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Geschrieben im Winter 1946/47, im Alter von 20 Jahren – wiedererhalten an meinem 88. Geburtstag, dem 4. April 2014: Bei der Abschrift sah ich all diese Dinge wieder vor mir. Es ist immer noch aktuell. Haben wir Menschen aus der Erfahrung des Krieges nichts oder wenig gelernt? Es scheint fast so. „Sie fragen genauso wie viele tausend andere: Warum ist das geschehen? Wohin führt jetzt unser Weg? Bevor wir aber wieder vorwärtsgehen, wollen wir erst einmal uns von Grund auf reinigen, wollen den Acker – wie der Bauer es tut – zur neuen Saat bereiten. Wir sind ein Volk, das am Boden liegt, ein Volk, das militärisch zerschlagen, wirtschaftlich vernichtet und politisch zerfallen ist. Alles, was aus der Vergangenheit geblieben ist, ist ein Chaos. Millionen von Menschen stehen vor den Trümmern ihrer Welt, stehen aber auch vor einer unumstößlichen Tatsache und einer klaren Erkenntnis: All der völkische Wahn der Überlegenheit war nichts als ein riesiger Irrtum!“
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Seitenzahl: 137
Veröffentlichungsjahr: 2014
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Krieg ist leichter angefangen als beendet.
Napoleon Bonaparte
Widmung
Kapitel I
Kapitel II
Kapitel III
Kapitel IV
Kapitel V
Kapitel VI
Kapitel VII
Kapitel VIII
Kapitel IX
Kapitel X
Kapitel XI
Kapitel XII
Nachbemerkung
Zum Autor
I.
Es ist Winter geworden.
Vorbei sind die schönen Tage des Sommers, vorbei die lauen Nächte, dahin das Bild des bunten Waldes, dahin das Lied unserer gefiederten Freunde. Alles scheint in einem großen Schlaf zu liegen: tot und unfruchtbar.
Tage zuvor tanzten noch die weißen Flocken durch die Luft. Zuerst langsam, dann vom Wind getrieben, setzten sie sich auf die harte Erde, hüllten Wälder und Felder, Wiesen und Gärten, Land und Stadt in Weiß. Die Kinder hingen an den Fenstern, griffen mit den kleinen Händchen in die Luft und aus ihren klaren Augen leuchtete die Freude: „Es schneit, Mutti schau: Es schneit!“
Aber ach, nicht lange dauerte der Tanz der Flocken – am Himmel zogen wieder die schweren aschgrauen Wolken vom Abend hin zum Morgen. Der aufkommende Wind trieb sie – sie mussten ziehen.
Stand in den Augen der Kinder vor kurzer Zeit noch die Freude an dem schönen Spiel der Schneeflocken, so hatte sich jetzt die Angst ausgebreitet, die Angst, dass man morgen nicht mit den Schlitten rodeln könne, und sie zürnten der „Frau Holle“, die gar zu faul sei.
Aber es half alles nichts – es schneite nicht mehr. Nur dünn war die weiße Decke: Hier lugte die Erde hervor, dort hatte sich das Gras nicht zudecken lassen; alles schien wie das Fell einer gescheckten Kuh, das weit, weit über die Erde gespannt war.
Das ist vergangen. Heute am Heiligen Abend steht der grimmige Frost vor der Tür. Der klare, dunkle Winterhimmel zieht sich über das Land, von Horizont zu Horizont. Langsam steigt Stern um Stern auf – sie senden ihr Licht zu den Menschen, damit sie den Weg finden. Langsam steigt auch die Sonne der Nacht aus dem Schlaf empor und zieht ihre Bahn. Der Mond steht über einer kleinen Stadt, die sich hineindrängt in die Feierlichkeit des Festes – der Heiligen Weihnacht. Die Menschen eilen noch durch die Gassen und Straßen und suchen die Häuser; sie suchen die Wärme des Lichtes, den glühenden Ofen.
Am Fenster stehe ich träumend, ein Sohn dieses Städtchens, ein weißes Blatt in der Hand, und leise murmelnd lese ich die Worte: „Hoffentlich sind Sie nicht schwer verwundet. Ich wünsche Ihnen von Herzen völlige Genesung!“ Dann stocke ich. Erst nach einer Weile fahre ich fort: „Bitte, geben Sie mir doch Nachricht über meinen lieben Roland, um den ich so in Sorge bin.“
Eine lastende Stille liegt in dem Raum. Es ist dunkel geworden. Aus der Ecke simmt das Wasser im Kessel auf dem Ofen. Ich aber sehe ein anderes Bild: Vor mir sitzt ein Mensch, eine sorgende Mutter. Irgendwie ruht sich ihr Körper aus. In einer stillen Ecke, heute, heute am Heiligen Abend. Ihre von Arbeit beschriebenen Hände hat sie gefaltet in den Schoß gelegt; ihre Stirn zeigt die Jahre der Sorgen und des Kummers; ihre Augen hängen verloren an dem Licht der brennenden Kerzen. Sie ist verlassen; sie ist allein – nur die Gedanken wandern zurück in eine Zeit des Glücks, in eine Zeit des Friedens, in eine Zeit, wo Jung und Alt an diesem Abend um den Baum standen, wo Roland noch fragte „Mutti: Durch welche Tür ist denn das Christkind gekommen?“
Eine Träne kullert über das zerfurchte Gesicht. Plötzlich schaut sie erstaunt und verloren zur Tür. Hat es geklopft, hat Roland gerufen? Von draußen tönt es durch die Nacht herein, erheben Kinder ihre Stimmen: „Stille Nacht, Heilige Nacht“ – eine stille und heilige Nacht. Sie ruht über der Erde, ruht über den Lebenden und Toten; sie schläft über den Lieben zu Hause und über den Söhnen in der Ferne; sie ruht über Glück und Frieden und auch über Elend! In dieser stillen und heiligen Nacht sitzen Menschen um den Baum, ziehen Menschen verlassen, ermattet, verloren über die Landstraßen; in dieser Heiligen Nacht klopfen hungernde Kinder an die Türen der glücklichen Menschen. Glück und Elend in einer Heiligen Nacht, und die Menschen singen:
Ehre sei Gott in der Höhe ...
Ehre dem Gott, der duldet, dass Menschen aus Hass Unschuldige von Haus und Scholle jagen und mit der Peitsche schlagen? Ehre dem Gott, der Menschen hungern und frieren lässt, der Menschen mäht wie Gras und der die Söhne in die Fremde führt, um sie dort zu lassen? Ja: Ehre dem Gott in der Höhe!
Die Gestalt der verlorenen Mutter ist wieder zusammengesunken. Es wird nur der Zweig eines Baumes gewesen sein, der gegen das Dach schlug. Sie ist allein, allein im Leben. Noch liegt alles im dunklen Schleier um sie, noch kann sie es nur mit dem Gefühl einer Mutter spüren, dass die Bande zu ihrem Sohn zerschnitten ist, dass sie alleine bleibt! Ich senke meinen Kopf und murmele noch einmal ihre Worte: „Bitte“ – schon in diesem Wort liegt so viel Liebe einer sorgenden Mutter – „geben Sie mir doch Nachricht über meinen lieben Roland, um den ich so in Sorge bin!“
Und wieder dringt es durch die Räume, dringt es durch das ganze Land:
Stille Nacht, Heilige Nacht!
Dieses Bild der trauernden Mutter am Heiligabend weicht nicht aus meinen Gedanken. Überallhin folgt es; überall steht es mahnend und bittend vor mir. Und ihrer Augen Blick geht durch mich hindurch, weit fort, bis zu dem stillen Ort, dem unbekannten, wo sie ihn, den Toten oder Lebendigen, erreichen kann, wo sie fühlt, hier muss er leben oder hier muss die fremde Erde ihn decken, ihr Same, ihre Frucht! Wieder heben sich die Augen auf und fragen, fragen hinein in die Stille des Raumes, fragen den Unbekannten. Ich setze mich ihr im Geist gegenüber und beginne langsam zu reden, leise, um den Frieden hier in der kleinen häuslichen Welt nicht zu stören. Ich muss sprechen, nicht länger hält es meine Zunge; ich muss sprechen, weil so viele nicht mehr reden können; sie hat der Tod gerufen, ohne nach dem Alter zu fragen. Ich muss berichten, weil die Welt es nicht sieht, nicht weiß oder nicht sehen oder wissen will – ich muss! Es ist kein Befehl, wie ihn die scharfe Stimme auf dem Kasernenhof brüllte – nein: Es ist eine Stimme, die Tag für Tag leise geklopft, die Tag für Tag gerufen hat und der ich jetzt gehorche. Eine Stimme, die jeder Mensch in sich trägt, bewusst oder unbewusst, die bei jedem Menschen sich regt, aber zu wenig gehört wird, die zurückgestoßen und abgewiesen wird wie der arme Wanderer, der von Haus und Heimat vertrieben ist und der um ein Stückchen Brot bittet. Härte war das Symbol unserer Zeit, Härte wurde gesät, Härte wird nun geerntet.
Mutter meines Freundes: Sie haben mich gebeten; ich wollte schreiben. Mutter, Sie haben mich gerufen und gefragt; ich wollte antworten – ich habe geschwiegen. Einen Lichtschein, den Sie von mir erhofften, habe ich gelöscht mit meinem Schweigen. Verzeiht! Ich konnte nicht; ich konnte nicht die Feder zur Hand nehmen: Ich schrieb nur „Tod“. Ich konnte kein Wort Ihnen sagen: Es klang nur „Tod"!
Alles, mein Wünschen, mein Sehnen, mein Hoffen und mein Wollen, war von einem großen Sterben erfüllt; mein Tun war schlaff. Doch langsam wuchs wieder der Gedanke zum Leben! Das Licht, das den Menschen erleuchtet, fand ich wieder in der dunklen Welt, und aus den Träumen der Todesschatten stieg ich wieder empor. Mir schien wieder die Sonne: Mir lachte die Welt – und ach, so viele wollten leben, wollten sich ergötzen, von ihnen aber wich nicht mehr der kühle, ängstliche und dunkle Schatten des Todes. Sie starben. Die einen starben mit einem Lächeln auf den Lippen, die anderen aber kämpften, um den Klauen des knochigen Gerippes zu entfliehen. In ihnen fraß die Angst, die Sorge um das Kommende. Sie besannen sich, dass sie einmal vor langer, langer Zeit von einem Gott gehört hatten.
Gott – Gott, Richter der Welt? Richter auch über Sie? Nein, nein, kein Gott! Nur Leben: Leben, wenn auch dem Teufel verschrieben. Das waren Todeskämpfe, schwerere Kämpfe als von Mann zu Mann, Kämpfe mit einem Geist, den man nicht greifen konnte, weil man ohnmächtig war! Ich lebe nun wieder, und weil ich lebe, muss ich die Bitte der Sterbenden erfüllen. Ich habe die Pflicht, ihre letzte Bitte, die ihnen auf den Lippen stand, zu verkünden. Es war eine Bitte an die Lieben zu Haus, an Vater, Mutter und Geschwister; es war eine Bitte an die Menschen überhaupt. Sie, die Toten, sind stumm; aber sie sind Zeugen meiner Worte und Zeugen, deren Blut ihr Bekenntnis besiegelte. Es ist ein Bekenntnis von Phrasen, von Herrenmenschentum und Rassenwahn; es ist ein schlichtes Bekenntnis, das mit einfachen, aber auch mit mahnenden Worten von der Wahrheit spricht. Wahrheit ist etwas, das die Menschen schon seit langer Zeit suchen – etwas, das die Menschen schon damals wie eine Klippe zu umschiffen versuchten, Wahrheit, die die Menschen mit den Füßen zertrampelten und an deren Stelle sie den Zweck setzten; das war der Menschen scheinbarer Nutzen.
Aber mochte auch das kommende und gierige Meer der Massen um diese Säule branden; die Säule ist nicht untergegangen, nicht zerbrochen; verebbt aber ist die Flut, die sich gegen die Wahrheit erhob; dahin ist die Kraft der Mächte; dahin ist der Geist, der die Masse trieb. Ist er wirklich zerbrochen, oder was hält die Menschheit noch so in Angst?
Vom Turm schlägt die Uhr durch die Winternacht, einmal, zweimal, viermal, zehnmal! Dann ist wieder alles still, doch nur draußen. Die Stimmen aber schweigen nicht. Vergangene Bilder ziehen vor meinen glänzenden Augen vorüber und bleiben wach: Erinnerungen, die kein Mensch wie Staub verwischen kann, und jedes Bild, jede Erinnerung wird zur Gestalt und formt die forschenden Worte: „Schweige nicht, du bist der Letzte von uns!“
Diese Worte formt der Mund des Freundes, der sich mühsam durch die ebene, tief verschneite Landschaft des Ostens schleppt. Der mit hagerem Gesicht, mit einem schmutzigen Verband um den Kopf und zerrissenen Lappen um die Füße immer noch hofft, den Weg in die Heimat zu finden. „Schweige nicht“, flüstert der sterbende Kamerad, der am Boden liegt und vor Schmerzen sich bäumt, der mit Wehmut den Tod erwartet. „Schweige nicht“, klagen die Frauen, die in grimmiger Kälte auf den Straßen liegen, Haus und Hof verlassen haben. „Schweige nicht“, sagen mir die Zeilen einer bittenden Mutter, die nun allein in der Welt steht. „Bitte geben Sie mir doch Nachricht über meinen lieben Roland, um den ich so in Sorge bin!“
Roland, diesen Namen kenne ich schon seit meinen Kindertagen, nicht nur den Namen, sondern auch den Jungen, meinen Freund! Wir wuchsen zusammen auf, teilten uns die Freuden und Leiden der Schule, kannten unsere Geheimnisse, unsere Lieben, und auch der Weg in die Zukunft führte uns zusammen, bis uns – ja, bis uns eine göttliche Macht trennte.
II.
Über das weite Land strich der Wind und meldete das Kommen des Herbstes. Das Bild der Landschaft wurde bunt. Nicht mehr ragte das goldgelbe Getreide, nicht mehr leuchteten die saftgrünen Blätter; der Bauer schälte den Boden, hinter ihm suchten die Scharen von Raben nach Nahrung. Aber noch war das Land nicht eingeschlafen – noch keine Winteröde. Der Herbst glich dem Frühling in Regen und Sonnenschein. Die Natur atmete den Frieden. Der Wind wehte über die Schollen der Felder, drückte die Stämmchen der jungen Pflanzung, kräuselte das Wasser des Sees und eilte dem nahen Wald zu. Unter den Bäumen trat ein älterer Mann mit einem Bund Reisig auf dem Rücken hervor. An seiner Hand führte er einen kleinen Knaben; er mochte fünf Jahre zählen. Seine Haare hingen wirr um den Kopf herum, aus seinen Augen quollen die Tränen. Der Alte redete heftig auf ihn ein, und ab und zu hob er noch seinen Krückstock, wahrscheinlich um seinen Worten mehr Nachdruck zu verleihen.
„Ich werd‘ dir helfen, allein im Wald herumzustromern und die Hexe zu suchen, du närrischer Kerl – du! Deine Mutter wird dich schon vermissen und dir nachher den Hosenboden strammziehen.“ Die beiden waren an uns vorübergegangen, und ich musste noch lange lachen.
„Tante, wen wollte der Bub suchen?“ „Aber Richard, kennst du den Roland aus dem Hinterhaus denn nicht?“ „Nein, der ist mir noch nie begegnet.“ „Ach, der ist zu bedauern. Sein Vater ist arg krank, nun muss seine Mutter sorgen, dass sie etwas zu essen haben und Kleider auf den Leib bekommen. Bis spät in die Nacht hinein brennt oft das Licht in dem Dachkämmerlein.“
Tante und ich waren in den Schatten des Waldes gekommen. Schweigend gingen wir über den mit Tannennadeln bestreuten Weg. Die Kiefern überragten majestätisch die Tannen und Fichten. Die Blätter der Laubbäume wurden vom Wind geschüttelt und hin und her gehetzt. „Tante, komm! Es wird dunkel, und ich möchte noch das Licht brennen sehen, das aus der Dachstube fällt.“
An diesem Tag war mir zum ersten Mal jener Roland begegnet und fortan sollte er nicht mehr meinen Weg verlassen. Wir fanden uns zusammen, spielten auf dem Hof, oder wir saßen am Ufer des Baches und sahen den Fischen zu, die sich im Wasser tummelten.
Wochen waren durchs Land gezogen. Tagelang lachte die Sonne vom leicht bewölkten Himmel, dann wieder lag der neue Tag hinter einem grauen Schleier von Regen, Nebel und Wolkenmassen. Es fehlte die Wärme der Sonnenkugel. Oft habe ich am Fenster gestanden und gewartet, bis drüben im Hinterhaus das Licht angezündet wurde. Reine kindliche Ehrfurcht beseelte mich, die mit den Worten der Tante in mein Herz gelegt worden war. Wie gern hätte ich einmal diese Stube gesehen und am Lager des kranken Vaters meines Freundes gestanden. „Ja, Roland und Richard sind Freunde geworden“, sagte ich mir!
Auch jetzt gaben das eintönige Grau und der schmutzige Regenhimmel dem Tag das Gepräge. Die Welt schien bereits zu trauern.
Alle Einzelheiten dieses Tages sind mir so deutlich in Erinnerung geblieben. Alle Bilder sind so tief geschnitten worden, dass sie bis heute nicht verblasst sind. In uns selbst wurde an diesem Tage ein Schleier von Trauer gehängt.
Roland und ich spielten wie immer, da schreckte uns plötzlich eine weinende Stimme auf, die aus dem Fenster drang. „Das ist meine Mutter, komm ...“ Wir hasteten so schnell wie möglich die Treppe hinauf und traten scheu in das Zimmer. Das war also der Raum, aus dem Abend für Abend bis spät in die Nacht, ja oft bis zum Morgen hin der Lichtschein fiel; das war der Raum, der so viel Kummer und Sorge beherbergte; das war der Raum, aus dem das Weinen drang, das angstvolle Stöhnen. Wir standen wie aus Holz geschnitzt an der Tür. Tränen stiegen in Rolands Augen, und er stürzte vor und rief mit klagender Stimme: „Vater, Vater!“ Er blieb stumm. Roland warf sich zu Boden, legte sich neben die Mutter, die mit ihrem Leib den Körper ihres Mannes deckte. Er lag still, die Augen waren geschlossen. Aus den Mundwinkeln trat ein weißer Schaum.
Den ganzen Raum erfüllten ein Klagen, ein Weinen und ein Jammern. „Mann“ ... „Vater – bleibe, werde wach!“ Ich schämte mich und blieb stumm an der Tür stehen.
Es klopfte, die Tür knarrte in den Angeln; ein großer, stattlicher Mann mit grauem Kopf schritt auf die Liegenden zu – der Arzt. Man bettete den Kranken in sein Bett. Die Mutter wollte nicht weichen, die Tränen strömten wie aus einem reichen Quell. Bleich wie der Tod lag der Mann in den Kissen und rang nach Luft. Da! Er öffnete sogar die Augen und irrte mit seinen Blicken im Zimmer umher, als ob sie etwas suchten. Am Bettende kniete der kleine Roland; er hatte seine Finger gefaltet und murmelte einige Worte, so wie er es von der Mutter gelernt.
Der Arzt horchte, schüttelte den Kopf, zog die Weste aus und horchte wieder. Dann richtete er sich auf, ging einige Schritte zurück und legte seine Hände ineinander. Die Frau warf ihren mit Sorgen beladenen Körper über den Mann und schluchzte. Er aber hob seine farblose, knochige Hand auf ihr Haupt und winkte seinem Sohn. Sollte das der letzte Segen sein?
Qual und Schmerz standen in seinen matten Augen und in dem fahlen, verzogenen Gesicht. Er war gezeichnet, aber immer wieder – als müsse er es zum Trost oder aber auch zum Abschied tun – glitt seine Hand über ihre Häupter. Noch einmal bewegten sich seine Lippen. „Will er sagen, dass er scheiden muss, dass der Tod schon bei ihm gewesen ist und ihn gerufen hat?“ – „Mache dich bereit, du Menschenkind!“
