Krieg und Freundschaft - Thomas Pattinger - E-Book

Krieg und Freundschaft E-Book

Thomas Pattinger

0,0

Beschreibung

Der junge Roland genießt im Sommer 1941 eine unbeschwerte Zeit, ehe der Zweite Weltkrieg in sein Leben tritt und er zur Ausbildung nach Frankfurt befohlen wird. Gemeinsam mit seinem besten Freund Andreas wird er nach kurzer Zeit zum Einsatz in Russland bestellt und erfährt dort, was Krieg wirklich bedeutet. An vorderster Front erlebt Roland die schreckliche Realität des täglichen Kampfes gegen Soldaten, eisige Temperaturen und die eigenen Gedanken. Als seine Einheit in Stalingrad aufgerieben wird, sieht auch er sich endgültig mit dem Tod konfrontiert und muss abermals mit seinem Leben abschließen. Hunger und Kälte stellen die größten Feinde dar, während Roland im Kessel von Stalingrad auf das Unausweichliche wartet. Wie durch ein Wunder, gelingt im letzten Augenblick die Flucht aus der drohenden Gefangenschaft und es beginnt ein langer Marsch in die weit entfernte Heimat, stets begleitet von der Angst, der Krieg könnte ihn erneut einholen.

Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:

Android
iOS
von Legimi
zertifizierten E-Readern
Kindle™-E-Readern
(für ausgewählte Pakete)

Seitenzahl: 345

Veröffentlichungsjahr: 2015

Das E-Book (TTS) können Sie hören im Abo „Legimi Premium” in Legimi-Apps auf:

Android
iOS
Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0
Mehr Informationen
Mehr Informationen
Legimi prüft nicht, ob Rezensionen von Nutzern stammen, die den betreffenden Titel tatsächlich gekauft oder gelesen/gehört haben. Wir entfernen aber gefälschte Rezensionen.



Thomas Pattinger

Krieg und Freundschaft

 

 

 

Dieses ebook wurde erstellt bei

Inhaltsverzeichnis

Titel

Krieg und Freundschaft

Vorwort

1

2

3

4

5

6

7

8

9

10

11

12

13

14

15

16

17

18

19

20

21

22

23

24

25

26

27

28

29

30

31

32

33

34

35

36

37

38

39

40

41

42

43

44

45

46

47

48

49

50

51

52

53

54

55

56

57

58

59

60

61

62

63

Schluss

Impressum neobooks

Krieg und Freundschaft

Thomas Pattinger

Krieg und Freundschaft

Historischer Roman

Vorwort

Zum Buch

‚Krieg und Freundschaft‘ ist ein historischer Roman, der vor dem geschichtlichen Hintergrund des Zweiten Weltkrieges die Geschichte eines jungen Mannes erzählt, der die Schrecken des Krieges an vorderster Front erleben muss, dabei aber auch erkennt, was wahre Freundschaft ist. Alle darin auftretenden Figuren sind frei erfunden. Der Roman ist somit kein historischer Tatsachenbericht und nicht als solcher zu verstehen. Vielmehr wird in dem Werk versucht, eine äußerst dunkle Epoche der jüngeren Geschichte nachzuempfinden, verbunden mit der Warnung und dem Appell, dass sich diese nie mehr wiederholen möge.

Zum Autor

Thomas Pattinger, 1993 in Linz geboren, studierte an der Universität Innsbruck Geschichte, Geographie und Germanistik und lebt seit 2012 in Tirol. Früh entdeckte er die Liebe zum Schreiben und veröffentlichte bereits 2012 ein Werk zur Geschichte seines Heimatortes Pöndorf, in dem er die Zeit des Zweiten Weltkrieges in eben diesem behandelt. Neben großen Reisen und Sport ist das Schreiben die große Leidenschaft von Thomas Pattinger. 2015 erschien mit ‚Krieg und Freundschaft‘ sein Debütroman.

2. überarbeitete Auflage Juni 2017

Copyright © 2017 Thomas Pattinger

Erstausgabe © 2015

Alle Rechte vorbehalten

Innsbruck 2015

Print-ISBN: 978 3 7427 0016 2

Für Franz

1

Am kältesten ist die Nacht kurz bevor die Sonne aufgeht. Dann wärmt lediglich der Funke an Hoffnung auf den bevorstehenden Sonnenaufgang die Leiber der Frierenden. Es gibt nur wenige laue Nächte im Jahr, in denen man es im Freien gut erträgt, dort in dem kleinen Dorf, das nicht weit über seine Grenzen hinaus bekannt ist.

So eine warme Nacht ging gerade vorüber und allmählich kletterte die rotglühende Sonne über die Berggipfel in der Ferne. Anfangs zart und schüchtern, dann immer mächtiger und kraftvoller drängte sich der glühende Ball dem Firmament auf und tauchte die darunterliegende Ebene in feurige Töne. Sanft strich eine warme Sommerbrise über die Felder der ausgedehnten Fluren und brachte die reifen Ähren zum Schwingen. Vogelgezwitscher ertönte aus dem anliegenden Wald. Ansonsten war es ruhig und friedlich.

Inmitten einer frisch geschnittenen Wiese weilten zwei Gestalten, ein Mädchen und ein Junge, eingehüllt in einer dicken Wolldecke. Behutsam strich das Mädchen ihr langes, hellbraunes Haar aus dem Gesicht. Mit einem Grashalm streichelte sie zärtlich über die Wangen des schlafenden Knaben. Langsam öffnete auch er die Augen und begann zu lächeln.

»Du bist wunderschön, Lilli!«, sagte er und blickte dabei tief in ihre rehbraunen Augen, die ihn wie keine anderen ansahen.

Sie fühlte sich geschmeichelt und ihre Wangen nahmen ein leichtes Rot an. Für einen kleinen Moment war es ganz still und das Mädchen schloss die Augen.

»Was soll ich nur ohne dich machen, Roland. Es bricht mir das Herz, wenn ich daran denke, dich vielleicht nie wieder zu sehen.«

Sie sah ihn hilflos an, wandte ihren Blick jedoch kurz darauf unsicher ab und lugte in Richtung zweier geleerter Weinflaschen, die in einem Korb neben den Fahrrädern lehnten.

»Sei nicht traurig Lilli, ich werde immer bei dir sein, du musst nur an mich denken.«

Eine Zeit lang lagen sie einfach nur da und blickten sich gegenseitig an. Entschlossen griff er schließlich nach ihrer Hand.

»Vergiss nie diesen Augenblick!«

Sie streichelte gefühlvoll Rolands Handrücken.

»Ich wünschte, dieser Moment würde nie vergehen.«

Er nahm sie in den Arm und flüsterte ihr leise ins Ohr: »Ich werde dich immer lieben.«

2

In dem langen Schatten der blutroten Abendsonne, den ein großes Bauernhaus auf die angrenzende Wiese warf, kehrte ein junger Mann von der Feldarbeit zurück. Obwohl er schmutzig und erschöpft aussah, trug er ein zufriedenes Lächeln im Gesicht. Er trat aus dem Schatten heraus und stellte die geschulterte Sense, neben das Stalltor. Seine dunkelblonden Haare glänzten im Licht der letzten Sonnenstrahlen dieses Spätsommertages. Er begab sich auf den Weg ins Innere dieser mächtigen Gemäuer, doch gerade als er die Schwelle der Tür übertreten wollte, vernahm er Schritte, die sich der Zufahrt nährten.

Gegen das Licht der tiefstehenden Sonne konnte er anfangs nur den Umriss einer näherkommenden Gestalt wahrnehmen. Freude breitete sich in seinem Gesicht aus, als er den willkommenen Gast erkannte:

»Grüß dich, Roland! Was führt dich denn heute Abend noch hierher?«

Doch schon während er sprach, bemerkte er, dass sein Gegenüber keine guten Nachrichten übermitteln würde.

»Servus Andi. Ich bringe dir etwas, das mir der Postbote für dich mitgegeben hat.«

Er holte einen Brief hervor und überreichte ihn mit leicht zitternder Hand. Unübersehbar protzte der Stempel mit dem deutschen Reichsadler auf dem beigen Kuvert. Auf der roten Briefmarke in der rechten oberen Ecke war der Führer in heldenhafter Pose abgebildet. An einen »Herrn Andreas Kirchler« war dieses Schriftstück adressiert.

Andi hatte ein mulmiges Gefühl im Bauch. Höflich bat er Roland erst einmal hinein, wo beide in der Küche Platz nahmen. Eine Zeit lang starrte Andi den Umschlag wortlos. Schließlich griff er ein scharfes Messer aus der Tischschublade und öffnete mit einem schnellen Schnitt den Brief. Er überflog hastig die Zeilen und ein kalter Schauer strich über seinen Rücken. Mit zitternder Hand legte er ihn ab. Sämtliche Farbe war aus seinem Gesicht verschwunden, er wirkte fahl und geschockt. Roland blickte ihn niedergeschlagen an:

»Ich habe genau den gleichen Brief bekommen.«

Keiner der beiden wusste etwas zu sagen. Es war totenstill und schlagartig fühlte es sich an, als wäre es merklich kälter geworden. Für Andi war es wie ein Hieb ins Gesicht. Ein unheimlicher Verdacht war Realität geworden und das Warten auf das verdrängte Übel hatte ein jähes Ende genommen. Roland konnte sich gut in ihn hineinversetzen, da er ein paar Stunden zuvor dasselbe erlebt hatte. Ein Gefühl der Ungewissheit und aufkeimenden Angst durchbohrte die Mägen der beiden jungen Männer und so saßen sie sich noch lange an diesem Abend wortlos gegenüber.

3

Da war Roland nun. Ohne seine Lilli, in einem kalten Zugabteil, auf dem Weg ins Ungewisse. Gemeinsam mit Andi ging er jener Pflicht nach, welche den beiden in den verhängnisvollen Briefen aufgetragen worden war. An diesem nebligen Oktobermorgen des Jahres 1941 hatten sie sich noch lange vor Sonnenaufgang auf den Weg gemacht, um den ersten Zug nach Linz zu erreichen. Ihr Gepäck bestand jeweils aus einem kleinen Lederrucksack, in dem sie wichtige Papiere und etwas Proviant aufbewahrten. Außer den beiden befand sich niemand im Abteil. Nach ein paar Minuten Fahrt begann es zu regnen und schwere Tropfen prasselten auf das Dach und die Fenster des Waggons. In den Augen von Roland und Andi spiegelte sich quälende Ungewissheit.

Roland durchbrach als erster die Stille und stellte jene Frage, die ihn am meisten bedrückte und das obwohl er genau wusste, dass sein Gegenüber die Antwort nicht kannte:

»Wo werden die uns bloß hinbringen, wenn sie in Linz mit uns fertig sind?«

Andi wusste, dass sich Roland keine Antwort von ihm erhoffte, also ging er einfach ein paar Szenarien durch:

»Ich habe gehört, letzten Monat haben sie welche aus dem Nachbarort nach Deutschland gebracht, um sie dort auszubilden. Sie sollen später in Frankreich eingesetzt werden.«

»Nur nicht nach Russland«, murmelte Roland vor sich hin, »nur nicht nach Russland. Lillis Onkel ist gerade an der Ostfront und er hat bei seinem letzten Heimatbesuch von seinen Erlebnissen berichtet. Er spricht, wenn auch vorsichtig, ganz anders, als die Zeitungen schreiben.«

»Ich glaube wohl kaum, dass sie uns dahin schicken. Da sind doch schon genug Deutsche und außerdem sprechen sie im Radio bereits davon, dass der Krieg im Osten kurz vor seiner Entscheidung steht. Moskau wird bald fallen.«

Mit diesen Worten versuchte Andi sich und seinem Gegenüber etwas Mut zu machen. Es war schon schlimm genug, plötzlich von daheim weg zu müssen, da brachte dieses Rätselraten um einen möglichen Einsatz an der Front gar nichts.

»Vielleicht stecken sie uns auch zum Arbeitsdienst«, warf Roland ein.

»Wie hat Lilli reagiert, als du ihr das mit der Einberufung erzählt hast?«

»Naja, begeistert war sie natürlich nicht, aber wir hatten beide schon irgendwie damit gerechnet, es traute sich nur keiner darüber zu sprechen. Wir haben gemeinsam einen wundervollen Sommer verbracht, doch seit dieser Brief aufgetaucht ist, war die Stimmung jedes Mal sehr gedrückt, wenn wir uns sahen. Sie hat sich zwar Mühe gegeben, mich aufzuheitern, aber sie konnte selbst nicht so recht mit der Sache umgehen. Wir haben es einfach so oft es ging verdrängt. Es hat mir bei unserem Abschied gestern sehr weh getan, als ich sah, wie sehr sie sich beherrschen musste, nicht zu weinen. Was hat dein Vater gesagt?«

»Es hat ihn ebenso hart getroffen wie mich. Nicht, dass wir nicht damit gerechnet hätten, aber die Realität sieht wesentlich schlimmer aus als die Vorstellung. Es fiel mir sehr schwer, zu gehen. Nun ist er allein mit dem ganzen Hof und wird Tag und Nacht arbeiten müssen.«

Halt um Halt näherte sich der Zug seinem Ziel. Bei Sonnenaufgang stiegen Roland und Andi in Linz aus. Der Regen hatte sich gelegt und ein paar Sonnenstrahlen durchstießen die dunkle Wolkendecke. In ihrem Brief wurde ihnen mitgeteilt, wo sie sich zu melden hatten, also machten sie sich umgehend auf den Weg. Andi, der zum ersten Mal in einer größeren Stadt war, staunte nicht schlecht über die hohen Gebäude und das rege Treiben auf den Straßen, jedoch fühlte er sich sichtlich fremd in dieser Wüste aus kahlen Fassaden und gepflasterten Straßen.

Die zuständige Behörde, bei der sich die beiden zu melden hatten, war nicht besonders weit vom Bahnhof entfernt. Es handelte sich um ein großes, graues Gebäude, das lediglich mit Hakenkreuzfahnen geschmückt war. Mit einem unguten Gefühl im Bauch betraten sie das Innere der alten Gemäuer und erreichten einen großen Eingangsbereich, wo bereits andere junge Männer in ihrem Alter auf kargen Holzbänken Platz genommen hatten. Bei einem eingehenderen Blick in die Menge bemerkte Roland, dass sich auch Herren mittleren Alters unter den Anwesenden befanden. In den Gesichtern der Versammelten konnte man lesen, dass keiner sichtlich erfreut darüber war, hier sein zu müssen. Laufend trafen weitere Männer mit teils unsicherem, teils gleichgültigem Blick ein und der Raum füllte sich allmählich. Manche sprachen leise miteinander, andere saßen einfach nur da und starrten auf den kalten Marmorboden.

Plötzlich wurde es still. Alle Blicke richteten sich zu jener Stelle, an der gerade eine Tür laut und bestimmt geöffnet worden war. Heraus trat ein älterer Mann in militärischer Uniform. Er blickte streng und warf einen prüfenden Blick in die erstarrte Menge. Seine Brust schmückten einige Abzeichen und Orden, von denen niemand der Anwesenden genau wusste, was sie bedeuteten. Trotzdem war sich jeder sicher, dass dieser Herr einen hohen Dienstgrad haben musste. Wortlos durschritt er mit erhobenem Haupt den Raum, alle Blicke auf sich gerichtet. Ohne stehen zu bleiben sprach er mit kräftiger Stimme in die Menge:

»Guten Morgen, meine Herren! Bitte folgen Sie mir in den Lehrsaal.«

Nachdem alle Anwesenden auf Holzstühlen Platz genommen hatten, begann der uniformierte Mann vorne an einem Pult zu sprechen:

»Ich darf Sie im Namen des Führers hier in Linz begrüßen. Wie Sie bereits Ihrer schriftlichen Mitteilung entnehmen konnten, werden Sie, meine Herren, zum Dienst für Ihr Volk und Vaterland benötigt. Der Führer ist stolz auf Sie und schenkt Ihnen sein Vertrauen. Zuallererst kontrolliere ich die Namen der Anwesenden. Dafür rufe ich Sie auf, Sie erheben sich und bestätigen Ihre Anwesenheit mit einem kräftigen ‚Hier!‘.«

»Andorfer Leonard.«

»Hier!«

»Sie sind geboren am fünften November Neunzehnhundertdreiundzwanzig. Ist das korrekt?«

»Jawohl!«

»Aschauer Franz.«

»Hier!«

Viele Namen wurden verlesen und viele der angehenden Soldaten meldeten sich überaus ängstlich und zögerlich. Der Stimmfall manch anderer hingegen war entschlossen und selbstbewusst. Roland schaute aus dem Fenster und beobachtete wie die Sonne über die roten Dächer der Stadt emporstieg. Er wagte sich nicht vorzustellen, wo er bereits nächste Woche sein könnte.

»Steindl Roland«

Blitzschnell wurde er in die Realität zurückgeholt. Reflexartig stand er auf und antwortete mit einem lauten »Hier!«.

»Geboren am dritten Juni Neunzehnhundertdreiundzwanzig.«

»Jawohl!«

Er hatte gar nicht bemerkt, dass sie schon so weit hinten im Alphabet angelangt waren und auch Andi, der bei »K« wie Kirchler an der Reihe gewesen war, hatte er nicht vernommen. Es folgten noch weitere Namen, bis alle 56 verlesen worden waren.

»So meine Herren«, fuhr der Mann in Uniform fort, »Sie wurden gemustert und für tauglich befunden, darauf können Sie stolz sein! Unser Führer, Adolf Hitler, beauftragt Sie nun, das deutsche Vaterland und sein Volk zu schützen. Dies ist eine sehr ehrenvolle Aufgabe. Ich erwarte deshalb großen Mut und vollste Hingabe.«

Er sprach mit sehr entschlossener Stimme und betonte dabei einige Silben ganz besonders. Wild gestikulierend wirkte er dabei wie ein schlechter Schauspieler, der seinen Text tagelang auswendig gelernt hatte, den Inhalt aber nicht verstand.

»Zur Vorbereitung für Ihren Einsatz kommen Sie in ein Ausbildungslager, wo Sie in acht Wochen alles lernen werden, was Sie später benötigen. Dort werden aus Ihnen schneidige Soldaten gemacht und ich erwarte mir äußerste Disziplin und vollste Mitarbeit. Die Transporte finden im Laufe des Tages statt. Warten Sie draußen, bis Sie aufgerufen werden. Irgendwelche Fragen dazu?«

Natürlich brannten jedem Einzelnen tausend Fragen auf der Zunge, doch sie waren alle zu überrascht, zu geschockt, zu sprachlos, um sie zu stellen. Der Vortragende verließ schnellen Schrittes den Raum. Zurück blieben 56 ahnungslose, junge Männer.

»Ich dachte mir nicht, dass das so schnell gehen würde. Das heißt ja, wir kommen gar nicht mehr nach Hause. Er hat uns nicht einmal gesagt wohin sie uns bringen.«

Roland schluckte schwer, nachdem er diese Worte über die Lippen gebracht hatte. Ihm war die Farbe aus dem Gesicht gewichen und er konnte nicht aufstehen, so sehr schlotterten seine Beine. Bilder schossen durch seinen Kopf. Bilder von daheim, Bilder von Lilli. Alles war auf einmal so weit in die Ferne gerückt. Als hätte er Steine im Magen, erhob er sich schließlich zögerlich und wankte aus dem Raum. Auch Andi verließ schweigend den Saal. Die beiden setzten sich auf eine Bank in der Eingangshalle und starrten machtlos auf den schwarz-weiß gefliesten Marmorboden.

Obwohl Roland heute kaum etwas gefrühstückt hatte, wurde ihm schlecht bei dem Gedanken etwas zu essen. Er dachte an seinen Onkel, der bereits seit zwei Jahren im Krieg war. Er sprach nicht viel darüber, wenn er nach Hause kam, aber er wirkte gefasst, manchmal auch euphorisch, manchmal aber verstört.

»Der Krieg raubt dir deine Seele«, hatte er vor kurzem zu Roland gesagt.

Der Krieg, ja. Aber noch war er nicht im Krieg. Wer wusste schon, ob es überhaupt noch zu einem Einsatz kommt, der Endsieg stand doch kurz bevor, hieß es immer in den Nachrichten. Vielleicht kam er gar nicht mehr in den Krieg, vielleicht war dieser bis dahin bereits vorbei!

Roland tröstete sich etwas mit diesem Gedanken und doch wusste er tief im Inneren, dass er sich lediglich selbst etwas vorspielte. Er teilte seinen Gedanken mit Andi, um auch ihm etwas die Situation zu erleichtern. Dieser schmunzelte nur geplagt und so warteten die beiden auf weitere Anweisungen.

Drei Stunden verstrichen, ehe Bewegung in die grübelnde Horde kam. Namen wurden aufgerufen und Personen verließen gruppenweise den Raum.

»Jetzt können wir nur hoffen, dass wir zusammenbleiben!«, flüsterte Andi Roland zu.

«Moser, Kainz, Steindl, Hartl, Kirchler, Zwingler. Fahrzeug zwei – aufsitzen!«

Neben Andi und Roland erhoben sich vier weitere junge Männer und verließen schweigend das Gebäude. Draußen wartete im Licht der Mittagssonne ein grünbraunes Fahrzeug, in dem sieben Personen Platz fanden. Der Fahrer war ein junger Soldat der Wehrmacht.

»Wo bringst du uns hin?«, wollten die Insassen von ihrem Chauffeur wissen.

»Ich soll euch zum Bahnhof chauffieren. Dort nehmt ihr den Zug nach Frankfurt.«

»Die schicken uns nach Deutschland? Das darf doch nicht wahr sein!«, klagte ein Sitznachbar von Roland.

»Sei froh, dass sie uns nicht gleich an die Front schicken«, meldete sich jemand aus der hinteren Reihe.

Die Fahrt dauerte nicht lange, ehe sie erneut an diesem Tag am Bahnhof in Linz eintrafen. Der Zug nach Frankfurt am Main stand bereits am Bahnsteig zum Einsteigen bereit und der Fahrer führte die sechs jungen Männer bis in ihr Abteil. Er überreichte jedem Einzelnen seine Überstellungspapiere. Danach verschwand er wieder. Nachdem alle Platz genommen hatten, rollte der Zug auch schon los und die Silhouette der Stadt verkam schon bald zu einem grauen Band am Horizont.

Derjenige, der bei der Herfahrt neben Roland gesessen war, ergriff nach kurzer gegenseitiger Musterung als Erster das Wort:

»Wenn wir hier schon so unglücklich versammelt sind, will ich mich wenigstens einmal vorstellen. Ich bin der Zwingler Hans.«

Zur Begrüßung gab er jedem die Hand. Er war nicht besonders groß, hatte kurze, rotbraune Haare und graublaue Augen. Viele Sommersprossen zierten sein kindliches Gesicht. Seine offene Art fand bei Roland Anklang und so schloss er sich ebenfalls der Begrüßung an und schüttelte vier Hände. Nach Andi stellten sich auch noch die drei Verbliebenen vor und Roland versuchte sich ihre Namen einzuprägen. Moser Markus, Kainz Lukas und Hartl Matthias. Er wiederholte ihre Namen leise im Kopf und vergaß dabei nicht, auch Hans mit einzubeziehen.

Schon nach einer Stunde Fahrt war das Eis weitestgehend gebrochen und die sechs jungen Männer unterhielten sich ohne Scheu in ihrem Abteil. In dieser Gemeinschaft fühlte sich Roland wieder etwas wohler und seine Gedanken an daheim rückten allmählich in den Hintergrund.

Als es Nacht wurde, hatten sie rund die Hälfte der Strecke hinter sich gebracht. Im Abteil schliefen alle, nur Roland brachte die Augen nicht zu. Er starrte mit leerem Blick aus dem Zugfenster in die rabenschwarze Nacht hinaus. Unermüdlich dampfte der Zug immer weiter weg von der geliebten Heimat. Roland dachte an Lilli. Er vermisste ihr bezauberndes Lächeln, ihre rehbraunen Augen, in denen er sich so gerne verlor, die kleinen Sommersprossen auf ihren Wangen, ihre langen, braunen Haare, die so wunderschön waren, wenn sie sie offen trug. Wie gerne wäre er jetzt bei ihr.

»An was denkst du?«

Roland blickte erschrocken auf. Er hatte angenommen, dass alle Insassen des Abteils bereits schliefen. Im matten Licht des Mondes, das durch das Fenster drang, erkannte er, dass es Markus Moser war, der ihm diese Frage gestellt hatte.

»An daheim. Vor allem an meine Freundin.«

»Hast‘ also auch ein Mädchen zuhause. Ich weiß wovon du sprichst, geht mir nicht anders als dir. Komm‘ mal mit, du könntest ein bisschen Ablenkung gebrauchen.«

Er stand auf und verließ entschlossen das Abteil. Roland wusste nicht, was er vorhatte, doch er tat es ihm gleich und schlich über die Beine der schlafenden Mitreisenden hinweg, hinaus auf den Gang. Durch zwei andere Waggons hindurch, gelangten sie in den Speisewagen. Dieser war völlig leer und die beiden setzten sich an einen der schmalen Tische. Der Kellner wirkte überrascht, so spät noch Kundschaft zu haben und kam müden Schrittes zu ihnen herüber.

»Wir nehmen zwei Bier, bitteschön«, rief Markus Moser dem alten Kellner entgegen. Dieser nickte bloß und kehrte wieder um.

»Das ist gegen das Heimweh und hilft dir beim Einschlafen«, fuhr er in Richtung Roland fort.

»Die gehen auf mich, lass‘ stecken Steindl!«

Er kramte in seiner Hose und zückte sein Portemonnaie.

»Das macht dann genau eine Reichsmark.«

Moser drückte ihm das Geld in die Hand und bedankte sich freundlich.

»Zum Wohl!«, prostete er und erhob seine Flasche.

»Prost! Und danke für das Bier!«

Sie nahmen beide einen großen Schluck aus ihrer Flasche.

»Hast du ein Foto von ihr dabei?«, setzte Moser das Gespräch fort. Roland stöberte in seiner Brieftasche und kramte ein handgroßes Bild hervor, das er stets bei sich trug. Die Kanten waren bereits etwas abgenutzt und die Bildfläche zerknittert, aber das minderte nicht das zarte Lächeln, das Lilli dem Betrachter entgegen strahlte. In einem rotgrünen Sommerkleid stand sie unter einem mächtigen, mit unzähligen Blüten geschmückten Kirschbaum. Ihr Haar trug sie offen und ihre Augen erzählten von grenzenloser Unbeschwertheit. Sie wirkte in diesem Augenblick vollends glücklich.

»Ihr Name ist Lilli. Das Bild hat ein Reisender letzten Sommer von ihr gemacht. Er hatte eine Fotokamera bei sich und bedankte sich auf diese Weise für die Gastfreundschaft. Ich denke gern an diesen Moment zurück.«

Ein starkes Gefühl von Sehnsucht breitete sich in Roland aus und er versuchte den aufkommenden Schmerz mit einem weiteren kräftigen Zug aus seiner Bierflasche zu unterdrücken.

»Man sieht dir an, dass du sie wirklich gern hast. Sie sieht bezaubernd aus. Pass gut auf das Bild auf, ich bereue sehr, dass ich keines von meiner Freundin dabei habe. Eigentlich ist sie ja bereits meine Verlobte, daran werde ich mich erst gewöhnen müssen.«

»Du bist verlobt?«, fragte Roland erstaunt.

»Seit zwei Tagen, ja. Wir sind ja auch schon seit drei Jahren ein Paar. Ich habe sie gefragt, bevor ich gefahren bin. Sobald die mich hier wieder auslassen, wird geheiratet!«

Entschlossen und mit einem herzhaften Lachen im Gesicht, das auch Roland prompt ansteckte, schlug Moser mit der Faust auf den Tisch, sodass das Bier in den Flaschen schäumte und der alte Kellner erschrocken aufblickte.

»Wie lange kennst du deine Lilli schon?«

»Seit ich zurückdenken kann. Sie wohnt nicht weit von mir entfernt. Wir sind zusammen aufgewachsen, haben gemeinsam die Schule besucht und waren seit Kindesbeinen an die besten Freunde. Irgendwann ist aus dieser Freundschaft Liebe geworden. Ich hatte niemals Zweifel. Auch wenn wir nicht immer einer Meinung sind und hin und wieder auch streiten, so weiß ich genau, dass sie die Richtige ist. Lilli kennt mich besser als ich mich selbst.«

Roland nippte an seinem Bier und blickte erneut auf das Bild.

»Klingt fast so, als wärt ihr für einander bestimmt. Das Leben schreibt schon wunderbare Geschichten. Du wirst sie bestimmt bald wiedersehen!«

Moser wusste es, mit seiner natürlichen und fröhlichen Art Menschen aufzuheitern. Es funktionierte auch bei Roland und er fühlte sich nicht mehr so hilflos und allein, wie kurz nach der heutigen Ansprache in Linz.

Aus einem Bier wurden drei und die beiden unterhielten sich noch lange Zeit, bis spät in die Nacht hinein. Roland war froh, einen Freund gefunden zu haben.

4

Nach kurzem, unbequemem Schlaf erwachte Roland bei Sonnenaufgang, irgendwo auf dem Weg nach Frankfurt. Zu dem mulmigen Gefühl in seiner Magengrube gesellte sich ein unangenehmes Ziehen im Rücken, bedingt durch die enge und ungewohnte Schlafposition und so verließ er umgehend das Abteil, um sich ein wenig die Beine zu vertreten. Im Zwischenbereich zweier Waggons schnappte er frische Luft, die ihn gänzlich wach werden ließ und ihn in die Realität zurückwarf.

»Es war also doch kein Albtraum«, dachte er sich und kehrte mit gesenktem Haupt ins Abteil zurück. Auch die anderen Insassen waren bereits wach.

»Jetzt müssten wir dann bald da sein«, meinte ein Schicksalsgenosse mit brünetten, gelockten Haaren und blauen Augen, dessen Name Roland entfallen war.

»Und woher willst du das wissen, Zwingler?«, fragte Kainz mit misstrauischem Unterton.

»Ich bin schon einmal hier gewesen. Mein Vater ist bei der Partei und er hat mich letztes Jahr für ein paar Tage mit nach Deutschland genommen. Da sind wir auch Frankfurt gewesen.«

»Noch so ein Wichtigtuer, der meint, er wäre was Besseres, weil sein Vater Mitglied bei diesem Verein ist«, dachte sich Roland im Stillen und sah dabei Andi an, der wohl genau das Gleiche empfand.

Nach einer weiteren Stunde Fahrt erreichte der Zug schließlich Frankfurt am Main. Als Roland ausstieg, staunte er nicht schlecht über den riesigen Bahnhof und die Menge an Zügen. Etwas Vergleichbares hatte er noch nicht gesehen. Ein uniformierter Mann mit strengem Blick erwartete die sechs Ankömmlinge bereits und führte sie aus dem Bahnhofsgebäude. Mit einem Bus setzte die Gruppe ihre Reise fort. Sie erreichten den Stadtrand und fuhren an einer langen, kahlen Mauer vorbei, die mit Stacheldraht gesichert war. Roland hatte das ungute Gefühl, dass dies das Ziel ihrer Reise sein würde und er sollte Recht behalten.

An zwei Wachposten vorbei gelangten sie in den Innenhof einer Kaserne, die mehr einem Gefängnis glich. Soldaten mit den unterschiedlichsten Abzeichen waren zu sehen, Panzer und Geschütze standen in Reihen aufgestellt, uniformierte Gruppen marschierten umher. Es war, als wären sie in einer anderen Welt gelandet. Soldaten hatte Roland bisher lediglich in Zeitungen oder vereinzelt auch im Dorf gesehen, aber sie so konzentriert und nah anzutreffen, machte seine Lage auf eine angsteinflößende Art noch ein Stück realer.

Die sechs stiegen aus und stellten sich in einer Reihe auf. Kurze Zeit später kam ein großgewachsener Mann auf sie zu und musterte die jungen Männer eingehend mit scharfem Blick. Er ging ein paar Mal vor ihnen auf und ab, ohne dabei ein Wort zu verlieren.

»So, meine Herren«, gab er plötzlich, in einem Roland nicht vertrauten Dialekt, von sich, als er sich erneut vor die Gruppe stellte und Haltung annahm, »Sie sind hier, um als Soldaten ausgebildet zu werden. Während der nächsten acht Wochen werden Sie zu echten, deutschen Männern geformt. Ich erwarte von Ihnen vollsten Gehorsam und eiserne Disziplin. Sie sind erwachsene Männer, also verhalten Sie sich auch so. Sie werden einer Ausbildungskompanie zugeteilt, doch zu Beginn fassen Sie erstmals Ihre Ausrüstung aus. Dazu folgen Sie mir.«

Alles ging furchtbar schnell. Roland war müde und erledigt von der langen Zugfahrt. Er fand sich an diesem Ort nicht zurecht. Sämtliche Eindrücke waren ihm fremd. Lediglich die Anwesenheit Andis bestätigte ihm, dass er in keiner anderen Welt gelandet war. Nicht einmal Zeit zum Nachdenken bot sich ihm, da sie bereits die Ausrüstungskammer erreicht hatten.

Jeder Neuankömmling erhielt als Allererstes ein großes Leintuch, welches am Boden ausgebreitet werden sollte. Danach wurden sämtliche Utensilien einzeln ausgegeben. Vom Mantel bis zur Unterhose füllte sich das Leintuch allmählich mit Uniformteilen. Weiter ging es mit Stiefeln, Gürtel und Helm sowie einem Rucksack, einer Gasmaske und vielen fremdartigen Taschen und Geräten. Dazu gesellten sich dutzende weitere Gerätschaften und Kleinteile, denen Roland vorerst keinen eindeutigen Zweck zuweisen konnte. Zu guter Letzt bezogen die angehenden Soldaten ihr Gewehr.

Es war für Roland ein beunruhigendes Gefühl, wenige Augenblicke nach dem Eintreffen in der Kaserne bereits eine echte Waffe in Händen zu halten. Viel Zeit darüber nachzudenken blieb ihm aber ohnehin nicht. In einem nächsten Schritt sollten sie alle schweren Ausrüstungsgegenstände im Rucksack verstauen. Die Waffe wurde um den Hals getragen und wirkte nicht nur durch ihr Gewicht und den einschneidenden Riemen als ungewohnte Belastung.

Alles, was jetzt noch übrigblieb, wurde mithilfe des Leintuchs geschultert. So marschierte der Tross mit etwa vierzig Kilogramm Ausrüstung pro Mann wieder zurück zum Ausgangsplatz.

Kurze Zeit später fanden sich die sechs Österreicher gemeinsam mit zehn anderen in einem ihnen zugeteilten Zimmer wieder. Der Raum war nicht besonders schön und sehr schlicht ausgestattet. Geschlafen wurde in einfachen Stockbetten, getrennt durch jeweils zwei schmale Spinde. In der Mitte des Zimmers befand sich ein langer Tisch mit sechszehn beigestellten Holzstühlen. Ansonsten gab es, außer vier Fenstern und einem Spiegel neben der Tür, nichts Besonderes zu entdecken.

Die jungen Männer hatten nun etwas Zeit, ihre Unterkünfte zu beziehen. Genau nach vorgegebenem Plan mussten die Spinde eingeräumt und das Bett überzogen werden.

»Ab heute sind Sie Soldaten«, wurde ihnen noch auf dem Weg in die Unterkunft mitgegeben.

Roland hörte diese Worte immer und immer wieder in seinem Kopf nachhallen. Er fühlte sich nicht wie ein Soldat und er wollte auch keiner sein. Diese Rolle hatte er sich nicht ausgesucht, sie war ihm aufgezwungen worden und er musste nun damit leben. Im Zimmer hatte er sich ein Bett am Fenster ausgesucht. Andi bezog das Bett über ihm. Feinsäuberlich räumten die jungen Soldaten ihre Spinde ein. Die Betten wurden wie angeordnet überzogen, sodass ein Leintuch die bescheidene Matratze bespannte. Ein zweites musste exakt eine Handbreit über das Kopfende der darübergelegten Felddecke geschlagen werden.

Derweil die jungen Männer damit beschäftigt waren, ihre Hemden und Hosen peinlich genau zusammenzulegen, betrat ein junger Soldat den Raum. An seinem strammen Auftreten war keinerlei Makel erkennbar, doch wirkte er nicht wie alle anderen Soldaten, die Roland bisher gesehen hatte. Sein Gesicht war nicht so kalt und eisern, sondern strahlte Menschlichkeit und Vertrauen aus. Im Zimmer war es plötzlich still geworden. Alle Blicke richteten sich zur Tür.

»Guten Tag, meine Herren. Mein Name ist Leutnant Huber und ich bin dieser Gruppe als Kommandant zugeteilt. Mir ist bewusst, dass alles hier für Sie noch neu und ungewohnt ist, aber Sie werden sich schnell an das Soldatenleben gewöhnen. Sie erhalten von mir jetzt Ihre Erkennungsmarken. Diese sind immer um den Hals zu tragen.«

Er ging herum und teilte die kleinen Stahlplättchen aus, die in der Mitte vorgestanzt waren, um sie im Todesfall brechen zu können. Dabei verblieb eine Hälfte um den Hals des gefallenen Soldaten, die andere wurde in die Heimat gesandt. Roland fühlte sich wie ein gebrandmarktes Tier, als er das erste Mal die kalte Marke an seiner Brust spürte. Wie ein Werkzeug wurde er nummeriert und stand zur Verwendung bereit. Nun war er endgültig ein Teil der Masse geworden, dachte er sich im Stillen, während er abermals versuchte, ein graues Feldhemd auf die exakte Größe eines Blattes Papier zusammenzufalten.

»Nachdem Sie alles eingeräumt haben, ziehen Sie sich Ihre Uniform an und warten Sie hier auf weitere Befehle«, ergänzte der junge Leutnant, ehe er den Raum verließ.

»Hast du eine Ahnung, was ich von diesem Zeug alles anziehen soll?«, fragte Andi Roland, nachdem er seinen Bestand an Kleidungsstücken ausgiebig gemustert hatte. Roland schüttelte ratlos den Kopf.

»Wartet Jungs, ich helfe euch«, meldete sich ein Kamerad, den Roland noch nicht bemerkt hatte, mit hochdeutschem Akzent.

»Mein Bruder ist auch beim Militär. Ich habe schon oft gesehen, wie man so eine Uniform richtig anzieht.«

Fertig eingekleidet sah sich Roland im Spiegel an. Er erkannte sich nicht wieder, so wie er jetzt aussah. Auch wenn die Uniform nicht sehr bequem saß und die Schuhe drückten, fühlte er sich in diesem Aufzug doch unweigerlich etwas stärker als zuvor. Fast automatisch hob sich das Kinn und die Brust schwoll an.

Als die gesamte Mannschaft des Zimmers fertig umgezogen war, gab dies ein durchaus stolzes Bild ab, wie es die meisten der Frischlinge, wie sie genannt wurden, sonst nur aus der Wochenschau kannten. Die Einheitlichkeit der Uniformen verlieh den jungen Männern ungeahnte Stärke. Ein beinahe unheimliches Gefühl plötzlicher Macht schien sich mit der Uniform auf die angehenden Soldaten zu übertragen. Roland und Andi musterten sich gegenseitig und staunten nicht schlecht über diese plötzliche Verwandlung.

Viel Zeit dazu hatten sie jedoch nicht, da sie wenige Augenblicke später auf den Innenhof der Kaserne bestellt wurden. Dutzende frisch eingekleidete Neuankömmlinge säumten den Antreteplatz vor dem Kompaniegebäude. Es herrschte keine Ordnung, alle standen wild verstreut umher und tauschten ratlose Blicke aus. Der junge Leutnant, der Roland bereits vertraut war, rief seine Gruppe zu sich. Ebenso taten es ihm andere Höherrangige gleich, bis sich auf dem Platz verteilt kleine Ansammlungen geformt hatten. Rasch versuchten einige Kommandeure, Ordnung in den Haufen zu bringen und die frischen Kräfte in Einheiten zu gliedern. Roland und seine Zimmerkameraden bildeten die dritte Gruppe im ersten Zug. So verhieß es ihnen der junge Leutnant, der trotz des Trubels Ruhe und Sicherheit ausstrahlte. Der Größe nach stellten sie sich nebeneinander auf. Roland fand sich neben Markus Moser und Matthias Hartl ein.

Eine ganze Weile verharrten sie in dieser Position, bis sich schließlich alle Züge ordentlich formiert hatten. Anschließend sprach ein bisher unbekannter Mann zu ihnen:

»Guten Tag, erste Kompanie! Ich begrüße Sie hier in Frankfurt. Manche von Ihnen haben eine weite Reise hinter sich und befinden sich nun weit entfernt von der vertrauten Heimat. Für die nächsten zehn Wochen wird dies hier Ihr Zuhause sein. Ihre Ausbildner haben Sie bereits kennengelernt. Sie werden Ihnen alles beibringen, was Sie als Soldat können und wissen müssen. Mein Name ist Hauptmann Schaller und ich befehlige diese Kompanie mit ihren drei Zügen. Ich erwarte von Ihnen, solange Sie unter meinem Kommando stehen, vollste Disziplin und Hingabe. Strengen Sie sich an, meine Herren, denn alles was Sie hier lernen, kann und wird Ihnen später von größtem Nutzen sein. Wie Sie wissen, befindet sich unser Land im Krieg und auch Sie werden ihr Möglichstes dazu beitragen, dass daraus der Endsieg hervorgeht.«

Plötzlich verkrampfte sich etwas in Rolands Magengrube, als er daran erinnert wurde, wieso sie eigentlich hier waren.

»Nach dieser Ausbildung geht es an die Front«, dachte er sich, »dort wo die Verlierer sterben und es keine Gewinner gibt.«

Er hörte dem Hauptmann überhaupt nicht mehr zu. Schmerzende Angst durchbohrte seinen Körper. Es gab kein Entfliehen, keinen Ausweg aus dieser unheilbringenden Situation. Andere konnten ihren Einsatz wohl kaum erwarten. Viele wirkten sichtlich heiß auf ein Abenteuer, weit weg von der Heimat, um als Helden zurückzukehren. Gleich dem Märchen, wie es Hitler Tag für Tag seinem Volk auftischte, wollten auch sie als tapfere Krieger und Sieger gefeiert und verehrt werden, so verriet es der stolze Glanz so mancher Augenpaare.

»Dritte Gruppe auf mein Kommando.«

Auf einmal stand der Leutnant vor ihnen. Roland hatte es nicht bemerkt, dass der Hauptmann aufgehört hatte zu sprechen und bereits verschwunden war.

»Rechts um«, setzte der Leutnant fort, »Reihe ohne Schritt, mir nach, Marsch!«

Die dritte Gruppe setzte sich in Bewegung. Ein paar Meter weiter vorne, erblickte Roland Andis Kopf.

»Hauptsache wir bleiben zusammen«, hoffte Roland, als er auf den blondgelockten Schopf starrte.

Die Einheit machte halt und richtete sich entlang einer Linie aus.

»Gleich heute beginnen Sie zu lernen, wie die wesentlichen Grundkenntnisse aussehen, über die Sie als Soldat verfügen müssen. Wir werden nun das Exerzieren üben und ich verlange dabei vollste Konzentration.«

Der Leutnant zeigte ein paar Mal das »Rechts um« und das »Links um« vor, ehe es die Gruppe auf Befehl nachmachte. Es funktionierte schon ganz gut, nur beim Marschieren gab es noch die ein oder anderen Schwierigkeiten. Außerdem wurde gelehrt, wie sich ein Soldat zu melden und wie er mit seinen Vorgesetzten zu sprechen hatte. Nach einer anstrengenden Lektion ging es dann im zuvor gelernten Gleichschritt zum Mittagessen.

Es kam Roland wie eine Ewigkeit vor, als er an seine letzte Mahlzeit zurückdachte. Trotzdem hatte er kaum Hunger. Er war bloß müde und erschöpft, auch wenn ihn die innere Anspannung wachhielt. Ständig wünschte er sich, endlich aus diesem Albtraum zu erwachen, doch es geschah nicht. Er zwang sich, ein paar Bissen zu essen, musste jedoch bald aufgrund großer Übelkeit aufgeben.

Der Nachmittag war gespickt mit neuerlichem Unterricht im Exerzieren. Zudem erklärte man ihnen die Funktionsweise ihrer Waffe, woraufhin diese mehrmals auseinandergenommen und wieder zusammengesetzt werden musste. So ging es bis zehn Uhr nachts, ohne große Pausen. Erledigt und ausgelaugt fielen die jungen Männer nach Dienstschluss in ihre Betten. Diese waren unbequem und durchgelegen, aber das störte in diesem Moment niemanden.

Roland lag noch einige Zeit wach und dachte an daheim. Er vermisste seine Eltern und seine Geschwister. Er sehnte sich nach seinem vertrauten Umfeld, nach seinem Bett und vor allem nach Lilli. Er wusste nicht mehr, was er denken sollte. Sein Kopf und seine Glieder schmerzten. Er klopfte zweimal leise an die Holzbretter über ihm, die Andis Matratze trugen:

»Gute Nacht, Andi.«

»Schlaf gut, Roland«, hallte es von oben zurück. Roland schloss seine Augen und atmete tief durch. Danach schlief er ein.

5

»TAGWACHE!«

Roland saß aufrecht in seinem Bett. Schlagartig war er hellwach. Sein Herz raste wild und für einen Moment musste Roland all seine Gedanken bündeln, um zu realisieren, was gerade vor sich ging. Das grellweiße Licht schmerzte in den verschlafenen Augen, Spindtüren krachten und junge Männer hüpften aus ihren Betten. Niemand wusste so recht, wie ihm geschah. Andi blickte verdutzt von oben herab.

»Es ist sechs Uhr. Sie haben fünfzehn Minuten Zeit, sich zu waschen und ordentlich zu rasieren. Um exakt Nullsechsfünfzehn sind Sie fertig adjustiert auf Ihren Zimmern. Durchführen!«

Roland wusste nicht, wer diese Worte so laut über den Flur geschrien hatte, jedoch machte er sich schleunigst daran, sich anzuziehen. Mit der vorgegebenen Zeit kam er gerade noch so aus, da es im Waschraum turbulent zuging, als achtzig Soldaten mit zehn Waschbecken auskommen mussten. Überpünktlich wurde der Befehl zum Austreten gegeben und die müden Soldaten drängten die Stiegen hinunter, hinaus auf den Antreteplatz. In Reih und Glied stellte sich jeder an seinen Platz und verharrte dort mucksmäuschenstill. Ein Gruppenführer brüllte:

»Still gestanden!«

Einheitlich nahmen alle anwesenden Soldaten Haltung an. Nun durfte sich keiner mehr bewegen. All das hatten die jungen Soldaten bereits am Vortag gelernt und es schien zu funktionieren. Alles wartete gespannt auf den Hauptmann. Dieser schritt mit festem Blick die Stufen herab und stellte sich vor die angetretene Kompanie. Er salutierte auf und begrüßte laut die angetretenen Soldaten:

»Guten Morgen, Kompanie!«

»Guten Morgen, Herr Hauptmann«, brüllten ihm zweihundertvierzig Kehlen entgegen.

Roland bekam Gänsehaut. Aber nicht nur er war erstaunt, wie mächtig so ein kraftvoll im Chor gesprochener Gruß wirkte. Die eindringlichen Worte der Masse hallten einen Moment lang nach und hinterließen Erstaunen und Wohlgefallen in den Gesichtern der jungen Männer. Der Hauptmann machte ein zufriedenes Gesicht und ließ die Kompanie ruhen. Es folgte eine Standeskontrolle, um die Vollzähligkeit der Angetretenen festzustellen. Anschließend ging es geschlossen zum Frühstück.

Das Programm der nächsten Tage war dicht und Roland hatte nicht viel Zeit, um nachzudenken. Ohne große Unterbrechungen lehrte man ihnen alles über ihre Waffen und ihre Ausrüstung. Sie hoben Gräben und Stellungen aus und schossen auf Zielscheiben. In den wenigen freien Minuten, die sie hatten, mussten sie Dienstgrade auswendig lernen. Roland kam das anstrengende Programm gerade recht, da es ihn ablenkte und er nicht ständig der Realität ins Auge blicken musste.

Den Abschluss der Woche bildete ein dreißig Kilometer langer Eingewöhnungsmarsch am Samstag. Mit voller Ausrüstung und schwerem Marschgepäck, zogen die einzelnen Gruppen frühmorgens los. Da die Kaserne am Stadtrand gelegen war, erreichten sie schnell unbewohntes Gebiet. Sie marschierten auf Wald- und Wiesenwegen durch flaches Terrain. Daran war Roland nicht gewöhnt. Nirgends waren Berge oder Hügel zu sehen, nur Flachland, so weit das Auge reichte. Bereits nach wenigen Kilometern schmerzten seine Füße, da seine Schuhe viel zu klein waren. Auch Andi klagte beiläufig darüber, als die beiden nach einer Weile ins Gespräch kamen.

»Weißt du Roland, mittlerweile finde ich es gar nicht mehr so schlimm hier. Es ist zwar eine etwas andere Welt, als wir sie gewohnt sind, aber wir müssen sowieso damit klarkommen. Wir sollten die Zeit hier noch genießen, so gut es geht. Wer weiß wo wir nachher hinkommen. Ein paar Leute aus dem Zimmer wollen morgen ein wenig die Stadt erkunden. Bist du dabei?«

»Ich weiß noch nicht genau. Eigentlich wollte ich meinen Eltern und Lilli schreiben.«

»Das kannst du ja vorher machen. Komm‘ mit, die Ablenkung tut dir bestimmt gut. Wir müssen wieder einmal raus aus der Kaserne und unter normale Menschen kommen.«

»Vermutlich hast du Recht, Andi. Wie weit ist es eigentlich noch?«

Mit dieser Frage wandte sich Roland von Andi ab und blickte nach vorne, wo Kainz mit der Karte und dem Kompass lief.

»Wenn wir jetzt da sind, wo ich glaube, dann haben wir noch etwa zwanzig Kilometer.«

Ein Stöhnen ging durch die Gruppe. Viele hatte bereits Blasen an den Füßen oder waren an solche Strapazen einfach nicht gewöhnt.

»Ich würde vorschlagen, wir machen hier eine Pause und stärken uns etwas«, gab Kainz nach hinten durch.

An Ort und Stelle legten die Soldaten ihr Gepäck ab und setzten sich darauf. Sie aßen etwas von der mitgebrachten Marschverpflegung, ehe sie ihren Weg durch einen kleinen Wald fortsetzten. Man sah der Natur an, wie sie sich auf den Winter einstellte. Die Blätter waren braun geworden und segelten von den Bäumen herab. Kühler Wind fegte über die taufrischen Wiesen hinweg. Das Vogelgezwitscher war aus den Wäldern verschwunden und Stille kehrte allmählich ein. Langsam spürte Roland neben seinen Beinen auch, wie ihm Nacken und Rücken wehtaten. Der Gurt, an dem die Waffe um den Hals hang, drückte bei jedem Schritt heftiger und der Rucksack schien immer schwerer zu werden.

»Nur nicht zu viel den Kopf darüber zerbrechen«, sagte sich Roland innerlich. »Immer einen Schritt vor den anderen setzen und dabei nach vorne blicken.«

Auch das offensichtliche Leiden anderer lenkte ihn von seinem eigenen ab. Ein paar Kameraden waren fünf Kilometer vor dem Ziel total am Ende ihrer Kräfte und rissen immer wieder ab. Andi, der kräftig gebaut und körperliche Strapazen gewohnt war, nahm sich ein Herz und trug für einen Kameraden den Rucksack. Dieser war ihm sehr dankbar und schaffte es ohne die schwere Last leichter, Schritt zu halten. Roland, selbst am Ende seiner Kräfte, nahm sich Andi als Vorbild und übernahm ebenfalls das Gepäck eines anderen.

Je näher es dem Ende zuging, desto gereizter wurden einige der jungen Männer. Einer, der bisher tapfer durchgehalten hatte, brach auf den letzten Kilometern zusammen und musste von zwei anderen gestützt werden. Roland fiel auf, wie diese Prüfung die Gruppe allmählich zusammenschweißte und, dass es abseits der körperlichen Ertüchtigung noch einen wesentlich tieferen Sinn bei dieser Übung gab. Mit letzter Kraft erreichte die Einheit die Kaserne und das Glück über den Erfolg verdrängte die Schmerzen.

Der Tag hielt keine weiteren Aufgaben mehr für sie bereit und so war für die dritte Gruppe des ersten Zuges nun das erste Wochenende als Soldaten angebrochen. Der direkte Weg nach dem Abtreten führte ins Zimmer, wo jeder nur noch darauf erpicht war, endlich das Gepäck abzulegen und aus den Schuhen heraus zu kommen.

Als Roland seine Socken ablegte, entdeckte er an beiden Füßen große Blasen, die bereits aufgerieben waren. Noch viel schlimmer hatte es Andi erwischt, dessen Socken bereits von Blut durchtränkt waren. Roland schien darüber jedoch besorgter zu sein als Andi selbst. Wie bereits seit Kindestagen an, beschwerte sich Andi nicht darüber, sondern nahm es einfach hin. Es war eine Eigenschaft, die Roland so an ihm bewunderte.