Erhalten Sie Zugang zu diesem und mehr als 300000 Büchern ab EUR 5,99 monatlich.
Vincent ist ein einfacher Mann, der sein Geld mit der Jagd nach Dämonen verdient. Während der Jagd nach einem besonders großem Exemplar, trifft er auf die Hexe Helena, welche zurückgezogen mitten im Finsterwald lebt. Was zunächst als harmlose Begegnung erscheint, entpuppt sich bald als einschneidendes Erlebnis. Plötzlich findet sich Vincent in einem Kampf verstrickt, dessen Ausgang nicht nur sein Leben, sondern das gesamte Machtgefüge des Kontinents verändern wird.
Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:
Veröffentlichungsjahr: 2023
Das E-Book (TTS) können Sie hören im Abo „Legimi Premium” in Legimi-Apps auf:
Titel
Zitat
Karte
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Kapitel 11
Kapitel 12
Kapitel 13
Kapitel 14
Kapitel 15
Kapitel 16
Kapitel 17
Kapitel 18
Kapitel 19
Kapitel 20
Kapitel 21
Kapitel 22
Kapitel 23
Kapitel 24
Kapitel 25
Kapitel 26
Kapitel 27
Kapitel 28
Kapitel 29
Kapitel 30
Glossar
Impressum
Bianca Ahlfänger
Kristall der
Dunkelheit
Der Gütige ist frei, auch wenn er ein Sklave ist.
Der Böse ist ein Sklave, auch wenn er ein König ist.
(Aurelius Augustinus)
Der Wind rauschte in den Wipfeln der Bäume, deren Blätter sich bereits bunt zu verfärben begannen. Sie verwandelten den Wald in ein Mosaik aus verschiedenen roten, gelben und grünen Tönen. Lange würde es nicht mehr dauern bis der Herbst endgültig Einzug in Faltega und dem westlichen Teil Hervests halten würde.
Durch die Lücken im Blätterdach spähte Vincent hinauf in den wolkenlosen Himmel. Vereinzelte Sonnenstrahlen fanden ihren Weg zu ihm hinunter und ließen ihn blinzeln.
Helle Lichtpunkte tanzten über den Waldboden und malten verschlungene Zeichen auf Wurzeln und Steine. Sie wirkten wie die geheimen Runen der Hexen und Zauberer. Vielleicht führten sie auf einen versteckten Pfad oder bildeten eine Anleitung, um das eine oder andere Geheimnis in diesem Wald zu lüften. Wer wusste das schon?
Für unwahrscheinlich hielt Vincent seine Überlegungen nicht. Immerhin befanden sie sich irgendwo inmitten des Finsterwaldes und es würde ihn nicht überraschen, hier auf allerhand merkwürdige Kreaturen zu stoßen.
Mit einer Hand fuhr er sich durch sein kurzes, braunes Haar und strich sich einige widerspenstige Strähnen aus der Stirn. Trotz der angenehm kühlen Temperaturen klebte ihm sein Hemd bereits am Rücken. Die Riemen seiner Tasche, welche er auf dem Rücken trug, schnitten schmerzhaft in sein Fleisch. Er griff mit einer Hand unter das Leder und massierte die geschundene Stelle, doch es brachte nur wenig Linderung. Seufzend ließ er die Hand wieder sinken und spähte über die Schulter zu seinen beiden Mitstreitern.
Auch ihnen stand die Anstrengung deutlich ins Gesicht geschrieben. Schon seit den frühen Morgenstunden waren sie unterwegs. Auf verschlungen Pfaden hatten sie sich ihren Weg durch das dichte Unterholz des Waldes gebahnt und waren über Wurzeln und Steine gestolpert – immer auf der Suche nach den Spuren des Dämons, welchen sie verfolgten.
Jedoch gestaltete sich die Verfolgung schwieriger, als sie zunächst angenommen hatten. Scheinbar verfügte das Biest über mehr Gerissenheit, als so manch anderer Vertreter seiner Art.
»Ich hoffe nur, dass der Dämon einen richtig großen Kristall liefert«, knurrte Timo, als ihm ein Ast schmerzhaft ins Gesicht schlug. »Diese ganzen Strapazen... und hinterher entpuppt er sich als kleiner Winzling.«
»Das glaube ich nicht«, widersprach ihm Niels und stutzte einige Sträucher mit seiner wuchtigen Axt. Die Schneide glänzte dunkel im Dämmerlicht des Waldes. Ein violettes Leuchten ging von ihrem Inneren aus und pulsierte in einem langsamen Rhythmus. Es verlieh der Waffe einen merkwürdig lebendigen Eindruck. Die Axt war aus Dämonenkristall - genauer gesagt aus Daemonyum, wie es in der Fachsprache der Alchemisten hieß - gefertigt. Eine Maßanfertigung, angepasst an jeden einzelnen Dämonenjäger. Denn nur mit diesen Waffen war es ihnen möglich, einen Dämon zu besiegen.
Daemonyum war ein seltenes Material, dessen Aussehen stark an Obsidian erinnerte. Doch seine Beschaffenheit war weder mit Obsidian, noch mit einem anderen bekannten Edelstein zu vergleichen. Daemonyum war die kristallisierte Form dämonischer Energie und unglaublich machtvoll, wenn man dessen Kraft zu nutzen wusste. Die Dämonenkristalle saßen tief im Brustkorb der Dämonen, dicht neben dem Herzen. Sie speicherten die magische Kraft der Dämonen und gaben sie bei Bedarf wieder ab. Wieso und weshalb ausgerechnet Dämonen über solche Kristalle verfügten, blieb bisher ungeklärt. Kein anderes magisches Wesen verfügte über eine ähnliche Struktur in seinem Körper. Jedenfalls konnte das Syndikat der Alchemisten fast nicht genug davon bekommen. Eigens dafür hatte man vor Jahrzehnten die Gilde der Dämonenjäger ins Leben gerufen. Die Dämonenjäger töteten die Dämonen und verkauften die gesammelten Kristalle an die Alchemisten, welche in fast jedem Dorf zu finden waren. Es war ein sehr gefährliches, doch auch recht lukratives Geschäft und nebenbei erwiesen sie der Bevölkerung einen nützlichen Dienst. Immerhin wurden die Menschen so vor Übergriffen durch Dämonen geschützt.
Timo, Niels und Vincent hatten zeitgleich ihre Ausbildung in der Akademie der Dämonenjäger begonnen. Ihre gemeinsame Zeit hatte sie zusammengeschweißt und eine tiefe Freundschaft entstehen lassen, die noch immer Bestand hatte. Selbst nach dem sie ihren Abschluss erlangt hatten und jeder seines eigenen Weges gegangen war. Für gewöhnlich arbeiteten Dämonenjäger allein, doch in seltenen Fällen schlossen sie sich zu kleinen Gruppen zusammen, um einen besonders starken Dämon zu jagen.
Der Dämon, den sie im Moment verfolgten, war einer dieser Ausnahmefälle. Niels hatte vor einigen Wochen Gerüchte über ihn gehört und Timo und Vincent eine Nachricht zukommen lassen. Natürlich wollten die beiden sich den Spaß nicht entgehen lassen und machten sich umgehend auf den Weg. Immerhin lockte reiche Beute. Wenn der Dämon hielt, was man ihnen versprach, schlummerte in seinem Inneren ein äußerst kraftvoller Kristall. Die Alchemisten würden ein kleines Vermögen dafür bezahlen. Für sie drei wäre das ein Auskommen, von dem sie gut und gerne einige Monate sorgenfrei leben konnten.
Vincent musste bei dem Gedanken an gutes Essen, weiche Betten und die eine oder andere hübsche Frau grinsen. Es würden einige wunderbare Wochen werden!
Ein Geräusch in den Baumwipfeln über ihren Köpfen riss ihn aus seinen Gedanken. Abrupt blieb er stehen und bedeutete den anderen beiden, es ihm nachzutun. Seine Hand umschloss den Griff seines Schwertes, während er gespannt die Äste beobachtete. Plötzlich schoss ein kleiner, schwarzer Schatten aus den Baumkronen und stürzte sich auf ihn.
»VINCENT!« Spitze Krallen bohrten sich in seine Schultern, als sich das Wesen gegen seinen Kopf prallen ließ und versuchte, sich an ihm festzuhalten.
»Zmock!«, rief Vincent empört, packte das Wesen und schüttelte es ab.
»Das ist aber nicht nett!«, maulte Zmock, als er die Flügel ausbreitete und seinen Sturz geschickt abfing. Seine ledrigen Flügel schlugen in einem schnellen Rhythmus, als er wieder an Höhe gewann und um Vincents Kopf herumflog.
»Ich habe dir schon einmal gesagt, dass du damit aufhören sollst. Eines Tages wird dich einer von uns versehentlich töten, weil er denkt du seist ein Dämon«, schimpfte Vincent. Er hob den Stoff seines Hemdes an, um zu sehen, ob Zmocks Krallen Wunden in seiner Haut hinterlassen hatten.
»Aber ich BIN ein Dämon«, schnarrte Zmock und schlug einen Salto in der Luft.
»Ein ziemlich erbärmlicher Dämon«, konterte Niels und grinste spöttisch.
»Pah!«, machte Zmock und verschränkte beleidigt die dünnen Ärmchen vor der Brust.
Er war nicht größer als eine Katze, besaß einen hundeähnlichen Kopf mit einer langen Schnauze und spitzen Zähnen. Seine Arme und Beine endeten in, mit Krallen versehenen, Pranken und auf dem Rücken trug er ein Paar ledriger Flügel. Um das Bild zu vervollständigen, verfügte er überdies noch über einen langen, dünnen Schwanz, dessen Ende wie eine Pfeilspitze geformt war.
»Auch ein Schattenkobold ist ein Dämon«, rief er Niels in Erinnerung. Dann landete er mit einer geschmeidigen Bewegung auf Vincents Schultern. Unter seiner pechschwarzen Haut zeichneten sich die Muskeln deutlich ab.
Aus dem Augenwinkel konnte Vincent das schmale Silberband mit dem kleinen Rubin um Zmocks Hals erkennen. Zmock schien seinen Blick zu bemerken. Er drehte ihm den Kopf zu und verzog die Schnauze zu einem frechen Grinsen, während seine gelben Augen aufmüpfig leuchteten.
»Hast du etwas Nützliches entdecken können?«, fragte Vincent den Kobold.
»Nein, leider nicht.« Zmock schüttelte enttäuscht den Kopf. »Aber, wenn ich mich nicht geirrt habe, solltet ihr bald auf eine Lichtung stoßen.« Er deutete mit einer Kralle in die entsprechende Richtung.
»Das sind immerhin angenehme Nachrichten«, sagte Timo und schulterte seinen Rucksack neu. »So langsam werde ich dieses Waldes überdrüssig.«
»Dabei befinden wir uns noch an seinen äußersten Rändern«, spottete Niels und fing sich einen Hieb in die Rippen.
»Na los, lasst uns weiter gehen«, unterbrach Vincent das Geplänkel und ging voraus.
Er konnte Timos Unbehagen gut verstehen. Der Finsterwald trug seinen Namen nicht zu Unrecht. Es war ein riesiges zusammenhängendes Waldgebiet, welches Faltega mit den Nachbarländern Nijland und Lorup verband – oder trennte. Je nachdem wie man es sehen wollte.
Man behauptete, dass der Finsterwald der letzte wirkliche Rückzugsort für vielerlei magischer Wesen sei und sich in ihm Dämonen und andere finstere Kreaturen tummelten. Gerüchte über menschenfressende Bäume und allerlei anderer Schauergeschichten trieben über die Dörfer, wie Blätter auf einem Teich. Vincent fand, dass die Menschen in dieser Hinsicht zu Übertreibungen neigten, jedoch konnte auch er sich nicht von einem beklemmenden Gefühl freisprechen. Der Wald hatte sein ganz eigenes Wesen. Es schien fast so, als würde er ihnen bei jedem Schritt mitteilen, dass sie hier nicht erwünscht waren. Aufmerksam musterte er die Bäume um sich herum, welche sich zum Teil bedrohlich dicht zu ihnen herunterbeugten und miteinander zu flüstern schienen.
»Die Bäume haben Augen«, wisperte Zmock in Vincents Ohr, als habe er dessen Gedanken gelesen.
»Manchmal bist du mir unheimlich«, erwiderte Vincent und drückte einen Ast beiseite.
»Nur manchmal?« Der Kobold machte ein enttäuschtes Gesicht.
Vincent ignorierte ihn und sprang einen Abhang hinab, hinter welchem die Bäume schließlich zurückwichen und sie auf die Lichtung entließen.
»Endlich«, seufzte Timo und trat hinaus ins Licht der Nachmittagssonne. »Ich hatte schon fast völlig vergessen, wie die Sonne aussieht.«
»Nun übertreibst du aber«, sagte Vincent lachend.
»Sollen wir für’s Erste unser Lager dort drüben aufschlagen?«, schlug Niels vor und deutete auf einen mächtigen Baum, welcher mitten auf der Lichtung stand.
Seine dicken Äste reichten fast bis auf den Boden und bildeten einen natürlichen Schutz vor der Witterung.
»Warum nicht«, stimmte Vincent zu.
Beschwingten Schrittes hielten sie auf den Baum zu. Kurz bevor sie ihn erreichten, ertönte ein schrilles Kreischen. Die Äste begannen sich zu bewegen und plötzlich schossen ein Dutzend geflügelter Wesen aus dessen Krone hervor. Ihre Oberkörper glichen denen schlanker Frauen, doch statt Armen besaßen sie Flügel und ihre Beine erinnerten an die Gliedmaßen von Vögeln.
»Harpyien!«, ächzte Timo, ließ seinen Rucksack fallen und griff nach seinen beiden Schwertern. Die Klingen funkelten dunkel, als er sie aus der Scheide zog.
»Und nicht gerade wenige«, kommentierte Niels und wog seine Axt abschätzig in der Hand. »Das ist wahrlich eine nette Überraschung.«
»VERSCHWINDET!«, krächzte eine der Harpyien, ehe sie sich auf die drei Männer stürzte. Sie legte die Flügel eng an den Körper und schoss mit ihren Vogelklauen voran auf Timo zu. Dieser kreuzte in letzter Sekunde die Schwerter und wehrte ihren Angriff ab. Die Harpyie kreischte enttäuscht und stieg in die Luft auf. Ihre Schwestern folgten ihr und setzten zu einer gemeinsamen Attacke an.
Vincent, Niels und Timo hatten Mühe, sich gegen so viele Gegner gleichzeitig zu behaupten. Scharfe Krallen fegten durch die Luft und verfehlten Vincents Gesicht nur knapp. Als Antwort schlug er mit dem Schwert nach der Harpyie, doch diese hatte sich bereits mit wenigen Flügelschlägen außer Reichweite gebracht.
»Verdammte Federbiester!«, fluchte Timo wütend.
»Ihr müsst die Anführerin töten! Dann suchen die anderen das Weite«, rief Zmock und flatterte wild zwischen den Harpyien umher.
»Danke für den Hinweis«, sagte Niels sarkastisch. »Bitte sie doch mal darum, einen Moment still zu halten.« Er hob die Axt und duckte sich unter einer Harpyie hinweg, die ihm beinahe den Kopf von den Schultern gerissen hätte.
»Ich sehe sie!« Vincent deutete auf eine der Gegnerinnen, die sich durch ihre Größe und das rote Gefieder deutlich von den anderen abhob. »Ich knöpfe sie mir vor«, verkündete er und verpasste einer vorbeifliegenden Harpyie einen Schlag mit dem Schwert, sodass sie kreischend zu Boden trudelte. Doch ehe sich Niels und Timo um sie kümmern konnten, stellten sich ihnen drei ihrer Schwestern in den Weg. Zwei weitere Harpyien kamen hinzu, fassten ihre verletzte Schwester an den Flügeln und nahmen sie mit sich.
Vincent verfolgte das Schauspiel nicht länger als nötig, sondern bahnte sich einen Weg zu der rot gefiederten Harpyie.
»Menschenfleisch!«, krächzte die Anführerin, als sie Vincent auf sich zukommen sah.
»Versuch es doch«, zischte er herausfordernd und hob das Schwert zum Angriff.
Die Harpyie lachte laut, dann hob sie ihre scharfen Klauenfüße. Surrend schoss ein Pfeil durch die Luft und traf die Harpyie in die rechte Schulter. Überrascht schrie sie auf, schlug mit den Flügeln und brachte sich vor Vincents Schwert in Sicherheit. Verwundert ließ dieser sein Schwert sinken und spähte in die Richtung, aus der der Pfeil gekommen war. Ein weiterer Pfeil flog heran und bohrte sich zielsicher in die andere Schulter der Anführerin.
Wütend kreischte sie auf und sah sich um.
»RÜCKZUG!«, schrie sie schließlich.
Ihre Schwestern ließen sogleich von Timo und Niels ab und scharten sich um sie. Weiteres wütendes Kreischen ertönte, als ein dritter Pfeil auf sie zu schoss. Dieses Mal bohrte er sich jedoch knapp vor der roten Harpyie in den Boden. Daraufhin machten die Harpyien kehrt und verschwanden über den Wipfeln der Bäume.
Erleichtert stieß Vincent die Luft aus, dann musterte er eingehend den Waldrand. Etwas bewegte sich dort und für einen Moment erhaschte er einen Blick auf eine Person. Sie trug eng geschnittene, braune Lederkleidung und einen langen, dunklen Mantel, dessen Kapuze tief ins Gesicht gezogen war. In den Händen hielt sie einen langen Bogen.
Dann war sie auch schon zwischen den Bäumen verschwunden.
»Das war ja was«, murmelte Vincent und betrachtete den Pfeil, der wenige Meter entfernt im Boden steckte.
Er ging hinüber und zog den Pfeil aus der Erde. Eingehend musterte er den Schaft, doch das schlichte Holz verriet nichts über ihren unbekannten Retter.
»Dieser Wald ist doch wirklich mehr als seltsam«, verkündete Timo und steckte seine Schwerter zurück in die Scheide.
»Da kann ich dir leider nur zustimmen«, seufzte Niels. Wachsam ließ er den Blick über die Lichtung schweifen. »Lasst uns trotzdem eine kurze Pause einlegen. Danach suchen wir so schnell es geht diesen Dämon und verschwinden wieder von hier.«
»Kein schlechter Vorschlag«, grunzte Timo, schnappte sich seinen Rucksack und ließ sich umgehend auf den Boden fallen.
***
Die Sonne senkte sich bereits dem Horizont entgegen, als sie endlich auf frische Spuren des Dämons stießen. Durch die Äste der Bäume konnte Vincent das Rot des Abendhimmels ausmachen, während es unter dem Blätterdach zunehmend dunkler wurde. Es behagte ihm nicht, dem Dämon in der Finsternis entgegenzutreten, jedoch erleichterte ihnen die Dunkelheit das Auffinden der Spuren. Ungewollt hinterließ der Dämon eine Fährte aus magischer Energie, welche mit dem Erlöschen des Tageslichts schwach zu leuchten begann. Die Magie glitzerte wie tausende kleiner Sterne auf Büschen, Sträuchern und Ästen. Es wirkte wie der funkelnde Pfad hinein in eine andere Welt. Das Glitzern und Leuchten war umso intensiver, je frischer die Spuren waren.
Eingehend betrachtete Vincent einen leuchtenden Fleck auf einem moosbewachsenen Stein. Der Dämon konnte nicht mehr allzu weit entfernt sein.
Sie erklommen einen niedrigen Hügel und konnten von diesem in die Senke unter ihnen hinabblicken. Aufgeregt begann Zmock mit den Flügeln zu schlagen, als er den Dämon entdeckte. Er zog Vincent an den Haaren und deute mit einer seiner Krallen die Hügelflanke hinab.
Vincent verbiss sich ein schmerzhaftes Stöhnen, vertrieb den Schattenkobold von seiner Schulter und löste sein Schwert aus der Scheide. Timo und Niels hatten inzwischen ebenfalls den Dämon entdeckt und griffen wie Vincent zu ihren Waffen.
Darauf achtend, sich nicht durch das Knacken von trockenen Ästen unter ihren Schuhen versehentlich zu verraten, setzten sie ihren Marsch fort. Unten in der Senke angelangt, suchten sie hinter mehreren zusammenstehenden Bäumen Schutz.
»Man, ist der riesig«, wisperte Niels, mit einem Blick auf den Dämon. Dieser schien ihre Gegenwart noch nicht bemerkt zu haben und setzte seinen Weg zwischen den Bäumen hindurch unbekümmert fort.
»Der wird jedenfalls einen ordentlichen Kristall abwerfen«, kommentierte Timo und grinste breit.
Vincent schnaubte lediglich und zog die Stirn kraus. »Ich habe ein ganz ungutes Gefühl dabei«, sagte er schließlich.
»Du hast immer ein schlechtes Gefühl«, neckte Timo.
»Nein, ich meine es ernst. Glaubt ihr nicht, dass er eine Nummer zu groß für uns ist?«
»Vincent, was ist mit dir los?« Niels schüttelte ungläubig den Kopf. »Wir sind zu dritt! Das schaffen wir mit Leichtigkeit.«
»Also wirklich«, fügte Timo an. »Ein wenig mehr Selbstvertrauen, bitte.«
Doch Vincent konnte die Zuversicht der beiden keineswegs teilen. Irgendetwas an der Gestalt dieses Dämons schickte ihm einen kalten Schauer über den Rücken. Etwas, das wahrlich nur höchst selten vorkam. Er rückte dichter an den Baum und spähte daran vorbei.
Der Dämon hatte die Gestalt eines Bären, mit einer Schulterhöhe doppelt so hoch wie ein ausgewachsener Mann. Sein Fell war schwarz, wie die Nacht, und man hätte ihn leicht mit einem ordinären Bären verwechseln können, wenn nicht seine Augen und die leuchtenden Muster auf seinem Fell gewesen wären. Seine Augen glühten in einem intensiven Rot, während sich die hellen Muster auf seinem Fell zu bewegen, ineinander zu verschmelzen und neu zu formen schienen.
»Na schön«, sagte Vincent nach einem kurzen Moment. »Timo, du gehst rechts entlang. Niels, du kommst über die linke Flanke. Ich werde frontal auf ihn zu gehen und seine Aufmerksamkeit auf mich lenken.«
»Alles klar«, antworteten die beiden synchron und huschten davon.
»Und was mache ich?«, fragte Zmock, ballte die Pranken zu Fäusten und boxte einen imaginären Gegner.
»Du hältst mir den Rücken frei.« Vincent zwinkerte ihm zu und Zmock salutierte. Dann erhob sich Vincent aus seiner Deckung und schritt langsam auf den Dämon zu.
Es bedurfte nur wenige Schritte, bis der riesige Bär seine Witterung aufgenommen hatte und sich zu ihm umdrehte. Die roten Augen fixierten Vincent, während er das Maul öffnete und furchteinflößend zu brüllen begann.
»Du machst mir keine Angst«, höhnte Vincent und deutete mit dem Schwert auf den Dämon. »Komm und lass uns kämpfen! Ich will sehen, ob du einfach nur groß und behäbig bist!«
Viel weiter kam Vincent mit seinen Provokationen nicht, denn der Bär stürzte sich umgehend auf ihn.
Die Schneide seines Schwertes vibrierte hörbar, als er den Prankenhieb des Dämons abfing. Er fletschte die Zähne. Der Dämon war tatsächlich ungemein stark und die Wucht des Angriffs ließ ihn fast in die Knie gehen. Zu seinem Glück war er nicht auf sich allein gestellt. Timo und Niels hatten sich in den Rücken des Dämons geschlichen und sprangen ihn nun gleichzeitig von hinten an. Alles sah nach einem gelungenen Plan aus, doch sie hatten die Rechnung ohne den Dämon gemacht.
Noch ehe ihre Waffen sein Fell berührten, drehte sich der Bär blitzschnell um und fegte Timo mit seiner Pranke zur Seite, während er die Schneide von Niels Axt mit den Zähnen packte. Mit einem Ruck seines wuchtigen Kopfes entriss er Niels die Waffe und schleuderte sie davon.
Unbewaffnet hatte Niels keine Chance gegen den Dämon. Um seinen Freund zu retten, sprang Vincent vor und rammte dem Dämon sein Schwert in den Hinterlauf. Der Bär stellte sich auf die Hinterbeine, warf sich herum und stürzte sich auf ihn. Vincent hob sein Schwert, um die Angriffe abzuwehren. Doch die kräftigen Schläge ließen ihn Schritt für Schritt nach hinten taumeln.
Inzwischen hatte sich Timo aufgerappelt und eilte Vincent zur Hilfe. Er tauchte unter einer Pranke hindurch und stach dem Dämon eines seiner Schwerter zwischen die Rippen. Der Dämon brüllte wütend, zeigte sich ansonsten jedoch unbeeindruckt und beförderte Timo erneut zu Boden.
»Niels! Verdammt, wo steckst du?!«, schrie Timo, während er sich wieder auf die Beine kämpfte.
»Hier drüben! Meine Axt hat sich in einem Baum verkeilt!«
»Das darf doch alles nicht wahr sein«, ächzte Vincent und parierte einen weiteren Angriff des Dämons. Er machte einen Ausfallschritt zur Seite, drehte sich um die eigene Achse und schmetterte die Schwertschneide gegen die Schnauze des Dämonenbären. Schwarzes Blut spritze umher und der Dämon wich überrascht einen Schritt zurück. Vincent nutzte die Gelegenheit, um nachzusetzen, doch der Bär ließ sich nicht überrumpeln. Schnell wie ein Pfeil stieß er seine Pranke vor und traf Vincent im vollen Lauf. Ein heißer Schmerz durchfuhr seinen Körper, als sich die Kralle in seine Seite bohrte. Nach Luft schnappend sackte er zu Boden. Blut quoll aus der Wunde und der Schmerz verschleierte seine Sicht.
»Na warte!«, kreischte Zmock und schoss auf den Bären zu. Mit seinen scharfen Krallen schlug er auf dessen Augen ein und verhinderte, dass der Dämon Vincents Leben beendete.
»Vincent!«, rief Timo und hechtete auf ihn zu. »Niels, wir müssen hier weg!«
»Das sehe ich auch so!« Niels hatte endlich seine Axt aus dem Baum befreit und stellte sich dem Dämon in den Weg, während Timo Vincent auf die Beine zog und sich dessen Arm um die Schultern legte. »Lauft los, ich halte den Dämon auf Abstand.«
Timo nickte ihm zu, dann schleppte er sich mit Vincent durch den Wald. Zmock schoss, wie eine wild gewordene Hornisse um den Kopf des Dämons herum, während Niels ihn mit seiner Axt bearbeitete. Niels warf einen Blick über die Schulter und sah Timo und Vincent zwischen den Bäumen verschwinden. Er würde versuchen, so viel Zeit wie möglich zu schinden, bevor er den beiden folgte.
»Glaubst du, er kommt klar?«, presste Vincent aus zusammengebissenen Zähnen hervor.
»Natürlich. Zmock ist doch bei ihm«, antworte Timo mit einem halbherzigen Lachen. »Außerdem solltest du dich um dich selbst sorgen.«
»Hah«, machte Vincent und spuckte Blut.
»Du hattest Recht«, sagte Timo, während sie über einige Wurzeln stolperten. »Wie immer.«
»Das hatte ich wohl«, keuchte Vincent. »Nur dieses Mal scheinen wir nicht so gut davonzukommen.«
Es war nicht das erste Mal, dass sie in eine brenzlige Situation gerieten. Eigentlich gehörte es zum guten Ton, dass sie sich Hals über Kopf in eine ausweglose Situation stürzten, wenn sie gemeinsam unterwegs waren. Man konnte getrost davon sprechen, dass sie zu hemmungsloser Selbstüberschätzung neigten, wenn sie gemeinsam Jagd auf Dämonen machten. Doch bisher waren ihnen die Götter wohl gewogen gewesen, da sie stets ohne größere Blessuren, dafür aber mit reicher Beute, davongekommen waren.
Dieser Dämon schien ihnen aber tatsächlich ihre Grenzen aufzuzeigen. Vincent hoffte inständig, dass es dieses Mal nicht ihr Ende sein würde.
»Vincent!« Zmocks Stimme ertönte, gefolgt von schnellen Schritten.
Niels hechtete den Pfad hinter ihnen hinab und erreichte sie schlitternd. Er fasste Vincents anderen Arm und half Timo dabei, ihren verletzten Freund zu stützen.
»Wir müssen uns beeilen«, sagte er nach Atem ringend. »Der Dämon wird uns bald eingeholt haben.«
Wie zur Bestätigung seiner Worte hallte ein fürchterliches Brüllen durch den Wald. Sie beschleunigten ihre Schritte und hetzten so schnell es ging zwischen den Bäumen hindurch. Vincent verzog schmerzhaft den Mund, versuchte aber ein Stöhnen zu unterdrücken, damit Timo und Niels ihr Tempo nicht drosselten.
»Schneller!«, kreischte Zmock plötzlich und spähte zwischen den Bäumen hinter ihnen hindurch. »Los, los, los! Er ist gleich da!«
»Wir machen schon so schnell wir können«, fauchte Timo und legte noch etwas an Geschwindigkeit zu.
Es krachte ohrenbetäubend hinter ihnen. Niels verdrehte den Hals und blickte zurück. »Verdammt!«, schrie er entsetzt.
Der riesige Bär sprang einen Hügel hinab und war nur noch wenige Yards von ihnen entfernt.
»Es war mir eine Freude euch kennenlernen zu dürfen«, heulte Zmock theatralisch.
»Vielen Dank für deine Anteilnahme«, keuchte Timo sarkastisch und spähte ebenfalls zurück.
»Achtung!«, brüllte Vincent plötzlich, doch da war es bereits zu spät.
Vor ihnen tauchte eine Abbruchkante auf, von der es ein gutes Stück steil in die Tiefe ging. Sie waren zu schnell, um noch rechtzeitig anhalten zu können, und so stürzten sie gemeinsam hinab. Der Aufprall presste Vincent die Luft aus den Lungen. Benommen blieb er liegen.
Neben sich hörte er Niels und Timo stöhnen.
»Steht auf! Steht auf!«, kreischte Zmock über ihren Köpfen. »Na, los doch! Der Dämon macht einen Umweg!«
Fluchend rappelten sich Timo und Niels auf, packten Vincent an den Armen und schleiften ihn weiter.
Sie wussten nicht, wohin sie eigentlich flüchteten, und hofften darauf, dass der Dämon irgendwann ihre Spur verlor. Zmock feuerte sie an, während sie ziellos zwischen den Bäumen umher stolperten. Schließlich erreichten sie einen kleinen Bach, dessen Wasser geräuschvoll durch sein Bett strömte. Für einen kurzen Moment blieben sie stehen und sahen sich verwundert an. Keiner von ihnen konnte sich daran erinnern, dass sie auf ihrem Hinweg an diesem Bach vorbeigekommen waren. Der Wald dahinter wirkte wesentlich lichter und freundlicher. Noch während sie fragende Blicke miteinander tauschten, ertönte das Brüllen des Dämons in ihren Rücken.
»Keine Zeit zum Nachdenken«, sagte Timo.
Mit einem Satz standen sie im Bach und wateten durch das kalte Wasser auf die andere Seite.
»Wartet«, hielt Zmock sie zurück, als sie das Ufer erreichten. Die drei blieben stehen und blickten zurück. Auf der anderen Seite des Baches stand der Dämon und blickte finster zu ihnen herüber. Missmutig brüllend, wanderte er ein gutes Stück den Bach entlang, dann blieb er stehen und blickte wieder zu ihnen herüber.
»Sieht so aus, als traue er sich nicht auf die andere Seite«, stellte Niels fest.
»Ich habe noch nie davon gehört, dass Dämonen wasserscheu sind«, brummte Timo verwundert.
»Ich glaube, es hängt mit diesem Teil des Waldes zusammen«, überlegte Vincent laut, obwohl ihm das Sprechen Schmerzen bereitete. Die Wunde an seiner Seite brannte wie Feuer.
Der Dämon brüllte erneut, doch dieses Mal wirkte es zutiefst enttäuscht. Mit einem letzten Blick auf die drei Männer drehte er sich um und verschwand in den Tiefen des Waldes.
»Dieser Wald wird immer merkwürdiger«, seufzte Timo. »Wie auch immer. Wenn wir weiter geradeaus gehen, sollten wir irgendwann wieder hinauskommen, oder nicht?«
»Fragt sich nur, wann dieses irgendwann sein wird«, sagte Niels und betrachtete Vincents Wunde. »Lange können wir so nicht marschieren.«
»Vielleicht braucht ihr das auch nicht«, sagte Zmock, der ein gutes Stück vorausgeflogen war und nun wieder zu ihnen zurückkehrte. »Ich habe da vorne ein Haus gesehen.«
»Ein Haus?«, fragte Niels verwundert. »Mitten im Finsterwald?«
»Das kann nichts Gutes verheißen«, unkte Timo. »Für heute habe ich genug Abenteuer erlebt.«
»Ich bin dafür, dass wir es uns ansehen«, stöhnte Vincent.
»Kommt gar nicht in Frage«, lehnte Timo im bestimmenden Tonfall ab.
»Timo, bitte. Ich kann nicht mehr lange weiterlaufen. Vielleicht finden wir dort Hilfe«, bat Vincent flehend.
»Und was ist, wenn nicht?«, hielt Timo dagegen.
»Dann lasst ihr mich zurück und sucht das Weite.«
»Auf gar keinen Fall«, protestierte Niels. »Wir verlassen nur gemeinsam diesen Wald.«
»Ich finde, dass Vincent Recht hat«, mischte sich nun auch Zmock ein. »Dieser Wald hier ist anders als der Rest des Finsterwaldes. Weniger... böse.«
»Na, wenn das keine vertrauenswürdige Aussage ist«, spottete Timo. »Das Gefühl eines Schattenkobolds.«
»He!«, machte Zmock und blies beleidigt die Backen auf.
»Schon gut. Schon gut. Wir sehen uns das Mal an«, gab Timo schließlich nach.
Der Waldboden hinter dem Bach war erstaunlicherweise fast vollkommen frei von Unterholz. Die Bäume in diesem Teil des Waldes hatten glatte Stämme und standen in dichten Reihen um sie herum. Zwischen ihnen herrschte eine gespenstische Stille, welche Vincent und den anderen das Gefühl vermittelte, dass jeder ihrer Schritte beobachtet wurde. Aber auf eine völlig andere Art, wie im restlichen Teil des Waldes. Vincent konnte der Beschreibung des Kobolds nur beipflichten – dieser Teil des Waldes wirkte nahezu freundlich.
Sie folgten einem breiten, geschwungenen Weg, welcher eine Senke hinabführte und auf einer Lichtung endete, während Zmock im Zickzack vor ihnen herflog. Schlanke Bäume umringten die freie Fläche wie stumme Wächter. In der Mitte der Lichtung stand ein niedriges Haus. Das Dach war mit grauen Schindeln bedeckt und aus dem Schornstein stieg würzig duftender Rauch in den dunklen Himmel hinauf. An die ihnen zugewandte Längsseite des Hauses schloss sich eine hölzerne Terrasse an, auf welcher ein verwaister Schaukelstuhl stand. Hinter dem Haus hatte jemand einen Garten angelegt. In ihm wuchsen die unterschiedlichsten Arten von Pflanzen, deren Namen niemand von ihnen kannte.
Vor der Terrasse blieben sie stehen und sahen sich unschlüssig um. Durch die hohen Fenster konnten sie einen Blick in das Innere des Hauses werfen. Dort war niemand zu sehen.
»Hallo?«, rief Timo vorsichtig. »Ist hier jemand? Hallo?«
Als seine Worte ungehört in der Luft verhallten, seufzte er schwer. »Vielleicht sollten wir doch lieber weitergehen. Ein verlassenes Haus mitten im Finsterwald? Ich weiß ja nicht...«, begann er seine Zweifel auszusprechen.
»Im Kamin brennt ein Feuer. Also kann es nicht verlassen sein«, hielt Niels dagegen.
»Aber vielleicht ist es besser, wenn wir den Bewohner nicht antreffen«, beharrte Timo, als plötzlich kleine Lichter aus dem Wald auftauchten und gemächlich auf sie zu schwebten. Auf ihrem Weg zum Haus schlossen sie sich zu einem Schwarm zusammen und tanzten umeinander herum. Dann stoben sie auseinander und hielten wie große Sterne über den Köpfen der Freunde inne.
»Feenlichter«, sagte Niels erstaunt und beobachtete die Lichtpunkte mit offenem Mund. »Unglaublich.«
»Unglaublich ist es, dass ihr den Weg zu meinem Haus gefunden habt.« Eine Frauenstimme ließ sie erschrocken herumfahren. Zmock flatterte wild mit den Flügeln und versteckte sich hinter Vincents Rücken.
Die schlanke Gestalt einer hochgewachsenen, jungen Frau näherte sich ihnen mit geschmeidigen Schritten. Die Feenlichter schossen auf sie zu und begannen wild um sie herumzutanzen. Schließlich verstärkten sie ihr Leuchten und ließen die Umgebung in einem hellen Licht erstrahlen. Für einen Moment wirkte die Frau wie eine Abgesandte der Götter.
Ihre langen Haare, deren Farbe Vincent nicht zu deuten vermochte, fielen offen über ihren Rücken. Es war eine Mischung aus hellem Braun und dunklem Blond mit einem leichten Rotstich.
Doch es unterstrich ihre bernsteinfarbenen Augen. Sie trug ein eng geschnittenes, weißes Kleid und um ihren Hals hing eine silberne Kette mit einem auffälligen Sternsaphir als Anhänger. Sie musste im gleichen Alter sein wie Vincent und die anderen beiden. Er schätzte, dass sie nicht mehr als dreißig Winter gesehen hatte. Wenige Yards von ihnen entfernt blieb sie stehen und musterte die Drei mit einem strengen Blick.
»Was hat Euch hierhergeführt?«, verlangte sie zu wissen.
»Der Zufall. Nichts als reiner Zufall«, antwortete Timo und wirkte plötzlich, als würde er sich in seiner Haut nicht mehr wohl fühlen.
»Verzeiht unser ungefragtes Eindringen«, ergriff Niels das Wort. »Der große, breitschultrige Kerl mit den blonden Haaren ist Timo Gadolin. Unser Freund hier in der Mitte ist Vincent Astat.« Er machte mit seiner freien Hand eine elegante Bewegung und deutete eine Verbeugung an. »Ich selbst heiße Niels Meudel. Es ist mir eine Ehre, eine solch herausragende Schönheit wie Euch kennenlernen zu dürfen.«
Niels sah die Frau aus seinen grünen Augen keck an und warf sich seinen Zopf aus braunen Haaren über die Schulter.
Trotz der brennenden Schmerzen in seiner Seite musste Vincent darüber lachen. Niels war einfach unverbesserlich! Bei jeder sich ihm bietenden Gelegenheit versuchte er die Frauen mit seinem Charme zu betören. Immerhin konnte er sich nicht über mangelnden Erfolg beklagen.
Die junge Frau wirkte hingegen recht unbeeindruckt. »Spart Euch eure bezirzenden Worte. Ich hege keinerlei Interesse an einer Nacht mit einem Schürzenjäger.«
Timo begann grölend zu lachen. Niels tat so, als würde ihm diese Abfuhr nicht im Geringsten kümmern und räusperte sich. »Würde es Euch etwas ausmachen uns zu verraten...«
»Mein Name lautet Helena Voltaire«, kam die Frau Niels Frage zuvor. »Und Euer Freund bedarf dringend Hilfe«, fügte sie mit einem Blick auf Vincent, den sein prustendes Lachen inzwischen in die Knie gezwungen hatte, hinzu.
Vincent saß auf dem Boden und krümmte sich vor Schmerzen, während er die Hände auf die Wunde presste. Helena ging zu ihm herüber und kniete sich neben ihm auf den Boden. Vorsichtig nahm sie seine Hände von der Wunde, um sich die Verletzung anzusehen.
»Wir müssen ihn in mein Haus bringen«, sagte sie an Timo gewandt.
Plötzlich sprang Zmock auf Vincents Schulter und beäugte Helena kritisch. Er stellte die Flügel auf und fletschte die Zähne. »Eine Hexe!«, fauchte er aufgebracht. »Vincent! Vertrau ihr nicht! Sie ist eine Hexe!«
»Ganz recht. Das bin ich«, erwiderte Helena kühl.
»Eine Hexe im Finsterwald kann nichts Gutes bedeuten!«, krakelte Zmock laut, versenkte die Krallen in Vincents Hemd und begann daran zu ziehen.
»Sagt der Schattenkobold, welcher sich in Begleitung einer Gruppe von Dämonenjägern befindet«, konterte sie. »Als ob dies, nicht minder sonderbar ist.« Sie musterte Zmock mit einem Blick, als wäre sie sich nicht sicher, was sie von seiner Gestalt halten sollte.
»Zerbreche dir darüber mal nicht dein hübsches Köpfchen«, ätzte Zmock, dann schloss er eingeschnappt den Mund.
»Hm«, machte Helena nachdenklich. »Wenn Euch der Gedanke Euch von einer Hexe helfen zu lassen, nicht zusagt, steht es Euch frei weiterzuziehen.« Sie warf Timo und Niels einen abschätzigen Blick zu.
Diese schauten sich unschlüssig an, dann sahen sie zu Vincent.
»Schon gut«, keuchte dieser. »Wir sind für Eure Hilfe sehr dankbar.«
»Also gut.« Helena richtete sich auf und strich ihr Kleid glatt. »Helft ihm hoch und bringt ihn hinein.«
Niels und Timo gehorchten umgehend. Vincent stöhnte gequält, als sie ihn auf die Beine hievten und hinter Helena das Haus betraten. Sie gelangten in einen geräumigen Wohnraum, in dessen Kamin ein prasselndes Feuer brannte. Vor dem Kamin standen ein schwerer Holztisch und mehrere Stühle. Bündel von getrockneten Kräutern und Blumen hingen von den Dachbalken über ihren Köpfen und verströmten einen angenehmen Duft. Auf der gegenüberliegenden Seite führten zwei Türen in weitere Räumlichkeiten. Helena schritt auf eine davon zu und öffnete sie. Der Raum dahinter lag in tiefe Dunkelheit getaucht, doch sie beeilte sich, einige Lampen zu entzünden. Dann winkte sie Timo und Niels heran und bedeutete ihnen, Vincent zu einer Bank an der Wand zu führen.
Vincent verzog das Gesicht, als er sich langsam darauf niederließ und die Beine von sich streckte. Währenddessen öffnete Helena mehrere Schubladen und Türen in den unzähligen Schränken, welche sich in dem kleinen Raum an den Wänden drängten. Zielsicher griff sie nach kleinen Dosen und Flaschen und sammelte sie auf einem Tablett. Als sie schließlich alles beisammenhatte, wandte sie sich an ihre Gäste.
»Ich fürchte, dass die Versorgung Eures Freundes eine Weile dauern wird. Drüben im Wohnraum solltet Ihr etwas zum Essen finden. Später zeige ich Euch, wo Ihr heute Nacht schlafen könnt«, meinte sie und deutete mit einem Nicken auf die Tür.
Timo und Niels drückten Vincent aufmunternd die Schulter. »Wir lassen dir auch was übrig«, feixte Niels, dann verließen sie das Zimmer.
Helena warf ihnen einen flüchtigen Blick hinterher, dann griff sie nach einem Schemel und stellte ihn vor Vincent ab. Sie ließ sich darauf nieder und fasste nach Vincents Hemd. Plötzlich erklang ein lautes Poltern aus dem Wohnraum, auf das schallendes Gelächter folgte.
»Werde ich nachsehen gehen müssen?«, fragte Helena und hob skeptisch eine Augenbraue.
»Ich denke nicht«, meinte Vincent mit einem entschuldigenden Lächeln. »Sie werden schon keinen Unfug anstellen.«
»Wenn Ihr das sagt«, murmelte sie und wollte sein Hemd hochheben, als ein weiteres Poltern ertönte.
»Vielleicht ist es doch besser...«, setzte er an.
»Ich habe schon verstanden«, sagte sie und stieß einen entnervten Seufzer aus. Sie ließ sein Hemd los und musterte ihn mit einem zweifelnden Blick.
»Na los.« Vincent deutete mit der Hand auf die Tür. »Ich werde schon nicht tot umfallen, wenn Ihr das Zimmer verlasst.«
Sie maß Vincent mit einem weiteren eingehenden Blick, dann erhob sie sich. »Ich bin umgehend wieder zurück«, sagte sie und verschwand rasch aus dem Zimmer.
»Ich halte das immer noch für keine gute Idee«, maulte Zmock, der die ganze Zeit über auf einem Balken unter der Decke gehockt hatte und sich nun auf Vincents Kopf niederließ. »Wer weiß, was sie noch mit euch anstellen wird.«
»Zmock, du übertreibst«, sagte Vincent und seufzte schwer.
»Weine nicht, wenn sie dich später in einen Frosch verwandelt!«, fuhr der Kobold ungerührt fort.
»Zu welchem Zweck denn, bitte?«, fragte Vincent ungehalten. Allmählich verlor er die Geduld mit dem Kobold. Die Schmerzen in seiner Seite machten es nicht besser.
»Das fragst du mich? Sie ist eine Hexe! Die machen ständig Dinge, die sich unserem Verständnis entziehen!«, ereiferte sich Zmock weiter.
»Na, vielleicht möchtest du dann der Erste sein, den ich heute Nacht in einen Frosch verwandele?« Helena stand in der Tür und verschränkte die Arme vor der Brust. Zmock quietschte erschrocken und brachte sich hinter Vincent in Sicherheit. »Du könntest dich jedoch als nützlich erweisen und die anderen beiden Dämonenjäger beaufsichtigen. Ich habe ihnen ausdrücklich verboten, irgendetwas in diesem Haus anzufassen, jedoch bezweifle ich, dass sie sich daranhalten werden.«
Zmock lugte hinter Vincents Schulter hervor und beäugte Helena kritisch. »Ich weiß nicht«, sagte er gedehnt. »Ich will dich ungern mit dieser Hexe alleine lassen. Wer weiß, was sie mit dir anstellt.«
»Jedenfalls nichts, was dir nicht gleich widerfahren wird, wenn du nicht auf der Stelle diesen Raum verlässt«, sagte Vincent grollend.
Der Kobold machte ein säuerliches Gesicht, dann bleckte er die Zähne und flatterte davon. »Sag nicht, dass ich dich nicht gewarnt hätte«, sagte er noch, bevor er durch die Tür hinaus in den Wohnraum flog.
Geräuschvoll ließ Helena die Tür hinter ihm in Schloss fallen, ehe sie nach dem Tablett mit den Dosen und Flaschen griff und es auf ein niedriges Tischchen neben Vincent stellte.
»Jetzt fühle ich mich doch etwas unwohl«, gestand er mit einem schiefen Lächeln, als Helena sich wieder vor ihm auf den Schemel setzte.
»Ihr habt von mir nichts zu befürchten«, sagte sie gelassen und deutet mit einem Nicken auf sein zerrissenes Hemd.
»Ihr müsst Euer Hemd ausziehen«, beantwortete sie seinen fragenden Blick.
»Ich dachte, Ihr haltet nichts von einer Nacht mit einem Schürzenjäger«, sagte Vincent grinsend.
»Spart Euch Eure Scherze, oder ich verwandle Euch wirklich in einen Frosch«, entgegnete Helena ungerührt.
Mit einem enttäuschten Seufzer fasste Vincent sein Hemd und versuchte, es sich über den Kopf zu ziehen, doch die Wunde an seiner Seite reagierte mit heftigem Pochen und er hielt in der Bewegung inne. Kalte Finger streiften die Haut an seinen Armen, als Helena nach dem Hemd griff und ihn daraus befreite.
»Vielen Dank«, presste er aus zusammengebissenen Zähnen hervor.
»Es wundert mich, dass Ihr nicht gestorben seid«, sagte sie und berührte mit einem Finger die violett verfärbten Ränder der Wunde. »Man könnte glauben, dass die Verletzung schon mehrere Tage zurückliegt.«
Vincent zog zischend die Luft ein. »Wir Dämonenjäger sind zäh«, japste er, während Helena begann die Wunde mit einer scharf riechenden Flüssigkeit auszuwaschen. »Und Ihr könnt mich gerne Vincent nennen. Kein Grund für so viel Höflichkeit.«
»Nun denn.« Helena ließ von ihm ab und griff nach einer Flasche mit bläulichem Inhalt. »Dann nennt mich Helena.«
»Liebend gern!« Vincents Grinsen wandelte sich zu einer schmerzverzerrten Grimasse, als ihm Helena die blaue Flüssigkeit mit einem sauberen Lappen auf die Wunde tupfte.
»Woher wusstest du eigentlich, dass wir Dämonenjäger sind?«, fragte er, als er wieder sprechen konnte.
»Ich erkenne Dämonenjäger, wenn ich welche sehe«, wich sie seiner Frage aus und griff nach seinem rechten Arm. Eingehend betrachtete sie die verschlungenen alchemistischen Symbole, die in seine Haut eintätowiert waren. »Ich vermute, dass diese Symbole einen Teil der dämonischen Kraft umleiten und sie in deinem Körper speichern? Hast du deshalb diese Verletzung überlebt?«
Erstaunt sah Vincent sie an. »Ja, so ist es. Unsere Körper werden dadurch stärker und widerstandsfähiger. Wunden verheilen schneller und wir werden seltener krank. Dies ermöglicht es uns, auch gegen größere Dämonen zu bestehen. Sofern man zuvor die Möglichkeiten hatte, sich durch die Vernichtung kleinerer Dämonen zu stärken.« Er machte ein nachdenkliches Gesicht. »Nicht jedem ist dieses Glück beschieden...«
»Ich würde mein Leben jedenfalls nicht so leichtfertig für einige Goldmünzen riskieren«, sagte Helena und ließ seinen Arm los.
»Was heißt hier leichtfertig? Für gewöhnlich gehe ich keine unnötigen Risiken ein. Außerdem ist es eine allgemein dienliche Arbeit«, empörte sich Vincent.
»Ist das so?« Helena griff nach einer Dose und öffnete sie. »Haben du und deine Freunde euch jemals gefragt, was die Alchemisten mit all den Dämonenkristallen machen?«
»Sie benötigen sie für verschiedene alchemistische Prozesse, durch die sie die unterschiedlichsten Dinge herstellen«, beantwortete Vincent ihre Frage. »Zum Beispiel Heilmittel oder Dinge, die das Leben vereinfachen.«
»Und jeder glaubt ihren Worten, solange sie sagen, dass es dem sogenannten Allgemeinwohl dient«, spottete Helena. Dann wechselte sie das Thema. »Was habt ihr überhaupt für einen Dämon gejagt?«
Vincent runzelte die Stirn. »Wir sind auf einen riesigen Dämon in Bärengestalt gestoßen. Wie sich leider herausstellte, war er etwas zu stark für uns.«
»Ein Ursulan?!«, entfuhr es ihr entsetzt.
»Ihr kennt die offizielle Bezeichnung der Alchemisten für diese Art von Dämon?«, fragte Vincent erstaunt und sah sie sehr aufmerksam an.
»Ich bin nun mal eine gebildete Frau«, sagte sie schlicht und fuhr fort, sich um seine Wunde zu kümmern. »Weshalb begleitet euch eigentlich dieser Schattenkobold?«
»Gebildet... in der Tat«, sagte er gedehnt und verfolgte jede ihrer Bewegungen, während sie einen Verband um seinen Oberkörper anlegte. »Zmock und ich reisen schon eine sehr lange Zeit gemeinsam durch die Länder. Man könnte sagen, dass uns das Schicksal zueinander geführt hat, wenn man daran glauben mag. Jedenfalls waren die Umstände äußerst merkwürdig. Er hat mir das Leben gerettet und ich schuldete ihm dafür einen Gefallen. Seitdem begleitet er mich.«
Die Erklärung war mehr als dürftig, das wusste Vincent. Jedoch hielt er es nicht für nötig, Helena die genaueren Umstände seines Aufeinandertreffens mit dem Schattenkobold zu erörtern. Selbst Niels und Timo hatte er bisher nur diese grobe Zusammenfassung aufgetischt. Wenn es nach ihm ging, würde niemand je etwas über die wahren Begebenheiten erfahren.
»Jetzt würde ich jedoch gerne wissen, wie es kommt, dass eine junge, hübsche Frau einsam und allein im äußersten Winkel Faltegas lebt. Noch dazu im Finsterwald«, versuchte Vincent Helena seinerseits auszuhorchen.
»Der Finsterwald gehört niemandem«, antwortete sie kalt.
Sie erhob sich und begann die Sachen auf dem Tablett zurück in die Schränke und Schubladen zu räumen. »Ich lebe allein, ja. Aber ich bin keineswegs einsam.«
»Aber irgendeinen Grund wird es geben, dass du so zurückgezogen lebst«, ließ er nicht locker.
»Weil die Menschen Angst vor allem haben, was ihnen unbekannt ist. Sie fürchten sich vor der Magie und verteufeln sie. Selbst wenn es sich dabei um lichte handelt.« Sie wandte ihm den Rücken zu, während sie sprach, doch der unterdrückte Zorn in ihrer Stimme war deutlich zu hören.
»Lichte Magie? Du meinst, wie hell und dunkel?«, fragte Vincent und lehnte sich auf der Bank zurück. Die Wunde kribbelte unter dem Verband, doch allmählich verschwanden die Schmerzen.
»Wo Licht ist, gibt es auch immer Schatten. Jede Münze hat zwei Seiten und so verhält es sich ebenfalls mit der Magie«, erklärte Helena. »Die Dämonen, die ihr jagt, sind das Ebenbild der dunklen Magie. Wohingegen es sich bei den Feenlichtern um Wesen der lichten Magie handelt.« Sie drehte sich zu Vincent um und lehnte sich mit dem Rücken gegen einen der Schränke. »Jedoch sind dies Aspekte der wilden Magie. Aspekte der freien, ungebundenen Magie, welcher sich fast jedes Lebewesen bedienen kann. Sofern es in der Lage ist, sich ihren Gesetzen zu beugen.«
»Davon habe ich noch nie etwas gehört«, gestand Vincent und kratzte sich am Kinn.
Helena legte den Kopf in den Nacken und seufzte schwer.
»Das wundert mich nicht. Die Alchemisten und ihre Zauberer greifen auf arkane Magie zurück.« Ihre Stimme nahm einen harten Klang an. »Die Alchemisten, für die ihr so artig arbeitet, sind diejenigen, die Jagd auf die Verwender wilder Magie machen und in der Bevölkerung falsche Gerüchte verbreiten. Inzwischen hat sich eine wahre Verfolgungswelle ausgebreitet. Sämtliche Hexen und Hexenmeister, egal ob sie sich lichter oder dunkler Magie bedienen, fliehen in die entlegensten Winkel dieses Kontinents oder verlassen ihn gar ganz. Den magischen Wesen ergeht es nicht besser. Sie suchen Schutz im Finsterwald, doch er ist nicht groß genug, um sie alle aufzunehmen.«
Vincent wusste nicht, was er sagen sollte. Diese Sicht der Dinge war ihm gänzlich neu. »Warum sollten die Alchemisten so etwas veranlassen?«
»Weil sie sich in ihrer Macht gefährdet sehen. Sie können schlecht ihr Imperium errichten, wenn es noch lästige Nebenbuhler gibt.« Helenas Stimme tropfte fast vor Hass. Ihre bernsteinfarbenen Augen bohrten sich in die von Vincent hinein und er begann, sich unter ihrem Blick unwohl zu winden.
Er hatte bisher nie die Arbeit der Alchemisten hinterfragt. Warum hätte er es auch tun sollen? Die Menschen in Faltega führten ein gutes Leben. Er konnte Helenas Worten nicht so recht glauben. Wahrscheinlich neigte sie, auf Grund ihrer Abneigung gegenüber den Alchemisten, zu Übertreibungen. Es gab sicherlich gute Gründe, weswegen die Alchemisten den Gebrauch von wilder Magie ablehnten. Wahrscheinlich war ihre Anwendung höchst gefährlich. Einfach so würden sich die Alchemisten nicht dagegen aussprechen. Er wusste, dass die Zauberer des Syndikats Hexen und ihresgleichen nicht leiden konnten und in der Bevölkerung deswegen die wildesten Geschichten kursierten. Doch dass es eine regelrechte Hexenverfolgung gab, hielt Vincent für völligen Unfug.
Doch etwas in Helenas Blick ließ ihn an seiner Überzeugung zweifeln. Was wäre, wenn Helena tatsächlich Recht hatte, mit dem, was sie ihm soeben erzählt hatte? Wenn er ehrlich war, hatte er bisher nichts weiter als das Geld im Sinn gehabt, welches ihm durch den Verkauf der Dämonenkristalle winkte. Noch nie hatte er sich Gedanken über die Politik in Faltega und ihre Auswirkungen auf die Bevölkerung gemacht. Er hatte seinen Dienst verrichtet – loyal zur Flagge und im Sinne des Landes. So wie man es ihn gelehrt hatte. Doch vermutlich hatte er bewusst die Augen vor all dem verschlossen, denn es lebte sich so leichter.
»Verzeih«, sagte Helena plötzlich und stieß sich vom Schrank ab. »Dies ist für mich ein sensibles Thema. Ich wollte dich nicht damit belasten.« Sie musterte ihn eingehend, dann öffnete sie die Zimmertür. »Die anderen warten bestimmt schon.«
Vincent erhob sich und folgte ihr hinaus in den Wohnraum. Timo und Niels lagen auf dicken Strohmatten vor dem Kamin und schliefen tief und fest. Zmock hatte sich neben Niels zusammengerollt und schnarchte leise im Schlaf.
»Das überrascht mich jetzt doch etwas«, sagte Vincent.
Dann trat er an den schweren Holztisch und überprüfte, ob ihm seine Freunde wirklich etwas zum Essen übriggelassen hatten. Freundlicherweise hatten sie ihm einen Teller mit Brot, Käse und etwas Obst hergerichtet. Daneben standen ein Becher und eine Kanne, aus der es nach Tee duftete. Vincent griff danach und schenkte sich etwas Tee ein.
»Hätte nicht gedacht, dass sie sich so ohne Weiteres schlafen legen« wunderte er sich immer noch.
»Das liegt vielleicht an dem Schlafmittel, welches ich in den Tee gemischt habe«, sagte Helena schulterzuckend.
Abrupt stellte Vincent den Becher zurück auf den Tisch und sah sie entgeistert an. Helena erwiderte seinen Blick, dann fing sie schallend an zu lachen. Es war ein helles, warmes Lachen, dass irgendetwas in Vincents Brust zum Schwingen brachte.
»Das war ein Scherz. Entschuldige«, gluckste sie amüsiert.
»Aber einer von der ganz gemeinen Sorte«, grollte Vincent und griff wieder nach dem Becher.
Er pustete sorgsam über den Inhalt, dann nippte er vorsichtig daran. Der Tee schmeckte süß und herb zugleich.
»Es tut mir wirklich leid«, sagte Helena, noch immer mit einem Lächeln im Gesicht.
Dann hob sie eine Hand und deutete mit einem Finger unter das Dach. Vincent folgte ihrer Geste und sah nach oben. Zwischen den Deckenbalken schwebten zwei Feenlichter umher. »Ich denke, diese Zwei sind für die unüberwindbare Müdigkeit deiner Freunde verantwortlich.«
»Haben sie sie verzaubert?« Er hob eine Augenbraue und sah Helena fragend an.
»So etwas Ähnliches. Ich schätze, meine kleinen Freunde werden wohl für meine Gäste gesungen haben. Sie haben eine wunderschöne Stimme, musst du wissen. Leider wirkt sie ungemein... einschläfernd.« Helena kicherte leise.
»Wie lange hält diese Wirkung an?«, wollte Vincent wissen.
»Lediglich einige Stunden. Keine Sorge, deinen Freunden wird nichts geschehen. Morgen früh werden sie aus einem langen, traumlosen Schlaf erwachen und sich so ausgeruht wie selten in ihrem Leben fühlen«, erklärte sie.
»Wenn du das sagst...« Vincent wirkte wenig überzeugt.
»Vertrau mir.« Sie zwinkerte ihm zu. »Ich werde nun ebenfalls zu Bett gehen. Ich wünsche eine angenehme Nachtruhe.«
»Vielen Dank«, sagte Vincent und verfolgte, wie sie auf die andere der beiden Türen zuschritt. Im Augenwinkel entdeckte er plötzlich einen Köcher voll Pfeile und einen langen, schlanken Bogen an einer der Wände hängen. Das Bild der Person, welche sie vor den Harpyien gerettet hatte, blitzte vor seinem inneren Auge auf.
Er wollte Helena danach befragen, doch sie war bereits hinter der Tür verschwunden. Nachdenklich betrachtete Vincent den Bogen. Es konnte kein Zufall sein.
Die Sonnenstrahlen fielen schräg durch die hohen Fenster und erhellte den Wohnraum in einem warmen Licht. Vincent öffnete die Augen und betrachtete die Dachbalken über sich. Ein herzhaftes Gähnen zu seiner Linken teilte ihm mit, dass auch Niels und Timo endlich erwacht waren.
»Guten Morgen allerseits«, sagte Niels und setzte sich auf. Timo streckte sich ausgiebig und seufzte schwer. »Guten Morgen.«
»Ich fühle mich, als hätte ich zwei Tage geschlafen«, stellte Niels kopfschüttelnd fest.
»Mir geht es genauso«, sagte Timo, trat die Decke beiseite und stand auf. »So ausgeruht habe ich mich schon lange nicht mehr gefühlt.«
»Das haben wir bestimmt dieser Hexe zu verdanken«, giftete Zmock und hüpfte über die Strohmatten.
»Hör auf, so über Helena zu sprechen«, schimpfte Vincent und sah den Kobold strafend an. »Was hast du nur für ein Problem mit ihr?«
»Sie ist eine Hexe. Reicht das nicht?«, entgegnete Zmock und sprang mit einem Satz auf den Tisch. Er stemmte die dünnen Arme in die Hüften und marschierte über die Tischplatte. »Das Frühstück steht schon bereit«, sagte er und prüfte die Speisen mit einem kritischen Blick.
»Wo steckt sie eigentlich?«, fragte Timo und nahm sich einen Apfel aus einer Schale. Beherzt biss er hinein und füllte sich gleichzeitig etwas Tee in einen Becher. Danach griff er zum Messer und Schnitt sich eine Scheibe von einem Laib Brot ab.
»Gute Frage«, antwortete Vincent und erhob sich ebenfalls. Suchend sah er sich um, doch von Helena war keine Spur zu entdecken.
»Ich bin nur darüber erstaunt, wie tief wir geschlafen haben müssen, dass niemand von uns bemerkt hat, dass sie den Tisch für uns neu eingedeckt hat«, bemerkte Niels. Er gesellte sich zu ihnen an den Tisch und griff nach Brot und Käse.
»Wer weiß, was sie uns gestern Abend ins Essen gemischt hat«, stichelte Zmock weiter.
»Sie hat uns gar nichts ins Essen gemischt. Ihr habt gestern Abend dem Gesang der Feenlichter gelauscht. Die haben einen Schlafzauber auf euch gewirkt«, erklärte Vincent. »Und jetzt hör auf damit.«
Zmock schnitt ihm daraufhin lediglich eine hässliche Grimasse.
»Wie lautet denn der Plan für heute?«, wechselte Timo das Thema. »Wollen wir es noch einmal mit dem Ursulan aufnehmen?«
»Eigentlich habe ich keine Lust mir eine weitere Abreibung zu holen... Andererseits will ich nicht mit leeren Händen zurückkehren«, überlegte Niels laut.
»Geht mir genauso«, sagte Timo.
Die beiden sahen abwartend zu Vincent. Dieser hob hilflos die Arme. »Wenn ihr unbedingt wollt, können wir es gerne noch einmal versuchen. Wir kennen ja jetzt unseren Gegner. Wenn wir uns einen Plan überlegen, sollten wir ihn bezwingen können.«
»Das ist die richtige Einstellung!«, rief Timo aus und schlug ihm auf die Schulter.
»Fühlst du dich denn schon wieder kräftig genug, um weiterzuziehen?«, fragte Niels und deutete auf Vincents bandagierten Oberkörper.
»Erstaunlicherweise ja. Helenas Heilkünste sind beeindruckend«, sagte Vincent und klopfte sich sachte gegen die Seite. »Ich spüre fast keine Schmerzen mehr.«
Zmock drehte den Kopf und wollte eine weitere, bissige Bemerkung zum Besten geben, doch als er Vincents Blick begegnete, schluckte er sie herunter.
»Dann lasst uns keine weitere Zeit verlieren und aufbrechen«, schlug Timo mit einem Blick aus dem Fenster vor.
Die anderen stimmten ihm zu und gemeinsam räumten sie ihre Schlafstätten zusammen. Sie stapelten die Matten in einer Ecke des Raumes und legten die sorgsam gefalteten Decken darauf. Danach widmeten sie sich den Überresten ihres Frühstückes. Während Timo und Niels die Teller zusammenstellten, entdeckte Vincent sein Hemd, welches über einem Stuhl hing. Es war frisch gewaschen und geflickt worden. Ihm war unbegreiflich, wie Helena das in der kurzen Zeit angestellt haben mochte, doch er erklärte es sich mit dem Gebrauch von Magie.
Mit ihrer Arbeit zufrieden, verließen sie schließlich Helenas Haus. Die Sonne empfing sie mit ihren warmen Strahlen.
»Also, welche Richtung sollen wir einschlagen?«, fragte Timo.
»Ich würde sagen, wir kehren zu unserem Ausgangspunkt zurück«, sagte Vincent und sah sich um.
»Wisst ihr denn, aus welcher Richtung wir gestern gekommen sind?«, wollte Niels wissen.
Timo schüttelte verlegen lachend den Kopf.
»Was würdet ihr nur ohne mich machen«, seufzte Zmock und flatterte voraus. »Los, folgt mir. Ich zeige euch den Weg!«
»Man kann über ihn sagen, was man will. Aber als Navigator ist Zmock unschlagbar«, grinste Timo.
Die anderen beiden setzten sich in Bewegung, während Vincent noch einen Moment vor dem Haus stehen blieb und über die Lichtung spähte.
»Vincent! Was ist los? Komm endlich!«, rief ihm Niels zu.
»Ich glaube, die Hexe hat ihm den Kopf verdreht«, sagte Timo so laut, dass Vincent es hören konnte, und begann schallend über seinen eigenen Witz zu lachen.
Vincent bedankte sich bei ihm mit einer obszönen Geste, dann folgte er ihnen.
»Ich hätte mich trotzdem gerne von ihr verabschiedet«, sagte Vincent, als sie den Waldrand erreichten.
Ein letztes Mal sah er über die Schulter hinweg zur Lichtung und zu dem unscheinbaren Haus. Dann tauchten sie in die Schatten der Bäume ein. Sie waren nicht weit gekommen, als sie plötzlich eine Person entdeckten, die an einen Baum gelehnt auf sie zu warten schien. Sie trug braune, eng geschnittene Lederkleidung und einen Mantel, dessen Kapuze tief ins Gesicht gezogen war. Auf dem Rücken trug sie einen Bogen und einen Köcher voller Pfeile.
»Seid ihr also endlich erwacht«, spottete Helena mit einem frechen Grinsen. Sie schob sich die Kapuze aus dem Gesicht und gesellte sich zu ihnen.
»Ich wusste es!«, entfuhr es Vincent laut.
»Du wusstest was?«, fragte Timo erstaunt.
»Sie war es! Helena hat gestern die Harpyien vertrieben.«
»Das habe ich wohl«, sagte sie und warf sich ihre Haare über die Schultern. »Es gibt schon viel zu Wenige von ihnen. Ich konnte nicht zulassen, dass ihr einige von ihnen tötet.«
»Danke für deine Hilfe«, sagte Niels überrumpelt und kratzte sich verlegen das Kinn.
»Außerdem möchten wir uns für deine Gastfreundschaft bedanken. Du hast uns wirklich gerettet«, fügte Vincent an und kam nicht umhin, Helena anzustrahlen.
»Leider werden wir uns nun auf den Weg machen«, unterbrach ihn Timo. »Ein Dämon wartet auf uns.«
»Ihr wollt es wirklich noch einmal mit ihm aufnehmen?« Helena schüttelte ungläubig den Kopf.
»Du kannst uns ja begleiten«, warf Zmock großspurig ein.
Einen Augenblick lang maßen die beiden sich mit finsteren Blicken, dann zischte Helena geringschätzig.
»Das werde ich tatsächlich tun«, sagte sie und Zmock fiel sprichwörtlich die Kinnlade herab.
»Wie bitte?!«, rief er empört.
»Ich habe die Spuren des Dämons untersucht. Er ist viel zu stark, als dass ihr es allein mit ihm werdet aufnehmen können. Selbst wenn eure Taktik noch so ausgeklügelt sein mag.« Sie zupfte die Riemen ihres Köchers auf dem Rücken zurecht. »Außerdem behagt es mir nicht, dass ein Ursulan einfach so durch den Finsterwald streift.«
»Die Unterstützung einer Hexe ist mit Sicherheit nicht verkehrt«, sagte Timo schulterzuckend.
»Ich finde es auch nicht verkehrt«, stimmte Niels nach kurzem Überlegen zu.
»Pah!«, machte Zmock und flog leise schimpfend zwischen den Bäumen hindurch.
Vincent lächelte Helena entschuldigend an, dann machte er eine einladende Geste, um ihr zu bedeuten, sich ihnen anzuschließen. Gemeinsam wanderten sie zwischen den Bäumen hindurch, zurück zu dem kleinen Bach.
»Warum ist dieser Teil des Waldes so anders als der Rest?«, fragte Vincent Helena.
»Weil dieser Teil des Waldes mein Reich ist. Ich hege und pflege dieses Gebiet und halte dunkle Kreaturen aus ihm fern«, antwortete sie nüchtern.
»Deswegen hat der Dämon sich gestern nicht getraut den Bach zu überqueren«, folgerte Niels daraus.
Helena nickte ihm zustimmend zu. »Er wusste, dass er es mit mir zu tun bekommen würde, falls er einen Fuß in dieses Gebiet setzt.«
Vincent musterte Helena nachdenklich von der Seite. Sie musste eine sehr starke Hexe sein, wenn selbst ein Ursulan davor zurückschreckte, sich mit ihr anzulegen.
Sie erreichten den Bach, welcher die Grenze zu Helenas Land bildete und blieben stehen. Helena hob eine Hand und wenige Wimpernschläge später bildete sich aus dem Gestrüpp an den Ufern eine kleine Brücke. Trockenen Fußes gelangten sie so auf die andere Seite. Mit einem knackenden Geräusch zogen sich die Äste und Wurzeln zurück. Es wirkte, als hätte es die Brücke niemals gegeben. Timo und Vincent tauschten beeindruckte Blicke miteinander, während Niels bereits begann, den Boden auf Spuren des Dämons zu untersuchen.
»Das kannst du dir sparen«, sagte Helena an ihn gewandt. »Die Spuren sind längst verblasst, aber ich habe heute Morgen eine frische Fährte entdeckt. Folgt mir, ich werde euch hinführen.«
Sie ging voran und führte die drei Männer durch das dichte Unterholz.
Es dauerte eine Weile, doch dann stießen sie auf die frischen Spuren, von denen Helena gesprochen hatten. Scheinbar hatte sich der Dämon in der Nacht eine längere Zeit nicht unweit von Helenas Gebiet aufgehalten.
»Wenn er nicht erneut irgendwo Halt gemacht hat, dürfte er einen guten halben Tag Vorsprung haben«, ließ Niels die anderen an seiner Vermutung teilhaben und betrachtete stirnrunzelnd die Spuren.
»Zu dem gleichen Schluss bin auch ich gelangt«, stimmte Helena ihm zu.
»Das wird wohl ein anstrengender Marsch«, seufzte Timo. »Also gut. Lasst uns keine weitere Zeit verlieren.« Er klatschte aufmunternd in die Hände und stapfte voran.
Stunde um Stunde verging, während sie sich einen Weg durch den Wald bahnten. Timo und Niels gingen voraus, während Helena und Vincent die Nachhut bildeten. Niels fluchte laut, als ihm zum wiederholten Male ein Zweig ins Gesicht schlug. Vincent und Timo erging es nicht besser, nur Helena blieb scheinbar davor verschont. Zuerst vermutete Vincent, dass es daran lag, dass sie es gewohnt war durch den Wald zu wandern und einfach geschickter darin war, den Ästen auszuweichen. Doch nach längerer Beobachtung gelangte er zu dem Eindruck, dass die Zweige Helena auswichen und nicht umgekehrt. Fasziniert verfolgte er jede ihrer Bewegungen, bis sie seinen Blick bemerkte und sich zu ihm umwandte. Fragend hob sie eine Augenbraue.
»Entschuldige. Ich wollte nicht starren. Ich habe nur über etwas nachgedacht«, sagte er und hob entschuldigend die Hände.
»Aha«, machte Helena und richtete ihre Aufmerksamkeit wieder auf ihren Weg durch das Unterholz.
Schließlich verlor Niels die Geduld. Mit einer schnellen Handbewegung löste er seine Axt vom Gürtel und begann sich den Weg freizuhacken. Helena bemerkte es und beschleunigte ihre Schritte, um zu ihm aufzuschließen. Niels holte zu einem weiteren Schlag aus, als sie ihn erreichte und sein Handgelenk fasste.
»Ich würde es begrüßen, wenn du dies unterlassen würdest«, sagte sie schroff.
»Warum?«, fragte Timo und sah Helena erstaunt an. »Wir kommen leichter voran, wenn er uns den Weg frei schlägt.«
»Eben«, fügte Niels an und befreite seine Hand aus ihrem Griff.
»Weil die Bäume des Waldes, dies alles andere als gutheißen und ich gerne lebend in meinen Teil des Waldes zurückkehren würde«, fuhr sie die beiden ungehalten an.
Timo und Niels sahen Helena aus großen Augen an, dann tauschten sie unschlüssige Blicke miteinander.
»Hört auf das, was die Hexe euch sagt«, sagte Zmock, welcher auf einem kniehohen Stein gelandet war und in die Baumkronen hinaufblickte.
»Also ist es keine Einbildung?«, fragte Vincent und sah ebenfalls hinauf.
»Was meinst du?«, fragte Timo und folgte seinem Blick.
»Die Bäume flüstern miteinander«, antwortete Vincent leise.
»Nein. Es ist keine Einbildung«, bestätigte Helena. »Sie tun es schon seit einer geraumen Weile. Sie beobachten jeden Schritt, den wir machen und beraten darüber, ob sie uns unbehelligt gewähren lassen.«
Niels Gesicht verlor an Farbe. Rasch senkte er die Axt und befestigte sie wieder an seinem Gürtel.
»Und das ist bestimmt kein Scherz?«, fragte Timo skeptisch und verschränkte die Arme vor der Brust.
»Warum sollte ich über so etwas scherzen?« Helena trat an einen Baum und legte die Hand auf dessen Rinde. »Jedes Lebewesen, sei es noch so unscheinbar und klein, verfügt über eine Seele. Niemand besitzt das Recht leichtfertig über dessen Leben zu entscheiden, selbst wenn er noch so überlegen ist.« Sie schloss die Augen und schien etwas zu lauschen, dass nur sie hören konnte. »Wer sind wir, dass wir darüber entscheiden, welches Leben wertvoll ist und welches nicht?« Ihre bernsteinfarbenen Augen leuchteten, als sie die Augen wieder öffnete und die drei ansah. »Wenn man sich genügend konzentriert, kann man das Leben in einem Baum spüren und wenn man genauer hinhört, kann man auch sein Flüstern verstehen.« Sie nahm die Hand von der Rinde und setzte ihren Weg fort.
Sprachlos sahen ihr Vincent und die anderen hinterher.
»Da habt ihr euch eine schöne Hexe ausgesucht«, spottete Zmock und flatterte um ihre Köpfe herum. »Spielt sich als die allwissende Lehrmeisterin auf.«
»So lange wir uns in diesem Wald befinden, bin ich ganz froh darum«, gestand Timo. »Ich fühle mich seit dem Moment, an dem wir einen Fuß in diesen Wald gesetzt haben, nicht wohl. Jetzt kenne ich auch den Grund dafür.«
»Geht mir genauso«, bestätigte Niels. »Zum Glück begleitet sie uns.«
