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Vater und Sohn. Oft eine komplizierte Beziehung. Vor allem am Anfang. www.45pages.de
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Seitenzahl: 89
Veröffentlichungsjahr: 2020
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Für Susanne und für Finn und für Maunzerle
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapital 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Da stehen wir, oder besser, da stehe ich vor der Praxistür im 2. Stock und trage Finn, seine Nuckelflasche und die Frau Hansen. Vor uns ein Schild: „Liebe Patientinnen, hier wird alles geklaut. Bitte schließt euren Kinderwagen ab und nehmt die Wertsachen mit in die Praxis.“
Ach so, wir drehen eingeschüchtert um und beginnen den Abstieg ohne irgend eine Regung unsererseits – nein nicht ganz: Finn brabbelt: „Mama-Mama.“
Am Kinderwagen angekommen sehe ich, dass die Nuckelflasche vor uns auf dem Boden liegt. Hatten wir Zwei? Ist das überhaupt Unsere? Wo ist eigentlich dann die Andere? Ich bücke mich und hebe sie zusammen mit dem Daunensack aus dem Kinderwagen auf. Finn versucht dieses waghalsige Unterfangen auszunutzen und spannt sämtliche Muskeln seines kurzen, kompakten Körpers an, um den Lichtschalter im Treppenhaus zu traktieren.
Alle Utensilien beisammen und den Kinderwagen und mein Fahrrad abgeschlossen, beginnt der zweite Anlauf: auf dem Arm nun Finn, die Nuckelflasche, der unhandliche Daunensack, mein überfüllter Rucksack und die Frau Hansen.
Heute früh, kaum auf der Arbeit angekommen, rief Heike an. ‘Heike’ dieser Vorname passt nicht, da sie eher einer ‘Renate’, vielleicht ein bisschen ‘Elvira’, entspricht. Auf keinen Fall Heike. Dafür ist sie zu dünn und launisch und hat eine Frisur, die so unauffällig ist, dass ich mich überhaupt nicht daran erinnern kann.
Nur an die Brille. Ja, die Brille, an die erinnere ich mich: Es gab mal einen VW Polo Modell Harlekin mit unterschiedlich farbigen Karosserieteilen. Wenn ich diese Brille sehe muss ich mir immer die Frage stellen, wie viele Modelle wohl von diesem Volkswagen verkauft wurden und wie viele Krankenschwestern und Erzieherinnen darunter waren. Diese Art Warum-denn-nicht-mal-was-anderes?-Brillengestell. Man sagte mir aber eindringlichst, sich bloß nicht mit solchen Leuten anzulegen – das schadet dem Kind. Ich habe es trotzdem in den drei Monaten schon zweimal heimlich gemacht. Das Wort „Kindergarten“ ist doch eindeutig ein schönes Wort – Erziehungsanstalt dagegen viel unangebrachter. Aber Heike möchte trotzdem nicht als „Kindergärtnerin“ bezeichnet werden.
„DEIN SOHN HAT DIE WINDPOCKEN!!“
Warum um Himmels willen wird man als Spezies der Eltern eigentlich unentwegt geduzt?
Alle. Die Erzieherinnen, die anderen Eltern, die Hebamme, die Sprechstundenhelferin. Alle. Dabei bin ich ja wirklich mit 44 Jahren aus dem Duz-Alter rausgewachsen. Ob die Brillenverkäuferin Heike bei der Beratung auch duzte, während sie ihr „hübsch verspielt“ und „soo süß“ entgegen hauchte?
Kaum vorzustellen.
Ich rase mit dem Fahrrad vom Prenzlauer Berg nach Kreuzberg und muss mit der schnippischen Heike und der dicken Jasmin und noch einer Fachkraft das arme Kind befunden: „Schau mal hier. Dieses da! Siehst du!! Da bin ich mir ganz sicher und Fieber hat er auch – 37,7 Grad.“
Es ist gerade nicht die Zeit der Konfrontation, aber 37,7 Grad ist bei diesem Kind die handelsübliche Körpertemperatur. Kennt sie denn nicht seine Schweißfüße und dieses von seiner Mutter übernommene Alles-Zur-Gleichen-Zeit-Machen-Syndrom?
Das erfordert schon etwas mehr Drehzahl und Grundenergie. „Hat er denn was gegessen?“, frage ich besorgt.
„Und wie, er wollte unentwegt mehr“, antwortet Heike bestimmt. Also alles wie immer, denke ich, bis auf das eine oder andere Windpöckchen. Wortlos packte ich ihn ein: Strumpfhose, Shirt, Schuhe, Jacke, während Finn versucht meine Augen auszustechen oder nur den Schließmechanismus der Lider überprüft.
Telefonisch bittet mich Petra, eine Sprechstundenassistentin, die ich schon von der Schreitherapie noch wahrlich gut kenne, in den Spezialkabinen vor dem eigentlichen Praxisbereich das Kind abzustellen und dann schnell zur Anmeldung ohne Finn zu kommen.
Wir öffnen die Praxistür und sehen einen schlauchartigen Raum mit vier etwa Ein-Quadratmeter großen Glaskabinen. Irgendwie habe ich den Eindruck, dass die Kinderpraxis schon bessere Tage gesehen hat. Der Charme der späten 70er lässt sich auch durch eine Vielzahl von Überlackierungen nicht verleugnen. Sicher die Auswirkungen der Krise im Gesundheitswesen. Am Ende des Schlauchs ist ein kleines Fenster mit Blick auf den Hermannplatz und auf Karstadt. Sonst gibt es nur die Eingangstür und die Tür zur Anmeldung.
Ich entscheide – nein Finn entscheidet sich für die erste Kabine. Die Ausstattung ist eher schlicht, eher reduziert, dagegen der Kabineninnendruck irgendwie unangenehm. An der Kabinendecke befindet sich eine Absauganlage. Womöglich um die kontaminierten Bestandteile von Finn gleich aufzufangen. Daneben leuchtet nur noch eine von vier Halogenspots. Aber warum es in diesem Kasten so heiß ist, das gibt mir doch ein großes Rätsel auf: Um sich fröstelfrei auszuziehen? Um den Zellkulturen einen möglichst guten Nährboden zu bieten? Oder nur um die Kinder besonders quengelig zu machen? Die Hälfte der Kabine besteht aus einer etwa 1 Meter hohen Pritsche mit einem verschlissenen Kunststoffüberzug. Ansonsten ist nur noch Platz für einen Hocker.
Finn verliert jetzt schon bedenklich an Geduld und möchte lieber wieder gehen. Ich auch.
Windpocken bedeutet ja nicht nur Krankheit, sondern auch, dass ich mal wieder nicht zur Arbeit kann. Susanne hat ja Patienten, die lassen sich nicht so kurzfristig abbestellen. Ich habe ja eher Rezession.
Ich frage mich, wie das andere spätgebärende Selbstständige machen. Bei mir besteht ein umgekehrt proportionales Verhältnis zwischen Finn‘s Alter und dem zu erwirtschaftenden Reingewinn. In der Medizin nennt man das bei den Muskeln antagonistisch, aber gut ist das vielleicht bei den Muskeln, eher nicht für mein Allgemeines Wohlbefinden.
Von der Richtigkeit des Befundes der drei pädagogischen Koryphäen bin ich überzeugt, obwohl ich anhand der Symptome, wie Beißanfälle und Schaum vor dem Mund auch Tollwut als Diagnose nicht direkt ausschließen würde. Oder eine Unverträglichkeit gegen seine Eltern.
Ich setze Finn auf den verschlissenen Kunststoffbezug, ziehe mir und ihm Jacke aus und suche aus dem Rucksack Futter und was zu trinken. Irgendwie kommt Finn aus dem Gleichgewicht und fällt auf den Boden.
Ich habe ja hinten keine Augen, entweder hole ich was aus dem Rucksack oder ich halte ihn von den suizidären Aktivitäten ab. Er schreit. Er entscheidet sich zu gehen. Ohne Schuhe und ohne Erlaubnis.
Irgendwie muss ich ihn davon jetzt abhalten, so verseucht er ist und die vielen anderen Kinder hier in der Praxis und die Verantwortung, die ich doch habe. Ganz abgesehen von der strengen Petra an der Anmeldung. Apropos Petra: wie soll ich denn jetzt nur aus der saunaartigen Einzelzelle zur Anmeldung kommen? Finn wird in der Zwischenzeit das Glas der Kabine zersprengen, oder, wenn das nicht funktioniert, mich schon bevor ich gehe beißen. Da müssen wir durch.
Ich suche genervt nach der Krankenkassen-Karte im Rucksack. Finn schreit vehementer. Ich konzentriere mich auf meinen Atem und habe meine ganze Kleidung durchgeschwitzt. Finn isst einen Kippenstummel, den er auf dem Boden fand. Ich renne mit dem Stummel zur Anmeldung und warte. Petra, mit Headset telefonierend, nickt mir wohlwollend zu. Sie wird sich doch nicht an mich erinnern?
Vor etwa einem Jahr. Die Schreitherapie, in die man mich unter falschem Vorwand hin zerrte. Finn schrie die ersten Woche wenig, danach viel und heute nicht weniger. Aber wir waren ja verantwortungsbewusste Jungeltern und da die Osteopathie weniger dem goldigen Kerlchen als der behandelten Frau was nutzte und zwar: „gebt soviel ihr könnt pro Behandlung“.
Wir gaben lieber auf und probierten, wie ich damals annahm, seinen Schlaf-/Wachrhythmus unter fachlicher Hilfe zu erforschen und zu optimieren. Eher in unserem Sinne, da wir nachts schlafen wollten und zwar nicht nur in zweistündigen Abständen und Finn die unerfreuliche Angewohnheit hatte, sein nächtliches Geschrei durch ein ausgedehntes Schläfchen tagsüber vorzubereiten.
Zuerst bekamen wir Sheets zum Ausfüllen: wann schläft er, wann schreit er, wann isst er. Für mich war es klar: er schrie fast immer, schlief selten und hat in einem fort gegessen. Susanne sah das anders.
Leider habe ich es versäumt ihr den Bogen morgens um 4 Uhr zu geben. Ich bin mir sicher wir wären schnell einer Meinung gewesen, aber am nächsten Morgen war bei ihr der Nachtspeicher komplett gelöscht und sie fand die Nacht ja gar nicht sooo schlecht. Und wie schlecht die Nächte waren. Ich bekam diese Wellen der Aktivität schon in der Entstehungsphase mit: es bewegte sich was in der Tasche neben unserem Bett. So von einer Ecke zur anderen mit zunehmender Geschwindigkeit. Nach einigen Minuten Gezappel kamen die Stimmbänder und seine Mutter zum Einsatz: Sicherlich Blähungen und ihm ist zu kalt.
Monat für Monat soll es dem Kind zu kalt gewesen sein. Ich lag daneben und schwitzte. Irgendwann zog ich nachts aus und wir probierten es mit Schichtdienst: Von 23.00 – 5.00 Uhr war die Chefin dran, danach wurde der kreischende Sonnenschein zu mir ins angrenzende Zimmer gekarrt. Ich versuchte dann durch Einstopfen des Schnullers und Überstülpen der Frau Hansen das Kind auf dem Hüpfball zur Ruhe zu bringen. Außer meinem Rücken hat dieses Gehopse niemandem geschadet.
Einmal versuchte ich illegal das plärrende Wesen samt Softtragetasche ins Badezimmer zu verfrachten - wohlgemerkt während meiner Schicht. Vergebens, eine Minute später kam Susanne aus ihrem, was ja früher mal unser, Zimmer war, herausgeschossen und rettete ihren Goldschatz vor den unmöglichen Machenschaften des Vaters. Etwa so wie bei den Löwen, bevor die Löwenmänner ihren Nachwuchs auffressen. Diese Aktion hat sich niemals mehr wiederholt, da sämtliche Fachliteratur und der ganze Schwangerschaftskurs mein Verhalten als frevelhaft und inakzeptabel bewerteten. Vergebens mein Einwand, dass es unsere Eltern ja auch so gemacht haben und die Kinder nachts schreien ließen wurde prompt mit: „Na man sieht ja was daraus geworden ist“ zerschmettert.
„Wie kann ich dir helfen?“ Ach ja, ich hatte jetzt ja ganz andere Sorgen. Aber ob Petra wirklich mir helfen kann, bezweifle ich. „Es geht um Finn. Ich habe vorhin angerufen - Meine Güte, wegen angeblicher Windpocken.“
Dank der ewigen Duzerei kenne ich die Leute auch selbst nur noch beim Vornamen. Petra, Petra und wie weiter? Sogar der Emailanbieter, der Handybetreiber alle sprechen einen mit einem „Hallo Susanne Hansen“ an. Vielleicht nennt sie sich Stankowiak, oder Hartmann?
Petra hat eine strenge Kurzhaarfrisur, sehr energisches Auftreten. Oder meine ich das nur wegen der Schreitherapie?
Finn war vielleicht 6 Wochen alt und Susanne, Finn, der Papa und eine Kiste voll ausgefüllter DIN A4 Blätter machten sich auf den Weg zur ersten „Sitzung“.
In der Raummitte des Therapiezimmers thronte die Behandlungsliege, kreisförmig waren einige Stühle darum drapiert. Keine Bilder an der Wand. Nachdem man kurz die ausgefüllten Bögen besprochen hatte begann das Prozedere, welches auf irgend einer besonderen Methode oder Schule fußte: das Prager Mutter-Kind Projekt war es aber nicht, eher südlicher, eher so was wie die „Oberpfaffenhofer Schule“. Babys schreien nicht weil sie Blähungen oder Schmerzen, oder Hunger haben – alles liegt an dem Schlaf-/Wachrhythmus, wenn ich mich recht erinnere.
