Kranksein heißt Menschsein - Hanno Ehrler - E-Book

Kranksein heißt Menschsein E-Book

Hanno Ehrler

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Beschreibung

Haben Sie erfolglose schulmedizinische Therapien hinter sich? Gelten Sie als chronisch krank oder austherapiert? Dieses Schicksal teilen Sie mit vielen Menschen. Auf der anderen Seite haben viele Menschen erlebt, dass ihnen alternative Heilmethoden geholfen haben. Diese Methoden sind erfolgreich, weil sie Krankheit ganz anders verstehen als die Schulmedizin. Davon handelt dieses Buch. Mit Fallbeispielen aus meiner Praxis möchte ich Ihnen vermitteln, dass eine Erkrankung so gut wie immer mit dem Leben des betroffenen Menschen zusammenhängt. Und Menschen, die ihre Krankheit auf diese Weise neu verstehen, erzielen oft erstaunliche Heilerfolge.

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Seitenzahl: 156

Veröffentlichungsjahr: 2019

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Ehrler - Kranksein heißt Menschsein

Hanno Ehrler

KrankseinheißtMenschsein

Krankheit anders verstehenEin Bericht aus der Praxis

Impressum

© 2019 Hanno Ehrler

Verlag & Druck: tredition GmbH, Hamburg

Paperback

ISBN 978-3-7482-2237-8

Hardcover

ISBN 978-3-7482-2238-5

e-Book

ISBN 978-3-7482-2239-2

Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung des Verlages und des Autors unzulässig. Dies gilt insbesondere für die elektronische oder sonstige Vervielfältigung, Übersetzung, Verbreitung und öffentliche Zugänglichmachung.

Inhaltsverzeichnis

VORWORT

EINLEITUNG

Was bedeutet es, krank zu sein?

1. WAS IST KRANKHEIT?

Die Schulmedizin in unseren Köpfen

Der Körper als Maschine

Der Mensch

Die Psyche

Komplexität

Erfahrungswissen

Öffnen des Denkens

Synchronizitäten und Korrespondenzen

Der Arzt und der Schamane

2. GANZHEITLICHKEIT

Yin und Yang

Das Gleichgewicht

Die Ganzheitlichkeit

Der Körper

Das Lebensfeld

Was ist die Krankheit?

Der Patient

Heilung heißt Grenzen überwinden

Ganzheitliches Denken und Handeln

3. DIE MACHT DER PSYCHE

Der Körper-Geist-Komplex

Der Geist dominiert den Körper

Magische Formeln und Flüche

Die Psyche spricht

Der Placebo-Effekt

»Spontanheilungen«

Den Geist berühren

4. DIE SPRACHE DER KRANKHEIT

Der Krieg

Krankheiten, die zum Menschen passen

Exkurs: »Wissenschaftlichkeit«

Symptome sind Zeichen

Krankheit ist ein Halt im Leben

Eigenverantwortung

Was bedeutet Verantwortung?

Unsere medizinische Kompetenz

Sensibilisierung des Empfindens

Krankheit ist …

5. DIE META-EBENE

Einleitung

Unerklärliche Phänomene

Die Quantenverschränkung

Das Gesetz des hundertsten Affen

Die Homöopathie

Der »Spuk«

6. KRANKHEIT ANDERS VERSTEHEN

7. KRANK –WAS TUN?

LITERATURANGABEN

Vorwort

Frau Bauer hatte Stiche und Schmerzen in beiden Oberschenkeln. Es brenne dort wie Feuer, sagte sie. Der Neurologe diagnostizierte eine Nervenentzündung und verschrieb ihr Schmerzmittel und Entzündungshemmer. Als diese nicht wirkten, verordnete er andere Schmerzmittel und schließlich ein Medikament gegen Epilepsie, das auch gegen Nervenschmerzen eingesetzt wird. Noch immer trat keine Besserung ein. Daraufhin schlug der Arzt vor, den angeblich betroffenen Nerv operativ zu durchtrennen. Zu diesem Zeitpunkt suchte Frau Bauer meine Praxis auf. Sie war von der Behandlung ihres Arztes enttäuscht, da sie ihr keine Besserung gebracht hatte. Vor allem aber war sie beunruhigt und verunsichert. Sollte sie sich auf die vorgeschlagene Operation einlassen oder nicht?

Wie es mit Frau Bauer weiterging, werde ich Ihnen später berichten. Hier geht es mir um die Situation, in der sich diese Patientin befand. Bei meiner Arbeit als Heilpraktiker und Osteopath erlebe ich das immer wieder. Menschen begeben sich in schulmedizinische Behandlung, aber die Therapien führen nicht zum Erfolg. Diese Menschen sind von den Ratschlägen ihrer Ärzte enttäuscht, schlimmer noch verunsichert oder verängstigt. Oft haben sie eine jahrelange Krankengeschichte und zahlreiche Therapieversuche hinter sich. Sie haben verschiedene Medikamente verschrieben bekommen oder sich Operationen unterzogen. Sie sind mehrfach und immer wieder mit allen möglichen technischen Verfahren untersucht worden. Ihnen wurde gesagt, dass es keine weiteren Behandlungsmöglichkeiten mehr gäbe. Ihre Krankheit sei »chronisch« oder gar »unheilbar«. Sie werden als »austherapiert« klassifiziert und haben mehrfach ihre Ärzte gewechselt, in der Hoffnung, einen zu finden, der ihnen vielleicht doch noch helfen kann.

Lassen sich diese Menschen dann auf alternative Behandlungen ein, verbessert sich plötzlich ihr Befinden. Nicht selten gibt es sogar Heilerfolge bei Krankheiten, die die Schulmedizin als »unheilbar« eingestuft hat. Natürlich ist das nicht bei allen diesen Menschen der Fall. Es versteht sich von selbst, dass nicht jeder geheilt werden kann. Keine medizinische Methode, kein Heilverfahren kann das leisten. Dennoch bleibt die Beobachtung, die auch viele meiner Kollegen teilen: alternative Behandlungen können häufig helfen, wo schulmedizinische Therapien nicht greifen.

Wegen solcher Erfahrungen und Beobachtungen begann ich darüber nachzudenken, warum die Schulmedizin bei so vielen Patienten versagt, warum Menschen jahrelang ohne Heilerfolg therapiert werden. Mittlerweile bin ich davon überzeugt, dass das hauptsächlich mit der schulmedizinischen Vorstellung von Krankheit zu tun hat. Denn von dieser Vorstellung leiten sich ja die ärztlichen Behandlungsmethoden ab.

Davon handelt dieses Buch. Was eigentlich ist das Wesen von Krankheit? Betrachtet man verschiedene medizinische Systeme im Vergleich, die Schulmedizin, die Osteopathie, die Traditionelle Chinesische Medizin oder die Homöopathie, so liegen allen diesen Systemen andere Vorstellungen von Krankheit und Gesundheit zugrunde. Alle diese Verfahren spiegeln völlig unterschiedliche Auffassungen davon, was der Mensch ist, was Krankheiten sind und wie sie entstehen.

Das schulmedizinische Bild von Krankheit beruht, vereinfacht gesagt, auf dem Modell von der »Maschine Mensch«. Danach besteht das Leben des Menschen aus physikalisch-chemischen Prozessen und Vorgängen. Krankheit ist eine Störung dieser Prozesse. Dieses Modell ist eine durchaus legitime und teilweise sehr erfolgreiche Möglichkeit, sich mit dem Menschen und seinen Krankheiten zu beschäftigen.

Doch hat das Modell Grenzen, wie übrigens jedes andere auch. Es kann nicht alles umfassen und nicht jede Krankheit heilen. Ich denke, diese Grenzen sind der entscheidende Punkt. Man muss sie kennen und respektieren, wenn man erfolgreich behandeln möchte. Und es sieht so aus, als seien sehr viele Misserfolge der Schulmedizin darauf zurückzuführen, dass diese Medizin ihre Grenzen nicht beachtet.

Ja mehr noch: die Schulmedizin beansprucht Allgemeingültigkeit. Sie hat ihre Vorstellung von Krankheit zum Dogma erhoben. Wenn über Medizin geredet wird, dann heißt es, das Modell von der »Maschine Mensch« sei der beste und einzig richtige Weg im Umgang mit Krankheiten.

Doch die Arbeit mit den Patienten erzählt eine andere Geschichte. Immer wieder kann man beobachten, dass es viele Aspekte von Krankheit gibt, die vom schulmedizinischen Modell gar nicht erfasst werden. Vieles, was mit dem Kranksein zu tun hat, fällt einfach unter den Tisch.

Deshalb ist es mir ein dringendes Anliegen, den Blick zu weiten und für andere Sichtweisen auf das Wesen von Krankheit zu öffnen. Im 1. Kapitel werde ich über einige Aspekte sprechen, welche die Schulmedizin normalerweise nicht mit Krankheit und Gesundheit in Verbindung bringt, obwohl sie aufs Innigste damit zu tun haben. Sie alle führen uns zu einer ganzheitlichen Sicht auf den Menschen, auf die ich im 2. Kapitel eingehe, und sie beleuchten die große Bedeutung der Psyche, die ich im 3. Kapitel umreiße. Im 4. Kapitel geht es darum, dass Krankheit nicht nur eine lästige Störung ist, sondern einen Sinn im Leben hat, dass sie eine Sprache ist, die es zu lesen gilt. Das 5. Kapitel ist eine Art Anhang, in dem ich einen Blick auf andere Wissenschaftsbereiche werfe, die Physik und die Biologie. Wir werden sehen, dass das maschinelle Modell von der Welt, welches der Schulmedizin immer noch zugrunde liegt, längst überholt ist. Das 6. Kapitel fasst meine Bemühungen, Krankheit anders zu verstehen, zusammen, und das 7. gibt Ihnen einige praktische Ratschläge an die Hand.

Das alles werde ich mit Fällen aus meiner Praxis illustrieren, wie jenem von Frau Bauer. Alle diese Fälle sind ganz typische Krankengeschichten, wie sie mir in ähnlicher Form immer wieder begegnen. Sie alle führen ganz klar vor Augen, dass die Krankheiten eines Menschen immer aufs Engste mit seinem Leben verknüpft sind. Sie zeigen, dass gesundheitliche Beschwerden eine Bedeutung für die betroffenen Menschen haben und überhaupt integrativ zum Leben gehören. Davon handelt dieses Buch.

Wenn ich von Schulmedizin spreche, meine ich die offizielle, an den Universitäten gelehrte Medizin, die gelegentlich auch »wissenschaftliche Medizin« genannt wird. Das Krankheitsbild der Schulmedizin bezeichne ich in Übereinstimmung mit der üblichen Charakterisierung als das Modell von der »Maschine Mensch«. Es heißt auch »biochemisches Modell«, weil die Schulmedizin den Menschen als einen Funktionskomplex von physikalischen und chemischen Vorgängen interpretiert.

Für andere Verfahren und zur Abgrenzung gegenüber der Schulmedizin verwende ich den Begriff »alternative Medizin«. Oft wird von Komplementärmedizin gesprochen, weil alternative Verfahren häufig »komplementär«, also »ergänzend« zur Schulmedizin eingesetzt werden. Aber als Bezeichnung für die Verfahren ist »komplementär« nicht nur falsch, sondern auch abwertend. Denn die Traditionelle Chinesische Medizin, der Ayurveda oder die Homöopathie sind keineswegs nur Ergänzungen der »eigentlichen« Medizin, sondern eigenständige und vollständige medizinische Systeme.

Die Namen meiner Patientinnen und Patienten habe ich geändert. Auch spreche ich der Einfachheit halber stets von Patienten, Therapeuten, etc., ohne damit eine geschlechtsspezifische Wertung verbinden zu wollen.

Einleitung

Was bedeutet es, krank zu sein?

Was bedeutet es, krank zu sein? Diese Frage ist entgegen der allgemeinen Vermutung nicht leicht zu beantworten. Wenn man aber einem Menschen auf seinem Weg zur Gesundheit helfen möchte, ist es sehr wichtig, darauf eine Antwort zu finden. Ohne zu verstehen, was Krankheit ist, kann man nicht sinnvoll therapieren.

Normalerweise bedeutet Kranksein für uns, dass wir Schmerzen und andere Beschwerden haben und uns unwohl fühlen. Krankheit wird als etwas Unangenehmes, etwas Negatives empfunden, das man so schnell wie möglich loswerden möchte. Diese Vorstellung herrscht in der Schulmedizin vor. Da sie die Medizin ist, die in unserer Gesellschaft den Gesundheitsbetrieb fast vollständig beherrscht, ist uns diese Auffassung vertraut.

Es gibt aber auch andere Meinungen. Der Arzt Viktor von Weizsäcker, Onkel des ehemaligen Bundespräsidenten und Mitbegründer der psychosomatischen Medizin, bezeichnete Krankheit als eine »Weise des Menschseins«1, wovon der Titel meines Buches inspiriert ist. Das heißt, dass er Krankheit als etwas Normales versteht, als etwas, das nicht unbedingt nur negativ bewertet werden muss. So sieht es auch der Physiker Fritjof Capra, der Krankheiten als normale und natürliche Stadien des Lebens begreift2.

Noch weiter geht der Arzt und Schriftsteller Peter Bamm. Er meint, dass »eine Krankheit einen Menschen bessert, ihm Erleuchtungen bringt, seinen Charakter läutert, seinem biologisch so schlecht funktionierenden Herzen die Funktion der Güte beibringt, deren sein gesundes Herz niemals fähig war«3. Da erscheint Krankheit sogar als etwas Positives, das dem Menschen Nutzen bringt und nicht nur eine lästige Unterbrechung seines Wohlbefindens ist. Sie soll ein Mittel und ein Weg sein, unsere Persönlichkeit zu entwickeln und unser Menschsein zu formen.

So würde das ein Schulmediziner wohl nicht formulieren. Für ihn ist Krankheit immer etwas Negatives, denn er definiert sie als eine Störung, einen Fehler, eine »Unnormalität« der Körperfunktion. Folgerichtig ist das Ziel der schulmedizinischen Behandlung, diese Störung so schnell wie möglich zu beseitigen.

Bei vielen Krankheiten aber sind die Störungen und Fehler der Körperfunktionen eine eher nebensächliche Komponente. Das eigentliche Problem der Patienten liegt ganz woanders. Deshalb kommt es häufig vor, dass die schulmedizinischen Behandlungskonzepte, die nur die körperlichen Störungen beseitigen wollten, nicht greifen und zu keiner Verbesserung führen.

Ich werde Ihnen einige Krankengeschichten aus meiner Praxis vorstellen, die das ganz deutlich erkennen lassen. Diese Fallbeschreibungen werden uns zeigen, dass Krankheit mehr ist als nur eine Ansammlung lästiger Symptome, dass sie ein komplexes, mit vielen anderen Aspekten des Lebens unauflöslich verschränktes Geschehen ist und dass sie immer, so scheint es jedenfalls, eine Bedeutung und eine Funktion im Leben eines Menschen hat.

Bei Patienten, die als »austherapiert« oder »unheilbar« abgestempelt werden, kann man nur weiterbehandeln, wenn man sich von der schulmedizinischen Auffassung von Krankheit löst. Man muss versuchen, das Krankheitsgeschehen anders zu sehen und es als einen Teil des Lebens zu verstehen. Das wiederum führt dazu, dass der betroffene Mensch anders mit seinen Beschwerden umgehen kann. Vielleicht empfindet er sie nicht mehr nur als Klotz am Bein, sondern als eine Folge seiner Lebensumstände. Menschen, denen es gelingt, sich auf solche Weise mit ihrer Krankheit auseinanderzusetzen, erzielen oft erstaunliche Heilerfolge – so jedenfalls meine Beobachtungen in der Praxis.

Erinnern wir uns an Viktor von Weizsäcker: Krankheit ist eine Weise des Menschseins. Das bedeutet, dass sie wie die Gesundheit zum Leben dazugehört. Hin und wieder müssen wir uns mit ihr auseinandersetzen. Krankheit ist nicht angenehm. Das aber gilt auch für anderes im Leben. Kaum jemand zum Beispiel geht gern in eine Prüfung. Haben wir sie aber bestanden, dann sind wir stolz und glücklich und einen Schritt weiter im Leben gekommen.

Das schulmedizinische Bild von Krankheit ist uns vertraut, weil wir ihm zwangsläufig begegnen, wenn wir krank sind und zum Arzt gehen. Daher möchte ich damit beginnen, dieses Bild näher zu betrachten. Davon ausgehend möchte ich Ihnen einige Aspekte vom Kranksein vorstellen, die wir normalerweise wenig berücksichtigen: die Individualität des Menschen, die Psyche, das komplexe Gesicht von Krankheit und der Wert des Erfahrungswissens.

1. Was ist Krankheit?

Krankheit als Wesen ist mehr als ihrebiologischen Ausdrucksformen.Peter Bamm4

Die Schulmedizin in unseren Köpfen

Der erste konkrete Fall, den ich anführen möchte, ist eigentlich kein Fall, sondern die Beobachtung, dass sehr viele Menschen Säureblocker einnehmen (Protonenpumpeninhibitoren und H2-Rezeptorenantagonisten). Diese verharmlosend »Magenschutz« genannten Medikamente werden unter anderem bei Magenschmerzen oder Sodbrennen verschrieben. Oder sie werden zusammen mit Schmerzmitteln und Kortisonpräparaten verabreicht, weil diese Mittel den Magen belasten können.

Ich möchte hier nicht auf die Sinnhaftigkeit oder Sinnlosigkeit dieser Verschreibungen eingehen. Mir geht es zunächst lediglich darum, eine alltägliche und typische schulmedizinische Behandlungsweise zu schildern. Sie richtet sich darauf, lästige Krankheitssymptome wie Magenschmerzen und Sodbrennen schnell zu beseitigen. Die Säureblocker enthalten Wirkstoffe, die die Produktion von Magensäure unterdrücken. Der Arzt hofft, dass dadurch eine Verbesserung der Beschwerden eintritt, dass also Übelkeit, Magendruck oder Sodbrennen verschwinden.

Eine solche Behandlung sind wir gewohnt, ja wir erwarten sie von unserem Arzt. Er soll unsere Schmerzen und Beschwerden beseitigen. Das ist die Verheißung der Schulmedizin: Schmerzen und Beschwerden sind etwas Falsches, etwas Schlechtes, und die Medizin kann uns von ihnen befreien.

Das hat sich tief in unseren Köpfen eingenistet. Vor allem deshalb empfinden wir unsere Beschwerden als etwas Unerwünschtes, als etwas Negatives, ja vielleicht sogar als etwas Böses. Sie schränken unser Wohlbefinden ein, bedrohen unsere Gesundheit und möglicherweise sogar unser Leben. Ständig werden wir damit konfrontiert, dass Krankheiten unerwünscht und gefährlich seien: wenn wir zum Arzt gehen; wenn wir uns gegen sie mit einer Krankenversicherung »absichern«; wenn wir ins Krankenhaus kommen und dem Betrieb des Hauses ausgeliefert sind; wenn wir Gesundheitssendungen im Fernsehen sehen und auch dort Krankheiten als etwas Negatives, Gefährliches, Bedrohliches und Böses präsentiert werden. Achten Sie in solchen Sendungen einmal auf die Wortwahl und die Mimik der Moderatoren!

Dass es für uns so selbstverständlich ist, Krankheit als etwas Negatives zu sehen, macht es schwierig, diese Vorstellung zu hinterfragen. Die Idee, Krankheit könne etwas Anderes, ja vielleicht sogar Sinnvolles oder Positives sein, klingt zunächst befremdlich. Blickt man jedoch genauer hin, hat jeder von uns bereits solche Situationen erlebt. Jeder von uns hat schon einmal erfahren, dass eine Krankheit nicht nur negative Aspekte hat. Drückende Kopfschmerzen oder ein schwerer grippaler Infekt haben uns zum Beispiel gezwungen, ein paar Tage zuhause zu bleiben, und im Rückblick kam uns diese Unterbrechung unseres Berufsalltags eigentlich ganz gelegen.

Wir werden uns dem gleich zuwenden. Zuvor aber möchte ich, weil es uns so vertraut ist und bewusst oder unbewusst in unseren Köpfen sitzt, das Krankheitsbild der Schulmedizin etwas detaillierter darstellen.

Der Körper als Maschine

Der Mensch sei eine Maschine, sagt die Schulmedizin. Sein Körper und auch sein Geist funktionierten nach den Gesetzen der klassischen Physik und Chemie. Der Biologe Rupert Sheldrake nennt diese Physik »Billardkugel-Physik«5, weil ihr das Ursache-Wirkungs-Prinzip zugrunde liegt. Eine bestimmte Ursache erzeugt eine ganz bestimmte Wirkung, und diese Wirkung ist bei gleicher Ursache immer gleich. Trifft eine Billardkugel mit einer bestimmten Geschwindigkeit und an einer bestimmten Stelle auf eine andere, kann man daraus die Richtung und Geschwindigkeit der getroffenen Kugel genau berechnen. Diesem Modell folgt das medizinische Modell von der »Maschine Mensch«. Es ist die Grundlage der schulmedizinischen Forschungstätigkeit und ihrer Theoriebildung, und es beherrscht ihre tägliche Praxis.

Die Idee von der »Maschine Mensch« lässt auch verstehen, warum die Schulmedizin Krankheit immer negativ bewertet. Krankheit ist eine Störung der physikalisch-chemischen Prozesse im Körper, die zu einer Störung der Körperfunktionen führt. Eine Maschine aber soll einwandfrei funktionieren. Haben sich ihre Zahnrädchen verhakt, dann muss man sie reparieren. Dass es vielleicht sinnvoll sein könnte, nicht jedes Symptom weg zu therapieren, wird kaum in Erwägung gezogen. »Ich bin Arzt, ich muss immer was tun«, sagte neulich mein Hausarzt zu mir. Schulmedizinische Therapien sind Reparaturarbeiten. Das ist, selbstverständlich, nicht immer falsch, genauso wenig aber immer richtig.

Die Vorstellung, dass der Mensch eine Maschine sei, ist keineswegs so selbstverständlich, wie sie uns erscheint. Sie entstand erst durch die naturwissenschaftliche Orientierung der Medizin in der Neuzeit. Sie folgt einem streng rationalen Ursache-Folge-Denken. Und das vielleicht Wichtigste: sie beschäftigt sich fast nur mit dem Körper.

Wie es zu dieser Fixierung auf den Körper kam, zeigt uns ein kurzer Blick in die Geistesgeschichte. Im 17. Jahrhundert hatte sich der Philosoph René Descartes gefragt, wie man die Welt und die in ihr vorhandenen Dinge erforschen könne. Aus unserer unmittelbaren Erfahrung kennen wir materielle Dinge und geistige Phänome, die nicht materiell sind. Nun ging es darum, wie man Erkenntnisse über das Materielle (beim Menschen ist das der Körper) und das Geistige gewinnen könne. Descartes hatte vorgeschlagen, beides getrennt zu betrachten, als zwei nicht zusammenhängende Phänomene. Der Philosoph behauptete, dass geistige Dinge (er nannte das »res cogitans«) unabhängig vom Körper seien. Er betrachtete sie völlig unabhängig von den materiellen Dingen (den »res extensa«). So öffnete er die Tür zu einer intensiven Erforschung des Körpers beziehungsweise der Materie.

Für die Medizin bedeutete das, dass sie den Körper erforschen konnte, ohne den Geist (die Psyche, die Seele) zu berücksichtigen. Man konnte den Geist einfach ausklammern. Decartes´ Auffassung, dass Materielles und Geistiges getrennte Dinge seien, heißt Körper-Geist-Dualismus. Dieser Dualismus beherrschte die Naturwissenschaft bis zum Ende des 19. Jahrhunderts. Und da sich die Medizin im 19. Jahrhundert der Naturwissenschaft angeschlossen hatte, folgte auch sie dieser Auffassung. Daher kommt es, dass sich die medizinische Forschung und die Vorstellung davon, was Krankheit sei, fast ausschließlich auf den Körper (das Materielle) konzentriert.

Descartes´ Hypothese, Körper und Geist seien zwei verschiedene Dinge, harmonierte auch mit dem Weltbild der christlichen Religion. Auch sie unterscheidet zwischen dem Körper und der Seele. Der Körper, den wir für die Zeit unseres Erdendaseins besitzen, ist die vergängliche Hülle für die unsterbliche, ewig existierende Seele.

So gingen Wissenschaft und Religion Hand in Hand. Beide vertraten ein Weltbild, das lange Zeit die Vorstellungen über die Realität der Dinge in unserem Kulturraum bestimmte. Seit Beginn des 20. Jahrhunderts allerdings haben die Physik und die Philosophie den Körper-Geist-Dualismus überwunden. Seit mehr als 100 Jahren gibt es in beiden Wissenschaften ganz andere Weltmodelle.

Aber das alte Weltbild sitzt immer noch in unseren Köpfen. Es beherrscht nach wie vor unsere alltägliche Vorstellung davon, wie die Welt funktioniert. Und auch die Schulmedizin folgt immer noch dem alten, überholten Weltbild der klassischen Naturwissenschaft. Sie stützt sich auf den Wissensstand des 19. Jahrhunderts und betrachtet den menschlichen Körper als eine Maschine, die man mit den Gesetzen der klassischen Physik und Chemie beschreiben kann.

Das hat zu einer sehr genauen Kenntnis der Anatomie und vieler molekularbiologischer Details geführt. Es hat auch dazu geführt, dass bei einem Unfall mit gravierenden Verletzungen, einer Blutvergiftung (Sepsis) oder einer lebensbedrohlichen Stoffwechselentgleisung viele Leben gerettet werden können. Auch kann man starke Schmerzen lindern und einige Krankheiten wie Diabetes Typ 1 in den Griff bekommen, die früher ein Todesurteil waren. Niemand wird ernsthaft diese teils spektakulären Erfolge bestreiten, die durch die rein physikalisch-chemische Erforschung des Körpers ermöglicht wurden. In all diesen Fällen ist es sinnvoll und lebensrettend, das maschinelle Modell vom Menschen anzuwenden und von seinen Möglichkeiten zu profitieren.