Fraktalroman - Emil Horowitz - E-Book

Fraktalroman E-Book

Emil Horowitz

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Beschreibung

Das Leben ein Traum - und wer sind die Träumer? Menschen, die ein ungewöhnliches Schicksal erleiden, Menschen mit ganz gewöhnlichen Schicksalen, Menschen der Gegenwart, Menschen der Zukunft – das sind die Protagonisten in Fraktalroman. Dazu Gestalten aus unserem mythologischen, spirituellen und technologischen Erbe, Gestalten, die unser Werk sind und solche, die uns geschaffen haben. Und schließlich die unterschiedlichen Identitäten, die Träumerin und Träumer im virtuellen Universum von Fraktalroman besetzen: mal Frau, mal Mann, mal Kind, mal Roboter, mal mythologische, mal spirituelle Figur, mal Bewusstsein eines autonomen Fahrzeugs, mal Computerspielfigur – sie alle und viele mit ihnen träumen – und werden geträumt. Mit einem Wort: Fraktalroman beschreibt das Universum – soweit es wirklich existiert. Fraktalroman ist Buchtitel und Literaturgattung zugleich. Die Idee, eine Geschichte entlang der Gesetzmäßigkeiten fraktaler Mathematik nach Benoit Mandelbrot zu erzählen, führt zu einem neuen Weg, Literatur zu schaffen – und für Leser*innen zu einem neuen Weg, Literatur zu erleben.

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB
MOBI

Seitenzahl: 455

Veröffentlichungsjahr: 2022

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Emil Horowitz

Fraktalroman

Roman

 

 

 

 

 

Vollständige Taschenbuchausgabe

epubli eBook

Deutsche Erstveröffentlichung © Copyright 2022 bei Emil Horowitz Titelbild: Emil Horowitz

 

Alle Rechte vorbehalten. Das Werk ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung – auch zeilenweise – ist nur mit Zustimmung des Verlags zulässig. Das gilt insbesondere für Vervielfältigungen, Übersetzungen und die Einspeicherung und Verarbeitung in elektronischen Systemen.

Printed in Germany

 

Erschienen bei epubli

 

 

 

 

 

 

Fraktal, DasSubstantiv (Neutrum) 

Trennung: Frak|tal

 

Konstrukt, bei dem das Ganze seinen Bestandteilen ähnelt (Selbstähnlichkeit). Wortschöpfung des Mathematikers Benoit Mandelbrot aus der Zeit um 1970. Fraktale befinden sich, abhängig von der Anzahl der Rechenoperationen, im Bereich zwischen eindimensionalen und zweidimensionalen Objekten.

 

 

Positionswechsel, Der

Substantiv (maskulin)

Trennung: Po|si|ti|ons|wech|sel

 

Mentale Technik aus der Mediation. Konfliktbeteiligte*r oder Mediator nimmt die gedankliche Position einer anderen, am Konflikt beteiligten Person ein, um deren Interessen, Gefühle und Motive zu erkunden. Das Ziel ist der Aufbau einer funktionalen Verständnisebene zwischen den Beteiligten.

Fraktal Iteration 01 vor Zweidimensionalität

 

 

01_01 / Arztbesuch

 

Muss mich am Türstock abstützen, nur kurz, damit ich das Sprechzimmer betreten kann. Jetzt zügig zum Besucherstuhl, bevor der nächste Schub kommt. 

„Wie kann ich helfen?“ Der Arzt professionell, wie die anderen.

„Ich brauche ein Rezept für starke Beruhigungspillen.“ Es geht wieder los. Kralle mich an den Armlehnen fest.

„Wozu?“

„Gegen mein chronisches Schwindelgefühl. Diese verdammte Erdrotation ...“

„Wie bitte?“

„Die ständige Erdumdrehung macht mich schwindelig. In den letzten Monaten ist es schlimmer geworden.“

Kenne ich schon, das Pokerface. Üblicher Umgang mit Hypochondern.

„Seit wann haben Sie diese Beschwerden?“

„Seit ich denken kann.“

„Beruhigungspillen eignen sich nicht zur Behandlung chronischer Schwindelzustände. Es gibt andere Wege.“

„Zum Beispiel?“

„Entspannungsübungen.“

„Wirkungslos.“

„Mehr Bewegung, Sport.“

„Bewegung verstärkt den Schwindel.“

„Meditation?“

„Wirkungslos.“

„Psychotherapie?“

„Seit sechs Jahren ohne Ergebnis.“

Der Arzt lässt sich in seinen Sessel zurückfallen. Mir schon klar, in diesem Moment hasst er seinen Beruf. Wie die anderen.

01_02 / Besonderer Tag

 

Jetzt zieht sie den Lidstrich nach, vervollständigt damit ihr Makeup. Die Institutsleiterin ist aufgeregt, wie jedes Jahr am letzten Samstag im September.

Jetzt öffnet sie die Kryokammer, schließt den einzigen noch übrigen Insassen an die Rekuperationsanlage an. 

Nach zwanzig Minuten erwacht der todkranke Mann aus dem Tiefkühlschlaf. Seine Panik dauert nur Sekunden, die Gewöhnung tut ihre Wirkung. Er öffnet die Augen, sieht ihre Erwartung, ihre Sehnsucht, ihre Erregung, alles gleichzeitig in diesem Gesicht, das sich verändert, so schnell, so unaufhaltsam. Die Abmachung. War es richtig, sie zu treffen? Wäre es nicht ratsamer gewesen, schlafend auf den medizinischen Fortschritt zu warten?

„Wir haben ein Jubiläum“, sagt sie leise.

„Ja?“ Seine Stimme klingt noch rau.

„Ein Monat. Wir lieben uns seit einem Monat.“

„Ein Monat für mich.“

Ihre Mundwinkel zucken. „Ich weiß.“ Sie lacht leise auf. „Die ideale Situation, nicht wahr?“

„Ist es das?“

„Du wolltest eine enge Bindung, ich eine unverbindliche. Wir haben, was wir wollten.“ Ihre Gedanken tasten sich zurück über 363 einsame Tage, doch ihren Sinneswandel soll er nicht bemerken.

Noch immer blickt der Erwachte auf das Gesicht, das er so liebte. Dieses Gesicht, das sich ihm entzieht, Zug um Zug, Tag für Tag.

„Haben wir nicht die ideale Beziehung?“

Der Erwachte betrachtet die Frau, die in einem Monat um dreißig Jahre gealtert ist. „Ich will nur, dass du glücklich bist.“

01_03 / Der Abend, an dem ich Gott und den Teufel beim Bowling treffe

 

Betrete das Bowlingcenter am frühen Abend. Keine Bahn mehr frei. Hätte reservieren sollen. Gehe missmutig an den Spielenden vorbei.

Entdecke auf Bahn vierzehn Gott und den Teufel beim Wettkampf. Sehen aus wie die anderen Spieler, aber es ist offensichtlich, dass sie Gott und der Teufel sind. Trete näher und frage den Teufel, ob ich mitspielen darf, während Gott nach einem sauberen Anlauf den Ball sanft aufsetzt.

Der Teufel sieht mich an. Zweifelnd. „Wie ist dein Durchschnitt?“

„Dieses Jahr 220, ich war früher besser.“

Von der Bahn blickt Gott herüber, bereit für den zweiten Wurf. „Hast du eine Ausrüstung?“

„Ja, hier ist sie.“ Weise auf meine abgestellte Tasche.

Gott und der Teufel sehen sich zweifelnd an. Merkwürdig, diese Unschlüssigkeit. Gott lässt den Blick über mich streifen, wendet sich dann an seinen Mitspieler. „Was denkst du?“

„Vielleicht solltest du das entscheiden.“ Der Teufel setzt sich, um seine Schnürsenkel festzuziehen.

Der Wissenschaftler, der auf der Nebenbahn spielt, tippt mir auf die Schulter. Er sieht aus wie die anderen Spieler, aber es ist offensichtlich, dass er Wissenschaftler ist. „Ich mache Schluss, du kannst meine Bahn haben.“ Er holt seine Bälle aus der Ballrinne, packt sie gemeinsam mit den Schuhen in seinen Rollkoffer und macht sich auf den Weg.

Folge dem Wissenschaftler zur Ausgabe. Manche Tage sind für Entscheidungen geschaffen. Bin aber nicht sicher, ob das die richtige ist.

 

01_04 / Schlafeshauch

 

Heute Nacht, im Traum, habe ich geküsst. Sie schmiegt sich in meinen Arm, sie, die Frau, die Erfüllung. Nach langer Zeit, so langer Zeit, dieser Kuss, diese Liebkosung, diese innige Verbindung.

Mein Leben lang kenne ich sie, und dennoch sehe ich sie, fühle ich sie in meinem Traum das erste Mal. Vertraut ist das Gesicht, von dem kein Hauch einer Erinnerung das Erwachen übersteht. Und doch begleitet sie mich durch den Tag, ein Schemen, eine Ahnung von Nähe, Geborgenheit, Wärme.

Der Traum ist verblasst, und doch spüre ich noch immer die Liebkosung ihrer Zunge um die meine, den Schauer, den Rausch, ihren Körper unter meinen Händen, ihr Haar an meiner Wange.

Ein geisterhaftes Band hält mich mit ihr vereint, ein Universum trennt mich von der Erinnerung an sie. Wer sie wohl ist? Ein Nachhall früherer Tage? Eine Vorahnung kommender Augenblicke? Ein Wunschgebilde aus den Tiefen meiner Seele? Je ungeduldiger ich danach taste, desto rascher entzieht sie sich mir. Je verzweifelter ich nach ihrem Bild forsche, desto schneller verschwimmt es in meiner Vorstellung.

Nach langer Zeit, so langer Zeit, wieder eine Empfindung der Geborgenheit, der Gewissheit, nicht alleine zu stehen. Und doch ist klar, es ist nur ein Wunschgebilde, was kann schon daraus entstehen? Sie mag meiner Phantasie entspringen, meiner Sehnsucht, meinem unerfüllten Verlangen, sie, die Frau, die Einlösung meines tiefsten Begehrens. Und doch, sie ist ein Teil von mir.

Heute Nacht, im Traum, habe ich geküsst.

01_05 / Austausch links

 

Der eilige Gast betritt die Espressobar, nimmt an der Theke Platz. Der bestellte Cappuccino kommt nach zwei Minuten. Mit der rechten Hand nimmt er sich Zucker, rührt um. Mit der rechten Hand greift er nach der Tasse, trinkt. Der linke Arm hängt regungslos herab.

Die rechte Hand zieht eine Zigarettenpackung aus dem Sakko, legt sie auf der Theke ab, fingert eine Zigarette heraus (mit der rechten Hand), steckt sie in den Mund, holt aus der rechten Außentasche ein Feuerzeug, führt es zur Zigarette. Regungslos hängt der linke Arm herab.

Die Bedienung hinter der Theke kommt auf ihn zu. “Tut mir leid, Rauchverbot.”

“Oh, ja, Entschuldigung”. Mit der rechten Hand steckt er das Feuerzeug zurück, nimmt die Zigarette aus dem Mund, schiebt sie in die Packung. Der linke Arm hängt herab, regungslos.

Die Bedienung blickt an ihm vorbei. “Darf ich etwas fragen?”

“Ich weiß, was Sie fragen wollen. Der linke Arm.”

“Ich möchte nicht aufdringlich sein.”

Der eilige Gast lächelt gequält, nimmt einen Schluck aus der Tasse, geführt von der rechten Hand. “Es ist nicht meiner.”

“Nicht Ihrer?”

“Ich hatte einen Streit mit einem anderen Mann um eine Frau. Wir kämpften. Danach waren unsere linke Arme vertauscht.”

Die Bedienung starrt ihn an. “Sein Arm müsste sich dann doch unkontrolliert bewegen, vielleicht gegen Sie kämpfen.”

Der eilige Gast lächelt vage. “Auf den ersten Blick könnte man es annehmen. Aber Sie müssen es zu Ende denken.”

01_06 / Schnelle Liebe

 

Der einsame Spaziergänger liebt Antiquitäten. Die Schätze im Schaufenster des kleinen Geschäfts fesseln seine Aufmerksamkeit, rühren an sein Herz. Eine Spiegelung im Glas lenkt seine Aufmerksamkeit ab, verlagert sie in eine unerwartete Richtung. Die Frau neben ihm. Ihr Blick gedankenversunken auf das Schaufenster gerichtet. Für ihn die Erfüllung lebenslanger Träume: ihre Augen eine Reise, ihr Mund eine Heimkehr, ihr Körper ein Versprechen. Kurz zuckt ihr Blick zu ihm hinüber, dann zurück auf das Schaufenster. Ein schmales Lächeln schimmert über ihr Gesicht, melancholisch.

Manche Tage sind für Entscheidungen geschaffen. “Das ist eigentlich nicht meine Art”, sagt er, selbst überrascht. “Wollen wir einen Kaffee trinken?”

Wieder das melancholische Lächeln. “Warum nicht?”

Dem Besuch im Kaffee folgt ein gemeinsamer Spaziergang, ein gemeinsames Abendessen im nahen Restaurant.

Sie verlassen das Lokal, stehen sich auf der dunklen Straße gegenüber. Er versinkt in ihren Augen. “Es kommt mir vor, als würden wir uns schon lange kennen.”

„Mir geht es ebenso.“ Ihr Blick melancholisch, wie zuvor. Er glaubt, einen Hauch von Trauer zu erkennen.

„Ich weiß nicht, ob ich das jetzt schon vorschlagen soll …”, beginnt er.

“Wollen wir zu mir gehen?” beendet sie seinen verwegenen Gedanken.

Vier Stunden später liegt sie wach neben dem ruhig schlafenden Mann. Nur eine Träne rollt über ihre Wange, dann ruft sie sich den positiven Aspekt ins Bewusstsein. Zärtlich  blickt sie auf den Mann, den sie seit Jahren liebt, dessen Krankheit sie seit Jahren jeden Tag aufs Neue aus seiner Erinnerung löscht.

Der sich jeden Tag aufs Neue in sie verliebt.

01_07 / Wenn und aber

 

Schlagartig, beim Anschluss des letzten Moduls an die Wenn-Maschine, wird es dem Wissenschaftler bewusst. Die Arbeit der letzten zwanzig Jahre einzig und allein auf das Ziel ausgerichtet, eine Frage zu stellen. Der existenzielle Wahnsinn derartiger Lebensgestaltung nimmt in seinen Gedanken Gestalt an, vertieft durch die Klangwelten seiner Lieblingsgruppe Massive Attack aus dem Lautsprecher.

Er aktiviert das isolierende Anti-Wenn-Feld um seine Schöpfung und sich. Der Bildschirm erwacht, verlangt die erste Eingabe.

Kalender: Julianisch

Datum: März, Iden, 44 v. Chr.

Ort: Italien, Rom, Theater des Pompeius

Geo: 41°53'43.98"N,  12°28'25.24"E

Ziel: Caesar, Gaius Julius

Ereignis: Ermordung

Wenn: Fehlschlag

Ein Klick schickt die Eingabe in die Antiprotonenschleuse, das Wenn-Projekt wird ausgeführt. Der Wissenschaftler blickt aus der Unveränderlichkeit des Anti-Wenn-Felds auf das neue Universum. Durch das Fenster leuchtet die Stadt (Stadt?) im rötlichen Mischlicht der drei untergehenden Sonnen, untermalt von den Subvibrationen von Impetus Solidus, seiner Lieblingsmusik.

Der Wissenschaftler fühlt nagende Zweifel aufsteigen. Zwei neue Sonnen als Folge eines verhinderten Attentats? Sein Blick fällt auf die Wenn-Maschine, deren Bildschirm Bereitschaft signalisiert. In seinem Geist fügen sich erste Schwaden neuer Überlegungen zu drängendem Verlangen.

Eine weitere Frage. Er wird sie stellen müssen.

01_08 / Unsterblich

 

Mora Nova / Vor 7 Minuten

Jonas, wir werden dich nicht vergessen - ruhe in Frieden.

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Mario Sublim / Vor 7 Minuten 

Macht mich völlig fertig, dass Jonas nicht mehr bei uns ist.

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Sana L. / Vor 6 Minuten

Er ist bei uns.

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Kara Karina / Vor 6 Minuten

Wie meinst du das, Sana?

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Sana L. / Vor 5 Minuten

Im Netz verschwindest du nicht wirklich. Dein Profil bleibt. Wir können immer hingehen, seine Chronik sehen, seine Bilder, seine Gedanken.

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Jonas Timor / Vor 5 Minuten

Jetzt regnet es, Mist.

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Mora Nova / Vor 3 Minuten

Jonas???

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Kara Karina / Vor 1 Minute

Sein Account wurde gehackt. Oder?

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01_09 / Im Seinem Namen

 

Der Märtyrer sieht sich auf dem belebten U-Bahnhof um. Diesem Leben fühlt er sich nicht mehr zugehörig, dennoch – manche Tage sind für Entscheidungen geschaffen.

Die Sprengstoffweste unter der hochgeschlossenen Jacke drückt auf seine Brust. Der Finger nähert sich dem Knopf des Auslösers in seiner Hand, erstarrt. Sein Gott erscheint vor ihm auf dem Bahnsteig, auf ihn blickend. Hoffnungsfroher Glanz durchdringt das Herz des Märtyrers. “Ich tue dein Werk.”

“Ist es das, was du glaubst?”

“Steht es nicht so in Deinem Buch? Ist dies hier nicht Dein Krieg?”

“Liest du das aus meinen Worten?”, fragt der Gott des Märtyrers, und seine Worte sind wie klingende Tränen.

“Ich tue das, damit du ewig lebst!”

“Du bringst den Tod, um ewiges Leben zu gewinnen?”

Neben dem Märtyrer beugt sich eine junge Frau über ihren Kinderwagen, richtet die Decke über ihrem schlafenden Baby.

“Dieser Kampf ist heilig!”, stößt der Märtyrer hervor.

“Ist es nicht meine Sache, das zu entscheiden?”

Hinter dem Gott des Märtyrers fährt ein Zug ein. Der Bahnsteig füllt sich mit Männern, Frauen, Kindern.

“Ich kämpfe in deinem Namen gegen Unterdrückung und Unzucht.”

Die Augen des Ewigen ruhen auf dem Märtyrer. “Die gerechte Sache wendet sich in eine ungerechte. Du verwirkst das Recht, dafür zu kämpfen.”

Rasender Zorn durchflutet den Märtyrer. Sein Schrei hallt durch die Station. “Gott ist groß!” Er drückt auf den Knopf.

 

01_10 / Begegnung

 

Einen Freund erkennt man oft erst nach Jahren, zuweilen schon nach wenigen Sekunden. Der Einsame, am Bartresen durch die Nacht gleitend, findet den Freund neben sich nach wenigen Worten, nach wenigen Gläsern.

Endlich ein Mensch. Endlich eine verwandte Seele, die Anteil nimmt. Endlich ein mitfühlender Geist, der versteht. Endlich ein Ohr, das ungeteilte Aufmerksamkeit schenkt.

Der Einsame erzählt. Die Mutter, deren destruktiver Einfluss auf den Vater den Sohn unversorgt zurückgelassen hat. Die zahllosen Versuche, auf die Beine zu kommen. Die Angst davor, auf andere zuzugehen. Das ständige Gefühl, vom Pech verfolgt zu werden. Die Frau, die nach zwanzig gemeinsamen Jahren das zusammen aufgebaute Unternehmen an sich gerissen hat. Das Gefühl, in einem lebenslangen Krieg zu kämpfen.

Der Redefluss versiegt. Schweigend sehen sich die neuen Freunde an, schweigend trinken sie.

„Ich beneide dich“, sagt der neue Freund.

„Du … was?“ Ein diffuser Schmerz durchglüht den Einsamen. Die unerwartete Sichtweise enttäuscht und verletzt ihn.

„Ich beneide dich“, bekräftigt der neue Freund. Er führt sein Glas zum Mund.

“Wie kannst du mich beneiden, nach all dem?”

Der neue Freund, gezeichnet von der Sinnlosigkeit einer parasitären Existenz des Überflusses, stellt sein Glas ab, blickt den Einsamen an, seine Augen ein schwarzer Ozean aus Melancholie, Überdruss, Eintönigkeit, Dekadenz, Langeweile, Selbsthass.

“Deine Gefühle”, sagt der neue Freund. „Ich beneide dich.“

01_11 / Verhör

 

Dort der Kommissar. Betritt das abgedunkelte Zimmer neben dem Verhörraum. “Ich habe da eine Idee.”

Hier der Hauptkommissar. Sieht aus seinen Akten hoch. “Da bin ich gespannt.”

Kommissar. Blickt durch das Einwegglas auf den Verdächtigen. Die letzte Möglichkeit. “Sie kennen das Verhörkonzept guter Polizist – böser Polizist.”

“Und?”

“Wie wäre es mit schizophrener Polizist?”

Hauptkommissar. „Nie davon gehört.“ Betrachtet nun ebenfalls den Verdächtigen. “Wenn der Mann die beiden Kinder bereits ermordet hat, ist er vielleicht selbst schizophren, oder Schlimmeres.”

“Eben.”

Hauptkommissar. Blättert zerstreut in den Akten, die so wenig Hilfe bedeuten. “Einen Versuch ist es wert.”

Kommissar. Betritt den Verhörraum.

Verdächtiger. Richtet seinen verschleierten Blick auf ihn.

“Sie sagen mir jetzt, wo Sie die Kinder versteckt halten.”

“Wie oft muss ich es noch wiederholen? Ich weiß nicht, wovon Sie reden.” Ruhig, wie zuvor.

Kommissar. Starrt in die rechte Raumecke. Brüllt: “Verschwinde sofort aus meinem Verhörraum!”

Verdächtiger. Reißt den Kopf herum, blickt erschreckt hinter sich, wieder auf den Kommissar, wieder in die Ecke. Etwas in ihm bricht. “Das Haus meiner verstorbenen Eltern, im Keller …”

Eine Stunde später. Kommissar. Zieht erschöpft einen Kaffee aus dem Automaten, eine einsame Gestalt in einem leeren Gang. “Wir sind ein gutes Team.”

Schizophrener Kommissar. Stimmt zu.

01_12 / Aufgabe

 

Der Trauernde bemerkt die Alte auf dem Rückweg vom Grab seiner Frau. Wäre ohne Interesse an ihr vorbei gegangen, aber da ist die kleine Schiefertafel in ihrer Hand. Eine Tafel wie diese hat er seit Jahrzehnten nicht mehr gesehen, zuletzt bei der Sichtung der Hinterlassenschaften des Großvaters, ein Utensil aus dessen Grundschulzeit.

Die Alte steht vor einem der Grabsteine. Schreibt den Namen und den Sinnspruch mit einem Stück Kreide auf ihre Tafel. Löscht den Inhalt mit von Speichel befeuchteten Fingern, ohne das Geschriebene zu lesen. Wendet sich dem nächsten Grabstein zu, schreibt, löscht. Tritt an den nächsten Stein. Wieder die gleiche schweigende Handlung.

Nach einigen Grabsteinen rastet die Frau, reglos, den Blick zu Boden gerichtet. Der Trauernde tritt an sie heran. “Verzeihen Sie, dass ich Sie beobachte.”

Der Blick der alten Alten unverändert. “Ich bin etwas müde.”

“Wie lange machen Sie das schon?”

“Seit meiner Kindheit.”

Der Trauernde, der bei seiner Frage den heutigen Tag gemeint hatte, erstarrt. “Sind hier so viele Gräber?”

Die Frau hebt schließlich den Blick, die Augen auf das Grab vor sich gerichtet. “Es gibt mehr als diesen einen Friedhof.”

Etwas in dem Trauernden begehrt auf. Er denkt an das Grab seiner Frau. Hat die Alte auch diese Inschrift auf ihre Tafel geschrieben?

“Nichts für ungut, aber es gibt wohl nichts Sinnloseres!”

Die Alte holt ein neues Kreidestück aus der Manteltasche. “Sinnloser als was?”

 

01_13 / Treffen

 

Muss von meinem Buch hochsehen. Etwas zwingt mich. Das Café etwa zur Hälfte besetzt. Sehe mich hereinkommen, drüben, durch die Eingangstür. Gehe zielstrebig auf einen Tisch am anderen Ende des Raums zu.

Frau am Nebentisch lacht leise auf, hat wohl meine Verblüffung bemerkt. Schlägt ein wohlgeformtes Bein über das andere. “Ich habe es auch gesehen.”

 “Wie kann das sein?” Atem geht stoßweise.

Dunklen Augen. Versinken in meinen. “Das kommt öfter vor als man denkt. Schauen Sie sich um.”

Löse mich aus dem Bann, folge ihrem Blick. Da ist sie, in der Nähe des Fensters, in einer Gruppe sechs lachender Gäste an zwei zusammengerückten Tischen.

Beginne, meine Umgebung zu erkunden. Habe nach einigen Minuten vier weitere Paare mehrfacher Menschen entdeckt.

Sehe mich am Tisch der sechs lachenden Menschen vorbeigehen und das Café wieder verlassen. Wieso schon jetzt? Bin ich in Eile? Habe ich mich an Versäumtes erinnert?

Die schöne Frau neben mir lächelt mich an. “Sie scheinen ein wenig unentschlossen zu sein.”

“Es sieht so aus.” Bin ich unentschlossen? Treibt mich Furcht? Andererseits - ich bin noch hier. Meine Entscheidung. Manche Tage sind für Entscheidungen geschaffen.

Eingangstür schwingt auf. Schöne Frau betritt das Café, setzt sich an einen freien Tisch, gleich in der Nähe des Eingangs, schlägt ein wohlgeformtes Bein über das andere. Am Tisch der Sechsergruppe höre ich sie laut auflachen.

Blicke zwischen den drei Versionen der Frau hin und her. Mir kommt die richtige Idee. Endlich.

 

01_14 / Theorie und Praxis

 

Der Reisende betritt den großen, von Licht durchfluteten Saal des Museums – und erstarrt. Das knapp drei Meter hohe Gemälde überwältigt ihn wie ein zwischen Felsen hervorspringendes Raubtier. Er nähert sich dem Kommentarschild. Peter Paul Rubens - Der Höllensturz der Verdammten. Die scheinbar endlose Kaskade nackter, in die Tiefe fahrender Leiber löst eine Assoziation in ihm aus, eine Erinnerung an eigene Erfahrungen.

Die junge Frau, die neben ihm auftaucht und wie er das Bild anstarrt, stößt den Atem aus, unterwirft sich der unterschwelligen Bedrohung.

Der Reisende blickt auf ihr ebenmäßiges Profil, ihren schlanken Körper, schließlich wieder auf die fülligen Körper, die das Bild beherrschen. Dem Antagonismus der beiden völlig unterschiedlichen Frauenbilder möchte er auf den Grund gehen. “Es ist wohl die Analogie einer retrograden Zeitreise, wenn man von der Fallrichtung ausgeht.”

Die junge Frau entspannt sich, ein schmales Lächeln erscheint auf ihrem Gesicht. “Zeitreisen in die Vergangenheit sind nicht möglich.”

Der Reisende, überrascht von der Bestimmtheit der Aussage, blickt sie wieder an. “Wieso sind Sie so sicher?”

Auch die junge Frau wendet sich von dem furchterregenden Gemälde ab, blickt auf den Fremden. “Wenn es Reisen in die Vergangenheit gäbe, wäre die Welt voll von Zeittouristen, von Anfang an.”

Der Reisende fühlt, wie sich die Nanobots rings um seine Halsschlagader erwärmen und den Ring enger ziehen. Es ist höchste Zeit für die Gegenmaßnahme. “Da ist etwas dran, das ist nur logisch.”

Die Nanobots kehren in den Überwachungsmodus zurück.

01_15 / Ende in Sicht

 

Wieder das Gefühl. Der Fußballfan sieht sich suchend um. Sein Freund bemerkt die Unruhe. „Was ist?“

„Nichts.“ Johlende Fans überall, die Südkurve voll besetzt. Das Gefühl anwachsend, ohne Ursprungsort dieses Mal. So kennt er das nicht.

Der letzte Sonnenuntergang im Leben eines Menschen. Seit seiner Kindheit die Vorahnung, wenn der Tod die Hand auf die Schulter seines Opfers legt. Das Gefühl untrüglich, nie in die Irre führend, jedes Mal mit gnadenloser Präzision exakt auf die betroffene Person gerichtet. Kein Versuch, das Unvermeidliche abzuwenden, jemals erfolgreich. Die Ahnung unbeirrbar, endgültig, absolut.

Das Gefühl jetzt stärker, die begeistert brüllende Menge in den Hintergrund drängend. Auch jetzt kein Zielpunkt auszumachen. 

„Jemand wird sterben“, sagt er laut, übertönt von der Menge.

„Was?“, schreit der Freund.

„Jemand wird sterben, und ich kann das Ziel nicht erkennen.“

„Was redest du da?“ Der Freund blickt ihn beunruhigt an.

„Etwas ist anders.“ Mustert seinen Freund. Ist er das Ziel, nicht lokalisierbar, weil er ihm nahe steht? Andererseits, die Mutter ... Vielleicht beginnt hier etwas Neues. Manche Tage sind für Entscheidungen geschaffen. Sein Gedanke verfliegt ungehört.

Das Ziel zeigt sich auf unerwartete Weise, manifestiert in einem pulsierenden Schmerz im linken Unterarm. Das Ende trifft ihn zu schnell, um Schmerz zu empfinden.

01_16 / Und der Regen fällt

 

Das zehnjährige Mädchen betritt das Zimmer der sechsjährigen Schwester. Nur wenig Hoffnung. Da, sie sitzt wieder am Fenster, starrt in das triste Grau des verregneten Lands. Den ganzen Tag sitzt sie da, wie gestern, vorgestern, die Tage zuvor.

Seit der Stunde, in der Mutter die Augen schloss und wegging. Fünf Tage ist das her.

Der Regel prasselt herunter, ein eintöniges Rauschen, das alles andere erstickt. Auch das seit fünf Tagen. Seit Mutter wegging. So gerne würde sie etwas tun. Irgendetwas, um den sprachlosen Schmerz der Schwester zu lindern. Ihr beistehen, auf welche Weise auch immer. Aber was könnte sie bewirken? Was, als immer für sie da zu sein?

Von der Tür aus blickt sie durch das Fenster auf die wandernden Fäden des Dauerregens. Es darf nicht so weitergehen. Erste Dörfer melden bereits Überflutungen. Wenn sich das fortsetzt, wird die gesamte Region zu einem reißenden Sturzbach.

Wie damals, als Großvater starb.

Die kurzen Regenpausen sind nicht genug. Immer dann, wenn sie die Schwester dazu überreden kann, etwas zu essen, oder nachdem sie sie in den Schlaf gesungen hat.

Das Land kann die herabstürzenden Wassermassen nicht schnell genug aufnehmen, so wie der Fluss sie nicht rasch genug abtransportiert.

Das Mädchen geht auf die Schwester zu, legt ihr sanft die Hand auf die Schulter.

„Bitte hör auf zu weinen.“

„Ich weine nicht.“

Sie betrachtet das Gesicht der Schwester, das sich im Fensterglas spiegelt. Nein, sie weint nicht. Das ist das Problem.

01_17 / Party

 

Später Gast, der an der Tür klingelt. Nach kurzer Zeit öffnet eine beschwipste Frau im roten Kleid. An ihr vorbei dringt Musik aus dem freundlich erleuchteten Haus. Im Hintergrund Menschen, von hier nach dort gehend. Manche trinken, manche tanzen.

Der späte Gast betrachtet die leicht schwankende Frau. „Ich bin eingeladen.“ Blickt zurück in den Park, dann wieder auf sie. „Mein Freund ist wahrscheinlich schon da.“ Die Frau tritt lächelnd zur Seite, lässt ihn eintreten.

Sieht sich um. „Wo ist der Gastgeber?“

Die Frau folgt seinem Blick, kichert. „Ehrlich gesagt, ich habe keine Ahnung.“

Grinst verlegen. „Ich kenne ihn nicht einmal.“

„Wer weiß, ob er überhaupt da ist.“ Ihr verschleierter Blick richtet sich wieder auf den Ankömmling. Sie nippt an ihrem Glas. „Bist du zum ersten Mal hier?“

„Ja, allerdings.“

„Ah, dann musst du dich ins Gästebuch der Party eintragen.“

„Sagt wer?“

„Sagt wer ... alle sagen das.“

„Und wo ist das Gästebuch?“

Wieder ein suchender Rundumblick. „Da.“ Die beschwipste Frau im roten Kleid zeigt auf eine Barockkommode an der gegenüberliegenden Wand. Gehen gemeinsam darauf zu. Der späte Gast öffnet das mächtige Buch. Der erste Eintrag stammt aus dem Februar 1896. „Du liebe Zeit“, stammelt er.

„Was ist - kein Platz mehr?“ Die Frau versucht, ihren Blick zu fokussieren. „Kein Problem. Leg es einfach auf den Stapel mit den vollen Büchern und nimm dir ein neues.“

01_18 / Sag’, dass du mich liebst

 

Sie stehen sich gegenüber, umringt von den Schemen der nächtlichen Stadt, die Lichter, Töne, Düfte, Ahnungen und Träume der Vorübereilenden zurückgedrängt hinter den Schutzschirm ihrer Vertrautheit. Ein Augenblick wie ein Rastplatz in der Ewigkeit.

„Sag’, dass du mich liebst.“ Ihre Stimme der sanfte Hauch einer Hoffnung.

„Du weißt, was ich für dich empfinde.“ Sein Blick streift über sie hinweg wie Sonne im Winter. Schweigend blickt sie ihn an, kreisend in der Warteschleife ihrer Erwartungen. Der Moment bläht sich zum Zeittunnel, ihre Gedanken schließlich auf dem Weg zurück zum Ausgangspunkt.

„Sag’, dass du mich liebst.“ Ein Flackern im Gemüt.

„Natürlich tue ich das, was willst du denn hören?“

Ein vager Schatten auf der Seele. Ein Moment, der sich in zwei Phantome teilt, eines dunkel, eines hell, der immerwährende Wettstreit der Perspektiven. Ihr Versuch, sich mit seinen Augen zu sehen. Was will ich hören? Das Wissen, dass die Antwort keine Erkenntnis bringt.

„Sag’, dass du mich liebst.“ Die Hängebrücke, über die sie balanciert, wirft sich unter aufschaukelnden Wellen.

„Was soll das jetzt?“ Seine Stimme nun gereizt. „Es ist doch alles klar zwischen uns.“

Aus der Hängebrücke lösen sich die ersten Planken, trudeln in die Schwindel erregende Tiefe, eine der Seilhalterungen löst sich aus dem Fels, in kleinen Rucken zuerst, dann in Schüben, zuletzt der Riss.

Manche Tage sind für Entscheidungen geschaffen.

01_19 / Ereignis

 

Seit zwei Jahren Gewissheit. Der Einschlag übermorgen, das war es dann. Statt Klimakatastrophe, Nuklearbedrohung und Terrorismus ein tausend Kilometer großer Asteroid.

Auf den verbliebenen TV-Sendern allgemeine Auflösung, die Errungenschaften der menschlichen Zivilisation vorneweg. Die Infrastruktur im Eimer. Gut, dass ich rechtzeitig eingekauft habe. Energieversorgung nur noch sporadisch. Egal, bin unabhängig, ein Hoch auf meine Solarpanels. 

Die Finalisten feiern Massen-Sexparties auf den Straßen. Wohl die einzige unter den unzähligen neuen Sekten, die etwas Vernünftiges zuwege bringt. Die Fernsehbilder jedenfalls sind ganz unterhaltsam.  

Kann immer noch online gehen. Früher war es die Hoffnung, die zuletzt stirbt. Heute ist es das Internet.

Schreibe meine Eindrücke über die Schlussphase auf, von wegen Nachwelt. Nicht sehr sinnvoll eigentlich, der Computer verglüht einige Millisekunden nach dem Einschlag. Trotzdem, man kann nie wissen. 

Electronic Arts verkündet den Verkaufsstart seines Spiels Impact. Übermorgen. Impact, wie originell. Und dann der Veröffentlichungstermin! Wird wohl Probleme mit den Startverkaufszahlen geben. So etwas passiert, wenn Nerds Projekte aufsetzen. Hab mir einen Witz dazu ausgedacht:

Zwei Nerds treffen sich im Comicshop.

Nerd 1: “Hallo, wie geht’s dir?”

Nerd 2: “Ist das eine Fangfrage?”

Nerd 1: “Sorry, war gemein von mir.”

Doppelte Pointe, bin stolz drauf. Schade, den wird nun keiner mehr hören.

Die Espressomaschine hat den Geist aufgegeben. Verdammt, hätte die nicht noch zwei Tage durchhalten können?

01_20 / Konsequenzanalyse

Freie Interpretation nach einer wahren Begebenheit

 

Wacht auf einer fremden Couch auf, Sonntagmorgen.

Wohnung eines seiner Angestellten.

Spürt Schmerzen in der Brust. Rippen gebrochen?

Erinnert sich an gestern, Besuch im Spielcasino.

Jackpot, halbe Million Euro, Firma gerettet.

Danach kreuz und quer durch die Stadt, feiern.

Besuch bei der Mutter, zehntausend Euro geschenkt.

Ankunft am Stammkiosk, trinken, Runden schmeißen.

Offene Zechen zweier Mitarbeiter zahlen, zweitausend Euro.

Eigene Baustelle besuchen, mit Mitarbeitern feiern.

In Automatensalon gelandet, dreizehntausend Euro Gewinn.

Auf der Toilette zwei Linien Kokain.

Freund besuchen, Schulden bezahlt, fünftausend Euro.

Jetzt ab nach Hause, über die Landstraße, wie immer.

Stattdessen auf die Autobahn.

Nein, doch lieber zurück.

Wenden. Vom. Standstreifen. Auf. Die. Überholspur.

Entgegenkommender Wagen zu schnell da.

Kein Ausweichmanöver möglich, Frontalaufprall.

Relative Gesamtaufprallgeschwindigkeit: 320 km/h.

Im anderen Wagen stirbt die Ehefrau.

Die übrigen überleben, schwer verletzt.

Aus seinem Wagen gestiegen, weggegangen.

Den Seitenstreifen entlang. Anterograde Amnesie?

Alles verdrängt, sagt man, bis heute.

Ständig darüber nachgedacht, trotzdem.

Die Leute im anderen Auto Kroaten, wie er.

Mitten in Deutschland.

Komisch.

01_21 / Wacht

 

Auf der Anhöhe der Wachturm.

Der Grundriss ein Dreieck, hoch aufragend über das Land. In seiner Spitze der Raum der Wächter, ein Dreieck wie der Turm. In jeder Ecke ein Wächter im hohen Sessel, den starren Blick auf ein glasloses Fenster in der Wand gerichtet, auf beiden Seiten eingefasst von den anderen Wächtern.

Der erste Wächter blickt auf das weite Land, die Felder, Straßen, Städte.

Der zweite Wächter blickt auf das hoch aufragende Gebirge, Bergkamm hinter Bergkamm, endlos bis zum Horizont und darüber hinaus.

Der dritte Wächter blickt auf das Meer, die wandernden Schaumkronen, die Lichtspiegelungen der untergehenden Sonne.

Durch das erste Fenster, über das weite Land, fliegt die Amsel herein, im Schnabel den Bericht.

Durch das zweite Fenster, über die endlosen Berge, fliegt der Adler herein, zwischen den Federn den Bericht.

Durch das dritte Fenster, über das ewige Meer, fliegt die Möwe herein, am Bein befestigt den Bericht. 

Der erste Wächter senkt den Blick auf die Nachricht:

Es ist, was es war.

Der zweite Wächter hebt die Nachricht vor die Augen:

Es ist, was es scheint.

Der dritte Wächter presst die Nachricht an die Stirn:

Es ist, was es ist.

Die Blicke der Wächter treffen sich, die Frage, die sich schon so oft stellte, erhebt sich auch jetzt:

Wie weiter?

01_22 / Wendepunkt

 

Aus unruhigem Schlaf schreckt der Verratene hoch, findet sich in einem Sessel wieder, nahe am Fensters des dunklen, fremden Raums, in den er sich eingeschlichen hat. Erkennt sofort, was ihn geweckt hat: das Klicken des Schlosses, der Schritt über den Punkt ohne Wiederkehr, unvermeidbar, unabänderlich. Der Verräter betritt sein Haus.

Der Verratene nimmt den entsicherten Revolver von dem kleinen Tischchen neben dem Sessel, erhebt sich, gut sichtbar für jeden, der durch die Tür kommt. Der Augenblick der Entscheidung. Manche Tage sind für Entscheidungen geschaffen

Der Verräter betritt den Raum, schaltet das Licht ein, erstarrt in der Bewegung. „Nein!“

„Du weißt, dass es so kommen musste.“ Der Verratene hebt den Revolver mit beiden Händen, richtet ihn auf das Herz des ehemaligen Freundes.

„Können wir nicht noch einmal darüber reden?“

„Du hast mich verraten, und du weißt es. Was gibt es da noch zu reden?“

„Ich gebe zu, ein Unrecht begangen zu haben. Lass es mich wieder gut machen.“

„Hättest du das gesagt, bevor eine Waffe auf dein Herz zeigt, hätte es einen Weg geben können.“

Der Verräter stößt den Atem aus. „Du bis kein Mörder, lass es sein.“

Der Verratene lacht bitter auf. „Das ist so eine Sache mit dem Mörder sein.“

„Was meinst du?“

„Für jeden Mörder gab es eine Zeit, in der er keiner war.“ Er schießt die Trommel des Revolvers leer, um sicher zu gehen.

 

01_23 / Skandal im Stadttheater

 

Der zornige Theatergast weiß, was nun kommt. Auf der Bühne setzt Hamlet zu seinem Monolog an. "Sein oder Nichtsein, das ist hier die Frage: Ob’s edler im Gemüt, die Pfeil’ und Schleudern des wütenden Geschicks erdulden, oder, sich waffnend gegen eine See von ..." 

"Ob's edler im Gemüt", brüllt der zornige Theatergast. "Bullenmist!" Hamlet verstummt erschreckt. "Was soll das heißen, ob's edler im Gemüt'!"

Der zornige Theatergast steht auf, wendet Hamlet den Rücken zu. "Seit über 150 Jahren furzt jeder Regisseuridiot und Intendantentrottel diese gequirlte Kacke nach, die ein überkandidelter Bildungsbürger als angemessene Sprache für Shakespeare ausgeschwitzt hat. Kunstsprache, krepiert doch! Das ist Deutsch für Hängebauchschweine! Shakespeare ist klar, Shakespeare ist schlicht:

Whether 'tis Nobler in the mind to suffer

The Slings and Arrows of outrageous Fortune,

Or to take Arms against a Sea of troubles ...

Um diesen deutschen Bockmist zu verstehen, muss man erst den Originaltext lesen! Und das soll eine angemessene Übersetzung sein? Kultur ist, wenn man's nicht versteht, was? Shakespeare aufhübschen, wie? Kultur draus machen, nicht wahr? Ihr blöden, neurotischen, schleimigen Kulturzombies, verreckt doch einfach!"

Das Publikum bricht in spontanen Applaus aus. Der zornige Theatergast verbeugt sich nach allen Seiten und nimmt wieder Platz. Mit einer ungeduldigen Handbewegung fordert er Hamlet zum Weiterspielen auf.

01_24 / Interessenskonflikt

 

Der Extraterrestrische heißt Ngk, so zumindest hört es sich an. Treffe ihn am Rand des einsamen Wanderwegs, den kaum jemand kennt. Er könnte auch ein verunstalteter Mensch sein, Elefantiasis vielleicht, aber das Raumschiff, das auf der Löwenzahnwiese steht, verbietet jedes Missverständnis. "Darauf habe ich mein Leben lang gewartet." Meine Stimme zittert.

"Gewartet worauf?" Der Extraterrestrische spricht akzentfrei, ein Hauch Hessisch vielleicht.

"Euch zu treffen, jemanden von euch. Die Bestätigung, dass es noch etwas anderes geben muss als diesen Mist."

"Du findest deine Existenz unbefriedigend?"

"Dieser Planet ist wahnsinnig, ein lebenslanges Tal der Tränen, angefüllt mit Selbstzerstörung, Angst, Aggression, Hass, Verleugnung, Verachtung."

Der Extraterrestrische sieht mich an. Lange. Schweigend.

"Ich wusste immer, dass es da draußen mehr geben muss." Rede mich in Rage. "Ein ideales Selbst, einen Weg in die Zukunft, ein Licht der Hoffnung."

"Das ist jetzt dumm", sagt der Extraterrestrische.

"Dumm?"

"Ich habe diese Reise unternommen, um von dem Dreck wegzukommen, der meinen Planeten besudelt, weg von dieser Leere, dieser Dekadenz, dieser Perspektivlosigkeit. Ich war immer davon überzeugt, dass es da draußen mehr geben muss, eine Stimme der Vernunft, den Glanz der Erleuchtung, das Versprechen eines höheren Seins."

"Das ist jetzt dumm."

"Was ich sage." 

01_25 / Nachtflug

 

Plötzlich das Gefühl, in Gelee zu ersticken, gemeinsam mit allen in der Kabine. Eben noch die normale Geschäftigkeit an Bord, das Kopfkissen, von der Stewardess mit freundlichem Lächeln gereicht, der Tomatensaft im kleinen Plastikbecher, der Geschäftsmann in Hemd und Krawatte auf dem Rückweg von der Toilette, das hinter Rückenlehnen verborgene Kind, das nach der Schwärze hinter den Fenstern fragt.

Nun Starre, die plötzliche Erkenntnis, sich nicht bewegen zu können, und dass auch niemand sonst es kann. Die Luft wie Öl, mit Mühe atembar. Das Licht trüb, wie durch Nebel. Das Geräusch der Motoren dumpf, wie hinter einer neu eingezogenen Wand.

Alle Gespräche erstorben, alle Bewegungen erstarrt, alle Gedanken gebannt, alle Gefühle verloren, alle Zeitabläufe parallel, alle Hoffnungen verblasst, alle Pläne auf Eis, alle Erwartungen verspielt. Alle Ängste – 

kondensiert, zusammengeschnürt, fokussiert auf die eine zentrale, fundamentale, alles einnehmende Furcht vor dem unwiederbringlichen, endgültigen Verlust seiner selbst. 

Eine Weggabelung ist es, hier und jetzt. Manche Tage sind für Entscheidungen geschaffen. Zwei Richtungen, den Weg fortzusetzen. Eine Wahl, die der Augenblick fordert. Der Kumulationspunkt des Schicksals. Das duale Prinzip aller Abläufe. Die Forderung der Zukunft an das Jetzt.

Dann ist es vorbei. Die Starre lässt nach, die Luft ist klar, das Licht hell, das Gehör intakt. Gespräche setzen wieder ein, das Treiben geschäftig, die Atmosphäre gelöst. Der Flug durch die Nacht nimmt seinen Fortgang, entlang der geplanten Route, das Ziel in Sicht.

Auftritt des Schicksals. Szenenapplaus.

01_26 / Seiteneinstieg

 

Alles wie erwartet. Glanzvoller Mittelgang, breit wie eine Prachtallee. Kostbare Teppiche auf dunklem, edel versiegeltem Parkett. Dorische Säulen aus weißem Marmor, gekrönt mit Kapitellen aus rosafarbenem Marmor. Dazwischen überlebensgroße Bronzeplastiken von Engeln der ersten Kategorie, Seraphim, Cherubim, Throne. Über ihren Köpfen prunkvolle Fresken, vom ewigen Band zwischen Mensch und Schöpfer berichtend. Hinter mir die mit Gold beschlagene Pforte aus schwarzem Ebenholz, hoch wie drei Männer, versperrt mit einem mächtigen Riegel. Wie bin ich herein gekommen? Am Ende des Gangs -

das Licht. Strahlend hell, gleißend, alles überstrahlend, den Übergang verhüllend.

Darauf zugehen. Weiß, was zu tun ist – ins Licht schreiten. Folge einer höheren Entscheidung. Manche Tage sind für Entscheidungen geschaffen. Tage? Die Schritte zunächst zaghaft, befangen, furchtsam. Später mutvoller, noch immer zweifelnd. Ist das wirklich der Weg? Dann – die Gewissheit. Die prächtige Galerie. Die Engel. Das Licht. Richte den Blick nach vorn, entschlossen. Der Schritt schneller. Nicht mehr lange, gleich ist es erreicht, nicht mehr lange ...

„Hallo!“

Erstarre. Eine Stimme? Hier? Der Ruf kommt nicht aus dem Licht. Blicke suchend ich um mich. In der linken Seitenwand steht eine kleine Metalltür offen, rostig an den Kanten. Im Türrahmen ein Mann im fleckigen T-Shirt. Winkt mich zu sich, drängend.

Gehe auf ihn zu. „Was soll das bedeuten?“

„Hier geht es entlang.“

„Hier?“

„Nur hier.“ 

Trete durch die Tür. Warum nicht.

01_27 / Beweisführung

 

Die Quantenblähung ähnelt dem Anstoßen eines Dominosteins, der den nächsten Stein umstößt, dieser den nächsten, und wieder den nächsten, bis keiner mehr steht. Der Professor entriegelt den Auslöseknopf des Quantenprojektors.

Der Assistent stürzt in den Raum. „Nicht starten!“

Ruhig blickt der Astrophysiker auf seinen Mitarbeiter.

Der Assistent keucht, ist offenbar den Weg hergerannt. „Ich habe die ganze Nacht gerechnet.“ Er versucht, zu Atem zu kommen. „Meine frühere Ahnung hat sich bestätigt.“

„Und die wäre?“

„Die Quantenblähung verursacht einen spontanen Energieüberschuss!“

„Das ist bekannt.“

„Der Überschuss generiert weitere Blähungen, bis alle Quanten betroffen sind.“

„Gut möglich.“

„Gut möglich? Wir stoßen eine Kettenreaktion an, die den gesamten Planeten in Nichts auflöst! Aber damit ist noch nicht Schluss – die Reaktion pflanzt sich über die dunkle Materie fort!“

„Und was schließen Sie daraus?“

„Unsere Galaxis löst sich in rund einer Woche auf! Das Universum wäre in etwa zehn Jahren vollständig zerstört!“

Der Wissenschaftler schüttelt den Kopf. „In etwa sieben Jahren.“

Der Assistent starrt auf den Wissenschaftler, Entsetzen im Blick. „Sie - Sie wissen das, Professor?“

„Der wissenschaftliche Beweis muss geführt werden.“

„Wozu? Niemand wird ihn sehen!“

Der Astrophysiker drückt auf den Knopf. „Unwichtig. Hauptsache, ich behalte Recht.“ 

01_28 / Solo

 

Etwas stimmt nicht mit diesem Tag. Kann nicht sagen, was es ist. Alles im Lot eigentlich. Fühle mich gut, von Beginn an, aber etwas stimmt nicht, trotz allem. Durchforste die Erinnerung an vergangene Stunden:

Beruflich alles in Ordnung, die Beförderung in greifbarer Nähe, einschließlich wohltuender Gehaltserhöhung.

Der Arzttermin unproblematisch, alle Werte im grünen Bereich.

Nachmittags im Museum, zwei Stunden angefüllt mit Kunstgenuss und Entspannung.

Der gewohnte Absacker in der Stammbar, vertraute Geborgenheit.

Ein genussvolles Abendessen, asiatisch.

Ein verträumter Spaziergang, streife durch die immer noch bevölkerten Straßen der Stadt.

Der übliche Zug durch die Kneipen, verliere mich in Klangwolken und Lichträumen. Einige Drinks, vielleicht einer zu viel.

Wieder daheim, ein Bad, ein letzter Drink, ein wenig Musik, ins Bett.

Ein guter Tag, wie viele zuvor. Trotzdem: Etwas ist falsch, passt nicht, ist nicht, wie es sein sollte.

Liege in der Dunkelheit, mit offenen Augen, die Gedanken rastlos, wie der Hamster im Laufrad. Es ist nicht nur der Tag. Etwas ist falsch an diesem geregelten, kontrollierten, ausbalancierten, genormten, bis zum Rand gefüllten Leben. Etwas ist falsch, was ist es? Dann, die Erkenntnis.

Habe kein Wort gesprochen heute.

01_29 / Image

 

Der Tod, gekleidet in einen langen, schwarzen Umhang, tritt auf den Verkäufer zu. „Ich suche einen Anzug.“

„Für welchen Anlass - beruflich oder privat?“

Der Tod blickt schweigend ins Leere. „Wissen Sie – beides, würde ich sagen.“

„Wenn Sie mir beschreiben, wofür Sie ihn brauchen, kann ich Ihnen besser weiterhelfen.“

„Um es direkt zu sagen – ich habe ein Akzeptanzproblem.“

Der Blick des Verkäufers gleitet über den Umhang. „Wenn ich fragen darf, welchen Eindruck möchten Sie erwecken?“

Die dunkle Gestalt betrachtet die Regale der Konfektionsabteilung, die wenigen Kunden, die sich dazwischen bewegen, Sakkos anprobieren, sich im Spiegel betrachten. Heute ist der Tag. Manche Tage sind für Entscheidungen geschaffen. „Ich will, dass man mir vertraut.“

Der Verkäufer überlegt. „Ein dunkler Einreiher wäre wohl das Richtige, schlank geschnitten, drei Knöpfe.“

„Wenn Sie meinen.“

Der Verkäufer taxiert seinen Kunden. „Größe 50 wird wohl passen. Würden Sie mir bitte folgen?“

Gemeinsam gehen Sie zum nächsten Regal. Der Verkäufer nimmt einen dunkelgrauen Anzug mit dezenter Stoffstruktur von der Stange. „Italienischer Designer, verbindet Eleganz mit Lässigkeit, das könnte genau das Richtige für Sie sein. Wollen Sie ihn anprobieren?“

„Warum nicht.“ Der Tod nimmt dem Verkäufer den Bügel ab, geht auf die Umkleidekabinen zu und verschwindet hinter dem Vorhang. Nach zwei Minuten tritt er heraus, betrachtet sich im Spiegel.

„Vielleicht jetzt.“ Nur ein Flüstern, wie zu sich selbst.

01_30 / Transit

 

„Ein massives Problem sogar.“ Der Vorstandsvorsitzende der Fluggesellschaft noch schlaftrunken, genau wie der Pressesprecher, beide hastig und nachlässig angekleidet, der frühen Morgenstunde entsprechend, der Schrecken beiden ins Gesicht geschrieben.

„Und wann genau ist sie gelandet?“ Der Pressesprecher zündet eine neue Zigarette mit dem Stummel der alten an.

„Zwei Uhr sechsunddreißig.“

„Und es ist wirklich Flug 223?“

Der Vorsitzende stößt die Luft aus. „Ohne Zweifel.“

„Der vor 46 Tagen über dem Pazifik verschwand?“

„Genau der.“

„Und alle Passagiere wohlauf?“

Der Vorsitzende blickt aus dem Fenster auf den im Dunkeln liegenden Flughafen. „Das ist Definitionssache.“

„Wie darf ich das verstehen?“

Der Vorsitzende löst den Blick vom Fenster, setzt sich wieder in den Sessel hinter seinem Schreibtisch. „Die Passagiere sind wohlauf, nur ...“

„Ja?“

„Es sind nicht unsere Passagiere.“

„Wie bitte?“

„Es sind die Passagiere von Flug 108, komplett vom Piloten bis zum letzten Fluggast.“

„Flug 108, der vor drei Monaten auf der Route über die Anden verloren ging?“

„Eben der.“

Die beiden Männer blicken sich schweigend an. Die Luft wie Öl, mit Mühe atembar. Das Licht trüb, wie durch Nebel.

Der Pressesprecher fühlt Angst aufsteigen. „Es ist noch nicht zu Ende.“

01_31 / Komplikation

 

„Er ist durch die Eingangsprozedur“, sagt der leitende Wachbeamte. „Wollen Sie ihn jetzt sehen?“

Der Gefängnisdirektor zupft nervös an seinem korrekt gebundenen Krawattenknoten. „Führen Sie ihn herein.“

Der Beamte verlässt wortlos den Raum, kommt kurz darauf mit dem Gefangenen zurück.

„Vielen Dank, das wäre alles.“ Wieder verlässt der Beamte den Raum.

Schweigend steht der Gefangene vor dem Schreibtisch des Direktors. „Das ist eine unangenehme Situation“, sagt der Anstaltsleiter.

„Was müsste ich erst sagen.“

„Ich weiß nicht einmal, ob ich Ihnen einen Platz anbieten soll oder nicht.“

Lächelnd setzt sich der Gefangene auf einen der beiden Stühle. „Das vereinfacht die Situation.“

„Das Landgericht kannte das Problem. Wollte Sie in einer staatlichen Einrichtung unterbringen“, erklärt der Direktor.

„Keinen Platz gefunden, wie?“

„Alles bis zum letzten Bett gefüllt.“

Wieder ein schmales Lächeln des Gefangenen. „Glücklicherweise gibt es zusätzlich private Strafvollzugseinrichtungen.“

„Im Prinzip schon.“ Der Direktor seufzt. „Und wie geht es nun weiter?“

„Da gibt es wohl keine Alternative. Tun Sie, was getan werden muss.“

Wieder seufzt der Direktor und drückt auf den Rufknopf.

Der Beamte tritt ein und führt den Chef des privaten Gefängnisunternehmens in seine Zelle.

01_32 / Episode im Park

 

Es ist Zeit. Die Redakteurin entdeckt den Passanten auf dem Weg zum Verlagsgebäude, wäre beinahe an ihm vorbei gegangen. Er verharrt vollkommen still, blickt ins Leere, wie ein digitaler Videoeffekt inmitten des pausenlosen Flusses rastloser Menschen. 

Die Redakteurin bleibt vor ihm stehen. „Alles in Ordnung mit Ihnen?“

Nach einigen Sekunden erwacht der Passant aus seiner Starre. Der Blick umherirrend, findet schließlich die Redakteurin, bleibt an ihr hängen, geistesabwesend.

„Es gab nie eine Alternative.“ Stimme des Passanten rau, zittrig, als wäre sie lange nicht genutzt worden.

„Alternative wozu?“

Er blickt hoch. „Ein schöner Tag, die Sonne ist durchgekommen.“

„Ja, wir haben Glück diesen Oktober.“

„Es gab nie eine Alternative.“

Die Journalistin stößt den Atem aus, ein Versuch, Geduld zu bewahren. „Sie scheinen besorgt zu sein.“

Der Passant blickt wieder auf die Journalistin. „Die Idee der Apokalypse ist ein Denkfehler.“

„Ein Denkfehler?“

„Es geht nicht nur um die Welt. Alles hängt zusammen. Es ist das Universum, das endet.“

Das Gefühl von Überlegenheit angesichts eines verwirrten Geistes will sich nicht einstellen. „Wann?“

„Jetzt.“

Die Redakteurin blickt um sich. Sie öffnet ihre Umhängetasche und greift nach ihrem Dik

Fraktal Iteration 02 vor Zweidimensionalität

 

02_01 / Ohnmacht der Gewohnheit

 

Wieder die Schapenhaffstraße. Ein ganzes Leben, verbracht in der Geburtsstadt, hunderte Male an der Straße vorbei gegangen, vorbei gefahren, vorbei gehastet, angezogen und abgestoßen zugleich von ihrem Namen. An der Hand der Mutter zuerst, dann im jugendlichen Übermut auf dem Fahrrad, schließlich als Erwachsener auf vielen unterschiedlichen Wegen. Niemals auch nur der Anflug eines Gedankens, sie zu betreten, zu befahren, zu erfühlen. Doch manche Tage sind für Entscheidungen geschaffen. Blinker gesetzt, Gegenverkehr abgewartet, dann eingetaucht in einen Canyon vor- und zurückspringender Hausfronten, grauer, braunroter, schmutzig grüner Farbflächen.

Alle Parkbuchten mit Fahrzeugen belegt. Tatsächlich, hier wohnen Menschen. Den Wagen vorsichtig auf den verbreiterten Bürgersteig der Feuerwehranfahrtszone bugsiert und abgestellt. Feuer? Hier? Zeit, auszusteigen. 

 Umhersehend von der Ahnung erfasst, eine sinnlose Entscheidung getroffen zu haben. Den Blick von zwei melancholischen Schaufensterscheiben eingefangen, darüber ein verwittertes Schild: Café Premiere. Einige Schritte darauf zu. Wer besucht ein Café in dieser Einöde? 

In das Lokal eingetreten, zögernd, einen fast leeren Gastraum vor Augen. An einem Tisch am Fenster eine junge Frau, mit leerem Blick auf die Straße starrend. Der Löffel rührt in der Tasse Kaffee vor ihr, unablässig, unbewusst.

An ihren Tisch getreten. „Ist hier noch frei?“

„Nur zu.“ Die Augen der Frau unverändert auf die Straße gerichtet, beharrlich, gleichzeitig ziellos.

Platz genommen. Ihr Blick kurz auf ihn gerichtet, dann wieder auf die Straße. 

Sie ansehend. “Sind Sie oft hier?”

“Ehrlich gesagt, das ist mein erstes Mal. Diese Straße ... mein Leben lang bin ich daran vorbei gegangen, und heute schien es mir, als sollte ich ...”

Ihrem Blick aus dem Fenster gefolgt, auf den Wagen, der in einer Einfahrt abgestellt ist. Eine Haustür, die sich gegenüber öffnet. Eine alte Frau, ihre rollende Einkaufstasche über die Türschwelle zerrend, langsam auf die belebte Hauptstraße zuzugehend – die Hauptstraße, aus der er gekommen ist. Nur einige Schritte. Schließlich angehalten, den Blick starr nach vorne gerichtet, in Gedanken versunken. Schließlich kehrtgemacht, in die entgegengesetzte Richtung davongehend.

Die Tür des Cafés, sich öffnend. Der Mann in mittleren Jahren, den Raum betretend. Lässt den Blick umherschweifen, ganz so, als wäre er noch nie zuvor hier gewesen. Unentschlossen, an einem der Tische Platz zu nehmen.

“Sehen Sie.” Blick der jungen Frau, immer noch auf das Fenster gerichtet. Das Umrühren ihres erkalteten Kaffees beendet, Löffel auf die Untertasse.

Einen in doppelter Reihe geparkten Wagen entdeckt. Hatte zuvor nicht da gestanden. “Ein merkwürdiger Tag heute.”

“Ja, merkwürdig.”

“Manchmal häufen sich die Zufälle einfach.”

“Ich glaube nicht an Zufälle.” Die junge Frau, sich jetzt erhebend. Neues Ziel. Mann am Eingang.

 

02_02 / Dialog

 

Sie landen nachts im Kino, wie so oft in der Zeit vor Jahren, bevor das Leben sie in unterschiedliche Richtungen geweht hatte. Schwarz-weiße Schemen huschen über die Leinwand, zaubern Lichtspiele auf ihre Gesichter.

Er lächelt. “Seltsam, dass wir uns wieder über den Weg gelaufen sind."

Sie blickt gedankenverloren auf die Leinwand, lächelt ebenfalls. Auf der Leinwand lächelt Elsa.

Es ist lange her, Sam.

Sie blickt ihn an. "Es ist schön, dich wieder zu sehen."

Ja, Ma'm. Und es ist viel inzwischen passiert.

Er fühlt ihre Hand auf seinem Arm, sieht sie an. "Wo warst du in den letzten Jahren?"

Sie blickt noch immer auf die Leinwand. "Hier und da. Es war eine rastlose Zeit."

Spiel ein paar von den alten Liedern, Sam.

"Und - wirst du länger bleiben?" Er bemüht sich, nicht zu interessiert zu klingen.

"Kann schon sein, mal sehen."

Das Lächeln auf Elsas Gesicht nun melancholisch, vage, kaum erkennbar.

Spiel es einmal, Sam, zur Erinnerung an damals.

Er fühlt ihre Zurückhaltung. Zurückweisung?

Ich weiß nicht, was Sie meinen, Miss Elsa.

Nun blickt sie ihn an. "Wieder hier zu sein, ist ein gutes Gefühl." Die Hand auf seinem Arm streicht auf und ab, einmal.

Spiel es, Sam. Spiel 'As time goes by'.

Er erwidert ihren Blick. "War eine schöne Zeit mit uns, damals, oder?" Auf der Leinwand vermeidet Sam Elsas Blick. 

Das kann ich gar nicht mehr, Miss Elsa. Schon ein bisschen eingerostet.

Ich summe es dir vor: Da-da-da-da-da-da - da-di-da-da-da-da ...

Sam beginnt zu spielen. Im dunklen Kinosaal legt er seine Hand auf die ihre. Elsas Melancholie wandelt sich in Sehnsucht.

Sing’ es, Sam.

Der Druck ihrer Hand auf seinem Arm verstärkt sich etwas. 

You must remember this,

A kiss is just a kiss,

A sigh is just a sigh.

The fundamental things in life apply

As time goes by.

Schweigend starren sie auf die Leinwand, lassen den Film an sich vorüberziehen, die Gedanken weit weg und gleichzeitig ganz nah. Die Frage, die er vermeiden wollte, drängt sich nach vorn. "Hast du in den Jahren auch einmal an mich gedacht?"

Elsa senkt den Blick.

Wir haben doch ausgemacht: keine Fragen.

Sie blickt wieder nach vorn. "Und wenn es so wäre?"

"Dann wäre es dir gegangen wie mir." Ihre Blicke vertiefen sich ineinander.

Ich seh’ dir in die Augen, Kleines.

Seine Hand wandert über ihren Arm zu ihrem Gesicht, streicht sanft über ihre Wange.

War das Artilleriefeuer? Oder klopft mein Herz so laut?

Er lächelt sie an. "Ich glaube, ab jetzt wird alles besser."

Küss mich! Küss mich, als wär’s das letzte Mal!

Er zieht sie an sich. Alles ist gesagt.

 

02_03 / Ungleich

 

Der Künstler findet seinen Freund, den Mathematiker, an der Bar, vor sich acht leere Tequilagläser, säuberlich aufgereiht, das neunte auf dem Weg zum Mund.

„Sind das deine?“

„Ich habe sie dabehalten, um nicht die Übersicht zu verlieren.“ Die Stimme des Mathematikers klar, nüchtern.

Der Freund schiebt sich auf den Hocker daneben. „Gibt es einen Anlass?“

„Ich feiere den Untergang des Universums.“

Der Künstler blickt um sich. „Genug Zeit, um noch etwas zu bestellen?“

Der Mathematiker zuckt die Schultern und winkt dem Barmann. „Ich spreche vom Ende der Wissenschaft, und damit des Universums, wie wir es kennen.“

Der Barmann stellt einen neuen Tequila vor den Mathematiker. Der Künstler zeigt darauf und dann auf sich.

„Kannst du das näher erläutern?“

Der Mathematiker stößt die Luft aus. „Unsere gesamte Mathematik beruht auf einem Fehler, und damit auch alle anderen Wissenschaften.“

„Ein Fehler? Und den hast du entdeckt?“

Der Mathematiker nimmt eine Serviette von dem Stoß vor sich und einen Kugelschreiber, der daneben liegt. „Wie gut ist deine Algebra?“

„Schulniveau.“

„Das genügt.“ Der Mathematiker schreibt:

„Klar?“

„Sicher“, sagt der Künstler. Die Gleichung ist zum Beispiel gelöst mit x gleich 4 und y gleich 6.“

„Guter Mann. Das kann man auch anders ausdrücken.“ Der Mathematiker schreibt:

„In Ordnung.“ Bestätigendes Nicken des Künstlers.

„Dann addieren wir auf beiden Seiten 54x.“ Der Mathematiker schreibt:

„-54x + 54x ergibt 0.“ Der Mathematiker schreibt:

„Und jetzt?“, fragt der Freund.

„Jetzt ziehen wir auf beiden Seiten 42y ab:“

Der Künstler deutet auf die Serviette. „Rechts ist jetzt 42x - 42x gleich 0“. Der Mathematiker lächelt und schreibt:

„Lass’ es uns übersichtlicher schreiben:“

Zweifelnd mustert der Mathematiker seinen Freund. „Weißt du, wie man in Gleichungen Ausdrücke ausklammert?“

Der Künstler runzelt die Stirn. „Moment ...“ Er starrt auf die Gleichung. „Ja, hier lässt sich 3x - 2y ausklammern.“

„Sehr gut.“ Der Mathematiker schreibt:

„Ah ja, und durch diesen Ausdruck kann man beide Seiten dividieren.“ Hitze steigt dem Künstler ins Gesicht, als er das Ergebnis sieht:

„Verstehst du das Problem?“ Der Blick des Mathematikers richtet sich prüfend auf den Freund.

Der Künstlers betrachtet nachdenklich die vollgeschriebene Serviette. „Ich finde, jetzt beginnt erst alles.“

 

02_04 / Rettungsmission

 

Im Lichtgeflacker des Clubs entdeckt der Nachtnomade sein Ziel zwischen den Tanzenden hindurch an der Bar auf der anderen Seite des Raums. Zwängt sich durch die dicht gedrängte Menge lachender und trinkender Menschen auf die beiden schlanken Frauen zu, seine Wahl längst getroffen.

Wählt seinen Platz neben der Frau mit den schwarzen Haaren und dem Hauch von Ironie im Blick. Nur eine Minute, bis eine Gesprächspause seine Chance signalisiert.

„Entschuldigen Sie, dass ich Sie anspreche, aber es ist dringend.“

Die Frau wendet ihm den Blick zu. „Was Sie nicht sagen.“ In einem Universum aus Bassdruck und Lichtgewitter gesiezt zu werden, weckt ihre Aufmerksamkeit.

„Es ist so ... ich bin aus der Zukunft zurückgereist, um Ihr Leben zu retten.“

Ein kaum sichtbares Zucken huscht über ihre Mundwinkel. „Soll ich ermordet werden?“

„Schlimmer, Sie werden den falschen Mann heiraten und mit ihm sehr unglücklich werden.“

„Und wer soll das sein?“

„Sie kennen ihn noch nicht.“

„Und Sie sind also aus der Zukunft gekommen, um mich von diesem Schritt abzuhalten.“

„So ist es.“

 „Kennen Sie diesen Mann?“

„Nur indirekt. Ich habe Sie beide auf einer Party kennengelernt. Wir beide haben miteinander gesprochen. Sie haben mir ihr Herz ausgeschüttet.“

„Und da haben Sie beschlossen, meine Zukunft zu ändern.“

Zum ersten Mal blickt er direkt in ihre Augen. „Ich hatte keine Wahl.“

Die Freundin der Schwarzhaarigen hört gebannt zu. Risiko. Er muss verhindern, dass sie sich einmischt. Die gerettete Frau scheint seinen Gedanken zu teilen. Nach einem kurzen Blick auf die Freundin wendet sie sich wieder ihrem Retter zu. „Und was ist mit meinem derzeitigen Freund?“

Der Schreck, der ihm durch den Körper fährt, verfliegt sofort wieder. Heute kann er nicht verlieren, nicht an einem Tag wie diesem, denn manche Tage sind für Entscheidungen geschaffen. „Der ist kein Thema.“ Eine wegwerfende Handbewegung unterstreicht die Feststellung.

„Kein Thema?“

„An dem Tag, an dem Sie den richtigen Mann kennenlernen, ist er nicht bei Ihnen, das sagt doch alles.“

„Und wann wird das sein?“

„Gerade eben.“

Die übliche Abfuhr bleibt ihr im Hals stecken. Das hier ist anders, irgendwie. „Der war nicht schlecht.“ Sie grinst.

Sie versinken in einem vertraulichen Dialog, den flackernden und lärmenden Raum verdrängt hinter die Wahrnehmungsschwelle. Das unausgesprochene Einverständnis über den Rest der Nacht gesellt sich zu ihnen wie ein alter Freund.

Nach einem kurzen, geflüsterten Gespräch mit ihrer Freundin wendet die schwarzhaarige Frau sich an den Nachtnomaden. “Ich gehe mir kurz die Nase pudern, dann können wir los.”

Während er wartet, zieht er unauffällig seinen elektronischen Helfer aus der Tasche, öffnet die Romeo-App und setzt sein Gefällt mir unter den Tipp des Tages.

02_05 / Expedition

 

Die Ionentriebwerke kommen zum Stillstand, Ruhe breitet sich im Raumschiff aus. Schweigend blicken die drei Männer durch die Sichtscheibe auf die unbekannte Welt. Niemand scheint den ersten Schritt tun zu wollen.

"Das ist es also", sagt der Kommandant schließlich.

"Hoffentlich war es das alles wert", meint der Biologe.

"Alle Bedingungen treffen zu", bemerkt der Navigator.

Nach den erfolgreich abgeschlossenen Analysen der Atmosphäre öffnet sich die Schleuse. Die drei Reisenden betreten den Planeten.

"Alle Beobachtungen scheinen zuzutreffen." Der Biologe beginnt, seine Geräte aufzubauen.

"Erdähnlicher Planet in der habitablen Zone, wie vorausgesagt." Der Kommandant lässt den Blick über die üppige Landschaft schweifen, die sanft geschwungenen Grasflächen, den ruhigen Fluss, die verstreuten Bäume, die Bergkette in der Ferne, den wolkenlosen, azurblauen Himmel, die gelbe Sonne, der eigenen so ähnlich.

"Wo sind die Tiere?" Der Navigator sucht das Gelände mit seinem Feldstecher ab.

"Sind wohl durch die Landung verscheucht worden." Die Gedanken des Kommandanten sind bereits einen Schritt weiter. "Was mich viel mehr interessiert ..."

"Die Intelligenzen?" Der Navigator stellt die Schärfe des Feldstechers nach.

"Nichts als Hypothesen", wendet der Biologe ein.

"Der Planet bietet alle Voraussetzungen." Der Navigator wendet sich ab, sucht in einer anderen Richtung weiter. "Es ist weit mehr als eine Hypothese."

Der Kommandant nähert sich den bereits aufgebauten Geräten und schaltet den Bodenradar ein. "Während des Anflugs war nichts zu entdecken. Keine Bauwerke, keine Straßen, keine Landwirtschaft."

"Innerhalb des schmalen Anflugkorridors wäre es fast ein Wunder, wenn wir gleich zu Beginn etwas entdeckt hätten." Der Navigator sucht einen weiteren Bereich ab.

"Wir sollten zunächst die Wohnzelle und alle Systeme aufbauen, bevor wir ernsthafte Untersuchungen anstellen." Der Biologe betritt das Raumschiff, um weitere Ausrüstungsgegenstände zu holen.

 

Nach drei Monaten Gewissheit. Ein unbewohnter Planet mit üppiger Bepflanzung, ohne Tierwelt, ohne intelligente Bewohner. Jahrzehnte der Vorbereitung – vergebens. Die Hoffnungen der Menschheit – enttäuscht. Die Sehnsucht nach der Verbrüderung mit dem Universum – unerfüllt.

Die erschöpften und entmutigten Reisenden besteigen das Raumschiff, machen sich für den Rückflug bereit. Bald steigt das Schiff in den blauen Himmel. Das Dröhnen des Ionenantriebs verweht. Nach einigen Minuten kehrt Stille ein.

"Sie sind fort", sagt die Wiese.

"Ob sie wiederkommen?", überlegt der Fluss.

"Das kann niemand wissen", erwidert der Baum.

"Möglicherweise hätten wir von ihnen lernen können", meint der Fluss.

"Sie schienen über großes Wissen zu verfügen", sagt die Wiese.

"Vielleicht kehren sie eines Tages zurück", vermutet der Baum.