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Erzählen meint Sprechen. Spricht dann erzählt wer. Ein Gegenüber hört zu. Das, was dieser Wer da erzählt, das heißt damit aussagt, wird von eben diesem Gegenüber aufgenommen. Aussagen können ihm Eröffnungen sein. Unterhaltung heißt Hören-Sagen. Die Positionen wechseln dabei. Wer wann was sagt, ist vorgeschrieben. Selbst das Gespräch ist Korrespondenz. (...) Alles ist künstlich. Nichts ist nur von Natur aus. Schon gar nicht nur gut. Gegenstände, Räume, Figuren werden hier nicht ausbuchstabiert. Sie werden an- und eben nicht ausgedeutet Das Ende bleibt offen. Schlüsse ziehe ich nicht. (awk)
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Seitenzahl: 185
Veröffentlichungsjahr: 2025
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Erzählen meint Sprechen. Spricht, dann erzählt wer. Ein Gegenüber hört zu. Aussagen können ihm Eröffnungen sein.
Unterhaltung meint hier Hören-Sagen. Die Positionen wechseln dabei. Manchmal übernimmt eine dritte Person. Die taucht wie die anderen auf und verschwindet, sobald eine nach ihr das Erzählen über- und dann aufgenommen hat.
Erzählen ist hier Berichten. Manchmal Vernehmung. Hier kommen Figuren und Puppen, Fiktive zu Wort.
Erzählt wird von Zeit, werden Räume und Grenzen. Hier ist nichts nur von Natur aus. Schon gar nicht nur gut.
Gegenstände, Räume, Figuren werden hier nicht ausbuchstabiert. Sie werden an- und nicht ausgedeutet ... Das Ende bleibt offen. Schlüsse ziehe ich nicht ...
(awk)
1. Die Tiefe, der Wald
2. Beim Grenzübergang zweier nach woanders hin
3. Vom Einnehmen eines anderen Standpunkts
4. Da draußen: Der Wind
5. Hinter den Türen: Die Räume
6. Die Kammer
7. Lager 12
8. Jenseits der Wand
9. Statik
10. Die Nacht der furchtbaren Schmerzen
1. Im Augenblick
2. Die genaue Zeit
3. Bellmers Puppe
4. Familie ohne Verwandtschaft
5. Netz und Verbindung
6. Ende und die Unteilbarkeiten des Ganzen
7. Das Buch
8. Pracht trifft auf die zweite Figur
9. Sie sagt: Zerstören
10. Vor dem Bild: Zwei Figuren
11. Der Sichere Grund
1. Die dritte Person
Als die Sonne in mein Zimmer schien, öffnete ich meine Augen, konnte aber, sie blendete mich, so gut wie nichts sehn. Also hielt ich eine Hand vor mein Gesicht und drehte meinen Kopf seitlich zur Wand. In dieser Stellung hielt ich so lange aus, bis das allzu helle Licht verschwunden war. Eine Wolke hatte sich vor die Sonne geschoben. Deshalb ließ ich meine Hand fallen, richtete mich im Bett mühsam auf, drehte den Kopf zum Fenster zurück, gähnte und sah der weiteren Verschiebung der Wolke interessiert zu. Während sie vor dem Fenster vorbeizog, veränderte sich ihre Form. Mal sah sie aus wie ein Haus, mal wie ein Tier, ein Haustier vielleicht und schließlich so wie eine Figur oder Puppe. Es schien am Ende, also als die Wolke am Rand durchlässiger wurde, als trüge sie die Züge eines mir bekannten Menschen. Mir war, als spiegelte ich mich in ihr ...
Meine Wohnung liegt im siebten Stock eines der neu gebauten Hochhäuser hier. Die sehen für mich, schau ich aus dem Fenster, wie Elfenbeintürme aus. Unumstößlich. Und in ihrer Anordnung wie der Opferplatz einer Kultur, die vor Jahrhunderten schon unterging. Wie eine Hinterlassenschaft, an der sich die Nachgeborenen abarbeiten können. Wie etwas, das es zu entschlüsseln gilt. Das aber fällt diesen sehr schwer. Hieran haben sich schon so einige die Zähne ausgebissen.
Um die Mietparteien gleich zu behandeln, hat die Hausverwaltung alle Häuser einheitlich er- und einrichten lassen. Die Fassaden wurden allesamt hellgelb gestrichen. An fensterlosen Flächen kleben großformatig farbenfrohe Bilder. Die zieren den gelb gestrichenen Beton.
Der Grundschnitt der Wohnungen ist ein und derselbe. Auch die Fenstergrößen sind genormt. Die jeweilige Wohnfläche ist relativ klein. Für je eine Person ist ausreichend Platz. Die Höchstmietdauer beträgt hier zwei Jahre.
Die wenigen noch vorhandenen Familien müssen sich auf die einzelnen Wohneinheiten aufteilen. Meistens leben sie in den Parterrewohnungen, oder, in den seltensten Fällen, also höchstens, im ersten Geschoss. Die Eltern in einer, das Kind in der anderen Wohnung ... Ist das Kind noch sehr klein, nutzt die Familie nur eine. Bei einigen ist das sogar später noch so. Aus Kostengründen versteht sich. Die Mieten sind hoch. Für viele sind sie kaum noch erschwinglich.
Ein Umbau der Wohnungen ist zwar gestattet, doch häufig bleiben sie so wie sie sind. Der Wohnraum, wie annähernd alles, ist knapp. Die Architektur des Lebens setzt auf das Kurze und Kleine. Schon Paare habens nicht leicht. Und gründet ein Paar eine Familie ... Nun, es gibt sie kaum noch ...
Schaut man zurück und betrachtet die Entwicklung so objektiv wie möglich, ist das nur logisch und richtig. Drei von vier Personen, die man dazu befragt hat, fanden das auch. Und so ist es vielleicht ein notwendiges Übel, doch nur konsequent, wenn eben jene, die sich finden und zusammentun, für das Mehr, das sie wollen, aufkommen. Ja, man muss schon viel investieren. Für viele ist das zu viel. Ich lebe allein ...
Zuerst geh ich ins Bad. Das ist klein und hat kein einziges Fenster. Doch um sich darin halbwegs bewegen zu können, ist die Nutzfläche hinreichend groß. Die gebrauchten Handtücher werfe ich auf den Boden. Sie werden immer mittwochs abgeholt und in die Reinigung gebracht. Weil das so ist, also andere die Wohnung betreten und in dieser dann, wenn ich nicht da bin, die Hausarbeit erledigen, habe ich keine Wertgegenstände dort liegen. Viele haben gar keine mehr. Ich selbst besitze sehr wenig. Das, was ich noch habe, passt in eine Tasche.
Wenn ich im Bad fertig bin, gehe ich ins Wohn-, Arbeits- und Schlafzimmer rüber. Dort befindet sich ein eingelassener Schrank. Das spart Platz, ist also recht praktisch. Schließlich wäre es Unsinn, diesen ohnehin schon kleinen Raum mit einem großen Möbelstück noch kleiner zu machen.
Nachdem ich mich angezogen habe, räume ich meine Sachen aus dem Schrank und steck sie in meine Tasche. Danach gehe ich rüber zur Küche. Die liegt in einem extra Raum. Der ist ebenfalls klein. Die Tasche nehme ich mit. Ich stelle sie auf dem Küchentisch ab und trinke noch schnell eine Tasse Kaffee ...
Kurzzeitmiete entspricht meinem Leben. Mal bin ich hier, mal bin ich da. Ich tauche ab und dann wieder auf. Die Zeit vergeht in kleinen, geschlossenen Räumen ...
Bei der Wohnungszuweisung bitte ich immer darum, mich möglichst weit entfernt unterzubringen. Deshalb rufe ich vor Ablauf der Frist in der Hauptzentrale an. Das ist persönlicher und verbessert deutlich die Chancen. Ein Telefon wird übrigens zur Verfügung gestellt ...
Natürlich gibt es auch welche, die dableiben wollen. Sie ziehen innerhalb des Hauses um. Von oben nach unten, vom Hinter- in das Vorderhaus. Das ist gestattet. Doch machen nicht sonderlich viele davon Gebrauch ...
Für Paare ist der Antrag auf Umzug nicht anders als bei Einzelpersonen. Im Zusatzformular wird aber die bisherige und auch voraussichtliche Dauer der Beziehung abgefragt. Das ist unangenehm und soll es auch sein. Hat das Paar Kinder, muss ein Elternteil einen weiteren für jedes Kind ausfüllen. Dazu kommt dann noch ein Antrag auf Familiennutzung der Wohnung, einer auf Zuweisung der dafür vorgesehenen Wohnungen in den unteren Bereichen der Häuser, ein Nachweis über eine für alle Familien verpflichtende Versicherung, die die Einrichtung betrifft und einige andere mehr. Es ist schon nicht leicht, das heißt schwer zu verstehen, was einem da alles abverlangt wird.
Die Anträge hängen in den Wohnungen gleich neben der Eingangstür in einem kleinen roten Schränkchen aus Metall. Die für Paare befinden sich in der Innenseite der Tür. Die Zusatzformulare und die für Paare mit Kindern sind ein Fach dahinter eingesteckt. Kann man sie dort nicht finden, müssen sie wie die, die grundsätzlich fehlen, angefordert werden. Das aber kann dauern. Manchmal mehr als vier Wochen.
Diese und andere Unannehmlichkeiten führen häufig dazu, dass das private Gefüge brüchig wird und schließlich zerbricht. Meist wählt eine Person, wenn sie nicht alleine bleiben kann, zu Beginn eines jeden neuen Lebensabschnitts eine andere mit der sie ihre Zeit dort verbringt. Uns fehlt wohl die nötige Ausdauer, uns lange auf nur einen Menschen einzustelln. Zu stark weicht seine von der Entwicklung, die ich selber durchmache, ab ... Wie gesagt, Paare gibt es kaum noch. Und wenn, dann bleiben sie in den meisten Fällen kinderlos. Kommt aber doch mal ein Kind auf die Welt, lebt es in wechselnden Konstellationen ...
Nachdem ich den Kaffee ausgetrunken habe, spüle ich die Tasse ab und stelle sie zurück in den Schrank. Dann schiebe ich den Stuhl an den Tisch, nehme meine Tasche und gehe die Wohnung noch ein letztes Mal durch. Ist alles in Ordnung, verschwinde ich in den Flur. Dort angekommen, stelle ich die Tasche ab, ziehe mir die Schuhe und auch gleich den Mantel an, greife die Tasche, schließe die Tür und fahre mit dem Fahrstuhl ins Erdgeschoss runter. Unten angekommen, werfe ich die Wohnungsschlüssel und das Telefon in den dafür vorgesehenen Kasten. Beides wird von einem Boten abgeholt, in die Zentrale gebracht und von dort an die Person weitergegeben, die nach mir die Wohnung bezieht ...
Draußen, am Bordstein, der den Gehweg von der Straße trennt, bleibe ich stehen. Ich muss mich zunächst orientieren. Noch weiß ich nicht, wo ich bin ... Als ich wieder weiß, wo ich bin, fällt mir sofort der Verkehr auf. Der ist sehr dicht. Die Luft brennt in den Lungen. Die Autos springen wie wilde Tiere an mir vorbei. Erst nach einigen Minuten habe ich mich an sie gewöhnt. Dann schultere ich meine Tasche und laufe rüber zum Park.
Im Park dann ein Bild, das ich kenne: Überall Leute. Da gibt es jene, die zwischen den Liegenden mit Hund herumstrolchen. Andere sind an der Leine. Es turnen da Sportler und liegen die Menschen auf Decken. Einige davon zeigen sich zwanghaft in dem was sie tun. Schon beim Aufblitzen des ersten Sonnenstrahls reißen sie sich etwa die Kleider herunter. Sie setzen sich der Sonne aus, ohne dass sie der Sommer auch nur ansatzweise erreicht hat ... Wenn ich die da so sehe, sehne ich sofort eine Katastrophe herbei. Den Einbruch dieser in die meines Erachtens so blöde Sorglosigkeit. Sie allein könnte diesen noch helfen. Sie nämlich setzte zurück, was durch das Suchen nach Halt und Identität in die grenzenlose Freiheit, das nicht mehr greifbar Faktische, ins also eher Gefühlte, Abstrakte, in eine anhaltspunktlose Orientierungslosigkeit abgewandert ist ...
Ich laufe dann quer über ein frisch angelegtes Blumenbeet. Danach über eine Grünfläche, auf der welche liegen, sich sonnen. Dann wieder über ein Beet. Und am Ende, am äußeren Rand, auf der gegenüberliegenden Seite des schmalen Weges, der die Grünfläche und die Blumenbeete umschließt, setze ich mich auf eine Bank.
Nach einigen Minuten taucht eine Person auf. Sie kommt auf mich zu. Es ist eine Frau. Die setzt sich, als sie die Bank, auf der ich sitze, erreicht hat, zu mir, schaut ohne zu zwinkern in meine Augen und sagt: Hallo … Unsere Blicke fallen in einen. Wir lachen uns an ...
Es ist wirklich schön hier, sagt sie ...
Ja, sage ich. Und wir beginnen, ein wenig zu plaudern ...
Ich erzähle ihr, dass ich nur kurz in der Gegend bin. Ich muss eigentlich immer gleich weiter. Sesshaftigkeit wär nichts für mich. Einen längerfristigen Wohnsitz hatte ich nie. Ich erzähle ihr auch, dass ich bis vor zehn Minuten im siebten Stock des Hauses Vierzehn, Aufgang A gewohnt habe. Das ist gar nicht weit weg, gleich hier um die Ecke.
Es stellt sich heraus, dass die Wohnung genau zwei Etagen über der liegt, die sie zurzeit bewohnt. In drei Tagen, sagt sie, bekommt sie eine andere. Sie hätte schon alles geklärt und ihre Sachen gepackt.
Ihr Blick fällt dann auf die Häuser. Sie sagt: Die Hochhäuser sind so was wie Bäume. Sehen Sie einmal ganz genau hin. Sie werden es sofort erkennen ... Die Stadt ist ein Wald. Und der gehört mir ...
Wir bleiben eine Weile schweigend auf der Bank sitzen, schauen hoch in die Wolken, sprechen kein Wort ...
Er lächelt mich irgendwie unheimlich an. Ich lächle zurück. Dann beugt er sich etwas nach vorne, öffnet beinah andächtig die Tasche und zieht einen schwarzen Anzug heraus. Danach holt er eine elfenbeinfarbene Nasenklemme aus der Innenseite des Mantels. Den zieht er aus und legt ihn auf die Bank. Auf den Mantel danach die Klemme. Die anderen Kleidungsstücke daneben. Als er dann gar nichts mehr anhat, nimmt er den schwarzen Anzug und steigt in ihn ein. Nach nur zwei Minuten steht er ganz und gar in Neopren gehüllt da. Er lächelt wieder in meine Richtung. Dann dreht er sich zur Tasche zurück, greift hinein und hält kurz darauf eine Taucherbrille in der linken Hand. Mit der rechten benetzt er die Innenflächen der Brille. Das Wasser, das er dafür benötigt, kommt aus einer blauschimmernden Flasche, die auch in seiner Tasche war. Dann dreht er sich wieder zu mir und sagt: Verzeihen Sie bitte. Ich würde Ihnen gern alles erklären. Doch dafür fehlt mir die Zeit ... Sie nämlich drängt, hat es eilig, zieht mich zu sich in die Tiefe ...
Er spricht ziemlich leise, undeutlich dazu: … Ich habe schon mehr als einhundert Meter … ohne Sauerstoffgerät … geschafft, sagt er, nun komplett in Montur …
Da unten gibt es nur mich und nichts weiter als die Dunkelheit. Dort bin ich zuhause … So wie Sie sich hier fühlen, fühle ich mich im Wasser ...
Er packt seine Sachen in die Tasche, zieht den Reißverschluss zu, hebt sie hoch und geht an den Rand des Springbrunnens, der sich nun neben den Leuten, die auf der Grünfläche liegen, sich sonnen, im Zentrum des Parks, also nur wenige Schritte von uns entfernt befindet.
Ich stehe auf, gehe zu ihm, ziehe ein Gewehr hinter meinem Rücken hervor und sage, als er bereits auf dem Rand des Springbrunnens steht und Anstalten macht, einzutauchen: Auch ich muss nun los … Das hier ist mein Revier … Es war nett, sich mit Ihnen zu unterhalten. Es hat mich wirklich gefreut, Sie kennenzulernen …
Wir schauen beide nach oben, Sonnenstrahlen im Gesicht. Ein fast klarer Himmel im Herbst. Es ist zu warm für diese Jahreszeit ...
Machen Sies gut, sagt er noch. Und ich zu ihm: Auf Wiedersehn. Dann schiebt er sich die Brille vor seine Augen und die Klemme auf seine Nase. Er holt einmal tief Luft, springt in die Tiefe, taucht ab. Und ich laufe mit meinem Gewehr im Anschlag los, dem Wald entgegen ...
Hier draußen ist schon lange kein Mensch mehr gewesen, hier traut sich auch sicher niemand freiwillig hin. Vermutlich sind wir seit Jahren die ersten. So weit hinter Grenzen. Lass uns bitte vorsichtig sein ... Der Wald hier ist dunkel. Und tief ist er auch. Kaum zu glauben, dass es so was noch gibt. Ich meine, schließlich geht man doch davon aus, dass der zivilisierte, aufgeklärte Mensch von Welt annähernd alles, jeden Flecken erkundet, bereits zu Gesicht bekommen und irgendwo verzeichnet hat. Doch hier ... Ich glaube nicht, dass es eine Landkarte gibt, in die diese Gegend eingetragen wurde. Und das obwohl irgendwer irgendwann das Irgendwo sicher schon gesehen, seine Nase hineingehalten, dieses Fremde berührt oder in den Mund gesteckt hat. Meinst Du nicht auch?
Ihre Begleitung nickt. Sie kennt diese freien, unbedachten Ausführungen schon. Deshalb hört sie nicht mehr so genau hin. Doch das weiß die andere nicht. Sie schaut geradeaus, betrachtet das Dickicht des Waldes und sagt: Wir haben uns wohl verlaufen ...
Sieht ganz danach aus ... Vielleicht sollten wir umkehrn ...
Zurück? Nein, auf gar keinen Fall. Das kommt nicht in Frage ...
Warte, sagt sie. Da, schau nur, dort hinten. Da ist eine Wiese. Da scheint der
Wald endlich ein Ende zu haben ...
Gehen wir hin? ...
Ja, warum nicht? ...
Angekommen sagt die erste zur zweiten Person: Da an der Seite, da ist was zu sehen.
Wo, fragt die zweite, die die erste grad eingeholt hat. Ich kann nichts erkennen ...
Da drüben, halblinks ... Da steht wer am Zaun ...
Ja, jetzt seh ich ihn auch ... Der wohnt vielleicht hier ...
Das kann schon gut sein ...
Komm, wir fragen ihn nach dem Weg ...
Vor dem Zaun bleiben sie stehen und sprechen ihn an: Entschuldigen Sie, wir haben uns verirrt und wissen jetzt nicht mehr wohin. Kennen Sie den Weg hier heraus?
Der Mann schaut sie an ... In der Hand hält er eine Flasche. Die andere hat eine Plastiktüte fest im Griff. Er sagt erst einmal nichts, starrt nur auf den Wald, der sich hinter den beiden befindet. Dann sagt er: Ja ... Das heißt nein. Ich werde nie wieder eins mit mir sein ...
Wieder geht sein Blick durch die beiden bis tief in den Wald. Dann aber schaut er sie an und sagt: Wisst ihr, wir kamen zu zweit und wollten uns hier auf der Wiese kurz ausruhn ... Auf einmal war da dieser Mann ... Außerhalb der Umzäunung, hinten am Waldrand, stand noch ein zweiter ... Es ging alles so schnell. Ich kann mich nicht mehr erinnern ... Ich weiß nur noch, dass ich auf einmal allein war ... Und jetzt steht plötzlich ihr beiden vor mir. Ich weiß nicht, was ich davon halten soll ... Seid ihr aus der Stadt? ...
Ohne eine Antwort abzuwarten, sagt er: Gut, ich muss dahin zurück ... Dann hebt er die Flasche und trinkt, bis sie leer ist. Danach wirft er sie auf den Boden, springt über den Zaun und geht in die Richtung, die ihm grad die richtige scheint ...
Kurz vor dem Wald bleibt er allerdings noch einmal stehen. Er stellt die Tüte neben sich, hält seine rechte Hand wie einen Schirm an die Stirn und starrt eine Weile hinein. Dann lässt er die Hand wieder fallen und beugt sich mit ausgestrecktem Arm zum Boden, um sich noch ein Bier aus der Tüte zu ziehen. Er öffnet es gekonnt mit einem Feuerzeug. Dann trinkt er. Es dauert nicht lang, und auch die zweite Flasche ist leer. Achtlos lässt er sie fallen. Wieder starrt er auf den vor ihm stehenden Wald. Dabei kneift er mal das eine mal das andere Auge zu. Allerdings kann er wohl auch so nichts Genaues erkennen.
Er dreht sich noch einmal um und ruft den beiden zu: Die Frage, die sich euch stellt, kann nur lauten: Wie weit seid ihr bereit noch zu gehn? ... Ich meine, manchmal geht man zu weit. Und wenn man zu weit geht, verliert man sich auch. Und zwar endgültig. Passt also auf. Das meine ich ernst. Dann hebt er die Tüte vom Boden und geht in den Wald ...
Die beiden schauen ihm nach ... Als sie ihn nicht mehr sehen, gehen sie über die Wiese und steigen dort wortlos über den schon ziemlich verrosteten Zaun. Den am anderen Ende. Auch da ist wieder nur Wald ... Weil kein Licht durch die Baumkronen fällt, wird der, je weiter sie gehen, zusehends dunkler. Schon nach wenigen Schritten scheint er den beiden nur noch ein irgendwie abgründiges Dunkel zu sein ...
Was meinst du, sollen wir weiter, oder kehren wir um? ... Der Mann ist schließlich auch nicht weitergegangen ... Wusste sicherlich mehr, als er uns erzählt hat ... Ich meine nur ... Keiner weiß, was noch kommt. Niemand weiß, was uns noch erwartet ... Vielleicht treiben sich die Männer, von denen er sprach, hier noch rum? ...
Also weißt du, bekommt sie zur Antwort ... Der hatte doch nicht mehr alle beisammen ... Lass uns erst mal weitergehn ...
Sie laufen weiter ... Kurz darauf sagt die erste zur zweiten Person: Da, sieh doch, was hab ich gesagt? Da vorn ist der Wald schon zu Ende ...
Sie betreten erneut eine Wiese. Auf der steht ein Haus. Um das Haus herum wieder ein Zaun ...
Niemand zu sehen, sagt die erste und greift nach der Holztür, die lediglich angelehnt ist. Sie schiebt sie auf, dreht sich um und sagt: Nun komm schon. Trödel nicht so ...
Etwa in der Mitte der Umzäunung steht das schneeweiß gestrichene Haus. Neben ihm ein verwachsener, ziemlich alter Apfelbaum. Unter dem Baum steht ein Tisch. Am Tisch steht ein Stuhl. Auf dem Tisch ein Aschenbecher. Darin eine Zigarette. Die qualmt. Daneben eine Schreibmaschine. Die scheint noch in Benutzung zu sein.
Es kommt ein Mann aus dem Haus ... Er trägt, was hier draußen etwas deplatziert wirkt, einen aschgrauen Anzug. Dazu passende Schuhe und ein Hemd, das bis oben zugeknöpft ist. Das Hemd ist so weiß wie die Fassade des Hauses. Es korrespondiert farblich sehr schön mit dem Anzug, der wie angegossen sitzt. Um das Bild abzurunden, trägt dieser Mann zum Anzug einen Hut. Er sagt: Hallo. Herzlich Willkommen ...
Die beiden begrüßen den Mann. Er sagt: Ihr könnt ruhig Bill zu mir sagen. Nun, eigentlich heiße ich William. Aber ... Setzen wir uns. Ich hol schnell noch zwei Stühle und räume die Schreibmaschine weg. Die stört nur. Wirkt auch sicher etwas fehl am Platz. Nicht wahr? ... Nur eine Sekunde, sagt er. Dann geht er mit der Schreibmaschine unterm Arm in das Haus.
Kurz darauf kommt er mit zwei übereinanderliegenden Stühlen zurück an den Tisch, stellt sie ab, schiebt einen links und einen rechts unter und sagt: Hier, bitte, setzt euch ...
Bill unterhält sich nun mit der zweiten Person. Sie gestikuliert wie wild mit den Händen. Das gibt der ersten die Gelegenheit, sich ein wenig umzusehn:
Das Haus macht einen alten, aber recht robusten Eindruck. Die Wände und Fenster wurden erst kürzlich gestrichen. Die Fensterscheiben sind bis etwa zur Hälfte mit Sichtschutzfolie beklebt ... Durch ein offenstehendes Fenster der unteren Etage des Hauses kann sie den nackten Oberkörper eines zweiten Mannes erkennen. Irgendetwas scheint er bewegen zu wolln. Das kann sie aber von ihrer Position aus nicht deutlich erkennen. Sie sieht nur, wie er mehrere Male angestrengt an etwas, das ihr nicht vorkommt, zerrt oder reißt ...
Die anderen zwei unterhalten sich noch. Kurz darauf aber bricht Bill das Gespräch ab und dreht sich mit dem Gesicht Richtung Haus. Das schaut er regungslos an ... Dann geht sein Blick Richtung Tür. Dort steht wie verabredet der andere Mann. Eine Weile, ohne sich zu bewegen ... Er weiß, dass er ziemlich gut aussieht. Nur Bill verdreht seine Augen ...
Nachdem ich ihn angemessen lang beobachtet habe, sagt er: Dass das Ding sich aber auch nicht kleinkriegen lässt ... Und etwas später, dabei starrt er dann Bill in die Augen: Ich hab es in die Kammer gebracht. Dort hab ich mich dann darum gekümmert ...
Ja, sagt Bill. Irgendwann bekommt jeder seine Rechnung serviert. Will er die nicht begleichen, müssen wir andere Seiten aufziehn ...
