Planet der Angst - Emil Horowitz - E-Book

Planet der Angst E-Book

Emil Horowitz

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Beschreibung

Die Neue Rechte ist nicht vom Himmel gefallen. Sie ist das Ergebnis eines seit acht Jahrzehnten andauernden Projekts, das im Deutschland der Nachkriegszeit seinen Anfang genommen hat und seither zügig auf seine Ziele hinarbeitet. Das Sachbuch von Emil Horowitz erklärt die historischen Zusammenhänge, beschäftigt sich mit den Methoden, wie der Rechtspopulismus Angst zur Erreichung seiner demokratiefeindlichen Ziele einsetzt, und wirft einen entlarvenden Blick auf das alle Bereiche umfassende Netzwerk der Neuen Rechten aus Finanziers, Denkfabriken, Kaderschmieden und Medien.

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Seitenzahl: 157

Veröffentlichungsjahr: 2023

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Emil Horowitz

Planet der Angst

Sachbuch

Vollständige eBook-Ausgabe

ebubli eBook

Zweite überarbeitete Auflage© Copyright 2023 bei Emil HorowitzTitelbild: Emil Horowitz

Alle Rechte vorbehalten. Das Werk ist urheberrechtlich geschützt.Jede Verwertung – auch zeilenweise – ist nur mit Zustimmung des Verlags zulässig. Das gilt insbesondere für Vervielfältigungen, Übersetzungen und die Einspeicherung und Verarbeitung in elektronischen Systemen.

Printed in Germany

Erschienen bei epubli

Psychobombe Angst

Wir alle werden von Angst geplagt – mal mehr, mal weniger. Es gibt die unterschiedlichsten Dinge, die uns Angst einjagen können. Es gibt Angst um unsere Existenz, Angst um unsere Zukunft, Angst vor unserer Vergangenheit. Es gibt Angst vor Menschen, Angst vor Entwicklungen, Angst vor drohenden Gefahren. Es gibt Angst vor dem Leben, Angst vor dem Tod, Angst vor dem Danach. Und das ist nur ein kleiner Ausschnitt der Ängste, die uns heimsuchen können.

Es ist ein wesentlicher Teil unserer Sozialisierung, dass wir lernen, mit unseren Ängsten zu leben und richtig mit ihnen umzugehen. Zivilisation bedeutet auch, der Angst den richtigen und angemessenen Platz innerhalb unserer Gesellschaft und unserer Lebensgestaltung einzuräumen.

Mit Angst richtig umzugehen, bedeutet nicht, sie einfach zu verdrängen. Angst ist ein zuverlässiger Indikator vor drohenden Gefahren und hilft uns dabei, sie zu vermeiden. Aber auch, sich seinen Ängsten vollständig hinzugeben, ist nicht die richtige Strategie. Eine Existenz, die von Angst beherrscht wird, endet in Starre, Inaktivität und Lebensverneinung. Eine Leben, in dem die Angst dominiert, fördert Misstrauen, Intoleranz und Hass.

Wir leben in Zeiten, die viele von uns als angsteinflößend wahrnehmen. Insbesondere seit dem 11. September 2001 hat sich die Befindlichkeit vieler Menschen weltweit fundamental verändert. Ein Teil unseres früheren Geborgenheitsgefühls und unseres früheren Sicherheitsempfindens ist verloren gegangen.

Wir müssen uns mit der Tatsache abfinden, dass wir nicht mehr durch das militärische Potential unseres Landes vor jeder externen Gefahr geschützt sind. Wir müssen erkennen, dass kleine, entschlossene Gruppen mit verschwindend geringen Mitteln Leib und Leben von uns allen gefährden können, und das nicht etwa an einer weit entfernten Frontlinie, sondern hier, mitten in unseren Städten, im Herzen unserer Zivilisation.

Und auch andere Entwicklungen flößen vielen von uns Angst ein. Aus entfernten Krisengebieten fliehen Tausende von Menschen, drängen an unsere Grenzen und bevölkern unsere Straßen. Sie nutzen unser Sozialsystem, bringen fremdartige Lebensweisen und Gebräuche mit und wirken auf so manchen von uns durch ihre Kleidungsgewohnheiten undeutbar und bedrohlich. Der unterschiedliche Zivilisationsgrad und die andersgeartete Sozialisierung der Fremden führt vereinzelt auch zu Kriminalität, die wir wegen der Fremdartigkeit der Täter intensiver wahrnehmen als die Vergehen einheimischer Krimineller.

Zweifellos bedeutet unser heutiges Leben eine Herausforderung an den richtigen Umgang mit Angst. Es wäre ein Erfolg versprechender Ansatz, die wesentlichen Bedrohungen sachlich auf ihre Substanz zu prüfen. Jede und jeder von uns sollte sich bei jedem Thema, das ihm oder ihr als Gefahr erscheint, diese Fragen stellen:

Ist es eine Gefahr, oder erscheint es mir nur so?

Welche konkreten Fakten begründen die Gefährlichkeit?

Habe ich die Gefahr selbst erkannt, oder wurde ich darauf hingewiesen? Wenn ja: von wem?

Die dritte Frage ist der Grund dafür, dass Angst ein derart drängendes Problem für unsere freiheitliche Gesellschaft darstellt, und letztendlich auch der Grund dafür, dass dieses Buch geschrieben wurde.

Zeitabschnitte, in denen das Gefühl kollektiver Angst ansteigt, sind gleichzeitig Momente erhöhter politischer Krisenanfälligkeit. Gesellschaften in Angst sind auf gewisse Weise krank. Wenn wir einen medizinischen Vergleich anwenden wollen, gleicht eine verängstigte Gesellschaft einem Patienten mit Immunschwäche.

Die Immunschwäche im Körper hindert ihn daran, die eigenen Abwehrmechanismen gegen Krankheiten und Funktionsstörungen in vollem Umfang wirksam werden zu lassen. Die Immunschwäche in einer Gesellschaft verringert deren Abwehrkraft gegen demokratiefeindliche und autoritäre Strömungen.

Die Gefahr, die aus einer Gesellschaft in Angst erwächst, entstammt Kräften, die diese Angst für sich nutzen, sie instrumentalisieren und für ihre Ziele einsetzen. Daher ist Angst das bevorzugte strategische Element für antidemokratische und rechtspopulistische Initiativen, die auf eine Destabilisierung der vorherrschenden, freiheitlichen Grundordnung hinarbeiten, um für die eigenen autoritären und totalitären Ziele eine Machtbasis aufzubauen.

Menschen in Angst sind die willige und leicht steuerbare Verfügungsmasse, die Demokratiefeinden dabei hilft, staatliche Institutionen zu infiltrieren, zu unterwandern und zu vereinnahmen. Diese Strategie hat bereits im Jahr 1933 zum Erfolg geführt. Und sie wird es wieder tun, wenn wir nicht rechtzeitig Wege finden, der Angst Paroli zu bieten.

Dass Angst ein derart erfolgreiches Instrument für demokratiefeindliche Strömungen und Organisationen ist, sollte unsere Überlegungen auch auf die Entwicklung der jüngsten Vergangenheit lenken, denn das kollektive Angstgefühl in unserer Gesellschaft ist nicht von heute auf morgen ausgebrochen.

Bei normaler, unbeeinflusster Entwicklung wäre der kollektive Angstschock nach dem 11. September 2001 allmählich wieder abgeklungen – das besagen die Erkenntnisse der Massenpsychologie. In Wirklichkeit beobachten wir aber seit diesem Ereignis einen gleichmäßigen und stabilen Anstieg des Angstpegels. Wie ist das zu erklären?

Wie aus internationalen, geheimdienstlichen Analysen und den Ermittlungen unterschiedlicher Verfassungsschutzbehörden hervorgeht, ist der Nationalsozialismus mit dem Zusammenbruch des Dritten Reiches am Ende des Zweiten Weltkriegs im Jahr 1945 nicht vom Angesicht der Erde verschwunden. Zahlreiche Gruppierungen und Organisationen haben überlebt und arbeiten seither mit großer Energie und Entschlossenheit am Wiedererwachen des Nationalsozialismus.

Mittlerweile haben zwei Generationswechsel stattgefunden, was die Gefährlichkeit der Akteure allerdings nicht verringert hat. Im Gegenteil: Die neuen Nazis – heute gerne Neonazis genannt – sind in der Gesellschaft und im Wirtschaftsleben hervorragend vernetzt. Sie nutzen alle modernen Kommunikationsmittel und alle weiteren Instrumente der sozialen Interaktion, um auf ihr Ziel hinzuarbeiten.

Dabei stehen den modernen Nationalsozialisten enorme finanzielle Ressourcen und ein dichtes Netz aus Denkfabriken, Beraterstäben, Expertengruppen und Medienunternehmen zur Verfügung, um die öffentliche Meinung Zug um Zug in ihrem Sinne zu drehen. Mehr dazu lesen Sie im Kapitel Angstmacher und Angstopfer.

Angst war und ist das zentrale, strategische Element der Neuen Rechten. Das langfristige Ziel war von Anfang an die Destabilisierung der jungen deutschen Demokratie durch unablässige Unterwanderung der öffentlichen Meinung. Das Rezept ist immer dasselbe. Es gilt, ein andauerndes, unterschwelliges Grundrauschen aus Bedrohung und Instabilität zu generieren, das vor allem Menschen mit geringerem Bildungsgrad in einer Art permanenter Alarmbereitschaft hält.

Das Perfide – und gleichzeitig Geniale – an dieser Strategie ist, dass damit in vielen Ländern eine bedeutende Bevölkerungsgruppe quasi in eine Art Schläferzustand versetzt wurde, ohne eigenes Wissen bereit, auf weitere Manöver der Vordenker reflexartig zu reagieren.

Innerhalb der letzten 25 Jahre gab es zwei Auslöser für angstgesteuerte Reflexe: Im Jahr 2001 der terroristische Angriff auf die Twin Towers in New York, und 2015 der Höhepunkt der Flüchtlingskrise. Das Ergebnis ist zur historischen Realität geworden: die Erosion demokratischer Kultur und das Umschwenken zu reaktionären und autoritär orientierten Regierungen in vielen Ländern auf diesem Planeten.

Wie schmerzhaft die Erkenntnis auch sein mag: Die Strategie der Neuen Rechten war erfolgreich. Die Welt ist einer Entdemokratisierung näher als sie es seit Ende des Zweiten Weltkriegs je war.

Und das alles nur aus Angst.

Formen der Angst

Die Feststellung, dass die kollektive Befindlichkeit unserer Gesellschaft in vielen Bereichen von Angst dominiert wird, ist zu einfach, um damit arbeiten zu können. Sie berücksichtigt nicht die Notwendigkeit, die Art der Angst zu lokalisieren, die letztendlich für die Destabilisierung demokratischer Strukturen verantwortlich ist.

Erst, wenn wir eine genauere Vorstellung darüber gewinnen, welche tiefenpsychologischen Prozesse durch die Strategien der Neuen Rechten angestoßen werden, eröffnen sich Wege, wie wir dieser verhängnisvollen Entwicklung wirksame Prozesse entgegensetzen können.

Es gibt keine interdisziplinär anerkannte, globale Einordnung verschiedener Angsttypen. Aus dem soziologischen Blickwinkel bieten sich andere Kategorisierungen an als aus dem gesellschaftlichen Blickwinkel, und wieder andere aus medizinischer und psychologischer Sicht. In diesem Buch soll die psychotherapeutische Klassifizierung Anwendung finden, da diese eine besonders sachliche und wissenschaftliche Sichtweise einnimmt. Das scheint der aussichtsreichste Ansatz zu sein, um auf weite Sicht erfolgversprechende Verfahren zur Bewältigung kollektiver Angstsymptome zu erarbeiten und daraus Abwehrstrategien gegen den Rechtspopulismus zu entwickeln. Die Psychotherapie kennt im Wesentlichen diese Angstformen:

Phobie

Diese Angstform beschreibt überdurchschnittlich stark ausgebildete Ängste vor bestimmten Situationen oder bestimmten Orten. Phobien werden im therapeutischen Umfeld auch spezifische Phobien genannt. Der Grund dafür geht auf den Umstand zurück, dass Phobien oftmals mit einer konkreten Situation, einem konkreten Ort oder einem konkreten Ereignis verbunden ist. Die am meisten verbreiteten Phobien sind:

Agoraphobie (Angst vor Menschenansammlungen)

Akrophobie (Höhenangst)

Dentalphobie (Angst vor dem Zahnarzt)

Flugangst

Prüfungsangst

Weitere Phobien sind unter anderem Hundephobie, Angst vor Enge und Aufzügen, Angst vor dem Autofahren und weitere.

Eine dieser Ängste zu empfinden, ist noch nicht krankhaft. Es kommt darauf an, ob und wann ein Übergang von der normalen Angst zur Pathologie – also der Krankheit – vorliegt. Dieser Übergang geht meist fließend vor sich.

Der gleitende Ausbruch einer Phobie ist immer an einer deutlichen Einschränkung der Lebensführung auszumachen. Sie können sich auch selbst testen:

Schieben Sie den Besuch beim Zahnarzt vor sich her, obwohl Sie es vor Schmerzen kaum noch aushalten können? Empfinden Sie eine unüberwindliche Scheu davor, einkaufen zu gehen, oder können Sie sich nur noch zu ganz bestimmten Zeiten dazu bringen? Schwänzen Sie wichtige Prüfungen, obwohl Sie optimal vorbereitet sind und genau wissen, dass Sie Ihrer Karriere damit empfindlich schaden? Meiden Sie bestimmte Orte, obwohl es Sie im Grunde dahin zieht oder Sie wissen, dass es wichtig für Sie wäre, sich dorthin zu begeben? In all diesen Fällen können Sie davon ausgehen, dass sich eine Phobie in Ihnen breit macht.

Je früher Betroffene Hilfe annehmen, desto höher sind die Heilungschancen. Das Mittel der Wahl wäre eine Verhaltenstherapie, in der als erster Schritt die Ängste und die damit verbundenen auslösenden und aufrechterhalten Ursachen ausfindig gemacht werden. Der nächste Schritt ist es, zu lernen, sich diesen Ängsten zu stellen (Konfrontation, Exposition).

Soziale Phobie

Diese Sonderform der Phobie tritt auf, wenn sich das Angsterleben hauptsächlich auf bestimmte soziale Situationen richtet. Es gibt die unterschiedlichsten Formen sozialer Phobien, die sich als verbindendes Element durch die Angst davor auszeichnen, in der Öffentlichkeit auf die eine oder andere Art unangenehm aufzufallen. Beispiele sozialer Phobien sind unter anderem:

Die Angst, in Anwesenheit anderer zu essen oder zu trinken. Diese Phobie geht oft mit der Angst einher, durch mangelhafte Tischmanieren ins Kreuzfeuer der Kritik zu geraten, beispielsweise, Löffel oder Gabel nicht korrekt zum Mund zu führen, Inhalt aus einer Tasse zu verschütten, oder Essen vom Besteck fallen zu lassen,

Die Angst davor, im öffentlichen Raum zu urinieren (Paruresis). Diese Phobie kann zum ernsthaften Problem werden, wenn der oder die Betroffene aus beruflichen Gründen gezwungenermaßen öffentliche Toiletten aufsuchen muss, sich dazu aber nicht überwinden kann. Das führt vielfach dazu, dass die Betroffenen die Flüssigkeitsaufnahme stark vermindern und nur noch für kurze Zeitabschnitte das Haus verlassen. Die Folge können gesundheitliche Schädigungen durch die verringerte Flüssigkeitsaufnahme sein.

Die Angst davor, in Anwesenheit anderer zu unterschreiben. Diese Phobie geht vielfach auf die Furcht zurück, die Zuschauer des Unterzeichnungsvorgangs könnten soziale Defizite beobachten, etwa eine kindliche Schrift, auffallendes Zittern oder Schwitzen.

Weitere soziale Phobien sind unter anderem:

Die Angst davor, sich in Anwesenheit anderer übergeben zu müssen (Emetrophobie).

Die Angst davor, in Anwesenheit anderer zu erröten (Erythrophobie).

Die Angst davor, in einer Gruppe aufgerufen zu werden oder öffentlich zu sprechen.

In den meisten Lebenssituationen sind die Betroffenen frei von Angst. Die Phobien treten ausschließlich im sozialen Kontext auf.

Bei der Behandlung sozialer Phobien kann es in der Regel nicht bei einer reinen Exposition bleiben. Die Therapie ist einigermaßen komplex, weil die Betroffenen auf ihre Ängste mit entschlossenen Gegenmaßnahmen reagieren. Allerdings verstärkt gerade das die Phobie. Eine erfolgreiche Psychotherapie geht von einer sorgfältigen Erfassung der aktuellen Situation aus, um dann darauf aufbauend individuell angepasste Interventionen zu entwickeln.

Panikattacken

Ängste, die scheinbar aus dem Nichts heraus schlagartig auftreten und sehr intensiv zuschlagen, werden als Attacken klassifiziert. Eine Panikattacke unterscheidet sich grundsätzlich von einer normalen Panik, die eine absehbare Reaktion auf eine bedrohliche Situation und damit einen auf biologischen Ursachen begründeten Prozess darstellt.

Im Gegensatz dazu äußern sich Panikattacken für Betroffene wie ein Ereignis, das wie der Blitz aus heiterem Himmel über sie hereinbricht. Das Erleben ist so heftig, dass die Betroffenen häufig befürchten, einen Herzinfarkt zu erleiden oder den Verstand zu verlieren.

In vielen Fällen fühlen sich die Betroffenen veranlasst, den Notarzt zu rufen oder sich in die Notaufnahme eines Krankenhauses zu begeben. Dies führt allerdings oft zu einer Verschlimmerung der Situation, da Notaufnahmen vielfach nicht auf die Diagnostizierung von Panikattacken vorbereitet sind. Stattdessen erhalten die Betroffenen die Information, dass sie völlig gesund und ohne irgendwelche Symptome sind. Das wiederum führt nicht selten zu einer Intensivierung der Panikattacke.

Häufig werden derartige, schlagartig eintretende Angststörungen anfangs medikamentös behandelt, beispielsweise mit Benzodiazepinen oder Anxiolytika. Diese Maßnahme erweist sich zunächst oft als erfolgreich, ist aber mit einem hohen Abhängigkeitsrisiko verbunden. Nachhaltige Lösungen lassen sich vor allem durch eine angemessene psychotherapeutische Behandlung erreichen.

Panikstörung

Diese Phobie geht meist auf Stress zurück. In einer Psychotherapie müssen zunächst die Faktoren ermittelt werden, die den Stress auslösen (Stressoren). In vielen Fällen sind diese Faktoren den Betroffenen selbst nicht bewusst. Der weitere Fortgang der Therapie hat dann die Reduktion der Stressfaktoren zum Gegenstand.

Weitere Auslöser für eine Panikstörung können unterdrückte oder unbewältigte emotionale Konflikte wie Trauer oder Wut sein. Auch hier erfolgt in der Psychotherapie zunächst die Ursachenforschung, gefolgt von der gezielten Bearbeitung der gefundenen Auslöser.

Generalisierte Angststörung

Eine zunehmende Zahl von Menschen erlebt, wie Ängste nach und nach das gesamte Leben beeinträchtigen. Die Betroffenen nehmen eine Vielzahl unterschiedlicher Ängste wahr, wobei eine steigende Anzahl von Lebenssituationen betroffen sind. Menschen, die ein derartig breit gestreutes Angstspektrum erleben, sollten sich mit dem Gedanken beschäftigen, ob sie möglicherweise an einer generalisierten Angststörung (GAS) leiden.

Eine GAS kann sich auf vielfältige Weise äußern. Es kann die Angst vor Verarmung sein, die Angst vor Terrorismus, die Angst, verlassen zu werden, die Angst davor, den Verwandten oder Kindern könne ein Unglück zustoßen, die Angst, arbeitslos zu werden, die Angst, in Altersarmut abzugleiten, die Angst, seine Freunde zu verlieren, die Angst, die Karriere könnte einen Knick erleiden, und viele andere. Das persönliche Erleben einer GAS ist eine unablässige Abfolge der unterschiedlichsten Ängste, wobei eine von der anderen abgelöst wird.

Alle Ängste, denen sich GAS-Betroffene ausgesetzt sehen, sind nachvollziehbar und allgemein bekannt. Während man sich aber im Normalfall den einzelnen Ängsten nur selten und sporadisch gegenübersieht und diese dann wieder abklingen, erleben GAS-Betroffene ihre Ängste als ständiges und dominierendes Element ihres Lebens, das alle anderen Lebensbereiche beeinflusst. Die normale Lebensgestaltung geht nach und nach in ein von Vermeidungs- und Sicherheitsstrategien dominiertes Verhalten über, begleitet von einem fortschreitenden Prozess der Abkapselung.

Die Betroffenen hören oder sehen keine Nachrichten mehr und lesen keine Zeitung. Dagegen verstärkt sich obsessives Kontrollverhalten, das sich beispielsweise in häufigen Anrufen bei Verwandten und Freunden manifestiert.

Der geeignete Heilungsansatz ist die Verhaltenstherapie. Am Beginn der Therapie steht die Ermittlung der Ausgangsbedingungen und Ursachen der Störung. Dann erfolgen Expositionen zur Bewältigung auftretender negativer Affekte. Da sich diese Maßnahme bei GAS komplexer darstellt als bei einer einfachen Phobie, wird sie oft durch medikamentöse Maßnahmen unterstützt.

Angst und Demokratie

Nach diesem Überblick stellt sich die Frage: Welche Angstform wird von den Vordenkern der Neuen Rechten bei der Bevölkerung zur Durchsetzung ihrer Ziele vornehmlich angesprochen?

Vermutlich wird die Antwort dem Großteil der Leser bereits klar sein. Die generalisierte Angststörung bietet alles, was ein antidemokratisch eingestellter Demagoge benötigt, um ganze Bevölkerungsteile in ein durchgängiges Angstszenario zu versetzen und damit die Abhängigkeit von der eigenen Ideologie und den sie vertretenden Organisationen zu fördern.

Selbstverständlich bedeutet das nicht, dass große Bevölkerungsteile an GAS erkrankt sind. Der Effekt, den die Neue Rechte für sich nutzt, ist der Umstand, dass unser heutiges Leben bei vielen von uns die Basis für GAS latent in unser Bewusstsein einlagert. Keine Gesellschaft vor der unseren war gleichzeitig von so vielen unterschiedlichen Gefahren und Risiken bedroht. Die Gefahr, an GAS zu erkranken, ist angesichts der aktuellen gesellschaftlichen Gegebenheiten heute schlichtweg höher als früher. So einfach ist das.

Was die ausgefeilten Strategien der Neuen Rechten zur Beeinflussung der öffentlichen Meinung und des kollektiven Bewusstseins vor allem zum Ziel haben, ist, den latenten Ausgangspegel für GAS nach und nach anzuheben. Dies geschieht durch eine Strategie der gezielten Nadelstiche, dargestellt am Beispiel der massenhaften Zuwanderung von Asylsuchenden im Jahr 2015:

GAS-Symptom: Angst vor Verarmung

Triggerstrategie der Neuen Rechten:

Der Flüchtlingsstrom, der unsere Grenzen überrollt, wird unser Sozialsystem atomisieren. Die Asylanten verdrängen uns von unseren Arbeitsplätzen. Wir werden alle in Armut enden.

GAS-Symptom: Angst vor Terrorismus

Triggerstrategie der Neuen Rechten:

Der Flüchtlingsstrom, der unsere Grenzen überrollt, spült eine unübersehbare Flut islamistischer Terroristen in unser Land. Viele von ihnen sind untergetaucht. Wir werden alle hinterrücks ermordet.

GAS-Symptom: Angst davor, verlassen zu werden

Triggerstrategie der Neuen Rechten:

Der Flüchtlingsstrom, der unsere Grenzen überrollt, vor allem die vielen jungen, unbegleiteten Männer, werden unsere Frauen für sich gewinnen. Wir (Männer) werden allein und verlassen zurückbleiben.

GAS-Symptom: Angst davor, den Verwandten oder Kindern könne ein Unglück zustoßen

Triggerstrategie der Neuen Rechten:

Der Flüchtlingsstrom, der unsere Grenzen überrollt, ist voll von Vergewaltigern und Gewaltverbrechern, die unsere Frauen schänden und unsere Kinder ermorden. Wir werden in Blut waten.

GAS-Symptom: Angst, arbeitslos zu werden

Triggerstrategie der Neuen Rechten:

Der Flüchtlingsstrom, der unsere Grenzen überrollt, wird unseren Arbeitsmarkt fluten. Jeder anerkannte Asylant ist ein Konkurrent bei den ohnehin schon knappen Arbeitsplätzen. Am Ende werden wir ohne Arbeit dastehen.

GAS-Symptom: Angst, in Altersarmut abzugleiten

Triggerstrategie der Neuen Rechten:

Der Flüchtlingsstrom, der unsere Grenzen überrollt, kassiert unsere Sozialleistungen. Für die Renten bleibt nichts übrig. Wir werden nichts für die Versorgung im Alter übrig haben.

GAS-Symptom: Angst, seine Freunde zu verlieren

Triggerstrategie der Neuen Rechten:

Der Flüchtlingsstrom, der unsere Grenzen überrollt, bringt fremdartige, nicht zu uns passende kulturelle und soziale Einflüsse ins Land. Davon werden sich viele verführen lassen (Gutmenschen). Am Ende werden wir alle unsere Freunde an die Fremden verlieren.

GAS-Symptom: Angst, die Karriere könnte einen Knick erleiden

Triggerstrategie der Neuen Rechten:

Der Flüchtlingsstrom, der unsere Grenzen überrollt, und die enormen Kosten, die das verursacht, werden unsere Wirtschaft destabilisieren. Hunderttausende Arbeitsplätze werden verloren gehen, vielleicht auch der eigene. Die Karriereplanung liegt in Trümmern.

Eine weitere, von der Neuen Rechten angestrebte Entwicklung ist die Verhaltensänderung bei GAS-Betroffenen, insbesondere die Abkapselung von den bisherigen sozialen Kontakten und Konventionen, um störende Einflüsse auszuschalten:

GAS-Symptom: Betroffene hören oder sehen keine Nachrichten mehr, lesen keine Zeitungen mehr

Triggerstrategie der Neuen Rechten:

Die Lügenpresse hetzt gegen uns und unsere hehren Ziele. Sinnlos, damit seine Zeit zu verschwenden.

Nach dem Abflauen der Flüchtlingsströme war die Neue Rechte auf andere Krisenlagen angewiesen, um das Angstpotential weiter hoch zu halten. Sie fand sie während der Corona-Pandemie bei einem neuen Personenkreis, der den Pandemiebestimmungen und Impfkampagnen kritisch bis misstrauisch gegenüberstand: den Querdenkern. Es dauerte nur Wochen, bis sie die geistige und strategische Führung bei den Impfskeptikern übernahm und für die eigenen Zwecke nutzte.

Doch auch das Schreckgespenst einer angeblichen Impfdiktatur verliert nach und nach seine Durchschlagskraft. Das legt eine der gefährlichsten Stärken der Neuen Rechten offen: ihre Anpassungsfähigkeit an gesellschaftliche und geistige Strömungen, um sie für das Hochhalten eines intensiven Angstpotentials zur Rekrutierung geeigneter Anhänger zu nutzen.