange Strähne aus meinem Gesicht. Jeff erhob sich, zog mich mit einer Hand von der Couch hoch und ging in Richtung Treppe.

Das Schlafzimmer hatte weiße hohe Doppeltüren, die sich zu einem hellen Salon öffneten. Ich schaute auf einen antiken Schminktisch mit Spiegel. Französische filigrane Sitzmöbel, kleine Beistelltische standen auf einem zartgrünen Gobelin mit Jagdmotiv. Genau: Jäger und Sammler.

Ein holländischer Altmeister grüßte von den Wänden. Könnte ein Bruegel sein, seine Blumenstillleben haben einen besonderen Wiedererkennungswert. Hallo Oma Clara, merkst du was? Ich habe gut aufgepasst, als du mir die Feinheiten der Kunst erklärt hast.

Im Schlafzimmer wölbten sich weiße Rohseidenschals von der Decke. Das moderne Bett stand erhöht vor der hinteren Wand. Es sah edel und trotzdem einladend aus. Das superhohe Kopfteil, das treppenförmig nach oben verlief, in dessen Spitze eine Krone aus Kristallen funkelte, ließ mich träumen von Prinz und Prinzessin. Wie in Trance begann Jeff, mich zu entkleiden. Feinfühlig tasteten seine Finger meinen Körper entlang. Lässig warf er meine Kleidung rückwärts über den Louis-XVI.-Sessel neben einem kleinen hochbeinigen Tischchen. Verschämt wölbte ich meine Hand als Schild über beide Brüste. Meine andere legte ich über meine Scham.

Es war immer dasselbe. Unter den beobachtenden Augen jeden Gegenübers fühlte ich mich verletzlich und nackt. Ich meine wirklich nackt … schutzlos. Hatte ich Angst vor dieser Nähe? War es der für mich unkalkulierbare Jäger, der die Sammlerin überraschte … verschreckte?

Szenen elterlicher Überraschungen in diversen Hotelzimmern drängten auch heute wieder in mein Bewusstsein. Martin war in meinen Augen eine verunglückte Spezies namens Sammeljäger. Ella jagte seinem Sammelgut hinterher. Was war ich? Wie sollte ich meine Position finden?

Jeff drehte sich um. „O Valentina! Du siehst aus wie die Venus von Milo. So anmutig. So schön! Auch wenn deine Haltung Abwehr und Unsicherheit ausdrückt.“

Ich staunte, dass er das sehen konnte, erinnerte mich. Sabia hatte erklärt, Körpersprache mache über siebzig Prozent unserer Kommunikation aus. Na super … dann hatte ich die gerade versemmelt.

Genau das wollte ich nicht vermitteln.

Jeff nahm mich schützend in seine Arme, küsste mich fordernd. Dabei drückte er mich in Richtung Bett. Wir knutschten im Liegen. Mein grün berockter Jäger war zärtlich. Plötzlich stützte er sich auf seinen Ellbogen, fragte besorgt: „Ich hoffe, du willst es auch?“

Ich antwortete nicht gleich, war unsicher. Mit Jeff war es anders. Ich fühlte mich ein wenig überrumpelt. Vielleicht war es sein bettelnder Blick oder seine offene Bewunderung, die mich umstimmte und meine Wünsche hintanstellen ließ. Keine Ahnung. Ich nickte, während ich seine Augenlider küsste. Kaum hatte er meine Zustimmung, zeigte seine Erektion zur Stuckdecke. Es zeigte sich Jeff, der Mega-Kuschler, der mich mitnahm und eintauchte in ein Gefühl voller Zärtlichkeit. So entrückt lagen wir auf dieser weichen Scholle im Universum, eine scheinbare Ewigkeit. Er beugte sich über mich, während seine ausgestreckte Hand in der Schublade den „Billy Boy“ mit seitlich kleinen Noppen hervorzauberte. Ups, so einen hatte ich noch nie gesehen. Es waren nur Bruchteile von Sekunden, in denen sich Sabia wieder in mein Gedächtnis schlich. Ich hätte fast wieder denselben Fehler begangen, hätte wieder nicht an Schutz gedacht. Gott schütze Jeff und seinen gelben Billy Boy. Was war nur los mit mir? Fast als wenn ich willenlos wäre! Litt ich unter Gefallsucht?

Jeff sah meinen fragenden Gesichtsausdruck. Hob Billy hoch: „Gelb für Harmonie, Kreativität, mit eingebautem Zitronengeschmack. Die Nöppchen dienen der zusätzlichen Stimulation, haha und sind rein optisch eine vorgetäuschte Vergrößerung. Haha, es lebe die Täuschung und der Größenwahn!“

„Haha“, lachte ich amüsiert, liebte seine entspannte Ehrlichkeit.

Jeff entpuppte sich als einfühlsamer Liebhaber, der wusste, was Frauen wünschten. Er war groß, schlank mit muskulös gewölbtem Waschbrettbauch. Zwischen seinen Rippen hätte man die Gitarren-Hymne von Carlos Santana spielen können. Sein Bauch kam definitiv nicht vom Bierkästenschleppen.

Nein, es war keine akrobatische Kronleuchter-Nummer. Erstaunt stellte ich fest, dass wir überhaupt nicht fremdelten. Ein unsichtbares Band hatte uns verbunden. Entspannt schlief ich nach dem Sex sofort ein.

Mitten in der Nacht wurde ich wach. Die Halsschmerzen waren nicht zu ertragen. Jeff wurde vom Husten wach. Besorgt lehnte er sich über mich: „Warte zehn Minuten. Ich gebe dir ein garantiert natürliches Hilfsmittel. Eine lang erprobte Medizin gegen Halsschmerzen und bösen Husten, gesünder als Aquavit.“

Ich nickte, während ich nieste.

Jeff sprang mit einem Satz aus dem Bett. Ich hörte ihn unten in der Küche werkeln, strich mit den Händen über die herrliche Bettwäsche. Ein weißer Traum in Seide. Dagegen lag ich in meinem Bett wie auf Stroh. Die Doppeltür flog auf. Jeff im Adamskostüm ohne Feigenblatt balancierte ein Tablett durchs Zimmer, nahm die Serviette, legte sie mir mit einer Kette um den Hals, begann, mich zu füttern.

„Ich dachte, du bringst Medizin“, nuschelte ich mit vollem Mund.

„Das ist Medizin. Wir nennen es jüdisches Penicillin.“

Während der Fütterung blies er vorsichtig über den Löffel. Ich wusste gar nicht mehr, wann ich zuletzt krank war und gefüttert wurde, leerte brav die Schüssel. Erschöpft sank ich in die Kissen. Jeff küsste mich zärtlich am Hals entlang. Ich fühlte mich geliebt und begehrt, fiel in einen tiefen Schlaf. Molly verdrehte ihre Augen, umarmte sich selbst und schien zufrieden zu sein.

AM ANDEREN MORGEN

Durch die Fensterläden kam zwar keine Sonne, aber das Licht brach sich dennoch gestreift an den Wänden. Die edlen Seidenschals bewegten sich wie Segel im Luftzug. Ich schaute auf die andere Seite, Jeff lag nicht im Bett. Ich fühlte meinen Hals, schluckte. Tatsächlich, alles gut. Das Kratzen war weg.

Im Bad setzte ich mich auf den Wannenrand, während ich in den Spiegel schaute, sinnierte erschrocken über meinen Anblick. Gosh, wie war das möglich? Da schaute mich jemand an, den kannte ich überhaupt nicht.

Ich sah aus wie nach der zehnten Runde im Ring mit Sugar Ray Robinson: die Augen glasig, dick und verquollen, die Lippen rissig, etwas schief, die Nase gerötet, fast doppelt so groß.

Ich duschte ausgiebig. Jeff hatte eine ganze Batterie von Flaschen und Tuben zur Auswahl. Ich kam mir vor wie im Drogeriemarkt, zog mich an. Hüpfend sprang ich die Treppen herunter, hatte nur noch anderthalb Stunden. Dann musste ich bei der Arbeit aufschlagen.

Jeff, im feinsten dunkelblauen Zwirn, die Krawatte ordentlich gebunden, stand gelassen am Kaffeeautomaten. Auf dem Tresen hatte er mir einen Früchteteller mit Bircher-Müsli auf meinen Platz gestellt. Er umarmte mich küssend. „Guten Morgen, Süße! Naaa? Hat die Medizin gewirkt?“

„Kann es immer noch nicht glauben! Entweder war es der Aquavit oder die leckere Hühnersuppe. Auf jeden Fall sind die Bazillen ausgewandert.“ Klein-Molly zeigte sich mit erhobenem Daumen, signalisierte: Sie fand Jeff gut.

Wir frühstückten, tauschten schweigend liebevolle Blicke aus, verließen anschließend hektisch sein Haus, fuhren einige hundert Meter auf der Post Road, bevor wir abbogen. Jeff fuhr mich direkt nach Hause, wartete im Auto, während ich mich oben in meinem Zimmer umzog.

Mrs. Clark hatte mir gar nicht die Tür geöffnet. Ob sie wohl zu Hause war? Während ich die Treppe wieder heruntersauste, klopfte ich mehrfach an ihrer Tür. Nichts. Hm … merkwürdig! Ich schloss die Haustür gleich zweimal ab. Jeff spielte den Butler, hielt galant die Wagentür auf, während er sich steif verneigte. Mit quietschenden Reifen startete er durch. Um drei Minuten vor neun stieg ich küssend aus dem Wagen, überquerte die Straße und ging ins Büro. Die Chefin öffnete mir die Eingangstür.

„Hallo Valentina. Guten Morgen. Schön dich zu sehen und dass du pünktlich bist. Deine Kollegen sind noch nicht da. Alles gut?“

„Exzellent. Besser geht’s nicht. Wieso fragst du, stimmt etwas nicht?“

Ich schaute an meinem Hosenanzug herunter, richtete meine Bluse, bürstete einige Haare von meinen Schultern, überprüfte, ob mein Reißverschluss an der Hose geschlossen war. Alles schien in Ordnung.

„Du siehst irgendwie verändert aus. Nichts Spezifisches, aber definitiv anders.“

„Sicherlich meinst du meine Augen, Lippen und Nase. Gestern wollte sich die Pest verbreiten. Habe sie aber erfolgreich mit Aquavit und Hühnersuppe bekämpft. Nase, Lippen und Augen sind nur die äußerlichen Flurschäden, die länger brauchen, um sich zu erholen.“

„Haha, köstlich. Du hast jüdisches Penicillin genommen? Damit fühlt man sich so und sieht auch so aus! Komm rein und setz dich in mein Büro. Ich hol uns schnell einen Kaffee.“

„Lass mal. Du setzt dich. Ich hole den Kaffee. Dies ist eine Serviceleistung aus dem Hause Behrmann. Mach mich bloß nicht arbeitslos.“ Ich trug die großen Tassen ins Büro. „Hast du dein Buch ausgelesen?“

„Meinst du das berühmte Sex-Buch? Von dem kreativen Schriftsteller aus dem Elch-Land? Was vor vielen Jahren schon verboten war? Was vom Markt genommen wurde? Das auf die Schwarze Bücherliste gesetzt wurde?“

„Wie? Es gibt eine Schwarze Liste? Das wusste ich gar nicht. Du sagtest nur, dass es ein Buch über Sex ist. Ich war Zeuge, wie du es wie eine hungrige Kreuzotter verschlungen hast.“

„Nun, wenn du es gelesen hättest, wären danach auch für dich keine Fragen offengeblieben. Es ist kein Garantiefahrschein für die Liebe, aber im Bett fesselst du damit jeden Mann an dich. Sogar so, dass er dir bettelnd aus der Hand frisst und nach mehr bettelt, dir die Füße küsst, um die Rolle rückwärts zu machen.“

„Wirklich?“

„Wirklich! Denk dran, viele Menschen verwechseln Sex mit Liebe. Das ist normal, wenn man jung ist. Wahre Liebe ist etwas ganz anderes. Sex gehört zur Liebe und Liebe gehört zum Sex. Aber Sex allein ist kein Bindeglied auf lange Sicht. Und Liebe ohne Sex ist Freundschaft.“

Hilfe, das war eine Packung. Das musste ich mir noch mal auf der Zunge zergehen lassen. Die Chefin stand auf, klopfte mir auf die Schultern.

„Bring dir meine Rarität nächste Woche mit, dann kannst du mal einen Schnupperkurs der Extraklasse belegen. Ich habe nur eine Bitte: Hüte es wie deinen Augapfel! Um an diese Ausgabe zu kommen, musste ich echt Klimmzüge machen.“

„Danke für dein Vertrauen. Danke für deine Unterstützung bei meiner Wissens- und Bewusstseinserweiterung!“

COWBOYS UND INDIANER

Nachdem Jeff mich morgens am Büro abgesetzt hatte, wollte die Chefin wissen: „Wer war denn der silberne Zweisitzer?“ Ich schwieg.

„Was Neues?“, drückte sie nach. „Interessantes?“ Flammen der Neugierde züngelten.

Ich nickte verlegen.

„Da draußen laufen viele verrückte Spinner rum. Habe gerade selbst wieder diese Erfahrung gemacht, kann dich nur warnen.“

„Wovor?“

„Indianern oder Cowboys.“

„Wie bitte? Indianer oder Cowboys? Die gibt es hier doch gar nicht.“

„O doch, Vali, ernsthaft. Es wimmelt hier geradezu von ihnen.“ Sie lächelte verschmitzt.

„Kannst du mir das erklären?“

„Erklären? Da gibt es nichts zu erklären. So was muss man einfach wissen, sonst kann man böse in etwas reintreten, was klebt, stinkt oder gefährlich ist!“

„Bin heute etwas schwerfällig.“ Ich saß noch auf meiner Scholle im Universum.

„Also, bei der Indianer-Nummer liegen die Typen den ganzen Tag auf der Lauer, warten auf ihre Chance. Wenn sie kommt, und sie riechen sie förmlich, schlagen sie zu, holen sich siegessicher ohne Umschweife ihren Skalp. Das kann schmerzhaft sein. Die Cowboy-Nummer dauert länger. Er kommt anonym in die Stadt geritten. Wortlos wird der Gaul vor dem Saloon festgeschnallt. Grußlos betritt er die Bar, bestellt einsilbig Whisky und säuft. Er hört, wie eine Tür oben in der ersten Etage geöffnet wird. Sein Blick schweift gelangweilt nach oben, stockt. Sein Blick heftet sich auf Donna Doria. Ihre Brüste hochgeschnallt und gut sichtbar, kommt sie aufreizend in was Kurzem die Treppe runter. Bewaffnet mit einem vollmundigen Siegerlächeln, das jeden noch so Wortkargen sofort flachlegen könnte. Beim Cowboy regt sich schon was. Sie erklärt die Konditionen. Der Cowboy nimmt ihr Angebot ‚saufen, baden, ficken’ wortlos, aber lächelnd an. Bis jetzt wusste niemand, woher er kommt, wie er heißt und warum er da ist. Das bleibt auch so, bis er ganz beiläufig zu ihr den Satz sagt, den die meisten nichtprofessionellen Mädels hassen: ‚Schatz, ich muss jetzt weiterziehen.’ Er zahlt seine Zeche, reitet, wie er gekommen ist, wortlos aus der Stadt zur nächsten. Tadaa!“

Die Chefin streckte beide Arme aus. „Die Cowboy-Nummer.“ Ich schluckte.

„Nun, ich bin schon so lange mit meinen Büchern und meinem Büro liiert, da weiß ich, was ich habe. Bis der Richtige kommt, muss ich noch viele Indianer und Cowboys küssen. Bei meinen Büchern aber weiß ich, wo sie herkommen, was sie wollen und wohin sie mich führen. Dafür zahle ich gern.“

Mein Mund war wie bei einem Karpfen weit aufgerissen, saugte Luft ein. Ich verdaute, bevor ich antwortete: „Es tut mir unglaublich leid, dass du so ein Pech mit Männern hast. Aber vielleicht kommt ja eines Tages dein Traummann vorbei, der dich auf Händen trägt, dich mit Liebe überschüttet, guten Sex mit dir hat.“ Ich stand auf, legte meine Arme um ihren Hals, sah, dass sie Tränen in den Augen hatte, verstand das nicht. Sie war eine so tolle Frau. Waren die Typen alle blind?

„Danke, Vali. Ich gebe nicht auf. Hoffnung ist doch das Letzte, was stirbt. Mach dir keine Sorgen, Vali. Vielleicht gehören wir alle auf die Couch. Ganz nach dem Motto: lieber schizophren als ganz allein!“

Ich nickte zustimmend. Zwischenzeitlich waren meine Kollegen eingetroffen. Das hektische Treiben begann.

HERZ ODER VERSTAND

Abends in der Vorlesung war ich mit den Gedanken komplett woanders. Shit. Das konnte ich mir nun wirklich nicht leisten, denn ich hinkte mit dem Lehrstoff hinterher. Der Stoff war heute zwar interessant, aber das Herzblut fehlte bei mir. Ich war zu gern bereit, abgelenkt zu werden, zwang mich, Zeit für meine Lerngruppe einzuplanen, mich hinzusetzen, Notizen zu machen, den Stoff zu lernen, die Zusammenhänge zu verstehen.