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Kopfschmerzen und Migräne selbst behandeln
Es gibt zahlreiche Ursachen für Kopfschmerzen. Häufig spielen dabei Stress, aber auch Körperhaltung und Muskelanspannung in Nacken und Kiefer eine wichtige Rolle, sodass Übungen die Schmerzen lindern oder vorbeugen können.
Welche Art von Kopfschmerz habe ich? Dieses Buch hilft Ihnen dabei, Ihren Kopfschmerztyp zu bestimmen und führt Sie durch passgenaue Entspannungstechniken und Übungen.
Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:
Seitenzahl: 202
Veröffentlichungsjahr: 2024
Benjamin Schäfer
2. Auflage 2024
Manchmal plagt Sie ein »Brummschädel«, Nackenschmerzen oder ein Druck auf der Stirn? Treten Kopfschmerzen oft auf, gehen sie mit Übelkeit, Licht- und Geräuschempfindlichkeit einher, können sie die Lebensgestaltung – und damit das körperliche und psychische Wohlbefinden – stark einschränken. Bisher half Ihnen vielleicht ein Schmerzmittel. Aber bestimmt haben Sie sich schon gefragt, ob Sie vorbeugen können. Sie können! Erobern Sie sich Handlungsspielraum zurück, indem Sie selbst aktiv werden.
Heute wissen wir: Eine gute Balance zwischen Aktivität und Entspannung, Entspannungsverfahren und Ausdauersport können Kopfschmerz vorbeugen. Erfreulicherweise erscheint dieses Buch jetzt schon in der zweiten überarbeiteten Auflage, neue wissenschaftliche und klinische Erkenntnisse flossen in die Überarbeitung ebenso ein wie die Rückmeldungen der Leserinnen und Leser der ersten erfolgreichen Auflage. Ein Teil der Übungen wurde modifiziert und ergänzt, Abbildungen erneuert, Anleitungen noch instruktiver, denn die Umsetzung im Alltag durch Sie ist das Entscheidende auf dem Weg zur Reduktion Ihrer Schmerzen.
Informieren Sie sich über Ihre Erkrankung und starten Sie Ihre Selbsthilfe. Lassen Sie sich dabei Zeit. Arbeiten Sie das Buch nicht ehrgeizig von der ersten bis zur letzten Seite in kurzer Zeit ab. Wählen Sie einzelne Übungen und Anregungen aus, setzen Sie diese dann konsequent um. Seien Sie mit sich geduldig. Akzeptieren Sie Ihre Erkrankung. Aber: Engagieren Sie sich für sich selbst! Sie können mit den Tipps und den Übungen dieses Buchs Ihre Anfallsschwere mindern und die Anfallshäufigkeit reduzieren.
Priv.-Doz. Dr. med. Charly Gaul,
Facharzt für Neurologie und Schmerztherapeut, Gründer des Kopfschmerzzentrums Frankfurt
Titelei
Vorwort
Kopfschmerzen begegnen
Was ist Migräne, was Spannungskopfschmerz?
Primäre vs. sekundäre Kopfschmerzen
Migräne
Was geschieht bei einer Migräneattacke?
Medikamentöse Therapie
Vorbeugen mit Medikamenten
Vorbeugen ohne Medikamente
Kopfschmerz vom Spannungstyp
Kopfschmerzen und die Halswirbelsäule (HWS)
Nackenschmerzen infolge der Migräne oder nicht?
Wie hilft Physiotherapie bei Migräne?
Kopfschmerzen und Stress
Was passiert im Körper bei Stress?
Mit dem Parasympathikus regenerieren
Wie Sie beginnen
In meiner persönlichen Beratung
Wie Sie bei den Übungen vorgehen
Varianten: akut, Prophylaxe und Aufrechterhaltung
Wenn eine Übung Beschwerden verursacht
Drei Beispiele für drei Typen
Selbst leichte Aktivität verstärkt den Schmerz?
Entspannung und Ausdauer beugen vor
Entspannung reguliert
Was ist Entspannung?
Vorlieben sind wichtig
Wie wirken Entspannungsverfahren?
Progressive Muskelrelaxation nach Jacobson
Wie läuft eine PMR ab?
Anleitung PMR – Langversion
Entspannungstechnik: Autogenes Training
Anwendung
Autogenes Training lernen
Atemtechniken
Wie atmen wir?
Verschiedene Atemtechniken
Ausdauer stabilisiert
Was ist aerober Ausdauersport?
Wie wirkt Ausdauertraining?
Welcher Ausdauersport passt zu Ihnen?
Wählen Sie die richtige Trainingsmethode
Langsam gesteigertes Aufbautraining
Pulsgesteuertes Training
Dauermethode
Intervalltraining
Übungsteil: Üben Sie sich fit
Körperhaltung und Wirbelsäulenform – welcher Typus sind Sie?
Selbsttest: Kompensation Körperhaltung
Individuelle Schwachstelle – jeder kompensiert anders
Muskuläre Balance und Körperhaltung verbessern
Wer gegen wen?
Testen Sie sich selbst
Selbsttest 1
Selbsttest 2
Überkorrektur: Brustwirbelsäule strecken
Feierabend
Sich lang machen
Türsteher
Schwankende Planken
Armkreise
Doppelkinn
Fliegen
Muskelkater
Abwechslung für die Schultern
Base Jump
Mit dem Rücken an der Wand
Übungen nach Bereich der Beschwerden
Triggerpunkttherapie für Schulter und Nacken
Wie entstehen Triggerpunkte?
Was sind Faszien?
Triggerpunkttherapie durchführen
Dosierung
Vorsicht walten lassen bei …
Nach der Triggerpunkttherapie/Eigenmassage
Halswirbelsäule behandeln
Anatomie der Halswirbelsäule
Selbsttest/Fragen
Welche Übungen bei welchen Beschwerden?
Eingeschränkte Halswirbelsäule?
Akuthilfe: Dehnung obere Nackenmuskulatur
Akuthilfe: Ausloten
Akuthilfe: Nackenrolle
Prophylaxe: Dezentes Nicken
Prophylaxe: Nach den Füßen schauen
Prophylaxe: Sich umschauen
Prophylaxe: Aktiver Seitneiger
Prophylaxe: Sinuskurve
Prophylaxe: Sanftes Nicken
Prophylaxe: Gemütlichkeit
Prophylaxe: Wohlbehagen
Prophylaxe: Kraft für die Beuger
Prophylaxe: Kraft für die Seitneiger
Prophylaxe: Kraft für die Dreher
Im Alltag zu beachten
Was können Sie dagegen tun?
Sorgen Sie für Abwechslung
»Reminder«
Die aufrechte Haltung ist Ihnen zu anstrengend?
Testen Sie den »Redondoball-Trick«
Kiefergelenke und Kaumuskulatur behandeln
Selbsttest/Fragen
Akuthilfe: Den Mund aufmachen
Akuthilfe: Aushalten
Akuthilfe: Schläfe massieren
Prophylaxe: Ruheposition
Prophylaxe: Seitbewegung
Prophylaxe: Kieferzentrierung
Prophylaxe: Große Seitbewegung
Prophylaxe: Kreis- und Achterbewegung
Prophylaxe: Anspannung – Entspannung
Im Alltag zu beachten
Kaugummikauen und Habits
Kauen auf einer Seite
Auf dem Bauch schlafen
Trapezmuskel behandeln
Verspannungen vorbeugen
Selbsttest/Fragen
Der Klassiker
Akuthilfe: Trapez massieren
Prophylaxe: Schürzengriff
Akuthilfe: Trapezroller
Prophylaxe: Trapez-Gegenspieler
Prophylaxe: Starker Mann/Starke Frau
Prophylaxe: Schulterblattkontrolle
Im Alltag zu beachten
Was können Sie dagegen tun?
Wenn Sie lange in einer Position verharren
»Reminder«
»Biofeedback« für den Alltag
Rautenmuskeln behandeln
Selbsttest/Fragen
Akuthilfe: Rückenroller
Akuthilfe: Schweben
Im Alltag zu beachten
Abwechslung der Körperhaltung
Entspannung nach gezielter Anspannung
Schulterblattheber behandeln
Selbsttest/Fragen
Schief an der Wand
Kopfdreher behandeln
Selbsttest/Fragen
Zur Decke schauen
Halszwicken
Verhaltensänderung
Was wollen Sie erreichen?
Disziplin hilft
Entscheiden Sie selbst
17 Tipps für die Umsetzung im Alltag
① Arbeiten nach Plan
② 20-Minuten-Regel
③ 3-Tages-Regel
④ Implementierungsintention nach Gollwitzer
⑤ Flare-up-Plan
⑥ 1 aus 3
⑦ Tägliche Auszeit
⑧ Planen und dennoch flexibel bleiben
⑨ Setzen Sie sich ein Limit
⑩ 80 %-Regel
⑪ Barrieren begegnen
⑫ Einzelfallstudie
⑬ 10-Uhr-Regel
⑭ Kombination
⑮ App mit Erinnerungsfunktion
⑯ Komfortzone verlassen
⑰ Üben direkt nach dem Aufwachen
Anhang
Kopiervorlage Wochenplan für das Training
Literatur
Autorenvorstellung
Sachverzeichnis
Impressum/Access Code
Klar ist heute, dass Kopfschmerzbetroffene sehr viel gegen ihre Beschwerden (z. B. Anfallshäufigkeit) unternehmen können. Entspannung und Ausdauertraining sind zwei wichtige vorbeugende Methoden.
Kopfschmerz ist nicht gleich Kopfschmerz. Genauso unterschiedlich sind die Möglichkeiten, gegen die Schmerzen vorzugehen. Wichtig ist zu verstehen, was eigentlich in Ihrem Körper vor sich geht.
Migräne und andere Kopfschmerzen sind weit verbreitet. 90 Prozent der Europäer haben mindestens einmal in ihrem Leben Kopfschmerzen. Alarmierend ist auch, dass der Anteil der 18- bis 27-Jährigen mit einer Kopfschmerzdiagnose zwischen 2005 und 2015 um 42 Prozent gestiegen ist. Zehn Prozent der Deutschen suchen mindestens einmal im Jahr wegen Kopfschmerzen einen Arzt auf. Parallel zu dieser Entwicklung steigt der Gebrauch von Schmerzmitteln.
Die internationale Kopfschmerzklassifikation beschreibt über 300 Kopfschmerzdiagnosen. Um welchen Kopfschmerz es sich jeweils handelt, lässt sich hauptsächlich anhand der Informationen aus dem Gespräch ableiten, z. B.:
Kopfschmerzdauer
Intensität
Frequenz
Begleitsymptome
Zu oft sehen sich Kopfschmerzgeplagte auch mit gut gemeinten Tipps aus ihrem Umfeld konfrontiert – z. B. mehr Wasser oder starken Kaffee zu trinken. Viele Nichtbetroffene verstehen nicht, wie unterschiedlich und belastend Kopfschmerz sein kann. Einige Kopfschmerzbetroffene behalten deshalb ihre Diagnose für sich und versuchen – trotz der Einschränkungen – in Beruf und Alltag durchzuhalten.
Ist der Kopfschmerz die Krankheit selbst, lässt sich also keine Ursache der Kopfschmerzen finden, spricht man von primären Kopfschmerzen. Bestehen Erkrankungen oder andere Gründe, die die Kopfschmerzen verursachen und die möglicherweise beseitigt werden können, spricht man von sekundären Kopfschmerzerkrankungen.
Die häufigsten primären Kopfschmerzen sind Migräne und Kopfschmerzen vom Spannungstyp. Etwa 10–15 Prozent der Deutschen leiden unter Migräne, Frauen sind häufiger betroffen. Zählt man auch Personen mit einer wahrscheinlichen Migräne hinzu, sind sogar zwischen 20 und 30 Prozent betroffen. Kopfschmerzen vom Spannungstyp treten noch häufiger auf, jedoch suchen weniger Personen deswegen einen Arzt auf. Eine weitere, seltene Form sind Clusterkopfschmerzen, die sich durch stärkste, plötzlich eintretende Schmerzen meist immer auf einer Seite äußern. Oft ist begleitend ein Auge gerötet oder die Nase läuft. Kopfschmerzen, die ihre Ursache in der Halswirbelsäule haben (zervikogene Kopfschmerzen), gehören zu den sekundären Kopfschmerzen und sind eher selten.
Migräne geht unbehandelt (oder erfolglos behandelt) mit 4- bis 72-stündigen Kopfschmerzattacken einher. Der Kopfschmerz ist häufig einseitig und pulsierend, er ist mittelschwer bis sehr intensiv. Weitere Symptome wie Übelkeit/Erbrechen oder Lärm-/Lichtempfindlichkeit begleiten diese Attacken. Körperliche Aktivität (z. B. rasches Treppensteigen) verstärkt die Beschwerden. Es wird ein Ruhe- und Rückzugsbedürfnis beschrieben.
Vor der Migräne können Symptome wie Gereiztheit, gehäuftes Gähnen, Heißhunger oder Euphorie auftreten (sogenannte Prodromalphase). Auch Nackenschmerzen können ein Vorzeichen sein. Einige Betroffene (ca. 15 Prozent) beschreiben vor Auftreten der Migräneschmerzen eine Aura. Sie kann sich durch Sehstörungen, Kribbeln oder Taubheit eines Armes oder Beins, Schwindel, Sprachstörungen und viele andere Phänomene zeigen. Am häufigsten ist die visuelle Aura. Die Betroffenen sehen z. B. Zickzacklinien, Lichtblitze oder ein Flimmern. Videos aus dem Internet können solche Auren für Nichtbetroffene nachvollziehbarer machen, z. B. auf YouTube unter den Suchbegriffen »Migräne visuelle Aura«, siehe auch ▶ Anhang.
Nach den Migräneschmerzen wird oft eine allgemeine Abgeschlagenheit mit Konzentrationsstörungen, aber auch ein erhöhtes Energielevel beschrieben (Postdromalphase).
Es existieren viele Unterformen der Migräne, unter anderem auch die hormonell bedingte Migräne bei Frauen. Prinzipiell gibt es eine erblich bedingte Anfälligkeit für die Erkrankung an Migräne. Die Wahrscheinlichkeit, selbst eine Migräne zu entwickeln, steigt, wenn Ihre Eltern oder Großeltern Migräne haben oder hatten.
Ab wann spricht man von einer chronischen Migräne? Tritt die Migräne an weniger als 15 Tagen im Monat auf, handelt es sich um eine sporadische oder episodische Migräne. Bestehen die Beschwerden an 15 oder mehr Tagen über einen Zeitraum von drei Monaten, ist es eine chronische Migräne. Davon müssen mindestens acht Attacken migräneartig sein. Von chronischer Migräne Betroffene sind meistens deutlich stärker im Alltag eingeschränkt, was sich belastend auf Familie, Beruf, Hobbys, körperliche Aktivität und soziale Kontakte auswirken kann.
Von Migräne Betroffene haben eine erhöhte Reizwahrnehmung und -verarbeitung. Das Denken und die Reizverarbeitung sind schneller, aber eine Gewöhnung an Reize und Veränderungen ist langsamer. Diese erhöhte Sensibilisierung des Migränegehirns sorgt für zahlreiche innere und äußere Auslöser einer Migräneattacke. Das sind die sogenannten Triggerfaktoren, die individuell sehr unterschiedlich sein können.
Die häufigsten Trigger sind:
Stress
Emotionen
Hormonschwankungen bei Frauen
ausgelassene Mahlzeiten
Wetterumschwünge
Schlafunregelmäßigkeiten
Duftstoffe
Nackenschmerzen
helles Licht
Alkohol, uvm.
Bei Personen mit Migräne kann es sein, dass ein vermeintlicher Trigger, z. B. Schokoladeessen, nicht der Trigger an sich ist, sondern der Süßhunger ein Zeichen für die beginnende Migräne darstellt (s. o., Prodromalzeichen). Nicht selten werden vermeintliche Trigger gemieden. Aber dieses Verhalten kann selbst zum Stressfaktor werden, Ängste verstärken und die Lebensqualität einschränken. Außerdem trainieren Sie dadurch nicht, mit reizintensiven oder stressbelasteten Situationen umzugehen. Dadurch werden Sie schließlich immer »reizsensibler«.
Ebenso kann aber auch eine Ruhephase eine Attacke auslösen – insbesondere nach schnellem Absinken des Stresspegels. Auch die Erwartung einer Attacke kann eine bedeutende Rolle spielen. Entspannen und Abschalten fallen Personen mit Migräne oft schwerer als Gesunden. Stress ist mit Abstand der häufigste Auslöser und sollte eine besondere Aufmerksamkeit erhalten. Siehe auch Kapitel ▶ »Kopfschmerzen und Stress« und die Exkurse ▶ Verhaltensweisen und ▶ Lebensstil. Auch eine Kombination von Triggern kann eine Migräneattacke auslösen.
Was passiert im Gehirn? Der Neurotransmitter Calcitonin Gene-Related Peptide (CGRP), ein Botenstoff, sorgt für eine entzündungsähnliche Reaktion an den Hirnhäuten und ihren Blutgefäßen mit einer Veränderung des Gefäßdurchmessers. Unter anderem bilden die Fasern des Trigeminusnervs diesen Botenstoff und schütten ihn aus. Dieser Prozess verursacht die typisch pulsierenden Schmerzen bei einer Migräne. Neben der Ausschüttung des CGRP spielen aber noch viele weitere Botenstoffe und andere Prozesse eine Rolle bei der Entstehung der Migräne. Es ist mittlerweile auch erwiesen, dass unter anderem der Hypothalamus bereits bis zu 48 Stunden vor dem Eintreten der Schmerzen aktiviert ist. Dies wurde in MRT-Studien herausgefunden und kann unter anderem die Prodromalphase erklären.
Neurologen oder zertifizierte DMKG-Kopfschmerzexperten klären Sie bei Bedarf über die zahlreichen medikamentösen Möglichkeiten auf. Mediziner unterscheiden prinzipiell zwischen der Akutmedikation zur Behandlung einer Attacke und der medikamentösen Prophylaxe zur Vorbeugung gegen Migräneattacken. Am häufigsten kaufen Migränepatienten Schmerzmittel wie Acetylsalicylsäure, Ibuprofen oder Paracetamol sowie Kombinationspräparate aus Paracetamol, Acetylsalicylsäure und Koffein in der Apotheke. Darüber hinaus gibt es Triptane, ein spezielles Migränemittel. Triptane greifen etwas gezielter in die Entstehung und Ausbreitung des Migräneanfalls ein. Aktuell sind sieben verschiedene Präparate der Triptane zugelassen. Neu in der EU zugelassen sind die sogenannten Gepante, die z. B. für Personen geeignet sind, die keine Schmerzmittel oder Triptane nehmen können. Sie kommen sowohl als Akutmittel als auch zur Vorbeugung in Frage.
Kopfschmerz durch Medikamentenübergebrauch
Wer zu viele Schmerzmedikamente oder Triptane einnimmt, kann seine Kopfschmerzen verstärken oder chronifizieren. Die Diagnose lautet dann: Kopfschmerz durch Medikamentenübergebrauch. Dieses Phänomen lässt sich vor allem bei Menschen mit Migräne feststellen. Es äußert sich meistens in einem leichten Dauerkopfschmerz und die Attacken bleiben bestehen.
Die dringende Empfehlung lautet: Bitte nehmen Sie an nicht mehr als zehn Tagen pro Monat Triptane oder Schmerztabletten ein. Und bestenfalls auch nicht mehr als an drei aufeinanderfolgenden Tagen. Bei Übergebrauch ist auch an eine stationäre Therapie zu denken, z. B. in der Migräneklinik in Königstein.
Prophylaktisch wirkende Medikamente nehmen Betroffene täglich über einen längeren Zeitraum ein – um Anfälle vorzubeugen oder deren Intensität bzw. Dauer zu reduzieren. Zudem kann eine Prophylaxe die Einnahme von Schmerzmitteln verringern. Abhängig z. B. von Schweregrad und Begleiterkrankungen gehören zu dieser Gruppe Betablocker, Antidepressiva (meist zunächst in geringen Dosen), Medikamente aus der Epilepsiebehandlung, Botox oder Nahrungsergänzungsmittel. In der aktuellen Leitlinie zur Behandlung der Migräne von 2022 werden die Betablocker Propranolol und Metoprolol, der Kalziumantagonist Flunarizin sowie die Antikonvulsiva Valproinsäure und Topiramat und das Antidepressivum Amitriptylin in der Migräneprophylaxe als wirksam beschrieben.
Wir erleben immer wieder in Gesprächen mit Migränepatienten, dass Vorbehalte gegen eine medikamentöse Prophylaxe bestehen. Natürlich ist es merkwürdig, jeden Tag, also auch an guten Tagen, ein Medikament gegen die Schmerzattacken einzunehmen. Letztendlich zeigt sich aber oft, dass Patienten mit den Medikamenten zufrieden sind und weniger Attacken haben. Es ist auch wichtig zu wissen, dass die Wirkung verzögert auftreten kann. Am besten wirksam sind die vorbeugenden Medikamente, wenn sie mit nichtmedikamentösen Übungen kombiniert werden.
Die neusten Prophylaktika sind monoklonale Antikörper. Sie sind gut verträglich, müssen nicht eindosiert werden und müssen meistens nur einmal pro Monat eingenommen oder injiziert werden. Die Verordnung hat in den vergangenen Jahren deutlich zugenommen.
Eine Prophylaxe kommt für Sie in Frage, wenn Sie mindestens drei beeinträchtigende Attacken pro Monat oder einen hohen Leidensdruck haben. Oder auch, wenn Akutmittel nicht wirken oder Sie diese nicht einnehmen dürfen. Bitte besprechen Sie Ihren Medikamentenplan mit einem Spezialisten – um Neben- und Wechselwirkungen zu vermeiden.
Wichtig ist, dass Betroffene über ihre Erkrankung gut informiert sind. Allein die Aufklärung über die Schmerzerkrankung ist wissenschaftlich als wirksam nachgewiesen. Dazu gehören Informationen über die Medikation, die Entstehung der Migräne, den Einfluss eigener ▶ Verhaltensweisen und über die ▶ Lebensstilfaktoren.
Zudem ratsam zur Vorbeugung gegen die Migräne sind
regelmäßige Entspannungstechniken,
regelmäßiges aerobes Ausdauertraining,
Psychotherapie, Biofeedback und Stressbewältigung und
in einigen Fällen physiotherapeutische Übungen.
Dass Entspannungstherapie und psychologische Methoden Migräneattacken wirksam reduzieren, ist wissenschaftlich nachgewiesen. Diese Techniken zeigen teilweise ähnlich gute Effekte wie eine medikamentöse Prophylaxe. Vor allem die ▶ Progressive Muskelrelaxation (PMR) nach Jacobson ist zu erwähnen. Aber auch andere Verfahren wie das ▶ Autogene Training können Sie einsetzen. Auch ▶ Ausdauertraining hilft nachweislich. In einigen Fällen kann auch Physiotherapie helfen. Mittlerweile existieren mehr Studien, um dies bestätigen zu können. Jedoch müssen die Methoden der Physiotherapie kombiniert werden. Es konnte gezeigt werden, dass passive Techniken allein (Manuelle Therapie, Massage) oder ausschließlich Übungen offenbar nicht ausreichen, um eine relevante Verbesserung zu erzielen. Wenn Beschwerden im Nacken vorliegen, die auch objektiv feststellbar sind, sollten regelmäßig Übungen durchgeführt werden (kombiniert mit Entspannungstechniken), die durch Manuelle Therapie ergänzt werden können. Wenn Sie zum Thema nichtmedikamentöse Vorbeugung auf dem Laufenden gehalten werden möchten, können Sie einen Newsletter vom Autor abonnieren. Weitere Informationen erhalten Sie unter Empfehlungen des Autors im ▶ Anhang.
Kopfschmerzen vom Spannungstyp sind die häufigsten primären Kopfschmerzen. Wie bei der Migräne ist hier ebenfalls keine Ursache bekannt. Die Schmerzen sind meist beidseitig, dumpf-drückend und eher von leichter bis mittelschwerer Intensität. Körperliche Anstrengung verstärkt die Schmerzen im Vergleich zur Migräne nicht. Begleitsymptome wie Übelkeit oder Erbrechen sind nicht vorhanden. Lärm- oder Lichtempfindlichkeit kann auftreten, aber nicht beides. Manchmal ist es schwer, Kopfschmerzdiagnosen voneinander zu trennen, manche Menschen haben auch verschiedene Kopfschmerzen, die abwechselnd auftreten.
Beim Spannungskopfschmerz gibt es wenige Theorien, wie es zu dieser Erkrankung kommt. Man nimmt an, dass die Aktivierung von Nervenfasern aus der Muskulatur an der Entstehung beteiligt sein kann. Ärzte sprechen auch von einer dysfunktionalen Muskelfunktion. Zusätzlich liegt aber offenbar eine Fehlinterpretation dieser Reize im Gehirn vor.
Beispiel: Festgestellt werden konnte ein Zusammenhang zwischen dem Auftreten einer hohen Anspannung der Kaumuskulatur (craniomandibuläre Dysfunktion oder Myoarthropathie des Kausystems) und dem Auftreten von Kopfschmerzen vom Spannungstyp. Das heißt: Je höher die muskuläre Anspannung ist, desto stärker können die Kopfschmerzen werden. Man nimmt zudem an, dass Betroffene diese Muskelspannung nicht mehr so stark wahrnehmen und dass das körpereigene schmerzhemmende System beeinträchtigt ist. Wissenschaftler diskutieren auch, ob der zugrunde liegende Mechanismus bei Kopfschmerz vom Spannungstyp und der Migräne ähnlich ist – und nur unterschiedlich ausgeprägt ist.
Wer Kopfschmerzen vom Spannungstyp hat, dem kann eine spezielle Physiotherapie helfen. Verschiedene physiotherapeutische Untersuchungen haben gezeigt, dass sich die Kopfschmerzen vom Spannungstyp durch Eigenübungen oder Manuelle Therapie deutlich reduzieren lassen. Allerdings reicht nach aktuellem Kenntnisstand eine manuelle Behandlung der Muskeln allein nicht aus oder der Effekt ist nur kurzfristig. Um die Wahrnehmung für die Muskelspannung zu verbessern, helfen Entspannungsübungen, Übungen zur Verbesserung der Körperwahrnehmung und Strategien zur Stressreduktion. Also ist auch hier das oberste Gebot, Techniken und Umgangsformen zu kombinieren.
Unterschiede zwischen Spannungskopfschmerz und Migräne.
Spannungstyp
Migräne
leichte bis mittlere Intensität
mittlere bis hohe Intensität
beidseitig
einseitig
dumpf, drückend
pulsierend
keine Verstärkung durch körperliche Aktivität
Verstärkung durch körperliche Aktivität
üblicherweise keine Begleitsymptome
Übelkeit, Erbrechen
evtl. Licht- oder Geräuschempfindlichkeit
Licht- und/oder Geräuschempfindlichkeit
genetische Disposition
Ansprechen auf Triptane
Sogenannte zervikogene Kopfschmerzen gehen vom Nacken aus und haben dort auch ihren Ursprung. Auslöser können Veränderungen der knöchernen Halswirbelsäule sowie der kleinen Gelenke zwischen den Halswirbeln (Wirbelgelenke) und der umliegenden Muskulatur sowie Nerven sein.
In der Kopfschmerzklassifikation müssen mehrere Hauptkriterien erfüllt sein, wenn diese Diagnose gestellt wird, z. B.:
Die Kopfschmerzen sind einseitig und hängen zeitlich mit dem Beginn einer Halswirbelsäulenerkrankung zusammen.
Zusätzlich ist die Beweglichkeit der Halswirbelsäule eingeschränkt und der Kopfschmerz kann durch Bewegungen (passiv durch einen Arzt) eindeutig verstärkt werden.
Durch eine Injektion mit Schmerzmittel im Nacken lösen sich die Kopfschmerzen auf.
Diese Symptome treffen in ihrer Kombination nur selten zu. Deshalb sind diese Diagnosekriterien unter Experten auch umstritten. Nackenschmerzen sind zudem ein häufiges Symptom von Kopfschmerzbetroffenen – und begründen allein noch nicht die Diagnose eines zervikogenen Kopfschmerzes.
Über 80 Prozent der Menschen mit Migräne und Kopfschmerzen geben zumindest gelegentliche Nackenschmerzen an. Viele erhalten die Erklärung, dass Nackenschmerzen schlichtweg als Symptom zum Krankheitsbild der Migräne gehören und man dagegen nichts unternehmen könne.
An dieser Stelle gilt es, zwischen zwei Möglichkeiten zu unterscheiden:
Falls Sie den schmerzenden Nacken lediglich zu Beginn der Migräne und/oder während der Attacke kennen und sonst nie, gehört er wahrscheinlich zur Migräne. In diesem Fall liegen auch keine Bewegungseinschränkungen der Halswirbelsäule vor. Die Nackenschmerzen sind dann die Folge der gemeinsamen Verarbeitung von Schmerzimpulsen aus dem Bereich der Halswirbelsäule und dem Trigeminusnerv. Man spricht auch von einer zentralen Sensibilisierung. Ein ähnliches Phänomen ist die Berührungsempfindlichkeit des Kopfs während einer Migräne.
Falls Sie außerhalb der Migräneattacken regelmäßig Nackenschmerzen haben und objektive Tests auffällig sind (z. B. Bewegungseinschränkungen), kann Physiotherapie hilfreich sein. Denn dann ist es möglich, dass die Halswirbelsäule oder die Muskulatur ein potenzieller Trigger der Migräne sind. In diesem Fall beschreiben Betroffene die Situation, dass der Migräne eine Überlastung des Nackens vorausgegangen ist. Diese Belastungen können einseitige, meist monotone Tätigkeiten wie eine schlechte Körperhaltung oder das ständige Hochziehen der Schultern sein. Zuerst breiten sich Schmerzen im Schulter-Nacken-Bereich aus und später setzt ein Kopfschmerz oder eine Migräneattacke ein. Ein wechselseitiger Einfluss zwischen dem Nacken und den Kopfschmerzen ist somit wahrscheinlicher.
Wehren Sie den Anfängen: Unabhängig davon, ob Nackenschmerzen Ursache, Folge oder Begleiterscheinung sind, unternehmen Sie aktiv etwas gegen die Nackenschmerzen.
Die Nervenwurzeln C1-C3 an der Halswirbelsäule leiten Informationen aus der Muskulatur und den Strukturen der oberen Halswirbelsäule über das Rückenmark ans Gehirn. Die Informationsverarbeitung erfolgt gemeinsam mit Signalen aus dem Nervus trigeminus (Gesichtsnerv), der eine wichtige Rolle bei der Entstehung des Migräneanfalls spielt. Die Verbindung existiert im trigeminozervikalen Komplex (siehe Abb.). Das ist eine Ansammlung von Nerven, die im unteren Bereich des Gehirns liegt. Wenn nun Nervenfasern aus der oberen HWS (oder auch aus dem Kiefergelenk) zu viele Impulse abfeuern, kann in diesem trigeminalen Kerngebiet nicht auseinandergehalten werden, woher die Informationen kommen. Durch zu viele Impulse (woher auch immer) kann so womöglich der Migränemechanismus in Gang gesetzt werden.
Weitere Befunde aus der Wissenschaft:
Dünne Fasern des Trigeminusnervs treten durch den Schädelknochen nach außen und sprießen in bestimmte Nackenmuskeln und einen Kaumuskel (Schläfenmuskel) ein.
Eine Reizung dieser Muskeln (am Tier) kann migräneähnliche Prozesse in Gang setzen (Ausschüttung von CGRP, Veränderung des Blutflusses).
Daraus schlussfolgerten Wissenschaftler, dass sich Veränderungen dieser Strukturen, z. B. Muskeln, auch auf die Migräne auswirken können. Das kann die Wirkung von Physiotherapie bei der Migräne erklären: Über Anwendungen wie Manuelle Techniken, Übungen und Entlastung der Strukturen lassen sich womöglich potenzielle Trigger der Migräne positiv beeinflussen.
Eine Verbindungsstelle von Nerven: der trigeminozervikale Komplex.
Kopfschmerzen und der Nacken
Die Halswirbelsäule kann sowohl bei Kopfschmerzen als auch bei Migräne eine beitragende Rolle haben.
Es existieren Verbindungen zwischen den Spinalnerven der oberen Halswirbelsäule und dem Trigeminusnerv.
Nackenschmerzen können auch nur Symptom oder Folge der Migräne sein.
Muskeln mit einer hohen Anspannung können in den Kopf ausstrahlende Schmerzen verursachen (myofasziale Triggerpunkte).
Wirbelgelenke können überlastet sein und Kopfschmerzen verursachen.
Wie ausgeprägt diese beitragenden Faktoren sind, sollte ein erfahrener Physiotherapeut beurteilen.
Stress ist einer der häufigsten Trigger von Kopfschmerzen und Migräne. Etwa 80 Prozent der Personen mit Migräne geben Stress als Trigger einer Attacke an. Zugleich beschreiben einige auch Migräne/Kopfschmerzattacken, die unmittelbar nach einem Stressabfall auftreten können. Das Absinken des Stresspegels als eine Veränderung für das Migränegehirn kann ebenfalls Trigger einer Migräneattacke sein.
Eine körperliche Stressreaktion kann sehr vielseitig sein und durch unterschiedliche Situationen ausgelöst werden. Am häufigsten sind (Zeit-)Druck, Überlastung, Ängste, Panik und auch Emotionen wie Wut. Dabei spielen auch Leistungsansprüche und somit auch stressverschärfende Gedanken (»Ich will perfekt sein«, »Ich muss stark sein«) eine wichtige Rolle. Manchmal gerät man aber auch schleichend in einen immer mehr gestressten Zustand und bemerkt es zu spät.
Beantworten Sie folgende Fragen für sich:
Nehmen Sie sich regelmäßig Auszeiten von Beruf und Familie?
Planen Sie sich im Beruf regelmäßig kurze Pausen ein?
Üben Sie regelmäßige Entspannung und tun etwas für Ihre Fitness?
Haben Sie auch einmal Zeit nur für sich selbst?
Kennen Sie stressverschärfende Gedanken?
Wenn eine Situation im Gehirn bewusst oder unbewusst als Stress interpretiert wird, folgt unter anderem die Aktivierung des Sympathikus. Der Sympathikus ist ein Nervenstrang des vegetativen (unwillkürlichen) Nervensystems. Die Aktivierung des Sympathikus sorgt dafür, dass der Körper Botenstoffe wie Adrenalin, Noradrenalin und später auch Kortisol ausschüttet. Diese Hormone gehören alle zu den Stresshormonen. Sie vermitteln (entwicklungsgeschichtlich) im Körper jene Reaktionen, die für Angriff, Verteidigung oder Flucht notwendig sind.
Die Ausschüttung führt z. B. zu Wachheit, einer Erhöhung des Muskeltonus, des Blutdrucks, des Pulses, der Atmung. Der Körper bekommt mehr Sauerstoff und Energie. Neben diesen körperlichen Stressreaktionen können – insbesondere auf Dauer – Symptome auftreten wie:
Vergesslichkeit
Hektik
unordentliches Arbeiten
Konzentrationsmangel
Weiter dreht sich das hormonelle Karussell: Die Ausschüttung von Botenstoffen aktiviert den Sympathikus noch stärker. Dieser Schneeballeffekt verstärkt wiederum die körperlichen Symptome.
Eine Stressreaktion kann auch die Muskelspannung (Muskeltonus) erhöhen. Und das kann selbstverständlich zu Muskelschmerzen führen – auch ohne erhöhte Muskelkontraktion. Das ist ein wichtiger Prozess bei der Entstehung von stressbedingten Kopfschmerzen. Erfahrungsgemäß nehmen Betroffene die Schmerzen vor allem in den Muskeln wahr, die ohnehin schon angespannter und schmerzempfindlicher sind. Die Aktivierung des Sympathikus sorgt nämlich für eine allgemeine erhöhte Empfindlichkeit der Schmerzrezeptoren. Das ist auch der Grund, warum sich nicht sicher sagen lässt, ob in stressigen Situationen ein mechanischer Aspekt (Muskelspannung, Körperhaltung, einseitige Belastung), eine physiologische Stressreaktion oder eine Kombination daraus für die Muskelschmerzen verantwortlich ist.
Akute Stressreaktionen sind prinzipiell eher als förderlich zu bewerten. Sie machen durch die Symptome sozusagen auf eine mögliche Überforderung oder Überlastung aufmerksam. Chronischer Stress ist hingegen schädlich. Die Folgeerscheinungen betreffen z. B. auch das Immunsystem und die Sexualfunktion und bergen weitere Risiken für Erkrankungen wie Herz-Kreislauf-Erkrankungen oder Depressionen.
