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Was kann man tun, wenn die Realität anders ist als gedacht? Privatermittler Jokim Kostrow fühlt schon seit einiger Zeit, dass sich die Dinge ändern. Auf seine Heimatstadt München rollt eine dunkle Bedrohung zu, die sich nicht konkret fassen lässt. Zusammen mit seinem Partner Stephan Sieblat kommt er einer monströsen Verschwörung auf die Spur, die die Stadt ins Chaos stürzt. Das ist nur eine von mehreren Erfahrungen, die Kostrows Welt auf den Kopf stellen. Er muss erkennen, dass Deutschland nicht das ist, was es zu sein vorgibt. Gleichzeitig manifestiert sich in ihm eine Realität, die ihn geradewegs in eine tiefgreifende Identitätskrise führt. Jokim Kostrow wird klar, dass Wahrheit nicht der fest umrissene Begriff ist, für den er sie stets gehalten hatte. - "Seit ich dieses Buch gelesen habe, sehe ich Deutschland mit neuen Augen." - Wolfgang Schäuble
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Seitenzahl: 593
Veröffentlichungsjahr: 2021
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Emil Horowitz
Kostrows Wahrheit
Thriller
Vollständige eBook-Ausgabe
Überarbeitete Neuedition April 2021
Urbis eBook
Deutsche Erstveröffentlichung © Copyright 2021 bei Emil Horowitz Titelbild: Emil Horowitz
Alle Rechte vorbehalten. Das Werk ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung – auch zeilenweise – ist nur mit Zustimmung des Verlags zulässig. Das gilt insbesondere für Vervielfältigungen, Übersetzungen und die Einspeicherung und Verarbeitung in elektronischen Systemen.
Printed in Germany
Erschienen im Urbis-Verlag
Das sanfte Rauschen des niemals versiegenden Stadtverkehrs auf der entfernten Ringstraße wirkt beruhigend auf ihn, ganz so, als würde die Klangkulisse zur Einrichtung gehören.
"Es ist schön mit dir", sagt Sira. Sie fühlt die angenehme Wärme seiner nackten Haut an der ihren. "Immer wieder schön."
Behutsam löst er sich von ihr, legt sich neben sie. Durch den schmalen Spalt, den die Vorhänge offen lassen, schimmert die neonbeleuchtete Nacht herein. "Ich habe mich nach dir gesehnt." Er sollte nicht so empfinden, aber Sira wirkt wie eine Droge, hat es schon immer getan.
Sie dreht sich zur Seite, sieht ihn prüfend an. "Trotzdem denkst du an sie."
Der erste Impuls: leugnen. "Ich bin nur bei dir."
Sira lächelt auf diese traurige Weise, die Sira zu dem macht, was sie ist. "Dein Körper ist es."
"Du weißt, wie wichtig du mir bist." Merkwürdig, es geht ganz leicht von der Zunge, muss wohl die Wahrheit sein.
Sira lächelt nicht mehr. "Auf eine gewisse Weise stimmt das wohl."
Er blickt in das ebenmäßige Gesicht. Wie immer versinkt er in der mystischen Schönheit der indischstämmigen Frau. Wie immer regt sich sein Gewissen.
Sira liest in ihm, wie nur sie es kann. "Mach dich nicht verrückt."
"Ich mache mich verrückt?"
"Mir ist klar, wie es um uns steht. Ich kann damit leben."
Ihr Blick lässt sich nur schwer deuten. "Kannst du das?"
Das Lächeln kehrt zurück. "Zugegeben, es ist nicht das, was ich mir wünschen würde. Aber es ist besser als ein Leben ohne dich."
Zärtlichkeit überflutet ihn. Er zieht sie an sich, gibt sich der Leidenschaft des Kusses hin, dem sie sich bereitwillig öffnet.
Als Kostrow aus dem Schlaf hochschreckt, ist noch immer Nacht. Vage glaubt er, den Grund für das Erwachen zu kennen. Da war ein Traum. Miriam kam darin vor. Ein Kino. Mit Miriam im Kino? Nein, anders.
Miriam auf der Leinwand. Ja, so ist es richtig. Miriam auf der Leinwand, er selbst im Zuschauerraum. Großaufnahme. Das ganze Kino erfüllt von Miriams Gesicht. Sie sagt etwas. Er kann nichts verstehen, obwohl der Ton laut ist, sehr laut sogar. Was sagst du, Miriam? Sprich deutlicher!
Plötzlich ist alles klar hörbar. Nur ein Satz. Der Satz, der ihn aus dem Schlaf gejagt hat. Ich hasse dich.
Er blickt zur Seite. Sira ist wach, beobachtet ihn aufmerksam. "Alptraum", flüstert er.
"Das dachte ich mir."
"Habe ich ... habe ich etwas gesagt?"
"Nur ein Schrei."
"Ein Schrei?"
"Keine Sorge, nur leise."
Er lässt sich auf das Kissen zurückfallen.
"Wirst du trotzdem bleiben?" Ihre Stimme dünn, kaum hörbar.
"Bleiben? Warum sollte ich nicht?"
Sira stützt sich auf dem Ellenbogen ab. "Dein Traum."
"Was ist damit?"
"Wir wissen beide, wovon du geträumt hast."
Er stößt die Luft aus. Warum abstreiten?
"Es ist auch für dich nicht einfach, das ist mir schon klar", sagt Sira.
"Vielleicht solltest du nicht so nachsichtig sein."
"Ja, vielleicht."
Er setzt sich auf. "Wie kannst du das nur ertragen?"
Wieder dieses traurige Lächeln. "Es ist nicht leicht."
"Vielleicht sollten wir ..." Nein, das nicht.
Zu spät. "... es beenden?", ergänzt Sira.
"Nur dir zuliebe. Es ist einfach nicht fair, was ich dir zumute."
"Möchtest du es beenden?"
"Natürlich nicht."
Ihr Blick geht ins Leere. "Miriam wäre sicher glücklich darüber."
"Ja, wahrscheinlich."
"Ich wäre es an ihrer Stelle."
Kostrow streicht sanft über ihr Haar. "Lass uns nicht von Miriam sprechen, in Ordnung?"
"Für eine Frau, die ich noch nie getroffen habe, beeinflusst sie mein Leben ziemlich intensiv."
"Miriam weiß nichts von uns."
"Glaubst du das wirklich?"
"Sie hat keinen Beweis."
"Beweise zählen hier nicht. Sie fühlt es, verlass dich darauf."
Seine Gedanken schweifen zurück zu dem verwehenden Traum. Ich hasse dich.
"Mist!", bricht es aus Kostrow heraus.
Durch die sich öffnende Lifttür sieht er den Mann, der dabei ist, die Reste der Beschriftung von der Glastür des Büroeingangs zu entfernen. Der Handwerker blickt ihm entgegen. "Gut, dass Sie kommen, Herr Kostrow, ich wollte gerade anfangen."
"Schön, in Ordnung", murmelt Kostrow zerstreut.
"Und was soll es sein?"
"Wie bitte?" Die Gedanken sind noch bei Sira.
"Der Name."
"Welcher Name?"
"Ihr Name! Sie wollten noch darüber nachdenken."
Die Erinnerung will sich nicht einstellen. Worum geht es hier?
Der Handwerker blickt ihn geduldig an. Schließlich zieht er einen zusammengefalteten Zettel aus der Brusttasche seines Arbeitsmantels. Er entfaltet ihn und hält ihn Kostrow vor die Augen.
Kostrow & Partner
Jokim Kostrow & Partner
Jokim Valerian Kostrow & Partner
"Welche Variante wollen Sie?"
Die Erinnerung ist wieder da. Der neue Firmenname. Die Streichung des Zusatzes Detektei. Die Form der Namensnennung. Wie entscheiden?
"Ist Stephan schon da?"
"Wer?"
"Stephan Sieblat, mein Partner."
"Ich glaube nicht."
"Ich gebe Ihnen in fünf Minuten Bescheid, in Ordnung?"
"Kein Problem, ich muss die Scheibe sowieso noch reinigen."
Er betritt die Agentur. Hinter dem Empfangsbereich steht die Tür zum Chefbüro halb offen. Frau Geist ist noch nicht da, ihr Dienst beginnt erst in einer Viertelstunde. Aber Stephan könnte noch hier sein.
Er betritt das leere Büro. Schade. Wenn es um Entscheidungen geht, ist Stephan unschlagbar. Sein Partner weiß immer, welche Alternative zu wählen ist. Kostrow bekommt schon Probleme, wenn es darum geht, eine Sorte für den Frühstückstee auszusuchen. Wie also soll der Firmenname lauten?
Kostrow & Partner
Etwas dünn. Und unpersönlich. Dann lieber der volle Name.
Jokim Valerian Kostrow & Partner
Wichtigtuerisch. Wer soll sich das merken?
Jokim Kostrow & Partner
Klingt vernünftig. Zu vernünftig? Schließlich geht es auch um das Image. Hervorragend. Ich bin so weit wie zuvor.
"Herr Kostrow?"
Er geht wieder zur Glastür, wo der Handwerker ihm wartend entgegensieht. "Ich wäre dann so weit. Also, was soll es sein?"
Schweigend tippt Kostrow auf die dritte Variante. Wenn schon, denn schon. Jetzt nur nicht lange darüber nachdenken.
Das Telefon summt. Er geht zur verwaisten Empfangstheke und nimmt den Hörer ab. "Jokim Valerian Kostrow und Partner, guten Tag." Fürs Telefon zu lang, eindeutig.
"Wieso gehst du nicht ans Handy?" Miriam klingt verärgert.
Handy. Es ist noch immer abgeschaltet. Ich werde unvorsichtig. "Der Akku war leer. Es hängt noch am Kabel."
"Der Akku war leer."
"Genau."
"Unglaublich, wie oft so etwas geschieht."
"Gar nicht oft. Ich habe nur vergessen, das GPS wieder abzuschalten."
Schweigen.
"Hast du angerufen, um herumzumeckern, oder gibt es sonst noch etwas?"
"Der Job erledigt?"
"Falls du die Observation meinst, die war nicht ergiebig."
"So ein Pech."
Jetzt ist es genug. Für mein schlechtes Gewissen bin ich selbst zuständig, ich brauche kein Publikum. "Sag mal, bist du auf Streit aus?"
"Überhaupt nicht."
"Dann würde ich sagen, du rufst wieder an, wenn du bessere Laune hast."
Schweigen.
"Gut, ich lege dann auf."
"Nein, bleib da." Miriams Stimme nun sanft. "Tut mir leid."
"Sag mal, was ist eigentlich los?"
"Ach, gar nichts. Bin wohl mit dem falschen Fuß aufgestanden."
"In Ordnung."
"Eigentlich wollte ich ja fragen, ob wir heute zusammen Mittag essen können."
"Prima Idee."
"Tartufo Nero?"
"Warum nicht?"
"Zwölf Uhr?"
"Aber bitte sei diesmal pünktlich, ich hasse es, in einem Lokal herumzusitzen und zu warten, besonders, wenn ich Hunger habe."
"Wie der Herr befehlen. Großer Massa, er stark."
Kostrow muss grinsen. "Na, dann sei mal eine brave Sklavin und tu, was der Massa sagt."
"Träum weiter."
"Du hast damit angefangen."
"Bis zwölf, Schatz", sagt Miriam und legt auf.
Während er den Hörer auf den Apparat legt, betritt Frau Geist den Empfangsraum, vorbei an dem Handwerker, der gerade damit beginnt, den Nachnamen an die Scheibe zu reiben. "Etwas nicht in Ordnung mit dem Telefon?"
"Doch, wieso?"
Die korpulente, fünfzigjährige Empfangskraft geht um die Theke herum, stellt ihre riesige Schulterriementasche in einer Ecke ab und setzt sich auf ihren Bürostuhl. "Es sah so aus, als würde es nicht funktionieren."
"Natürlich funktioniert es. Ich habe eben mit Miriam gesprochen."
"Warum ruft sie nicht an Ihrem Handy an?"
"Nicht Sie auch noch! Ich wurde schon von Miriam verhört."
Sybil Geist kramt eine riesenhafte Tüte fettfreier Brotchips aus ihrer Tasche und legt sie neben die Computertastatur. "Die wird schon wissen, warum."
"Also wirklich, Frau Geist. Sie wissen genau, wie loyal ich bin."
"Na sicher. Das hat mein Schleimbeutel von Exmann auch immer gesagt."
"Wir sind nicht alle so."
Von Sybil Geist ist ein trockenes, lustloses Lachen zu hören. Sie blickt auf die neue, fast fertiggestellte Firmenbezeichnung, die sie durch die Glastür in Spiegelschrift abliest. "Bisschen protzig."
"Was, der neue Firmenname?"
"Jokim Valerian Kostrow und Partner. Klingt nach einer Anwaltskanzlei für Auftragskiller."
"So heiße ich nun mal."
"Wann hat Sie das letzte Mal jemand Valerian gerufen?"
"Ich dachte mir, ein bisschen offizieller ist gut fürs Image."
Frau Geist zuckt die Achseln. Sie reißt die Tüte auf und steckt zwei Chips gleichzeitig in den Mund.
"Wohl bekomm's."
"Faschd geine Galorien", nuschelt Sybil mit vollem Mund. Brotkrümel fliegen umher.
"Aber Frau Geist. Sie müssen doch nicht aufs Gewicht achten."
"Durch Einschleimen wird der neue Firmenname auch nicht schöner."
"Sie werden sich schon daran gewöhnen."
"Aber am Telefon bleibt es beim Alten."
"Ganz, wie Sie meinen, Frau Geist", seufzt Kostrow.
"Übrigens, um zehn Uhr kommt Herr Muhrmann von Westworld Analytics."
Schreck am Morgen. "Wann hat er angerufen?"
"Gestern Nachmittag."
"Und er wollte einen persönlichen Termin, nicht einfach telefonieren?"
"Richtig."
"Reklamation?"
"Neuer Auftrag."
"Oh." Das kommt unerwartet, nach der schwachen Leistung beim letzten Mal. Offenbar macht er nicht die Agentur dafür verantwortlich. "Na, dann stürze ich mich mal in die Arbeit. Auf mich warten drei Abschlussberichte." Er macht sich auf den Weg ins Chefbüro. Sybil Geist steckt sich eine Handvoll Brotchips in den Mund.
Kostrow überlegt, ob er auf der Terrasse Platz nehmen soll. Die von der Mittagssonne durchglühten Steinplatten am Sebastiansplatz und die von ihnen aufsteigende Hitze sprechen trotz der großen Sonnenschirme dagegen. Kostrow betritt das angenehm gekühlte, noch schwach besetzte Restaurant.
Enzo Milano geht auf Kostrow zu. "Buona giornata, Signor Jokim."
"Hallo Enzo. Kann ich meinen üblichen Tisch haben?"
"Kein Problem." Der glatzköpfige Chef des Tartufo Nero weist mit einer vagen Geste in den hinteren Teil des Lokals, führt Kostrow dann zu einem kleinen Ecktisch neben dem großen, in die Wand eingelassenen Aquarium, in dem sich acht Kois tummeln.
Der athletische Wirt rückt Kostrow den Stuhl zurecht. Der Privatdetektiv zeigt auf das Aquarium. "Ehrlich gesagt, ich verstehe immer noch nicht, was das soll."
Milano lächelt. "Japanische Karpfen in einem italienischen Restaurant?"
"Kois sind schön, wunderschön sogar, aber hier – nichts für ungut – ist das nicht ein Stilbruch?"
Der Wirt lässt den Blick durch sein im modernen, italienischen Stil gehaltenes Restaurant schweifen. "Italienisches und japanisches Design haben verwandte Elemente."
"Tatsächlich?"
"In ihrer reinen Form neigen beide zu Minimalismus."
Nachdenklich blickt Kostrow auf die großzügig platzierten Tische und Stühle aus hellem Holz. "Ja, vielleicht."
Enzo Milano legt eine Speisekarte vor Kostrow auf den Tisch. "Ein Glas Montepulciano?"
"Nein, ich warte noch."
"In Ordnung."
Irgendetwas an den Kois stört Kostrow, hat ihn schon seit dem ersten Besuch gestört. "Wer kümmert sich eigentlich um die Fische? Kois verursachen doch jede Menge Aufwand."
Milano, der sich bereits abgewendet hat, dreht sich wieder um. "Das erledige ich selbst."
"Was, Sie? Bei all der Arbeit, die das Restaurant macht?"
Milano lächelt. "Jeder Mensch braucht ein Hobby." Er wendet sich ab, geht auf das Reservationspult zu.
Hobby, von wegen. Da steckt mehr dahinter. Nachdenklich versinkt er in den Anblick der farbenfrohen Fische, folgt ihren unermüdlichen Bahnen durch das große Bassin. Er stellt fest, dass sie sich mit einer gewissen Würde bewegen. Müssen sie wohl, beim Preis eines Kleinwagens pro Fisch. Er stellt sich vor, wie sich ein Koi-Aquarium in seinem Wohnzimmer ausmachen würde.
"Erde an Kostrow." Er erwacht aus seinem Tagtraum. Vor dem Tisch steht Miriam im schwarzen, kurzen Businesskostüm. In Kostrow macht sich Sonnenschein breit. "Auf welchem Planeten warst du?"
Er lächelt. "Auf dem Planeten Koi."
Miriam setzt sich über Eck neben ihn. "Lassen dir die Fische noch immer keine Ruhe?"
"Irgendetwas ist mit diesem Aquarium."
"Und Detektiv Kostrow muss der Sache auf den Grund gehen."
Er sieht sie an, taucht in ihre hellblauen Augen ein, doch nach kurzer Zeit zieht das Aquarium wieder seinen Blick auf sich. "Etwas in der Art, ja."
Miriam streicht mit zwei Fingern über seine Wange, die Berührung leicht, fast nicht spürbar. "Armer Jokim, immer ein Opfer seiner Berufung."
"Mach dich nur lustig."
"Tue ich gar nicht."
"Tust du schon."
"Na ja, ein bisschen vielleicht."
Kostrow schiebt ihr die Speisekarte zu. "Ich mag nichts", sagt Miriam.
Aufmerksam blickt er sie an. "Echt?"
"Um diese Tageszeit habe ich oft keinen Hunger."
"Aber du hast mir doch vorgeschlagen, zum Mittagessen zu gehen."
Sie blickt in seine Augen. "Ich wollte dich einfach sehen." Sie beugt sich zu ihm, haucht einen sanften Kuss auf seine Lippen.
Seine Besorgnis hält an. "Und sonst ist nichts?"
"Nein, wirklich nicht. Alles in Ordnung."
"Aber ein Glas Wein trinkst du mit?"
"Lieber ein Wasser."
Kostrow gibt Enzo Milano ein Zeichen. Der Restaurantchef tritt an den Tisch. "Was kann ich bringen?"
"Ihre Idee mit dem Montepulciano war gut, ein Glas für mich, bitte."
"Sehr gerne."
"Und ein San Pellegrino."
"Klein?"
Kostrow blickt Miriam fragend an. Sie nickt schweigend.
"Ja, klein."
Er sieht unentschlossen auf die Karte. "Die Fusilli Vongole wären heute zu empfehlen", sagt Milano.
"Posano Pesci?"
"Genau. Mit dem Kühlwagen direkt aus Mazarra del Vallo geliefert. Vor 16 Stunden aus dem Meer geholt."
"Das ist ein Wort. Einen großen Teller bitte."
"Vielen Dank." Der Wirt macht sich auf den Weg zur Küche.
Schweigend sehen sie sich an. "Du hast mir gefehlt", sagt Miriam nach einer Weile.
Schwierig, jetzt zu lügen. "Du hast mir auch gefehlt." Es kommt ohne Anstrengung über seine Lippen. Also bin ich ein gewissenloser Lügner? Er spürt seinen Gedanken nach, seinen Gefühlen, seinen Erinnerungen. Nein, das ist es nicht. Es war keine Lüge. Sie hat mir gefehlt, trotz Sira.
Sie versinken in Schweigen. Enzo Milano bringt die Getränke, geht wieder.
"Frau Geist findet den neuen Firmennamen protzig."
"Für welche Variante hast du dich nun entschieden?"
"Die lange."
Miriam blickt ins Leere. "Jokim Valerian Kostrow und Partner."
"Ist das wirklich zu protzig?"
"Es ist ganz in Ordnung."
"Aber es wäre nicht deine Wahl."
"Ich denke, das kannst du besser beurteilen."
"Also gefällt es dir nicht."
"Der Name muss dir gefallen, nicht mir. Außerdem würde ich die Verantwortung nicht übernehmen wollen."
"Verantwortung?"
"Wenn mein Vorschlag sich als schlechte Wahl herausstellt, möchte ich nicht hören, dass ich schuld am Ruin der Firma bin."
Nun ist es seine Hand, die sanft über ihre Wange streicht. "Kätzchen, mach dir keinen Kopf. Es ist ganz allein meine Entscheidung."
"Dann ist es ja gut."
Die Nudeln kommen. Kostrow macht sich hungrig darüber her. Er spießt zwei Nudeln und eine Muschel auf, hält sie Miriam entgegen. "Mal probieren?"
Sie schüttelt schweigend den Kopf. "Wie ist eigentlich Stephans Meinung dazu?"
"Dem Namen?", sagt Kostrow zwischen zwei Bissen. "Keine Ahnung, ich habe ihn noch nicht gesprochen heute."
"Dein geheimnisvoller Geschäftspartner. Wann lerne ich ihn endlich einmal kennen?"
"Der ist überhaupt nicht geheimnisvoll. Ein typischer stiller Teilhaber, der im allgemeinen Geschäftsbetrieb nicht auftaucht."
"Merkwürdig."
"Eigentlich nicht. Er meint, dass sich die Beteiligung an einer Detektei nicht gut mit seinem Hauptgeschäft kombinieren lässt."
"Und findest du das auch?"
"Kann ich nicht beurteilen. Ich habe ja keine Vermögensverwaltung."
Nachdenklich nimmt Miriam einen Schluck aus ihrem Glas. "Was ist so schlimm daran, an einer Detektei beteiligt zu sein?"
"Stephan sagt, es könnte die Vertrauensbasis zwischen der Firma und den Kunden beschädigen. Viele würden sich nicht wohl fühlen, wenn sie wüssten, dass das Unternehmen, dem sie Teile ihres Vermögens anvertrauen, auch Nachforschungen betreibt. Vertraulichkeit ist ein grundsätzliches Element der Branche."
Miriam blickt nachdenklich auf das Koi-Aquarium. "Klingt plausibel."
"Stephan ist eine wirkliche Bereicherung. Er ist ein Wahnsinnsanalyst."
"Bist du selbst auch."
"Nicht wie Stephan. Das ist manchmal schon übersinnlich."
Miriam sieht ihn an, lächelt. "Na gut, Schatz. Ich bin manchmal einfach zu misstrauisch."
Kostrow denkt an ihr Telefongespräch am Vormittag. "Ja, Kätzchen, das bist du manchmal wirklich."
Die Jahre lasten auf dir, alle, vom ersten an. Die einsame Gestalt im Garten fühlt, wie die Zeit sich gegen ihn wendet. Willkommener Erfahrungsschatz für die erste Lebenshälfte, dann mehr und mehr Ballast, ein bleiernes Senklot, das den Rücken krümmt, den Blick zum Himmel vereitelt.
Wie so oft in den letzten Monaten steigt in Paolo Forcone das Bild des Vaters auf. Ein Bild, das schon fast vergessen war, über die Jahrzehnte verblasst, überlagert vom ekstatischen Farbrausch eines außergewöhnlichen Lebens. Ein Leben, das keine Grenzen kennt, alles möglich erscheinen lässt, übliche Regeln außer Kraft setzt. Ein Leben, das sich seinen Weg bahnt wie Lava durch brüchiges Gestein bis zur Eruption über weitem Land, und schließlich der Sturz von der Klippe, der Blitzschlag aus wolkenlosem Himmel.
Es ist immer dasselbe Bild, das Paolo Forcone erscheint, wie ein verblasstes, zerknittertes und eingerissenes Foto, das man jahrelang ahnungslos mit sich herumträgt, um es in einem unterwarteten Moment aus einer nie genutzten Tasche zu ziehen. Papa. Es ist nicht leicht, dein Sohn zu sein, selbst heute, Jahrzehnte nach deinem Tod. Gefühl ist Schwäche. Rücksichtnahme ist Schwäche. Liebe ist Schwäche.
Forcone betrachtet das Bild in seinem Inneren, den herrischen Mann, der starr aufgerichtet an derselben Stelle sitzt wie jetzt er, im Schatten von Il Nonno, dem Urbaum des 130 Jahre alten Olivengartens neben dem Familienanwesen.
Alles, was du jemals wolltest, war ein Nachfolger. Einen capobastone, dessen du dich nicht zu schämen brauchtest. Einen Mann, der dein Werk fortführt. Was du nicht wolltest, war ein Sohn.
Forcone lässt den Blick durch den Olivengarten schweifen. Die schräg einfallende Sonne des fortgeschrittenen Nachmittags zeichnet durch das feine Blattwerk der alten Bäume rätselhafte Muster auf den Rasen. Vier Generationen haben den Hain entwickelt, gepflegt, kultiviert, seine Früchte geerntet, sie zu edlem Olio Extra Verigine gepresst. Er war immer stolz auf das Öl gewesen, sein Treuegelübde an das Land seines Herzens, Kalabrien, Gottes Paradiesgarten.
Nicht so Gianna Lucia. Bis zum Tag ihres Todes hatte sie den Garten gehasst. Niemals hatte er sie dazu bewegen können, neben ihm auf der Rundbank um Il Nonno den Sonnenuntergang zu betrachten. Der Garten ist eine Lüge, Paolo. Das waren ihre Worte gewesen, immer und immer wieder. Öl kann Blut nicht abwaschen. Ein wehmütiger Schmerz legt sich auf seine Brust. Gianna Lucia, Ehefrau und Ratgeberin. Sie war sein Halt gewesen, seine Inspiration. Sie hatte ihm Dinge gesagt, die andere mit dem Leben hätten bezahlen müssen. Möge dir die Erde leicht sein, meine Sonne.
So deutlich wie schon lange nicht mehr empfindet er die Last seiner achtundsiebzig Jahre. Seit Emanueles Tod hat sich alles geändert. Die schier endlose Kraft, die er immer zuverlässig aus seinem Inneren hatte schöpfen können, ist versiegt. Alles, was übrig bleibt, ist Resignation, Trauer, Müdigkeit. Und, darüber schwebend, alles überschattend, der unbändige Wunsch nach Rache. Emanuele, sein einziger Sohn, dem er all die Liebe und Zuwendung geschenkt hatte, die ihm vom eigenen Vater versagt geblieben war. Emanuele, der alle Anzeichen eines überragenden capobastone in sich getragen hatte, überragender als er selbst es jemals gewesen war. Was soll nun werden? Wer soll die Familie führen, wenn Gott mich ruft?
Hinter der hohen, aus roh behauenem Kalkstein zusammengefügten Gartenmauer hört er einen Wagen ankommen. Eine Minute später betritt ein hoch gewachsener, schlanker junger Mann in einem hellbeigen Anzug und dunkelbraunem, offenen Seidenhemd den Garten. Er blickt kurz um sich, bemerkt Forcone auf der Rundbank, geht auf ihn zu. "Salve, zio."
"Buonasera, nipote."
Raphaele Campovallo blickt seinen Onkel prüfend an. "Fühlst du dich wohl?"
"Mit Gottes Hilfe, es ist alles in Ordnung."
Raphaele, dem der gebrochene Blick des Alten nicht entgeht, ist beunruhigt. "Bitte verzeihe mir, Onkel, aber ich habe nicht den Eindruck."
Forcone zwingt sich ein schmales Lächeln ab. "Haben wir nicht alle bessere und schlechtere Tage?"
Die Unruhe des Neffen vertieft sich. "Vielleicht sollte ich Dottore Pasini bitten, dich zu besuchen."
"Beruhige dich, Raphaele, du musst dich nicht ängstigen. Es waren nur einige dunkle Gedanken. Sie kommen und gehen."
"Bist du sicher?"
"Absolut."
Raphaele setzt sich neben seinen Onkel auf die Bank, blickt ihn von der Seite an. "Ich habe eben mit Frederico Pescaro telefoniert."
"Wie steht die Sache?"
"Alles läuft programmgemäß. Die logistische Planung ist so gut wie abgeschlossen. Die Beschaffung der Ausrüstung ist bereits angelaufen."
"Das sind gute Nachrichten."
"Allerdings."
"Wie steht es mit den Teufeln? Werden sie kooperieren?"
Raphaele betrachtet seine Hände. "Da stehen wir ganz am Anfang. Die Kontaktaufnahme ist ein Hochseilakt. Ein falscher Schritt, und der Schuss geht nach hinten los."
"Aber wir werden es schaffen, nicht wahr?"
"Wenn Gott will. Wir tun, was wir können."
Forcone legt seinem Neffen beruhigend die Hand auf den Unterarm und drückt ihn sanft. "Ich habe volles Vertrauen zu dir."
"Onkel, wenn du erlaubst – ist die Einbindung der Teufel wirklich notwendig? Der Plan würde auch ohne sie zum Erfolg führen."
Forcone blickt Raphaele gerade in die Augen. Der Neffe bemerkt, wie ein Funke des alten Feuers in sie zurückkehrt. "So fragen normale Menschen. Aber du, Raphaele, bist kein normaler Mensch. Du wirst der capobastone von Palace sein, vielleicht auch mehr als das. Für dich gelten andere Maßstäbe."
In Raphaeles Gesicht zeigt sich Erschrecken. "Verzeih, Onkel, ich wollte nicht respektlos sein."
"Das ist keine Frage des Respekts, sondern der Führungsstärke."
"Onkel?"
"Als capobastone wird dir Macht verliehen, die du zum Wohl der Familie und der gesamten 'ndrina einsetzen musst. Versagst du, stürzt du alle, die auf dich vertrauen, ins Verderben."
"Ich weiß, Onkel."
"Was ich damit sagen will: Deine Pläne müssen besser sein als die normaler Menschen. Deine Pläne müssen alles, was möglicherweise geschehen kann, einbeziehen. Sie müssen sein, als hätte Gott selbst sie geschmiedet."
"Denkst du, Onkel, dass ich scheitern werde?"
"Hätte ich dich als capobastone vorgesehen, wenn ich das glauben würde?"
Raphaele senkt den Blick. "Nein, Onkel. Es ist nur ..."
"Was möchtest du sagen?"
"Mir ist bewusst, dass ich nicht der capobastone bin, den du dir gewünscht hättest. Es sind nur die tragischen Umstände, die mich in diese Position gehoben haben."
Wieder senkt sich ein bleiernes Gewicht auf Forcones Herz. Emanuele, geliebter Sohn. Was soll nun werden? Rasch drängt er die schwarzen Gedanken zur Seite. "Natürlich wäre mein Sohn die erste Wahl gewesen, das ist uns beiden klar. Aber da Gott es anders bestimmt hat, bin ich glücklich, einen so fähigen und verlässlichen Mann an meiner Seite zu haben, wie du es bist."
Raphaele blickt hoffnungsvoll auf seinen Onkel. "Ist das wirklich deine Ansicht?"
"Sei sicher, ich werde immer hinter dir stehen."
Raphaele greift sanft die rechte Hand seines Onkels, führt sie zum Mund und küsst sie. "Ich danke dir, Onkel."
"Mit Gottes Hilfe wirst du ein großer capobastone werden."
Schweigend blicken sich die Männer an. "Darf ich dich fragen, was das mit den Teufeln zu tun hat?"
"Ein guter Plan berücksichtigt Details, Dinge, die auf den ersten Blick keine Bedeutung haben, aber letztendlich über Erfolg oder Misserfolg entscheiden."
"Und die Einbeziehung der Teufel ist ein solches Detail?"
"Erst die Teufel machen das strategische Ziel möglich, das wir anstreben."
Raphaele versinkt in intensive Überlegungen. Inwiefern die Teufel das Projekt positiv beeinflussen können, ist ihm auch jetzt nicht klar. Trotzdem muss er das Thema ruhen lassen, um in der Wertschätzung seines Onkels nicht abzugleiten. Ein begriffsstutziger capobastone? Das würde sein Onkel, der selbst einer der Größten und ihnen ist, nicht dulden. Er wird die Antwort selbst finden müssen.
"Ich habe heute Nacht einen Telefontermin mit einem Vertrauten in der Botschaft, von der wir sprachen", berichtet er seinem Onkel. "Ich werde bei dieser Gelegenheit noch einmal Druck machen."
"Tu das, Neffe." Forcone fühlt bleierne Müdigkeit auf sich herabsinken.
Wenige Minuten nach einundzwanzig Uhr hört Kostrow die Eingangstür. Kurz danach betritt Stephan Sieblat das gemeinsame Büro. Kostrow blickt von seinem Notebook hoch. "Ich dachte, du kommst heute nicht mehr."
Sieblat setzt sich zwanglos auf eine Ecke des Schreibtischs und schielt auf den Notebookbildschirm. "Kommt ganz gut, der neue Name."
Kostrow folgt dem Blick seines Partners, sucht vergeblich auf dem Bildschirm herum, bis ihm klar wird, was gemeint ist. "Ich bin mir nicht mehr so sicher."
"Warum?"
"Miriam findet ihn großkotzig, Frau Geist auch."
"Gut."
"Gut?"
"Wie viele Prozent unserer Kunden sind weiblich?"
Kostrow stellt eine kurze Überschlagsrechnung an. "Etwa sechs Prozent."
"Na bitte."
"Was soll das heißen, na bitte?"
"Frauen sind vernünftig, Männer wollen beeindruckt werden. Der Name ist goldrichtig."
"Wenn man's so sieht ..." Kostrow fühlt sich augenblicklich wohler. Dann fällt ihm der Vormittagstermin ein. "Übrigens, Muhrmann war heute da."
"Weiß ich."
Kostrow ist verblüfft. "Woher weißt du nun das schon wieder?"
Wortlos zieht Sieblat sein Smartphone aus der Innentasche seines Sakkos und wedelt damit herum. "Weil Frau Geist zuverlässig alle Termin einträgt, im Gegensatz zu einem gewissen Geschäftspartner, mit dem ich das Pech habe, zusammenzuarbeiten."
"Dumpfbacke."
"Neuer Auftrag?"
Kostrow lehnt sich zurück. "Ja, tatsächlich. Ich hätte das nicht erwartet."
"Warum nicht?"
"Da fragst du? Nach dem Mist, den wir beim letzten Mal abgeliefert haben?"
"War kein Mist. Wir haben den Umständen entsprechend das Optimale geleistet."
"Sehe ich nicht so."
"Wir haben alle Ressourcen genutzt, die für uns erreichbar waren. Damit konnte nicht mehr Substanz entstehen."
"Weißt du noch, wie unser alter Firmenname gelautet hat?"
"Was hat das damit zu tun?"
"Kostrow und Partner, Detektei."
"Ja, und?"
"Detektei, verstehst du?"
"Kein Wort."
"Für den Fall, dass das deiner Erinnerung entglitten ist – eine Detektei ist nicht dazu da, erreichbare Ressourcen zu verwerten, sondern sich neue Ressourcen zu erschließen. Gerüchteweise nennt man so etwas Ermittlungsarbeit."
"Haben wir doch versucht."
"Unsere Versuche kann man bestenfalls halbherzig nennen, wenn nicht Schlimmeres."
Sieblat rutscht von der Schreibtischecke und lässt sich in einen der beiden bequemen Sessel auf der anderen Seite des Schreibtischs fallen. "Ich räume ein, da ist was Wahres dran."
"Na immerhin etwas."
"Also, wenn ich mal offen sprechen darf – die Sache war so etwas von langweilig, dass ich einfach nicht die erforderliche Motivation entwickeln konnte."
"Und wenn etwas langweilig ist, müssen wir nicht volle Leistung bringen?"
Sieblat hebt beschwörend die Hände. "Schon gut, schon gut, ich gelobe Besserung. Aber so lange ich dir bei den Abschlussberichten hilfreich zur Seite stehe, kann uns eigentlich nichts passieren."
"Ach wirklich?"
"Siehst du ja bei Muhrmann – neuer Auftrag. Er ist auf meine Argumentation eingestiegen."
"Na toll."
"Und wie ist die neue Sache?"
"Langweilig."
Sieblat stöhnt und reibt sich die Augen. Kostrow holt Luft. "Keine Panik, ich werde mich reinhängen", sagt Sieblat schnell.
Kostrow macht sich wieder an seine Projektplanung, während Sieblat sich im verwaisten Empfangsraum einen Kaffee holt. Ein unterschwelliger Gedanke pocht hartnäckig an Kostrows Unterbewusstsein, stört ihn in seiner Konzentration. Jeder Versuch, den Störenfried zu fassen, führt zu dessen Zurückweichen. Nach einigen Minuten ist die Jagd erfolgreich. Der Gedanke gibt sich zu erkennen: Koi.
Wieder wendet Kostrow sich von seiner Arbeit am Computer ab, blickt auf seinen Partner, der sich mit dem Kaffeebecher in beiden Händen im Besuchersessel räkelt. "Sag mal, könntest du mir bei einer Sache helfen?"
"Definiere Sache."
"Hat nichts mit der Agentur zu tun. Da ist etwas, das mir seit einigen Wochen nicht aus dem Kopf geht."
"Liebeskummer? Wenn es um Miriam geht, lass jede Hoffnung fahren. Ich bin in jedem Fall auf ihrer Seite, du Beziehungszombie."
"Nein, nichts in der Art. Ich beobachte da seit einiger Zeit etwas im ... was soll das heißen, Beziehungszombie?"
"Vergiss es."
"Nein, jetzt will ich es wissen. Inwiefern bin ich ein Beziehungszombie?"
"Ich sagte schon, vergiss es."
"Ich bin kein Beziehungszombie!"
"Wenn du es sagst."
"In welchem Kontext könnte ich ein Beziehungszombie sein? Ich liebe Miriam, bin aufmerksam, einfühlsam, treu ..."
Sieblat lässt ein lautes Niesen hören, das entfernt wie Sira klingt. "Entschuldigung, leichter Fall von Quatschgrippe."
Das lässt Kostrow verstummen. "In Ordnung, verstanden", murmelt er schließlich.
"Miriam ist eine absolute Traumfrau, die eine Witzfigur wie du nicht verdient hat. Leck dir täglich alle Finger, dass sie sich mit dir abgibt, und überlege, was du da tust."
"Ich sage doch, ich habe dich verstanden. Aber darum geht es gar nicht."
"Sondern?"
"Warst du letztens im Tartufo Nero?
"Dem Italiener am Viktualienmarkt? In letzter Zeit nicht, Marlen steht derzeit auf afghanische Küche."
"Kannst du dich an das Aquarium erinnern?"
"Die Kois? Natürlich. Das ist seltsam."
"Du findest das also auch?"
"Selbstverständlich. Japanische Luxusfische in einem italienischen Edelrestaurant, da ist eindeutig etwas faul."
"Himmel, bin ich froh. Ich dachte schon, ich fange an zu spinnen. Hast du eine Theorie?"
"Genau genommen zwölf."
"Zwölf!"
"Alle nicht substantiiert. Da müsste man voll einsteigen, um weiter zu kommen. Aber da es kein Auftrag ist, kümmere ich mich nicht weiter darum."
"Interessiert dich denn nicht, was dahinter steckt?"
"Nicht wirklich."
"Also, mich macht das wahnsinnig."
"Dann mach dich doch daran!"
"Geht nicht, ich muss mich auf Muhrmann konzentrieren, Und dann sind da noch die beiden Sachen von Global Automotive, die wollen bis Monatsende einen Zwischenbericht."
Stephan Sieblat steht auf. "Tja, das ist der Fluch des Erfolgs." Er geht in den Empfangsraum und stellt seine Kaffeetasse in die Spüle. "Dann bis morgen." Nach einem kurzen Winken verschwindet er durch die neu beschriftete Glastür.
Kostrow erinnert sich daran, was Stephan Sieblat über den Münchner Ostbahnhof gesagt hat. Einer der schönsten hässlichen Bahnhöfe Europas. Er blickt durch die Scheibe des Imbissladens auf die belebte Ladenzeile. Die Uhr im Zeitungskiosk gegenüber zeigt vierzehn Minuten nach zwölf. Der mittägliche Stoßverkehr ist in vollem Gange. Auf dem Weg vom Haupteingang zu den Gleisen muss fast jeder hier vorbei, eine überdachte Nabelschnur zwischen Stadt und Reiseverkehr. Trotz der umfassenden Umbauten und Renovierungsarbeiten ist das Ambiente unpersönlich, abweisend, kalt, wie zuvor. Dennoch ist der Bahnhof einer der Brennpunkte des Viertels, den Geschäften der Ladenzeile geht es glänzend.
Schlagartig, ohne Vorwarnung, überrollt Kostrow eine dunkle Woge tiefster Mutlosigkeit. Es ist, als wäre das bisherige Leben eine lückenlose Abfolge absurder, zielloser und überflüssiger Aktionen gewesen. Es ist, als wäre jedes Bemühen, der Zukunft Inhalt zu verleihen, ein sinnwidriges Vorhaben, aussichtslos, ausweglos. Es ist, als hätte jemand eine strategisch wichtige Sicherung herausgeschraubt. Es ist, als gäbe es eine ganz persönliche Verdammnis, nur für ihn geschaffen. Nein, nicht jetzt, nicht schon wieder! Es wird schlimmer, von Mal zu Mal. Und es wird immer schwieriger, zur Oberfläche aufzusteigen, sie zu durchstoßen und in bewohnbaren Lebensraum zurückzukehren. Kostrow schließt die Augen, versucht, regelmäßig zu atmen, die bisher wirksamste Gegenstrategie. Langsam verwehen die dunklen Schwaden.
Nach einer gefühlten Ewigkeit, die etwa eine Minute dauert, ist der Anfall überwunden. Luong Thi Han kommt hinter der Ausgabetheke hervor, zwängt sich mit Kostrows Bestellung durch den voll besetzten Imbissladen. Er stellt den Teller auf das schmale Ablagebrett, das vor dem Fenster angebracht ist. Kostrow schüttelt die letzten Schatten ab, blickt den Vietnamesen an. "Danke, Luong."
"Immer Freude wenn kommen", sagt Thi Han mit einer leichten Verbeugung und kehrt in den Kochbereich zurück. Der außergewöhnliche Duft der Currywurst auf seinem Teller erinnert Kostrow daran, warum er sich immer wieder freiwillig in die menschenfeindliche Umgebung dieser zugigen Bahnhofspassage begibt. Mit Heißhunger stürzt er sich auf die Wurst. Keine andere Currywurst kann da mithalten, einschließlich aller Currywursttempel Berlins.
Durch die Scheibe sieht er Michail Lasarew auf den Imbiss zugehen und eintreten. Der Ukrainer drängt sich zwischen den Gästen hindurch neben Kostrow. "Komischer Treffpunkt", brummt er anstelle einer Begrüßung.
"Die Currywurst ist es wert."
"Currywurst ist gepresster Dreck."
Kostrow muss lachen. "Ach was, Michail, du hattest nur einen schlechten Start damit. Gönne dir eines von Luongs Meisterwerken, dann wirst du anders darüber denken."
"Ich esse doch keine Currywurst, die ein Chinese macht."
"Erstens ist er Vietnamese, und zweitens sollte man nicht vorschnell urteilen. Probier es einfach."
"Danke, kein Bedarf."
"Na los, Genosse, ich lade dich ein." Mit mürrischer Miene zuckt Lasarew die Schultern. Kostrow wendet sich dem Imbissbesitzer zu, reckt einen Arm hoch und zeigt von oben auf Lasarew, während er mit den Lippen lautlos das Wort Currywurst formt. Thi Han nickt bestätigend.
Lasarew sieht Kostrow an. "Also, worum geht es?"
Kostrow wischt sich mit der kleinen Papierserviette Currysauce aus den Mundwinkeln. "Bist du frei?"
"Teilweise."
"Kannst du ein Undercoverprojekt übernehmen?"
"Kommt drauf an."
"Was soll das nun wieder heißen?"
"Das ist abhängig von Termin, Dauer und Manpower."
"Es müsste ziemlich bald losgehen."
"Was heißt bald?"
"Diese Woche, am besten innerhalb zwei Tagen."
Von Lasarews Pokerface ist nichts abzulesen. "Wie lange?"
"Schwer zu sagen. Es kommt darauf an, wie schnell ihr fündig werdet. Ich schätze, maximal eine Woche."
"Mit wie vielen Leuten kann ich reingehen?"
"Wie viele hast du aktuell?"
"Drei. Die anderen haben Kontrakte bis zum Quartalsende."
Thi Han bringt die Currywurst, stellt sie vor Lasarew ab. Der blickt mit Todesverachtung darauf. "Nicht wollen?", fragt der Vietnamese besorgt.
"Doch, Luong, alles wunderbar", sagt Kostrow lächelnd. "Vielen Dank." Mit einer erneuten Verbeugung zieht sich der Imbisschef zurück.
"Drei Leute und du wären zu auffällig. Schaffst du es mit zwei Leuten?"
"Kommt darauf an, was die Aufgabe ist."
"Der Auftraggeber wird gehackt."
"Dachte ich mir schon."
"Es geht vor allem um seine Projektdatenbanken. Da ist offenbar jemand eingedrungen."
"Das kann doch jeder normale Datenanalyst mühelos reparieren. Wozu braucht ihr da eine Undercoveraktion?"
"Wie es aussieht, hatten die Angreifer Hilfe von innen. Die implantierten Bots und lokalen Crawler lassen darauf schließen."
"Und wir sollen herausbekommen, wer die Bösen sind."
"So ist es. Ihr geht rein als Mitarbeiter des Systemanbieters, die die Möglichkeiten einer Netzwerkoptimierung prüfen."
"Mit Wissen des Systemanbieters?"
"Nicht, wenn es vermeidbar ist."
Lasarew versinkt in Überlegungen. Geduldig wartet Kostrow auf seine Antwort.
"Könnte funktionieren", sagt Lasarew schließlich.
"Nimmst du an?"
Lasarew blickt auf seine Currywurst. "Wenn ich dieses Dreckszeug nicht essen muss."
"Jetzt probier doch erst einmal."
Aus den Augenwinkeln wirft Lasarew dem Detektiv einen zweifelnden Blick zu. Seufzend schneidet er schließlich ein kleines Stück Wurst ab und steckt es in den Mund. Sekunden später reißt er die Augen auf. "Wahnsinn!"
"Na siehst du", sagt Kostrow lächelnd.
"Das ist Currywurst?"
"Das ist Luongs Currywurst. So etwas findest du auf der ganzen Welt nicht noch einmal."
Lasarew hat bereits ein weiteres, erheblich größeres Stück in den Mund gesteckt und kaut genussvoll darauf herum. "Das ist hervorragend. Wie wird das gemacht?"
"Genau genommen sind es zwei Geheimnisse. Das eine ist die Sauce. Niemand weiß, wie er die so hinbekommt."
"Wahrscheinlich vietnamesische Gewürze."
"Gut möglich."
"Und das zweite Geheimnis?"
Kostrow lacht. "Das ist die Wurst selbst. Er verwendet koschere Würste aus einer Schächterei in Bad Tölz."
"Koschere Currywurst?"
"Könnte man so sagen."
Genussvoll isst Lasarew den Rest der Wurst.
"Also, was ist? Übernimmst du den Job?" fragt Kostrow, nachdem er fertig ist.
"Standardhonorar?"
"Wie immer."
"Sag den Leuten, dass wir übermorgen anrücken."
Kostrow zieht den vorbereiteten Zettel mit Muhrmanns Kontaktdaten aus der Tasche und legt sie neben Lasarews Teller. "Sag es ihm selbst." Er klopft dem Hacker freundschaftlich auf die Schulter und geht zur Ausgabetheke, um zu bezahlen.
Die Pumpe der Espressomaschine dröhnt lautstark durch die Küche, ihr baldiges Ende vorausahnend. "Auch einen Cappuccino?", ruft Kostrow durch die halb geöffnete Tür.
"Gerne", kommt es von Miriam leise zurück.
Kostrow balanciert die beiden randvollen Tassen über den Gang ins Wohnzimmer, wo Miriam auf der Couch ausgestreckt liegt und in einem Magazin blättert. Es stellt die Tassen auf dem Couchtisch ab, lässt sich in einen der beiden Sessel fallen. Im Fernsehen ereifert sich eine Talkrunde bei heruntergeregeltem Ton über ein fraglos wichtiges Thema.
"Ich hab's immer gewusst", sagt Miriam, den Blick auf einen Artikel in ihrem Magazin gerichtet.
"Was hast du gewusst?"
"Du bist emotional belastet."
"Ich bin was?"
"Emotional belastet. Steht hier."
"Über mich steht etwas in der Illustrierten?"
"Nicht über dich persönlich, Torfkopf! Aber die Anzeichen sprechen dafür, eindeutig."
"Anzeichen, aha."
"Hast du Probleme, deine Gefühle zu artikulieren?"
"Überhaupt nicht."
"Doch, hast du."
"Hab ich nicht."
"Mir gegenüber artikulierst du deine Gefühle nie."
"Ach, wirklich!"
"Ja, wirklich. Ich erfahre nie, wie es wirklich in dir aussieht."
Kostrow bemerkt den inneren Widerspruch dieser Behauptung. "Woher willst du das wissen?"
"Blöde Frage. Eben, weil du mich nie an deinen wahren Gefühlen teilhaben lässt."
"Woher weißt du das?"
"Das fühle ich."
"So, das fühlst du. Dann pass mal auf. Um beurteilen zu können, ob ich dir meine wahren Gefühle eröffne, müsstest du sie erst kennen. Aber du kennst sie nicht, weil ich sie – wie du mir ja gerade vorwirfst – nicht verrate. Woher willst du also wissen, dass das, was ich dir eröffne, nicht meine wahren Gefühle sind?"
Miriam lässt das Magazin sinken, blickt Kostrow einige Sekunden verblüfft an. Schnell gewinnt sie die Kontrolle zurück. "Typisch. Wenn du kein Argument mehr hast, kommst du mir mit Logik."
Kostrow lacht schallend. "Das nenne ich den Spieß gekonnt umdrehen!"
Miriam vertieft sich wieder in ihr Magazin. "Wie ich sage, emotional belastet."
"Na, dann will ich mal etwas für meine emotionale Entlastung tun." Er drückt sich aus dem Sessel und setzt sich neben Miriam auf die Couch. Er beugt sich über sie und küsst sie lange und intensiv. Das Magazin gleitet aus Miriams Hand und fällt zu Boden. Ihre Arme schließen sich fest um ihn, ziehen ihn enger an sich. Willig gibt sie sich der Liebkosung hin.
Nach einiger Zeit lösen sie sich voneinander. Kostrow kehrt zu seinem Sessel zurück, nimmt einen Schluck des inzwischen fast kalten Getränks. Er zieht sein Smartphone aus der Hemdtasche, stellt die Bluetooth-Verbindung zur Stereoanlage her und startet eine seiner Lieblings-Playlisten. Die melancholischen Klänge des Tango Nuevo schweben durch den Raum, in seltsamem Kontrast zu der hektischen und selbstgefälligen Mimik der stummen Talkgäste auf dem Fernsehschirm.
"Wollen wir kochen, oder soll ich etwas bestellen?", fragt Kostrow.
Miriam blickt auf ihre Armbanduhr, die Viertel vor neun anzeigt. "Wie wär's, wenn wir ausgehen?"
"Wirklich? Sollen wir wieder ins Tartufo Nero, oder möchtest du woanders nichts essen?"
"Blödmann. Ich hatte eben gerade keinen Hunger. Und außerdem meinte ich richtig ausgehen. Etwas essen, bei Charles einen Cocktail schlürfen und später in einen Club."
In Kostrow macht sich ausgiebige Unlust breit. "Muss das sein? Ich bin echt erschossen."
"Du bist immer erschossen. Wann bist du nicht erschossen? Aber am erschossensten bist du, wenn ich ausgehen will."
"Ich bin nicht immer erschossen."
"Doch, bist du."
"Ich kann zu dir rüberkommen und dir zeigen, wie nicht erschossen ich bin."
Miriams Mundwinkel zucken. "Angeber. Aber zum Ausgehen bist du dann doch zu erschossen."
"Es kommt halt auf den Nutzeffekt an", sagt Kostrow grinsend.
"Ich gebe dir gleich einen Nutzeffekt. Heute will ich ausgehen, und nichts mit Nutzeffekt."
"Spielverderberin."
Miriam erhebt sich von der Couch und stellt sich vor Kostrow. Nur mit einem T-Shirt bekleidet, präsentiert sie ihm den Blick auf ihre langen, schlanken Beine. "Nun sei lieb, und raffe dich auf."
Kostrow umfasst ihre Taille und zieht sie auf seinen Schoß. "Bist du sicher, dass das die richtige Strategie ist, um mich zum Ausgehen zu bewegen?" Er sieht sie lächelnd an.
Schnell reißt sie sich los, springt auf und funkelt ihn zornig an. "Denkst du immer nur an das eine?"
"Kommt auf dich an", erwidert er grinsend.
Sie verschwindet durch die Wohnzimmertür, macht sich auf den Weg ins Schlafzimmer. "Jetzt mal im Ernst", ruft sie herüber. "Lass uns ausgehen, ja?"
"Heute nicht, Süße. Wenn du keine Lust hast zu kochen, bestelle ich was, in Ordnung?"
Miriam kommt ins Wohnzimmer zurück, ihre Kleidung durch Jeans vervollständigt. Das Signal ist unmissverständlich. "Es ist wirklich schlimm mit dir. Nie willst du raus."
"Nie kann man auch nicht sagen."
"Doch, kann man. Wann waren wir schon richtig aus?"
"Schon oft."
Jetzt wird Miriam ernsthaft ärgerlich. "Totaler Quatsch! Wir waren noch nie richtig aus, höchstens mal kurz in der Mittagszeit in irgendeinem blöden Restaurant."
Kostrow kramt in seiner Erinnerung und muss ihr Recht geben. "Na ja, das stimmt vielleicht. Aber ich verspreche dir, dass es besser wird. Ich werde häufiger mit dir ausgehen, verlass dich drauf."
"Das hast du schon oft gesagt."
"Diesmal meine ich es wirklich so. Wir werden öfter ausgehen, versprochen."
Miriam blickt ihn entschlossen an. "Weißt du was? Jetzt verspreche ich dir auch etwas. Wenn du dich in dieser Hinsicht nicht änderst, werde ich eben alleine ausgehen. Und ob ich dann immer in derselben Nacht zu dir zurückkomme, kann ich dir nicht sicher zusagen."
Kostrow starrt sie an. "Das meinst du nicht wirklich."
"Und ob ich das meine."
"Nein, das machst du nicht."
"Willst du es ausprobieren?"
"Süße, das wirst du mir doch nicht antun."
"Das hängt ganz von dir ab."
"Ich habe doch schon versprochen, dass wir öfter ausgehen werden."
"Auf deine Versprechen gebe ich nicht mehr viel. Beweise, dass es dir ernst ist."
"Das tue ich doch! Gleich morgen können wir ausgehen, oder besser übermorgen, morgen habe ich ein paar stressige Termine."
"Ich geb's auf." Miriam wendet sich ab, geht auf die Diele zu.
"Wo willst du hin?"
"Ich gehe aus."
"Was??", ruft Kostrow erschreckt. "Nein!"
Sie nimmt ihre Jacke und Umhängetasche von der Garderobe, zieht die Jacke an und streift die Tasche über die Schulter. Schließlich schlüpft sie in ihre Schuhe, greift nach den Hausschlüsseln auf der Kommode und legt die Hand auf die Klinke der Wohnungstür.
"Miriam, bitte tu das nicht. Das ist unfair."
Miriam erstarrt in der Bewegung, dann dreht sie sich um, geht mit schnellen Schritten ins Wohnzimmer zurück, die nackte Wut im Gesicht. Dicht vor Kostrow bleibt sie stehen. "Ach, das ist unfair? Willst du wirklich mit mir über Fairness diskutieren?"
"Ich meinte doch nur ..."
"Du siehst in mir wohl so eine Art Mischung aus Stofftier und Hauskatze, oder? Angenehm im Haus zu haben, immer flauschig, gut fürs Seelenleben und andere Dinge, aber nicht wirklich ein Mensch."
"Das ist doch blühender Unsinn!"
"Ist dir schon einmal in deinem egozentrischen Seelenpalast die Idee gekommen, dass ich auch Bedürfnisse habe?"
"Natürlich weiß ich, dass du Bedürfnisse ..."
"Ach wirklich? Ach wirklich?" Miriam schäumt vor Wut.
"Miriam, Kätzchen, bitte beruhige dich doch!"
"Offenbar glaubst du, dass du jedes Problem mit deinem Schwanz lösen kannst."
"Das ist jetzt wirklich unfair", sagt Kostrow leise.
Das beruhigt Miriam etwas. "Ja, vielleicht. Aber es ändert nichts daran, dass ich es bald nicht mehr aushalte. Ich komme mir vor wie im offenen Strafvollzug."
"Immerhin offen", versucht es Kostrow mit einem schmalen Lächeln. Falsche Entscheidung.
"Nun werde bloß nicht komisch, du Idiot. Das ist kein Spaß."
"Ja, das ist mir sehr deutlich geworden."
Miriam blickt ihn schwer atmend an. "Wenigstens etwas", sagt sie schließlich.
"Kätzchen, ich habe nicht geahnt, dass dich mein Verhalten so verletzt. Es tut mir wahnsinnig leid. Ich verspreche dir, dass ich mich ernsthaft, wirklich ernsthaft, in dieser Richtung bessern werde. Ich habe nur eine Bitte. Gib mir einen Tag Zeit. Ich kann mich nicht in Lichtgeschwindigkeit umstellen. Lass uns heute noch hier bleiben, in Ordnung?"
Wieder blickt Miriam ihn lange schweigend an. "In Ordnung." Sie legt sich wieder auf die Couch.
"Dann bestelle ich jetzt etwas, okay? Was wäre dir lieber – Pizza, asiatisch, Texmex?"
Miriam greift nach der Fernsteuerung, schenkt den eifrigen Talkgästen eine Stimme, die sich dissonant mit den Klängen des Tango Nuevo mischt.
"Mir egal", sagt sie.
Die mittägliche Sonne heizt das Pflaster auf. Auf seinem Weg zur U-Bahn schreckt Kostrow aus seiner Grübelei auf – das Stück Erinnerung seit dem Verlassen von Miriams Wohnung scheint zu fehlen. Der Gedankensturm um Enzo Milano und seine Kois dominiert seine geistigen Prozesse. Habe ich mich überhaupt verabschiedet? Es sind nur kostspielige Zierfische, nichts weiter. Ich werde doch nicht grußlos aus der Wohnung gestolpert sein? Auch Stephan glaubt, dass mehr hinter den Kois steckt als es den Anschein hat. Habe ich ihr wenigstens einen Kuss gegeben? Stephans Intuition darf nicht auf die leichte Schulter genommen werden, das hat sich in der Vergangenheit schon oft erwiesen. Wie konnte mir derart entgehen, was ihr auf dem Herzen liegt? Japanisches und italienisches Design sind artverwandt, Milanos Argument ist nicht von der Hand zu weisen. Ich scheine ein ziemlicher Gefühlsklotz zu sein. Trotzdem gibt es da etwas. Möglicherweise bedeutet mir Miriam nicht so viel wie ich angenommen habe.
Die Kois sind plausibel. Ihre Anwesenheit im Tartufo Nero ist plausibel. Was nicht erklärbar scheint, sind die beiden Elemente in Verbindung mit Milano. Es liegt an ihm. Es sind nicht die Kois, die da nicht hineinpassen. Es ist Enzo Milano.
Kostrow kommt an der Bar Grande Monaco vorbei. Der Duft aus der chromblitzenden Espressomaschine steigt ihm in die Nase. Die mit Vanillecreme gefüllten Bomboloni in der Glasvitrine lassen ihm das Wasser im Mund zusammenlaufen. Haben wir überhaupt gefrühstückt? Verwirrt nimmt er zur Kenntnis, dass die Erinnerungslücke größer ist als angenommen. Natürlich, sagt sein Verstand. Nein, sagt sein Magen. Er betritt die Bar, bestellt an der Theke einen Café Macchiato und lässt sich einen Bombolone geben, den ihm der Barista in einer Serviette reicht. Genussvoll beißt er in die süße Sünde. Ein Schluck des mit geschäumter Milch aufgefüllten Espresso weckt seine Lebensgeister. Milano hin, Kois her, ich sollte mich nicht verrückt machen.
Kostrow verlässt die Bar und bemerkt sofort die schwarze Stretchlimousine, die fünf Meter weiter in Richtung U-Bahn-Station in einer Einfahrt parkt. Kostrow seufzt. Unerwartete Auftritte seines mächtigen Klienten wie diesen ist er bereits seit einiger Zeit gewöhnt.
Er öffnet die hintere Tür und lässt sich auf die wuchtige Lederbank sinken. Er zieht die Tür zu und blickt auf den Passagier neben sich. "Sie sind auch am Wochenende aktiv, Herr Mossner?“
Dorian Mossner lächelt. "Es gibt viel zu tun.“
"Da haben Sie wohl recht.“
Mossner, wie üblich im schwarzen Anzug mit hellblauem Hemd und gestreifter Krawatte, nimmt einen in glänzend lackiertem Wurzelholz gehaltenen Humidor von der Seitenkonsole und hält ihn Kostrow geöffnet entgegen. Die Cohiba Robusto schimmern verführerisch, doch Kostrow fühlt noch den Nachgeschmack des Kaffees und des Bombolone am Gaumen. "Vielen Dank, aber dafür ist es noch etwas zu früh für mich."
Der zweiundfünfzigjährige Manager bei Global Automotive stellt den Humidor zurück und wendet sich wieder Kostrow zu. "Es gibt neue Entwicklungen.“
"Das hatte ich schon vermutet."
"Zunächst einmal: Ihre beiden laufenden Aufträge sind storniert.“
Ein eisiger Schreck durchzuckt Kostrow. Noch ein Kunde, bei dem er minderwertige Arbeit abgeliefert hat?
Mossner sieht seine Reaktion und lächelt wieder. "Beruhigen Sie sich, das hat nichts mit Ihnen zu tun. Wir haben die Bearbeitung der Vorgänge unserer Internen Division übergeben, weil wir Sie für etwas Wichtigeres brauchen.“
"Wichtiger als die Werkspionage in Ihrer Wasserstoff-Entwicklungsabteilung?“
"Erheblich wichtiger.“
"Aber ein Informationsleck bei der Entwicklung eines massentauglichen Wasserstoffantriebs kann sich existenzgefährdend auswirken!“
"Das bekommen wir schon in den Griff.“
"Sie wissen, dass wir bereits erste Spuren nach Südchina ausmachen konnten.“
"Allerdings. Angesichts der kurzen Zeit, die Sie erst ermitteln, eine ausgezeichnete Leistung.“
"Dann wäre es vielleicht sinnvoll, uns auf dieser Schiene weitermachen zu lassen.“
"Mit Hilfe des Materials, das Sie uns geliefert haben, können wir den Fall selbst zum Abschluss bringen.“
"Was Sie noch nicht wissen – oder wissen Sie es schon? – wir konnten ein zweites Informationsleck lokalisieren, dass nach Rumänien weist.“
"Sie haben das in Ihrem Zwischenbericht angedeutet. Auch das haben wir in unseren Interventionsplan eingearbeitet."
"Ich weiß nicht, ob ich Sie schon darauf hingewiesen habe – gerade in Fällen verzweigter Informationslecks wenden wir eine besondere Form der rekursiven Informationskopplung an, die in der Regel zu spürbar beschleunigten Ermittlungserfolgen führt.“
Mossner lacht. "Herr Kostrow, Sie müssen nicht für sich werben, uns sind Ihre besonderen Fähigkeiten wohlbekannt. Wir wissen, dass Sie die Ermittlungen in Sachen Wasserstoffantrieb schneller als wir zum Abschluss bringen könnten, aber wir nehmen die Verzögerung bewusst in Kauf, um Sie in einer anderen Sache einsetzen zu können.“
"Und das ist auch beim Rekrutierungsangriff von Derelco Logistics der Fall?“
"Damit sind Sie doch ohnehin schon fast durch, oder? Was Sie uns bisher gebracht haben, genügt eigentlich schon, um die Klage zu entwerfen.“
"Aber das Ganze ist noch nicht wasserdicht. Wir haben zwar Unterlagen sichergestellt, die die erfolgreiche Abwerbung von sieben Executives Ihrer Führungsebene beweisen. Aber was noch fehlt, ist der Nachweis, dass die Abwerbeaktivitäten auch heute noch andauern und sogar an Intensität zugenommen haben. Das erst würde die Klage substanziell aufwerten.“
"Das sehen Sie richtig. Auch hier wird die Interne Division den Rest erledigen. Es wird Sie vielleicht interessieren, dass wir, aufbauend auf Ihren Ermittlungen, eine Klage im Umfang von sechs Milliarden Dollar vorbereiten. Machen Sie sich auf einen warmen Provisionsregen gefasst, sobald wir damit erfolgreich sind.“
Kostrows Herz scheint einen Schlag zu überspringen. "Das hört man allerdings gerne."
Mossner holt eine Zigarre aus dem Humidor, guillotiniert sie mit dem Abschneider aus der Seitentasche seines Sakkos und steckt sie in den Mund. Mit einem Gasdruckfeuerzeug, das er von der Seitenkonsole nimmt, brennt er sie sorgfältig an und nimmt einen genussvollen Zug. "Dann wollen wir mal über die neue Sache sprechen.“
"Jetzt bin ich wirklich gespannt.“
"Als erstes sollten Sie wissen, dass Sie gestern ein Hauptthema unserer Aufsichtsratssitzung waren.“
"Im positiven Kontext, hoffe ich.“
"Es ging um die Frage, ob wir Sie zum Klasse-drei-Geheimnisträger machen sollen, denn das ist die Voraussetzung für die Auftragsvergabe.“
"Klasse drei?“
"Allerdings.“
"Und wie viele Klassen gibt es?"
"Drei.“
"Oh.“
Mossner blickt abwartend auf Kostrow.
"Wenn ich eine Vermutung wagen darf – die Abstimmung ging zu meinen Gunsten aus.“
Mossner schmunzelt. "Woraus schließen Sie das?“
"Ich denke, im anderen Fall würden wir jetzt nicht hier sitzen.“
"Ich sehe, wir haben aufs richtige Pferd gesetzt. Richtig, der Aufsichtsrat hat sich für die Freigabe auf Stufe drei ausgesprochen.“
"Einstimmig?“
"Elf zu fünf.“
Elf zu fünf. Besonders stabil ist meine Position bei GA noch nicht. "Na immerhin."
"Machen Sie sich nichts draus. Normalerweise quetschen wir Beschlüsse mit zwei bis drei Stimmen Vorsprung durch.“
"Ich werde auf jeden Fall alles tun, damit die nächste Abstimmung mich betreffend dreizehn zu drei ausgeht.“
"Ich denke, wenn Sie in dieser Sache unsere Erwartungen erfüllen, wird Sie betreffend in Zukunft keine weitere Abstimmung erforderlich sein.“
"Na, dann werde ich mich mal ranhalten. Worum geht es?“
"Zunächst die Klasse-drei-Information: Global Automotive hat weitere, nicht offizielle Unternehmensbereiche."
"Tatsächlich! Und welche?“
"Der Bereich, der Sie betrifft, sind Waffensysteme.“
"Waffensysteme!“
"Allerdings. Wir entwickeln Waffensysteme der nächsten Generation.“
"Aber wie konnten Sie das unter der Decke halten? Waffensysteme lassen sich nicht in Hinterhofgaragen entwickeln."
Mossner lächelt wieder. "Das, lieber Herr Kostrow, ist eine Information, die Sie nicht betrifft."
"Verstehe."
"Was unsere Entwicklungstätigkeit so brisant macht, ist der Umstand, dass wir auf einem anderen Gebiet Fortschritte gemacht haben, die der Welt ebenfalls verborgen geblieben sind.“
"Und das wäre?“
"Quantencomputer.“
"Quantencomputer?"
"Sie wissen doch, was Quantencomputer sind?“
"Natürlich. Es sind Computer, die nach den Prinzipien der Quantenmechanik funktionieren. Ich muss zugeben, dass ich schockiert bin.“
"Aus welchem Grund?“
"Nach allem, was man hört, soll es verwendbare Quantencomputer erst in zehn bis zwanzig Jahren geben. Wie ist es möglich, dass Sie so weit voraus sind?“
"Auch das ist eine Information, die Sie ...“
"... nicht betrifft, schon klar.“
"Nachdem ich schon dabei bin, Sie zu erschrecken, hätte ich noch eine Sache.“
"Was kommt jetzt?“
"Vielleicht kommen Sie selbst drauf. Welche technische Entwicklung profitiert besonders intensiv von der Existenz von Quantencomputern?“
Kostrow verfällt in Grübelei. Welche technische Entwicklung? Alle wohl, oder? Was ist das besondere Merkmal von Quantencomputern? Die Rechengeschwindigkeit wohl. Und welche technische Entwicklung benötigt hohe Rechengeschwindigkeit? Raumfahrt? Meteorologie? Astrophysik? Kein Schimmer, dafür bin ich wohl nicht intelligent genug.
Intelligent.
"Künstliche Intelligenz, vermute ich mal.“
"Sie vermuten richtig. Auf der Basis unseres Quantencomputers QC6 haben wir ein intelligentes Bewusstsein mit einer Kapazität von 2 RU entwickelt.
"Und was wird wohl RU bedeuten?“
"Rational Unit. Damit bezeichnen wir die intellektuelle Kapazität eines durchschnittlich intelligenten Menschen mit einem IQ von 115.“
"Soll das heißen, dass dieses ... Bewusstsein ... einen IQ von 230 hat?"
"So muss man das wohl ausdrücken.“
"Dann ist ihr Superhirn also intelligenter als jeder Mensch, der je gelebt hat.“
"So gut wie. Es gibt einen Menschen mit diesem Intelligenzquotienten, nämlich den Mathematikprofessor Terence Tao.“
"Ehrlich gesagt, mir schwirrt der Kopf."
"Das kann ich verstehen, aber es kommt noch besser.“
"Was nun noch?“
"Wir haben einen Gefechtsroboter entwickelt, der mit dieser Quanteneinheit bestückt ist.“
"Ein Kampfroboter mit einem IQ von 230?“
"So ist es.“
"Meine Güte." Auf Kostrows Stirn bilden sich feine Schweißperlen.
"Sind Sie schockiert?“
"Ich muss zugeben, dass mich diese Vorstellung beängstigt.“
"Ist es nicht besser, Roboter ins Gefecht zu schicken, anstatt Menschen?“
"Kommt wohl darauf an, gegen wen sie antreten.“
"Da muss ich Ihnen Recht geben. Unsere Zielvorstellung ist natürlich, dass die Gefechtssituation ausgeglichen ist.“
"Sie meinen Roboter gegen Roboter.“
"So sieht es wohl aus.“
In Kostrows Kopf wirbeln die Gedanken durcheinander. Was für eine seelenlose Logik. Natürlich seelenlos, es sind Roboter. Das Argument ist bestechend – kein Einsatz von Menschenleben. Aber irgendwas stimmt da nicht. Das erinnert mich an das Argument der Waffenfreaks nach Schulmassakern, nach der die Lehrer auch hätten bewaffnet sein sollen.
"Ich gehe mal davon aus, dass alle Kriegsparteien ihre Gefechtsroboter von Ihnen beziehen.“
"Solange wir der einzige Hersteller sind.“
"Bei dem technologischen Vorsprung wird das wohl noch geraume Zeit der Fall sein.“
"Wollen wir es hoffen.“
"Und gleichzeitig befreien Sie die Welt von menschlichen Opfern bei Kriegshandlungen.“
"Darauf sind wir besonders stolz.“
"Ich nehme an, aus Ihrer Sicht stellt das eine Win-Win-Situation dar.“
"Aus Ihrer Sicht nicht?“
Jetzt ist es an Kostrow, zu grinsen. "Ich will mir natürlich nicht einen lukrativen Auftrag und das Verhältnis zu einem Kunden wie Ihnen verderben, aber meine Vorstellung einer Win-Win-Situation wäre eine Welt ohne Kriege."
Mossner lächelt ihn freundlich an. "Dafür habe ich jedes Verständnis. Ich denke, dieser Tag wird auch einmal kommen, und möglicherweise wird unser Beitrag ein wichtiger Baustein auf dem Weg dahin sein.“
"Wie darf ich das verstehen?“
"Sie werden sich sicher vorstellen können, dass wir exponentielle Planspiele zu unterschiedlichen Kriegsszenarien mit Gefechtsrobotern angestellt haben."
"Wozu hat man auch Quantencomputer.“
"Sie sagen es. Zusätzlich zur Vermeidung menschlicher Verluste kommt noch ein anderer Effekt zum Tragen: das Kräftegleichgewicht.“
"Weil die Roboter auf beiden Seiten die gleiche Intelligenz haben?
"So ist es. Auch bei Weiterentwicklung des IQ werden sich immer ungefähr gleich intelligente Roboter gegenüberstehen. Im Ergebnis werden die kriegsführenden Parteien fast nur noch Pattsituationen herbeiführen können, die durch ein Waffenstillstandsabkommen oder einen Friedensvertrag beigelegt werden. Mit der Zeit wird sich die Erkenntnis durchsetzen, dass die eigentlichen Kriegshandlungen entbehrlich sind und man gleich in Verhandlungen eintreten kann.“
"Das ist aber ein sehr optimistischer Ansatz.“
"Nach unsere Analysen, die auf der Spieltheorie basieren, ist es eher ein realistischer Ansatz.“
"Ihr Wort in Gottes Ohr. Aber damit erledigt sich für Sie ein lukrativer Markt."
"Na wenn schon. Bis dahin ist die Wasserstofftechnik marktreif und wir können uns voll auf unser Kerngeschäft konzentrieren.“
"Das ist für ein gewinnorientiertes Unternehmen aber ein ungewöhnlicher Ansatz.“
"Hinter Global Automotive steckt mehr als es den Anschein hat.“
"Das Gefühl beschleicht mich auch langsam. Und welche Aufgabe habe ich bei der Sache?“
"Dazu komme ich jetzt. Bei den Funktionstests haben sich seit drei Wochen beunruhigende Fehlfunktionen eingeschlichen. In einer Reihe von Fällen zeigen Roboter eigenständige Verhaltensweisen."
"Und welche?“
"Sie wenden sich gegen ihre Klienten.“
"Klienten?“
"So bezeichnen wir die Benutzer, die ihnen ihre Kampfaufträge erteilen.“
"Sie greifen also die eigene Partei an?“
"So ist es."
"Gab es Opfer?“
"Glücklicherweise nicht. Vorerst kämpfen unsere Roboter mit Paintball-Gewehren.“
"Da kann man Ihnen nur gratulieren.“
"Wir haben über die Interne Division erste Ermittlungen angestellt. Wie es aussieht, wurden einige unserer Roboter gehackt.“
"Moment mal! Ich denke, sie sind mit Quantencomputern bestückt. Quantencomputer kann man nicht hacken, oder doch?“
"Im Prinzip nicht. Es sei denn, man hat selbst Quantencomputer und konnte mit ihrer Hilfe invasive Methoden entwickeln.“
"Aber Sie sind doch die einzigen, die heute bereits über Quantencomputer verfügen! Denken Sie, dass noch andere ähnliche Entwicklungen durchlaufen haben?“
"Ich glaube, eher nicht. Unsere Befürchtungen gehen in eine andere Richtung. Wir befürchten, dass wir nicht nur ein Datenleck, sondern auch eine physisch undichte Stelle haben.“
"Werkspione?“
"Eher Undercoveragenten. Die ID hat eine Datenspur in ein nicht befreundetes Land lokalisiert.“
"Ihre Interne Division? Und zwar?“
"Nordkorea.“
"Du liebe Zeit.“
"Wir befürchten, dass die Kim-Familie eine zweigleisige Strategie uns betreffend aufgesetzt hat. Einerseits massiven Technologietransfer nach Nordkorea, andererseits aggressive Sabotageprojekte in unserem Unternehmen, um die Ressourcen und die Datenbasis zu zerstören und das Personal zu eliminieren.“
"Das klingt ja apokalyptisch!“
"Wir befürchten, dass Nordkorea das Monopol für Quantencomputer, Gefechtsrobotik und künstliche Intelligenz von Deutschland nach Nordkorea verlagern will, um so eine unangreifbare Machtposition im konventionellen Bereich zu schaffen.“
"Sie meinen bei nicht-nuklearen Technologien?“
"Ganz genau.“
Kostrow schweigt betroffen. Mossner streift die Zigarrenasche vorsichtig am Rand des in die Seitenkonsole eingelassenen Aschenbechers ab.
"Sagen Sie, eigentlich dürfte das für Ihre ID kein großes Problem darstellen.“
Mossner zieht verwundert die Augenbrauen hoch. "Ihre Wertschätzung für unsere Interne Division schmeichelt mir.“
"Es geht doch wohl vor allem um die in Ihre Teams eingeschleusten Agenten, nicht wahr? Der Anteil asiatischer Mitarbeiter wird doch nicht allzu hoch sein, sehe ich das richtig?“
"Völlig richtig. Er beträgt Null.“
"Wie bitte?“
"Derzeit haben wir keinen einzigen asiatischen Mitarbeiter und keine einzige asiatische Mitarbeiterin, vom Aufsichtsrat bis zur Putzkraft. Der reine Zufall, aber so ist es nun mal.“
"Natürlich, die werden westliches Personal einsetzen“, murmelt Kostrow zu sich selbst.
Mossner nimmt einen tiefen Zug aus seiner Zigarre. "Wir brauchen Sie für einen zweigleisigen Prozess. Zum einen sollen Sie die Datenströme analysieren und das Netzwerk aufdecken. Möglicherweise sind weitere Länder beteiligt. Wir haben beispielsweise bestimmte Verdachtsmomente in Richtung Iran. Zum anderen sollen Sie die undichten Stellen in unseren Produktionsbereichen, Entwicklungsabteilungen und der Verwaltung identifizieren.“
"Und Sie denken nicht, dass die ID wegen ihrer Nähe zum Thema effektiver sein könnte?“
Mossner kneift die Lippen zusammen. "Ehrlich gesagt ...“
"Ja?“
"Also, das Folgende ist nicht offiziell. Ich habe das nie gesagt. Sollten Sie etwas in dieser Richtung behaupten, werde ich es mit allem Nachdruck dementieren.“
"Schon klar.“
"Es handelt sich nicht um die offizielle Meinung des Aufsichtsrats, sondern um die völlig unbestätigte und unbelegte Vermutung einer kleinen Fraktion.“
"Herr Mossner, ich werde Sie nicht zitieren. Wenn es etwas gibt, das ich wissen muss, dann wäre jetzt der richtige Augenblick.“
"Nun ja, ich ... wir vertrauen der ID nicht mehr im vollen Umfang.“
"Sie wollen andeuten, dass die ID möglicherweise unterwandert wurde?“
"Andeuten, das ist das richtige Wort.“
Nachdenklich starrt Kostrow aus dem Fenster auf die sonnendurchflutete Straße. Von etwas weiter hinten blinzeln die reflektierenden Fenster der Bar Grande Monaco zu ihm herüber. Jetzt wäre noch ein Café Macchiato recht. Er wendet sich wieder Mossner zu. "Das wird keine Kleinigkeit.“
"Die Kosten spiele keine Rolle.“
"Ich meine nicht die Kosten. Wir haben es hier mit einem gefährlichen und unkonventionellen Gegner zu tun.“
"Das ist mir klar. Deshalb habe ich Sie von den anderen beiden Projekten abgezogen.“
Wieder starrt Kostrow auf die Straße. Das wird unsere gesamten Ressourcen erfordern – und Stephan und Michail dazu. Wieder blickt er auf Mossner. "In Ordnung. Ich werde eine entsprechende Undercovermission entwerfen. In fünf bis sechs Tagen kann ich sie Ihnen präsentieren.“
"Sehr gut. Es kann allerdings sein, dass Sie schon vorher von uns hören.“
"Wieso das?“
"Das wird sich aus sich selbst heraus erklären.“
Schön gesagt. "Gut, ich höre dann von Ihnen.“
Mossner streckt ihm die Hand entgegen. "Machen Sie’s gut, Herr Kostrow.“
Er schüttelt die angebotene Hand. "Sie auch.“ Er öffnet die Tür und steigt aus. Langsam setzt sich der schwere Wagen in Bewegung, reiht sich in den Verkehr ein und entschwindet seinem Blick. Kostrow blickt auf seine Armbanduhr. Zurück in die Bar? Kostrow entscheidet sich dagegen. Dieser Samstag ist für persönliche Einkäufe eingeplant. Er geht auf die U-Bahn zu, die ihn ins Stadtzentrum bringen soll.
Lustlos blickt Kostrow auf eine Auslage der Corluccio-Boutique an der Maximiliansstraße. Sein Blick streift über die Anzüge, die auf kopflosen Figurinen um Beachtung ringen. Seufzend betritt er das Geschäft, bleibt in der Mitte des Eingangsbereichs stehen. Sein Blick irrt ziellos umher, dann auf die Vitrinen und Regale um ihn herum. Unentschlossen dreht er sich langsam um sich selbst.
Eine hübsche Rothaarige im schwarzen Hosenanzug tritt an ihn heran. "Kann ich Ihnen helfen?“
"Sagen Sie mir, dass ich keinen neuen Anzug brauche.“
Die Rothaarige lacht leise. "Sie shoppen nicht gerne?“
