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Kreuzwege. Dieses Wort lässt sich auch als Wege verstehen, die sich kreuzen. Da begegnen sich die Lebenswege zweier Menschen, und der Leser darf gespannt sein, was sich aus dieser Begegnung entwickelt – oder eben auch nicht. In diesem Roman des deutsch-australischen Journalisten und Schriftstellers und Jahrhundertzeugen Walter Kaufmann sind es zwei Menschen sehr unterschiedlicher Herkunft, die sich begegnen, deren Lebenswege sich kreuzen – und zwar auf einem Schiff: Ron war für sie jetzt nicht mehr irgendein gut aussehender Heizer. Sie hatte einen aufgeschlossenen, fantasiereichen und mutigen Mann kennengelernt, dessen zurückhaltende, leicht trotzige Art eine anziehende Ursprünglichkeit verriet, die zu seiner charakterfesten, männlichen Erscheinung passte. Dieser junge Seemann konnte wenig Erfahrungen mit Frauen haben, das fühlte sie. Er hob sich stark gegen Jan Borowski ab, für den die Liebe nur ein Schachspiel war. Jeder Zug war berechnet: Rosen, Schallplatten, Whisky, ein vergessenes Zigarettenetui. Der Gedanke an Borowskis Hände, die nach ihrem Körper griffen, empörte sie. „Wir müssen vorsichtig sein. Du weißt, ich bin verheiratet!" Sie verabscheute die Erinnerung, sie hasste ihn und sich selbst, weil er sie bezwungen hatte. Und jetzt hatte dieser Fremde, der ihr gar nicht mehr fremd war, ihren Weg gekreuzt, und sie verlangte nach seiner Umarmung mit einer Unmittelbarkeit, die sie vorher nie gekannt hatte. Durch ihn könnte sie sich von ihrer Vergangenheit befreien. Dass dieser Seemann da war, heute Abend und hier, war für sie wie klares Wasser aus einem frischen Quell. Ron hatte gespürt, wie sich der Charakter ihres Beisammenseins veränderte. Im Laufe des Abends hatte er einen Teil seiner früheren Befangenheit überwunden. Und doch fühlte er sich noch fremd in dieser Umgebung - das gedämpfte Licht, die Bücherregale, die seltsamen Ornamente an den Wänden, der ungewohnte Luxus der Möbel. Er war sich der Schranken bewusst, die ihn von dieser Frau trennten. Ihre Neigung zu ihm war unerklärlich. Er dachte an Ruby, an die dunkelhaarige, lachende, natürliche Ruby Kazakos, dachte an die ersten Tage mit ihr, ehe sie sich ihm hingegeben hatte, und im Vergleich zu Ruby wirkte diese Frau gewandt und selbstbewusst. Hat Ron, der frühere Farmgehilfe, der nach einer gewalttätigen nächtlichen Auseinandersetzung aus seiner Heimatstadt fliehen musste und ein Seemann geworden ist, eine Chance bei Kath, der Architektentochter? Hat ihre Liebe überhaupt eine Chance?
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Seitenzahl: 411
Veröffentlichungsjahr: 2013
Walter Kaufmann
Kreuzwege
Roman
ISBN 978-3-86394-563-3 (E-Book)
Das Buch erschien erstmals 1961 im Verlag Neues Leben Berlin.
Gestaltung des Titelbildes: Ernst Franta
Foto: Barbara Meffert
© 2013 EDITION digital®Pekrul & Sohn GbR Godern Alte Dorfstraße 2 b 19065 Pinnow Tel.: 03860 505788 E-Mail: [email protected] Internet: http://www.ddrautoren.de
Ron Prentice stieß die Pendeltür von Kellys Kneipe auf, lehnte sich gegen den Rahmen, um sie offenzuhalten, und blickte die Straße hinunter in das Halbdunkel. Ein Hund trottete durch den spärlichen Verkehr der australischen Kleinstadt von einem Rinnstein zum anderen. Das blasse Licht der Straßenlaterne vor Haybrooks Mechanic's Institute fiel auf eine Gruppe von Fremden, die sich an einem Lastwagen zu schaffen machten. Nachdem Ron sie eine Weile beobachtet hatte, spie er das zerkaute Ende eines Streichholzes aus, hob sein Bierglas und trank es leer. Dann ging er an die Theke der verqualmten Gaststube zurück und wandte sich an Ed Cox, seinen Boss, einen bulligen Farmer, dessen rotes Gesicht vom Trinken glühte. „Das werden sie sein", sagte er kurz.
„Zeit, dass du die Jungs zusammenholst", antwortete Cox. Ron schob sein leeres Glas über die Theke und winkte dem Wirt. „Gib ihm eins auf meine Rechnung."
„Danke", erwiderte Ron kühl.
„Dein Wohl." Der Farmer trank ihm zu. „Und jetzt hol die Jungs."
„Die werden schon aufkreuzen."
„Wir brauchen sie sofort", sagte Ed Cox hartnäckig, doch Ron drehte ihm den Rücken zu.
Jemand boxte ihn in die Seite. Ron blickte auf und sah in das grobe Gesicht von AI Cox. Eds ältester Sohn war ein breiter, muskulöser Kerl.
„Sei kein Frosch", sagte er.
Ron nahm seinen Fuß von der Messingstange und stemmte sich von der Theke weg. Die Haut über seinen Backenknochen straffte sich.
„Wer ist ein Frosch?", fragte er scharf. Als Mund verzog sich zu einem trägen Grinsen. „Hast du nicht verstanden?", sagte er, die Worte dehnend. „Der Alte will, dass du die Jungs holst."
„Habt ihr Angst, oder was?", fragte Ron.
„Kratzt uns überhaupt nicht", sagte AI und streckte lachend seine starken Hände vor. „Wundere mich nur über dich."
„Was soll das?"
„Mach kein' Ärger", sagte AI und legte Ron die Hand auf die Schulter. „Hol die Jungs her, und damit basta!"
Ron schüttelte die Hand ab, er sah zu seinem Boss hinüber, dann wieder auf AI, der jetzt nicht mehr griente.
„Okay", sagte er schließlich, schob sein halb geleertes Glas beiseite und ging zur Tür, die heftig hin und her schwang, als er nach draußen trat. Jedes Mal, wenn sie nach außen aufging, fiel ein Lichtstreifen auf die Straße, und die Chromteile eines Motorrades am Rinnstein glänzten auf. Ron setzte sich auf die Maschine, zog seine Handschuhe an, schlug den Kragen seiner Lederjacke hoch und trat auf den Starter. Der Motor heulte auf, als er eine Kurve nahm, der Scheinwerferkegel sprang über die Fassaden niedriger Häuser, der Bank, des Postamts, des Warenhauses und beleuchtete, als Ron am Mechanic's Institute vorüberfuhr, die Gesichter von Neugierigen, die um den Lastwagen herumstanden, auf dessen Dach ein Lautsprecher und ein kleiner beweglicher Scheinwerfer montiert waren. Hinten auf dem Wagen sah Ron einen Mann, der ein Mikrofon an den Mund hielt. Der Wind trug abgerissene Laute an sein Ohr: „Sprechprobe - eins - zwei - drei!"
Ron raste weiter in eine ungepflasterte Seitenstraße hinter dem Institut. Das Hinterrad wirbelte eine in der Dunkelheit kaum sichtbare Staubwolke auf.
Drei seiner Freunde hatte Ron schließlich beisammen: Snowy Matters, Jim Kennedy und Bruiser Coles, die einander sehr ähnlich sahen in ihren Lederjacken und den engen Jeans. Als sie mit ihren Motorrädern Kellys Kneipe erreichten, wartete AI Cox schon auf dem Bürgersteig. Der alte Armeemantel, den er trug, ließ ihn noch massiger erscheinen. Unter dem breitkrempigen Hut war sein Gesicht trotz des Lichts der vier Scheinwerfer nicht zu erkennen. Der Stiel einer Spitzhacke, den er in der Faust schwang, warf unruhige Schatten gegen die Mauer der Kneipe.
Durch den Lärm der laufenden Motoren vernahm Ron die erregte Stimme von Franklin, dem Grundstücksmakler, und die Erwiderungen von Charles D. Armstrong, dem Bankier, und durch die offene Kneipentür sah er seinen Boss einer Gruppe knüppelbewaffneter Männer Anweisungen erteilen. Der Anblick verdross ihn und er horchte mürrisch auf, als AI sagte: „Ihr müsst mit euren Motorrädern so'n Spektakel machen, dass keiner ein Wort von den Commos versteht."
„Was meint ihr dazu, Jungs?", fragte Ron die anderen.
„Ihr wollt doch keine Roten in der Stadt, wie?", mischte sich AI ein.
„Wir werden Krach machen - okay", sagte Ron.
„Aber hör zu ..." AI grinste. „Sie werden's überleben."
Sekunden später knatterten die vier an dem Lastwagen vorbei, von dessen Ladefläche aus der Mann mit dem Mikrofon zu einer ständig wachsenden Menge sprach. Er war nicht groß, sah aber kräftig aus, und seine Stimme drang klar durch:
„Wir von der Seeleutegewerkschaft sind nach Haybrook gekommen und wollen euch aufrufen, mit uns gegen die Pläne von Menzies zu protestieren, die Kommunistische Partei ..."
„Raus, ihr Kommunisten!", schrie Bruiser Coles gellend, als sie vorrüberrasten, und drückte unentwegt auf die Hupe.
Noch vor dem Polizeirevier wendeten sie und brausten zurück, dabei gaben sie ruckartig Gas, um den Auspufflärm ihrer Maschinen noch zu steigern. Als sie dicht bei den Versammelten anhielten, konnten sie sehen, wie die Seeleute die Hände ineinander verschränkten und eine Schutzkette vor dem Lastwagen bildeten. Diese Commos haben Mut, das muss man ihnen lassen, dachte Ron, während noch immer die Lautsprecherstimme über dem Lärm zu hören war.
„Heute versucht Menzies dasselbe, was vor achtzehn Jahren Hitler versucht hat: Er will die Kommunistische Partei verbieten. Es hat unermessliche Leiden gekostet, die Nazis zu zerschlagen. Können wir zulassen, dass jetzt, neunzehnhunderteinundfünfzig, Hitlers Geist Australien vergiftet?"
Der Mann mit dem Mikrofon trat einen Schritt zur Seite und richtete den Kegel des Scheinwerfers über die Köpfe der Versammelten hinweg in die Dunkelheit, direkt auf Ron. Ehe sich Rons Augen an das grelle Licht gewöhnt hatten, hörte er neben sich eine Stimme: „Stell mal deine Mühle ab, du!"
Ron wandte sich um und musterte den untersetzten kraushaarigen Burschen mit der gebrochenen Nase. „Wer bist du überhaupt?"
„Nur 'n Schiffsheizer, Kumpel", antwortete der andere.
„Bist aber ziemlich weit vom Hafen weg."
„Nicht deine Sorge", sagte der Seemann. „Also, was ist: Stellst du das Ding da ab?"
„He du, nimm dich in acht!", drohte Snowy Matters. Vom Lastwagen her rief jemand dem Seemann eine Warnung zu. Im selben Augenblick wurde er herumgeschleudert, weil Ron Gas gab und sein Motorrad vorwärts schießen ließ. Vom Lenker getroffen, taumelte der Seemann, fing sich wieder und drängte sich durch die Menge. „Australier -Rufen euch a uf...", tönte es in Satzfetzen aus dem Lautsprecher, dann ein Krachen, das die folgende kurze Stille noch unterstrich.
Ron konnte eine Anzahl Bekannter erkennen, die aus Kellys Kneipe stürzten und auf das Mechanic's Institute zuliefen. Er riss sein Motorrad herum und fuhr zurück, gerade rechtzeitig, dass er sehen konnte, wie AI Cox und fünf andere den Lastwagen an einer Seite hochstemmten, bis den Männern auf der Ladefläche kein anderer Ausweg blieb, als in die raufende Menge zu springen.
„Hört auf!", schrie Ron, sprang ab und packte AI Cox am Arm. „Wie sollen die aus Haybrook rauskommen, wenn ihr den Wagen zertrümmert?"
Im selben Augenblick warf sich der Seemann zwischen die Randalierer. AI Cox traf ihn mit dem Knüppel an der Schläfe. Der Mann stürzte, und der Lastwagen kippte auf die Räder zurück.
„Noch einmal, Leute", brüllte AI. „Und jetzt! Hau ruck!" Sekundenlang schien es, als würde der Lastwagen der vereinten Anstrengung standhalten. Dann krachte er plötzlich auf die Seite. Der Scheinwerfer brannte weiter und beleuchtete das auslaufende, sich langsam auf dem Boden ausbreitende Benzin. Eine Flamme schoss hoch. Jemand schrie auf. Ron sah das entschlossene Gesicht des Redners, der sich zu dem Seemann durchkämpfte und ihn in Sicherheit schleppte.
„Ihr seid schöne Helden!", schrie der Redner hasserfüllt. Sein Blick glitt über AI und seine Leute hinweg zu Ron, ehe er sich über den Verletzten beugte.
Der Feuerschein flackerte auf Rons Augen, man sah seinen zusammengepressten Mund. Mit einer schnellen Bewegung riss er den Reißverschluss seiner Lederjacke auf, zog sie aus und fing an, die Flammen mit ihr auszuschlagen. Über dem allgemeinen Tumult hörte er die Stimme seines Vaters: „Fair bleiben! Verdammt noch mal!"
Ron fühlte, wie ihm die Hitze ins Gesicht stieg. Als er sich aufrichtete, wäre er fast mit AI Cox zusammengestoßen.
„Jetzt kannst du grinsen, du Bastard", sagte er gezwungen ruhig. „Bist doch zufrieden, oder nicht?"
Und der massige Kerl griente breit und wischte sich mit dem Handrücken den Mund. Er sah Ron an und sagte nichts. Sein Schweigen war drohender als Worte.
Die Morgensonne war noch nicht über den Wirtschaftsgebäuden von Ed Cox' Farm aufgegangen, als Ron von der Landstraße abbog und über die baumgesäumte Auffahrt zum Maschinenschuppen fuhr. Vom Geräusch des Motors angelockt, rannte eine kläffende Hündin um das Haus herum und sprang an Ron hoch. Ron zauste ihr zottiges Fell, während sie ihm spielerisch in die Hand biss. Ein scharfer Pfiff ließ beide auffahren. Das Tier drückte sich an den Boden und kroch auf AI Cox zu, der im Hof auftauchte. Die buschige Rute der Hündin peitschte den Staub, und ihre Augen waren angstvoll auf den Hackenstiel in seiner Faust gerichtet.
Ron stieg ab und bockte die Maschine auf. Dabei behielt er AI Cox im Auge, der auf ihn zukam. Sein Gesicht blieb unbeweglich. Aber er war auf der Hut. Was AI auch täte, nichts würde ihn überraschen.
„Tag", sagte AI gedehnt.
Ron schob seine Mütze in den Nacken; AI kratzte sich das Kinn und spuckte in den Staub. Er schwieg lange. Schließlich verkündete er: „Der Boss erwartet dich. Kannst deinen Lohn abholen. Du bist entlassen."
Die Hündin begann zu winseln. AI stieß ihr den Stiel in den Bauch und jagte sie weg. „In unserer Gegend hast du ausgespielt."
„Ich geb' dir Bescheid, wenn ich jemanden brauche, der sich um meine Zukunft kümmert", sagte Ron. „Was denkst du, mit wem du redest? Mit 'nem Gelegenheitsarbeiter?"
„Noch weniger", höhnte AI Cox. Ihm stieg die Wut in die Augen. „Ein Feigling bist du, ein Frosch!"
Ron fuhr herum und riss die Luftpumpe vom Motorrad. „Willst du was?"
„Geh zum Teufel!"
„Gut. ich geh' jetzt zum Boss", sagte Ron heiser. „Eine Bewegung, und ich zieh dir eins über!"
„Das werden wir ja sehen. Hol deinen Lohn. Für heute genügt's."
Die Luftpumpe fest in der Hand, ging Ron an Cox vorbei. AI bewegte sich nicht, und Ron überquerte den Hof, ohne sich umzusehen. In einiger Entfernung hörte er den Hund knurren. Für einen Augenblick hatte er das Gefühl, dass ihn etwas im Rücken treffen konnte. Seine Achselhöhlen wurden feucht, und der Schweiß trat ihm auf die Stirn. Er blieb stehen und wischte sich mit der Hand über das Gesicht, ehe er die drei Stufen zum Büro hinaufstieg.
Er klopfte. Als er eintrat, stemmte Ed Cox seinen schweren Körper an dem roh gezimmerten Tisch hoch, der den kleinen Raum fast ausfüllte, schob seinen Zigarettenstummel von einem Mundwinkel in den anderen und sagte: „AI hat's dir wohl schon gesagt, he?"
„Er hat's mir gesagt."
„Jetzt weißt du, wie der Hase läuft, du hast es dir selber zuzuschreiben."
„Ich will Ihnen was sagen: Geben Sie mir meinen Lohn, und sparen Sie sich die Predigt. Ich bin Ihnen nichts schuldig."
„Sicher", sagte Ed Cox wütend und warf das Geld auf den Tisch. „Hier ist dein Lohn, dein letzter. Zähl nach und quittiere. Nach deinem Verhalten gestern Abend ist jedes Wort überflüssig."
„Warum reden Sie dann noch? Die Sache gestern Abend war faul, das erzähl' ich jedem, der's wissen will."
„Faul?" Der Farmer zerquetschte mit einem Schlag eine Fliege, die um das Tintenfass summte. Tinte schwappte auf den Tisch. Er wischte den Klecks sorgfältig weg und sagte, ohne Ron anzusehen: „Ich hab' dir da mehr bezahlt, als ich muss. So bin ich."
Als Ron die Quittung unterschrieb, war er nahe daran, etwas Versöhnliches zu sagen. Da schrie ihn der Farmer an: „Leg die verfluchte Pumpe aus der Hand! Kein Mensch tut dir hier was."
Ron straffte sich. Hatte er nicht eine verdammt lange Zeit für Cox geschuftet? Zum Teufel, er hatte es nicht nötig, sich herumstoßen zu lassen.
„Richtig, ganz richtig, keiner tut mir hier was. Sie schmeißen mich bloß raus, das ist alles."
„Machen wir's kurz." Auf eine Reaktion lauernd, beobachtete er Ron. „Du hast eine magere Zeit vor dir", prophezeite er.
„Hören Sie zu: Ich bin zweiundzwanzig und bis jetzt noch nicht verhungert. Um mich brauchen Sie sich keine Sorgen zu machen." Er wandte sich zum Gehen.
„Vielleicht hast du noch nicht begriffen, dass du nicht nur rausgeschmissen wirst", fuhr Cox fort. „Wir erteilen dir außerdem noch eine Lektion. Aber das wirst du ja merken."
Ron steckte sein Geld in die Tasche. „Mir machen Sie keine Angst."
Damit ging er aus der Tür, über den Hof, stieg auf sein Motorrad und fuhr davon.
Als er durch den frischen Augustmorgen stadtwärts fuhr, fühlte er sich erleichtert und frei. Er war froh, dass er keinem der beiden Cox nachgegeben hatte. Keine Arbeit war es wert, dass man ihretwegen kroch.
Die Pfosten endloser Drahtzäune rechts und links der Straße flogen vorüber, als Ron dahinraste, vorbei an den weiten gelben Feldern. Von der Kreuzung ab hatte er den Wind im Rücken. Er fühlte sich, als flöge er wie der Schwarm Wildenten, der hinter den Weiden am fernen Ufer des Flusses aufstieg. Die Vögel, eine schnell kleiner werdende Formation dunkler, flügelschlagender Schemen, zogen schnell dahin wie die windgetriebenen Wolken und verschwanden bald im klaren Horizont. Ein fahlbraunes Kaninchen hoppelte unbekümmert über die Straße, direkt vor die Räder eines Lastkraftwagens. Er sah es hochspringen und den Lastwagen über das wollige Bündel hinwegrollen.
Er bremste und fuhr zurück. Zwischen rotbraunen Erdklumpen lag das Kaninchen, eins seiner schwarz glänzenden Augen starrte himmelwärts, ein dünner Blutstrom rann aus den zuckenden Nüstern. Entschlossen hob Ron einen Stein auf und erlöste das Tier mit einem schnellen Schlag von seinen Qualen. Plötzlich schien ihm die Landschaft verlassen dazuliegen: die blauen Hügel in der Ferne, die vom Wind gefegten Felder, der knorrige Eukalyptusbaum vor ihm, das verfallene Eingeborenenlager, das zwischen den Bäumen am Fluss sichtbar war. Ein unbekanntes Gefühl verdrängte die Beschwingtheit, die ihn erfüllt hatte. Er hatte oft Kaninchen gejagt und geschossen: Nie zuvor hatte er einen so raschen Stimmungswechsel erlebt. Die Lust zur Heimfahrt war ihm vergangen. Er ließ den Motor an und bog langsam in einen einsamen Weg ein, der über den Fluss führte. Dort hielt er an und stieg ab. Er lehnte sich auf das Geländer der alten Holzbrücke und starrte in das träge unter ihm dahinfließende Wasser. Die Bäume am anderen Ufer hielten den Wind ab, nichts bewegte sich, außer den Sonnenreflexen im Wasser und den Schwärmen silbriger Fische dicht unter der Oberfläche.
Er drehte sich eine Zigarette, zündete sie an und sog den Rauch tief in sich hinein. Es würde schwer sein, als Traktorist auf einer Farm anzukommen. Cox hatte Einfluss. Sollte er in der Konservenfabrik nach Arbeit fragen oder sich um eine Stelle im Eisenbahnwerk oder in der Autoreparaturwerkstatt von Haybrook bemühen? Oder sollte er Haybrook ganz verlassen. Was hielt ihn überhaupt noch? Seine Mutter? Seine Freunde? Sein Zuhause? Plötzlich überschattete eine große Sehnsucht seine Überlegungen, die nichts mit seiner Entlassung oder mit seiner unsicheren Zukunft zu tun hatte. All das wurde auf einmal verdrängt von der Erinnerung an Ruby Kazakos, ein junges griechisches Mädchen, das erste und einzige Mädchen, das er wirklich geliebt hatte und heiraten wollte.
Er kletterte die Uferböschung hinunter und ließ sich an dem Platz nieder, wo sie sich oft in den Dämmerstunden des vergangenen Sommers getroffen hatten. Den Rücken gegen den Brückenpfeiler gelehnt, saß er, den Blicken verborgen, so, wie sie damals gesessen hatten vor vielen Monaten, und es schien ihm, als sei es erst gestern gewesen.
Ihre Liebe war von Anfang an Schwierigkeiten ausgesetzt. Sie hatten alles gegen sich, alles und jedes trug dazu bei, sie voneinander zu trennen: ihre Konfession, ihre Vergangenheit, die Lebensart ihrer Familien, ihre Gewohnheiten und, zu einem nicht geringen Teil, auch ihre verschiedene Sprache - obwohl Ruby sehr schnell Englisch gelernt hatte. Als sie mit ihren Eltern nach Australien kam, war sie gerade fünfzehn, ein junges Mädchen mit großen dunklen Augen und glänzend schwarzen Haarflechten, die ihr Gesicht umrahmten.
Er entsann sich, wie er das erste Mal auf Ruby aufmerksam geworden war, das war vor zwei Jahren. Siebzehn war sie damals, ein lustiges Ding, das viel lachte, wenn sie die Gäste des Vaters bedienen half.
Als sie Ron einen Teller Suppe brachte, löste sich eine Strähne ihres vollen Haares aus der Flechte und glitt halb hinab, ehe es ihr gelang, sie aufzuhalten und mit geschickten Fingern wieder hinter dem Ohr zu befestigen.
„Verzeihen Sie. Ich bringe Ihnen einen anderen Teller", sagte sie besorgt.
„Sie haben prächtiges Haar", entgegnete er, und ihr dunkles Gesicht wurde vor Freude noch dunkler. Zögernd blieb sie neben ihm stehen - länger, als ihre wachsame Mutter guthieß -. und in dem magnetischen Zauber, der junge Menschen zueinanderzieht, hatte er seine Zuneigung zu ihr entdeckt.
Danach saß er häufiger im „Blue Star Café", nicht nur gelegentlich an Samstagabenden wie bisher, und er benutzte jede Gelegenheit, mit Ruby zu sprechen. Immer war ihm die wachsende Unruhe ihrer Mutter bewusst.
„Was sagt deine Mutter, Ruby?", fragte er einmal.
„Du sagst Dinge zu mir, die sie nicht mag."
„Sag deiner Mutter, dass ich dich wunderschön finde und dass ich dich heiraten möchte."
Er hatte das halb im Scherz gesagt, nicht gewärtig, dass er eine solche Bestürzung auslösen würde. Die immer lachende Ruby lachte diesmal nicht. Sie stand erstarrt, fast versteinert. Nur ihre Hände nestelten nervös an dem kleinen goldenen Kreuz, das sie an einer dünnen Halskette trug. Mit glänzenden Augen flüsterte sie hastig:
„Still, Ronny! Ich weiß schon, wen ich heiraten muss."
„Wen?"
„Einen aus unserer Heimat. Der heiratet mich." Verwirrt war sie weggelaufen, und an diesem Abend und an vielen darauffolgenden hatte Rubys Mutter die Mahlzeiten aufgetragen, sodass mehrere Wochen vergingen, bis er Gelegenheit fand, Ruby zu sprechen und sie um ein heimliches Zusammentreffen am Stadtrand zu bitten.
„Morgen Nacht ... oder übermorgen, Ruby ... wann du willst."
„Nein, Ronny."
„Du musst. Von jetzt an werde ich jeden Abend warten, bis du kommst."
Er hielt Wort und wartete mehrere Abende nacheinander zur verabredeten Zeit auf sie ...
Die sternklaren Nächte dieses späten Frühlings waren warm und mild gewesen, daran erinnerte er sich, und auch daran, dass er angefangen hatte, den durch die Dunkelheit schimmernden Gipsengel zu hassen, während er vor dem Parkeingang wartete und Millionen Grillen mit ihrem dünnen, kaum wahrnehmbaren Gezirp die Luft erfüllten und das Bellen der Hunde aus den entfernten Siedlungen herüberklang. Aber alle diese langen Stunden des Wartens waren ausgelöscht an dem Abend, als er Rubys vertraute Gestalt erkannt hatte, die im Schein der erleuchteten Fenster und Laternen der Hauptstraße schnell auf ihn zukam.
„Ich wusste, einmal würdest du doch kommen. Endlich bist du da."
„Ich kann nicht lange bleiben, Ronny. Ich kann nicht hierbleiben."
„Komm, gehen wir ein Stück durch den Park."
„Aber nicht lange. Versprich es mir, Ron."
„Ich verspreche es dir."
Sie vertraute ihm, und er enttäuschte ihr Vertrauen nicht, obwohl er mit allen Sinnen nach ihr verlangte. Er wusste, wenn er ihren Widerstand brechen würde, wäre es, als knickte er eine Blume. Er wollte seine unverminderte Bewunderung für Ruby bis zuletzt bewahren, für dieses Mädchen, das sich so sehr von allen anderen unterschied. Sie küssten sich, aber ihre Küsse waren zurückhaltend bei diesem ersten heimlichen Zusammensein. Sie sprachen über nebensächliche Dinge, einander mehr nahe durch den Klang ihrer Stimmen als durch das, was sie sagten. Und Ruby war glücklich, dass Ron, der so gut aussah, der sie so sehr begehrte, mehr Zurückhaltung zeigte, als sie erwartet hatte. Mit ihm würde sie sich ruhig wieder treffen, wenn er es wollte, selbst wenn ihre Mutter, wenn alle gegen ihn wären!
„Ich habe dich so lieb", sagte sie.
„Und weshalb, Ruby?"
„Ich mag deine Augen und dein Haar, deinen Mund und deine Hände, überhaupt alles. Du bist so stark."
„Weiß deine Mutter von uns?"
„Ich glaube nicht. Ich hab' ihr nichts gesagt."
„Willst du. Dass wir uns wieder treffen, Ruby?"
„Niemand darf es wissen. Hörst du?"
Und auf seine Fragen nach dem Mann, den sie heiraten sollte, antwortete sie: „Ich glaube nicht, dass ich schon so bald heiraten muss. Lass uns nicht davon sprechen."
Aber während der ganzen Zeit ihrer Bekanntschaft hatte er das Gefühl gehabt, dass er Rubys Zuneigung nur vorübergehend besaß und dass ihre Eltern ihn missbilligten: ihr mürrischer Vater, der nie mehr mit ihm sprach als: „Wie geht's, Ron? Wie war die Arbeit heute?", und ihre Mutter, die immer wieder misstrauisch fragte: „Sie essen wohl gar nicht mehr zu Hause?"
Dann begegnete er eines Tages Nikos Apetenakis, dem Möbeltransporteur, der vom ersten Augenblick an, als er das Café betrat, die ungeteilte Gunst von Rubys Eltern genoss und als Schwiegersohn behandelt wurde. Rubys Vater begrüßte ihn beflissen, holte gekühltes Bier aus dem Eisschrank und setzte sich zu ihm an den Tisch, während Rubys Mutter mit freudig gerötetem Gesicht aufgeregt hin und her lief und in schrillem Ton nach ihrer Tochter rief.
Ron hatte sich in eine Ecke gesetzt und beobachtete, wie Ruby dem Besucher große Mengen ausgesuchter Speisen servierte, die der breitschultrige Mann mit Bier herunterspülte, während er beim Kauen vertraulich mit ihr sprach. Schließlich forderte er sie auf, sich zu ihm zu setzen, und streichelte ihre Hand. Das war mehr, als Ron ertragen konnte. Er sprang auf, und ohne auf das bestellte Steak und die Eier zu warten, warf er ein paar Geldstücke auf die Theke und lief aus der Tür, wo der riesige Möbelwagen des Griechen die Sicht versperrte.
Als er schließlich nach mehr als zwei Wochen seinem Wunsch, wieder in den „Blue Star" zu gehen, nicht widerstehen konnte, hatte sich Ruby ungewöhnlich reserviert verhalten.
„Wie geht's?", fragte er. Er bemühte sich, uninteressiert zu erscheinen, während er eine Zigarette rauchte und auf alles um sich herum achtete, nur nicht auf das Mädchen.
„Wie soll's mir gehen, Ron?"
„Wann wird die Hochzeit sein?"
„Das willst du noch wissen?", fragte sie ernst.
„Warum nicht?"
„Die Hochzeit ist im nächsten Jahr. Aber ich liebe ihn nicht."
„Na, dann viel Glück. Ruby!", sagte er tonlos.
„Nun wirst du mich nicht wiedersehen wollen", flüsterte sie und sah sich ängstlich um, als fürchtete sie, ihre Eltern könnten sie beobachten.
„Wozu auch."
„Aber ich will dich wiedersehen, Ronny. Ich will."
„Wirklich?" Sein Herz klopfte, und gegen seinen Willen fügte er hinzu: „Ich hab' mir ein Motorrad gekauft, Ruby, ein ganz neues. Machen wir eine Fahrt am nächsten Sonntag?"
„Ich bin an der Brücke, Ronny. Du weißt, wo. Warte dort auf mich."
Er verspürte eine überwältigende Freude und sofort danach ein seltsames Gefühl der Spannung, das seinen Gesichtsausdruck wieder finster werden ließ. Nachdenklich rieb er die Knöchel seiner Faust an den Zähnen. Er fühlte unklar, was zwischen ihnen stand, er hoffte auf etwas, was alles klären würde, und so versprach er, auf sie zu warten. „Enttäusch mich nicht, Ruby!"
Noch vor ihm war sie an ihrem geheimen Treffpunkt am Fluss. Schon von Weitem sah er ihren weißen Rock im Sonnenlicht aufleuchten, sah, wie sie ihm über die Landstraße entgegenlief, als sie sein Motorrad herankommen hörte. Er fuhr schneller, um noch ein paar Sekunden eher bei ihr zu sein. Als er neben ihr anhielt, bestürzte ihn der angespannte Ausdruck in ihrem Gesicht.
„Ein nettes Motorrad, Ronny", sagte sie, aber ihre Stimme zitterte, und sie schaute nicht die Maschine an, sondern nur ihn. „Ein sehr schönes Motorrad."
„Was ist los, Ruby? Was ist passiert?" Sie legte die Hände auf seine Schultern und barg den Kopf an seiner Brust.
„Komm, Ruby, sprich dich aus, bitte", drängte er sanft, obwohl er ahnte, was kommen würde.
„Nikos ist zu Hause, aber ich bin weggelaufen", bekannte sie schließlich.
Eine leise freudige Hoffnung stieg in ihm auf. „Ruby". sagte er entschlossen, während er ihren Kopf hob, dass sie ihn ansehen musste. „Lass uns zurückgehen und mit deinen Eltern sprechen. Wir werden das alles gemeinsam ausfechten, wenn du willst - wenn du mich liebst."
Sie riss sich los und rannte zum Flussufer hinunter. Er lief ihr nach, ohne auf sein Motorrad zu achten, das krachend umstürzte, und fand sie unter der Brücke kauernd, den Rücken zu ihm gewandt. Ihre Schultern zuckten. Er zögerte. Dann, ohne ihr nahe zu kommen, setzte er sich auf einen Felsblock und starrte auf den Fluss, so, als trüge der die Lösung ihrer Schwierigkeiten auf seiner glitzernden Oberfläche. Immer war er sich der Hindernisse bewusst, die sie trennten, aber jetzt erkannte er, dass es für ihn, den Australier, und für sie, das Mädchen aus einer anderen Welt, von der er so wenig wusste, keinen gemeinsamen Weg in die Zukunft geben konnte.
„Ruby", rief er.
„Geh", bat sie. „Es ist das Beste."
„Aber ich will dich heiraten, Ruby", sagte er ernst. „Ich werde dich heiraten. Mit meinen Leuten würde ich da schon klarkommen. Ist das nicht genug? Vielleicht macht es später deinen Eltern nicht mehr so viel aus."
„Ach, Ronny ...!" Sie konnte nicht weitersprechen.
„Was wolltest du sagen?", fragte er. Immer noch vermied er, sie zu berühren.
„Ich möchte nur dich, aber es soll nicht sein", sagte sie und wandte sich ihm zu. „Tu mit mir, was du willst, Ronny, bitte, dann bring mich zur Stadt zurück. Nächstes Jahr muss ich heiraten, wen immer Mutter und Vater mir aussuchen: Nikos oder irgendeinen anderen. Es ist mir gleich."
Was sie sagte und wie sie es sagte, erschütterte Ron. Ihre völlige Selbstaufgabe beängstigte ihn. Ruby schien plötzlich um Jahre älter, als hätte sie ihr junges Leben nur für diesen Augenblick verzweifelter Erfüllung gelebt, hier im Sonnenschein unter einem Himmel, der ihr fremd war. Er begriff das alles, ohne es erklären zu können: Dass sie bereit war und immer bereit gewesen war, ihre Liebe zu ihm den Gesetzen und Sitten zu opfern, die stärker waren als sie. Was er auch tun und sagen mochte, es gab keine gemeinsame Zukunft für sie.
„Nein, Ruby."
Sie warf die Arme um ihn und schluchzte. Er spürte ihre Tränen an seinem Hals und die Bewegungen ihrer Brüste, als sie sich fest an ihn presste.
„Und wenn es Sünde ist", flüsterte sie, „ich will es tun. Ich liebe dich."
In Gedanken versunken, ein Gefangener seiner Grübeleien, Zweifel und Erinnerungen, hörte Ron nicht das Geräusch sich nähernder Schritte. Er spürte, dass ein Schatten sein Gesicht streifte, aber er sah sich nicht um, bis eine schüchterne Stimme fragte, wie weit es sei zur nächsten Stadt.
Ron antwortete nicht gleich. Es war, als sei ein Teil von ihm untrennbar mit dem Bild Rubys verbunden, das er klarer vor sich sah als den Tramp, der ihn hier an diesem späten Augusttag nach dem Weg fragte.
„Acht Meilen ungefähr, wenn Sie links in die Landstraße eingebogen sind", antwortete er schließlich.
„Und wie weit ist es bis zur Landstraße?"
„Ein halber Hahnensprung. Sie werden noch vor Sonnenuntergang in Haybrook sein."
„Danke, Jack."
„Ich heiß' nicht Jack."
„Auch gut, Kumpel."
Der Tramp schulterte sein Bündel und begann die Uferböschung zu erklimmen. Ron lehnte sich gegen den Brückenpfeiler und schloss die Augen vor dem Sonnenlicht, das auf seinem Gesicht spielte. Doch er konnte Rubys Bild nicht wieder heraufbeschwören. Nichts war geblieben als ein dumpfer Schmerz. Abrupt sprang er auf, nahm einen Kiesel und warf ihn in den stillen Fluss. Als der letzte der zitternden Ringe, die der Stein an der Wasseroberfläche hinterließ, verschwunden war, wandte sich Ron schnell ab, kletterte die Böschung hinauf und rief dem sich immer weiter entfernenden Tramp nach: „He, Sie! Ich nehm' Sie mit zur Stadt, wenn Sie wollen!" Er sah, wie sich der Alte kurz umwandte und den Kopf schüttelte.
Dann nicht, sagte sich Ron, wie du willst: Keiner hatte auf dem Rücksitz seines Motorrads gesessen, seit jenem Nachmittag mit Ruby im vorigen Sommer. Seine Schwester Mavis nicht, überhaupt kein Mädchen, nicht einmal einer seiner Freunde. Doch den Tramp hätte er mitgenommen, wenn der gewollt hätte. Er fühlte sich plötzlich verbunden mit ihm. Er war jetzt selber ein Tramp, ein arbeitsloser Tramp mit Motorrad und einer halb verbrannten Lederjacke. Was hinderte ihn, durchs Land zu ziehen wie die dunkle Gestalt da, die die Straße hinabwanderte mit einem Bündel und einem durchlöcherten Hut? Nichts, zum Teufel, nichts! Das hätte er schon erkennen sollen, als Ruby die Stadt verließ, um diesen Spediteur zu heiraten, diesen Griechen, der ein Haus hatte und Geld auf der Bank.
Er lachte bitter, schwang sich auf sein Motorrad, trat auf den Starter, gab Gas und fuhr schnell von dem Platz fort, zu dem er nie zurückkehren würde.
Als er die Hauptstraße von Haybrook entlangfuhr, erwog er nicht einen Augenblick, am „Blue Star" zu halten, obwohl es schon Nachmittag war und er seit dem frühen Morgen nichts gegessen hatte. Er raste durch die Vorstadt heimwärts, einem der kleinen Holzhäuser am Bahndamm zu. Eine lange Schlange von Güterwagen hinter einer pfeifenden Lokomotive ratterte vorüber, als er sein Motorrad hinter das Haus schob. Dort hing Wäsche auf der Leine. Seine Mutter konnte ihn nicht sehen und hörte seine Schritte nicht, bis er die Veranda erreicht hatte und das kleine Haus betrat.
„Wer ist da?", hörte er ihre Stimme, als er die Tür zufallen ließ.
Um sie nicht zu beunruhigen, ging er noch einmal hinaus.
„Schon zurück?", rief sie überrascht und ließ einige Wäschestücke und Klammern in den Korb fallen. „Ging es hart auf hart zwischen dir und AI?", fragte sie dann.
„Ich bin rausgeflogen. Mum."
„Was! Wegen gestern Abend etwa?"
„Wegen gestern Abend."
„Du hast nichts verloren", sagte sie entschieden. „Mach dir nichts draus, du hast dich richtig verhalten gestern. Komm rein und trink eine Tasse Tee, ich war gerade dabei, eine für mich aufzugießen."
„Hast du was zu essen im Haus, Mum?"
„Ich werd" schon was finden", rief sie und lief eifrig in die Küche.
Er setzte sich und sah ihr zu. Er war sicher, dass er bei ihr keine Erklärungen brauchte, sie würde ihn verstehen. Er beobachtete, wie sie mit geschickten Händen das Essen zubereitete. Ihre dunklen Augen suchten aufmerksam, was sie benötigte. Unbewusst verbarg sie eine graue Haarsträhne, die ihr wahres Alter verriet. Er liebte ihre Haltung und ihre Entschlossenheit. Immer hatte er sich auf sie verlassen können. Doch sie konnte auch unnachgiebig sein, besonders wenn sie befürchtete, ihn zu verlieren. Und das beunruhigte ihn, denn sein Entschluss stand jetzt unwiderruflich fest: er würde die Stadt verlassen, noch heute!
Schweigsam aß er, trank den Tee und drehte sich eine Zigarette. Sie wusch das Geschirr ab, trocknete die Hände an der Schürze und setzte sich zu ihm. Gläser klirrten in der Vitrine, als eine Lokomotive vorbeifuhr. Was er nur hat, dachte sie. Der Vorfall war doch nicht so wichtig. Ron war nie lange ohne Arbeit gewesen. Natürlich verstand sie die Zusammenhänge, schließlich war sie die Tochter eines Kampf gewohnten Bergarbeiters. Sie war stolz darauf, dass Ron so und nicht anders gehandelt hatte. Was hatte er also? „Was ist, Ron?", fragte sie leise.
Er blickte aus dem Fenster auf den jetzt stillen Güterbahnhof. Er stand auf.
„Ich geh weg, Mum", sagte er. „Ich muss. Versuche nicht, mich zurückzuhalten."
Die Bestimmtheit, mit der er das sagte, traf sie wie ein Schlag. Nur zweimal hatte sie ähnliche Angst gehabt, ihn zu verlieren: als er mit sechzehn Jahren in die Armee eintreten wollte und dann, als Ruby Kazakos geheiratet hatte. Es hatte ihre ganze Kraft gekostet, ihn zu halten. Alles tat sie für ihn, und geduldig ertrug sie seine Launen. Ron hatte keinen Grund fortzulaufen. Er war jetzt ein junger Mann, kein Kind mehr wie damals, als er sich weigerte, zur Schule zu gehen.
War Ron unbeständig; konnte er nirgends Fuß fassen? Sie grämte sich immer, dass er nie die Bücher las, die sie gelesen hatte: Scott, Dickens und ihren geliebten Burns. Seine Zukunftsaussichten erschreckten sie.
„Arbeit wirst du doch immer finden, Ronny", sagte sie.
„Darum geht es nicht."
„Hier gibt es noch genug, die sich von Cox nichts sagen lassen."
„Du glaubst, Cox vertreibt mich. Cox kann mich nicht vertreiben, keiner - ich will weg von hier. AI und seine Bande gestern Abend: das hat das Maß vollgemacht. Wenn ich dran denke, dass ich denen noch geholfen habe, wird mir hundeelend. Ich will gar nicht mehr nach Arbeit suchen in Haybrook, ich hab' es satt - alles!"
„Ron ... Du wirst allein sein in einer fremden Stadt, ohne Freunde. Ich werde mich mehr sorgen, als du glaubst. Du gehörst zu uns. Du könntest mit Vater in der Eisenbahnwerkstatt arbeiten."
„Versteh mich doch, ich muss raus aus Haybrook, ich will meinen eigenen Weg gehen."
Ihre Hände lagen ruhig im Schoß, ihre Augen folgten seinen Schritten, die innehielten, wenn er sprach.
„Ich weiß, ich hab' Freunde hier, ich habe dich und Dad." Sie musste einsehen, dass der Abschied unvermeidlich war. Er war ebenso wenig zurückzuhalten wie ihr Vater, der sich mit neunzehn Jahren entschlossen hatte, Schottland zu verlassen, um nach Australien auszuwandern. Auch sie war von Hause weggegangen. Mavis würde heiraten, und die Eltern würden allein sein.
Ron legte einen Arm um die Mutter. Es gelang ihr zu lächeln.
„Schon gut. Wenn du gehen musst, Ronny, wollen wir das Beste daraus machen."
Müde erhob sie sich, um die restliche Wäsche aufzuhängen.
Ron umfasste mit beiden Händen ihren Kopf und küsste sie auf die Stirn.
„Wenn ich gleich losfahre. Mum, bin ich noch vor Sonnenuntergang in Melbourne."
„Aber du kannst doch nicht einfach so gehen!"
„Warum nicht? Das ist eine klare Entscheidung."
„Und mit Vater willst du nicht sprechen und mit Mavis? Du kannst nicht so gehen."
„Mavis werde ich unterwegs anrufen in der Agentur, und mit Vater werd' ich sprechen, ich fahr' am Eisenbahnwerk vorbei."
Erregter als am Anfang ihres Gesprächs versuchte sie, ihn bis zum nächsten Morgen zu halten. „Nein", rief sie entschlossen. „Ich lass' dich jetzt nicht weg, nicht so. Bitte, Ron. Hier unter diesem Dach wirst du Vater und Mavis Lebewohl sagen, und sonst nirgends."
In der Nacht schon, als sie wach neben ihrem schlafenden Mann lag, bereute sie, Ron zurückgehalten zu haben. Jedes Geräusch nahm sie wahr und den Lichtschimmer, der aus der Stube ihres Sohnes durch die geöffnete Tür in ihr Schlafzimmer drang. Sie hätte ihm die Enttäuschung ersparen sollen, die Mavis ihnen allen beschert hatte. Es war ein trauriges, bitteres Abschiedsgeschenk, das seine Erinnerungen an Haybrook belasten würde. Ja, sie hätte ihm das ersparen können, ebenso wie die Erkenntnis, dass sein Vater alt geworden war und seine Widerstandskraft gebrochen.
Sie versuchte zu schlafen, ihr Körper war bleiern müde, sie schloss die Augen: Ronny muss früh aufstehen ... nicht denken ... schlafen! Ach, Mavis hatte sie alle enttäuscht. Warum nur, weshalb hatte sie solche Angst - um ihre erbärmliche Aussteuer, ihren sauberen Posten bei Mr. Franklin für vierzehn Pfund Sterling Wochenlohn? Sie hätte weinen können vor Scham, auch über ihren Mann, der sich jetzt schwerfällig im Schlaf herumwälzte, mit offenem Mund schnarchend. Jim, der alte bist du nicht mehr, du bist müde geworden - jetzt, wo alles leichter ist.
Sie drehte sich auf die andere Seite und zog die Decke über die Ohren. Warum bist du nicht still geblieben. Mavis? Was für ein Geschwätz!
„- ich bin froh, dass du weggehst, deinetwegen. Alle haben sich gegen dich verbündet: Mr. Franklin - und du weißt, er stellt etwas vor im Bezirk - Mr. Llewellyn von der Konservenfabrik und sogar Joe Smith von der Garage. Mr. Franklin hat geschworen, dass du nirgends im Bezirk Arbeit finden wirst nach diesem Abend gestern. ‚Der Name Ihres Bruders wird jetzt wie Gift wirken, sagen Sie ihm das, Miss Prentice', hat er mir gesagt. ,Das Beste, was er tun kann, ist: die Stadt verlassen.' Und deshalb bin ich froh, dass du dich aus eigenem Willen entschlossen hast wegzugehen. Du wirst dir eine Menge Enttäuschungen ersparen. Ach, ich finde das alles so ekelhaft. Warum mussten diese Seeleute auch hierherkommen und alles durcheinanderbringen! Ich hab' ein bisschen Geld gespart, Ronny, für meine Aussteuer. Ich leih' dir was davon, wenn es dir hilft."
Jim - als Mavis heute Abend von der Verschwörung gegen deinen eigenen Sohn erzählte, warum hast du dich da nicht aufgeregt? Du bist stolz auf ihn, sagst du. Was nützen Ron deine Erinnerungen an harte Zeiten, an Streiks und Lohnkämpfe, wenn du ihm sagst: halte dich aus der Politik raus und lass über alles Gras wachsen. Wozu, Jim - nur für einen Posten bei der Eisenbahn?
„Du weißt, dass er das Richtige getan hat gestern!", rief sie plötzlich laut, nicht fähig, sich länger zu beherrschen. „Du warst doch stolz auf ihn. Oder nicht. Jim?"
„Was ist?", fragte ihr Mann, aus dem Schlaf geschreckt.
„Ron hat richtig gehandelt. Oder etwa nicht?"
„Ja doch", seufzte er. „Und nun hör auf damit. Schlaf!"
Sie sah noch immer den Lichtschein unter Rons Tür. Sie stand auf, zog ihre Wolljacke an und ging auf Zehenspitzen über den Flur, lautlos öffnete sie die Tür. Ron sah verwundert von seinem Buch auf. Sein dunkles Haar war wirr, seine Augen glänzten vor Müdigkeit. Sie sah sich in dem jetzt kahl wirkenden Raum um. Der Wimpel vom Radsportklub über seinem Bett war abgenommen, ein ausgeblichener Fleck war an der Tapete, wo das große gerahmte Foto von ihm und seinen Motorsportkameraden noch am Nachmittag gehangen hatte. Seine Sportpreise waren verschwunden. Über dem gepackten Koffer auf dem Stuhl lag seine Lederjacke, die sie noch am Abend, so gut es ging, ausgebessert hatte.
„Was ist, Mum?"
„Ich wollte nur wissen, warum du nicht schläfst", sagte sie und setzte sich auf die Bettkante.
„Ich werde gleich schlafen", versprach er ihr.
„Warum lernst du denn noch so spät?"
„Vielleicht kann ich's brauchen in Melbourne."
„Ich dachte, du wolltest nie wieder in einer Autowerkstatt arbeiten", sagte sie nachdenklich lächelnd.
„Was ich machen werde, weiß ich noch nicht." Er klappte das Buch zu, ließ es zu Boden fallen und griff nach der Hand seiner Mutter. „Sei unbesorgt, Mum. Ich werd' es schon schaffen."
Sie beugte sich zu ihm und küsste ihn. „Ich weiß es, Ronny."
Noch vor Sonnenaufgang verließ Ron das Haus. Schnell fuhr er die Hauptstraße hinunter aus der Stadt. Die Maschine lief gut in der kühlen Morgenluft, nach wenigen Minuten lag der Gipsengel am Eingang des Parks weit hinter ihm.
Energisch schloss Katharine Miles die Tür des Kleiderschranks, in dem eine Reihe ihrer geschmackvollen Röcke und Kleider auf den Bügeln im Rhythmus des sacht schaukelnden Ozeandampfers hin und her schwangen. Sie schob den Koffer, den die Stewardess aus dem Gepäckraum geholt hatte, unter die Kommode, schleuderte ihre Schuhe von den Füßen, hockte sich mit angezogenen Beinen auf die Couch und lehnte sich gegen die stilvolle Holztäfelung, mit der die Stahlwände der Luxuskabine verkleidet waren. Nein, sie dachte nicht daran, mit dem Packen anzufangen, bevor die „Astoria" nicht in die Hobson-Bay einlaufen würde und die vertrauten Türme und Dächer Melbournes am Horizont auftauchten.
Noch einen Tag und eine Nacht.
Könnte sie sich nicht einreden, dass die Reise noch lange nicht zu Ende wäre, könnte sie die Reise nicht ins grenzenlose ausdehnen, wenn sie ihren Willen triumphieren ließe über die Umstände, ihre Fantasie über die Tatsachen?
Durch einen Spalt des Bullauges drang Zugluft, die ihr Gesicht und ihr langes blondes Haar streifte. Doch sie schloss das Fenster nicht. Der Gischt, der gegen die Scheibe sprühte, gab ihr das Gefühl, dem unendlichen, immer bewegten Meer ganz nahe zu sein, dessen Wogen schon seit vielen Wochen ihr Schlafen und Wachen begleitete, untrennbar verbunden mit ihren Erinnerungen an die zwei Jahre, die sie in Europa verbracht hatte und die nie mehr von ihrem Leben, von ihrem Wesen zu trennen waren.„... , auf dem Meer kräuselt und glättet der Wind die Wogen. Ich bin hier oder dort, oder irgendwo ... In meinem Ende ist mein Anfang ..."
Sie schloss die Augen und deutete die Verse T. S. Eliots auf ihre Weise: Wenn am Ende ihrer Reise ein neuer Anfang lag, stand sie an der Schwelle eines neuen Abenteuers, so wie vor zwei Jahren, als sie Australien verlassen hatte, um das erregende, fremdartige Leben zu suchen, das ihr von Jan Borowski, dem jungen polnischen Arzt, den sie an der Universität in Melbourne kennengelernt hatte, ausgemalt worden war.
Als sie die Augen langsam öffnete, schien ihr alles ringsum auf eine zauberhafte, verlockende Weise ins Außergewöhnliche verwandelt. Einem Impuls folgend, klingelte sie nach der Stewardess und bat sie, den leeren Koffer wieder wegzubringen.
„Wollten Sie denn nicht in Melbourne das Schiff verlassen?"
„Bitte bringen Sie den Koffer weg", sagte Katharine ruhig, aber bestimmt.
Die Stewardess holte den mit vielen Hotelplaketten beklebten Koffer unter der Kommode hervor, zog den Vorhang hinter sich zu und ging, die Tür nur mit dem Sicherheitsbügel schließend, hinaus.
Aus dem Salon war jetzt Tanzmusik zu hören. Frauenlachen und Männerstimmen, das Rascheln und Knistern von Abendkleidern und lebhafte Schritte auf dem Gang, Geräusche, die sich mit dem gleichmäßigen Stampfen der Schiffsmaschinen mischten, die man hier, auf dem A-Deck, nur spürte. Das pausenlos arbeitende Herz des Schiffes lag viele Treppen tief in einem Raum, den Unbefugte nicht betreten durften.
Einmal, spät in der Nacht, hatte Katharine heimlich die Tür geöffnet: heiße Luft war ihr durch einen Eisenrost entgegengeschlagen, unter den Rock ihres Abendkleides und in ihr Gesicht, so glühend heiße Luft, dass sie die Tür erschrocken wieder zugeworfen hatte. Nur für einen kurzen Augenblick hatte sie Männer wahrgenommen, die Flanellhemden und ölverschmierte Kappen trugen und schwitzend neben stampfenden Kolben riesiger Maschinen arbeiteten.
Die Rhythmen eines Evergreens von Gershwin verdrängten die blitzartig aufgetauchte Erinnerung an diese Welt unterhalb der Wasserlinie. Sie stand auf und entkleidete sich. In der kühlen Zugluft fröstelte es sie, bis sie nebenan ins Bad lief und heißes Wasser über ihre vollen Brüste und ihren biegsamen schlanken Körper fließen ließ. Die Kapelle spielte, und sie summte die Melodie vergnügt mit. „... lady be good, oh, lady be good!" Sie hatte nicht die Absicht, zu jemandem gut zu sein an diesem Abend, zu keinem. Schon gar nicht zu diesem Len Baxter, dem schlaksigen Kameramann, der sie während der ganzen Reise verfolgt hatte, bescheiden und unaufdringlich, was nicht ohne Reiz für sie war. Bis vor wenigen Minuten hatte ein Gefühl, gemischt aus Schwermut und Bedauern, dass die Reise nun zu Ende ging, sie beherrscht. Aber jetzt ging die Reise für sie nicht mehr zu Ende, überhaupt nicht mehr. Ihr Wille beherrschte die Umstände!
„Kommen Sie mit zum Tanz?", hatte Baxter sie gefragt. „Nein, ich komme nicht!"
„Wie schade! Es ist der letzte Tanzabend an Bord."
„Eben darum komme ich nicht", hatte sie gesagt und war in ihre Kabine geflohen.
Aber jetzt war es nicht mehr der letzte Tanz, für sie nicht. Sie würde ihn zu ihrem ersten machen. Die junge, schöne Katharine Miles wird den Salon betreten - eine Fremde unter Fremden, alle und alles würde neu für sie sein, frisch wie der Wald nach dem Regen.
Sie wählte ihr elegantestes Cocktailkleid aus - ein schlicht geschnittenes blaues Modell, das ihren goldbraunen Teint gut zur Geltung brachte - und breitete es neben ihrer Unterwäsche und den Nylonstrümpfen aus. Sorgfältig kleidete sie sich an. Sie schminkte vorsichtig ihre gut geformten Lippen, bürstete und kämmte ihr Haar, schlüpfte in ihre hochhackigen Schuhe und ging ein paarmal vor dem großen Spiegel auf und ab. Mit sich zufrieden, lief sie zum Toilettentisch und betupfte Hals und Ohrläppchen mit einem dezent duftenden Parfüm, nahm ihre Abendtasche und eilte aus der Kabine den Gang entlang, der Musik und dem Stimmengewirr entgegen.
Die Musik war verklungen, Katharine blieb an den Glastüren stehen und überblickte den Salon: Die Lichter des Kronleuchters spiegelten sich auf der Tanzfläche, Weingläser funkelten. Rosa Wandleuchten über runden Tischen warfen mattes Licht durch den Zigarettendunst. Leises Gläserklirren. Hier und da wurde ein Lachen laut. Ihr Blick glitt über die Vorhänge zum Kronleuchter, auf die pastellfarbenen Wandgemälde mit Motiven exotischer Länder, hin zur schwach erleuchteten Bar im Alkoven am anderen Ende des Saales. Ihr war, als sähe sie alles zum ersten Mal.
Der schlanke junge Mann, der jetzt über die leere Tanzfläche auf sie zukam, glich so wenig dem sonst immer sportlich gekleideten Len Baxter, dass es ihr nicht schwerfiel, ihren Selbstbetrug aufrechtzuerhalten. Mit keiner Miene verriet sie, dass sie ihn kannte. Sie blickte durch ihn hindurch. Er zögerte überrascht, und sein jungenhaft-freundliches Lächeln verschwand. „Sie sehen großartig aus", sagte er unsicher. „Ich freue mich, dass Sie noch gekommen sind."
„Ich kenne Sie nicht, mein Herr", sagte Katharine, und ihre Mundwinkel zuckten mutwillig.
Er zog ein Zigarettenetui aus der Innentasche, entzündete sein Feuerzeug und brannte eine Zigarette an. Die kleine gelbliche Flamme warf Schatten über sein schmales, intelligentes Gesicht. „Was soll das Spiel, Kath?", fragte er.
Sie winkte ihn zu sich heran und flüsterte ihm etwas ins Ohr. Als er sich wieder aufrichtete, verrieten die Fältchen in seinen Augenwinkeln, dass er sich amüsierte, wenn er sich auch bemühte, ernst zu erscheinen. „Gestatten Sie, dass ich mich vorstelle", sagte er mit spöttischer Höflichkeit. „Len Baxter, Ex-Eagle-Studios, London. Unterwegs nach Melbourne. Habe einen langfristigen Vertrag mit der Australian National Film Board. Dokumentarfilmmann und Junggeselle."
„Sehr angenehm", antwortete Katharine würdevoll.
„Würden Sie mir die Freude machen, Sie zur Bar geleiten zu dürfen?"
„Warum nicht", sagte sie. „Ich bitte darum." Durch ein Kreuzfeuer abschätzender Blicke ging sie an seiner Seite durch den Saal und setzte sich auf einen Barhocker. Während sie die Ginfizzes trank, gelang es ihr, durch geschickte Konversation den Zauber des neuen Spieles so zu steigern, dass Baxter zeitweise das Gefühl hatte, sie sähen sich wirklich zum ersten Mal. Wie sie ihm entgegenkam und sich dann wieder völlig distanzierte - er wusste nie, woran er bei ihr war. Sicher schien jedoch, dass es nie zu einer echten Zuneigung bei ihr kommen würde. Und das war, offen gesagt, wenig schmeichelhaft für ihn. Aber Bittende haben keine Wahl, er hatte sich mit der Situation abgefunden und versuchte, das Beste daraus zu machen. Er spürte, dass sie zugänglich war, aber für ihn unerreichbar. Er war immer aufrichtig zu ihr gewesen, hatte sich so gegeben, wie er war: zuvorkommend, unterhaltsam und - leider auch schüchtern. Und das, so glaubte er sicher, war der Grund für seinen Misserfolg.
Unauffällig wandte er sich leicht nach rechts und sah in den Spiegel hinter der Bar. Nun ja, ein Draufgänger war er nicht, keiner, der die Burg erstürmt. Entweder man reichte ihm den Schlüssel oder - ließ ihn hinter der Zugbrücke warten. Er strich sich durch das schüttere Blondhaar. Nachdenklich lächelte er Katharine zu, die sich den Blicken eines Geschäftsmanns entzog, der neben ihr seinen Whisky schlürfte. „Worüber lächeln Sie, Len?"
„Nichts von Bedeutung, Miss Miles", sagte er. Nicht „Kath". wie er sie während ihrer fünfwöchigen Reise genannt hatte. „Wollen wir tanzen?"
„Ja, bitte."
„Aber ich warne Sie", sagte er. „Ich bin ein ungeübter Tänzer."
„Ich weiß, Len", antwortete sie und fühlte, dass ihre Scheinwelt zu wanken begann. „Aber ich tanze gern mit Ihnen."
Das Schiff rollte plötzlich stärker, der Kronleuchter, die Weingläser, die Flaschen auf den Tischen schwankten leicht. Ihr wurde ein wenig schwindlig, als sie mit Baxter tanzte. Er hielt sie mit einem festen, nicht unangenehmen Griff. Für einen flüchtigen Augenblick schien ihr Abenteuer Wirklichkeit zu werden. Am Ende der Reise lag ihr Anfang, gerade so, wie sie es gewollt hatte. Während sie im Takt eines langsamen Walzers dahinglitten, sah sie wieder die lüsternen Blicke des fetten Geschäftsmanns an der Bar. Und plötzlich fiel ihr alles ein, was sie über ihn wusste. Er hieß Mc Innes und war Fabrikant von Badezimmereinrichtungen. Zu Hause hatte er eine kränkelnde Frau, die ihn - wie er es nannte - nicht verstand. Er hatte einen Sohn und eine Tochter im College. „Aber nicht so eine hübsche Tochter wie Sie, meine Liebe!'" Sie sah, wie Mc Innes mit einer ruckartigen Bewegung sein gleitendes Whiskyglas zu halten versuchte, wie es gegen den Rand der Theke stieß, stürzte und zerbrach. Sie sah zu Baxter auf, ein wenig verzweifelt.
„Zerbrochen und hin", rief sie und lachte.
„Was, Kath?"
„Der Anfang meiner Reise", sagte sie. „Ach, kommen Sie, lassen Sie uns ein wenig frische Luft schnappen."
Baxter musste sich heftig gegen die Tür stemmen, die zum Deck führte. Der scharfe Seewind blies ihnen ins Gesicht, als sie sich an der Reling entlang ihren Weg nach Lee durchkämpften. Hohe Wellen schlugen gegen den Schiffsrumpf. Die Topplichter an den Mastspitzen schwankten wie Fackeln unter dem wolkigen, von dem bedeckten Mond nur schwach erleuchteten Himmel. Der Gischt spritzte hoch und fiel klatschend auf den Bug. Die Stille auf der Leeseite des Schiffes, von der aus man das dunkle Band der Küste sehen konnte, wirkte beruhigend. Sie hörten das Raunen des Windes in der Takelage und wie aus weiter Ferne die Rhythmen der Tanzkapelle. Hier draußen, in der frischen Luft, fühlte sie sich nicht mehr schwindlig. Sie vergaß Mc Innes, aber es gelang ihr nicht, ihre Traumwelt wiederzugewinnen. Ihr Kopf war klar, sie war erschreckend nüchtern. Die Leuchtfeuer der Küste blinkten mit Abständen in der Dunkelheit wie ferne Sterne. Unaufhaltsam trug sie das Schiff nach Hause.
„Ich weiß nicht", bekannte sie, „wie ich mich jemals wieder heimisch fühlen soll in diesem Land. Ich bin nicht mehr die, die ich einmal war."
Auch nachdem sich Baxter eine Zigarette angezündet hatte, verharrte er in Schweigen.
„Während meiner ganzen Reise", fuhr sie fort, „habe ich versucht, mir einzureden, dies alles würde nie ein Ende nehmen. Ich hatte selten Heimweh in den vergangenen Monaten: Das sonnige, lebhafte Italien, die Theaterwelt in London, die Boheme-Lokale in Soho - alles das faszinierte mich. Dann reichte das Geld nicht mehr weiter, ich musste eine Schiffskarte buchen oder eine Stellung annehmen. Im Reisebüro zählte ich es mir an den Knöpfen ab, während der Angestellte die Listen durchsah. - Nein - ja - nein - Schiffskarte - Stellung ... Wenn sie die Gangway nur eine halbe Stunde später hochgezogen hätten, ich wäre wieder von Bord gegangen. Lachen Sie nun über mich?"
„Nein", sagte er ein wenig abwesend, „ich frag' mich nur, welcher Mann Sie gefesselt hielt."
„Welcher Mann Sie gefesselt hielt! Ich bin nicht so leicht zu fesseln, Len! Ich wollte nur heraus aus der Enge. Und jetzt ..."
„Und jetzt fahren Sie wieder zurück in diese Enge, zurück nach Australien."
Sie bemerkte den Spott in seiner Stimme. „Aber ich liebe Australien", protestierte sie, „was ich fürchte, ist die Wiederholung einer Lebensart, der ich schon entwachsen war, ehe ich Australien verließ. Verstehen Sie das? Tennis und Tanzpartys und blasierte Collegeboys, die hoffnungsvoll in die Fußtapfen ihrer Väter treten. Autoausflüge an den Wochenenden, vorgetäuschte Leidenschaften und schließlich ‚Treulich geführt ...', mit weißem Schleier und Spitzen vor dem Altar der St.-Johns-Kathedrale. Len, das ist vorbei, für immer."
„Das hängt allein von Ihnen ab. nicht wahr?", sagte er nüchtern.
„Wirklich?", entgegnete sie spöttisch.
Sie schwieg, unentschlossen, ob sie von den beiden Männern sprechen sollte, die sie während ihres Studiums kennengelernt hatte. Nein, wenn sie von diesem widersprüchlichen Teil ihres Lebens erzählte, würde er nur den Kopf schütteln. Er würde es nie verstehen, wie sie zwischen zwei so völlig entgegengesetzten Charakteren schwanken konnte: dem revolutionären Jurastudenten Alan Peterson, Sohn eines Lokomotivführers, und dem egozentrischen polnischen Emigranten Jan Borowski, diesem Arzt, der die Musik der Medizin vorzog, Luxus und Frauen allem anderen - starke Persönlichkeiten, die sie an ein und demselben Wochenende mitzuziehen vermocht hatten, der eine zu Demonstrationen in Arbeiterviertel, der andere zu musikalischen Soireen polnischer Intellektueller. Len konnte das alles nicht verstehen. Würde es nicht närrisch klingen, wenn sie versuchte, ihre Bedenken und Schwierigkeiten mit längst überwundenen Beziehungen zu erklären?
Mit einem leichten Lächeln bat sie ihn um eine Zigarette. Nachdenklich, von ihrem Schweigen beunruhigt, sah er sie an, als er ihr Feuer reichte.
„Sehen Sie mich nicht so an", sagte sie aggressiv. „Ich kann mir Ihre Gedanken vorstellen. Sie denken, dass ich nie weiß, was ich will. Sagen Sie es doch schon. Sie großer Bruder!"
Sie wartete vergebens auf eine Antwort, warf die halb aufgerauchte Zigarette in den Wind, dass sie fortgetragen wurde, wandte sich ihm zu und nahm seinen Arm.
„Verzeihen Sie meinen Ausbruch."
„Schon gut."
„Wie nett von Ihnen. Sie waren immer sehr anständig zu mir, Len."
„Verspotten Sie mich nicht, Kath."
„Das war nicht meine Absicht, wirklich nicht. Jetzt habe ich alles noch schlimmer gemacht."
„Zwischen uns war es nie so, dass Sie daran viel verderben könnten." Er entzog ihr seinen Arm. „Sie sind verwöhnt, Kath." Und mit Wärme fügte er hinzu: „Aber ich vermute, das werden Sie immer sein."
Ohne ein Wort ging sie voraus über das schwankende Deck zur Salontür.
Er spricht wie Vater, genauso, dachte sie. Es ist wahr, ich bin verwöhnt. Ich hätte Vater nicht so lange allein lassen dürfen, jetzt, wo Mutter nicht mehr lebt. Ja, daran hätte ich denken müssen.
„Sie verzeihen mir, Len?", bat sie nochmals.
„Bitte hören Sie auf damit", unterbrach er sie. Len Baxter ging schneller, lief dann die letzten Schritte, um Katharine die Tür zum Salon zu öffnen. Es schien ihnen, als versuchten die Feiernden aus diesem letzten Stadium der Reise ein Höchstmaß an Amüsement herauszuholen, alle schienen bemüht, die Gewissheit weit von sich zu schieben, dass in kurzer Zeit das Einerlei des Alltags wieder beginnen würde. Man warf Papierschlangen, lachte, sang, tanzte - jemand hatte das Schlagzeug übernommen und trommelte wild und ohne Rhythmus. Schiffsoffiziere wurden von Frauen umringt, während deren Gatten vergangene Abenteuer preisgaben und versuchten, sie zu wiederholen. Mit vorgestreckten Armen eilte Mc Innes quer über die Tanzfläche auf Katharine zu. „Meine liebe junge Frau", rief er, „wo waren Sie so lange? Darf ich Sie zu einem Abschiedsdrink einladen? Wenn Mr. Baxter es gestattet, selbstverständlich. Nicht wahr, Sie werden es einem alten Freund nicht verwehren?"
„Das hängt von Miss Miles ab."
„Sehr freundlich von Ihnen", sagte Katharine zu Baxter und warf ihm einen vernichtenden Blick zu.
