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Die Titelerzählung spielt zur Zeit des Golfkrieges, 2003: Ein Mann erfährt, dass er erblinden wird, wenn er sich daran gewöhnt, die Dinge aus der Sicht eines anderen zu betrachten - dann ruft George W. Bush an und die Wohnung explodiert! Ein anderer Text handelt von einer Frau, die in einer Kneipe nach und nach alle Männer mit einem Wollfaden umwickelt. In der Toskana wiederum finden schießwütige Männer plötzlich ein neues Opfer - den Erzähler! In Aras Örens Geschichten geht es immer darum, wie sich Literatur verselbständigt, wie der Erzähler den Erzählfaden verliert, und dass das, was ist, nicht das ist, was berichtet werden will. Der große Dichter und Erzähler Ören meldet sich mit diesem Band nach über zehn Jahren wieder in der deutschen Literatur zurück! Alle Texte in "Kopfstand" werden erstmals auf Deutsch publiziert oder waren bislang nur in Kleinstauflagen erhältlich. Sie wurden eigens für diesen Band gründlich überarbeitet und von dem Maler Wolfgang Neumann kongenial illustriert.
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Seitenzahl: 74
Veröffentlichungsjahr: 2014
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Aras Ören
Kopfstand
Übersetzt von Cornelius Bischoff
Mit Illustrationen von Wolfgang Neumann
I Gewöhnst du dir an, die Dinge aus der Sicht eines anderen zu betrachten, erblindest du – Über die Weisheit des Bruno Neuhaus
Die stets gleichbleibende Reaktion des Bruno Neuhaus angesichts weltbewegender Ereignisse waren die Worte:Da läuft wieder etwas falsch.Diese Worte waren Schlussfolgerung, Frage oder auch nur einfache Mitteilung. Seine Art zu sprechen spiegelte zwar seine Befürchtungen wider, aber keine Hoffnungslosigkeit. Seit ich ihn kenne – wo und wie wir uns zum ersten Mal begegneten und kennenlernten, dessen erinnere ich mich nicht, es ist bestimmt schon Jahre her –, habe ich diese Worte schon so oft gehört, dass eigentlich alles, was auf dieser Welt geschah, falsch sein musste. Als bestimmte falsches Geschehen unser ganzes Leben, beruhte alles, was unseren Alltag ausfüllte, allein auf uns von Schlagzeilen vorgespiegelten falschen Tatsachen. Allein dass wir uns nur gelegentlich trafen, rettete mich davor, in diesen Fakten zu ertrinken.
Doch wie viel Zeit zwischendurch auch vergangen sein mochte, wir vertieften uns jedes Mal gleich wieder in die Themen unserer schier endlosen Gespräche, und als hätten wir sie nur kurz unterbrochen, eröffnete er mir abermals sofort, dass wieder einmal etwas falsch gelaufen sei.
Seinen Namen erfuhr ich erst Jahre später durch einen Zufall. Wir hatten uns lange Zeit nicht mehr getroffen, woraufhin ich einen gemeinsamen Bekannten fragte: »Mann, wo steckt er eigentlich, ich sehe ihn gar nicht mehr?« Verwundert sah mich der gemeinsame Bekannte an: »Von wem redest du, und wer ist es, den du ER nennst?« Was konnte ich darauf schon antworten? Ich murmelte nur »Mh, mh«, und schwieg. Zum Glück fiel mir sein berühmter Satz:Da läuft wieder etwas falschein und rettete mich vor weiteren Mh, Mhs. Denn dieser Satz war die perfekte Charakterisierung seines Wesens. Und da erst erfuhr ich, dass er Bruno Neuhaus hieß.
Irgendwo musste Bruno Neuhaus fest angestellt sein, denn tagsüber ließ er sich selten blicken. Aber welcher Art seine Arbeit war, wusste wahrscheinlich niemand. Meines Erachtens war er im Medienbereich tätig. Ob in der Kneipe oder im Café, wo auch immer ich ihn sah, las er ein Buch oder schrieb, sofern er keinen Gesprächspartner hatte. Sein Hintergrundwissen zu aktuellen Begebenheiten war unglaublich. Mag sogar sein, dass das meiste davon auf seinen eigenen Interpretationen beruhte. Wie auch immer, mein Eindruck war, er habe etwas mit Medien zu tun. Aber weder von ihm, noch von denen, die ihn kannten, habe ich jemals etwas gehört, das meine Annahme bestätigte. Doch wie seine Art zu sprechen, so passte auch seine Art, sich zu kleiden, ja, sein ganzes Verhalten zu dieser Vermutung, und in all den Jahren konnte ich an ihm nichts entdecken, was sie widerlegt hätte. Ich war auch nicht erpicht darauf, ihn danach zu fragen. Für mich war er mit seinem zweifelnden Spott über aktuelle Geschehnisse, seinen kritischen Hypothesen und Schlussfolgerungen, seinen mitunter ungewöhnlich radikalen Reden immer nur der Bruno Neuhaus. Gerüchte über seine geheimen Machenschaften, die mir von Zeit zu Zeit zu Ohren kamen, führte ich mehr auf seine intellektuelle Persönlichkeit und die ihm charakteristische Weltsicht zurück, als auf diese ihm unterstellten, verschwörerischen Absichten. Manchmal ging ich sogar so weit, ihm eine dieser geheimnisumwitterten Tätigkeiten, wie die eines Dichters oder Schriftstellers, zuzuschreiben. Dass er jemand war, der ein Leben lang seine Identität verheimlichte, passte sehr gut zu seinem sonstigen Verhalten. Vielleicht war es diese Seite, die einen besonderen Zauber auf mich ausübte.
Dass Bruno Neuhaus in letzter Zeit jedem Bekannten, der ihm über den Weg lief, in höchsten Tönen berichtete, er habe jetzt den ganzen Tag gar nichts mehr zu tun, nahm ich nicht so ernst, sagte mir sogar im Stillen: Nach dreißig Jahren Arbeit morgens spät aufstehen, den lieben langen Tag leben, wie es einem passt, essen, wenn man Hunger hat, schlafen, wenn man müde ist, die Eckkneipe aufsuchen, wenn einem danach ist, das alles zu genießen, hast du schon längst verdient. Dann aber begann er zu behaupten, diese Untätigkeit habe bei ihm zu einer geistigen Aufgeschlossenheit geführt, die ihm bisher fremd gewesen sei.
Als ich ihn einmal fragte, wie er denn jetzt seine Zeit verbringe, zuckte er gleichmütig mit den Achseln, sagte ganz gelassen: »Nun, ich sehe fern«, und sah hierin die eigentliche Ursache für seinen klaren Verstand.
Für jene, die ihn nicht kannten, mag eine solche Aussage vielleicht nicht überraschend sein, aber von einem Bruno, der zeitlebens auf die »Televisionaholics« geschimpft, das Fernsehen als Niedergang der Kultur verdammt und die Fernsehzuschauer als ihre eigenen Henker abqualifiziert hatte, solche Worte zu hören, verwunderte mich maßlos, ja, verstörte mich. Ein freies Leben außerhalb jeder normierten Zeitvorgabe führen zu können, war dem armen Bruno anscheinend nicht gut bekommen.
Als ich in den Tagen nach dem unerwarteten Fiasko mit meinen letzten Erzählungen, lustlos und mit mürrischem Gesicht einen Morgenspaziergang machte, traf ich Bruno. Er hatte mich gesehen und war vom gegenüberliegenden Bürgersteig herübergekommen.
»Wie geht es dir?«
»Es geht mir gut«, antwortete ich gleichgültig, »und dir?«
Wir tauschten eigentlich nur die üblichen, belanglosen Phrasen, doch er antwortete: »Verehrter Freund, das Leben ist wundervoll! Nichts zu tun zu haben, ist das höchste Glück.«
Mir schien, als habe er all seine Gefühle in diese wenigen Worte gezwängt. Ich zwang mich zu einem Lächeln, aber er durchschaute meinen aufgesetzten Gesichtsausdruck sofort.
»Du glaubst mir nicht, nicht wahr? Jeder lässt versteckt oder auch ganz offen durchblicken, dass er meinen Worten nicht glaubt!« Seine Stimme klang plötzlich befremdet, er schien seine Betroffenheit darüber, nicht verstanden zu werden, gar nicht verbergen zu wollen, aber er klagte auch nicht. Dann verzog auch er die Lippen zu einem gekünstelten Lächeln, seine Zunge spielte eine Weile mit den dritten Zähnen, und er fasste sich wieder.
Weil ich so abweisend gewesen war, fühlte ich mich nun etwas unbehaglich. In Wirklichkeit sehnte auch ich mich nach einer Unterhaltung mit irgendjemandem, doch der gerade vor mir aufgetauchte Bruno war bestimmt nicht der, den ich suchte. Jedenfalls dachte ich so. Und ohne zu überlegen, ob es helfen würde, versuchte ich, ihn mit den Worten: »Aber nein, mein Lieber, ich verstehe das voll und ganz!«, zu besänftigen. Einen Augenblick schaute er mich unentschlossen an. Dann sagte er: »Schau!«, und fuhr nach kurzem Überlegen fort: »Dass ich mein Glücksgefühl auf das Fernsehen zurückführe, wird dich bestimmt verwundern.« Da hatte er allerdings recht, denn kaum hatte er diesen Satz beendet, stand für mich fest, dass der arme Bruno wohl schon länger nicht mehr ganz bei Trost war.
»Vielleicht«, fuhr er arglos fort, »vielleicht hast du wirklich wie alle, die meinen damaligen Abscheu« – bei diesem Wort blickte er mir direkt in die Augen – »gegen das Fernsehen kannten …« Er hielt einen Augenblick inne. »Oder anders gesagt«, begann er von Neuem, »was tun diejenigen, die nichts zu tun haben, die Arbeitslosen oder Pensionierte wie ich?« Und wieder gab er sich die Antwort selbst: »Sie rühren sich nicht weg vom Fernsehgerät, sie sehen reichlich fern.« Verwundert schaute ich ihn an, doch unbeirrt fuhr er fort: »Und ich mache dasselbe.«
Oh weh, Bruno, armer Bruno Neuhaus, oh weh!
»… Morgens stehe ich auf, schalte das Fernsehgerät ein, gehe dann ein bisschen spazieren, trinke manchmal irgendwo ein Bier, kehre heim und hocke mich wieder vor den Fernseher. Sogar beim Essen lasse ich ihn nicht aus den Augen. So lange, bis ich nachts im Sessel eindöse …«
Was sollte ich dazu sagen? Nach alldem, was er mir da erzählte, lag ich mit meiner vorgefassten Meinung über ihn richtig.
»… Und diese Leidenschaft fürs Fernsehen wurde der Anlass zu meinem späten Glück …«
Auch das musste ein neuer Tick von ihm sein, denn er zog erneut seine Lippen in die Breite und sah mir mit gekünsteltem Lächeln ins Gesicht. Und als wolle er mir ein Geheimnis anvertrauen, dämpfte er dann seine Stimme.
»… Ja, der Anlass zu meinem späten Glück. Denn ich gewöhnte mich daran, die Welt mit den Augen eines anderen zu betrachten, gewöhnte mich so daran, dass meine eigenen Augen blind wurden. Jetzt sind die Augen anderer in gewisser Weise meine Bediensteten, besser: meine Sklaven. Ich kommandiere sie nur mit diesem kleinen Gerät in meiner Hand, wähle die Programme, ohne mich auch nur im Geringsten anzustrengen, und sofort wird mir übermittelt, was die Augen der anderen sehen. Wenn du wüsstest, wie zufrieden, wie glücklich ich dabei bin …« Er seufzte tief und wiegte dabei sein weises Haupt. »Ja, so ist es«, sagte er, »mein Kopf muss sich nicht das kleinste bisschen anstrengen, mein Geist ist klar, die mir wie auf silbernem Tablett kredenzten Bilder zu konsumieren« – jetzt klang leichter Spott in seiner Stimme – »ist meine einzige Beschäftigung.«
