Kristof Magnusson über Pet Shop Boys, queere Vorbilder und musikalischen Mainstream - Kristof Magnusson - E-Book

Kristof Magnusson über Pet Shop Boys, queere Vorbilder und musikalischen Mainstream E-Book

Kristof Magnusson

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Beschreibung

Go West! Ein autobiografischer Blick auf eine Band, die mühelos und widerspruchsfrei ganz unterschiedliche Gruppen von Fans miteinander vereint: von Intellektuellen, die sie als ambitionierte Konzeptkünstler bewundern, über Familien bis hin zur schwulen Partyszene. Kristof Magnusson nahm zum ersten Mal Popmusik im späten Grundschulalter wahr – und da waren die Pet Shop Boys für ihn der Inbegriff der Popmusik schlechthin. Später prägten sie seine musikalische Sozialisation in den Teenagerjahren und begleiteten seine Anfänge als Autor während der Studienzeit. Die Rolle der Pet Shop Boys als queere Identifikationsfiguren hat sich zwar im Laufe der vergangenen Jahrzehnte verändert, doch immer wieder war Magnusson beeindruckt davon, wie es der Band gelang, eingängige Charthits zu produzieren und dabei gleichzeitig clever und subversiv zu bleiben. So schließt sich ein Kreis, wenn Magnusson seinen Helden unvermittelt in der Berliner Eckkneipe »Oase« begegnet.

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Seitenzahl: 129

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Kristof Magnusson

PET SHOP BOYS

Kristof Magnusson über Pet Shop Boys, queere Vorbilder und musikalischen Mainstream

Kurzübersicht

Buch lesen

Titelseite

Inhaltsverzeichnis

Über Kristof Magnusson

Über dieses Buch

Impressum

Hinweise zur Darstellung dieses E-Books

Inhaltsverzeichnis

We’ve got no future …

Hamburg

New York, Leipzig, Reykjavík

Berlin

Noch mehr Lesespaß

Inhaltsverzeichnis

»We’ve got no future, we’ve got no past – Here today, built to last – In every city, in every nation – From Lake Geneva to the Finland station«

Es ist Ende Juni des Jahres 2009. Die Pandemonium-Tour der Pet Shop Boys macht Station im ausverkauften Tempodrom in Berlin. Wir sind mit einer kleinen Gruppe von Freunden und Bekannten hier. Ich, mein Lebensgefährte Gunnar, mein alter Schulfreund Martin, seine Frau Felicitas und noch ein paar andere.

Die Veranstaltung hat mehr Volksfestcharakter, als es den wahren Ästheten unter den Pet-Shop-Boys-Fans lieb sein kann: Auf der unbestuhlten Fläche in der Mitte der zeltartigen Konzerthalle wuseln Tausende Menschen umher, suchen nach geeigneten Plätzen, den Toiletten, bahnen sich mit Bier und Brezeln den Weg zu ihren Leuten.

Die bestuhlten Ränge weiter hinten sind bevölkert mit älteren Ehepaaren, oftmals in Begleitung ihrer Kinder. Die Männer tragen karierte Hemden, die sie in helle Bundfaltenhosen gesteckt haben, und gelgepolsterte Joggingschuhe. Bei den Frauen manifestiert sich eine gewisse Achtzigerjahre-Nostalgie in den Frisuren, manche von ihnen tragen Stirnbänder und übergroße Ohrringe, die so aussehen, als wären sie nach langer Zeit genau für diesen Anlass wieder einmal herausgekramt worden.

Für viele dieser Menschen ist das Pet-Shop-Boys-Konzert ein Familienausflug und gleichzeitig ein trip down memory lane. Letzteres gilt auch für uns. Auch wir wünschen uns einen emotionalen Flashback, hoffen darauf, dass sie heute Abend genau die Lieder spielen werden, die wir in den Achtzigerjahren mit dem Kassettenrekorder aus dem Radio aufgenommen haben.

Doch längst nicht alle sind hier, um sich nostalgischen Gefühlen hinzugeben. Um uns herum, am hinteren Rand der unbestuhlten Mitte, stehen einige Leute, die ich zumindest vom Sehen her kenne: Autorenkollegen, Journalistinnen verschiedener Berliner Medien, fast die ganze Redaktion der damals noch existierenden Musikzeitschrift Spex, eine Bekannte von mir, die an der Humboldt-Uni über Marcel Proust forscht; Leute, die ich schon mal auf Theaterpremieren und Ausstellungseröffnungen gesehen habe. Wenn ich ihre Gespräche belausche, schnappe ich immer wieder Wörter wie »konzeptuell«, »minimalistisch« und »performativ« auf. Wir stehen eindeutig in der Kulturbetrieb-Ecke. Auch dieses Milieu zieht es zu einem Konzert der Pet Shop Boys: Intellektuelle, die die Pet Shop Boys immer auch als künstlerisch ambitionierte Konzeptband wahrgenommen haben. Wäre ich damals zu den älteren Ehepaaren auf den bestuhlten Rängen gegangen und hätte sie gefragt, ob sie auch so begeistert davon seien, dass die Pet Shop Boys nicht nur eine Band, sondern ein Gesamtkunstwerk sind, hätte es wahrscheinlich viele ratlose Blicke gegeben.

Weiter vorne, in Richtung der Bühne, sieht es wieder ganz anders aus. Hier könnte man meinen, man wäre im Berghain oder zumindest in der Panorama-Bar gelandet: Leicht bekleidete junge bärtige Männer mit vielen Tattoos, vielen Piercings und sehr kurzen Haaren. Bei dieser Kohorte von Konzertgängern handelt es sich eindeutig um Partyschwule, für die die Pet Shop Boys weder Konzeptkunst noch Nostalgie-Trigger sind. Für diese Generation der internationalen Homo-Hipster sind die Pet Shop Boys schlicht Säulenheilige der schwulen Subkultur und haben diesen Status auch Jahrzehnte nach ihrer ersten Platte nicht eingebüßt. Die Beständigkeit der Band verleiht der eigenen queeren Identität beinahe so etwas wie eine historische Legitimation.

Dann erlischt das Licht im Saal. Die Bühne erstrahlt in leuchtendem Blau, Rot und Grün. Disconebel wabert von links und rechts in Richtung Bühnenmitte, wo ein Pult mit Synthesizern aufgebaut ist sowie ein einsames Standmikrofon. Neil Tennant und Chris Lowe tauchen aus dem Disconebel auf, nähern sich langsamen Schrittes dem vorderen Bühnenrand. Ohne Begrüßung und ohne ankündigende Worte erklingt ein elektronischer Beat – die Show beginnt. Alle klatschen. Sind gemeinsam dabei. Mir fällt kein anderes Phänomen der Musikwelt ein, das so unterschiedliche Gruppen von Fans so mühelos und widerspruchsfrei miteinander vereint wie die Pet Shop Boys.

Inhaltsverzeichnis

Hamburg

»Everything I’ve ever done«

Die Geschichte beginnt – wie soll es anders sein – in den 1980er-Jahren. Der Ort ist Hamburg. Der Stadtteil heißt Schnelsen. Von hier sind es nur ein paar Hundert Meter zur Stadtgrenze in Richtung Schleswig-Holstein; 1989 wird hier die erste Hamburger Filiale von IKEA eröffnen, doch so weit sind wir noch nicht.

Bisher war die größte Attraktion dieses nordwestlichsten Zipfels der Freien und Hansestadt ein Sportklub am Königskinderweg, in dem ich mich oft mit Freunden zum Squash-Spielen traf, eine Sportart, die für mich so sehr mit den westdeutschen Achtzigerjahren verbunden ist wie das Schulterpolster und die Dauerwelle. Es gab damals in Hamburg-Schnelsen keinen stylisheren Ort als dieses, wie man damals sagte, Squashcenter. Überall war Neon, Messing, es gab farbenfrohe Cocktails – auf Wunsch sogar ohne Alkohol! Im ganzen Stadtteil war dies definitiv der Ort, an dem man sich am meisten Mühe gegeben hatte, den Zeitgeist der 80er-Jahre zu treffen. Ich kann zwar nicht mehr genau rekonstruieren, warum, aber ich erinnere mich noch genau daran, dass ich oft lange Zeit im Eingangsbereich der Sportanlage saß und auf meine Freunde wartete.

Anders als im Hause meiner Eltern, wo das Fernsehprogramm auf öffentlich-rechtliche Sender begrenzt war, lief auf dem Fernseher, der hier an die Wand gedübelt war, Kabelfernsehen. Die große Vielfalt von Kanälen, die man dadurch bekam, schien hier allerdings niemanden zu interessieren. Hier – und auch auf den anderen vielen Fernsehern, die in diesem Squashcenter in fast jedem Raum, sogar im Ruheraum der Sauna, zu finden waren – lief immer nur ein Sender, und zwar MTV. MTV hielt ich damals für so etwas wie den Yeti oder das Ungeheuer von Loch Ness. Es wurde gemunkelt, dass es so etwas gäbe, aber niemand hatte es jemals zu Gesicht bekommen. Ich kannte nur die öffentlich-rechtliche Musiksendung Formel Eins, mit Peter Illmann, Ingolf Lück und Stefanie Tücking. Dass MTV hier tatsächlich existierte, hatte etwas von einer Initiation. In einem Squashcenter eröffnete sich mir etwas völlig Unbekanntes, vollkommen Neues. Wenigstens hier stimmte einmal dieser dämliche Spruch: Hamburg – das Tor zur Welt.

In meiner Erinnerung liefen damals, egal, ob wir am Königskinderweg gerade squashten, uns umzogen oder Eis aßen, immer und überall die Pet Shop Boys. Deren Lieder West End Girls und Suburbia konnte ich mitsingen, bevor ich die englischen Texte verstand. Und wenn ich damals das Wort Pop hörte, hatte ich sofort die Synthesizer-Akkorde im Ohr, mit denen das Elvis-Cover Always On My Mind beginnt: Pop – das waren für mich die Pet Shop Boys. Die Lieder kannte ich schon, bevor ich anfing, mit meinen Freunden in den Squashklub zu gehen – ein Musikvideo hingegen sah ich dort zum ersten Mal. Und auch hier erinnere ich mich nur an die Videos der Pet Shop Boys, die Videos zu It’s a Sin und Always On My Mind. Das Video zu Always On My Mind habe ich noch als völlig harmlos wahrgenommen, ohne daran zu denken, dass es da irgendwie um queere Inhalte oder Filmkunst gehen könnte. Die vielen lustigen, scheinbar unzusammenhängenden Filmausschnitte passten noch in das Spaß-Bild, das ich von den Pet Shop Boys hatte, in die kindliche Begeisterung für einprägsame Melodien und Klangfarben, die ich allein schon deswegen faszinierend fand, weil sie nicht so klangen wie das Geklampfe von Simon & Garfunkel auf dem elterlichen Plattenteller. Dass die Filmausschnitte, aus denen das Video zu Always On My Mind besteht, aus dem Kinofilm It Couldn’t Happen Here stammen, bei dem es sich um amtliche surrealistische Filmkunst handelt, habe ich erst viel später herausgefunden.

Dann sah ich das Video von It’s a Sin, und nichts war mehr wie zuvor. Das Video spielt in einer mittelalterlich anmutenden Szenerie. Neil Tennant und Chris Lowe sind in einer Burg gefangen und müssen vor erbarmungslosen Priestern und Mönchen der Spanischen Inquisition auf die Knie fallen. Ein Scheiterhaufen wird entzündet, die Botschaft des Videos ist eindeutig. Und wer es bis dahin noch nicht geschnallt hatte, konnte es sich über den Songtext erschließen: »For everything I long to do – No matter when or where or who – Has one thing in common too – It’s a, it’s a, it’s a, it’s a sin. Everything I’ve ever done – Everything I ever do – Every place I’ve ever been – Everywhere I’m going to – It’s a sin.«

Aus der Perspektive eines Erwachsenen von heute ist die Angelegenheit so klar wie Kloßbrühe: Ein schwuler junger Mann verzweifelt daran, dass seine Sexualität und Lebensweise von der Umwelt verurteilt werden. Im Lied selbst richtet sich das Gesungene an einen »father«, wobei nicht ganz klar wird, ob damit der leibliche Vater des Protagonisten gemeint ist oder ob es sich um die Anrede eines Geistlichen handelt. Im Video hingehen macht Regisseur Derek Jarman aus dieser Doppeldeutigkeit ein ziemlich eindeutiges Statement. Die christliche Ikonografie ist derart übertrieben, dass sie den ganzen Song umdeutet. Beim Video geht es nicht nur um das persönliche Einzelschicksal eines schwulen Mannes in den 1980er-Jahren in Großbritannien, es geht um das gesamte verkorkste Verhältnis der katholischen Kirche zu Sexualität im Allgemeinen und Homosexualität im Speziellen. Das wusste ich damals noch nicht, dennoch wurde mir irgendwie klar, dass hier ganz existenzielle Fragen verhandelt werden.

Ohne dass in dem Video explizit schwule Darstellungen enthalten sind, kam die Botschaft bei mir an. Dass das Ganze auf eine theatralische und auch irgendwie lustige Weise rüberkam, machte die Pet Shop Boys für mich rätselhafter, obwohl ich gleichzeitig intuitiv das Gefühl hatte, etwas verstanden zu haben. Ich hatte damals nur ein sehr unbestimmtes Gefühl davon, dass die Welt um mich herum für andere Leute vorformatiert war. Jegliche Kultur um mich herum war darauf angelegt, im weitesten Sinne eine Boy-meets-Girl-Geschichte zu reproduzieren. Für diejenigen, die nicht dazugehörten, gab es scheinbar keinen Platz. Als junger Teenager hätte ich niemals die komplexe Machtstruktur einer heteronormativen Gesellschaft wahrnehmen können, fühlte aber bereits sehr genau, was in mir Angst und Unbehagen hervorrief – und wo ich mich sicher fühlte. Von daher war alleine die Abwesenheit eindeutig heterosexuell codierter Bilder und Geschichten in den Videos und Songs der Pet Shop Boys für mich eine Wohltat.

Wie sehr mir die Texte der Pet Shop Boys gefielen, merkte ich besonders im Vergleich zu – deutlich dämlicheren – Lyrics anderer Bands. Als ich etwas später zum ersten Mal Who’s Gonna Ride Your Wild Horses von U2 auf MTV sah, fragte ich mich umgehend, wessen Pferde da überhaupt gemeint seien, was dieser Bono eigentlich mit Pferden am Hut habe und noch viel mehr: was dieser ganze Kram mit mir zu tun haben solle. Bei den Texten der Pet Shop Boys stellte ich mir diese Fragen nie. Schon damals, im Squashcenter, verschafften mir diese Texte ein regelrechtes literarisches Erweckungserlebnis. Als dort einmal Rent lief, fragte ich mich sofort: Was genau meint Neil Tennant, wenn er singt: »I love you, you pay my rent«? Handelt es sich dabei um den jüngeren Liebhaber eines älteren Mannes oder um den Rentboy eines reichen Kunden? Ist es einfach nur ein sehr fortschrittliches Geschlechterverhältnis einer Heterobeziehung oder singt Tennant aus der Erzählperspektive einer Frau? Als ich diese Entdeckung machte, kam ich mir selbst ungeheuer subversiv vor und verspürte sofort eine große Nähe zu dem Songtexter – immerhin musste er den Text ja so geschrieben haben, dass solche Leute wie ich ihn entziffern können. Für mich war das ein erster Schritt auf dem Weg zu einem besonderen, bewussten Umgang mit Text – und daher sicher ein Wegbereiter für meine spätere Berufswahl.

Meine erste Gedichtinterpretation machte ich also nicht im Deutschunterricht, sondern vor dem Fernseher des Squashcenters am Königskinderweg in Hamburg-Schnelsen. Und weil es in Hamburg war und weil sich diese Geschichte in den späten 1980er-Jahren sowie den frühen 1990er-Jahren ereignete, möchte ich an dieser Stelle der Vollständigkeit halber auf einen Umstand hinweisen: Ja, das Squashcenter im Königskinderweg in Hamburg-Schnelsen hatte eine Sauna. Und ja, manchmal, wenn ich in diese Sauna ging, dann saß da Dieter Bohlen drin.

Bevor wir aber die 1980er-Jahre hinter uns lassen und uns genauer den 1990ern zuwenden, möchte ich noch auf einen Song der Pet Shop Boys hinweisen, den ich damals liebte und der mich auch noch heute in Erinnerungen schwelgen lässt. Mir kommt es so vor, als würde Heart nicht genug gewürdigt werden. Vielleicht liegt es daran, dass der Titel so wenig aussagekräftig ist. Lange Zeit wusste ich gar nicht, dass das Lied Heart heißt. Ich dachte immer, es hieße womöglich My Heart Starts Missing a Beat, Missing a Beat oder Every Time. In dem kurzen Refrain steckt so viel verdichteter Sound – in Gesang und Backing-Track –, dass es nur weniger Takte bedarf, um das Lebensgefühl eines ganzen Jahrzehnts aufscheinen zu lassen. »My heart starts missing a beat, My heart starts missing a beat. Every time, Ohhh-oh, oh, every time.« Die betonte Wiederholung von »beat« ist natürlich kein Zufall, denn musikalisch geht es da richtig zur Sache. Heart hat einen ballernden Hi-NRG-Sound, wie etwa You Spin Me Round oder You Make Me Feel, und sollte eigentlich auch in einem Atemzug mit diesen Hi-NRG-Schmankerln genannt werden. Hätten die Pet Shop Boys an dieser Stelle ihre Karriere beendet, würde man sich heute sicher an sie als große Helden der Hi-NRG-Welle erinnern. Aber stattdessen ging es danach ja erst richtig los.

Im Musikvideo zu Heart spielte übrigens ein Schauspieler die Hauptrolle, den ich damals natürlich nicht kannte. Der Vampir im Video wird gespielt von Ian McKellen – dem legendären Gandalf-Darsteller aus Peter Jacksons Herr-der-Ringe-Verfilmungen, der seinerseits wiederum ein großer LGBT-Aktivist ist.

 

»They called us the pop kids ’cause we loved the pop hits and quoted the best bits.«

Ich habe einen ausgesprochen schlechten Musikgeschmack. Das stimmt natürlich nicht. Ich habe einen besonders feinen Musikgeschmack. Zu Beginn des jetzigen Jahrtausends habe ich mir sogar so viel auf meinen feinen Musikgeschmack eingebildet, dass ich einen Roman verfasst habe, in dem es von Zitaten und Songtiteln diverser Indie-Bands nur so wimmelt. Aber auch das ist natürlich Quatsch. Die Idee vom ganz besonders exquisiten Musikgeschmack ist eine Fiktion. Genau genommen werde ich sogar immer ein bisschen misstrauisch, wenn mir Menschen mit allzu beflissener Kennerattitüde ihr Musikwissen aufs Brot schmieren, wenn das Expertentum so weit in geheimwissenschaftliche Sphären aufsteigt, dass es an Esoterik grenzt. Man beschäftigt sich ja nicht mit Musik, um seine Mitmenschen zu beeindrucken. Eine noch größere Fiktion müsste aber die Vorstellung von einem Leben ganz ohne die gedankliche Beschäftigung mit Popmusik sein. Noch absurder als ein Musikgeschmack, der sich viel auf seine Kenntnis einbildet, dürfte ein Musikgeschmack sein, der sich viel auf seine Unkenntnis einbildet. In meinem Bekanntenkreis befinden sich durchaus ein paar Pappenheimer, die mir weismachen wollen, sie hätten noch nie von Justin Bieber oder One Direction gehört. Vermutlich wollen sie den Eindruck erwecken, sie führten ein komplett vom Trash der populären Alltagskultur unbesudeltes Leben. Doch ich glaube fest daran, dass ein Leben ohne dieses gartenzaunozentristische Abgrenzungsgehabe möglich ist.

Es gibt eine Form von Popmusik, die gleichzeitig massenkompatibel, poetisch und stilsicher ist. Und damit wären wir auch schon wieder bei den Pet Shop Boys. Die Pet Shop Boys sind ein fantastisches Beispiel dafür, wie Kultur sowohl massentauglich als auch künstlerisch anspruchsvoll sein kann. Fazit: Beste Band ever, mehr muss man gar nicht dazu sagen. Buch fertig, Klappe zu.

 

Nachdem wir das geklärt haben, geht es auch gleich ans Eingemachte:

»I was faced with a choice at a difficult age – Would I write a book? Or should I take to the stage? But in the back of my head I heard distant feet – Che Guevara and Debussy to a disco beat.«

Die Pet Shop Boys sind queere Popkultur. Damit meine ich nicht einfach die Tatsache, dass es sich bei den Musikern um offen schwule Männer handelt. Das Gesamtpaket ist queer im besten Sinne. Der eben zitierte Text stammt aus Left To My Own Devices.