Kopf:innen - Valie Ramm - E-Book

Kopf:innen E-Book

Valie Ramm

0,0

Beschreibung

Vera lebt bei ihrem Vater. Ihre Eltern haben sich getrennt. Eines Tages wird sie in einen Zug gesetzt und auf eine Nordseeinsel "verschickt". Im Heim hört sie auf zu sprechen. Sie beschreibt ihre eigenen Erlebnisse und die ihres Vaters und ihrer Mutter meist aus kindlicher Sicht. In den Erwachsenen sind die Kriegserlebnisse präsent. Im Jugendclub, ihrer zweiten Heimat, trifft sie Michael und lernt die Folgen von Krieg, Flucht und Holocaust anders kennen. Das Verhältnis zu ihrem Vater wird problematisch, das zu ihrer Mutter enger. Eines haben fast alle gemeinsam: sie schweigen. Aber in Veras Kopf ist alles drin: ein Tumor, die Reise an die Nordsee und die Schulzeit in Berlin, ihre Eltern, die Armut, aber auch der Beginn einer großen Liebe. Die Erinnerungen, Splitter im Kopf, können, müssen aber nicht nacheinander gelesen werden.

Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:

Android
iOS
von Legimi
zertifizierten E-Readern
Kindle™-E-Readern
(für ausgewählte Pakete)

Seitenzahl: 57

Veröffentlichungsjahr: 2022

Das E-Book (TTS) können Sie hören im Abo „Legimi Premium” in Legimi-Apps auf:

Android
iOS
Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0
Mehr Informationen
Mehr Informationen
Legimi prüft nicht, ob Rezensionen von Nutzern stammen, die den betreffenden Titel tatsächlich gekauft oder gelesen/gehört haben. Wir entfernen aber gefälschte Rezensionen.



Die Welt sollte sich umgestalten Und ihre Sorgen für sich behalten

HILDEGARD KNEF in „Für mich soll’s rote Rosen regnen“

Jetzt malt er wieder. Jede Nacht Öl auf Leinwand. Grüntöne, nur einmal das Meer, mit tosenden Wellen und Schaumkronen. Das Meer ist schwer zu malen, überhaupt Wasser, sagt er. Es riecht nach Ölfarben und Terpentin. Alte weiße Lappen, jetzt grau und braun.

Ab und zu verkauft er ein Bild, dann teilen sie sich eine Currywurst an der Bude am Rathaus Neukölln und er fragt, ob sie etwas trinken möchte. Sie nimmt eine Bluna und darf die ganze Flasche alleine austrinken. Es ist kalt und dunkel. Sie gehen zu Hertie in der Karl-Marx-Straße und sehen sich die Schaufenster an, die jetzt für Weihnachten geschmückt sind. Stoffaffen mit Rasseln. Ein Karussell für Puppen und Teddybären. Puppen in rosa Kleidchen, Babypuppen und Puppen mit blonden Locken. Sie liegen in rosa Bettchen, sitzen auf Schaukeln und werden von einer unsichtbaren Hand bewegt. Die Schaufenster sehen schön aus. Eine Eisenbahn fährt durch eine Winterlandschaft. Drei Puppen fahren Schlittschuh auf einem zugefrorenen See. Sie haben dicke Pullover, Mützen und Handschuhe an, die zusammenpassen. Dann malt er wieder. Der Himmel ist nicht zu sehen.

Als Marie mit Veras Geschwistern in die Wohnung gegenüber gezogen ist, wollte Vera bei ihm bleiben. Sie hätte es ungerecht gefunden, ihn in der großen Wohnung alleine zu lassen. Die Wohnung ist fast leer, aber das stört sie nicht. Im Gegenteil. Sie hat sich schon immer ein eigenes Zimmer gewünscht. Aber auch als sie älter ist, darf sie keine Poster aufhängen. Wir beten keine Menschen an, sagen beide, ihre Mutter und ihr Vater. Als sie es doch einmal versucht, ist das Poster am nächsten Tag verschwunden. Sie sprechen nie darüber. Sie weiß, dass ihre Eltern keine Poster von Menschen an den Wänden sehen wollen.

Ihre ältere Schwester bringt mittags etwas Warmes in einem Behälter aus Blech. Veras Mutter, Marie, kocht weiter für sie mit. Marie ist nicht böse auf Vera. Aber sie hat ihre Tochter sehr ernst angeschaut. Vera konnte sehen, dass ihre Mutter sich Sorgen macht.

Heute gibt es Linseneintopf. In dem Blechbehälter ist auch ein Würstchen. Vera schneidet es in dünne Scheiben und hebt die Hälfte für ihn auf. Sie hat ihn so lieb.

Eines Tages wird sie in einen Zug gesetzt, zusammen mit anderen Kindern. Es ist Winter. Sie müssen sich auf den Boden legen und schlafen. Sie hat ein braunes Mäppchen um. Darin sind eine Scheibe Brot mit Käse und Himbeerbonbons. Wahrscheinlich hat er zum Abschied etwas Lustiges gesagt. Damit sie nicht traurig ist. Damit er nicht traurig ist.

Um ihren Hals hängt eine Karte mit ihrem Namen. Sie heißt wie die Freundin ihrer Mutter, die sich auf dem Dachboden erhängt hat. Veronika. Vroni. Vera. Sie hatte Angst vor den russischen Soldaten. Angst, vergewaltigt zu werden. Vera kennt keinen Dachboden. Nur den Hängeboden. Er ist zu flach, um sich dort zu erhängen. Es kann also nicht ganz stimmen, was ihre Mutter erzählt. Oder hat sie sich im Sitzen erhängt? Geht das?

Irgendwann müssen die Kinder auf einer Fähre weiterfahren. Im Heim werden sie gleich angeschrien. Damit sie immer artig sind. Sie kommen schließlich aus Berlin. Die Frau kann Berlin nicht ausstehen, das merkt Vera. Berlin ist Veras Heimat. Speziell Neukölln. Speziell das Haus, in dem sie geboren wurde.

Im Schlafsaal ist es ruhig und dunkel. Und kalt. Sie muss zur Toilette, aber das ist in der Nacht verboten. Sie schläft wieder ein und es wird schön warm. Dann wacht sie auf und hat Angst. Auch im Spielzimmer.

Sie weiß nicht, was sie anfassen darf. Zwei ältere Kinder zeigen auf Vera, als sie gefragt werden, wer das war. Eine Pferdekutsche aus Holz, eine Puppe, ein Frosch oder ein Feuerwehrauto aus Blech. Irgendetwas ist kaputt gegangen. Sie muss sich draußen auf den Gang stellen. Damit sie nicht noch mehr kaputt machen kann. Vielleicht. Sie denkt nicht darüber nach.

Der Arzt im Heim fragt, was sie mit ihr machen sollen. Sein Zimmer ist oben unter dem Dach. Er ist nett. Aber jedes Wort kann verkehrt sein. Frau Werner steht hinter ihr. Die Tante, die nicht ihre Tante ist. Er soll Vera Tabletten geben. Contergan oder so. Das bekommen jetzt viele Frauen, manchmal auch Kinder.

Ihr Vater kommt sie nie besuchen. Besuch ist verboten. Aber das weiß sie noch nicht. Bestimmt ist er froh, dass ich weg bin und er nicht die ganze Verantwortung für mich hat, denkt Vera.

Er kennt eine Frau vom Roten Kreuz. Sie wohnt bei ihnen in der Nähe. Wie alle erwachsenen Frauen hat sie kurze aschblonde Locken. Sie bringt ihn manchmal nach Hause, nachts, wenn er in einer Bar zu viel getrunken hat. Roxy Bar, Sansibar, Rote Laterne. Du musst besser auf ihn aufpassen, sagt die Frau mit ihrer rauchigen Stimme zu Vera und lacht, hart und laut. Am nächsten Morgen möchte er sterben. Er nimmt einen Kanten Brot und fährt zur Krummen Lanke. Dort will er sich an einem Baum erhängen. Vielleicht tut es mit dem Kanten weniger weh. Oder er kann dann nicht schreien. Weil er ja die Zähne zusammenbeißen muss, damit das Brot nicht runterfällt. Vera läuft schnell zu ihrer Mutti auf die andere Straßenseite und schaut ihr beim Kochen zu. Fragt, ob sie umrühren darf. Die Reichen sind schuld, sagt Marie. An allem. In dem Punkt sind sich ihre Eltern einig. Immer diese Reichen. Aber sie haben schöne Häuser, teures Geschirr und gute Manieren, sagt Marie. Die haben wir auch, denkt Vera, den Rest können wir kaufen. Irgendwann.

Marie fährt mit ihrer jüngsten Tochter nach Heiligensee, um sie abzulenken. Aber gerade als sie dort ankommen, versucht eine junge Frau, sich zu ertränken.

Sie möchte sterben, weil sie nicht sprechen kann, sagt Marie, das sind ganz arme Menschen, die nicht sprechen können.

Sie stehen zusammen mit der Gruppe von Menschen, die nicht sprechen können, und beobachten die Feuerwehrleute.

Bei einer Wanderung möchte sich Vera in die Tiefe stürzen. Etwas zieht sie nach unten. Dabei sind alle so nett.

Die Frau vom Roten Kreuz hatte die Idee mit der Insel. Vera hat an der Tür gelauscht. Obwohl sie nicht krank ist, darf sie ganz umsonst sechs Wochen Ferien an der Nordsee machen. Dr. Grossmann vom Hermannplatz bestätigt, dass sie die Kinderkur dringend braucht. Er ist gläubig, wie Marie, die sich im Krieg bekehrt hat. In demselben Krieg, in dem Maries erster Mann den Glauben verloren hat. Dr. Grossmann bringt Marie und Veras Geschwister mit dem Auto zur Gemeinde. Vor der Tür treffen sie sich. Vera geht in die Sonntagsschule. Dort lernt sie viel. Jesus liebt die kleinen Kinder. Gott ist die Liebe.