Werthers Leiden - Emil Horowitz - E-Book

Werthers Leiden E-Book

Emil Horowitz

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Beschreibung

Was uns Johann Wolfgang Goethes Parabel vom tragischen Helden vermittelt, hat auch heute Gültigkeit – mehr noch als vermutet. Werther, der Mann, der nicht in die Welt passt – der jugendliche Held, der an seiner Leidenschaft zerbricht, hat in einer Gesellschaft sich zunehmend fragmentierender sozialer Strukturen eine fast schon alarmierende Aktualität. Doch erst die feinfühlige Übertragung in heutige Sprache durch den Journalisten Emil Horowitz legt die Brisanz, die chirurgisch präzise Psychologie der Protagonisten und das überbordende emotionale Universum der Epoche Sturm und Drang auch für Menschen unserer Zeit frei. Die Bearbeitung präsentiert den eindringlichen Text so, wie Goethe ihn vorgesehen hat: in zeitgenössischer Sprache, die dem Lebensgefühl und der Erfahrungswelt der Leser entspricht. Sturm und Drang vermittelt die Idee des Universalgenies, der sich jeden Tag neu erfindet – ganz so, wie es Millionen von Bloggern und YouTubern täglich tun. Heute mögen weniger Tränen fließen als zur Blütezeit der Aufklärung im ausgehenden achtzehnten Jahrhundert, aber die Emotionen kochen immer noch hoch und ergreifen unerbittlich Besitz von uns. Werther mag das Gebäude verlassen haben. Aber in unseren Herzen lebt er fort, leidenschaftlich, romantisch, unbelehrbar enthusiastisch.

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Seitenzahl: 205

Veröffentlichungsjahr: 2019

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Johann Wolfgang Goethe

Sturm und Drang 2.0:

Werthers Leiden

In heutige Sprache übertragen von Emil Horowitz

Vollständige eBook-Ausgabe April 2019

Urbis eBook

Deutsche Erstveröffentlichung © Copyright 2019 bei Emil Horowitz Titelbild: Emil Horowitz

Alle Rechte vorbehalten. Die Bearbeitung des Werks ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung der Bearbeitung – auch zeilenweise – ist nur mit Zustimmung des Verlags zulässig. Das gilt insbesondere für Vervielfältigungen, Übersetzungen  und die Einspeicherung und Verarbeitung  in elektronischen Systemen.

Erschienen im Urbis-Verlag

All you need is love.

John Lennon

Vorwort des Bearbeiters

Rückblickend kann ich nicht mehr nachvollziehen, wie ich auf die Idee kam, Die Leiden des jungen Werthers in heutige Sprache zu übertragen. Zum Zeitpunkt der Entscheidung kannte ich den Werther noch gar nicht, hatte ihn nie gelesen. Ich denke, es war wohl das lockende Versprechen der Literaturströmung Sturm und Drang, das mich unwiderstehlich anzog. Sturm und Drang – es klingt, als lägen darin Botschaften an unsere Zeit vorborgen.

Das kommt nicht von ungefähr. Die Kultur der Selbstdarbietung, wie wir sie seit dem Aufkommen der Netzkultur beobachten, hat eine berühmte Entsprechung in der Vergangenheit, eben in der aus der Aufklärung hervorgegangenen Strömung des Sturm und Drang mit ihrem Modell des Originalgenies.

Sturm und Drang birgt aus heutiger Sicht eine verblüffende Aktualität in sich. In der deutschen Literatur des ausgehenden 18. Jahrhunderts wendete sich das Persönlichkeitsideal der jungen Generation gegen Autorität und Tradition und hin zur Betonung überbordender Emotionen, ein Gefühlsuniversum, in dem Tränen noch nicht für Schwäche und Verweichlichung standen.

Die jungen Wilden setzten auf die Selbständigkeit des Originalgenies, das sein Erleben und seine Erfahrungen in eine individuelle künstlerische Form brachte und mit den Regeln der traditionellen Poetik sehr frei umging. Nicht anders verfahren heute Blogger und YouTuber.

Die Literatur des Sturm und Drang hätte uns heute viel zu sagen – wenn es die Sprachbarriere nicht gäbe. Der heute gültige pädagogische Ansatz, jungen (und älteren) Menschen die Texte in alter, ungewohnter Sprache zu erschließen, entspricht nicht unbedingt der literarischen Intention des Dichters. Die Autoren des Sturm und Drang, von Friedrich Schiller über Gottfried August Bürger bis Johann Wolfgang Goethe bedienten sich der aktuellen Sprache ihrer Zeit, die ihre Leserschaft direkt in deren Gegenwart abholte. Von den Lesern heute zu verlangen, sich in patinierte, nicht mehr gebräuchliche Sprache einzufühlen, ist ein kontraproduktiver Gedanke, wenn es um die Vermittlung der Inhalte, der Geisteswelt und der Gefühle des Sturm und Drang geht.

Das also ist der grundlegende Ansatz, der mich zu dieser Bearbeitung veranlasst hat. Aber es gibt noch eine Ebene darüber – oder darunter. Während meiner Arbeit wurde mir klar, dass es der tragische Held selbst war, der mich anzog, sogar schon, als ich nur oberflächliche, lückenhafte Informationen über seine Welt und sein Schicksal hatte. Während des Schreibens erkannte ich, worum es mir wirklich ging: die erstaunliche, nein, erschreckende Erkenntnis darüber, wie viel Werther in mir ist. Werther, eine Kerze, die an beiden Enden brennt, doppelt so hell, halb so lang. Werther, ein Mann, der nach und nach erkennen muss, dass er mit der Welt und ihrem Wirken nicht kompatibel ist. So ging es früher auch mir – öfter, als mir lieb war. Inzwischen habe ich erkannt, dass ich selbst es bin, der meine Welt passend oder unpassend macht. Ich selbst – keine höhere Macht, kein unwägbares Schicksal. Ich habe die Alternative, die Werther nie hatte.

Emil Horowitz

Erstes Buch

Die Geschichte des bedauernswerten Werther war nur schwer zu rekonstruieren. Was ich finden konnte, lege ich auf diesen Seiten dar. Ich denke, man wird es mir einmal danken, denn sein Geist und Charakter verdient unser aller Bewunderung und Liebe, sein Schicksal unser Mitgefühl und unsere Tränen. Und wessen empfindsame Seele unter dem Sturm und unter dem Drang zittert wie die seine, kann Trost schöpfen, und sei es aus seinem Leiden. Dieses Buch kann ein Freund sein, ein kluger Gefährte, wenn es keinen Weg aus der Einsamkeit gibt, verursacht durch das Schicksal oder durch eigene Schuld.

4. Mai

Froh bin ich, fort zu sein, und gleichzeitig: verwirrt. Alter Freund, wie soll es mir gelingen, dich zurück zu lassen, dich, den ich, ja, liebe, mit dem ich unzertrennlich war, und gleichzeitig froh sein – was für ein Widerspruch der Gefühle! Ich weiß, du wirst es mir verzeihen, denn du weißt, was mich treibt. Du weißt alles über meine übrigen Beziehungen, vom Schicksal ausgesucht, mir Furcht einzujagen. Arme Eleonore! Aber war es meine Schuld? Was kann ich für die penetranten Reize ihrer Schwester und die angenehmen Gefühle, die sie bei mir auslösten? Was kann ich für die Leidenschaft, die daraus erwuchs, zwangsläufig? 

Bin ich unschuldig? Nein, nicht völlig. Ich habe ihre Empfindungen genährt, habe mich an ihrem Körper erfreut, oft, so oft. Wir haben gemeinsam viel gelacht darüber, aber eigentlich gab es nichts zu lachen.

Schluss damit. Dieses dröhnende Selbstmitleid, du kennst das ja von mir. Ich will mich bessern, alter Freund. Das Winseln über ein bisschen eigenes Unglück wird ein Ende haben. Ich werde die Gegenwart genießen, das Vergangene vergangen sein lassen. Du hast natürlich recht, Freund, so ist der Mensch, das macht ihn aus: sich mit vergangenem Leiden zu beschäftigen, immer und immer wieder, statt die nackte Gegenwart zu akzeptieren. Wie viele Schmerzen könnten wir uns sparen, wären wir nicht, wie wir sind, Gott weiß warum. 

Sei so gut, mein Freund, meiner Mutter auszurichten, dass ich mich bestens um ihr Geschäft kümmern werde, und dass sie bald aktuelle Nachrichten darüber erhalten wird. Auch meine Tante habe ich schon getroffen. Sie ist bei weitem nicht das böse Weib, als das sie bei uns gilt. Im Gegenteil, sie ist eine lebhafte, energische Frau, die das Herz auf dem rechten Fleck hat. Ich erzählte ihr von den Klagen meiner Mutter über den zurückgehaltenen Erbschaftsanteil. Darauf eröffnete sie mir ihre Beweggründe und nannte die Bedingungen, unter denen sie bereit wäre, alles herauszugeben – sogar mehr als wir verlangen. Wie dem auch sei, ich möchte an dieser Stelle nicht ins Detail gehen. Bitte sage meiner Mutter, dass alles gut wird. Der kleine Konflikt hat mir wieder einmal bestätigt, dass Missverständnisse und Trägheit vielleicht mehr Schaden in der Welt anrichten als List und Bosheit, zumindest kommen diese seltener vor.

Übrigens: Mir geht es hervorragend hier. Die Einsamkeit wirkt wie Balsam auf meine Seele in dieser paradiesischen Gegend, und das Frühjahr, diese Jahreszeit der Jugend, mit all ihrer Pracht und Fülle, wärmt mein Herz. Dieses Herz, das sich oft so kalt anfühlt. Jeder Baum und jede Hecke wird zum Blütenstrauß. Man möchte zum Marienkäfer werden, in einem Ozean an Wohlgerüchen herumschwebend und nach Nahrung suchend.

Was für ein Kontrast: Hier die Stadt, in ihrer Art eher unangenehm, und sie umgebend die überwältigende Schönheit der Natur. Sie hat den verstorbenen Grafen von M. veranlasst, auf einem der Hügel einen Garten anzulegen, über den anmutigen Tälern, die von den sich vielfach kreuzenden Hügeln eingefasst werden. Es ist ein einfacher Garten, man spürt sofort, dass der Entwurf aus dem Herzen kommt und nicht aus dem wissenschaftlichen Geist, und dass der Erbauer ihn zum eigenen Genuss angelegt hat. In dem verfallenen, kleinen Kabinett, das sein Lieblingsplatz war und jetzt der meine ist, habe ich die eine oder andere Stunde verbracht und im Gedenken an den Verstorbenen auch die eine oder andere Träne vergossen. Bald wird es mein Garten sein, mit dem Gärtner verstehe ich mich gut, und auch er hat es mit mir wohl nicht schlecht getroffen.

10. Mai

Wie ein frischer Frühlingsmorgen hat eine wunderbare Heiterkeit meine Seele erfüllt. Ich genieße das Gefühl aus vollem Herzen, bin ganz für mich, voller Lebensfreude angesichts einer Gegend, die für Menschen wie mich wie geschaffen ist. Ich bin glücklich, alter Freund, so glücklich und versunken im Gefühl einer friedlichen Existenz, dass meine Kunst darunter leidet. Keinen Strich könnte ich jetzt zu Papier bringen, und gleichzeitig war ich nie ein größerer Maler als gerade jetzt! Ich empfinde die Nähe des Schöpfers, der mich nach seinem Bild schuf, in allem um mich herum: im dunstigen Tal, der hoch stehenden Sonne über der undurchdringlichen Finsternis des Waldes, meines Waldes, in dessen Innerstes sich nur vereinzelte Sonnenstrahlen stehlen. Ich liege im hohen Gras am dahinfließenden Bach, staune über die Vielfalt an Gräsern und die kleine Welt zwischen den Halmen, die unergründliche Vielfalt an Würmern und Mücken. Das alles, mein Freund, erwärmt mein Herz, so wie die ewige Freude des liebenden Gottes, der uns alle erhält. Wenn dann vor meinen Augen die Dämmerung anbricht, ruhen Welt und Himmel in mir wie die Gestalt einer Geliebten. Dann erfüllt mich Sehnsucht, und ich denke: Ich möchte das ausdrücken können, dem Papier anvertrauen, was so voll und warm in mir lebt, es wäre der Spiegel meiner Seele, und meine Seele wäre der Spiegel des unendlichen Schöpfers! Aber, Freund, ich gehe daran zugrunde, ich werde zum Opfer der Gewalt, die von dieser Herrlichkeit ausgeht.

Vielleicht schweben ja täuschende Geister über der Gegend und machen alles umher so paradiesisch. Oder es ist die warme und himmlische Phantasie in meinem Inneren. Gleich vor dem Ort gibt es diesen Brunnen, an den ich gefesselt bin wie Melusine und ihre Schwestern. Man geht einen kleinen Hügel hinunter und steht vor einem Gewölbe. Etwa zwanzig Stufen hinab quillt klarstes Wasser aus Marmorfelsen. Oben eine kleine Mauer als Einfassung, hohe Bäume, die den umgebenden Platz beschatten, die Kühle des Orts – das alles hat etwas Anzügliches, Schauerliches an sich. Jeden Tag sitze ich eine Stunde lang da. Mädchen kommen aus der Stadt und holen Wasser, eine harmlose und notwendige Angelegenheit, wie sie früher selbst die Töchter der Könige verrichteten. Wenn ich da sitze, lebt die patriarchalische Welt lebhaft um mich auf, Vorfahren, die am Brunnen Bekanntschaften machen und Mädchen umwerben, und wohltätige Geister, die um die Brunnen und Quellen schweben. Jeder, der sich jemals nach einer erschöpfenden Sommertagswanderung an der Kühle eines Brunnens erfrischt hat, weiß, was ich empfinde.

13. Mai

Ob du mir meine Bücher schicken sollst? Lass mich bloß in Frieden damit, alter Freund! Ich habe genug davon, angeleitet zu werden, und ermuntert, und angefeuert. Mein Herz lodert ohnehin schon genug aus sich heraus. Was ich jetzt brauche, ist ein sanftes Lied zur Nacht, und davon finde ich noch und noch in meinem Homer. Wieder und wieder bringe ich damit mein hochkochendes Blut zur Ruhe, es gibt wohl kein Herz, das sich so sprunghaft, so unstet gibt wie das meine, Kamerad. Aber wem sage ich das! Schließlich hast du oft genug meine Metamorphosen gesehen: von Kummer zur Ausschweifung, von süßer Melancholie zur Verderben bringenden Leidenschaft. Ich behandle mein Herz wie ein krankes Kind, dem alles erlaubt ist. Behalte das für dich, es gibt Leute, die es mir übel nehmen würden.

15. Mai

Die einfacheren Leute im Ort kennen mich schon. Sie lieben mich, besonders die Kinder. Doch auch eine traurige Erfahrung habe ich gemacht. Als ich mich anfangs unter sie mischte, Gespräche über dies und das mit ihnen begann, glaubten einige, ich wolle mich über sie lustig machen, und fertigten mich recht grob ab. Ich ließ mich nicht entmutigen, aber ich spürte lebhaft, was ich schon oft bemerkt hatte: Menschen von höherem Stand halten immer kalte Distanz zum normalen Volk, als fürchteten sie Nachteile aus einer Annäherung. Schlimmer noch sind Flüchtlinge und üble Spaßvögel, die sich scheinbar herablassen, nur um in ihrem Übermut den einfachen Leuten umso übler mitzuspielen.

Ja, ich weiß, wir sind nicht gleich, können es nicht sein. Doch ich vertrete die Meinung, dass derjenige, der glaubt, sich über den so genannten Pöbel erheben zu müssen, zu tadeln ist wie ein Feigling, der sich vor seinem Feind verbirgt, weil er eine Niederlage fürchtet.

Letztens kam ich zum Brunnen und fand ein junges Dienstmädchen vor. Ihr Gefäß hatte sie auf die unterste Treppenstufe gestellt und sah sich um, ob keine Kameradin zu sehen sei, die ihr dabei helfen könnte, das Gefäß auf den Kopf zu heben. Ich stieg hinunter und sah sie an. „Soll ich Ihnen helfen, mein Fräulein?“, sagte ich.

Sie errötete über und über. „O nein, mein Herr“, sagte sie.

„Es macht keine Umstände“, erwiderte ich. Sie legte ihren Kopfreifen zurecht und ich half ihr. Sie dankte und stieg hinauf.

17. Mai

Ich habe eine Reihe von Bekanntschaften gemacht, eine nähere Beziehung hat sich noch nicht eingestellt. Es scheint, als wirke ich besonders anziehend auf meine jeweilige Umgebung, so viele mögen mich und suchen meine Gesellschaft. Umso schmerzhafter empfinde ich, dass der gemeinsame Weg dann nur kurz ist. Wenn du mich fragst, wie die Menschen hier sind: wie überall. Irgendwie ist Monotonie das wesentliche Kennzeichen der Menschheit. Die meisten verwenden den größten Teil ihrer Zeit für die grundsätzlichen Anforderungen des Lebens, und das Wenige, das ihnen an Freiheit bleibt, versetzt sie in derartige Angst, dass sie es mit allen Mitteln los werden wollen. Das soll die Bestimmung des Menschen sein?

Aber es sind gute Leute. Manchmal, wenn ich mich vergesse und mit ihnen die Freuden teile, die sie noch haben, am gut gedeckten Tisch in aller Unbefangenheit herumzualbern beispielsweise, eine Spazierfahrt, ein guter Tanz zur rechten Zeit und was nicht noch alles, tut mir das recht gut – zumindest, so lange ich mir nicht bewusst mache, dass so viele andere Kräfte in mir ruhen, die veröden, wenn sie nicht genutzt werden, und die ich sorgfältig verbergen muss. Das ist beklemmend, aber andererseits: Missverstanden zu werden, ist wohl das Schicksal von Menschen wie mir.

Und nun wieder die Erinnerung an die Liebe meiner Jugend, an das Privileg, sie gekannt zu haben! Ich könnte mir sagen, dass ich ein Dummkopf bin, auf der Suche nach dem Unerreichbaren. Aber ich hatte es ja gefunden! Ich hatte das Herz gefühlt, die Größe einer Seele, in deren Dunstkreis ich mehr zu sein schien als ich war, denn ich war alles, was ich sein konnte. O Gott, keine Energiefaser meiner Seele blieb ungenutzt! In ihrer Anwesenheit konnte ich das unerhörte, wundervolle Gefühl entwickeln, das die Natur in mir erblühen lässt. Unsere Beziehung war ein ständiges Arbeiten an einem Gewebe aus Feinfühligkeit und dem scharfsinnigen Witz, den wir bis ins Abartige steigerten, und dem dennoch der Hauch des Genies anhaftete. Es ist schwer, daran zu denken. Die Jahre, die sie mir voraus hatte, die sie vor mir ins Grab brachten ... Sie wird immer in mir leben. Ihre Unerschütterlichkeit und ihre gottgleiche Duldsamkeit werde ich nie vergessen.

Vor einigen Tagen lief mir der junge V. über den Weg, ein offenherziger Junge mit einem mehr als erfreulichen Aussehen. Frisch von den Akademien abgegangen, hält er sich zwar nicht für weise, sein Wissen aber doch für überdurchschnittlich. Er war wohl auch ziemlich fleißig, wie man an den unterschiedlichsten Anzeichen erkennen kann. Mit einem Wort: Seine Kenntnisse sind nicht zu verachten. Als er hörte, dass ich viel zeichne und Griechisch kann (hierzulande zwei Attraktionen), suchte er meine Gesellschaft und schüttete sein Wissen aus, von Batteux bis zu Wood, von de Piles bis zu Winckelmann. Es verkündete, dass er Sulzers Theorie – den ersten Teil – ganz durchgelesen habe und ein Manuskript von Heynen über das Studium der Antike besitze. Ich nahm das alles hin.

Noch einen wackeren Zeitgenossen habe ich kennen gelernt: den fürstlichen Amtmann, einen offenen, treuherzigen Menschen. Die Leute sagen, es sei eine reine Freude, ihn mit seinen Kindern zu sehen, von denen er neun hat. Viel Anerkennendes hört man von seiner ältesten Tochter. Er hat mich eingeladen, ich werde ihn in den nächsten Tagen besuchen. Er wohnt auf einem fürstlichen Jagdhof, anderthalb Stunden von hier. Nach dem Tod seiner Frau erhielt er die Genehmigung, dorthin zu ziehen, denn der weitere Aufenthalt in der Stadt und im Amtshaus verursachte ihm zu große Schmerzen.

Ansonsten sind mir noch einige skurrile Gestalten begegnet, an denen alles unerträglich ist, vor allem aber ihre Freundschaftsbezeigungen.

So viel für heute. Dieser Text wird dir wahrscheinlich gefallen, er ist so historisch.

22. Mai

Das Leben ein Traum – das kommt manchem so vor, und auch mir ist dieses Gefühl ein ständiger Begleiter. Die einschränkenden Zwänge, die den tätigen und forschenden Geist einkerkern, machen mich stumm. Ich sehe, wie alles Wirken des Menschen nur dem Zweck folgt, seine Bedürfnisse zu befriedigen, und das auch nur, um unsere eigene, armselige Existenz zu verlängern. Und wenn wir Beruhigung suchen, nachdem uns bestimmte Punkte unseres Nachforschens geängstigt haben, ist das nichts als träumerische Resignation, das Bemalen der eigenen Kerkerwände mit bunten Gestalten und lichtschimmernden Aussichten. Ja, Wilhelm, das alles macht mich stumm. Ich kehre in mich selbst zurück – und finde eine Welt! Auch sie ist mehr Ahnung und dunkle Begierde als konkrete Darstellung und lebendige Kraft. So verschwimmt alles in meiner Vorstellung und ich lächle weiter träumend in meine Umgebung hinaus.

Dass Kinder nicht wissen, was sie wollen und warum, ist allgemeine Erkenntnis aller Gelehrten. Aber kaum einer möchte glauben, dass auch Erwachsene wie die Kinder auf der Erde herumtaumeln und nicht wissen, woher sie kommen und wohin sie gehen, dass sie wie Kinder nicht wirklich zweckmäßig handeln und gleichermaßen durch Zuckerbrot und Peitsche gesteuert werden. Ich finde jedoch, das alles ist buchstäblich mit Händen zu greifen.

Ich gestehe dir gern: Meiner Meinung nach sind diejenigen die Glücklichsten, die wie die Kinder in den Tag hinein leben, ihre Puppen mit sich herumschleppen, sie aus– und wieder anziehen und erwartungsvoll um die Schublade herumstreichen, in die Mama die Süßigkeiten hineingesperrt hat. Und wenn sie sie endlich ergattert haben, verschlingen sie die Beute mit vollen Backen und rufen „mehr!“. Ich weiß, was du darauf antworten wirst, aber sind das nicht glückliche Geschöpfe? Andere fühlen sich wohl, wenn sie ihren Schweinereien oder Leidenschaften prachtvolle Titel geben und sie der Menschheit als grandiose Errungenschaften zu ihrem Nutzen und Wohl andienen. Sollen sie glücklich werden, die so sein können!

Man kann auch eine demütigere Position einnehmen, erkennen, wohin das alles führt, sehen, wie jeder, der mit sich im Reinen ist, seinen Garten zum Paradies erblühen lässt, beobachten, wie sich auch der Unglücklichste unter seiner Bürde auf seinem Weg weiterschleppt. Jeder kämpft darum, das Licht der Sonne auch nur eine Minute länger zu sehen. Solche Erkenntnisse machen still, lassen einen seine Welt aus sich selbst bauen und machen froh, ein Mensch zu sein. Und dann, trotz aller Einschränkungen, im Herzen das süße Gefühl der Freiheit und die Gewissheit, den Kerker verlassen zu können wann immer man will.

26. Mai

Meine Neigung, mich an einem beschaulichen Ort in einer bescheidenen Hütte niederzulassen, und da unter einfachsten Verhältnissen zu hausen, kennst du ja von früher. Auch hier habe ich ein Plätzchen ausgekundschaftet, das mich fasziniert.

Etwa eine Stunde von der Stadt entfernt liegt Wahlheim, ein Ort in interessanter Lage auf einem Hügel. Wenn man oben auf dem Fußpfad aus dem Ort herausgeht, hat man den Rundblick über das gesamte Tal. Es gibt eine tüchtige Wirtin, für ihr Alter recht freundlich und lebhaft, die Wein, Bier und Kaffee ausschenkt. Aber das Schönste sind zwei Linden, die mit ihren weit ausladenden Ästen den Platz vor der Kirche überwölben. Rings um den Platz sieht man Bauernhäuser, Scheunen und Höfe. Das ist ein Platz, so idyllisch und heimelig, wie ich schon lange keinen mehr angetroffen habe. Hierhin lasse ich mir von der Wirtin ein Tischchen und einen Stuhl bringen, trinke da meinen Kaffee und lese in meinem Homer.

Meine erste Begegnung mit dem kleinen Paradies unter den Linden an einem sonnigen Nachmittag war von einem Gefühl der Einsamkeit geprägt. Alle Anwohner waren auf dem Feld, nur ein etwa vier Jahre alter Junge saß auf der Erde und drückte ein anderes, ungefähr halbjähriges Kind mit beiden Armen an seine Brust, so dass es wie in einem Sessel auf dem Schoß des Jungen saß. Ganz ruhig saß er da, aber aus seinen herumblickenden Augen sprühte er vor Heiterkeit. Der Anblick bereitete mir Vergnügen. Ich setzte mich gegenüber auf einen Pflug, und zeichnete gut gelaunt das niedliche Geschwisterpaar. Ich fügte den nahe stehenden Zaun zu, außerdem ein Scheunentor und einige gebrochene Wagenräder, alles in der Anordnung, wie ich es vorfand. Nach einer Stunde Arbeit hatte ich den Eindruck, dass mir eine gut strukturierte und interessante Zeichnung gelungen war, ohne dass ich irgend etwas aus meiner eigenen Phantasie zugefügt hatte. Das bestärkte mich in meinem Vorsatz, mir künftig ausschließlich Naturmotive vorzunehmen, denn nur die Natur verfügt über unerschöpflichen Reichtum, und nur sie kann große Künstler heranbilden.

Es spricht einiges für die Beachtung dieser Regeln, in etwa wie bei der Würdigung der bürgerlichen Gesellschaft: Jemand, der sich nach diesen Regeln bildet, wird nie etwas Abgeschmacktes oder Schlechtes hervorbringen, ganz so wie einer, der sich unter dem Einfluss von Gesetzen und Wohlstand entwickelt, nie ein unerträglicher Nachbar oder ein finsterer Bösewicht werden kann. Ganz anders die Regel, dass man reden darf, was immer man will. Diese Einstellung wird das wahre Gefühl von Natur und deren Ausdrucksmöglichkeiten zerstören! Jetzt sagst du vielleicht: „Das ist zu hart! Freie Rede wirkt nur regulierend, beschneidet die verwilderten Reben, etc.“

Soll ich dir eine Analogie dazu geben, alter Freund? Es ist wie in der Liebe: Ein junger Mann widmet sich ganz und gar seinem Mädchen, verbringt alle Stunden des Tages mit ihr, opfert ihr seine gesamten Kräfte und sein gesamtes Vermögen, um ihr so seine uneingeschränkte Hingabe zu beweisen. Und dann kommt irgendeine Krämerseele, ein Philister, vielleicht ein Mann, der im öffentliche Dienst steht, und sagt zu ihm: „Mein Herr, lieben ist menschlich, also müssen Sie auch menschlich lieben! Teilen Sie Ihre Zeit ein: dieser Teil zur Arbeit, dieser zur Erholung. Die Erholungszeit können Sie Ihrem Mädchen widmen. Machen Sie eine Aufstellung Ihres Vermögens. Aus den Überschüssen können Sie ein Geschenk kaufen, da habe ich nichts dagegen. Aber nicht zu oft – zum Geburtstag, Namenstag oder ähnlichem. Wenn Sie diese Grundsätze befolgen, kann ein brauchbarer Mensch aus Ihnen werden, den ich in höchste Ämter empfehlen kann. Das Thema Liebe ist dann natürlich erledigt, und – im Falle eines Künstlers – auch die Kunst. 

Geschätzte Freunde, ihr fragt euch, warum der Strom des Genies so selten ausbricht, um als Springflut über euren staunenden Seelen zusammenzuschlagen? Vertraut ganz auf die gelassenen Herren auf beiden Seiten des Ufers, deren Gartenhäuschen, Tulpenbeete und Krautfelder von einer solchen Flut zugrunde gehen würden, und die daher rechtzeitig Dämme und Ableitungen gegen die drohende Gefahr errichten.“

27. Mai

Ich bemerke, wie ich meiner Verzückung verfalle, mich in Gleichnissen und Deklamationen verliere. Das hat mich fast vergessen lassen, dir zu berichten, wie es mit den Kindern weiterging. Wie ich dir in meinen gestrigen Zeilen berichtete, saß ich, in malerische Reflektionen vertieft, auf dem Pflug. Nach etwa zwei Stunden kommt eine junge Frau auf die Kinder zu, die sich bis dahin nicht gerührt hatten. „Bist ein braver Junge, Philipps“, ruft sie schon aus einiger Entfernung. Sie grüßt mich, ich erwidere den Gruß, stehe auf und gehe auf sie zu. Sie bejaht meine Frage, ob sie die Mutter der beiden Kinder sei, gibt dem älteren ein halbes Brot, nimmt das kleine in den Arm und küsst es zärtlich. „Ich habe meinem Philipps den Kleinen zum Halten gegeben, damit ich mit meinem Ältesten in die Stadt gehen konnte“, sagt sie. „Ich habe Weißbrot und Zucker geholt, und ein kleines Breipfännchen.“ Vom Korb war der Deckel abgefallen, und ich sehe die Gegenstände darin. „Ich will für meinen Hans (das ist der Name des Jüngsten) am Abend eine Suppe kochen, aber mein Großer, dieser Schlingel, hat gestern das Pfännchen zerbrochen, als er sich mit Phillips um einen Breirest zankte.“

Ich fragte nach dem Ältesten, sie erzählte mir, dass er auf der Wiese mit den Gänsen herumjage. Da kam er auch schon angelaufen und hatte dem Zweitältesten eine Haselgerte mitgebracht. Wir unterhielten uns weiter, und ich erfuhr, dass sie die Tochter der Lehrers ist und dass ihr Mann in die Schweiz gereist war, um sich dort die Erbschaft eines Vetters zu sichern. „Die haben ihn drum betrügen wollen“, sagte sie. „Auf seine Briefe kam keine Antwort, also ist er selbst hingefahren. Hoffentlich ist ihm nichts passiert, ich höre nichts von ihm.“ Es fiel mir schwer, mich von der Frau loszureißen. Ich gab jedem Kind einen Kreuzer, den für das jüngste drückte ich der Frau in die Hand, damit sie beim nächsten Gang in die Stadt für das Kind ein Brot kaufen kann. Schließlich gingen wir auseinander.

Eins kann ich dir sagen, lieber Freund: Wenn ich meine Emotionen gar nicht mehr im Zaum halten kann, beruhigt der Anblick eines solchen Wesens das Chaos in meinem Kopf, wie sie da in glücklicher Gelassenheit durch ihre kleine Welt geht, sich selbst von einem Tag in den nächsten hilft, die Blätter von den Bäumen fallen sieht und nichts dabei denkt, als dass der Winter kommt.