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Gwynevra und Anna sehen sich immer noch der bösen alten Hexe konfrontiert und Brin, der eigentlich seine Ausbildung zum Zauberlehrling antreten wollte, stürzt Kopfüber in ein weiteres Abenteuer. Wie es mit der Legende des verschollenen Königreiches weitergeht, erfährst du jetzt im zweiten Buch: Krieg und König.
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Seitenzahl: 293
Veröffentlichungsjahr: 2016
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Anja Von Ork
Krieg und König
Die Legende des verschollenen Königreiches Band II
Dieses ebook wurde erstellt bei
Inhaltsverzeichnis
Titel
Vorwort
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Impressum neobooks
Der zweite Band der Legende um das verschollene Königreich trägt sich in einer Gegend zu, in der die Gelehrten das große legendäre Königreich der schlafenden Königin ansiedeln. Das in den alten Legenden einst geeinte große Land ist nunmehr in eine Vielzahl kleinerer Fürstentümer zerfallen. Diese Länder kennt man heute als das Großherzogtum Arman, das Fürstenreich Nanankra, das Gebiet Ragnarn im Süden und die vereinigten nördlichen Lande. Die Herrschenden und die Völker sind miteinander zerstritten. Allianzen werden geschmiedet und gelöst, Freunde werden zu Feinden, Verrat und Misstrauen sind allgegenwärtig.
In Arman herrscht der Großherzog Marvin Grenfort von Werl mit den Herzögen der einzelnen Provinzen über das Land. Sitz des Großherzoges ist die alte Burg Werl, die auf einer Klippe über der Hauptstadt des Großherzogtums thront. Auf der Burg Werl leben neben der Familie des Großherzoges noch einige andere adlige Familien, der Hofstaat, Diener, Mägde und Knechte und die Kommandantur der Ehrengarde von Arman sowie ein Großteil der armanischen Armee. Burg und Stadt sind das politische und militärische Zentrum des Großherzogtums Arman.
Die meisten Herzöge haben in ihren Provinzen ihren Wohnsitz genommen. Einige leben in Gutshäusern und kleineren befestigten Anlagen wie in der westlichsten Provinz Bringodem, andere haben sich eine Trutzburg erbaut wie der Herzog von Ganor. Die Herzöge haben sich verpflichtet, den Großherzog zu unterstützen. Seit vielen hundert Jahren befindet sich Arman in einem ständigen Krieg mit den Ragnarim im Süden um die südlichen Siedlungsgebiete. Unterstützung bekommt Arman dabei vom Fürstentum Nanakra, dessen Herrscher Prinz Rudin regelmäßig Botschafter auf die Burg Werl schickt.
Die vereinigten nördlichen Lande halten sich größtenteils aus dem Krieg im Süden heraus. Ihre Verbindungen mit Arman und Nanankra beschränken sich auf die Handelsbeziehungen der Länder untereinander. Die Nordlande handeln vor allem mit Holz, das in Arman sehr knapp ist und lassen sich aus den südlichen Provinzen Armans mit Wein beliefern, der im Norden nicht gedeiht. Arman ist auf die Nordländer als Handelspartner und Hauptholzlieferant angewiesen, verzeiht es ihnen aber nicht, dass sie das Großherzogtum im Kampf um die südliche Grenze nicht unterstützen.
Das Buch handelt von mehreren Figuren, die im Wechsel des Geschehens aufeinandertreffen und wieder getrennt werden. Ihre Schicksale sind alle miteinander auf unterschiedlichste Weise verknüpft.
Was bisher geschah: Der kleine Taschendieb Brin wurde verhaftet, angeklagt und für ein Verbrechen verurteilt, das er gar nicht begangen hat. Einen reisenden Händler namens Peter Eschweiler soll er gemeinsam mit seinem Vater ermordet haben. Der Händler hatte zuvor ein gutes Geschäft gemacht und dem Bibliothekar der Burg Werl einige wertvolle Papiere verkauft. Brin wird in die Sklaverei geschickt und befindet sich schon nicht mehr in der Stadt, als auch der Bibliothekar unter mysteriösen Umständen zu Tode kommt. Was ist geschehen? Niemanden scheint es wirklich zu interessieren, nur Prinzessin Gwynevra stellt einen Zusammenhang zu der mysteriösen Schriftrolle her, die der Bibliothekar kurz vor seinem Tod erworben hat. Sie beginnt sie heimlich zu übersetzen. Wer wollte den alten Mann töten? Und was weiß die neue Bibliothekarin?
Brin wachte von dem durchdringenden Meckern der Ziege auf. Müde versuchte er, ihre Klage zu ignorieren und zog die Decke über den Kopf. Durch die Luke drang graues, weiches Licht hinauf. Die Sonne war sicherlich noch nicht aufgegangen. Seufzend wühlte er sich tiefer in das duftende Stroh. Doch die Ziege hatte auch die Hühner mit ihrer Unruhe angesteckt und diese begannen krächzend einen Chor anzustimmen. Zusammen ergab das dann ein schauriges Konzert frühmorgendlicher Weckrufe. Ergeben kroch er schließlich aus dem Bett. Er hatte seine Ausbildung nun offiziell begonnen und es gehörte seitdem zu seinen festen Aufgaben, sich um die Tiere zu kümmern und diese wussten, dass er sie hören konnte. Während er in seine Hose stieg und nach seinen Stiefeln angelte, fluchte er laut, als er sich den Kopf an einem der niedrigen Deckenbalken stieß. Der Tag begann vielversprechend. Als er schließlich am Bach ankam, um sich zu waschen, fühlte er sich schon gar nicht mehr so müde. Seine schlechte Laune hatte sich allerdings noch nicht gebessert. Die Morgentoilette erledigte er trotzdem mit großer Sorgfalt. Er wollte nicht noch einmal zum Bach gehen müssen. Auf dem Rückweg füllte er den Trinkwassereimer an der Quelle auf. Schon wieder hatte er sich einen Weg gespart. Es müsste einen Weg geben, das Wasser ohne die lästige Schlepperei vom Fluss direkt bis zum Haus zu transportieren. Am besten wäre es sicherlich, wenn man nur einen Handgriff zu tätigen hätte. Aber ihm fiel keine praktikable Möglichkeit ein, wie dies zu bewerkstelligen sei. Vielleicht konnte man der Ziege beibringen, das Wasser zu tragen. Bloß konnte die das Wasser nicht selber schöpfen. So in seinen Gedanken versunken, bemerkte er den Reiter erst, als er die Lichtung schon zur Hälfte überquert hatte. Er hatte sich inzwischen mit dem Gedanken vertraut gemacht, dass die Leute Mac konsultierten, wenn sie Hilfe benötigten. Aber der unerwartete Anblick eines fremden Menschen auf der inzwischen so vertrauten Lichtung versetzte ihm immer noch einen leichten Schrecken. Sie wohnten hier so abgeschieden, dass er den Tumult und Lärm der Stadt bereits verdrängte, obwohl es erst ein paar Wochen waren, seit er hier angekommen war. Jeder Fremde nährte die Angst in ihm, doch noch entdeckt und auf den nächsten Sklavenmarkt verschleppt zu werden. Langsam ging er weiter, umrundete das Haus auf der Rückseite und gelangte so von der anderen Seite her zum Stall, wo er die Tränke mit dem Quellwasser füllte. Er wollte dem Fremden nicht begegnen. Nachdem im Stall aber nun nichts mehr zu tun war, musste er wohl oder übel ins Haus, wenn er sein Frühstück haben wollte. Immer noch zögernd ging er auf die Tür zu. Das Pferd graste inzwischen auf der Wiese vor dem Haus und beachtete ihn gar nicht. Es war ein schönes Tier von kräftigem Wuchs, das sicherlich lange Strecken spielend bewältigen konnte. Es wirkte nicht wie ein Ackergaul. Die meisten Leute, die zu Mac kamen, waren Bauern aus der Gegend und konnten sich einen richtigen Arzt nicht leisten, geschweige denn ein elegantes Reitpferd. Kurz dachte er an die Stunden zurück, die er in der Schmiede in Arman verbracht hatte und eine leichte Sehnsucht nach vergangenen Zeiten schlich sich in sein Herz. Wie konnte man so glücklich sein und gleichzeitig so viel vermissen? Er straffte die Schultern, wie um sich Mut zu machen und betrat das Häuschen. Mac saß mit dem Fremden am Tisch. Offensichtlich gab es viel zu bereden. Brin blieb unschlüssig stehen. „Gut, dass du da bist. Das ist Reinhard.“ Brin nickte dem Fremden zu. Er trug einen hellen Bart und hatte dunkle, schmale Augen, die im Kontrast zu seinem weizenblonden Haar standen. „Unser Freund hier hat wichtige Nachrichten für mich. Ich werde in ein paar Tagen für eine Weile verreisen müssen und ich möchte, dass du mitkommst.“ Reinhard hatte sich erhoben und drückte Brin die Hand. Der Händedruck war fest und kurz, aber nicht unfreundlich. Brin setzte sich. „Wo soll es denn hingehen?“ Mac lachte und lehnte sich entspannt zurück. „Mein Bruder braucht meine Hilfe in ein paar geschäftlichen Dingen und es trifft sich ganz gut, denn ich habe ihn lange nicht gesehen. Du solltest ihn kennen lernen, damit du weißt an wen du dich wenden kannst, wenn mir mal was zustößt.“ Das hatte er gesagt als sei es das natürlichste von der Welt, aber Brin wurde schlagartig klar, dass sein neues Zuhause womöglich auch nicht von langer Dauer war. „Ach, dir passiert schon nichts.“ Sagte er, mehr um sich selbst zu überzeugen und versuchte, seine wachsenden Bedenken mit seinem Rührei herunter zu schlucken.
Jeden Morgen ging sie nun mit Bauchschmerzen hinunter in die Bibliothek. Seit zwei Wochen beobachteten Gwyn und Anna Fräulein Rudin nun, und die Frau hatte sich keine einzige Verfehlung seitdem geleistet. Dafür war sie unangebracht streng, aber das genügte nicht, um bei ihrem Vater ihre Entlassung zu bewirken. Besser sie beeilte sich. In ihrer Hast wäre Gwynevra beinahe die Treppe hinuntergestürzt. Sie konnte sich gerade noch abfangen, trat aber auf den Saum ihres Kleides und mit einem scharfen Geräusch riss der feine Stoff. Schnell biss sie sich auf die Zunge, um nicht zu fluchen. Sie hatte keine Zeit mehr, um sich umzuziehen. Also hastete sie weiter und hoffte, vor Fräulein Rudin in der Bibliothek zu sein, damit sie bereits hinter ihrem Pult saß und diese folglich den lädierten Saum nicht bemerkte. Doch zu ihrem Pech hatte die Stunde scheinbar bereits begonnen. Fräulein Rudin maß sie mit abschätzigem Blick. Gwyn erkannte mit Schrecken, dass rund die Hälfte der Mädchen noch nicht da war. „Guten Morgen, Fräulein!“ grüßte sie artig und versuchte nicht an den Saum zu denken, als ob sie das vor einer Entdeckung bewahren könnte. Weit gefehlt. „Euer Saum ist in Unordnung, Hoheit.“ Das Fräulein rümpfte die Nase, als ob es nichts Abstoßenderes geben könnte als ein Stück ausgerissenen Stoffes. Gwyn bemühte sich um einen überraschten Gesichtsausdruck. „Oh!“ dann begutachtete sie eingehend die beschädigte Stelle. Ein paar Stiche würde das schnell wieder in Ordnung bringen. „Vielen Dank für den Hinweis. Erlaubt ihr, dass ich mich umziehen gehe?“ Fräulein Rudins Augen funkelten. „Nein, ich erlaube nicht. Setzt euch.“ In diesem Moment ging die Tür auf und Anna kam herein. Normalerweise wäre sie pünktlich gewesen, doch heute schien der Unterricht ausnahmsweise zehn Minuten eher zu beginnen als gewöhnlich. Nach ihr folgte der Rest der Klasse und auch sie wurden mit bitterbösen Blicken auf ihre Plätze geschickt. Die Bibliothekarin nahm ebenfalls hinter dem Pult Platz und saß dort kerzengerade mehrere Minuten lang ohne zu sprechen. Als die große Standuhr im Flur neun Uhr schlug und die eigentliche Stunde beginnen sollte, stand sie auf und trat vor die Klasse. „Zu meinem Missfallen sind heute mehr als die Hälfte von euch zu spät erschienen.“ Die aufkommenden Proteste erstickte sie mit einer wedelnden Handbewegung im Keim. „Ich werde derlei nicht durchgehen lassen. Zu lange schon habt ihr hier gehockt und diese albernen Texte abgeschrieben.“ Das letzte Wort betonte sie überdeutlich. „Das einzige Ziel dieses sinnlosen Schreibens ist es, Zeit totzuschlagen.“ Jetzt wandte sie sich mit unverhohlener Häme Anna zu. „Ich wurde herberufen, euch zu wohlerzogenen jungen Damen zu erziehen. Wie es das Schicksal will, lässt mir der Großherzog in seiner Gnade bei der Gestaltung des Unterrichtes fortan völlig freie Hand.“ Anna und Gwyn tauschten schnell einen entsetzten Blick, der dem Fräulein nicht entgangen war. „Ich weiß, dass einige von euch nicht mit mir einverstanden sind. Ihr werdet schon lernen mich zu respektieren. Von nun an wird jedwede Überschreitung jedes einzelnen von euch mit der Bestrafung der gesamten Klasse geahndet.“ Sie blickte nun Gwyn direkt an und die dachte voller Schrecken an den ruinierten Saum. „Euer Kleid ist ein einziges Desaster. Eine Katastrophe, dass ihr euch so in meinen Unterricht traut.“ Gwyn musste ihr in diesem Punkt zustimmen, wenn auch aus anderen Motiven. Das Fräulein trat an ihr Pult und lächelte. „Ich muss euch beibringen, das eine Dame ihr Äußeres immer untadelig zu halten hat, genau wie ihren Ruf.“ Die Klasse saß angespannt da und wartete. „Wir beginnen mit der richtigen Haltung. Also los meine Damen. In Zweierreihen aufstellen. Und nicht schwätzen.“ Stühle wurden gerückt und die Mädchen reihten sich stumm hintereinander auf. Gwyn stellte sich an den Anfang der Reihe. Plötzlich spürte sie flüchtig eine Hand in ihrem Rücken und als sie rasch den Blick zur Seite wandte, merkte sie, dass Anna sich neben sie gestellt hatte. „Also los meine Damen, nicht drängeln.“ Dann drückte sie jedem Mädchen ein Buch in die Hand. „Diese Bücher müssen auch zu etwas nütze sein. Ihr legt jetzt das Buch auf den Kopf und durchschreitet solange die Bibliothek, bis ihr gelernt habt, nicht mehr wie die Bauerntrampel zu laufen. Die Hände dabei bitte auf den Rücken legen, wir wollen doch nicht schummeln! Wem das Buch herunterfällt, der wird selbstverständlich bestraft.“ Gwyn griff nach dem besonders dicken Buch, dass ihr die Bibliothekarin reichte. Sie würde sich ihre Frisur zerknautschen. Am Ende des Tages könnte sie dann zwar wie ein Engel einherschreiten, aber sie sah sicherlich nicht mehr aus wie einer. Nur zögerlich legte sie das schwere Buch auf ihrem Kopf zurecht. Es begann sofort zu rutschen. Wie sollte sie damit schreiten, wenn sie die Hände auf dem Rücken tragen sollte? Anna hatte ebenfalls ein sehr dickes Buch erhalten und Fräulein Rudin trieb sie zur Eile an. Sie sollten beginnen. Ein paar der Mädchen hatten das Buch bereits auf dem Kopf, bei einigen rutschte es wie bei Gwyn ständig wieder herunter. Anna trug das Buch tatsächlich wie eine Krone. Es schien zu ihrem Kopf zu gehören, so frei konnte sie sich damit bewegen. Gwyn neidete ihrer neuen Freundin diese Geschicklichkeit. Sie fühlte sich mit dem zerrissenen Kleid und der zerstörten Frisur unwohl und das Buch rutschte beständig herunter. Als sie sich in einer merkwürdigen Prozession durch die Bibliothek in Bewegung setzten, griff Gwyn erneut danach, damit es nicht zu Boden fiel. Fräulein Rudin hatte es gesehen und versetzte ihr mit einem hölzernen Lineal einen Schlag auf die Finger. Gwyn schrie auf vor Schmerz. Das Buch fiel polternd zu Boden. Ein paar der Mädchen fuhren erschrocken zurück. Auch ihre Bücher klatschten auf den Boden. Was fiel dieser Person nur ein? „Die Hände auf den Rücken, meine Liebe.“. Zähneknirschend bückte Gwyn sich nach dem Buch und drückte es wieder auf ihre blonden Locken. Nie würde sie dieser Person eine derartige Behandlung verzeihen!
Eine Weile ging es ganz gut. Doch bald wurden die Mädchen müde und immer öfter griffen sie nun nach den Büchern, damit sie nicht herunterfielen. Fräulein Rudin verteilte schmerzhafte Hiebe mit dem Lineal und konnte sich ein schadenfrohes Lächeln nicht verkneifen. Gwyn hatte schon ganz blaue Finger. Sie wunderte sich, wie ihr Vater eine derartige Behandlung zulassen konnte. Sicherlich wusste er nichts von den Methoden, die das Fräulein bei der Erziehung anwandte. Erneut kam das Buch ins Rutschen, doch Gwyn konnte nicht mehr schnell genug danach greifen. Krachend fiel es zu Boden. In den kalten Augen der Bibliothekarin blitzte es erfreut auf. „So meine Damen, es ist genug. Wir werden das morgen noch einmal wiederholen, und von nun an jeden Tag, bis es geht. Setzen!“ Gehorsam gingen die Mädchen zu ihrem Platz. Fräulein Rudin stand vor Gwyn und betrachtete stirnrunzelnd das Buch auf dem Boden. Es war mit dem Buchrücken aufgeschlagen und der Einband war dabei zu Bruch gegangen. Ganz schief und armselig lag es mit aufgeschlagenen Seiten da wie ein großer dunkler Vogel, der sich das Genick gebrochen hatte. „Ihr habt das Buch fallengelassen.“ Stellte Fräulein Rudin nüchtern fest. „Es ist beschädigt.“ Gwyn verknotete nervös die Finger. „Das war ein Versehen!“ stieß sie hervor. Was würde die böse Frau nun anstellen? Das Fräulein fasste Gwyn am Arm und zerrte sie zu dem großen Flügelfenster und auf den Balkon. Draußen hatten sich die Wolken zu wütenden Bergen aufgehäuft und ein paar einzelne Tropfen fielen gegen das Glas. „Wem das Buch herunterfällt, der gehört bestraft. Ihr seid vom Unterricht ausgeschlossen, bis ich euch wieder dazu rufe.“ Mit diesen Worten öffnete sie das Fenster und stieß Gwyn auf den kleinen Balkon. „Was soll ich denn hier?“ rief sie und starrte auf das drohende Unwetter. Fräulein Rudin machte sich daran, dass Fenster zu schließen. „Ihr wartet, bis ich wieder geneigt bin, euch zu unterrichten, meine Liebe.“ Damit verschloss sie das Fenster und fuhr mit dem Unterricht fort.
Anna saß auf ihrem Platz und starrte Gwyn an, unschlüssig, ob sie nicht einschreiten sollte. Doch Gwyn schien ihre Gedanken zu ahnen und schüttelte unmerklich den Kopf. Das Fräulein hatte Platz genommen und wies die Mädchen nun an, gerade zu sitzen und das Buch wieder auf den Kopf zu legen. Anna hasste diese Frau. Mehrere Minuten verstrichen, während die Mädchen schweigend dasaßen, völlig verkrampft durch die unnatürliche Haltung und ängstlich darauf bedacht, nur ja das Buch nicht fallen zulassen. Doch Fräulein Rudin schien diese Übung nicht beenden zu wollen. Sie las in einem dicken Wälzer. Gwyn stand auf dem Balkon und beobachtete die Klasse. Ein eiskalter Tropfen fiel ihr in den Nacken und sie zuckte zusammen. Der Wind trieb das Unwetter genau auf die Burg zu. Mit wachsender Beunruhigung sah sie einen Blitz über den nachtschwarzen Himmel zucken. In einiger Entfernung grollte dunkler Donner. Eine böse Ahnung stieg in ihr auf. Fräulein Rudin würde erst das Unwetter abwarten, bevor sie die Bestrafung beendete. Sie würde sich hier draußen den Tod holen! Die Zeit wollte scheinbar nicht vergehen. Die Mädchen im Klassenraum bewegten sich nicht und Fräulein Rudin schien nicht einmal zu atmen. Wie tot lag der Raum vor ihr und sie fühlte sich wie eine Ausgestoßene. Immer mehr Tropfen fielen nun vom Himmel herab. Der Türsturz, unter den sie sich gestellt hatte, war nicht annähernd breit genug, um sie zu schützen. Ihr Kleid war nach kurzer Zeit nass und der Boden wurde schlüpfrig. In dem kalten Wind begann sie zu frieren. Sie schlang die Arme um den Leib um sich warm zu halten. Sie würde diese Frau umbringen, wenn sie das hier überlebte. Ihre Zähne klapperten. Das Donnergrollen kam immer näher. Im Zimmer herrschte eine ähnliche Kälte wie draußen. Doch diese schien sich nicht auf den Körper, sondern auf den Geist auszuwirken. Anna zitterte vor unterdrückter Wut und Bestürzung. Aus den Augenwinkeln beobachtete sie Gwyn. Als sie bemerkte, dass es auch noch zu hageln begann, brach der rasende Zorn aus ihr hervor. Wütend ergriff sie das Buch auf ihrem Kopf, sprang auf und in einer blitzschnellen Bewegung warf sie es nach der Bibliothekarin. Doch die so plump wirkende Frau musste dem Geschoss mit einer so schnellen Bewegung ausgewichen sein, dass Anna sie nicht gesehen hatte. Das Buch klatschte direkt hinter ihr an die Wand und blieb auf dem Boden liegen. Es hätte sie am Kopf treffen müssen, aber es war scheinbar durch sie hindurchgegangen. Die Mädchen waren vor Schreck zu Salzsäulen erstarrt. Fräulein Rudin lächelte nur. „Ungehöriges Verhalten muss bestraft werden.“ Sie stand auf, kam auf Anna zu und packte mit so festem Griff ihr Handgelenk, dass Anna scharf die Luft einzog. Dann zerrte sie sie hinter sich her zum Fenster. „Ihr könnt eurer Freundin nun Gesellschaft leisten. Ihr anderen macht weiter. Habe ich euch gesagt, dass ihr aufhören sollt?“ Erschrocken griffen die Mädchen wieder nach den Büchern. Sie waren völlig eingeschüchtert. Das Fräulein schubste Anna auf den Balkon. Sie rutschte auf dem nassen Boden aus und wenn Gwyn sie nicht festgehalten hätte, wäre sie über die niedrige Brüstung gefallen. Mit einem Knall warf die Bibliothekarin die Flügeltüren zu und begab sich ungerührt wieder auf ihren Platz. Das Unwetter fing an immer schlimmer zu wüten. Nach einer Weile begann Fräulein Rudin zu sprechen und die Mädchen nahmen die Bücher vom Kopf. Es musste jetzt weit über Mittag sein. Anna und Gwyn drängten sich zusammen. Nacheinander verließen die Mädchen die Bibliothek. Doch das Fräulein schien das Fenster nicht öffnen zu wollen, obwohl die Stunde scheinbar beendet war. Sie beugte sich über ihren Schreibtisch und machte sich eine Weile an den Schubfächern zu schaffen. Dann verließ sie den Raum und ging in ihr Büro. Die Minuten verstrichen. „Was macht die nur so lange da drin? Will sie uns nicht reinlassen?“ Anna hämmerte wütend gegen die Scheiben. „Machen Sie endlich auf!“ schrie sie wütend. „Lass das doch.“ Gwyns Zähne klapperten. „Wenn du ihr zeigst, wie wütend du bist, dann hat sie erreicht, was sie will.“ „Wie kannst du dir nur so sicher darüber sein, was sie will? Vielleicht möchte sie uns umbringen? Der Stoß vorhin hätte mich beinahe über die Brüstung geschleudert! Sie hat unglaublich viel Kraft für so eine alte Schabracke.“ Wieder hämmerte Anna wütend gegen die Scheibe. „Diese Frau ist doch kein menschliches Wesen! Das Buch hätte sie eigentlich treffen müssen. Ich weiß gar nicht, wie ich daneben werfen konnte.“ Gwyn schüttelte den Kopf, dass die Tropfen nur so flogen. „Du hast nicht daneben geworfen. Wenn ich es nicht besser wüsste, würde ich schwören, dass sie kurz verschwunden war und sofort wiederaufgetaucht ist. Das Buch ist durch sie hindurchgegangen. Aber das kann nicht sein! Es ist völlig unmöglich!“ Anna starrte sie verwundert an. „Sie ist aus Fleisch und Blut. Man kann immer noch sehen, wo sich ihre Fingernägel in mein Handgelenk gebohrt haben.“ Wütend betrachtete sie die Stelle, wo sich die hässlichen roten Kratzspuren von der hellen Haut abhoben. Ganz in der Nähe schlug ein Blitz ein und darauf folgte unmittelbar ein Donnergrollen, dass die Fensterscheiben zitterten. Gwyn zuckte zusammen. Anna musste niesen. „Wir erkälten uns hier draußen. Sie muss uns jetzt reinlassen.“ Gwyn nickte nur matt. Sie merkte, wie ihre Kräfte schwanden. Sie würde ernsthaft krank werden, wenn sie nicht bald ins Warme kam. Müde ließ sie sich auf den Boden sinken. Anna setzte sich neben sie.
Tristan hatte sich nach dem Essen für die vorgeschriebene Mittagsruhe auf sein Zimmer zurückgezogen. Nach dem Ende der Prüfungen begann nun ein äußerst hartes Training zusammen mit den einfachen Soldaten. Während er dem wachsenden Unwetter zusah, versuchte er mit einer Entspannungsübung seine von den Verletzungen immer noch verkrampften Muskeln zu lockern. Die Wunde im Nacken hatte sich zwar geschlossen, aber er spürte, wie sie pulsierte und pochte. Dreimal war er schon beim Wundarzt der Ehrengarde gewesen. Dem höfischen Leibarzt vertraute er nicht. Aber auch der mit Kampfverletzungen erfahrene Kommandant hatte ihm nicht helfen können. Er behauptete, die Wunde sei vollständig verheilt. Wütend knirschte Tristan mit den Zähnen und versuchte sich wieder auf die Übung zu konzentrieren. Für einen Moment gelang es ihm auch, die Muskeln im Rücken zu lockern. Dann schweiften seine Gedanken wieder ab. Geistesabwesend strich er sich mit der Hand über den Nacken. Dann war er plötzlich höchst konzentriert. Er hatte Stimmen gehört. Aber sie schienen nicht vom Flur, sondern von draußen zu kommen. Aber da waren nur der steile Abhang und der Ausblick über das Tal und die Stadt. Es konnte niemand unter seinem Fenster sein. Er wartete eine ganze Weile und lauschte. Nach dem Angriff war er vorsichtig geworden. Da hörte er es wieder! Das waren eindeutig Stimmen. Verwundert stand er auf und öffnete das Fenster. „Ich fühl mich gar nicht gut.“ schniefte Gwyn. Wasser rann ihr aus den Haaren über die Stirn und in die Augen. Mit einer fahrigen Geste wischte sie sich über die Wangen. Anna rückte näher und legte den Arm um sie. Die Prinzessin glühte bereits vor Fieber. Sie war eine sehr zarte Person und ein solches Wetter nicht gewohnt. „Weißt du, in Kaltbach haben wir laufend solches Wetter. Wenn die Stürme von den Bergen ins Tal rollen, bleibt manchmal nicht ein Halm auf dem Acker stehen. Aber jedes Unwetter geht einmal vorbei.“ Anna versuchte sie zu beruhigen. Aber je länger sie hier saßen, desto unruhiger wurde sie selbst. Schließlich stand sie wieder auf und klopfte erneut gegen die Scheibe. „Fräulein, öffnen Sie!“ schrie sie so laut sie konnte. „Öffnen Sie die Tür!“ Doch der Wind zerriss ihre Stimme und der Ruf ging im Heulen des Sturms unter. Gerade als sie sich überlegte, ob sie die Tür aufbrechen sollte, hörte sie aus dem oberen Stockwerk eine Stimme. „Hey!“ Zu seiner Überraschung waren Anna und die Prinzessin auf dem kleinen Balkon im Stockwerk unter ihm. „Wie kommt ihr denn dorthin?“ Anna winkte zu Tristan rauf und zog Gwyn auf die Füße. „Wir wurden ausgesperrt. Komm runter und hilf uns!“ In dem Sturm konnte er ihre Worte kaum verstehen. „Wo seid ihr?“ „Auf dem Balkon in der Bibliothek!“ Gwyn winkte nun ebenfalls. „Seid vorsichtig.“ Er wandte sich um, schloss das Fenster und rannte hinunter in den ersten Stock. Den Weg zur Bibliothek legte er in Rekordzeit zurück. Doch an der Tür zögerte er kurz, atmete tief durch und drücke dann vorsichtig die Klinke nach unten. Er konnte sofort das Fenster und die beiden Mädchen sehen. Anna hatte den Finger auf die Lippen gelegt und deutete nach rechts. Er öffnete die Tür ein Stück weiter und betrat langsam den Raum. Die Tür zur Schreibstube stand angelehnt und er konnte jemanden darin herumgehen hören. Er schlich an der Tür vorbei. Was für ein Unmensch sperrte andere Leute bei dem Wetter auf den Balkon? Schon war er bei dem Flügelfenster angekommen und öffnete den Hebel. Nass und erschöpft kamen ihm die Mädchen entgegen. Die Prinzessin konnte kaum noch stehen und stützte sich auf Anna. Diese musste ein Niesen unterdrücken. Kalte Luft wehte von draußen herein und bauschte die Vorhänge. Tristan nahm Anna die erschöpfte Prinzessin ab und hob sie kurzerhand auf die Arme. Anna schloss das Fenster und sie durchquerten leise die Bibliothek, immer mit den Augen auf der angelehnten Tür. Annas Füße patschten leise und hinterließen dunkle Wasserflecken auf den alten Holzdielen. Dann hatten sie es geschafft und standen im Flur. Gwyn war es unangenehm, Tristan so nahe zu sein. Sie fühlte sich elend und armselig. Dem Schwindel in ihrem Kopf zum Trotz bedeutete sie ihm, sie runter zu lassen. Sie schniefte noch immer. „Wir müssen uns umziehen gehen. Und dann müssen wir mit den anderen sprechen. Keine Minute länger ertrage ich diese Person!“ Sie bemühte sich um eine gerade Haltung und machte sich daran, die Treppen hinaufzusteigen. Ihr nasses Kleid war unglaublich schwer und hing an ihr wie nasse Erde. Auf dem Absatz wandte sie sich noch einmal um. „Wir treffen uns in einer Stunde vor dem Speisesaal. Dann gehen wir zu meinem Vater. Schaffst du das?“ Anna nickte erfreut. „Sicher schaff ich das. Alles was nötig ist.“ Damit verschwand Gwyn. Tristan runzelte besorgt und zornig die Stirn. „Warum wart ihr auf dem Balkon?“ Anna griff nach seinem Arm und zog ihn ein Stück weiter hinter eine Statue. „Nicht so laut. Soll Fräulein Rudin ruhig weiterhin glauben, dass wir immer noch auf dem Balkon stehen. Sie hat uns ausgesperrt, um uns zu bestrafen. Diese Frau ist der schrecklichste Mensch, der mir je begegnet ist. Sie muss weg! Aber das kann nur der Großherzog entscheiden.“ Tristan wollte aufbrausen, überlegte es sich aber anders, als er Annas mahnendes Gesicht sah. Zufrieden bemerkte er, dass ihre Hand immer noch auf seinem Unterarm lag. „Wie kann sie es nur wagen!“ grollte er. „Keine Ahnung, was in sie gefahren ist. Sie ist ein Unmensch!“ Antwortete Anna. Wasser lief ihr aus den Haaren über die Nase. Ohne nachzudenken, beugte er sich vor und küsste den Tropfen weg. Anna erschrak, wich aber nicht zurück. Dann trafen seine Lippen ihren Mund, wenn auch nur flüchtig. Schnell trat er einen Schritt zurück. Wie konnte er sich nur so gehen lassen? Er betrachtete ihr nasses Kleid und ihr blasses Gesicht. „Du musst dich umziehen gehen. Du erkältest dich noch.“ Sie nickte. „Ich muss mich beeilen. Danke für deine Hilfe.“ Sie wollte gehen, doch er griff nach ihrer Hand und hielt sie zurück. Als er ihren Blick sah, ließ er sie sofort wieder los. „Sag Bescheid, wenn du Hilfe brauchst.“ Erst wollte sie ablehnen. Sie konnte sich sehr gut selbst helfen. Aber wenn nicht ihm, wem konnte sie dann vertrauen? „Wenn du meinst?“ Er nickte nur. Ein weiterer Tropfen lief über ihre Wange hinunter und den Hals hinab. Wie sollte er ihr antworten, wenn ihm bei diesem Anblick die Stimme versagte? Ein Geräusch unten auf der Treppe ließ beide zusammenzucken. Anna wandte sich um und rannte die Treppe hinauf, aber nicht ohne sich noch einmal umzudrehen und ihm zuzuwinken.
Gwyn hatte sich umgezogen und das nasse Haar unter einer seidenen Haube versteckt. Dann hatte sie nach Hermine geschickt und ihr ein Schreiben an ihren Vater übergeben mit der Bitte um eine sofortige Audienz. Sie musste ihn davon überzeugen, diese Frau zu entlassen. Sie betete, dass er sich noch vor dem Abendessen anhören würde, was sie zu sagen hatte. Ein Pochen in ihrem Kopf kündete einen nahenden Kopfschmerz an. Sie würde sicherlich krank werden. Sie fröstelte immer noch. Aber sie könnte sich erst ausruhen, wenn sie sich der schrecklichen Person gestellt und sie in ihre Schranken verwiesen hatte. Gwyn atmete noch einmal tief durch und verließ ihre Gemächer. Anna wartete in der Halle. Als sie auf der letzten Stufe angekommen war, wurde Gwyn schwarz vor Augen und sie strauchelte. Sie stützte sich auf das Geländer und wartete einen Moment. Dann sah sie sich langsam um und vergewisserte sich, dass sie niemand beobachtete hatte. Einige andere Mädchen waren da und diskutierten eifrig. Anscheinend waren sie neugierig, worum es ging. Auf der anderen Seite der Halle öffneten sich die Türen zum Thronsaal und Ahlgrimm trat heraus. Gwyn beeilte sich, um Anna zu gelangen. Sie wollte nicht zu spät kommen. Ahlgrimm führte die beiden Mädchen in den Thronsaal. Großherzog Grenford saß an seinem Stammplatz am halbrunden Tisch im hinteren Teil des Raumes und hatte Gwyns Brief in der einen Hand, mit der anderen Hand massierte er sich die Schläfen. Sein Blick wirkte angespannt und zornig. Fräulein Rudin stand hinter ihm und hatte die Hände vor dem Bauch gefaltet. Ihr Gesicht trug den Ausdruck eines unschuldigen Lammes vor der Schlachtbank, einfältig und ein wenig besorgt. Unglaublich was für ein Wandel in ihr vorgegangen war! Der Großherzog legte den Brief vor sich auf den Tisch und betrachtete die Mädchen. Gwyn wartete. Das Zeremoniell gestattete es ihr nicht zu sprechen, bevor sie dazu aufgefordert wurde. Ein Schauer lief ihr über den Rücken. Im Thronsaal war es immer so kalt. Ihre Finger zitterten, darum verschränkte sie die Hände hinter dem Rücken. „Gwynevra, kannst du mir diesen Brief erklären?“ Er wirkte wahrlich wütend. Sie musste ihren Standpunkt so sicher wie möglich vertreten. Gwyn straffte den Rücken und antwortete: „Fräulein Rudins Erziehungsmethoden sind katastrophal, Vater. Sie unterrichtet uns nicht, sondern kommandiert uns herum. Ihren Forderungen ist kaum nachzukommen und sie bestraft jeden Fehler mit Schlägen.“ Sie wies ihre blaugeschlagenen Finger vor. „Ich habe mich sehr um Kooperation bemüht, aber anscheinend lässt sich dieses Problem“ sie stockte und wieder wurde ihr schwindlig, doch sie unterdrückte dies. „dieses Problem lässt sich nicht ohne deine Hilfe lösen. Heute Mittag hat sie mich und Anna während des Gewitters auf den Balkon gesperrt. Ich denke, wir sind uns einig, dass wir einen anderen Lehrer benötigen.“ Ihr Vater sah sie lange an. „Gwynevra, Fräulein Rudin hat mir bereits vor ein paar Tagen berichtet, dass du scheinbar Schwierigkeiten mit der neuen Situation hast. Ich kann verstehen, dass dich der Tod von Meister Eiwar sehr mitgenommen hat, aber dein Betragen ist im höchsten Masse ungehörig.“ Gwyn zitterte vor Wut. „Sie hat mich auf die Finger geschlagen!“ Der Großherzog schüttelte den Kopf. „Das Fräulein sagt, du hättest dir die Finger in der Tür geklemmt. Was meinen denn die anderen Mädchen zu deinen Vorwürfen?“ Anna sah sich hilflos um und stieß schließlich Marie an, die neugierig gewesen war und sich nicht hatte abwimmeln lassen. Doch nun schüttelte sie nur den Kopf und biss sich auf die Lippen. Das Fräulein lächelte milde. „Eure Tochter hat sicherlich keine direkte Abneigung gegen mich. Es ist immer schwer, wenn man seinen Mentor verliert. Ich denke, sie sollte sich ausruhen. Sie wirkt sehr bleich auf mich.“ Doch der Großherzog wurde nun wirklich wütend. „Gwyn, was fällt dir ein, der Familie so eine Schande zu machen! Das ist nicht zu entschuldigen. Du hast bis auf weiteres Stubenarrest und wehe du setzt einen Fuß vor die Tür deines Schlafzimmers. Geht jetzt!“ Da sprang Anna vor, erzürnt über die Ungerechtigkeiten des Großherzogs. „Bei allem Respekt, aber Gwyn sagt die Wahrheit! Sie hat uns auf den Balkon gesperrt! Die anderen Mädchen sind zu eingeschüchtert, um die Wahrheit zu sagen. Ich habe keine Angst vor dieser Hexe! Ihre Taten dürfen nicht ungestraft bleiben!“ Fräulein Rudin neigte sich vor und flüsterte dem Großherzog etwas ins Ohr. Gwyn glaubte, dass sie gleich in Ohnmacht fallen musste. Der Schmerz in ihrem Kopf wurde langsam unerträglich. Sie hob den Blick und bemerkte die glasigen Augen ihres Vaters, während er der Rudin lauschte, merkwürdig entrückt. Fräulein Rudin richtete sich wieder auf und warf ihr einen gehässigen Blick zu. Doch schnell wurde ihr Gesichtsausdruck wieder lammfromm und auch ihr Vater wirkte völlig normal. Was ging da vor? Oder bekam sie Fieber? „Du bist also die junge Dame von Kaltbach, die das Fräulein während des Unterrichts mit Büchern bewirft? Du bist deinem Vater wirklich nicht unähnlich.“ Anna schob trotzig das Kinn vor. „Was soll das bedeuten?“ Der Großherzog erhob sich und griff nach dem Brief. „Leugnest du den schäbigen Angriff auf deine Lehrerin?“ Sie straffte die Schultern. „Nein das leugne ich nicht. Ich habe einen Fehler gemacht und stehe dazu.“ „Wenigstens das. Fräulein Rudin hat euch beide zwar schon vom Unterricht ausgeschlossen, aber ich denke, ihr habt eure Lektion nicht begriffen. Niemand hat euch auf den Balkon gesperrt. Ihr erzählt doch Märchen, um diese ehrenwerte Dame loszuwerden. Du bekommst drei Tage Arrest und wirst dem Fräulein für den Rest des Monats in der Bibliothek aushelfen, wenn deine Arrestzeit vorbei ist. Und ich will kein Wort mehr hören, denn offensichtlich habt ihr beide keinen Zeugen für eure Behauptungen, obwohl die anderen Mädchen doch dabei waren und demnach alles gesehen haben müssen, was ihr beschreibt. Diese Sache hier ist beendet und wenn ich noch ein Wort darüber höre, werde ich hart durchgreifen. Wir haben jetzt wirklich andere Sorgen. Hinaus!“ Die Mädchen verließen den Raum und Anna stürzte sich auf Marie. „Was sollte das? Warum hast du nichts gesagt?“ Marie riss sich los und folgte den anderen. Doch Anna ließ nicht locker. „Sag schon, was sollte das?“ Marie wandte sich nicht um, sondern ging weiter. Doch von der Seite her flüsterte sie: „Ich konnte nicht, sie hat uns bedroht. Ich kann nichts sagen.“ Dann rannte sie davon. Anna blieb stehen. Marie hatte panische Angst. Das erklärte natürlich das Verhalten der Mädchen. Gwyn kam auf sie zu und blieb neben ihr stehen. Ihre Hand krallte sich in Annas Oberarm. Bestürzt bemerkte Anna, dass Schweiß auf ihrer Stirn perlte und ihre Haut unnatürlich bleich war. „Was sagt sie?“ Ihre Augen glänzten. „Sie hat scheinbar große Angst, aber sie wollte nicht reden. Sie haben alle Angst.“ Gwyn konnte sich kaum noch auf den Beinen halten. Ihre Kraft ließ nach und sie wollte sich nur noch hinsetzen. Anna fing sie auf und stützte sie, bis sie sich von ihrem Schwindel erholt hatte. Dann führte sie Gwyn zu einem der Sessel im Speisesaal. Die Köchin war gerade mit einem Geschwader von Küchenmädchen dabei, den Raum für das Abendessen herzurichten und schlug beim Anblick der beiden die Hände überm Kopf zusammen. Während sie die Mädchen in verschiedene Richtungen davon schickte, um Decken, Tee und Hermine zu holen, setzte Anna Gwyn auf einen Stuhl mit hoher Lehne nahe beim Kamin. „Wie werden wir sie nur wieder los? Diese alte Giftschlange.“ Flüsterte sie, während sie der Prinzessin vorsichtig eine Hand auf die Stirn legte. „Ich glaube, du hast dich verkühlt.“ Hermine kam in den Saal und stürzte wie eine Glucke auf Gwyn. „Ach du liebe Güte, ihr seid schweißnass und blass um die Nase.“ Als sie gewahr wurde, dass die Küchenmädchen herumstanden und gafften, schickte sie alle sofort wieder an die Arbeit. Die Wenigsten hatten Einwände. Nur Anna blieb bei Gwyn, die sich nicht bewegen ließ, in ihr Zimmer zu gehen.
