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Dieses Buch soll anderen, die mit meinem Beruf nicht vertraut sind, einen kleinen Einblick gewähren, mit welch ergreifenden und grauenhaften Schicksalen wir tagtäglich konfrontiert werden können. Sie sollen dadurch auch die -dunkle Seite- unseres Berufes kennenlernen. Nicht DERRIK und TATORT und schon gar nicht CSI und KOTTAN sind die Realität. Eine Realität, welche den meisten Menschen zum Glück erspart bleibt. Das Buch soll nicht schockieren. Aber es wird auf jeden Fall ergreifen und die Gefühle jedes einzelnen berühren.
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Seitenzahl: 230
Veröffentlichungsjahr: 2022
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Hermann Szodl
„Konrad 3“ von Funkstelle ... !
Dies ist mein erstes Buch und
ich lese es immer wieder gerne.
Vorwort
Dieses Buch soll anderen, die mit meinem Beruf nicht vertraut sind, einen kleinen Einblick gewähren, mit welch ergreifenden und grauenhaften Schicksalen wir tagtäglich konfrontiert werden können. Sie sollen dadurch auch die „dunkle Seite“ unseres Berufes kennenlernen. Nicht DERRIK und TATORT und schon gar nicht CSI und KOTTAN sind die Realität. Eine Realität, welche den meisten Menschen zum Glück erspart bleibt. Das Buch soll nicht schockieren. Aber es wird auf jeden Fall ergreifen und die Gefühle jedes einzelnen berühren.
Auch möchte ich meinen Kollegen, die in irgendeiner Form mit ihrem schönen Beruf nicht mehr klarkommen, einen Denkanstoß liefern und einen Weg aufzeigen wie sie mit ihrem Leben wieder ins Reine kommen können. Und solche Kollegen/innen habe ich schon viele kennen gelernt. Gerade in dieser Zeit des Leistungsdruckes und der Schnelllebigkeit verlangt es der manchmal geschundenen und angeschlagenen Psyche nach Mitteilung. Nach Kommunikation. Das Gespräch mit Kollegen. Die Zeit und das Artikulieren ersetzen den besten Psychologen.
Ein wenig stolz bin ich schon, wenn ich meine Bibliothek betrachte und ein Buch von mir befindet sich auch darunter. Ein Buch, geschrieben aus der Not heraus. Zu schreiben begann ich, weil ich nicht fähig war, mich mitzuteilen. Mein Leid, meine Krankheit oder mein Trauma konnte ich niemandem anvertrauen. Nicht einmal der Familie. Nur mir selbst. Als ich schließlich unter dem Pseudonym „Nobody“ begann, meinen Leidensweg niederzuschreiben, merkte ich, wie es mich innerlich befreite. Es half mir, mich zu öffnen und gleich einer Zwiebel mit ihren vielen Schalen mich seelisch zu öffnen. Weg mit all den Schichten - Scham, Feigheit, Ehre und Erziehung. Nur das nackte Leben zählte noch. Nur der nackte Mensch.
In meinem Leben spielte vieles zusammen. Das Elternhaus, die Familie, der Beruf, die Gesundheit und die innere Einstellung zum Leben selbst. All diese Faktoren waren und sind fein untereinander verwoben und beeinflussten mich im Verlaufe der Zeit in unterschiedlichster Art und Weise. Als es in diesem Gespinst zu einer Störung kam, wirkte sich diese Störung auf mein Wohlbefinden aus. Ich wurde krank.
Das Schreiben bewahrte mich nun davor, arbeitsunfähig zu werden. Ich merkte, dass ich über das, was ich für mich niedergeschrieben hatte, auch reden konnte. Da war keine Hemmung mehr. Nicht die negativen Meinungen anderer sind wichtig, sondern man selbst ist sich wichtig, und sich selbst muss man treu sein. Ich will auf keinen Fall dem Egoismus zusprechen. Nein, sich selbst bewusst der Umwelt zu stellen und mit dieser zu leben. Alles zu hinterfragen und mit allen Sinnen das Leben erleben. Man hat nur dieses eine.
Den letzten Ausschlag darüber, mein Buch zu veröffentlichen, gab folgendes Erlebnis.
Ich war im Jahre 2009 auf einem Kuraufenthalt in Waidhofen an der Ybbs. Dort kam es zu dieser anstoßgebenden Begegnung. Mit meinem Tischkameraden hatte ich mich am Abend zu einem Umtrunk in einem Weinlokal verabredet. Da mir der Weg durch die Ortschaft zu banal erschien, wählte ich den Fußmarsch durch den Wald am Hange des Buchenberges. Auf Grund von Bauarbeiten, im Zuge der Untertunnelung des Berges, waren einige Gehwege unvermittelt durch ein Absperrgitter unpassierbar gemacht worden. Uns, die wir schon zwei Wochen hier waren, war dieser Umstand bereits bekannt. Lediglich die jeden Tag neu eintreffenden Kurgäste kannten diese Wege nicht. An jenem besagten Tag lernte ich einen jungen Mann kennen, welcher prompt einen solchen Weg beschritt. Ich sah ihn vor mir den Weg wählen und dachte bei mir noch, na weit kommst da nicht. Als ich zu der Abzweigung kam blieb ich stehen und wartete kurz. Da kam der junge Mann auch schon daher und machte dabei kein glückliches Gesicht. „Der Weg ist abgesperrt, wie manche andere auch“, sagte ich und weiter „Servas, du bist neu im Buchenbergheim, das sieht man dir gleich an.“ „Ja heute eingetroffen und schon verlaufen. Das kann auch nur mir passieren.“ Sofort war da eine gewisse Sympathie. Ich lud ihn ein, mich zum Weinlokal zu begleiten. Dort trafen wir uns mit meinen Tischgenossen und einigen Bekannten. In der letzten Woche ging ich in weiterer Folge selten fort. Am vorletzten Tag, vor der Abreise, trafen wir uns dann im selben Lokal wieder. Er setzte sich neben mich und sprach mich auf meine Gedichte und mein Buchprojekt an.
„Ich traute mich nicht so zu reden, weil so viele Personen am Tisch saßen. Aber auch ich schreibe Gedichte und habe so meinen Lebensmut wieder gefunden. Ich stamme aus einer armen Familie und wir zogen vom Land in die Stadt. Dort waren wir in unserer Gasse Außenseiter. Das spürte ich in der Schule und auch später beim Bundesheer. Ich wurde immer wieder angepöbelt und verdroschen. Seelisch ging ich dabei zu Grunde. Ich wurde zum Bettnässer und in weiterer Folge ein verschlossener Einzelgänger. Ich nehme zurzeit starke Tabletten und bin in psychologischer Behandlung. Meine Gedichte helfen mir sehr. Es fällt mir jetzt nicht mehr so schwer, darüber zu sprechen. Ich möchte ein Buch über mein Leben schreiben, um anderen Menschen ein solch ein Schicksal wie das meine zu ersparen.“
Das möchte ich auch.
Gattendorf, 2010
Die Erzählungen beruhen auf wahren Begebenheiten. Die geschilderten Handlungen und Personen sind jedoch frei erfunden. Ähnlichkeiten mit lebenden oder verstorbenen Personen sind zufällig und nicht beabsichtigt.
IMPRESSUM
1. Auflage, September 2017, © 2010 Hermann Szodl
Titelbild: © 2017 Hermann Szodl
Illustration: © 2017 Bettina Peischl
Umschlaggestaltung, Layout und Satz:
Verlag Margarete Tischler, 7122 Gols, Österreich
Druck: Prime Rate Kft., 1044 Budapest, Ungarn
Printed in Hungary
Alle Rechte vorbehalten Copyright © 2017 Verlag Margarete Tischler
www.tischler-direktmarketing.at/verlag
Hardcover: ISBN 978-3-9504487-1-9
eBook: ISBN 978-3-9504487-4-0
Danke
Dieses Buch beinhaltet sowohl erlebte Geschichten als auch Gedichte, die meiner Feder entstammen. Die Geschichten sollen die dunkle Seite des Blaulichtes etwas ausleuchten. In meinen fast 30 Dienstjahren habe ich einiges erlebt. Im Scherz sagte ich oft zu meinem Beifahrer „Darüber muss man ja ein Buch schreiben ... aber die Leute würden uns das nie glauben“.
Nun, glaubt mir.
Ich möchte Dank sagen meiner lieben Gattin. Sie hat mich in dem Vorhaben, meine Erlebnisse in schriftlicher Form zu veröffentlichen, ermuntert und bestärkt. Weiterer Dank gebührt meinem Bruder Erich. Er war mir ein strenger Kritiker. Und zu guter Letzt meinem Kollegen Walter S. Im Gespräch mit ihm erwachte in mir meine erlebte Vergangenheit wieder.
Noch ein Wort zu meinen Gedichten. Beim mehrmaligen Lesen meiner Gedichte fiel mir eine Melodie auf, welche diesen inne liegt. Diese Melodie erhält beim Lesen eine Eigendynamik, welche den aufmerksamen Leser durch die Zeilen begleitet und ihn regelrecht an den Inhalt bannt und ihn zwingt, immer weiter zu lesen. Meine Wortwahl habe ich daher in weiterer Folge dieser „Melodie“ anpassen müssen. Wurde die Melodie unterbrochen, musste ein anderes Wort her. So lange, bis sich der Reigen wieder durch das gesamte Werk zog. Nein, das ist keine Einbildung. Diese Empfindung wurde mir von anderen Schreibern, welche ihrerseits dieselbe Erfahrung machten, bestätigt. In meinen Gedichten kann man meine Persönlichkeit erfassen und mich als Mensch kennenlernen.
Nun, lieber Leser, finde deine Melodie!
So beginnt meine Geschichte.
Die Geschichte eines Polizisten.
Ich habe wie viele meiner Kollegen
viel erlebt und zu erzählen.
Jänner 1982
Nachdem ich mit der Bahn am Südbahnhof eingetroffen war, begab ich mich mit der Straßenbahn zum Schwarzenbergplatz. Dort stieg ich aus und wandte mich in Richtung Rennweg. Jetzt war es nicht mehr weit in die Marokkanergasse. So wurde es mir gesagt.
Mein Name ist Hermann SZODL. Ich lebte zu dieser Zeit in Neusiedl am See. Mein erlernter Beruf ist Gas-Wasserleitungsinstallateur und Heizungsbauer. Während meines Präsenzdienstes wurde ich zur Wiener Polizei angeheuert. Ein Anwerber hielt im Lehrsaal einen Vortrag. „Komm nach Wien, dort wartet das Abenteuer und eine gute Verdienstmöglichkeit!“ Zum Schluss verteilte er Postkarten, mit welchen man sein Interesse bekunden konnte. Auf Grund dieser Postkarte bekam ich die Anmeldeformulare zugesandt. Na ja, mal schauen ...
Erinnerungen eines Bezirkspolizisten
Der Tod ist der ständige Begleiter des Lebens
oder
Wie man seine Nerven verlieren kann
Es war gegen 03:20 Uhr. Der Regen ging allmählich in ein Tröpfeln über. Das Kopfsteinpflaster der Haidestraße glänzte im Licht der Straßenbeleuchtung, welche hier nur spärlich für Helligkeit sorgte. Ein gespenstisches Zwielicht, nass triefend und über alledem ein leichter Dunst. Ich bin der Lenker des Streifenwagens „Konrad 3“.
Die Haidestraße gehörte nicht zu unserem Überwachungsrayon.
Während ich mit mäßigem Interesse den Funkwagen Richtung 11. Haidequerstraße steuerte und dem dürftigen Funkverkehr nachhing, wurde ich auf Höhe des ehemaligen Beschussamtes gegenüber den STEYR-Werken aus den Gedanken gerissen.
„Bleib steh’n, ich kann nimmer warten. Wenn ich nicht gleich pinkeln kann, steh’n mir im Wasser“.
Sofort hielt ich den Wagen an und Z. sprang aus dem Wagen, um sofort in einem dichten Hollerbusch zu verschwinden. Ja, ja, wenn er nur immer so schnell wäre. Da kein Verkehr herrschte, konnte ich an Ort und Stelle auf der Fahrbahn verweilen. Ich schloss kurz die Augen, während der Motor im Leerlauf tuckerte…
„CÄSAR 2 von Funkstelle“, plärrt das Funkgerät. Während ich leiser stelle, erfahre ich, dass diese Streife in die Ungargasse wegen eines Familienstreites beordert wird.
Ich wollte gerade wieder kurz wegdösen, als ich die Straße voraus zwei dunkle Schatten bemerkte, welche gerade aus dem Licht einer Laterne in das herrschende Halbdunkel eintauchten. Aufmerksam geworden, konnte ich zwei Fußgänger beobachten, welche auf dem gegenüberliegenden Gehsteig in Richtung Kopalgasse gehend sich dem Funkwagen näherten. Irgendetwas erregte meine Aufmerksamkeit. War es ihr Gehabe? Die Zeit? Die Unwirklichkeit der Situation? Was taten die beiden jungen Männer um diese Zeit hier überhaupt? Es ging weder ein Bus noch fuhr hier eine Straßenbahn. Weit und breit keine Wohnhäuser, nur Industrieanlagen. Auch gab es hier keine Lokale, welche eine Anwesenheit erklären würden.
Wer geht hier um diese Zeit und bei diesem Wetter zu Fuß durch die Gegend?
Zwei Männer, einer in einer schwarzen Lederjacke und Jeanshose, der andere in einem langen Steamer-Mantel. Beide ca. 18 Jahre alt und mit südländischem Aussehen. Als sie fast auf gleicher Höhe des Funkwagens sind, lasse ich langsam die Seitenscheibe bis zum Anschlag herunter. Sofort trifft mich die Kühle und die Feuchtigkeit der Nacht. Vergessen sind meine übliche Vorsicht. Vergessen die Eigensicherung. Lässig winke ich den beiden Gestalten zu, dass sie zu mir kommen sollen. Widerwillig und langsam näherten sich die beiden der Fahrertüre. Kurz davor bleiben sie stehen.
„Was macht’s um diese Zeit in dem gottverlassenen Grätzl? Spuckt’s es aus!”
„Nix“, sagt der Mantel. „Warum?“, sagt die Lederjacke.
„Weil’s arschkalt is und ka Normaler um de Zeit da entlangtrollt, drum!“, erwidere ich leicht erzürnt. „Geht’s auf d Seitn“, sage ich und öffne die Fahrertüre. „Was heißt nix und warum, warum ihr da seids will ich wissen, aber dalli und ka Wuchtl will ich hörn.“ Als Reaktion nahmen beide Verteidigungsstellung ein und wichen leicht zurück.
„Ausweis!”
„Haben wir keinen, wir sind hier in Österreich, hier brauchen wir keinen Ausweis“, sagt der Mantel.
Leise beschlich mich ein ungutes Gefühl aus der Magengegend heraus und ermahnte mich zur Vorsicht. Irgendetwas stimmte hier nicht.
Ausblende
Ich bin seit 10 Jahren Polizist in Wien. Seither versehe ich immer Streifendienst. Da bekommt man mit der Zeit ein Gespür für gewisse Zusammenhänge und ein „Naserl“ für eine drohende Gefahr. Nur ein Beispiel von vielen. Ich fahre unter Tag die Simmeringer Hauptstraße entlang. Ein Gewusel auf dem Gehsteig. Hektik allerorten. Die Straßen fast verstopft. Lärm, Gestank und visueller Irrsinn. Und plötzlich im Augenwinkel, beim Vorüberfahren, wie aus dem Nichts, auf dem Gehsteig, fällt mir ein roter Pullover auf. Der Träger warf uns nur einen kurzen Blick zu. Genau in diesem Moment hatte ich ihn registriert. „Den schau’n ma uns an.“ Der Mann bemerkt unser plötzliches Interesse. Er verschwindet sofort im EKAZENT. Nach kurzer Suche, hier kennen wir uns aus, hier kennen wir jeden Stein, haben wir den Mann. Auf Grund seiner Nervosität und seines Fluchtverhaltens, ein gehetztes Reh drängt sich als Vergleich auf, wird er über Funk beim ID angefragt. BINGO! Er war zur Aufenthaltsermittlung ausgeschrieben. Ein U-Boot in Wien.
Ich ging zum Mann in der Lederjacke, drückte ihn sanft aber bestimmt an den Funkwagen und ließ ihn mit den Händen abstützen. Am Kragen beginnend tastete ich mich über seinen Körper, um einen Gegenstand, welcher meine Aufmerksamkeit erregte, zu ertasten. „Des taugt dir, was, Kieberer? Vielleicht greifst mir auch auf die Eier?“ Wie viele andere Kollegen hatte ich immer eine gewisse Abscheu vor dieser Stelle. Auch diesmal war ich nicht genau genug. Das wusste ich in diesem Moment jedoch nicht. Während mein Kollege Z. von der Pinkelpause zurückkam und fragend wissen wollte: „Was is mit diesen zwa Gsichtern?“, erwiderte ich: „Irgendwas stimmt hier nicht!“, und näherte mich dem Mantel.
Ausblende
Jeder Polizist in Wien hört auf seinen Partner. Auf diesen muss er sich bei jeder Gelegenheit und in jeder Situation verlassen können. Pathetisch kann man sagen, dass von vielen Kollegen das Leben davon abhing. Wenn einer der Partner ein ungutes Gefühl hatte oder wenn plötzlich Adrenalin floss, wurde dadurch der andere alarmiert, oder besser gesagt angesteckt. Jagdfieber, hieß das treffend im Jargon. Genau so erging es jetzt Z. Sofort schaltete er von 0 auf 100.
Während Z. den Mann in der Lederjacke festhielt, stand der Mann in seinem weiten, bodenlangen Mantel vor mir. Frontal vor mir stehend, breitete der Mann die Arme aus. Dieser Blick, dieser Hass in seinen Augen. Ich ergriff den Mantel mit der Linken und tastete mit der Rechten über den Brustbereich. Sofort verspürte ich einen harten Gegenstand, welcher sich in der linken Brustinnentasche verbarg. Ich öffnete mit einem Ruck den Mantel und zog ein längliches Eisenrohr heraus. Als ich den unbekannten Gegenstand besah, konnte ich mir keinen Reim darauf machen. Das Rohr hatte an einer Seite ein Gewinde und war kurz darauf von einem stärkeren Rohr ummantelt. Das Ganze war ca 35cm lang. Ich drehte mich zu Z. und übergab ihm den Gegenstand. „Schau, der trägt ein Eisenrohr spazier’n.“ Z., ein Waffenfreak, sagte nach kurzem Augenschein: „Heast des ist ein Schalldämpfer!“
... ADRENALIN schoss ein! ...
Wie in gefühlter Zeitlupe drehe ich mich wieder um. Schon im Augenwinkel sah ich die Bewegung des Mantels. Alle weiteren Eindrücke prägen sich tief in das Hirn. Die Rechte des Mantels war in seiner Manteltasche verschwunden. Die feuchtigkeitsschwangere Luft. Die Lichtreflexionen der windgeschüttelten Straßenlaterne. Langsam kam die rechte Hand wieder zum Vorschein. Die kühle, würzige Regenluft. Die einzelnen Regentropfen welche das Gesicht trafen.
Da war er.
Der Tod.
In Form einer großen Pistole in seiner Hand. Da war er. Er, der dir jederzeit in deinem Leben begegnen kann. Höhnisch grinsend, aus einem riesigen Loch am Ende des Pistolenlaufes, genannt Mündung.
ADRENALIN! ...
Kein Gedanke mehr, das Hirn ist leer. Der Körper handelt von selbst. Reflexartig. Selbsterhaltungstrieb. Meine linke Hand zuckt vor, ergreift den Pistolenlauf, umklammert ihn und drückt ihn gleichzeitig in die Höhe. Währenddessen springt mir meine eigene Kanone in die rechte Hand.
Durch die schnelle Reaktion überrascht und durch die Hebelwirkung entglitt dem Mann die Pistole aus seiner Hand.
Ein plötzlich aufzuckender Gedanke vermittelt mir, dass ich jetzt zwei Pistolen in den Händen halte. Die rechte Hand zuckt vor und schlägt dem Mantel meine Dienstwaffe gegen den Kopf. Während dieser zusammenzuckt, werfe ich die Pistole des Mannes auf unser Wagendach und ergreife den Mann mit der freigewordenen linken Hand am Kragen. Die Linke fuhr in die Höhe, hob den Mann vom Boden ab und drückte ihn mit dem Rücken an die Wagenseite. Der nicht nachlassende Druck und mein Pistolenlauf im linken Auge ließen seinen Oberkörper auf der Dachkante zum Liegen kommen. An eine Gegenwehr konnte der Mann nunmehr nicht mehr denken. Die Füße mindestens 10 cm über dem Boden, halb auf dem Autodach liegend und aus meinem unbarmherzigen Gesichtsausdruck zu schließen konnte der Mann sofort erkennen, dass der Pistolenlauf, in sein linkes Auge gedrückt, keinen Platz für irgendeine Bewegung mehr ließ. Mit rauer, gepresster Stimme hörte ich mich sagen: „Wennst nur mitn Ohrwaschl wackelst, bist maukas!“
Und jetzt kam sie wieder, die Realität und zugleich die Erkenntnis, dass ich den rechten Zeigefinger am Abzug meiner Dienstwaffe hatte.
Ausblende
Es war nicht länger als 2 Monate her, dass wir von der alten Dienstpistole WALTHER PP auf die neue Waffe GLOCK 17 umgerüstet worden waren. Im Zuge der Umrüstung wurden wir auf die neue Dienstpistole, welche von jedem Kollegen sehr begrüßt worden war, eingeschult und auf deren Eigenheiten hingewiesen. Dazu gehörte neben dem Kaliber 9mm Parabellum auch die nicht unwesentliche Tatsache, dass die neue Waffe über keine Sicherung verfügte. Im Gegensatz zur Walther, wo man vor der Abgabe eines Schusses den Sicherungsflügel nach vor kippen musste, konnte man mit der Glock sofort schießen. Aus diesem Grund wurde die Devise ausgegeben, wenn du die Waffe ziehst, immer den Zeigefinger lang. Das hieß, den Abzugsfinger nicht sofort an den Abzugsbügel, sondern den Verschluss entlang in Laufrichtung anlegen. Das sah so aus, als würde man einem Gegenüber die Waffe anhalten und gleichzeitig auf ihn zeigen. Außer im Falle gerechter Notwehr. Und die war in meinem Falle ja wohl zur Genüge gegeben.
Mir war sofort bewusst, der leiseste Druck auf den Abzug und der Mann sah mit seinem linken Auge, durch das Autodach, in das Wageninnere. Langsam, ganz langsam entspannte ich mich wieder. Das Zittern, welches den ganzen Körper ergriffen hatte, ließ allmählich nach. Langsam, ganz langsam, ließ ich den Finger nach vorn sich zurückziehen. Und dann war der Finger lang.
Der Mann bekam wieder Licht auf seine Pupille und diese lernte jetzt wohl das Singen – Shine on me, crazy Diamond.
Während ich höre wie Z. in das Funkgerät ruft: „SUKKURS!, für Konrad 3 ... SUKKURS! ... Stehen in der Haidestraße ... Zwei Männer mit Pistolen, wurden mit Schusswaffe bedroht!“, durchsuche ich den Mann weiter, nachdem ich mich soweit wieder entspannt hatte.
Z. hatte inzwischen dem Mann mit der Lederjacke eine Pistole der Marke BROWNING aus dem Hosenbund genommen. Ja, der Kollege hatte weniger Skrupel und griff ihm auch auf die Eier. An der Pistole war ein volles Magazin angesteckt. Während der eine bäuchlings über die Motorhaube lag und der andere an den Funkwagen angelehnt war, holte ich noch eine Roger-Staubmütze aus der anderen Mantelinnentasche. In diese Sturmhaube waren zwei Augenlöcher geschnitten worden sowie ein Auslass für den Mund zum Atmen. Auch ein volles Reservemagazin hatte der Mann noch in einer der Hosentaschen eingesteckt.
Und nun, ca. drei Minuten nach dem Funkruf um Unterstützung, ging für mich gefühlsmäßig die Sonne auf.
Ausblende
Jeder Polizist in Wien kann einmal in eine gesundheits- oder lebensbedrohende Situation geraten. Aus diesem Grund wurde ein so genanntes Codewort entwickelt, um dem Beamten, wenn er in einer solchen bedrohlichen Situation gelandet ist, jede weitere Erklärung hierüber zu ersparen. - ... Sukkurs ... - Jedermann und jede Frau, welche dieses eine Wort hörte, wusste, dass derjenige von uns, von dem dieses vielleicht als letzte Möglichkeit ausgestoßene Wort stammte, ANGST um sein Leben hatte. Jeder Polizist in unmittelbarer Nähe des Hilferufes ließ alles Angefangene sausen und hatte nur noch ein Ziel. Den Beistand und die Rettung des in Not geratenen Kameraden. Und das mit allen Mitteln. Da hat es gelinde gesagt „gstaubt“ und die „Schrauben san gflogn.“
Ein dumpfer, zuerst weit entfernter, unscheinbarer, klagender Ruf eines Folgetonhornes, immer mehr anschwellend und von der Umgebung Besitz ergreifend, um infernalisch einen angestrebten Höhepunkt zu erreichen, während gleichzeitig das vorherrschende Halbdunkel mit seinen Lichtreflexionen von einem zuckenden Königsblau aufgesogen zu werden drohte, wobei die Zuckungsfrequenz sich kontinuierlich beschleunigte und in einem allgewaltigen infernalischen Lichtertanz sein Ende fand. Nie werde ich in Worte fassen können, was ich in diesem Augenblick empfand. In Erinnerung an das soeben Erlebte wollten mir die Tränen der Rührung in die Augen schießen.
Die nächsten Eindrücke waren, Reifen qietschen, Türen schlagen, Schuhgetrappel und unendliche Erleichterung. Die beiden Männer waren im Nu geschlossen und in das Koat überstellt. Ohne dass es vieler Worte bedurfte, waren die eintreffenden Kräfte nach Sicherung der Lage sofort wieder auf dem Rückweg in ihre jeweiligen Bezirke. Jawohl Bezirke. Als unterstützende Kräfte wurden von der Fixstelle „Konrad“ später angegeben: Konrad 1 und 2, Cäsar 2 und 3 sowie Berta 2 und 4 und last but not least Sektor 3 und 5. Das musste man sich einmal vergegenwärtigen, um diese Zeit am östlichsten Ende von Wien.
Nun verlagerte sich das Geschehen in das Kommissariat 11 am Enkplatz. Bei vielen Verbrechern und dunklen Elementen gefürchtet. Dabei machte ich die folgende einschneidende Erfahrung.
Die beiden Männer waren an den Arrestantenposten abgegeben worden und bereits in der Zelle. Z. spannte ein Anzeigenformular ein, während ich mit dem ZJ telefonisch Rücksprache hielt. Nach Schilderung des Vorfalles verfügte dieser die Haft über die beiden. Ich versorgte die bei den beiden sichergestellten Gegenstände. Die Sturmhaube, den Schalldämpfer, die Magazine zu den beiden Pistolen, nachdem diese vorher entladen worden waren. Die Browning 7,65mm machte keine Schwierigkeiten und war schnell versorgt. Bei der Pistole von Mantel wurde mir plötzlich anders. Es handelte sich nämlich um die berüchtigte LUGER 9mm, eine schwere Militärpistole mit einer Eigenheit, dass sie nicht so wie andere Pistolen entladen werden konnte. Ich nahm zwar das Magazin heraus, konnte aber nicht nachschauen, ob die Waffe geladen war, da der Verschluss sich nicht zurückziehen lies. Ich konnte ziehen und drücken wie ich wollte, der Verschluss saß fest. Da fiel mir ein, dass der Koatler ja schon ein älterer Kollege war und der sicher mit einer Luger schon zu tun gehabt hatte. Guter Dinge begab ich mich zum Abteilungsinspektor und fragte ihn um Rat. „Gib her, ich werd dir zeigen, wies geht“, und er hielt dabei die Pistole schräg über seinen Schreibtisch. Er drückte einen Griff in der Verschlussmitte und riss den Verschluss mit einem Ruck in die Höhe. Was soll ich sagen, heraus fiel eine Patrone, groß wie eine kleine Granate, und rollte langsam über die Tischfläche. Kollege Z., welcher neugierig nachgekommen war, wurde ebenfalls Zeuge des soeben Gesehenen. Mir gab es plötzlich einen Stich in die Herzgegend, welche sich plötzlich in die Hose verlagert hatte.
„Na servas, die war ja geladen. Wenn der abgedrückt hätte, hätt er euch beide mit einer Kugel erschossen. Des hab ich öfter gehört aus den Erzählungen vom 2.“
Bevor die Patrone zu Boden fallen konnte, fing ich sie auf und hielt sie jetzt in meiner Hand. Überdeutlich war sie vor mir.
Da war er wieder.
Der Tod.
Und jetzt verlor das abklingende Adrenalin gänzlich seine Wirkung. Der Schutzschirm, welcher sich wohlig um meinen Körper gelegt hatte, um diesen und meine Seele vor Verletzungen zu bewahren, öffnete sich, oder um es so auszudrücken, fiel plötzlich in sich zusammen.
„Warum bist so blass?“, höre ich noch sagen. „Trink ma an Kaffee“, sage ich zu Z. Am Kaffeeautomaten fällt es mir vor lauter Zittern schon schwer, die Münze einzuwerfen. Als der Becher voll ist, will ich die Tasse nehmen und einen Schluck trinken. Es geht nicht. Die Hand zittert so stark, als hätte ich einen Schüttelfrost. Die Hälfte Kaffee ist verschüttet. Z. ergeht es nicht anders. Erst nach einer Weile sind wir fähig, das heiße Gesöff zu uns zu nehmen. Kaffee beruhigt und ich sage euch, ich habe drei Tassen hintereinander getrunken.
Epilog
Zwei Monate später, Gerichtsverhandlung. Ich, Z., der Arrestantenposten und der Wachkommandant, welche mit den beiden Männern von der Haidestraße zu tun gehabt hatten, waren angeklagt worden, diese beiden Männer misshandelt und gequält zu haben. Nun saßen wir im Landesgericht 2, im so genannten „2er-Landl“, vor Saal 2 auf einer Bank und warteten auf unseren Prozess. Niemand sonst war da und wir scherzten schon wieder. Auf einmal ging eine Tür auf und heraus kamen drei bildhübsche Frauen. Zwei im Talar und eine gut gekleidet. Die drei Frauen gingen an uns vorbei und Z. in seiner vorlauten Art. „Des wär was, wenn des unsere Richterin und die Staatsanwältin wären. Die dritte is sicher a Schreiberin. Da lassert ich mich gleich zu lebenslang verurteilen, des wär schön.“ Die drei Grazien verschwanden in der nächsten Türe und wir blieben wieder alleine zurück. Nach einer Weile, wurden wir endlich aufgerufen. „Hermann S., Johann Z ... in der Strafsache ... Bitte in Saal 2 eintreten“, plärrte der Lautsprecher. Der Donner traf mich mit vehementer Wucht und den anderen erging es wohl nicht anders. Auf jeden Fall muss man uns die Überraschung angesehen haben, sonst hätten die Richterin, die Staatsanwältin und die Schreiberin nicht kurz, aber so hinterlistig, gegrinst.
Urteil: Freispruch im Zweifel.
Traumatisiert, ohne es zu wissen, verdrängte der Autor das Erlebte.
Zurück blieb eine lange Leidensgeschichte, welche sich erst besserte,
als es ihm gelang, sich zu erinnern und darüber zu sprechen.
Helden, wir sind Helden
wo wir sind, hat das Böse nichts zu melden.
Mut, wir haben Mut,
wir schützen dein Hab und dein Gut.
Seid fest im Glauben und immer stark.
Schwäche zeigen, Angst zu haben, das ist Quark.
Ich aber sage Euch,
zeigt Schwäche und habt Angst eben,
und ihr werdet unbeschwerter gehen,
durchs berufliche Leben.
„War was?“
Nachtdienst. Das heißt von 19:00 Uhr bis 07:00 Uhr im Wachzimmer Kaiser Ebersdorfer Straße Dienst versehen. Der Wachkommandant hatte sich um 24:00 Uhr ins Bett gelegt. Zuvor teilte er uns mit, dass er heute auf keinen Fall gestört zu werden wünscht. Da heute sowieso nichts los war und er furchtbar müde war, gäbe es bei Nichtbeachten Repressalien zu fürchten. Es stimmte, die Nacht war lau und auffallend ruhig. Ich fuhr mit meinem Kollegen Franz M. das erste Nummer. Jetzt konnte ich beruhigt warten, bis um 06:00 Uhr die Ablöse kommt. Ich habe bis dahin Journaldienst.
Es ist gegen 03:30 Uhr, als plötzlich das Telefon läutet. Da ich Wachhabender war, nahm ich den Anruf entgegen. Eine weibliche Stimme zirpte in den Apparat.
„Bin ich da richtig bei der Polizei? Ich hätte da ein heikles Problem.“
Nur mäßig interessiert erkundige ich mich nach der Art des Problems.
„Das kann ich am Telefon nicht sagen, aber kann ich vorbeikommen? Mit meinem Freund? Es wäre dringend!“
„Nun ja, wenn es so dringend ist, kommen Sie eben vorbei. Mal sehen, was ich für Sie tun kann“, und legte den Hörer auf.
Mein Name ist Hermann SZODL. Mein Dienstgrad ist Revierinspektor. Ich mache in Wien – Simmering Dienst.
Eine halbe Stunde später läutete es an der Wachzimmertüre. Nachdem ich geöffnet hatte, stand da ein junges Pärchen vor mir. Verlegen grinsend, eröffnete das Mädchen mir, dass es vor kurzem angerufen habe.
„Ja und? Wie kann ich Ihnen helfen?“
„Tja, das ist ein bisschen kompliziert. Dürfen wir eintreten?“
Die Geschichte begann spannend zu werden. Mir fiel beim Eintreten des Mädchens auf, dass sie ihre Jacke über der rechten Hand trug, gerade so, dass man die Hand nicht sehen konnte. Sie nahm am Schreibtisch mir gegenüber Platz und ihr Freund postierte sich hinter ihr. Dann legte sie die Hand mit der Jacke auf den Tisch und zog die Jacke mit einem Ruck zurück.
Erstaunt registrierte ich, dass das rechte Handgelenk eine in rosa Plüsch gekleidete Handfessel zierte. „Das ist unser Problem!“, eröffnete der mitgekommene Freund. „Wir haben ein wenig gespielt. Beim Herumalbern brach dann der Schlüssel ab und blieb im Schloss stecken. Wir hoffen jetzt, dass Ihr Schlüssel passt und Sie die Handschelle aufsperren können.“
Das Mädchen lachte kurz hysterisch auf und ihr Lachen ging übergangslos in Weinen über.
Leicht erheitert holte ich meinen Handschellenschlüssel und versuchte, das Schloss zu öffnen.
Zu meinem Bedauern musste ich feststellen, dass der abgebrochene Teil den Mechanismus blockierte und das Schloss so nicht zu öffnen war.
