Kontrollverlust - Christoph Zelenka - E-Book

Kontrollverlust E-Book

Christoph Zelenka

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Beschreibung

Marco, einem 35 Jahre alter Techniker sind Beziehung und Job zuwider und er wird zum Aussteiger. Ungeplant und spontan fällt die Entscheidung. Zunächst fühlt er sich in seinem Tun bestätigt, die Sache läuft und läuft – aus dem Ruder. Er hat ein Vorbild aus einem Roman, Christopher Mc Candless, ein Amerikaner der sich nach Alaska durchschlägt. Von seinem Ideal trennt ihn aber immer mehr. Er wird straffällig, seine Wertewelt gerät in Wanken und Marco bricht mit allen Konventionen. Sein Trip führt durch Österreich, kurze Episoden in Mazedonien, der Schweiz, Afrika und endet in Kanada Technisches Verständnis und seine Leidenschaft für den Bergsport nützen ihm um sich mit verschiedenen Jobs über Wasser zu halten. Ohne es zu wollen, vergeigt Marco solche Chancen nach Kurzem. Auch Beziehungen die sich während seiner Reise ergeben, sind nicht von Dauer, aber sexuell erfüllend. Ein lukratives Angebot dubioser Auftraggeber entwickelt sich zum Desaster, das letztlich zu seinem tragischen Ende führt.

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Seitenzahl: 327

Veröffentlichungsjahr: 2022

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Die Ausgangssituation

Seine Gedanken schweiften etwas ab, er dachte an die Studentenwohnung in Wien. Möbel vom Sperrmüll, der winzige Balkon als Gemüsegarten genutzt. Für Mara und ihn gerade mal zwei Teller, zwei Tassen. Nichts in der Küche das unnötig war. Bier aus der Flasche, um abspülen der Gläser zu vermeiden. Sinnvolles Sparen wurde leidenschaftlich gelebt. Der Kühlschrank war in der kalten Jahreszeit außer Betrieb, ja sie waren Öko-Fundis und verachteten jede Art von Verschwendung.

Das Räuspern seines Chefs holte Marco in die Realität zurück, er konzentrierte sich wieder auf das Gespräch mit ihrem Kunden. „Nach einem Alarm erhalten sie am I-Phone sofort die Bilder der Überwachungskamera aus dem Bereich wo der Alarm ausgelöst wurde. Die Objektive sind sehr klein und versteckt angebracht, Dummys sind zusätzlich so montiert, dass Personen die versuchen diese Attrappen zu beschädigen oder abzudecken optimal für spätere Beweisführung im Bild sind.“ Er zählte weitere Details des Überwachungssystems auf, welche in den letzten Jahren laufend weiter entwickelt worden war. Wer Wertgegenstände schützen wollte und es mussten wirklich Dinge sein, die den Namen verdienten, weil dieser Schutz teuer war, kannte den Namen von Marcos Arbeitgeber: IQ-Safety-Systems. Früher hatten ihn die technischen Raffinessen die er entwickelte begeistert und er war stolz, dass die Systeme die Marktführerschaft übernommen hatten. Seit einiger Zeit waren ihm aber die meisten Kunden zuwider geworden. Rafften an sich, was auf Kunstauktionen und Vernissagen zu ergattern war, um dann in dauernder Angst zu leben ausgeraubt zu werden. Manchmal spielte er mit dem absurden Gedanken absichtlich Sicherheitslücken einzubauen. Er sehnte sich nach Einfachheit und Klarheit der Studentenzeit zurück. „Häng dein Glück nicht an irdische Dinge“ war einer ihrer Leitsprüche von damals. Jetzt war Mara aus seinem Leben verschwunden und er lebte mit Sabrina in einer Vorstadtsiedlung. Sie war ganz anders, dabei hatte ihre Beziehung so vielversprechend begonnen: Sie lernten sich bei einem Kletterkurs kennen, den er für die örtliche Alpenvereinssektion leitete und hatten sich bald ineinander verliebt. Schon eine Woche später waren sie gemeinsam klettern, nach einem halben Jahr zog er zu Sabrina in ihr Reihenhaus ein. Anfangs teilte sie seine Leidenschaft für den Bergsport, nach einigen gemeinsamen Unternehmen ebbte ihre Begeisterung zunehmend ab. Das hätte Marco akzeptiert, aber die Erwartung dass er seine Freizeit nun auch anders gestalten sollte passte ihm nicht. Er war weiterhin viel unterwegs, aber nicht so unbelastet wie früher. Dazu kam die unsinnige Anhäufung von Geschirr und Wohnaccessoires im gemeinsamen Haushalt, der nach Marcos Empfinden immer überladener wurde. Er fühlte sich zunehmend unwohler und sehnte sich nach der Einfachheit von Wien, völlig frei von solchem Unbehagen und Zwängen. Mara und er hatten sogar Seitensprünge toleriert, was allerdings letztendlich zum Bruch führte. Aber hundert Mal besser als die immer eifersüchtige und ihn vereinnahmen wollende Sabrina. Soweit die Ausgangssituation am dreißigsten Juli.

Der Tag im Büro entwickelte sich so gar nicht in seinem Sinn. Wieso kriegte er keinen Urlaub? Ach ja, der Sohn vom Chef hatte sich kurzfristig entschlossen nach Kroatien zu fahren wo die Familie eine Segeljacht besaß. Das Projekt an dem beide arbeiteten war terminlich im Verzug und deshalb bestimmte der Senior: „Tut mir leid Marco, nimmst deinen Urlaub eben in zwei Wochen. Da ist das Wetter sicher noch besser.“ Es konnte aber genauso gut regnen! Wie oft hatte er seine Freizeitaktivitäten schon dem Funktionieren des kleinen Unternehmens untergeordnet! Nun sollte er wieder verzichten, dabei war schon alles geplant: Zwei leichtere Routen und dann einen Klassiker an der großen Zinne in Südtirol klettern. Schon einmal mussten sie wegen schlechtem Wetter unverrichteter Dinge wieder heimfahren. Jetzt musste er seinem Kletterpartner kurzfristig absagen, was ihm äußerst unangenehm war. Sabrina war dem Unternehmen (nicht nur diesem, sondern alles was mit Bergsteigen zu tun hatte) von Anfang an skeptisch gegenüber gestanden. Als er jetzt schlecht gelaunt heimkam und sich über die Urlaubsverschiebung beklagte, hatte sie nichts Besseres zu tun als das Streitthema Nummer Eins aufzuwärmen: „Kannst du mir bitte erklären was dir unsere Beziehung wert ist, wenn du deine ganze Freizeit lieber ohne mich verbringst?“ Er erklärte zunächst einmal nichts, zog seine Laufsachen an und verließ das Haus.

Die Flucht

Es ärgerte ihn, wie wenig Mitgefühl seine Freundin für die Situation aufbrachte. Marco lief. Er war sich nicht im Klaren wieso, immer weiter weg von Zuhause. Später auf einer Bank sitzend war daraus ein Entschluss entstanden: Er würde nicht zurückkehren. Er erinnerte sich an den verfilmten Roman „Into the Wild“ wo der junge Christopher Mc Candless nach seinem Studium einer Karriere und dem bürgerlichen Leben den Rücken kehrt und sich Richtung Alaska auf den Weg macht. Die Handlung beruhte angeblich auf einer wahren Begebenheit und faszinierte ihn. Der Protagonist kommt am Ende der Geschichte tragisch ums Leben. Ein Ende wie Mc Candless, ebenso dessen Ziel waren nicht in Marcos Fokus. Im Augenblick war auch nur klar, er flüchtete vor Privatleben und Job. Beides war ihm verdrießlich geworden, der heutige Tag war der berühmte Tropfen mit dem das Fass überlief. Sein Blick fiel in einen großen Garten, in dem ein Mann von etwa seiner Statur gerade einen Rasenmäher sauber machte. Ein soeben gefasster Gedanke beschleunigte seinen Puls, denn plötzlich war klar, was er als Nächstes tun würde. Möglicherweise war das Ganze auch durch die Endorphin Ausschüttung nach 10 Kilometer schnellem Laufen beeinflusst. Jedenfalls dürften die Jeans und T-Shirts auf der Wäscheleine im hinteren Teil des Gartens dem Mann gehören und könnten auch ihm passen. In Kürze würde es dämmrig werden, er lief noch locker einen Kilometer weiter, absolvierte sein Dehnprogramm und kehrte dann zu dem Haus zurück. Der Rasenmähermann war im Haus, wo jetzt Licht an war. Vorsichtig stieg Marco über den Zaun und ging durch den dunklen Garten zu der Wäscheleine. Er zog eine Jean herunter, hielt sie sich an die Hüften, sie sollte passen. Ein T-Shirt und eine Fleece Jacke wechselten ebenfalls den Besitzer. Dann entdeckte er noch einen kleinen Rucksack auf der Leine. Darin verstaute er noch ein Shirt, Socken und 2 Unterhosen.

Er verließ den Garten wieder, zog sich im Dunkeln um und machte sich in Richtung Bundesstraße auf den Weg. Blick auf seine Sportuhr: Es war jetzt 21:42, Puls 62, eigentlich wäre er jetzt schon wieder daheim und Sabrina würde ihn keines Blickes würdigen. Das brauchte er jetzt nicht zu ertragen! Überhaupt fühlte er sich voller Energie (noch immer Endorphine?) und auch das nächste Ziel stand für ihn fest: Der gebirgige Teil des Bundeslandes Salzburg.

Vor Ewigkeiten war er das letzte Mal per Autostopp gereist! Schon beim Heben des Daumens fühlte er sich bedeutend jünger und nach einer Stunde saß er gemeinsam mit 3 Jugendlichen in einem VW Golf. An der Autobahnauffahrt Salzburg Nord ließ man ihn aussteigen. Die Unterhaltung im Auto war eingeschränkt und nur mit seinem Nebenmann auf der Rückbank möglich, weil laute Musik die Fahrt begleitete.

Bei der Auffahrt stand Marco zweieinhalb Stunden, erstens war das Verkehrsaufkommen nach Mitternacht äußerst spärlich und sobald es finster war hatte man sich schon in seiner Jugendzeit auf lange Wartezeiten einstellen müssen. Aber dann hielt ein Kleinbus, der ihn bis Hüttschlag mitnahm. Im Dorf setzte er sich auf eine Bank, fror weil es empfindlich kalt war und wartete, bis eine kleine Bäckerei schräg gegenüber aufsperrte. Glücklicherweise hatte er in seiner Laufhose einen 10 Euroschein eingesteckt, das Geld würde wohl für Kaffee und Gebäck reichen. Um 6 Uhr öffnete eine junge Verkäuferin das Geschäft, er setzte sich an ein kleines Tischchen und bestellte ein Frühstück um 6 Euro 50. Der Kaffee wärmte ihn etwas und er überlegte was er weiter tun würde. Seine finanzielle Lage schien dringend verbesserungswürdig, irgendwo sollte es doch möglich sein mit Gelegenheitsarbeit ein bisschen was zu verdienen! Das hatte während des Studiums auch funktioniert. Den Gedanken, das Mädchen aus der Bäckerei zu fragen verwarf er. Immer wieder kamen Kunden ins Geschäft und Marco beschloss aussichtsreiche Kandidaten einfach vor dem Geschäft anzusprechen.

Also setzte er sich draußen wieder auf die Bank, wo ihn jetzt schon die Sonne wärmte. Eine Bäuerin (zumindest war nach ihrem Aussehen zu vermuten, dass es sich um eine Solche handelte) parkte und ging ins Geschäft. Marco überlegte wie er sie ansprechen sollte. Da ihm nichts Schlagfertiges einfiel, bis sie wieder herauskam improvisierte er: „Guten Morgen, ich suche für ein paar Tage Arbeit, brauchen sie vielleicht jemand?“ gar nicht so schlecht gemacht, die Frau überlegte und taxierte ihn prüfend. „Was kannst denn?“ – „Elektrisch kenn ich mich gut aus, aber ich mach eigentlich alles.“ „Was ich hätte, wär eine Menge zu bügeln, aber das ist ja eher nix für dich.“ sagte sie mit einem Lächeln und ließ ihn stehen.

Kurz darauf hielt der Lieferwagen einer Dachdeckerfirma. Da nur der Fahrer in die Bäckerei ging, klopfte Marco an die Scheibe und der Beifahrer ein stämmiger etwa 25 jähriger Mann kurbelte das Fenster herunter. Dieselbe Frage löste zunächst Kopfschütteln aus, aber von der Rücksitzbank sagte ein älterer Arbeiter in blauen Overall: „Wenn der Stefan eh noch krank ist, wären wir mit dem da wieder zu viert!“. Der Beifahrer überlegte kurz, „bei uns wird aber gearbeitet, kannst gleich mitfahren.“ Marco versicherte dem Mann ordentlich anzupacken und stieg zu dem Älteren auf den Rücksitz. „Wie heißt du denn?“ fragte ihn dieser. Nachdem Marco „Marco“ gesagt hatte, stellten sich die beiden anderen als Adi (für Adolf?) und Markus vor. Inzwischen war der Fahrer zurück, schaute etwas verblüfft in den Fond des Fahrzeugs und Markus klärte ihn auf: „Wir haben uns noch einen Helfer organisiert, mal schauen.“ Das „mal schauen“ bezog sich dabei zweifelsohne auf den bevorstehenden Vergleich zwischen erbrachter und erwarteter Arbeitsleistung von Marco. Die Fahrt ging von Hüttschlag aus weiter Richtung Talschluss. Marco blickte zufrieden aus dem fettverschmierten Fenster des Transporters, er war etwas müde aber sehr zufrieden mit dem bisherigen Verlauf seiner Flucht aus dem verhassten Alltag. Jetzt würde in der Arbeit sein Fehlen schon Thema sein, dachte er. Sabrina wird sich Sorgen machen, sollte sie ruhig! Mal etwas Abwechslung zu den üblichen Problemen wie Fliesen im Bad tauschen (ja, und welche nehmen?), ist der Rasen nicht schon wieder zu hoch? Soll ich nicht mal wieder neue Polster für die Gartenmöbel besorgen? Viel zu lange hatte er das schon hingenommen und jedes Mal der Kampf, wenn er am Wochenende bergsteigen fuhr. Ihre Alternativen waren das örtliche Freibad, chillen oder shoppen, für Marco zum Kotzen!

Das Fahrzeug hielt an einem großen Bauernhaus. Nach dem Aussteigen zündeten Adi und Markus sich zunächst eine Zigarette an. „So viel zum Thema bei uns wird gearbeitet“, ging es Marco durch den Kopf. Der Fahrer, der sich als Sepp vorgestellt hatte und anscheinend der Chef der Partie war, sagte: „Schwindelfrei bist du schon, oder? Wir arbeiten nämlich da oben“ und zeigte auf das Dach wo auf Paletten Dachziegel standen. „10 Euro die Stunde gibt’s und wenn eine Kontrolle kommt, sagst du gehörst zum Hof, okay?“ „Alles klar und mit der Höhe habe ich kein Problem!“ zu viert stieg man aufs Dach und Sepp zeigte Marco wie er die Schindeln in die schon vorhandene Lattung einhängen sollte. Adi hatte dieselbe Aufgabe und so konnte Marco vergleichen ob sein Arbeitstempo passte. Nach 10 Uhr kam ein PKW. Ein untersetzter älterer Mann, vermutlich der Chef der Dachdeckerei, stieg aus. Er kam die Leiter hoch, sprach zunächst mit Sepp, kam danach zu Marco, begrüßte ihn kurz und sagte ihm nochmals was man bei einer Kontrolle von ihm erwartete.

Kurz nach 12 war Pause. Die Kollegen hatten alle etwas zu essen mit, außerdem gab es im Baucontainer der Firma einen Kühlschrank mit Bier und Limonade. Marco genoss die Pause und die belanglosen Gespräche. Auf Fragen antwortete er ausweichend und schwindelte etwas von einem Elektrogeschäft welches er in Oberösterreich besessen hätte und das er aber zusperren musste. „Die Leute kaufen alles übers Internet und bei mir wollten sie dann Reparaturen auf Kulanz!“ Zustimmendes Nicken der anderen – ja, ja alles wurde immer schlechter durch die moderne Technik! Marco fühlte sich wohl in der selbst gewählten Rolle, in den alten Job wollte er genauso wenig zurück wie in seine Beziehung und das gemeinsame Fertigteilhaus mit Garten. Mit ehrlicher, körperlicher Arbeit würde er künftig sein Geld verdienen! Ein bisschen Hippie Romantik steckte schon immer in ihm! Er bekam eine halbe Käsesemmel von Adi und trank eine Flasche Bier, die seinen angenehmen Gemütszustand verstärkte. Am Nachmittag brannte die Sonne unbarmherzig auf das inzwischen größtenteils gedeckte Dach und alle arbeiteten mit freiem Oberkörper. Marco fühlte sich wohl, er war sehr sportlich, besaß einen athletischen Körperbau und genoss Situationen, wo das auch für andere sichtbar wurde. Nur beeindruckte das die Dachdeckertruppe offensichtlich überhaupt nicht. Keine verstohlenen Blicke waren zu bemerken, aber dafür war Sepp anscheinend mit seiner Arbeitsleistung zufrieden und fragte ihn ob er morgen wieder mitarbeiten wolle.

Auf sein „Ja“ hin telefonierte Sepp mit dem Chef und teilte Marco kurz darauf mit: „ Wenn’s willst kannst du bei uns anfangen, der Chef hat gesagt 2 Monate Probezeit. Wenn das okay ist fahren wir morgen früh im Büro vorbei, dann kann die Christa dich gleich anmelden.“ Das kam etwas überraschend! „Ja gerne, aber kannst du mir für heute das Geld gleich geben? Ich bin etwas schlecht bei Kasse und ich muss mir noch ein Zimmer suchen.“ - „ Kein Problem und wenn du willst kannst heute im Bauwagen schlafen.“ Dieses Angebot nahm Marco gerne an. Es gab ein Feldbett mit ein paar Decken – also völlig ausreichend. Er fuhr noch mit den anderen zurück ins nächste Dorf und stieg bei einem kleinen Supermarkt aus. Mit restlichen 3,50 Euro plus Tageslosung von 80 Euro konnte er sich locker mit Müsli, Joghurt und Kaffee versorgen. Im Bauwagen gab es eine Kochplatte und etwas Geschirr – perfekt.

Obwohl er ziemlich müde war kam ihm der Gedanke später noch das Dorf zu erkunden. Glücklicherweise nahm er gedankenverloren das Regal mit Hygieneartikeln wahr und versorgte sich noch mit Shampoo, Zahnbürste und Zahnpasta. Er wanderte zurück zu seinem neuen Heim und wusch sich in der Großarler Ache, mit schätzungsweise 10 Grad Wassertemperatur mehr als erfrischend. Er wusch außerdem seine Kleidung im Bach, wonach sich die Frage nach der weiteren Abendgestaltung erübrigte. In seiner Behausung aß er Müsli und trank noch eine Dose Bier. Seine Situation erinnerte ihn an den Roman „Into the Wild“. Sich mit Christopher dem Protagonisten zu vergleichen, der Abenteuer erlebt und später leider in die Wildnis stirbt, gefiel ihm und bald fiel er auf dem Feldbett in tiefen, traumlosen Schlaf. Kurz nach 6 Uhr weckte ihn die schnarrende Hupe des Dachdeckerbusses. Marco schlüpfte in die noch etwas feuchte Jeans, zog ein frisches (und fremdes) T-Shirt an und stieg zu Sepp ins Fahrzeug. „Im Sommer arbeiten sie im Büro schon ab halb sieben, Adi und Markus holen wir dann.“

Das Büro war in Großarl in einem umgebauten Mehrfamilienhaus untergebracht. Nebenan war die Werkstatt vor der auf einem ausgebleichten Holzgestell Muster verschiedener Dachschindel lieblos aufgereiht waren. Rundherum lagerten Dachrinnen, Blechteile, Mauerhaken und ähnliches. „Also hier gehört dringend was gemacht“, dachte sich Marco als er mit Sepp aus dem Auto stieg. In einem spartanisch eingerichteten Büro begrüßte sie Christa, die, wie Marco es gerne etwas scherzhaft ausdrückte - relativ genau in sein Beuteschema passte. Er nahm wohlwollend zur Kenntnis, dass sein Lächeln erwidert wurde und fühlte sich richtig wohl - bis Christa ihn nach seinen Papieren fragte. Kein Ausweis, kein Führerschein, nichts. Zum Glück wusste er seine Sozialversicherungsnummer auswendig – das war zunächst das Wichtigste. Aus dem hinteren Teil des Büros starrte ihn eine beleibte, ungepflegte Frau misstrauisch an, die Chefin, wie er später erfahren sollte.

Christa war aber sehr nett, legte ihm einen Standardarbeitsvertrag vor, wo nur Einstellungsdatum, vereinbarte Probezeit und Gehalt handschriftlich einzusetzen waren. Fast wollte Marco schon seine Bankverbindung eintragen, aber erstens war er ohne Bankomatkarte und Sabrina war ja auch zeichnungsberechtigt! Er müsse erst ein Konto eröffnen sagte er, wobei ihm einfiel, dass das ohne Ausweis nicht funktionieren würde. Nachdem Christa auf die Frage: „Könnte ich den Lohn auch ausbezahlt bekommen?“ nickte, war dieses Problem gelöst und als sie von Sepp erfuhr wo Marco augenblicklich nächtigte, machte sie ihm den Vorschlag doch bei ihrer Tante ein Zimmer zu mieten. „Normalerweise nimmt sie im Sommer keine Gäste, aber du bleibst ja vermutlich nicht nur ein paar Tage?“ Sie blickte ihn fragend an. „Ist auch günstig und sicher gemütlicher als der Bauwagen!“ und bot an, gegen Abend bei der Baustelle vorbeizukommen und mit ihm gemeinsam zur Tante zu fahren. Besser hätte es nicht laufen können! Marco verließ voller Vorfreude auf den Feierabend das Büro und lud mit Sepp noch Dachrinnenhaken in den Bus. Unterwegs stiegen die Kollegen zu, die ihn mit einer Selbstverständlichkeit begrüßten, als wäre er schon Jahre im Unternehmen. Dann ging es noch bei einer Metzgerei vorbei, wo sich alle mit Proviant versorgten.

Auf dem Dach des Bauernhofs waren sie gestern fertig geworden, Adi und Sepp machten sich daran die Dachrinnen zu montieren und Marco stieg mit Markus auf das Dach der Scheune. Dort hatten sie den Auftrag, vom Hagel zerstörte Dachziegel auszutauschen. Gegen 11:00 waren sie fertig und Markus schlug vor noch oben zu bleiben, um den anderen nicht helfen zu müssen. Eigentlich gefiel Marco diese Vorgehensweise nicht besonders, aber er nutzte die Zeit sich etwas mit seinem Kollegen zu unterhalten. Der erzählte ihm, dass er noch immer am elterlichen Hof lebte und dort viel mithalf, weil sein Vater durch einen Unfall bei Waldarbeiten den linken Unterarm verloren hatte und manches nicht mehr selbst erledigen konnte. Die Schilderung erinnerte Marco an seine Eltern und er beschloss sie anzurufen oder eine Karte zu schreiben. Sie wohnten in Wien und er hatte mit ihnen nicht allzu oft Kontakt, aber vermutlich würden sie von seinem Verschwinden demnächst erfahren. Falls das nicht schon passiert war, denn Sabrina verstand sich mit seinem Vater sehr gut und telefonierte öfter mit ihm als er. Markus hatte inzwischen das Thema gewechselt und berichtete Marco, dass er keinen Lehrabschluss als Dachdecker und Spengler geschafft hatte. Ihm fehlte nur mehr der theoretische Teil und da vor allem Mathematik. „Aber das habe ich schon in der Berufsschule nicht kapiert. Für die Firma ist das natürlich super, ich mache Facharbeiter-Arbeit bin aber als Helfer eingestuft! Deswegen bleiben wir jetzt noch ein bisschen sitzen“, bekräftigte er. Das war ja interessant! „Wieso bist du nicht mehr zu der Prüfung antreten, da gibt es doch sicher noch eine Möglichkeit?“ – „Was meinst du? Termine gibt es das ganze Jahr, aber um mich zu blamieren fahr ich dort nicht hin.“ – „Hast du noch die Unterlagen? Ich helfe dir, so schwer kann das doch nicht sein“, ermutigte ihn Marco. Nach einigem Zureden war Markus bereit sich am Samstag deswegen zu treffen. „Dann wist du sehen, dass ich ein hoffnungsloser Fall bin!“ Ihr Gespräch wurde durch Sepp unterbrochen, der Marco aufforderte vom Dach zu klettern. Als er von der Leiter stieg, nahm er den Polizisten wahr der neben Sepp Aufstellung genommen hatte. „Herr Rödinger?“ – „Ja, bitte?“ – „Wir haben eine Vermisstenmeldung ihre Person betreffend, können Sie sich ausweisen?“ Natürlich! Die Anmeldung bei der Gebietskrankenkasse durch die Firma hatte ihn verraten! Er kam sich wie ein ertappter Verbrecher vor, aber dann kam ihm ein – nein zwei Gedanken. Zunächst teilte er dem Beamten mit, dass er seine Papiere verloren hätte und er eine Verlustanzeige machen wolle. Dann fragte er, ob sein Aufenthaltsort gegen seinen Willen weitergegeben werden dürfe. Stirnrunzeln, misstrauischer Blick, „nein, wenn keine strafbaren Tatbestände vorliegen und das ihr ausdrücklicher Wunsch ist …, aber überlegen sie sich das Ganze noch. Ich melde dem zuständigen Posten zunächst nur, dass sie wohlauf sind und ihren Aufenthaltsort nicht bekanntgeben wollen. Heute nach Feierabend können sie wegen der Verlustbescheinigungen für Pass und Führerschein vorbei kommen. Allerdings brauche ich sie dazu noch einige Daten von ihnen.“

Das war ja gerade noch gut ausgegangen! Die Kollegen konnte er auch beruhigen, er habe vergessen den Eltern Bescheid zu sagen. Von seiner Beziehung erwähnte er nichts. „Du bist ein komischer Vogel“, war Adi’s, durchs Wurstsemmel Kauen etwas schwer verständliche Reaktion. Sie verbrachten die Mittagspause in Marcos „Wohnung“, Sepp telefonierte mit ihrem Chef und verteilte danach die Arbeiten für Nachmittag. Markus und Marco sollten die Baustelle noch aufräumen, während er mit Adi zur Firma fuhr um Material für den nächsten Auftrag zu holen. Eine Außenfassade plus Vollwärmeschutz stand auf dem Programm. Während die beiden Dachrinnenreste, zerbrochene Dachziegel und Restmaterial einsammelten äußerte Markus seinen Unmut über die bevorstehenden Arbeiten. „Das kann ja lustig werden bei der Hitze! Da bleiben dir die verdammten Steinwoll-Fäden überall am Körper kleben. Das juckt wie Sau!“

Nach 14 Uhr erreichten sie die neue Baustelle, ein 2-stöckige Hotel etwa 100 Meter über dem Talgrund am Westhang. Große Ballen Steinwolle, einige Paletten Eternitschindel und etliches anders Material lagen schon bereit. Sepp verteilte die Aufgaben, zunächst war um das Haus ein Gerüst aufzubauen. Die Arbeit ging rasch und routiniert von statten und Marcos Tätigkeit beschränkte sich auf das Zutragen der Gerüstteile. Um 18:45 war das Haus eingerüstet und für diesen Tag Feierabend.

Christa

Ein dunkelroter Ford Fiesta fuhr die Straße hoch, Sepp grinste, „ da kommt dein Taxi, Marco“. Und wirklich, Christa stieg aus, begrüßte alle, lächelte Marco an und sagte: „Wir müssen uns beeilen, meine Tante muss später noch mal weg.“ Er stieg ein und sie fuhren ein Stück Tal einwärts bis zu einem größeren Haus neben der Straße. Marco war sofort aufgefallen, dass Christa jetzt ein leichtes Sommerkleid anhatte, das ihr ausgezeichnet passte. „Wegen mir?“ überlegte er, stieg aus und folgte ihr zum Eingang. Die Tante, die sich als Frau Niederwinkler vorstellte, war schon informiert und redete ununterbrochen auf ihn ein, während sie Marco sein Zimmer, den Aufenthaltsraum und den Skikeller (wozu auch immer?) zeigte. Frühstück um 6 Uhr sei kein Problem versicherte sie, bevor er überhaupt gefragt hatte, kostet 5 Euro extra pro Tag, reichhaltig, es gibt auch frische Eier, weil eigene Hühner. Aus der Fülle von Informationen blieben nur ein paar Eckdaten hängen, Haustür nach 22 Uhr immer absperren, Bettzeug wird alle 2 Wochen gewechselt, 180 Euro pro Monat. Marco sagte zu, bekam je einen Schlüssel für Zimmer und Haustüre ausgehändigt und begleitete anschließend Christa zu ihrem Auto. „Ich muss noch auf den Polizeiposten, wegen Führerschein und Pass, fährst du vielleicht in Richtung Hüttschlag?“ „Nein, aber das macht nichts, ich fahr dich schnell hin“. Während der Fahrt erwähnte Marco zunächst, dass ihm ihr Outfit positiv aufgefallen war. Er erfuhr daraufhin erstens wer die zweite Dame im Büro gewesen war und zweitens, dass die eine gewisse Kleiderordnung wünschte. Alles was „ihren alten Bock irgendwie geil macht“ (Originalton Christa!) durfte sie in der Arbeit nicht anziehen. Dass die Wirkung ihres Kleids und der hochhakigen Sandalen altersunabhängig war teilte ihr Marco nicht mit. Vor dem Polizeiposten bedankte sich Marco und wollte sich verabschieden, aber Christa bestand darauf zu warten um ihn wieder mitzunehmen.

In der Wachstube saßen 2 Beamte die ihn misstrauisch begutachteten. Einer kannte ihn aber schon und holte von einem Schreibtisch 2 Formulare. „Die Verlustanzeige für den Führerschein gilt 2 Wochen, bis dahin müssen sie bei der Bezirkshauptmannschaft um einen Neuen ansuchen. Dem Dienstposten bei ihnen zuhause haben wir mitgeteilt, sie sind wohlauf und die Vermisstenanzeige ist erledigt. Was sie weiter unternehmen ist jetzt ihre Sache, Auf Wiederschau’n.“ „Hoffentlich nicht“, dachte Marco.

Der kurze Weg vom Posten Richtung Auto genügte um den bisherigen Eindruck den er vom Äußeren seiner neuen Arbeitskollegin gewonnen hatte zu verstärken. „Wo ist denn bei euch die Bezirkshauptmannschaft?“ - „Sankt Johann, die haben aber nur Vormittag Parteienverkehr“, erklärte ihm Christa, die ans Auto gelehnt auf ihn gewartet hatte. Am Marktplatz war ein Gasthaus mit schattigem Gastgarten, das Marco auf eine Idee brachte: „Darf ich dich noch auf was einladen, für‘s Fahren?“ Zu seinem Erstaunen willigte sie sofort ein und kurz darauf saßen sie an einem der Tische. Christa versuchte einiges über Marco zu erfahren und er versorgte sie bereitwillig mit Informationen die allesamt nicht stimmten. Dabei musste er die Übersicht behalten, um sich im Laufe des Gesprächs nicht in Widersprüche zu verstricken. Umgekehrt erfuhr er relativ wenig über Christa, obwohl er einige Male versuchte die Unterhaltung entsprechend zu lenken. Als sie wieder Richtung neues Quartier fuhren, probierte Marco es noch mal: „Na hoffentlich bekommst du keine Schwierigkeiten, wenn du mit deinem neuen Kollegen gleich etwas trinken gehst!“ – „Falls das ein Versuch sein soll, etwas über meinen Beziehungsstatus zu erfahren,“ bemerkte Christa amüsiert, „du kannst mich ruhig direkt fragen. Ich bin derzeit solo und damit sehr zufrieden – nur das du nicht glaubst, ich erzähl dir das um anzubandeln!“ „Ich bin derzeit auch solo und damit auch sehr zufrieden, da haben wir ja einiges gemeinsam“ witzelte Marco.

Freitag früh ließ sich Marco zum ersten Mal das Frühstück in seiner neuen Bleibe schmecken. Dem Redefluss der Vermieterin hörte er mit nachlassender Aufmerksamkeit zu, einige Male nickte er zustimmend und mimte einen aufmerksamen Zuhörer. Er durfte ihr Telefon benutzen und ersuchte Sepp ihn an seiner neuen Adresse abzuholen.

Kurz vor 7 waren sie auf der Baustelle, wo sie bis 15:30 arbeiteten. Marco überredete Markus sich noch am selben Tag wegen Mathematik zusammen zu setzen. Beim Zurückfahren stieg er deshalb gemeinsam mit Markus bei dessen großen Gehöft aus. Der stellte ihm seine Eltern vor, die mit den beiden zunächst eine Brotzeit einnahmen.

Dann holte Markus ein Fachbuch und einen abgewetzten Ordner und sie vertieften sich in die Materie. Nach etwa einer Stunde hatten sie das Kapitel Einheiten und Formelumwandlungen durchgearbeitet. „So gut hat mir das in der Schule keine erklärt, ist ja gar nicht so schwer!“ stellte Markus freudig fest. „Können wir Sonntagabend wieder was machen? Und was kriegst denn dafür?“ fragte er weiter. „Ich hab ja eine Brotzeit bekommen, das passt schon!“ Nach einigem hin und her einigten sich die beiden, dass künftig mit der Bezahlung vom Einkauf der Jause vor Arbeitsbeginn zu regeln. Aus der Scheune schob Markus ein uraltes Geländemotorrad ohne Nummerntafeln um Marco zu seiner Pension zu kutschieren. Dann kam ihm eine Idee: „Kannst du fahren mit so was?“ fragte er. „Weil, ich muss noch in den Stall und dann kannst Sonntag selber herfahren.“ Er zeigte ihm noch die Prozedur des Startens, die darin bestand einige Male wie ein Irrer auf den Kickstarter zu springen. Der Auspuff war an einigen Stellen durchgerostet, wodurch die Geräuschkulisse des Motorrades an ein Dragster-Rennen erinnerte.

Marco war froh den Ritt auf der alten Yamaha überstanden zu haben, als er vor der Pension den Motor mit dem Killschalter abstellte. Der neugierige Blick seiner Vermieterin aus dem Küchenfenster blieb ihm nicht verborgen, als er den Flur betrat erwartete sie ihn schon in der Küchentür stehend: „Die Christa soll’ns anrufen soll ich ihnen ausrichten“, sagte sie mit schiefem Grinsen und sie konnte es sich nicht verkneifen noch zu fragen – „ist schon ein nettes Mädel, nicht?“ Marco pflichtete ihr bei und ersuchte seine Wirtin ob er das Telefon benutzen dürfte. Die war einverstanden und dachte nicht daran die Küche zu verlassen, weil sie natürlich nichts verpassen wollte. Marco wählte die Nummer auf dem alten Apparat mit Drehscheibe und nach dreimaligem Läuten hörte er Christas Stimme: „ Hallo bist du’s Marco? Ich wollte dich nur fragen, ob du morgen mitkommen möchtest ich mach eine Bergtour auf den Frauenkogel. Da hat’s eine Super Aussicht auf unser Tal und nach Gastein!“ Marco war schnell zu überreden und sie vereinbarten, sich um 7:00 vor der Pension zu treffen.

Dass Frau Niederwinkler das Gespräch verfolgt hatte, stellte sich nun insofern als vorteilig heraus, weil sie erstens Frühstück um 6:30 anbot und zweitens versprach eine Jause für unterwegs vorzubereiten. Außerdem versorgte sie Marco mit einigen Informationen über ihre Nichte. So erfuhr er unter anderem von einer geplatzten Verlobung mit einem Skilehrer aus dem Gasteiner Tal und das Christa seitdem sehr „vorsichtig mit den Mannsbildern“ (Originalton) sei – was immer das genau bedeuten mochte. Im Zimmer überlegte Marco kurz was er anziehen sollte, zuhause wäre die perfekte Ausrüstung, aber egal - die Laufschuhe, und die inzwischen gewaschenen Laufsachen sollten reichen. In seinem Rucksack – ja, er hatte ihn auch gedanklich schon in Besitz genommen! – verstaute er noch den Sweater und legte sich schlafen.

Frau Niederwinkler weckte ihn pünktlich auf, er frühstückte und hatte Mühe das üppige Lunchpaket im Rucksack unterzubringen. Kurz darauf sah er Christas Polo draußen auftauchen. Nach einigen Kilometern Tal einwärts parkten sie und gingen zunächst eine Forststraße bergauf. Das eingeschlagene Tempo überraschte Marco, nach einer halben Stunde ahnte er, dass Christa es auch weiterhin beibehalten würde. „Du bist ja ganz schön fit“, bemerkte er, worauf sie das Kompliment erwiderte – er hielt ja Schritt. Dann erzählte sie, ohne außer Atem zu kommen über ihre Jugend im Leistungskader Langlauf. Der Tag verlief sehr nett, Christas vorsichtiges Verhalten – falls es das wirklich gegeben haben sollte – bröckelte zusehends. Der obligatorische Kuss am Gipfel dauerte einen Tick zu lange und danach kuschelte sie sich sehr selbstverständlich an ihn als sie im Gras saßen und das Lunchpaket vertilgten. Marco war richtig glücklich und genoss sein „neues“ Leben in vollen Zügen.

Während sie wieder zum Auto hinunter wanderten erzählte ihm Christa endlich ein bisschen von sich: Sie war aufgewachsen in Großarl, bei der Landjugend lernte sie den Skilehrer – damals war er allerdings noch Schüler der Handelsakademie in St. Johann – kennen und war mit ihm 6 Jahre zusammen. Nachdem er sich als Skilehrer aber durchaus standesgemäß verhielt, will heißen die weiblichen Gäste besonders intensiv betreute, trennte sie sich nach unzähligen Streitereien und Aussprachen von ihm. Dann wollte sie auch von Marco hören warum er ohne Beziehung war. Und Marco erzählte seine Geschichte, diesmal ohne etwas auszulassen oder anders darzustellen als einige Tage zuvor bei ihrem Gastgartenbesuch – mit einem verblüffenden Ergebnis: Christa versuchte gar nicht ihre Enttäuschung zu verbergen und gab sich überzeugt, dass Marco in Kürze seinen Schritt bereuen und in sein normales Leben zurückkehren würde. Ab diesem Zeitpunkt gab sie sich ihm gegenüber sehr verschlossen, Marcos Beteuerungen brachten gar nichts. Eigentlich fühlte sich ihr Verhalten irgendwie gut an, weil er Einiges an Sympathie für ihn daraus folgerte – nur wie konnte er ihr beweisen wie unumstößlich sein Entschluss war? Wieso erkannte sie nicht, dass er der europäische Christopher aus „Into the wild“ war! Nach dem netten Gipfelerlebnis war sein Tun darauf fokussiert für Christa unwiderstehlich zu werden. Dabei dachte er weniger an Sex, es war ihre nette Art die ihn schon sehr in ihren Bann gezogen hatte. Schweigend saßen sie kurze Zeit später nebeneinander im Auto. Bei der Pension Niederwinkler kam außer einer kurzen Verabschiedung auch keine rechte Stimmung mehr auf. Drinnen war seine Vermieterin in ihrer Neugier kaum zu bremsen, wobei das Interesse eindeutig auf zwischenmenschlichen Aspekten des Ausflugs lag. Eine Jause stand schon bereit, böse Zungen könnten behaupten einzig deshalb um ein rasches Verschwinden ins Zimmer zu vereiteln. Nach einer länger dauernden Befragung durfte er sich endlich zurückziehen. Eine dritte Flasche Bier nahm er mit, die anderen Zwei während der Brotzeit hatten seine Sinne schon etwas benebelt. Mit 1,5 Litern Bier war die Einsamkeit, die er erstmals in seinem neuen Heim schmerzhaft verspürte leichter zu ertragen. Er verzichtete aufs Zähneputzen und schlief bald darauf ein.

Am Sonntag wachte Marco um 7 Uhr auf, duschte und ging ins Erdgeschoß um zu frühstücken. Er hatte noch keinen Plan, Mathematik mit Markus war erst am Abend, mit Christa hatte er nichts vereinbart. Das war jetzt sehr ärgerlich, er könnte sie anrufen aber verwarf diesen Gedanken weil das ja wohl kaum unbelauscht vom Hausanschluss aus möglich war. Aber er fragte die Tante wo Christa wohne. Die gab sich kurz verschlossen und faselte etwas von Datenschutz, aber dieses Zögern hatte nur den Grund ihn wieder ein bisschen auszuhorchen und nachdem er das Weshalb (ausweichend) beantwortet hatte bekam er die Adresse genannt. Ohne Eile erstellte Marco zunächst noch eine Einnahmen – Ausgabenrechnung seiner künftigen Lebenssituation: Einnahmen 1.500 Euro (inkl. der Überstunden sollte das hinkommen), Zimmer + Frühstück + Lebensmittel ca. 400 Euro. Da bleibt ja Einiges, freute er sich, im Augenblick hatte er von den 83,50 aber nur mehr 42 Euro über. Vielleicht konnte er die erste Arbeitswoche gleich ausbezahlt bekommen. Die Frage danach würde er als Grund vorgeben um bei Christa aufzutauchen!

Etwas Sorge bereitete ihm die in Kürze bevorstehende Befahrung von öffentlichen Straßen mit Markus Yamaha. Das Ding war ja schwer zu überhören! Nachdem er ungefähr 5 Mal mit voller Kraft auf den Kickstarter gesprungen war, röhrte der Motor los. Kurz vor Großarl sah er auf einer Nebenstraße am Waldrand jemand joggen. Die Vermutung, es könnte sich um Christa handeln bestätigte sich als er knapp hinter ihr war. Er betätigte den Killschalter und rollte neben ihr aus. „Wie du siehst bin ich noch immer da“, versuchte er witzig zu sein – mit immerhin dem Erfolg sie lächeln zu sehen. Sie schien angenehm überrascht dass Marco sie bei ihren Lauf begleiten wollte, er stellte das Motorrad kurzerhand ab und lief mit bis zu ihrer Wohnung. „Magst noch mit reinkommen, was Frühstücken?“ Ihre Wohnung war sehr nett eingerichtet, ohne überladen zu sein. Einige Gegenstände entstammten einem schwedischen Einrichtungshaus. Er nahm am Küchentisch Platz, bejahte die Frage nach Kaffee und genoss es Christa beim Zubereiten des Frühstücks beobachten zu können.

Später hatte er schon vergessen sich wegen der Auszahlung zu erkundigen, dieser Punkt verlor in dem Augenblick aber ohnehin jede Bedeutung, denn Christa überraschte ihn völlig: „Ich hab gestern noch nachgedacht und bin mir nach wie vor sicher, dass du bald wieder in dein normales Leben (das „normal“ wurde von ihr etwas spöttisch in die Länge gezogen) zurückkehrst. Aber bis dahin können wir ja ruhig etwas Spaß miteinander haben – nur will ich mich emotional auf Nichts einlassen, verstehst du?“ Was sie unter „etwas Spaß“ verstand wurde ihm klar, als er an der Hand genommen ins Schlafzimmer geführt wurde. Zunächst schmusten sie ein bisschen herum, pressten sich aneinander und Marco Hände wühlten sich unter ihre Laufbekleidung. Sie zog ihm das T-Shirt aus und anders als bei seinen Arbeitskollegen konnte er hier mit seinem Äußeren punkten! Sie ließ sich bereitwillig mit ihm aufs Bett fallen, verschwand aber dann noch kurz im Bad und danach schliefen sie miteinander. Für Marco war es perfekt und Christa schwärmte, schon lange keinen so guten Sex gehabt zu haben. Als sie später gemeinsam duschten ließ Christa die Seife fallen, kniete sich hin um sie aufzuheben und befriedigte ihn bei der Gelegenheit gleich noch oral. Das begonnene Frühstück wurde in entspannter Atmosphäre beendet. Sie machten sich gegenseitig Komplimente bezüglich ihres Aussehens, Christa lachte über seine ironischen Bemerkungen und hatte kein Problem intime Dinge anzusprechen. Marco war in Hochstimmung! Es war bereits früher Nachmittag als er die Wohnung verließ um zum abgestellten Motorrad zurückzukehren. Christa wollte auch noch weg, er vermutete einen Zusammenhang mit zwei SMS Nachrichten, die sie während des Frühstücks erhielt, mit einem Lächeln gelesen, aber nicht beantwortet hatte. Eigentlich wollte er gerne wissen, was sie vorhatte, hatte aber nicht nachgefragt. Wenn sie doch irgendeine Andeutung gemacht hätte! War er eine Spur eifersüchtig? fragte er sich selbst ohne es genau beantworten zu können. Gefühle dieser Art waren ihm eigentlich fremd und außerdem spießig, oder? Er sah noch wie Christa ihren Fiesta Richtung Talschluss lenkte. Die Yamaha bellte nach 8 Versuchen endlich los, Marco wendete und während er auf die Straße rollte entschied er Christa nachzuspionieren. Er hatte ja noch Zeit, seine Verabredung mit Markus war erst gegen Abend. Zur Pension war es derselbe Weg, die andere Richtung wäre ihm ohne Nummerntafeln ohnehin zu riskant erschienen. Vorbei ging es an seiner Bleibe, etwa 3 Kilometer weiter erspähte er in der Auffahrt zu einem relativ neuen Einfamilienhaus ihr geparktes Auto. „So viele dunkelrote Fiestas wird’s in Großarl wohl nicht geben“, dachte er sich. Er drehte um und tuckerte unschlüssig zurück. Viel hatte die Aktion nicht gebracht. Dass ihn überhaupt beschäftigte was sie tat, oder besser gesagt wen sie da besuchte! Er ärgerte sich über sein Verhalten und die innere Unruhe die er verspürte.

Später lenkte er die Yamaha Richtung Markus Hof. Der kam aus dem Stall, weil die Ankunft Marcos unüberhörbar war. Kurz darauf saßen die beiden mit einer Flasche Most, einer üppigen Jause und den Fachbüchern am Tisch vor dem Haupthaus und wiederholten zunächst den Stoff vom Freitag.

Das Kapitel Dreiecksberechnungen folgte. Der Pythagoräische Lehrsatz, umrechnen von Winkelangaben in Grad und Minuten auf Dezimalschreibweise beschäftigte die beiden ungefähr eine Stunde. Dann wollte Markus wissen wie Marcos Wochenende verlaufen war. Der berichtete, ohne die intimen Details des Tages zu erwähnen von seiner neuen Bekanntschaft. „Na da hast dir ja die Richtige ausgesucht“, war die Reaktion mit unüberhörbar sarkastischem Unterton. Er erfuhr, dass Markus vor zwei Jahren mit Christa zusammen war und merkte wie sehr er noch immer unter dem Abbruch der Beziehung litt. Angeblich hatte sie schon während ihrer gemeinsamen Zeit eine Affäre mit einem verheirateten Angestellten der Bergbahnen gehabt. Markus Information zufolge ging das noch immer und seit sie ihn verlassen hatte, war es zwei Anderen ähnlich ergangen. Diese Personenbeschreibung unterschied sich deutlich von der seiner Vermieterin! Marco beschlich eine Ahnung, er könnte in naher Zukunft in der Geschichte als Nummer drei vorkommen. Das beschäftigte ihn auch noch vor dem Einschlafen. Aber nein, er hatte doch mehr zu bieten: Witzig, gebildet und gut aussehend, das hatte sie ja selbst erwähnt!

Der Montagmorgen war nebelig, Marco und seine Kollegen begannen bei ihrer neuen Baustelle eine Holzlattung an der Fassade zu befestigen. Die Arbeit machte ihm schon weniger Spaß, obwohl es sich um ehrliche, körperliche Arbeit handelte! In der Früh hatte Sepp ihm Arbeitskleidung mitgebracht, Sicherheitsschuhe, graue Arbeitshose, rote Jacke und ebenfalls rotes T-Shirt beide mit der Rückenaufschrift „Dachdeckerei Domenig“ wobei die beiden D’s um 90° verdreht Dachschindel symbolisieren sollten. Rein äußerlich gehörte er jetzt richtig zum Team, ihm war aber zu diesem Zeitpunkt schon klar, dass das nur eine kurze Zwischenstation sein würde. Trotzdem hatte Christa nicht recht, zurück nach Hause (selbst der der Begriff passte nicht mehr und er ersetzte ihn durch „Ahornweg“ – seine frühere Adresse) würde er auf keinen Fall mehr. Die meiste Zeit beschäftigte ihn aber – wenig erstaunlich – Christa. Etwas Spaß haben, das war etwas das bisher sehr erotisch geklungen hatte. Aber eigentlich wollte er mehr – sie sollte sich in ihn verlieben, ja genau! Aber würde das Ganze dann nicht wie mit Sabrina uninteressant werden? Nein, Christa war doch ganz anders, oder? „He, schläfst du noch?“ erschreckte ihn Adi, der anscheinend schon länger unter dem Gerüst mit Holzlatten darauf wartete, sie Marco hochreichen zu können. Der Tag verging langsam, es war etwas bewölkt und daher nicht so heiß, Sepp entschied daher bis 19 Uhr zu arbeiten.

Marco stieg müde aus dem Firmenbus, lehnte das Angebot von Frau Niederwinkler bezüglich Abendessen ab, duschte und fuhr mit der Yamaha, die er sich Sonntag weiter geliehen hatte, zur Christas Wohnung. Von freudiger Überraschung, die er erhofft hatte war wenig wahrnehmbar, als sie ihm öffnete. „Du kannst gerne noch kurz reinkommen, aber ich bin dann gleich weg. Ich treffe mich mit einer Freundin.“ Er stand in der Badtür und beobachtete sie beim Schminken. Sie sah sehr sexy aus, nur in BH und passendem Slip. „Am besten du rufst mich vorher immer an“, meinte sie, „morgen hab ich nichts vor, du könntest ja bei mir übernachten?“ sagte sie und schaute ihn durch den Spiegel herausfordernd an. Durch die Vorfreude war er am nächsten Tag auf der Baustelle bestens gelaunt. Schon beim Frühstück war die sonstige Abneigung verflogen, sich mit Frau Niederwinkler übers Wetter oder ähnlich interessante Themen zu unterhalten. Von kommender Nacht erwähnte er nichts, ein Fehler wie sich später herausstellen sollte. Markus und er begannen am Nachmittag die Steinwolle zwischen sie Lattung zu stopfen. Sie vereinbarten, sich Mittwoch wieder wegen Mathematik zu treffen. Um 18 Uhr war Feierabend und der Firmenbus brachte Marco zur Pension. Er teilte Sepp noch mit, dass er am nächsten Tag selbst zur Baustelle fahren würde, um danach Markus zu besuchen – es musste ja keiner wissen wo er die Nacht verbringt!