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Sechs philosophische Kurzgeschichten ... irritierend, unterhaltsam und mit kritischem Blick auf Militärdienst, AKWs, den Tod und Kants Plot.
Das E-Book Kormorane küsst man nicht wird angeboten von BoD - Books on Demand und wurde mit folgenden Begriffen kategorisiert:
Militärdienst,AKW,Jagd,Tod,Rhein
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Seitenzahl: 27
Veröffentlichungsjahr: 2026
Für Michael Weber
Jürgen Weber, geboren 1961 in Kassel, arbeitete nach Philosophiestudium und Bibliotheksreferendariat 1996–2024 an der Herzogin Anna Amalia Bibliothek in Weimar als Bibliothekar. Er lebt heute in Andernach am Rhein.
»First, because we get to work with language, and language is thrilling. Second, because we love stories and we get to frolic in them. Begged, borrowed, adapted, embroidered … perhaps even stolen: it’s all a part of a grand conversation.«
Jean Hanff Korelitz, The Plot, New York: Celadon Books, 2021
Umbetten
Dominoeffekt
AKW, Nachbestattung
Disruption oder Kormorane küsst man nicht
Kants Plot
Jagdstörung
Hin- und Nachweise
Ich habe es unterschätzt. Man merkt es erst in dem Moment, wenn man sie – zu zweit – aus dem Krankenbett auf die Bahre hievt.
Frühmorgens, wenn noch wenig Betrieb auf den Stationen ist, transportieren wir sie, notdürftig in ein weißes Bettlaken gehüllt, im Aufzug ins Untergeschoss. Nach meiner Nachtschicht, zu der ich als Springer (selten, aber es kommt vor) eingesetzt bin, soll ich noch helfen, sie in die Leichenhalle mit den Kühlboxen zu schieben und dort umzubetten. Ich bin Hilfskraft, aber keine gute Hilfe.
Unter den sich auf Kopf, Rumpf und Beinen überlappenden Längsseiten des Bettlakens zeichnen sich die Konturen des leblosen Körpers ab. So wie meine Kollegin die Ecken des Lakens am Kopfende packt, greife ich mit den Händen nach dem Laken am Fußende, ziehe es straff und ein paar Zentimeter nach oben. Aber es reicht nicht, denn der Körper hängt durch.
Mir fehlt die Technik, erst recht die Routine, den durchhängenden Körper anzuheben und auf die parallel stehende Rollbahre umzubetten, von der er dann in die Kühlbox geschoben werden kann. Ich werde den Körper in einem Ruck auf die Bahre wuchten müssen.
Dass es schieflaufen könnte, merke ich erst, als mir der glatte Stoff des Lakens durch die Finger zu gleiten beginnt. Ich brauche einen Augenblick, um zu verstehen, warum die Oberarmmuskeln – wie eine Warnung – anfangen zu stechen und die Finger verkrampfen, ich kann nicht länger standhalten.
Wir stoppen, setzen ab und unterbrechen kurz. Obwohl sich das Eigengewicht nicht ändert, wirken tote Körper beim Hochheben schwerer als lebende Körper. Die Körperspannung, die sonst die Bewegungen unterstützt, ist komplett verloren gegangen.
Ich merke, wie meine Kollegin unsicher wird. Sie nimmt meine Ängstlichkeit und die fehlende Professionalität wahr. Sie möchte es jetzt rasch hinter sich bringen.
Ich weiß nicht, was mich mehr beunruhigt, das Halbdunkel der Räume oder dass mir der Unterkörper mit den dicken, bleichen Beinen auf meiner Seite auf den Fliesenboden rutschen könnte oder dass die Tote wegen des Geruckels wieder aufwacht. Vor der Nachtschicht habe ich sie nicht mehr kennengelernt. Sie fände das hier würdelos.
Beim Umbetten in der Leichenhalle war ich früher zwei, drei Mal dabei. Damals wunderte ich mich, dass es die Registrierzettel mit den Bändchen an den Zehen tatsächlich gibt. Es ist, als blicke man auch in die eigene Zukunft. In den Kühlboxen erwartet einen dann eine sonderbare Gesellschaft. Alle hätten noch etwas zu erzählen, stelle ich mir vor.
Meine Hundemarke baumelt rechts am Spiegel wie jeden Morgen, darunter das Waschbecken in Reihe mit einem Dutzend weiterer Becken, spiegelsymmetrisch angelegt im hallenden senfgelb gekachelten Waschraum, irgendwo in der Nordstadt von Hildesheim.
