Kriegserinnerungen an 1870/71 - Friedrich Leo - E-Book

Kriegserinnerungen an 1870/71 E-Book

Friedrich Leo

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Beschreibung

Als dem Göttinger Studenten 1870 während einer Zugfahrt eine Zeitung in die Hand fällt, war dies auch gleichzeitig der Wendepunkt in seinem Leben. In dicken Lettern stand zu lesen "Große Mobilmachung". Kein Zweifel; das Vaterland brauchte ihn. Doch der Einzug kam schneller als es der ungeduldige Freiwillige erwartete. Die hohen Verluste brauchten schnellen Ersatz. Schon bald stand er zum ersten Mal dem Feinde gegenüber. Um ihn herum fielen die Kameraden. Die Regimenter veränderten sich rasant. Immer neue Gesichter füllten die Lücken auf, zogen aus und kehrten nicht wieder. Als am 1. März die Nationalversammlung in Bourdeux den Frieden verkündete, kehrten die deutschen Soldaten zurück. Es begann ein Spießrutenlauf durch Frankreich ...

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Seitenzahl: 91

Veröffentlichungsjahr: 2018

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Kriegserinnerungen

an

1870-71

 

von

Friedrich Leo

_______

 

Originalausgabe:

W. Fr. Kaestner,

Göttingen, 1906

__________

Vollständig überarbeitete Ausgabe.

Ungekürzte Fassung.

Klarwelt-Verlag, Leipzig, 2018

© Alle Rechte vorbehalten.

www.klarweltverlag.de

Inhaltsverzeichnis

 

Titel

Kriegserinnerungen

Kriegserinnerungen

Oberhof in Thüringen 8. 8. 1905.

Als ich gestern Abend, eben angekommen, im Hotelgarten bei sinkender Sonne Tee trank und zusah, wie der Mond sich über den Bergen vergoldete, da hörte ich einen älteren Herrn an einem benachbarten Tisch seiner Familie vom Jahre 1870 erzählen: als der Kriegslärm entstand, seien die Papiere sehr gefallen, dann seien sie, als der Prinz von Hohenzollern auf das spanische Königreich verzichtete, auf einmal sehr gestiegen; das habe aber nichts geholfen, denn dann sei der Krieg doch gekommen. Da dachte ich, dass ich meinen Kindern ebenso gut meine Erinnerungen an den Krieg erzählen könnte. Umso näher lag mir das, als ich noch am Tage vor meiner Abreise darum gemahnt worden war; und Zeit habe ich hier, wenn auch weder eine Kriegsgeschichte noch eine Karte von Frankreich noch auch meine eignen Feldbriefe, die, so wenig und kurz sie sind, doch hier und da ein Erinnerungsfädchen hervorzupfen oder zwei anein¬ander binden könnten. Ohnedies wird jeder Historiker Erinnerungen, die 35 Jahre alt geworden sind, mit Misstrauen ansehn. Aber diese Eindrücke drangen freilich tief, und es ist mir noch heute oft so, wie wenn die damals erlebten Dinge im Gedächtnis jünger wären als vieles aus späterer Lebenszeit.

Im Sommer 1870 war ich Göttinger Student im vierten Semester und wollte erst neunzehn Jahre alt werden. Am 5. Juli klang der erste kriegerische Ton aus dem Pariser Parlament herüber, als der Herzog von Grammont erklärte, die französische Regierung werde nicht zulassen, dass ein Hohenzoller König von Spanien werde. Nebenbei gesagt, jener Prinz von Hohenzollern ist vor wenigen Wochen gestorben und hat wohl ein glücklicheres Leben gehabt, als es ihm auf oder unter dem spanischen Thron geblüht haben würde. In den nächsten Tagen stieg die Aufregung in Frankreich auf den höchsten Grad. Ich muss vor allem gestehn, dass ich bis zum 8., an dem es siedete, nichts gemerkt habe. Denn ich war zu einem Stiftungsfeste nach Marburg gefahren, und auf der Rückreise fiel mir in Kassel beim Mittagessen eine Zeitung in die Hand, auf deren erster Seite in fettem Druck mitgeteilt war, dass die Franzosen toll geworden seien und der Krieg unmittelbar bevorstehe. In demselben Moment stand es mir, ohne Überlegung und als etwas selbstverständliches, fest, dass ich mitgehen würde. Es war ein Wendepunkt in meinem Leben; vielleicht erzähle ich ein andermal, warum.

Die folgenden Tage verbrachte man in Göttingen auf dem Museum, dem akademischen Lesezimmer, das seitdem in der Union aufgegangen ist. Es wurde wieder ruhiger, der Prinz trat von seiner Kandidatur zurück. Zum 10. hatte mir mein Vater ein Fässchen Wein und meine Mutter einen Plumpudding geschickt, dazu lud ich alle meine Freunde und guten Freunde ein, es waren wohl zwanzig, wir saßen in dem Gärtchen am Wall hinter meiner Wohnung in der Unteren Masch 21, tranken sehr vergnügt Bowle so lange es reichte, ließen den Pudding verschwinden und die Geber hoch leben, telegrafierten diese Tatsachen nach Bonn und zweifelten nicht, dass Friede bleiben werde. Da stiegen auch die Papiere, von denen mein Hotelgenosse gestern seinen Kindern erzählte. Aber am 11. und 12. kam die Abweisung Benedettis und die Emser Depesche und der Krieg in leibhaftiger Gestalt.

Keiner liebt und wünscht den Krieg; selbst die, deren Handwerk er ist, wagen kaum ihn zu wünschen. Jener Krieg war der letzte, den wir erlebt haben. Ihr wisst was er uns gebracht hat, niemand der es nicht erlebt hat kann wissen was es uns bedeutete. Die Fackel dieses Krieges war uns der Aufgang einer neuen Sonne am Himmel unsrer Geschichte, mit unbeschreiblichem Glücksgefühl empfanden wir den Moment einer historischen Vollendung, es war ein Sturm, derselbe der den deutschen Süden und Norden zusammen führte und jedem von uns das Herz in die Höhe riss. Wenn wir auf der Kneipe ‚Wohlauf Kameraden‘ sangen (kein andres Lied traf wie dieses die Stimmung jener Tage), da konnten wir nicht sitzen bleiben, um dem in unsrer Seele tobenden süßen Feuer Luft zu geben. Nicht dass wir jeder hätten große Taten verrichten wollen. Aber da war auf einmal ein Ganzes, Volles, Gewaltiges, und wir brauchten nicht zuzusehn, wir durften nicht nur, wir mussten und sollten mittun, mithandeln, wir waren ein Teil davon, die Seele jedes Einzelnen ein Teil der Seele des neuen, so alt es war, des auf einmal geoffenbarten Vaterlandes.

So war es als wir Soldaten wurden. Glaubt nicht, dass es bis zum Friedensschlusse so war. Das Ziel glänzte nie schöner, als da es auf der Höhe gezeigt wurde: dann kam ein mühseliges Klettern über Fels und Sumpf in Hitze und Kälte; und wohl dem der sein inneres Flämmchen hegte und nicht verglimmen ließ.

Am 15. kam der König durch Göttingen, auf dem Wege von Ems nach Berlin. Wir sahen ihn auf dem Bahnhof, er stieg aus und grüßte die Jubelnden, freundlich aber ernsthaft, wie ihm gar sehr zu Sinne war. In Brandenburg hat ihn dann Bismarck erwartet und auf dem Wege nach Berlin wurde die Mobilmachung des ganzen Heeres beschlossen.

Unser Regiment, das 7. Westfälische Nr. 56, rückte aus, es wurde ein Garnisonbataillon gebildet, zur Ausbildung der Mannschaften, die dem Regiment seine Verluste ersetzen sollten. In dieses Bataillon wollten wir eintreten. Meine Eltern wünschten, dass ich nach Bonn kommen und versuchen sollte, bei dem Königshusarenregiment, das in Bonn steht, anzukommen. Aber es war bekannt, dass die Kavallerieregimenter nur wenige Freiwillige nahmen und dass die Ausbildung dort länger dauerte, also auch die Hoffnung, ins Feld zu rücken, hinausgeschoben wurde. Ich erreichte es, dass ich in Göttingen bleiben und mit allen meinen Freunden und Bekannten zugleich Soldat werden durfte.

Der 28. Juli war der Tag. Bei der Untersuchung ging es sehr einfach zu. Der Regimentsarzt sah mich an, fragte, wie alt sind Sie? Neunzehn Jahre. Wollen Sie mit? Ja. Wird genommen. Es ging eben anders zu als in Friedenszeiten, wo die meisten zusammensuchen was irgend dienen kann, von der Dienstpflicht loszukommen. Dann wurde ich noch an demselben Tage geschoren und eingekleidet.

Wir waren 250 Freiwillige, darunter wohl 25 aus meiner Verbindung; auch sonst zumeist Studenten, aber auch andere waren darunter, z. B. ein junger Duncker, der die Obersekunda verlassen hatte, um Soldat zu werden. Wir wurden als ein kleines Bataillon besonders ausgebildet, nicht mit den Ersatzreservisten zusammen. Das ging sehr rasch. Nachdem wir stehen, gehen und grüßen gelernt hatten, marschierten wir jeden Morgen auf die große Maschwiese hinaus und exerzierten bis gegen Mittag wo wir noch im Winter ahnungslos Schlittschuh gelaufen waren. Unsere Ausbildung leitete der Leutnant v. Landwüst, ein sehr tüchtiger junger Offizier, der durch sein ruhiges und bestimmtes, dabei freundliches Wesen rasch unsere Achtung gewann. Meine Abteilung war der besonderen Sorge eines Sergeanten anbefohlen, dessen Name mir entfallen ist; er verstand sein Metier nicht übel, ich vermute aber, dass der Leutnant ihm, ohne es uns merken zu lassen, sehr scharf auf den Dienst passte. ‚Stramm im Dienst‘, pflegte der Sergeant zu sagen, ‚aber außer Dienst habe ich nichts dagegen, mit den Herren auch einmal ein Glas Bier zu trinken‘. Er trank dann nämlich gewissenhaft so viele Seidel ihm vorgesetzt wurden. So ging es draußen auf der Maschwiese recht idyllisch zu, ich erinnere mich aus dieser Zeit keiner militärischen Unannehmlichkeiten, wohl aber der herrlichen Frühstücke. So hatte mir überhaupt noch nie etwas geschmeckt, wie die riesigen Semmeln mit Mettwurst (doppelt so groß wie die auf unserm Frühstückstisch), die ich mir zum Exerzieren morgens mitnahm, in der Frühstückspause schmeckten; dazu ein Feldfläschchen mit Nordhäuser, der eigentlich kein liebliches Getränk ist, aber dazu gehörte.

Das dauerte vier Wochen lang. In diese Wochen fielen die Schlachten bei Weißenburg und Wörth und die drei großen vor Metz. Wie oft, wenn wir von der Masch nach Hause marschierten, fanden wir am Weender- oder Alleetor eine Siegesdepesche angeschlagen. Aber nur die erste große Nachricht, es war die vom Siege des Kronprinzen bei Wörth, regte zu lauten Ausbrüchen der Freude auf. Die Tage des 14., 16. und 18. August waren so furchtbar blutig gewesen, dass dieser Ton gleich in den ersten Nachrichten vorklang; und wir erfuhren rasch, dass am 16., bei Mars la Tour, unser Regiment schwere Verluste gehabt hatte. Damit hing nun das nächste große Ereignis zusammen, das uns selber betraf. Das Regiment brauchte Ersatz, und es war der Befehl gekommen, einen Teil davon aus den Reihen der jungen Freiwilligen auszusuchen. Unser Bataillon trat an und unsere Herzen klopften, denn das war die erste Entscheidung; wir ahnten noch nicht, dass es für lange die letzte war.

Im ersten Gliede stehen die größten, im dritten die halbgroßen, im zweiten die kleinen. Ich maß 4 Zoll 2 Strich (über 5 Fuß), und wir Einjährigen müssen wohl eine ziemlich große Nation gewesen sein, denn mit dieser Höhe war ich Flügelmann im zweiten Gliede. Nun kam der Kommandeur des Garnisonbataillons, die Glieder wurden auseinander¬gezogen, er ging zuerst am ersten, dann am dritten, dann am zweiten entlang und suchte die größten und stärksten aus; und er war kaum in der Mitte des dritten Gliedes, da waren die 24 Mann beisammen, die mitgeschickt werden sollten; und wir anderen durften nach Hause gehn, um am folgenden Morgen wieder auf der Masch zu exerzieren, während die glücklichen Auserwählten mobilgemacht wurden und schleunigst ausrückten. Am Abend auf der Kneipe brachten wir den zur Verbindung gehörigen den Abschied und priesen sie glücklich. Charles Jung war darunter, ein Halbamerikaner, mit dem ich gut befreundet war.

Diese Kameraden haben die ganze Belagerung von Metz mitgemacht, zwei Monate lang, meist bei Regenwetter, meist untätig in sumpfigen Zelten liegend. Gefallen ist dort keiner, aber mehrere haben sich den Keim zu tödlicher Krankheit geholt. Jung starb etwa sieben Jahre nach dem Kriege als junger Rechtsanwalt an der Schwindsucht, deren Anfänge in den Feldzug reichten.

Dass Freiwillige nachgeschickt wurden, die erst so kurze Zeit ausgebildet, d. h. in der Tat unausgebildete Rekruten waren, hat dann bald aufgehört. Wir dachten natürlich, dass es in höchstens weiteren vier Wochen an uns sein würde. Da wurde eines Tages auf dem Appell ein Befehl von oben verlesen: der König hatte eine Truppe vorbeimarschieren sehen, in der ihm die jungen Freiwilligen durch ihre ungenügende Haltung auffielen; er hatte dann die allgemeine Bestimmung erlassen, dass kein Soldat ins Feld geschickt werden sollte, der nicht mindestens drei Monate lang ausgebildet wäre. Und so sahen wir uns auf die lange Bank geschoben und mit sinkendem Herzen berechneten wir, dass vor Ablauf der drei Monate alles aus sein würde; denn der Siegeszug des deutschen Heeres war gewaltiger als 1866, und da hatten wir erlebt, dass in wenigen Wochen der ganze Krieg zu Ende war.

Da kam Sedan und die Gefangennahme Napoleons; und wer von der Widerstandskraft des französischen Volkes und der politischen Lage überhaupt nicht mehr wusste als alle Welt, der musste freilich denken, dass nun bald der Sieger an die Heimkehr denken dürfe. Das sollte freilich anders kommen.