Erhalten Sie Zugang zu diesem und mehr als 300000 Büchern ab EUR 5,99 monatlich.
Jean und Marie sind als Zirkuskinder aufgewachsen, arbeiteten über Jahre zusammen auf dem Trapez. Aber Marie will etwas anderes, will mehr sein als ein niedlicher "Luftball". Sie entdeckt ihre Leidenschaft zu Büchern und bricht eines Tages aus und verschwindet. Nach Jahren begegnen die beiden einander wieder, und es kommt zu einer neuen Zusammenarbeit, unter Beibehaltung des jeweiligen Kopfes, doch unter Austausch der Körper – als Travestiepaar also. Aber der bloße Wechsel ins Gegenteilige vermag Marie nicht glücklich zu machen, und sie sehnt sich nach der bürgerlichen Geborgenheit einer stattlichen Villa, mit vielen Büchern und "Blick auf die Alpen". Die kann der Orthopäde Dr. Bergner ihr bieten, und er tut das gerne, nachdem Sophie, seine Frau, als Französischlehrerin in Depressionen versunken, ihn verlassen hat, um in Paris, der Stadt ihrer Studienzeit, ihre Identität wieder zu finden. Und dann ist da auch noch Claire, die süße Frau des Bankdirektors, die, von ihrer Unfruchtbarkeit und der Ereignislosigkeit ihres provinziellen Lebens frustriert, sich und ihren doch nicht so nutzlosen Kopf erst entdeckt, als sie sich angewöhnt hat, einsamen Männern ihren Körper zu zeigen. Auf Umwegen also entdecken die Protagonisten, wie Kopf und Körper zusammengehören. Und auch Jean weiß am Ende, dass er mit seiner Marie nicht körperlich zusammensein muß, um ihr ganz nah zu sein. Nicht nur diese beiden, sondern alle Figuren der Erzählung haben etwas von Trapezkünstlern: Sie versuchen den Schwung des auf sie zufliegenden Trapezes zu nutzen, indem sie sich hinaufschwingen und, im Vertrauen auf ihr gutes Geschick, zusehen, wohin es sie trägt.
Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:
Seitenzahl: 127
Veröffentlichungsjahr: 2014
Das E-Book (TTS) können Sie hören im Abo „Legimi Premium” in Legimi-Apps auf:
Jörg Neugebauer
Kopf und Körper
oder: Das Trapez des Lebens
Dieses ebook wurde erstellt bei
Inhaltsverzeichnis
Titel
Kopf und Körper oder: Das Trapez des Lebens
Impressum neobooks
Ein Trapezkünstlerpaar verdiente sich seinen Lebensunterhalt durch Auftritte unter Zirkuskuppeln und in großstädtischen Varietétheatern.
Allem Irdischen scheint sie entrückt, die Zweisamkeit der beiden jugendlich schlanken Artisten. Und doch bereitet es ihnen Mühe, alles Beschwerliche unten zu lassen, wenn sie, von munteren Orchesterklängen begleitet, hinaufsteigen in ihr gemeinsames Himmelreich.
Marie, die hübsche Seilakrobatin, ist ehelich nämlich einem anderen Mann verbunden, den sie bald nach Beginn ihrer beruflichen Partnerschaft mit Jean geheiratet hat. Charles, ihr Gatte, besucht seine Frau hin und wieder und schläft dann auch mit ihr in dem kleinen Wohnwagen, der den beiden jungen Künstlern als Behausung dient.
Nicht, dass Charles eifersüchtig gewesen wäre. Nein, er ertrug die berufsbedingte Liaison seiner kleinen Gemahlin mit einem Gleichmut, der darauf hindeutete, daß es für ihn nicht nur Marie gab in seinem harten Männerleben. Der groß und stark gebaute Baustoffhändler war es zufrieden, seine, wie er sie gern nannte,Luftkünstlerin, oben in der erleuchteten Kuppelherumwirbelnzu sehen, um sie danach in seine mächtig behaarten Arme zu schließen. Und eine volle Nacht lang an ihr jene Rechte zu behaupten, die ihm aus dem gemeinsamen Ehevertrag nun einmal erwachsen waren.
Der eher schmächtige Jean, in solchen Nächten ausquartiert oder vielmehr von sich aus das Weite suchend – Charles bot ihm jedes Mal an zu bleiben – konnte sich oft nur schwer mit seiner Rolle abfinden. Mit düsterer Miene saß er dann in stinkenden Spelunken und trank, da er Bier nicht mochte, mehr Cocktails als ihm guttaten. Zuweilen verirrte er sich auch in Männerlokale, in denen er auf ihn irritierende Weise zuvorkommend bedient wurde.
Erst wenn Charles endlich, wie immer morgens um halb acht, in seinem breittürigen Mercedes abgefahren war, nicht ohne bei seiner Frau an ihn Grüße zu hinterlassen, erschien Jean mit verwüsteter Frisur und dunkel umringten Augen an der Wohnwagentür. Wo seine berufliche Partnerin ihn freundlich und mit schwarzem Kaffee erwartete. Die erste halbe Stunde sah er sie dann gar nicht an. Starrte nur in seine Tasse oder zum Fenster hinaus. Erst nachdem er sich vergewissert hatte, daß sie trotz allem ganz dieselbe geblieben war, fiel die trockene Starre allmählich von ihm ab und wich jener Geschmeidigkeit, ohne die er am Abend nicht wieder hätte hinaufsteigen können auf jenes Seil, das allein seine und Maries Welt war.
Den oft bis zur Haltlosigkeit hingerissenen Zusehern freilich erschienen Jean und seine zierliche Gefährtin als das ideale Paar der Lüfte. Dort, in die Unendlichkeit des Raumes, gehörten sie hin. Nirgendwo sonst sollten sie existieren.
Nichts weiß das Publikum von den vielen Jahren des langsamen Lernens, durch die den beiden, als fast gleichaltrige Kinder zweier befreundeter reisender Clowns in engster Vertrautheit miteinander aufgewachsen, diese fast perfekte Überlistung der Körperschwere erst nach und nach möglich geworden ist.
Waren sie doch fast wie Geschwister gewesen. Früh schon bei einem benachbarten Trapezmeister hatten sie die ersten Schwünge erlernt. Und so war es ihnen zum Alltag geworden, einander entgegenzufliegen und einander festzuhalten, seit sie sieben und er neun gewesen. Zumal sie beide ja ihre Mütter nicht kannten. Die von Marie war wohl gleich nach Maries Geburt gestorben, und von Jeans Mama war überhaupt nichts bekannt.
Nachdem beide Clowns, nach einem gemeinsamen Auftritt auf einem touristischen Bergfest, unter der Heimfahrt in ihrem Wagen von einem plötzlich herabstürzenden Felsen erdrückt worden waren, hatte man sie, nun beide Waisen, ganz in die Familie des Trapezkünstlers aufgenommen. Der ließ sie sogleich in seiner Gruppe mit auftreten, wo sie als „Luftflöhe“ das besondere Entzücken des Publikums hervorriefen. Allerdings wurden beide recht kurz gehalten und waren bald daran gewöhnt, eigentlich nur einander zu haben. Sie schliefen im selben schmalen Bett und teilten die kargen Mahlzeiten im Kreise der Akrobatenfamilie.
Als Jean dreizehn war und Marie elf, schloß sich die Familie einem anderen, größeren Zirkusunternehmen an, der über mehrere Trapezgruppen verfügte. Staunend beobachteten die zwei die Kunstfertigkeit der fremden Akrobaten. Und jetzt begann auch so etwas wie Ehrgeiz in ihnen zu wachsen, es diesen anderen gleichzutun, sie womöglich zu übertreffen. Der oberste Leiter der übergroßen Trapezkünstlergruppe verfügte, dass die beiden „Zwillinge“, wie sie damals oft nur kurz genannt wurden, nunmehr getrennt und zwei verschiedenen Teilgruppen zugeordnet wurden. So kamen sie fast nur noch bei den abendlichen Auftritten zusammen. Auch waren beide jetzt ganz getrennt untergebracht. Jean schloss sich an einen nur wenig älteren Jungen an, der ihm viel Neues zeigte. Und Marie, die noch mit fünfzehn fast wie ein Kind wirkte, verlernte und vergaß allmählich jegliche Angst vor der Tiefe. Wie einen süßen Ball warfen die erwachsenen Männer und Frauen sie einander sich zu - da musste sie einfach irgendwann aufhören, an einen Abgrund oder an die reale Gefahr eines Sturzes zu glauben. Doch dann wurde die Großgruppe aufgelöst, und die meisten Akrobaten waren gezwungen, sich neue Arbeitgeber zu suchen. Jean freilich, der mit seinem engen Kumpel inzwischen sehr gut eingeübt war, erhielt mit diesem bei ihrem bisherigen Zirkus einen neuen Vertrag angeboten, dessen Bedingungen sogar besser waren als zuvor.
So hätten sich die Wege der so lange unzertrennlich Gewesenen beinahe getrennt. Aber Marie war, nunmehr sechzehnjährig, im letzten Jahr zu einem schönen jungen Mädchen herangewachsen und, obgleich noch immer von fast übermäßiger Zartheit, so doch nicht länger geeignet, als nichtiger Luftball herumgeworfen zu werden. Ja, sie hatte sich eines Tages schlankweg geweigert, sich einer solchen Prozedur weiterhin und jemals wieder zu unterziehen.
Dem über seine eigene Zukunft noch unentschlossenen Jean, mit dem sie in letzter Zeit meist nur Grußworte und belanglos verlegene Floskeln gewechselt hatte, eröffnete sie, bei Gelegenheit einer zufälligen Begegnung in dem kantinenartigen Speisemobil des großen Zirkusunternehmens, den Wunsch und die Absicht, ihr Glück als freie Trapezkünstlerin zu versuchen und sich bei einer entsprechenden Agentur eintragen zu lassen.
Jean, gerade achtzehnjährig, machte sie, eigentlich mehr, um vor seinem Partner und Kumpel großzutun, darauf aufmerksam, dass sie, im Unterschied zu ihm selbst, ja noch minderjährig sei und sich folglich aus eigenem Recht gar keiner Agentur überantworten könne.
Auf diese Rede hin schlug Marie die Augen nieder, und Jean bemerkte hier zum ersten Mal ihre langen dunklen Wimpern und den unvergleichlichen Liebreiz, den diese zusammen mit den ungewöhnlich hohen, bisher so gar nicht sichtbar gewesenen Backenknochen bewirkten. Umso mehr, als von der Seite durchs Fenster gerade ein frühsommerliches Abendlicht ihr Antlitz und Scheitel erleuchtete.
Jetzt verstummten sie beide, und der andere, der das Gespräch der beiden an einem der hohen, runden Tischchen aus einiger Entfernung verfolgt hatte, machte sich, indem er etwas Unverständliches murmelte, davon. Jean aber konnte gar nicht genau genug hinsehen, als Maries ihm nun ganz unbegreiflich halbmondförmige Lippen den dicken Rand der billigen Kaffeetasse umschlossen, die sie mit ihren schmalen, noch immer fast kindlichen Händen zum Munde führte.
Aber ehe das Mädchen ihn ansehen konnte, schaute er selbst weg, weil er sich plötzlich fürchtete vor ihren schrägen Augen. Ich kann das ja machen für dich, mit der Agentur, hörte er sich ganz von ferne sagen, während er durchs dick verschmierte Fenster auf ein draußen vorbeigeführtes Kamel blickte, ohne es wirklich wahrzunehmen. Ich krieg das schon irgendwie hin.
Willy, Jeans Kumpel, wollte es erst gar nicht glauben, als dieser ihm von der Änderung seiner Pläne Kenntnis gab. Nach und nach kam Jean auch erst mit der ganzen Wahrheit heraus. Ja, er wolle jetzt doch den ihnen beiden angebotenen Vertrag nicht unterschreiben. Nein, wahrscheinlich würden sie nicht mehr zusammen arbeiten. Ob er denn wirklich mit seiner Schwester zusammenziehen wolle, fragte Willy ihn mehrmals. Für Willy war Marie Jeans Schwester. Sie ist nicht meine Schwester. Aber ihr seht euch doch ähnlich. Wieso sehen wir uns ähnlich? Dann liebst du sie also! Du liebst deine eigene Schwester. Sie ist nicht meine Schwester. Aber du liebst sie. Wir können zusammen auftreten. Aber das können wir beide doch auch. Du brauchst bloß diesen Vertrag zu unterschreiben. Ich hab schon einen anderen unterschrieben. Ach so? Dann vergiss die Zahnpasta nicht mitzunehmen. Was? Na, ich mag sie doch nicht. Wenn du sie nicht mitnimmst, schmeiß ich sie weg. Aber vielleicht magsiesie ja. Bestimmt habt ihr zwei denselben Geschmack.
In Wirklichkeit war noch gar nichts unterschrieben. Die Agentur machte Schwierigkeiten, weil Marie erst sechzehn war und ihr bisheriger Vormund, jener Trapezmeister aus der Artistenfamilie, unauffindbar blieb. Er hatte mit seiner Sippe das Land verlassen, um woanders ein Engagement zu finden. An richtiges Üben oder gar an Auftritte war so in der ersten Zeit überhaupt nicht zu denken. Die Nächte verbrachten die beiden in einer Stockbettenpension. Tagsüber, wenn schönes Wetter war, machten sie im Stadtpark ein bisschen Bodenakrobatik. Nach längerem Zögern hatten sie sich angewöhnt, eine kleine Blechschachtel hinzustellen, in die vorbeikommende Spaziergänger Münzen hineinwerfen konnten.
Unter diesen Spaziergängern war auch einmal ein großer Mittdreißiger gewesen. Im eleganten, für sein bulliges Gesicht und seine Ringerarme fast zu eleganten Staubmantel. Der hatte den beiden lange zugesehen und immer wieder neue Kunststückchen von ihnen verlangt. Er war der erste gewesen, der anstelle von Münzen einen Geldschein, und keinen geringen, in die Blechschachtel gelegt hatte. Und als sie ihr Repertoire irgendwann wirklich erschöpft hatten und nur noch müßig im Gras herumlagen, hatte der Herr sich zu ihnen hinabgebeugt und sie zu einem Drink eingeladen. Aus dem dann unversehens ein richtiges Menü geworden war.
Charles, wie der joviale Gönner sich nannte, obwohl er niederländischer Abkunft war, hielt seine graublauen, etwas triefenden Augen zärtlich auf Marie gerichtet. Die lächelte geschmeichelt zurück - hatten ihr bisher doch kaum jemals richtig erwachsene Männer Komplimente gemacht als einer richtig erwachsenen Frau. Aber auch Jean wurde mit dröhnendem Lob bedacht. Und diesem wiederum imponierte die scherzend bestimmte Art, mit der Charles die hübschen, schwarzgekleideten Dienstmädchen dieses so nobelfeinen Restaurants hin und her dirigierte. Fast schien es, als täten diese gepflegten und perfekt geschminkten jungen Damen nichts lieber auf der Welt, als gerade diesem Gast all seine Wünsche zu erfüllen.
Fünf Wochen später – Marie war soeben siebzehn geworden – fand dann in demselben Lokal die Hochzeitsfeier statt. Es waren nicht viele Gäste zugegen; immerhin ein paar Freunde von Charles, eigens angereist aus den Niederlanden. Miriam, wie ihr Ehemann sie nannte, trug ein kurzes weißes Kleid und anstelle des Schleiers ein seidenes Stirnband. Charles schenkte ihr immer wieder Genever ein, dem auch seine etwas wüst auftretenden, aber im Grunde gutmütigen Freunde in reichlichen Mengen zusprachen. Zum Tanz spielte eine fünfköpfige Zydeco-Band. Da Marie das einzige weibliche Wesen in der Gesellschaft war, durfte jeder sie mal in den Arm nehmen. Nur Jean ging irgendwann hinaus und kehrte erst früh am Morgen wieder.
Sie haben deinen Slip versteigert.-
Nein, haben sie nicht. Du Esel.-
So lebten sie also nun schon fast drei Jahre in einer Art Ehe zu dritt. Tiefer noch aber als die regelmäßigen Übernachtungsbesuche von Charles verdross und beunruhigte Jean die Tatsache, dass Marie sich mehr und mehr in sich selbst zurückzog. Immer weniger teilte sie ihr eigenes, inneres Leben mit ihm oder mit sonst jemandem. Stattdessen verharrte sie oft stundenlang in unbewegter Pose. Alle auf ihr seelisches Befinden zielenden Fragen bog sie rasch und mit bestimmt abweisender Stimme ab in Richtung auf völlig gleichgültige Themen. Auf die Höhe der Heizkosten etwa oder wie lange wohl ihre Kostüme noch halten würden.
Droben auf dem Seil ihm strahlend zugewandt und dabei zuverlässig, biegsam und geistesgegenwärtig wie je, versank sie im gemeinsamen Wohnwagen, den sie oft viele Tage lang fast nur noch zu den Auftritten verließ, immer häufiger in geistesabwesende Starre.
Nur selten noch ließ sie sich zum Üben oder zum Einstudieren neuer Programmpunkte überreden. Zu letzterem eigentlich gar nicht mehr und zu ersterem nur noch in dem geringen Maß, das sie selbst in klaren Momenten für notwendig hielt, um die für die Luftakrobatik unerlässliche Ausdauer und Gelenkigkeit nicht allzu sehr einzubüßen. Auch schliefen sie zwar noch immer in demselben einzigen Bett, das sich in dem gemeinsamen Wohnwagen durch Umgruppierung einiger Sitzmöbel herstellen ließ, aber sie schliefen fast gar nicht mehr miteinander.
Bei den Besuchen von Charles, die sich infolge eines längeren berufsbedingten Auslandsaufenthalts des Niederländers nun nicht mehr mit der gleichen Regelmäßigkeit wiederholten, zeigte sich Marie freilich wie umgewandelt. Ganz so wie der Gatte es von ihr erwartete, gab sie jedes Mal die liebevoll zärtliche Penelope, die ihren Odysseus nach dessen langen Irrfahrten aufs üppigste verwöhnt. Jean, der seit einiger Zeit nicht mehr sofort verschwand, sobald Charles’ Limousine hupend und reifenquietschend um die Ecke bog, lernte in Marie die perfekte Schauspielerin zu bewundern, die, um verschiedenster Annehmlichkeiten willen, welche Bestand und regelmäßiger Vollzug ihrer Ehe mit dem robusten Baustoffhändler für sie bedeutete, offenbar gerne bereit und auch imstande war, ihre Zustände weltabgewandten Insichgekehrtseins vollständig zu verleugnen. Ja, es schien dann, als gäbe es diese Zustände überhaupt nicht und Marie sei gar nicht Marie, sondern immer nur Miriam, die gutgelaunte, verschmitzt lachlustige kleine Ehefrau, als die sie sich während der in der Regel achtzehn Stunden gab, die Charles bei und mit ihr verbrachte und in denen sie ihm in jeder gewünschten Beziehung zur Verfügung stand.
Immer häufiger aber sah Jean sie, kaum dass Charles abgefahren war, mit ausdruckslosem Gesicht über jene billig und zerlesen aussehenden Taschenbücher gebeugt, nach deren Herkunft er gar nicht mehr fragen mochte, seit Marie ihm darauf einmal eine recht unschöne Antwort gegeben hatte. Es handelte sich dabei um populär geschriebene Anleitungen zu fernöstlichen Meditations- und sogar Kampftechniken. Aber auch seelenkundlich aufgemachte Ratgeber waren darunter, ebenso wie kurz und bündig abgefasste Abhandlungen über die Rolle und Bestimmung der Frau im allgemeinen Wandel der Zeiten. Marie sah es nicht gern, wenn Jean mit missbilligender Miene in ihrer kleinen Bibliothek stöberte. Aber sie schwieg dazu, solange er nichts Herabsetzendes äußerte. Und das hatte er sich ja ganz abgewöhnt.
Im Übrigen verbrachte Jean seine Freizeit mittlerweile fast ausschließlich aushäusig, mit Artistenkollegen und allerlei meist flüchtigen Bekannten. Bei schönem Wetter spazierte er auch viel draußen umher. Wurde es schlecht, so verschwand er, einer neuen Vorliebe folgend, in einem Kino, wo er, wie er herausgefunden hatte, sich am allerbesten ablenken konnte. Nur wenn, was in der ersten Zeit öfters mal vorkam, eine Darstellerin ihn allzu sehr an Marie erinnerte, war es gleich damit vorbei. Schließlich begann er die französischen Filme zu meiden, weil diese es ausschließlich waren, von denen ihm in dieser Hinsicht immer wieder Gefahr drohte.
Eines Tages kam er aus dem Kino zurück in den Wohnwagen und fand diesen still, einsam und leer. Das war schon seit Monaten nicht mehr vorgekommen. Nun sollte aber ja auch schon in gut einer Stunde ihr gemeinsamer Auftritt sein, und so setzte er sich erst einmal hin und wartete. Dann begann er sich wie üblich umzuziehen. Doch auch fünfzehn Minuten vor dem Zeitpunkt ihres Auftritts war Marie noch immer nicht da. Jean rannte in seinem glitzernden Trikot draußen im Matsch – es regnete ziemlich stark - umher, wurde aber lediglich von herumlungernden Halbwüchsigen, die das Eintrittsgeld nicht hatten aufbringen können, neugierig und belustigt beäugt. Wie er da in seinem Kostüm suchend herumirrte, als sei ihm soeben sein Trapez gestohlen worden!
