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Die Kurzgeschichten in "Kreuz- und Querungen" wortskizzieren Menschen, die trotz gradliniger Lebensmuster auf labyrinthische Weise in eigenwillige Bahnen gelenkt werden. Vielleicht nicht trotz, sondern wegen ihres vorgezeichneten Verwurzelten kommt es zu einem porträtierten Verästelten. Schraffuren werden zu ungewollten Schattierungen, Profilierungen zu brüchigen Perforierungen. Klare Konstruktionen verdichten sich zu kühnen Kompositionen, die aus den Fugen geraten. Wer sich als Leserin oder Leser darauf einlässt, wird auf Exkursionen in ein unbestimmtes Überall mitgenommen.
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Seitenzahl: 185
Veröffentlichungsjahr: 2016
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Landschaft des Lebens
Mit uns, das wird nicht mehr
Spuren im Schnee
Der Steiger von Flöz Ü
Bild einer Insel
Wieder getroffen
Schlaf-Los
Gescheiterte Versuchsanordnung
Talk-Treff auf platt2
Gang und gäbe
Tödliche Potenz
So war das nicht geplant
Auf verfahrenen Gleisen, endlich verbrieft
Endloses Alphabet
So schreiben können,
bis sich das Wort
vom Vorbild löst
und der Geist
vom Erlebnis der Gedanken.
So schreiben können.
Meist gelingt es nicht.
So leben können,
bis sich die Gedanken
vom Vorbild lösen
und die Worte
vom Geist des Erlebten.
So leben können.
Manchmal gelingt es ja.
Irgendwann, spät im Dunkel der Nacht, beruhigt sich langsam die Landschaft des Lebens. Draußen, hinter den Vorhängen, verschlucken Wolkenfetzen das fahle Licht des Mondes. Für eine Weile vergrabe ich den Kopf in meine Hände. In die Finger der Hände, die über Stunden zuvor die alte Olivetti auf ihren abgenutzten Tasten gequält haben.
Reflexionen geschehen auf einem Blatt Papier. Auf vielen Blättern inzwischen. Ganz allmählich verlasse ich meinen Horizont. Kaum spürbar jongliere ich mit den Worten, die vor mir auf dem Papier anfangen zu tanzen, die immer wieder neue Choreografien erlauben.
In der Pose des Rodinschen Denkers beobachte ich unbewusst den Boden vor meinen Füßen. Zaghafte Schatten nehmen die vom Alter gefestigten Holzdielen in Besitz und zeichnen immer wieder neue Muster. Silhouetten formen sich zu Bildern und verlöschen wieder. Ich möchte in das Dunkel des eigenen Lebens reinschauen, meine inneren Räume entlangfahren wie auf einer Landkarte der selbst ernannten Exkursionen.
Es gelingt mir nicht. Noch nicht.
Langsam, kaum fühlbar, entrinne ich der schwerfälligen und fast schon störrischen Erhebung meiner Gedanken. Ich gleite aus dem Gleichmaß bewusster Schöpfung. Lust auf das Leben hinter den Wolken macht sich in mir breit. Hinter meinen geschlossenen Augen prickelt die Verwirrung. Aus einem Seifenblasenkokon schlürfe ich die letzten Stunden meiner Worte ...
Erinnerungen werden wach.
Ich rieche den vorletzten Herbst. Blutrot fallendes Laub, fallobstbedeckte Wiesen, goldgelbe Stoppelfelder. Ziellos laufe ich über die Weite einer horizontlosen Landschaft. Und sauge die sich zögernd erwärmende Morgensonne durch die letzten noch ausharrenden Nebelfetzen auf. Meine Schritte werden langsamer, ohne zu wissen, wo sie mich hinführen. Es gibt Augenblicke, in denen ich verweile. Schaue auf einen Maulwurfshügel, der das schon gelbliche Grün der feuchten Wiese mit seinem tiefbraunen, fast schwarzen Farbkontrast unterbricht. Berühre einen verwitterten Baumstumpf, der, vom Moos bewachsen, wieder in ein neues Leben wächst. Beobachte eine kleine Gesellschaft von geschwätzigen Vögeln, die in den überreifen Brombeerbüschen ihr Morgenmahl findet. Stehe vor einem verwunschenen Tümpel, auf dem Wasserläufer im Gegenlicht tanzen und darüber Libellen, auf der Stelle schwebend, nicht abstürzen. In einer Hagebuttenhecke zieht eine Spinne ihre Fäden zu einem Netz, in dem meine Gedanken mit einem Male wie Nichtigkeiten hängen bleiben.
Ich spüre noch einmal das letzte Frühjahr. Aus den Ästen und Zweigen der Bäume fällt kraftlos die Kälte. Zwischen dem zarten Grün der jungen Blätter lässt das langsam aufatmende Licht der Sonne bunte Flecken tanzen. Der leichte Wind fühlt sich an wie Seide. Zwischendrin tönt Frösches Morgenchoral, f-Moll, der Dirigent hat noch viel Arbeit, Tonleiter und Einsatz zu koordinieren. Ein taumelnder Schmetterling landet lautlos auf den frohlockenden Farbreizen der ersten Frühlingsblumen, die leuchtend, duftend, berauschend die Wiesen bevölkern. Zärtlich werden sie von erwachenden Bienen geküsst. Ein neuer, lange nicht mehr erlebter Duft beflügelt auch mich. Die Luft riecht grün, und doch liegt ein forderndes Zirpen, die monotone Symphonie der Grillen, in ihr. In der Ferne läuten Kirchenglocken zur Mittagsruhe. Sie mahnen wieder an das Irdische im Leben. Ich komme mir plötzlich vor, als wäre ich eine Wiesenblume, der eine Hummel die Blütenblätter ungestüm zerzaust hat – und nun den Kopf hängen lässt.
Ich fühle noch diesen Sommer. Und sehe im aufgeheizten Zwielicht der Nacht die Sterne leuchten. Ich empfinde, wie sie wie die Zellen in unserem Körper alles beherrschen. Die Augen schließen und im Gras liegen. Auf nichts warten wollen. Der Himmel ist unendlich hoch und doch zum Greifen nahe. Ich spüre seinen Atem und höre nur das Geräusch der Unendlichkeit. Am Horizont ahne ich den neuen Tag. Ein gefiederter Bote stimmt erst zögernd, dann aufdringlich zum Morgenlied an. Von Minute zu Minute werden es mehr. Ein schillernder Käfer erwacht im vertrockneten Moos am Rande des kleinen Waldes gleich unterhalb vor mir. Immer noch liegend warte ich auf die Sonne. Die Illusion spielt mit. Erst langsam, dann immer plötzlicher hebt sie ihr Gesicht. Doch die Erde lässt sich nicht beirren in ihren kreisenden Bewegungen. Und ich denke zurück an den Tag, an dem die Sonne aufgeht und mit ihrem strahlenden Antlitz nichts als Wärme verbreitet.
Ich lausche dem kommenden Winter. Und rede mit dem alten Baum, an dessen Stamm ich mich so oft anlehnen durfte. Der schon so viel in seinem Leben mitgemacht hat und bald wieder die schwere, weiße Last des Winters trägt. Der sich trotz Kälte entblößt und dennoch standfest allen Naturgewalten trotzt. Um Wochen, Monate später zu neuem Leben zu erwachen. Um von Jahr zu Jahr stärker zu werden. Wenn ich dann meinen Baum so vor mir sehe, so stolz, wie er da steht, komme ich mir durchgefroren vor. Durchgefroren vom harten Wind der Enttäuschung. Ich laufe weiter im Schnee. Vor mir ist alles unberührt. Hinter mir erscheinen zerstörende Spuren. Sie geben keinen Sinn, leise Flocken verlieren sich in ihnen. Morgen früh werden sie endgültig vergessen sein.
Auf einmal öffnet sich der Kokon, ich bin weit, alle Ströme fließen. Die Olivetti als endloser Ozean. Einfälle blitzen wie Flossen auf springenden Fischen. Gedankenwellen umspülen das ausgemergelte Riff meines Hirns. So wie die Wellen des Meeres ganz sacht plätschernd die Kaimauer liebkosen. Mein Blick wandert zum Horizont. Alles funkelt und gleißt. Buchstaben tanzen wie Sterne in nächtlicher Stille, gestalten sich zu Worten. Ich erlebe den Rausch von sinnlichen Klängen durch die Wolken im Mondlicht. Der Anfang dieser Geschichte explodiert in meinem Kopf. So wie ein erster Kuss erotisierend den Körper durchströmt ...
Ich rieche noch einmal den vorletzten Herbst. Und trete auf die mürben Überreste eines Apfels. Braun, unansehnlich und pockennarbig vom Schimmel.
Und ich spüre übergangslos das letzte Frühjahr. In dem ich allzu leicht über einen verborgenen Baumstamm stolpere, wenn allmählich das Gras zu hoch gewachsen ist.
Ich fühle unmittelbar danach diesen Sommer. Und ich muss einsehen, dass das Schaukeln der Milchstraße ein unlösbarer Wunsch bleibt. Ich stelle mir vor, wie bewegend es ist, wenn unverhofft ein klares, strahlendes Licht bei den Millionen und Abermillionen von Sternen am nächtlichen Himmel ausgerechnet auf mich fällt.
Und ich lausche ein letztes Mal dem kommenden Winter. Ich lehne an der alten Buche. Und berühre zaghaft das vernarbte Herz, das zwei Menschen für immer und ewig als Erinnerungsspuren in der faltigen Rinde hinterlassen haben.
Beim ersten Sonnenstrahl entfernt sich das Gefolge meiner poetischen Kräfte. Ich muss feststellen, wer die Gedanken im Dunkel der Nacht zu lange laufen lässt, kann Entfernungen nur schlecht abschätzen.
Der Alltag schleicht sich wieder ein. Es ist die Rückkehr mit kleinen Schritten in die Unbedeutsamkeit. Doch mein träge getränktes Hirn ist noch nicht bereit, kopflose Bewegungen fugenlos dem täglichen Einerlei anzupassen. Ich will dem neuen Tag noch nicht begegnen, suche für eine letzte Weile Aufschub im morgendlichen Dämmerzustand. Und dann sehe ich es vor mir, das flüchtige Bild. Das flüchtige Bild in meinem Gepäck, das unbeschreibbar viel erzählen kann.
Und dann weiß ich, warum ich nachts vor meiner alten Olivetti sitze und schreibe:
Manchmal erscheint in meinen Worten etwas,
das ich immer schon gesucht habe.
Denn es entspringt in ihnen das,
was man als Wort nicht sieht.
Doch es entsteht in den Worten als etwas,
das sich von selbst erklärt.
Und es erwacht das Staunen
über das Dasein und Sosein der Dinge.
(2005)
1 Dass die Wellen in der kleinen Baia del'Innamorata seine Füße in dieser Minute umspülen, ist eine Flucht. Eine ziemlich spontane Flucht, geht ihm durch den Kopf, und doch eine durchdachte, eine logische Flucht. Es ist seine Flucht, vor ihm selbst.
Nach sieben Stunden mit dem Auto durch die Nacht und achthundert Kilometer weiter südlich steht er am Rande des Mittelmeeres. Die gerade aufgehende Sonne legt einen hellen Streifen in die glatte Bucht. Die Flügel der ersten schreienden Möwen über dem Wasser gleißen bereits im flachen Licht.
Abraham wollte vor sich selber fliehen. Jetzt steht er fröstelnd am noch dunklen Meer. Ich habe mich selbst eingeholt, denkt er müde. Und dass die gleichen Wellen, die seine Füße umspülen, immer wieder die Worte, die letzten Worte, die er von ihr gehört hat, an Land spülen, will er nicht begreifen: Mit uns, das wird nicht mehr.
2 »Einen Caffè.«
Kurzes Nicken.
»Einen doppelten, bitte.«
»Hm.«
»Bitte.«
»Danke.«
Eine Brioche greift Abraham von der Theke. Sein Frühstück nimmt er im Stehen, noch vor Sonnenaufgang.
Die Bar Centrale, direkt am Marktplatz, ist bereits voll. Fischer, in Gummistiefeln. Marktfrauen, mit Schürze und buntem Kopftuch. Dann im feinen Nadelstreifen, die ersten Geschäftsleute, der Anwalt, der Notar, der Inhaber vom Schuhgeschäft gegenüber. Der Postbeamte, in seiner blauen Uniform mit Schirmmütze. Ein Kommen und Gehen. Alle haben was zu sagen, wissen das Neueste zu berichten, jeder trinkt schnell seinen Caffè, seinen Cappuccino, isst hastig seine Brioche.
»Ciao.«
»Ciao.«
Und sind durch die Tür.
Abraham genießt diese Hektik, die so viel Ruhe ausstrahlt. Dieses Ambiente, das den Deutschen so abgeht. Es lenkt ab von den verqueren Gedanken, die er achthundert Kilometer mitgeschleppt hat.
»Noch einen bitte, doppelt.«
Es ist sein zweiter, nach sieben Stunden Fahrt hinterm Steuer, am Stück.
»Ja, gerne.«
»Danke.«
Ein neuer Tag beginnt.
3 Die ersten Sonnenstrahlen berühren bereits den kleinen Strand, der sich im Halbkreis an das Meer schmiegt. Abraham sitzt im Sand und lehnt an einem der Fischerboote, die sich nach der nächtlichen Fahrt aufs Meer jetzt ausruhen. Fast alle leuchten in den Farben des unverwechselbaren mediterranen Blaus. Abraham versucht zu lesen. Das Buch heißt „50“, der Autor Avery Corman. Doug Gardner, bekannter Sportjournalist in New York macht seine Midlife-Crisis durch. Sie beginnt mit 47 und endet drei Jahre später mit seinem 50. Geburtstag.
Abraham ist bereits über 50, nicht viel. Und stellt fest, dass ihn auf dem Höhepunkt des Lebens sein Tiefpunkt voll erwischt hat. Er ist weder bekannt, noch Journalist, noch lebt er in Amerika. Doch er findet eine Reihe von Parallelen zwischen dem Protagonisten des Buches und seinem eigenen Leben. Warum sollte nicht auch ein durchschnittlicher Reklametexter aus Deutschland eine, seine eigene Lebenskrise durchmachen?
Die Wellen in der Baia del'Innamorata, fast 60 km südlich von Genua in Ligurien, nach Ansicht von Abraham mit eine der schönsten Küsten Italiens, plätschern leise vor sich hin. Und wieder zurück. Außer den laut gestikulierenden Geräuschen einiger Fischer, die ihre Boote säubern, ihre Netze neu zusammenlegen für die Ausfahrt nächste Nacht, liegt eine milde Ruhe in der Bucht.
Abraham legt sein Buch in den Sand. Ihm fehlt die Ruhe zum Lesen. Seine Gedanken kreisen im Kopf wie die Möwen über dem Wasser. Nur, seine Gedanken haben nichts gemein mit der Anmut der Möwen, die schwerelos in ihren Flugbahnen schweben. Seine Gedanken sind eher wie die Schreie, wenn die Möwen um die letzten Reste des Meeres, die noch in den Fischerbooten liegen, streiten. Abraham stellt fest, dass er sich in etwas verrannt hat. Total verrannt. Etwas, das er so greifbar vor sich sieht, vor sich im weichen Sand.
Es ist nicht greifbar. Die Wellen spülen es immer wieder an Land und nehmen es nur eine Sekunde später wieder mit. Was bleibt, sind wirre Bilder, die niemals untergehen.
Abraham findet keine Ruhe.
4 »... Ein Kilo Pfirsiche.«
»Bitte.«
»... Haben Sie Artischocken?«
»Ja.«
»... Und Spinat?«
»Wie viel?«
»... Sind die Auberginen frisch?«
»Selbstverständlich, Signora!«
»... Und von den Oliven, den schwarzen.«
»Gerne.«
»... Nein, nein, heute keine Zitronen, aber ein Pfund Kirschen, von diesen da.«
»Gut. Bittesehr.«
Abraham geht über den Wochenmarkt auf der kleinen Piazza. Er nimmt das Hin und Her des Einkaufens, Aussuchens, Verhandelns in sich auf. Hört Wortfetzen der nicht enden wollenden Gespräche. Beobachtet die Mimik, die Gestik der Männer, der Frauen, der Kinder, die oft genug mehr sagen als Worte.
Seine Augen erfreuen sich an der üppigen Farbpalette des Obstes. Genießen die prächtige Vielfalt des Gemüses. Bewundern den unendlichen Reichtum der unterschiedlichsten Meeresfrüchte. Begutachten das ausgereifte Angebot des Käses. Sind begeistert über die nicht mehr überschaubare Auswahl an lukullischen Sinnesfreuden. Abraham sieht sie alle vor sich, die Ergebnisse der Kochkünste der italienischen Cucina casalinga.
Der schon lauwarme, obwohl noch frühe Morgen tut sein Übriges. Abraham ist eins mit sich. Wie im Traum. Wie in einem paradiesischen Zustand kurz vor seiner Vollendung. Für ihn gibt es heute Morgen keine quälenden Fragen, was nehme ich, was brauche ich, was fehlt mir. Nein, heute gehört ihm alles. Heute gehört Abraham die Welt. Es ist sein Tag.
Lass ihn nie zu Ende gehen.
5 Ein Kaugummi ersetzt das Zähneputzen an diesem Morgen. Fade lümmelt er inzwischen in Abrahams Mund, bekommt langsam einen unerotischen Beigeschmack. Abraham hat manchmal das Gefühl, dass der Kaugummi ein wenig salzig schmeckt. Er spuckt ihn aus, will seinen Zustand damit ebenfalls in hohem Bogen ausspucken.
Das Meer nimmt alles, was man ihm gibt. In dieser Hinsicht ist es geduldig. Das Meer nimmt auch Kaugummis. Das Meer gibt jedoch auch wieder zurück. Es ist ein Spülbecken für gestrandete Vergänglichkeiten, für unbewältigte Unerlässlichkeiten. Abraham muss erkennen, sein Kaugummi ist ein Symbol für die Unendlichkeit. Abraham schließt seine Augen. Er lässt die lichtgetränkte, glitzernde Oberfläche des Meeres, die aussieht, als würden Tausende von Sternen funkeln, ins Zeitlose verschwinden. Sie blenden ihn noch bei geschlossenen Augen und verdunkeln ihm gleichzeitig den Blick in eine neue Zukunft. Abraham kaut auf seinen Gedanken rum, bis er, übernächtigt, nahtlos in einen tiefen Schlaf versinkt.
6Ti amo!
Schreiend, ja fast schon befehlend steht es an der braunen Hauswand.
Abraham geht durch die alten Gassen des kleinen Städtchens, in denen die späte Nachmittagssonne nur noch an wenigen Stellen hineinschaut. An alten Häusern vorbei geht er immer höher hinauf. Er lässt sich treiben, würde jeder denken, der ihn hinter geschlossenen Fenstern beobachtet. Ein kleines, unscheinbares Häuschen, neben den anderen schon deutlich verkommen, schreit ihn an.
Ti amo!
Es rückt seine Fassade mit den in dicken Pinselstrichen gemalten Buchstaben mit einem Mal in den Vordergrund, stellt sich vor seine Nachbarn, nimmt Beziehung auf durch seine schlichte, aber dennoch unübersehbare Anklage.
Ja, ich liebe dich.
Du bist der ruhende Pol zwischen all den sauberen, ordentlichen Ansichten.
Die Gleichung geht auf. Im Garten des kleinen Häuschens, verwildert, verwuchert, verwunschen, singt ein Vogel sein Lied. Unaufhörlich, immer wieder, ohne zu enden. Er singt seine unendliche Geschichte.
Für mich, denkt Abraham.
Mir allein. Klar und deutlich.
Er versteht jeden Ton.
Ti amo.
7 Die Glocken des Kirchturms, nur fünfzig Meter von der kleinen Bucht entfernt, verkünden wie jeden Tag auch heute ihre Botschaft.
12 Uhr Mittag. Aus irgendwelchen Träumen herausgerissen, blinzelt Abraham aufgeschreckt in die Sonne.
Wo bin ich? Wer bin ich? Wieso bin ich? Die Vergangenheit holt Abraham langsam wieder ein. Er liegt immer noch an dem Strand, wo ihn vor zwei Stunden das ständig wiederkehrende Plätschern der Wellen in eine andere Welt schaukelte. Er ist immer noch derjenige, der vor vierzehn Stunden fluchtartig seine Wohnung verlassen hat, um hier zu stranden. Auf die dritte Frage weiß er immer noch keine Antwort.
Das Stück Meer in der kleinen Bucht kündigt Welle für Welle den Wechsel der Gezeiten an. Mit dem aufkommenden Wind meldet sich die Flut. Sehr viel unruhiger schlagen die Wellen an den Strand, erobern Zentimeter um Zentimeter des durch die Sonne schon lange getrockneten Sandes.
Der Lärm von planschenden und spielenden Kindern, Stimmen von sich sonnenden und schwimmenden Bewohnern des Ortes heißen Abraham wieder willkommen in der Wirklichkeit. Doch er will noch nicht den Geräuschen da draußen folgen. Er geht seinen inneren Gedanken nach: Was würde dieses Meer, dieses unendliche Wasser mit einer Flaschenpost machen? Führen die Wellen diesen Gruß an ein bestimmtes Ziel? Geben die Wellen diesem Gruß eine Chance zum Überleben? Was machen die Wellen aus diesem Gruß? Wird dieser Gruß vom ewigen Auf und Nieder am Ende so durchgeschüttelt sein, dass sein Sinn entstellt ist? Kann dieser Gruß ersticken, wenn Wasser in die Flasche eindringt?
Das Meer könnte so viele Antworten auf so viele ungewisse Fragen geben. Doch bei Sturm brüllt es nur. Und bei ruhigem Wetter flüstert es so leise, dass man nichts mehr versteht. Bei Flut kommt es mit drohenden Schritten auf einen zu. Und bei Ebbe zieht es sich feige wieder zurück. Abraham wird vom Meer alleine gelassen. Mit seinen quälenden Fragen lässt es ihn in der Brandung hängen, behält all seine Geheimnisse in den Wellen verborgen. Das Meer kann so laut sein und ist doch so stumm. Abraham hat das Gefühl, es schreit ihm ständig ins Ohr und sagt nichts.
8Ich verstehe.
Der einsame Vogel in dem einsamen Garten beflügelt Abraham. Er steigt immer weiter nach oben, die Gassen werden immer enger, gehen am Ende in Treppen über. Vor den Resten eines alten Kastells bleibt er stehen. Die verfallenen Gemäuer sind beredte Zeugen der Vergangenheit. Ob der Geist der Jahrhunderte nachdenklich durch den kleinen Pinienhain gewandelt ist, fragt sich Abraham. Die Bäume bleiben stumm. In den alten Mauerresten findest du Antworten, wenn du genau hinhörst. Sie können dir viel sagen, über die Gegenwart, über die Zukunft.
Abraham erschrickt aus seinen Gedanken. Gleich neben ihm, auf einer Steinbank, fast schon zur Ruine geformt, sitzt ein alter Mann. In einiger Entfernung bellen ein paar Hunde. Der Mann liest in einem Buch. Abraham sieht, dass er ihn nicht bemerkt hat.
Er setzt sich ihm gegenüber auf einen mit Moos und Flechten bewachsenen Stein und beobachtet ihn, den alten Mann, der ganz in die Worte seines Buches versunken ist. Zufrieden und glücklich, so sieht es aus. Sein langes Leben hat ihm wohl viele schöne Seiten beschert. Ich würde gerne an seinem Glück teilhaben, denkt Abraham.
In diesem Augenblick schaut der alte Mann kurz auf, blickt für den Bruchteil eines Momentes Abraham an. Nickt ihm fast unmerklich mit seinem Kopf zu, kaum sichtbar, eher spürbar.
Danke, alter Mann. Ich habe dich verstanden, du bist nicht alt, du wirst nie alt.
9 Während Abraham am Strand liegt, muss er an den alten Mann und das Meer denken. Er fühlt sich jetzt schon alt. Am Horizont zieht langsam ein Segelschiff vorbei, auf dem Weg zu neuen Ufern. Abraham ist immer noch an den alten und kommt nicht weiter. Der Sand rieselt ihm durch die Finger. Obwohl von der Sonne erwärmt, fällt er kalt von seiner Hand. Er findet nicht das Sandkorn, das die Gedanken reifen lässt, sie fühlen sich alle so gleich an.
Eine Flasche Wein, ein Kanten Brot, ein Stück Käse, ein paar Oliven befriedigen Bedürfnisse, machen lediglich satt. Der Hunger bleibt. Einige Sandkörner knirschen zwischen Abrahams Zähnen, sind wie Hemmungen im Getriebe der Gedanken. Größere Steinchen hat er schon vorher aussortiert, sie liegen wie Blei in seinem Magen. Wie Teerklumpen auf den Felsen in der Brandung kleben sie in seinem Kopf fest. Überziehen alles Transparente, alles Klare, alles Schöne.
10 Abraham ist am höchsten Punkt des kleinen Städtchens angekommen. Höher geht es nicht mehr. Weiter auch nicht. Unter ihm ist nur noch das Meer, zweihundert Meter tiefer.
Jetzt, in diesem Augenblick sich einen Menschheitstraum erfüllen können, fliegen. Und dann eintauchen bis zum glasklaren Grund des Meeres. Eine Möwe holt Abraham zurück. Ich danke dir, Möwe Jonathan, will er ihr zurufen. Sie zeigt ihm nur noch, wie sie über den Horizont fliegt, diesen überwindet. Wie heißt es doch gleich? Richtig, einsamer unendlicher Himmel, hinter dem Horizont erscheint ein neuer Anfang. Abraham erkennt ihn, greift ihn. Die Möwe hat ihm den Weg gezeigt.
Ruhig, ausgeglichen, glücklich steigt Abraham die ausgetretenen Stufen wieder hinab. Zwei Nonnen, in ein stummes Gebet versunken, begegnen ihm. Sie schauen ihn nicht an, und doch verstehen sie ihn. Beim Umdrehen bemerkt Abraham, wie die beiden über ihn reden. Sein seelisches Gleichgewicht muss wohl zu spüren sein.
11 Die Sonne verliert langsam an Kraft. Der Wind vom Meer wird kühler. Abraham fröstelt. Zwei Möwen fliegen direkt über ihm. Kreischen ihn an. Lachen ihn aus. Machen sich lustig über ihn. Und über seine Midlife-Crisis.
Eine der Möwen kackt auf „50“. Abraham scheißt drauf. Auf sein Alter. Ich brauche keinen, der mir sagt, wo es langgeht. Das Meer zeigt es ihm. Vor und zurück, zurück und vor, vor und zurück. Unverrückbar, an der gleichen Stelle, immer auf der gleichen Welle.
Die Sonne verliert immer mehr an Kraft. Sie verzieht sich trotzig hinter den Hügel mit dem alten Kastell. Abraham will ihr folgen. Untergangsstimmung, ihm fehlt schon seit Stunden die Kraft.
12 Neben einem Fenster im ersten Stock auf einer dieser hin- und herziehbaren Leinen hängt Wäsche. Noch ziemlich nass. Sie tropft auf den Gehweg, der Abraham wieder abwärts führt. Es sind keine steten Tropfen.
Abraham geht in Richtung Strand, möchte sich einfach nur hinlegen und ewig träumen. Von Dingen träumen, die in Erfüllung gehen. Doch wenn sie Wirklichkeit werden, ist man am Ende um diese Träume ärmer. Träume lassen sich nicht erzwingen, solche Träume bleiben immer Träume. In Erfüllung gehen Träume, die nicht erzwungen sind, dann erlebt man sie ... Abraham verzettelt sich in seinem Gedankenknäuel.
Er kommt an einem Tor vorbei, das schmiedeeiserne, von der Meeresluft an vielen Stellen schon verrostete Gitter steht offen. Ein verwittertes Messingschild neben dem Eingang weist auf seinen Besitzer: Tipografia. Abraham tritt, ohne anzuklopfen, ein. Es riecht nach Druckerschwärze. Regale voller Setzkästen, von oben bis unten mit Lettern aus Blei, mit Klischees, mit Signets, mit Tiegeln, mit Druckplatten. Ein Kabinett der Druckkunst. Ein Relikt aus einer Zeit, als Drucken noch als Kunst galt. Herübergerettet in unsere Zeit.
Ein zahnloser Mann, eine Pfeife zwischen den von kurzen Bartstoppeln umgebenen Lippen, versucht Abraham etwas zu erzählen. Er schaut den Mann an, schaut seine Werkstatt mit bewundernden Augen an. Abraham versteht kaum ein Wort, lediglich Wortfetzen, und die sind noch im Dialekt der Gegend.
Mit seinen von schwarzer Druckfarbe verschmierten Händen nimmt der Mann von einer der Ablageflächen eine Schablone, schlurft vier, fünf Schritte zu einem Setzkasten und fügt Blei an Blei, Buchstabe an Buchstabe zusammen. Er spannt den Bleisatz in seine kleine Handdruckmaschine, legt ein Blatt Papier ein und dreht langsam das Kurbelrad. Lächelnd gibt der Mann Abraham das Blatt. Mit großen Kinderaugen liest er den makellos gedruckten Satz.
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