2,99 €
Frühjahr 2020. Hamburg ist wie ausgestorben. Die Leute bleiben zuhause, gehen nicht zur Arbeit, nicht zu Freunden. Ungewissheit und Sorge vor Ansteckungen haben die geschäftige Stadt leergefegt. Der Erzähler, Ende Sechzig, spürt hier auf einen Schlag seine Vereinsamung. Nicht nur, dass er nach dem Tod seiner Frau Julia zwischen ihren Pflanzen zurückgeblieben ist, auch die gemeinsame Tochter Anne lebt längst ihr eigenes Leben. Trotz ihrer Fürsorge am Telefon bemerkt er nun deutlich, wie wenig er Teil davon ist. Ganze Tage liegen vor dem alten Mann und müssen gefüllt und verbracht werden. Was könnte man tun? Er erkundet die leere Stadt, macht einen Gang pro Tag, probiert Straßen und verschiedene Supermärkte aus und beobachtet sich bei den kleinsten Handgriffen. Abends sieht er Talkshows. Dann trifft er unterwegs einen alten Freund, René. Was ihn eigentlich freut, reißt auch alte Wunden auf. Woran war die Freundschaft zerbrochen? Und wann? Liegt die Wurzel vielleicht in einem Italienurlaub vor vierzig Jahren, in einer Hütte an einem Berg, hoch über einem See, knapp über der Baumgrenze? Zwischen Bett und Küche, Supermarkt und Wohnung geraten dem Erzähler seine Erinnerungen durcheinander. In der Einsamkeit spannt sich ein Gedankenraum auf, der ein ganzes Leben umfasst, unterschiedliche Stränge tauchen nebeneinander wieder auf. Neugierig, forschend tastet er sich voran und zurück, prüft den merkwürdigen Lebenszustand, in dem er nun gelandet ist, und versucht gleichzeitig Spuren bis an ihren Ursprung zu verfolgen. Dabei bleibt die Zeit nicht stehen. Ausgerechnet jetzt will sich Anne mit ihrer Familie in einem Wohnwagen aufmachen, um ungebunden durch Deutschland zu reisen. Und René, der vorschlägt, in einem der fast leeren Züge einen Ausflug nach Westerland zu machen, hat seine eigenen Erinnerungen zu erzählen.
Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:
Seitenzahl: 285
Veröffentlichungsjahr: 2021
Krone auf und raus
Joern Rauser
Roman
© 2021 Joern Rauser
Titelbild: „Möglicherweise“ aus Triptychon: Memory,
© Freda Heyden, www.fredaheyden.de
Gestaltung und Satz: Beate Stangl, tigerworx.de
Verlag und Druck: tredition GmbH, Halenreie 40-44, 22359 Hamburg
ISBN Taschenbuch: 978-3-347-25900-3
ISBN Hardcover: 978-3-347-25901-0
ISBN e-Book: 978-3-347-25902-7
Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung des Verlages und des Autors unzulässig. Dies gilt insbesondere für die elektronische oder sonstige Vervielfältigung, Übersetzung, Verbreitung und öffentliche Zugänglichmachung.
Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek:
Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.
EINS
Vorhin ruft sie an, und wieder das Gleiche. Ich denke erst nichts, sondern höre Julia. Dabei ist die Stimme anders, ganz andere Stimme. Natürlich. Na ja, Stimmen. Stimmen sind, wie soll … Doch keine ganz andere Stimme, bloß verwandt. Eben. Annes Stimme ist heller wahrscheinlich, aber das ist noch nicht der springende Punkt, sondern etwas darin, in der Stimme, oder sagen wir unter der Oberfläche, nämlich wenn Stimmen Oberflächen hätten, aber Stimmen haben eigentlich nur Oberflächen, oder? Bestehen doch da draus. Oder falsch? Oberflächen? Nee, das kann man nicht sagen. Kann ich mich erinnern an ihre Stimme? Nein nein nein, leider nicht. Eigen auf jeden Fall. Gewesen. Eigentümlich. Kaum bis wenig, da ist nichts, wo die Stimme in der Erinnerung sein müsste. Mochte ich aber von Anfang an. Sehr. Schwingung und so weiter, zum ersten Mal gehört, im Grunde hab ich mich, das weiß ich ja auch heute, das hab ich die ganze Zeit … das hab ich auch immer gesagt, schon in der Anfangszeit, oder gerade in der, ich habe mich zuerst in deine Stimme verliebt. Beziehungsweise in Schwingungen. In Schwingung versetzte Luft. Oder die Lüfte. Ganz persönliche Luft, die bei mir ankommt, natürlich geschwungen. Ich habe ihre Stimme gehört, und heute würde ich sagen, da hast du doch sofort Bescheid gewusst. Ehrlich. Aber das ist vielleicht auch geschönt, wer weiß. Im Nachhinein. Und Annes Stimmbänder müssen die Luft in eine ganz ähnliche Stimmung … irgendwas ist jedenfalls ähnlich und irgendwas ist sicher auch anders. Aber bevor ich mich verheddere, ich verheddere mich schon, glaube ich, ich hab mich schon, ich bin allein, würde ich sagen, oder ich würde sagen, dass Annes Stimme Teile, vielleicht sogar solche Klangteilchen von Julias Stimme beherbergt. Ja, das kann sein. Wie denn auch nicht? Das müsste sogar eigentlich so sein. Julias Stimme war nochmal anders, na klar, sonorer, oder? Bestimmt sonorer. Oder wie klang sie denn, wie hat sie in Annes Alter geklungen? Also als Julia so alt war wie Anne heute? Das weiß ich nicht. Wie alt ist Anne? Und wie hat Julia da geklungen? Daran kann man sich nicht erinnern, das ist jetzt zu schwierig. Muss auch nicht sein. Denn ich höre ja normalerweise sofort im nächsten Augenblick, dass es Anne ist, dass es Anne war. Und nicht Julia. Es kann auch nur Anne sein, Julia ruft nicht an. Aber bevor ich mich verheddere, Anne braucht sich keine Sorgen zu machen. Julia wollte den Namen. Anne, hat sie gleich gesagt, am Anfang, noch davor sogar, ich war für Sofia, aber es war gut, von heute aus gesehen, dass wir auf Julia gehört haben. Sofia klingt heute fremd. Wir? Also dass Julia auf sich selbst gehört hat. Und ich einverstanden war. Na klar, Julia war ja auch freundlich, Julia war schon fast so weit, Sofia besser zu finden und mir recht zu geben. Es stand auf der Kippe. Aber als es auf der Kippe stand, habe ich es gewusst, obwohl Anne noch nicht auf der Welt war. Und trotzdem schon da? Sofia ist das nicht, ich hab schnell gezweifelt, keine Sofia, ich hab mir selber lieber nicht recht gegeben, von heute aus zum Glück, es sei denn, sie wäre dann zu einer Sofia geworden. Na gut, das kann auch sein. Dass daraus eine Sofia hätte werden können. Was? Anders also geworden wäre. In unseren Fantasien, und in ihrer eigenen. In ihrer eigenen von sich. Das kann ich nicht wissen, aber kann natürlich sein. Nur kann ich mir das nun nicht mehr vorstellen. Jetzt. Zu spät, so ist das. Okay. Wenn man die Wahl hat. Es gibt nur eine einzige Möglichkeit. Nicht mal ein Doppelname wäre eine andere. Der wäre wieder etwas Drittes, würde ich sagen. Klar. Anne denkt, sie müsse sich Sorgen machen. Aber ich gehe sowieso nicht so viel raus zurzeit, und wenn, dann pass ich auf. Ich pass auf. In der Drogerie und beim Bäcker, und wo noch? Supermarkt. Wo noch hin? Supermarkt, ja. Und Ärzte. Ich komme den Leuten nicht so nahe, das weißt du doch, und so lange geht das bestimmt auch nicht, das dauert nicht mehr als, irgendwann ist wieder Schluss, die Zahlen werden auch schon besser, heißt es ja, April, Mai, habe ich gelesen, erst höher, dann niedriger, das schöne Wetter. Irgendwann wärmer, und dann. Anne ist auch freundlich, genau wie. Vielleicht manchmal auch zu sehr, oder? Von Julia hat sie bestimmt die Freundlichkeit, von mir nicht, selbstverständliche Freundlichkeit meine ich, da muss sie aufpassen, das hab ich schon mal gesagt. Oder freundliche Freundlichkeit, allzu freundliche. Dass das nicht ausgenutzt wird, kann leicht passieren. Macht sie die Erfahrung, macht sie was draus. Ist ja auch schlau.
Habe versucht, zum Frühstück Johannisbeermarmelade zu essen, im Grunde esse ich den ganzen Tag, ich gehe manchmal, an manchem Tag gehe ich von Essen zu Essen. Hangele mich so mehr schlecht als recht. Bin aber gescheitert. Ja, ich bin an dem Vorhaben gescheitert, Johannisbeermarmelade zu essen. Ich kann es nicht. Ich habe in der Küche eine ganze Abteilung voller Marmeladen stehen, wie nennt man das, für eine Person viel zu viele, Wortfindungsschwierigkeiten, wie nennt man so einen Teil des Schranks? Wie nennt man das? Keine Schublade, sondern höher, an der Wand hängend, oben, ein Teil des Schranks, aber nicht der ganze Schrank und keine Schublade, wie gesagt, die sind ja weiter unten. Aber zum Öffnen. Aufmachen. Heißt das Abteilung? Nein. Gibt es dafür überhaupt ein Wort? Vielleicht werde ich auch zu wenig gefordert in der letzten Zeit. In der letzten Zeit? Das sind Jahre. Die letzte Zeit, das sind Jahre. Die Jahre, seit. Die Jahre, seit sie. Ja, Diejahreseitsie. Die so genannten Diejahreseitsie. Das stimmt. Jetzt werde ich weniger herausgefordert seitdem, den ganzen Tag lang, seltener in einem Zwiegespräch. Nie. Oder einfach auch nicht so geübt vielleicht? Auf jeden Fall hat sich das Glas Johannesbeermarmelade – oder Johannisbeermarmelade? Weiß ich im Augenblick auch nicht, aber irgendwo muss ein Fehler sein, nehme ich an, ein Fehler stecken. Auf jeden Fall lässt sich das Glas nicht öffnen. Alles selbstgemacht. Kleine Varianten in fruchtiger Süße. Hauptsächlich süß. Alles geschenkte Marmeladen, selbstgemachte. Süßes hervorzubringen, das ist sicher ein Vorteil, den man nutzen kann. Oder? Marmeladen selbstmachen, wer kocht sie nicht selbst ein? Das machen so viele, das machen – glaube ich – fast alle Leute heutzutage. Ich hätte jetzt auch Zeit. Hoch erhitzt, oder? Oder kalt geschlagen? Aber dann geht der Verschluss nicht auf. Warum nicht? Geht doch sonst auch auf, macht einen Knack und ist offen. Siehst du. Aber der von der Johannisbeermarmelade, ich glaube, so heißt es besser oder richtiger, Johannisbeermarmelade, nicht Johannesbeer, ich müsste nachgucken, um ganz sicher zu sein, oder es aufschreiben, dann sieht mans gleich, wenn mans liest, Johannesbeermarmelade sieht aber bestimmt, das ahne ich jetzt schon, das weiß ich im voraus, bevor ich einen Stift auch nur suche, das sieht ganz bestimmt komisch aus. Seltsam. Das stimmt doch nicht: Johannes. Vielleicht stimmt auch Johannisbeermarmelade nicht, irgendwie scheint da inzwischen noch was anderes falsch zu sein. Aber Johannesbeer stimmt auf keinen Fall, das weiß ich jetzt. Zu hoch erhitzt, lässt sich unmöglich öffnen, oder falsch erhitzt oder zu früh geschlossen oder zu spät, das Glas, vielleicht nach der Erhitzung. Ich weiß es nicht. Ich habe dreimal dazu angesetzt, es zu öffnen, mit bloßer Händekraft. Beim dritten Mal erst kam die echte Einsicht, dass es nicht möglich ist. Nee, unmöglich. Ich müsste ein Loch hineindrücken mit einem spitzen Gegenstand, einem Öffner oder einer Art Instrument, wie wir es früher mal hatten, ich seh es noch vor mir, mit einer dunklen Eisenspitze und einem Griff aus Holz, aber seit dem Umzug kann ich das nicht mehr finden. Der Umzug ist jetzt fast dreißig Jahre her, oder? Oder siebenundzwanzig. Sie hat – Julia hat – wahrscheinlich gedacht, damals, wir bräuchten es nicht mehr und hat es ausrangiert. Brauchen es aber noch. Wie so vieles. Das hat sie oft gesagt: Ausrangiert. Das habe ich ausrangiert, hat sie gesagt, das brauchst du gar nicht erst zu suchen. Das brauchst du gar nicht erst, hat sie auch manchmal gesagt, und dann hat sie das gesagt, was man gar nicht zu tun brauchte. Fragen, suchen, wünschen. Das kann ich jetzt hören. Einen ganzen Menschen in einem einzigen Wort, in einem halben Satz, auch wenn es inhaltlich nicht unbedingt besonders gut gepasst hat zu ihr, als einzelnes Wort: Ausrangiert. Ein ganzer Mensch ist in einem einzigen Wort nachzuhören, aber nein, das stimmt auch wieder nicht. Das ist doch bloß eine schöne Vorstellung, so ein angenehmer Satz. Natürlich Unsinn. In Wahrheit ist das Quatsch. Geschmeichelt oder. Ich habe drei Mal versucht, das Glas zu öffnen, ich kannte die Schrift nicht auf dem Glas. Hat mich ärgerlich gemacht. Clara, oder? Ich mag Johannisbeeren nämlich sehr sehr gern. Wem sag ich das? Ich weiß nicht, ob es meine Lieblingsfrucht ist. Die absolute. Johannisbeeren oder Pfirsiche? Äpfel, die ich auch mag, aber sicher etwas weniger. Weiß es wirklich nicht. Beides gut, oder? Früher war so was wichtig, wenn man sich einbilden konnte, dass man ein Publikum hatte, und sei es auch ein winziges, dem man erzählte, einem oder zwei anderen Menschen, Eltern, Freundin, Kind, Freunde, Mitarbeiter, die sich dafür interessierten. Oder nicht. Jedenfalls Kinderkram. Für die Geschichten, die man so zu erzählen hatte, für so eigene Dinge wie Lieblingsmarmeladen oder Sorten oder Früchte oder Farben.
Oder Autos. Ich hatte kein Lieblingsauto, oder? Eigentlich nie. Autos? Weiß ich nicht, glaub ich aber nicht. Nicht so interessant. Für niemanden ist wichtig, ob Johannisbeer oder Pfirsich. Und irgendwas stimmt nicht. Da dran. Ich habs jedenfalls nicht aufgekriegt, das Glas, und mich dann doch noch geärgert, nicht bei dem ersten Versuch, und auch noch nicht bei dem zweiten. Bei diesem zweiten Versuch habe ich immerhin schon mal den Gedanken gehabt, mich zu fragen, ob es mich, wenn ich das jetzt noch mal versuchen würde, ärgern wird. Ob mich das dann ärgern wird. Dann würde ich es nämlich nicht versuchen. Aber ich habe geglaubt, ich bin sogar sicher gewesen, dass nein. Das würde mich dann natürlich nicht ärgern. Aber nach dem dritten Versuch, das Johannisbeermarmeladenglas zu öffnen, dann hats mich doch. Es war einfach zu fest zu, ich konnte nicht verstehen, warum es so fest zu sein musste, so absolut. Warum. Und wer das war! Das war einfach Unsinn, alles. Ich habe mich sogar sehr geärgert, jetzt nach dem dritten Versuch, besonders über die Schrift, die ich lesen konnte, aber nicht kannte, sodass ich nicht sagen konnte, von wem die Marmelade stammte. Also habe ich eine andere, eine gelbe Marmelade geöffnet, Quitte mit Apfel. Die ließ sich leicht öffnen, kommt von Peter, der quasi alles aus Quitte macht. Er hat einen Garten oben in seinem fünften oder sechsten Stockwerk, eine zum Garten umgewandelte Terrasse, einen Fünfmal-fünf-Meter-Urwald, da wächst unter anderem all dieses Quittenzeug. Ich mag Quittenmarmelade nicht sonderlich, man kann sie natürlich essen, wenn sie ein bisschen süß ist, manchmal ist sie auch nur süß, manchmal ist sie aromatischer, manchmal weniger, aber nie gerate ich bei Quittenmarmelade in diese Koste-Lust oder wie das heißt oder in die Vorfreude oder Nachfreude. Ich würde sie zum Beispiel nie als Erstes wählen auf einem Frühstückstisch mit mehreren Marmeladen, sie ist bei mir immer die typische zweite Wahl. Oder dritte. Weil das Johannisbeerglas nicht aufging. Soll ich es, obwohl die Quittenmarmelade jetzt offen und schon probiert ist, doch noch mal versuchen? Noch einmal? Nie, nee, nein, ich kann mich beherrschen. Vielleicht morgen, oder wenn das Mütchen gekühlt ist und ich nachmittags Lust auf einen Toast mit Johannisbeermarmelade haben sollte und wieder Kraft hab und mich dann nicht beherrschen kann. Das passiert ganz leicht, dass ich mich nicht beherrschen kann. Wenn ich ehrlich bin. Johannisbeer steht auf weißem Klebepapier, wahrscheinlich ist das ein besonderes Marmeladen-Klebepapier, das man im Supermarkt kaufen kann – und jetzt weiß ich, in diesem Augenblick, oder ich glaube wenigstens, dass das Julias Handschrift sein müsste. Immer noch Julias? Dann sind das Jahre! Nee. Etwas andere Buchstaben oder leicht veränderte Schrift vorausgesetzt, wegen des wenigen Platzes zum Schreiben auf dem kurzen und knappen Stückchen Papier. Kommt die wirklich von Julia? Bitte sag mal jemand ja. Brauche eine Bestätigung, von Seiten einer unabhängigen Distanz. Johannisbeer steht ja auch drauf. Instanz. Also nicht mit e.
Dann ich auch nicht. Ich muss ja nicht. Zum Glück kontrolliert mich keiner. Außer mir selbst. Außer mir natürlich. Strengster Richter sowieso. Und wenn alle nicht rausgehen und gute Gründe haben, kann ich auch drin bleiben und gute Gründe haben. Dazu kann ich nur raten. Und Fernsehgucken, andauernd Talkshows, eine nach der anderen, um zu sehen, wie die Situation ist. Wie ist die Situation? Systemrelevant bin ich zweifelsfrei nicht, nein, eher schon Risikogruppe. Worte, Worte. Klar, Risikogruppe auf jeden Fall, aber wen interessiert das, wenn man siebenundsechzig ist. Siebenund. Oder fast achtund. Trotzdem tatsächlich Entspannung, zumal Anne Sachen einkauft und vor die Tür stellt. Herrlich. Das ist oder daraus entsteht eine neue Art der – Freundschaft hätte ich fast gesagt. Verbundenheit. Aber mit Anne befreundet? Ach, das stimmt schon, freundschaftlich stimmt. Ich soll die Tür nicht mal öffnen. Das halte ich aber für übertrieben. Wenn sie wieder unten ist, ruft sie mit dem Handy an. Dann merke ich erst, dass sie da war, immer noch da ist, entfernt, dann öffne ich die Tür und sehe nur die Tüten, aber nicht Anne, die steht inzwischen schon wieder auf der Straße, am Auto. Zum Winken. Ich gehe zum Fenster und sehe Anne, die von einem Bein aufs andere wechselt. Das könnte eine Aussage sein, dass sie aufs Klo muss, oder? Kenn ich, seit sie ein Kind war. Aber jetzt? Ich kann doch nicht runterrufen, ob sie mal müsse? Musst du mal? Dann komm doch rauf, ich geh auch in die Küche und schließ mich ein und lüfte gleichzeitig. Ist eine erwachsene Frau, wie sie dasteht und wieder vom einen Bein aufs andere wechselt. Und sie würde bestimmt nicht in die Wohnung kommen, um Himmels Willen. Das weiß ich.
Später ändert sich nicht so viel. Nachdem Zeit vergangen ist, esse ich wieder von den Dingen, die Anne hingestellt hat, wofür ich ihr den Betrag, den sie per WhatsApp aufgeschrieben hat, sofort bargeldlos überweise, ein bisschen aufgerundet. Erstens hat sie es nicht nötig, sonst würde ich großzügiger aufrunden, Leo verdient schließlich gut und mehr, als ich je verdient habe, und sie verdient sowieso auch, und wahrscheinlich auch mehr, als Julia je verdient hat oder ich selbst auch, das weiß ich nicht, ist möglich, aber ist auch egal. Und tut sich auch noch um einiges leichter damit, zu arbeiten und Geld zu verdienen als wir damals. Kein Problem und offensichtlich keine Angst vor welchem Zusammenbruch auch immer. Und zweitens hat sie es nicht gern.
Und ich esse weiter so mit großer Vorliebe Gewürzgurken. Ich finde das wirklich köstlich, wie die Dinge, die Anne mitbringt, von denen abweichen, die ich sonst kaufe. Inwiefern abweichen? Geschmacklich? Aber ich könnte natürlich genauso gut einkaufen gehen, gut geschützt. Im Grunde. Glaube ich. Aber sie möchte das nicht.
Okay. Aber rausgehen darf ich hin und wieder doch, oder? Spazieren.
Wenn du niemandem zu nahekommst, sagt sie.
Okay.
Und ich geh erstmal nicht raus, was sie nicht wissen muss, sondern gehe lieber von Zimmer zu Zimmer und warte, abwechselnd hier und da, dann sitz ich schon, habe mich, ich habe mich längst schon hingesetzt, aber ich habe vergessen, dass ich mich eben gesetzt hatte. Habe. Ich sitz ja da, hier, muss grad erst geschehen sein. Hingesetzt habe ich mich und hatte den Tisch offenbar auch längst gedeckt, so ist das, so redet man, lange bevor die Nachrichten kommen, die ich sowieso kenne, denn ich habe sie im Computer gelesen. Zweimal bereits. Auf unterschiedlichen Seiten und Kanälen die fast gleichen Nachrichten, die ich nicht mal besonders dringend brauche. Das vergisst man immer: Ob du das eigentlich brauchst. Ob du das eigentlich willst. Ich habe den ganzen Tag immer wieder reingeschaut und gesehen, was mir in die Augen gesprungen ist, Überschriften springen in die Augen, und ich lese noch fünf Sätze weiter, dann weiß man schon so in etwa Bescheid, tagsüber. Ich habe längst begonnen zu kauen, bevor die Tageschau anfängt. Kauen. Manches vergessen sie da auch. Ich stelle die Abweichungen fest, die nicht interessieren. Oder keinen. Natürlich vergessen sie nichts, in dem Sinn vergessen sie sicher überhaupt nichts, aber sie halten offenbar manches nicht für so wichtig. Für nicht so wichtig. Entscheiden sich dagegen. Wie ich. Einiges unverständlich, aber ich möchte jetzt nicht … ich würde zum Beispiel die Zahlen anders präsentieren, wenn man mich fragte, ein bisschen erläutern auch, das können sie doch, zum Beispiel die Krankheitsfälle, was das bedeutet und so weiter, die Anzahl der Genesenden. Dass sie gar nicht so unfroh sind, wenn es noch möglichst viele waren, heute beziehungsweise vor zwei Wochen. Möglichst viele harm lose Fälle. Herdenimmunität mag ich nicht, schon das Wort nicht, aber das ist wichtig, das seh ich ein. Alles mit Herde klingt komisch. Warum? Warum eigentlich? Weiß ich auch nicht. Dann die Länderübersicht, wo es am schlimmsten ist. In welchen. Das ist natürlich furchtbar, hochgerechnet. Denke ich in ganzen Sätzen? Niemand schreibt mir mehr was vor, so alt bin ich schon. Und es kommt auch nicht mehr so drauf an. Da siehst du. Unkontrolliert verbringe ich Zeit in diesen nach wie vor gemieteten vier Wänden, die kennst du noch. Würdest du sofort wiedererkennen, wenn du jetzt wieder da wärest. Überraschungsbesuch. Kaum was verändert. Aber du bist ja tot. Miete trotzdem weiter und hoffe sehr, dass das auch wirklich weitergeht. Lange, so lang wie möglich. Warum nicht? Die andern doch schließlich auch. Gleiches Recht, auch wenn ich die drei Zimmer nicht unbedingt alle brauche jeden Tag. Aber alten Baum verpflanzt man nicht. Ich höre, was die Nachbarn tun. Durch die Wände kann ich den ganzen Tag mithören. Und wenn wer kein Geld hätte plötzlich, dürften sie zurzeit nicht hinausgeworfen werden. Heißt es. Im Prinzip. Siehst du. Guter staatlicher Schutz, plötzlich … fürsorglich. Hast du das schon mal erlebt? Bleibt nur die Frage, welche Nachbarn ich meine, weil ich die Richtungen nicht sicher zuordnen kann. Immer noch nicht. Woher denn die Laute. Laute Laute und leise Laute. Weiß man doch, Bässe und Höhen wirken unterschiedlich hinsichtlich der Ortbarkeit, oben unten auch, weißt du ja, dass das nicht so gut geht. Was von links kommt, passt eher zu den Leuten von oben, komisch, irre mich doch täglich, und irre mich so jeden Tag ein Stückchen weiter. Ich berichte auch weiter: Ich esse nicht nur Gewürzgurken, ich esse die Gewürzgurken vor allem zu Broten, Begleitmusik, ganz wichtig, zu diesen Broten, die mit unterschiedlichen Käsesorten belegt sind, die Brote esse ich hauptsächlich, abends vier bis fünf Stück, oder ich vergesse, wie viel und esse einfach weiter, glaube ich, kann auch mal sein, nebenbei esse ich Gewürzgurken, seit der Kindheit ist das so. Also auch Brot, Gewürzgurken hatte ich lange nicht gegessen, ich glaube sogar Jahre nicht. Seit ich Kind war, ein Kind war ich, hat sich nicht so viel geändert. Als Kind dachte ich, würde sich mehr ändern, bis jetzt, bis ich so alt wäre wie heute. Hat sich aber wirklich nicht. Nein, da schwimmt man durch in Wahrheit, oder? Schräges Bild, das vorn und hinten nicht stimmt. Aber so drunter durch geschmuggelt. Und die alten Leute von damals sind längst fort, unmerklich. So viel wie unmerklich passiert. Leute passieren unmerklich – heißt, sie verschwinden. Ich hab es nicht gemerkt und vergesse auch Veränderungen. Am ehesten ist es schon Schwimmen, aber wie lange bin ich nicht mehr geschwommen, wirklich geschwommen, meine ich, im See, im Meer, im Bad, also im Bassin, im Pool, wie lange nicht mehr Fußball gespielt, wie lange habe ich die Hoffnung aufgegeben, nochmal Fußball zu spielen? Jahrzehnte sicher. Längst. Ich erinnere mich. Im Studium das letzte Mal, ganz sicher, mit den Zahntechnikern gespielt, gebolzt aber bloß, Tartanplatz für Kinder, nicht für Studenten eigentlich, die Kinder hatten Vortritt, wenn sie kamen, dann haben wir uns was anderes gesucht, mit Auto. Weitergefahren auf die Wiese, Stoppelfeld. Oder einen staubigen Platz gesucht, wo man aufpassen musste, nicht hinzufallen, wegen eventuellem Blut im Staub. Tetanus. Aber ist nicht passiert, kein Unfall, dafür erschöpft und abgekämpft, verschwitzt auf ein einziges Tor, aber schön auch da, wenn Spielzüge gelungen sind, minutiöse Schönheiten auch dabei, ohne Zuschauer, im kleinen Feld, auch auf dem Hartgummiplatz oder wie der Belag hieß, heißt, so mit Noppen. Stimmt Tartan? Gabs das damals überhaupt schon? Rutschfest, aber auch nicht ungefährlich. Und wenn die Erinnerung spinnt? Rutschen ist besser, glaube ich. Mittags, wenn keine Kinder da waren, wie gesagt, die den Vorzug gehabt hätten. Dabei wie gesagt auch so leichte, kurze Gefühle von Schönheit hin und wieder, trotz Hemdsärmligkeit, tja, Momente, und körperlich begeistert war ich glaube ich genauso oder noch mehr als im großen Feld mit der vollen Mannschaft. Da gar nicht so, glaube ich. Wenn ich mich. Mannschaften, zwei. Konnte ich mich begeistern jedenfalls. Jachtern, altes Wort für Kinder, die schnell rennen, schwitzen, sich verausgaben, Freude des Körpers, Freude im Kopf als der wahre Zustand. Warum nicht? Aber erkälte dich nicht, mein Junge. So soll es sein. Körper bewegt sich die ganze Zeit, gebärdet sich. Man ruft sich was zu und ärgert sich auch zwischendurch, wenn einer nicht abgibt, und lobt, falls doch und bei Gelingen. Genuss, wenn ein Tor fällt. Das sowieso. So sollte es an und für sich immer sein.
Name klingt heut ganz unverbraucht. Jahre, Jahrzehnte hab ich sie gemeint, wenn ich Julia gesagt hab. Wenn ich den Namen jetzt – leise – ausspreche, Julia, kommt mir das lebendig vor. Klingt immer noch. Gern mache ich den Fehlschluss, ich täusche mich. Gut, jetzt ist sie wenigstens nicht gefährdet. Komischerweise erleichternd. Das kann sie nicht treffen, wir müssen nicht aufpassen, wir müssen nur noch auf mich aufpassen, ich war doch der, der dauernd kränklich war, jahrelang immer wieder, jedenfalls öfter als sie. Durchchecken, die Werte. Ermahnte sie mich. Auf sie hätten wir ohnehin nicht aufgepasst, um mich hätten wir uns gesorgt. Jetzt müsste ich mich allein sorgen, um mich, aber was soll das, sorgen, ich sorge mich einfach nicht. Anne sorgt sich, aber das ist wieder was anderes. Anne soll sich um sich sorgen, um ihre Kinder. Aber Kinder sind offenbar nicht so betroffen, geben es nur weiter, heißt es, unter der Hand, bilden nicht unbedingt Symptome aus. Aber andererseits heißt es, wir wissen noch zu wenig. Wir stehen ganz am Anfang. Und jeden Tag April-Sonnenschein, das ist ungewöhnlich, das ist auch ungerecht, diese Trockenheit. Oder gerade gerecht. Ach Quatsch, gerecht oder nicht gerecht. Quatsch ist das! Für mich sowieso von Anfang an Erleichterung, ich kann zu Haus bleiben, ich bleib sowieso zu Haus, aber jetzt darf ich es mir gemütlich machen, ich brauche kein Leben zu führen und bleibe und lebe trotzdem. Ich bleibe zu Hause und habe Zeit. Erstmal viel. Sowieso. Ich telefoniere. Ja, manchmal geh ich auch raus, ich mache Listen, ich kaufe ein, soviel ich tragen kann. Das macht Spaß.
Da draußen die Leute ansehen, neuerdings auch mit Mundschutz. Ich habe nichts dagegen, ich habe gegen kaum etwas was. Ich brauche nicht mal eine Meinung, ich muss mich nicht festhalten, ich habe die Erfahrung gemacht, das lässt sich sowieso nicht schaffen. Was? Ich nehme die Lage wirklich hin, ohne zu beurteilen. Glauben Sie nicht? So fühlt sich das an, fühlt sich überzeugend an. Ich höre auch den Ärzten gerne zu, ich finde das, was sie sagen, und auch wie sie es sagen, ich finde das spannend, im Augenblick höre ich sogar den Politikern ganz gern zu. Jedenfalls manchen. Endlich, scheint es, können sie sich bewähren. Sie müssen nicht dauernd was behaupten und sich durchsetzen. Müssen sie wahrscheinlich auch, aber vorläufig geht es konkret um was. Konkret um was geht es sonst natürlich auch, aber jetzt ist es sagen wir mal dramatisch. Leben und Tod. Richtig was los. Gleichzeitig wenig. Aber es geht um was, das ist es. Anne hat zu viel zu tun, inzwischen ist es anstrengend geworden, die Kinder jeden Tag zu haben, ganztägig dafür zu sorgen, dass sie sich nicht langweilen. Sagt jeder, heißt es überall. Leo kann zum Glück arbeiten, auch zu Hause, systemrelevant. Das ist gut. Anne wird es überstehen, in dem Sinn quälen werden die Kinder sie nicht. Mich dürfen sie nicht besuchen. Auch zum Glück. Und Julia? Julia, was sagst du?
Was Anne zu essen mitgebracht hat, ist wirklich anders als das, was ich kenne. Anne als anderer Mensch. Das Gleiche, aber anders. Bratwürste, die dicker sind, wo hat sie die her? Vielleicht Markt? Einwickelpapier unbekannt. Und im Kunststoffbehälter Kartoffelsalat, weil sie weiß, wie sehr ich Kartoffelsalat mag und dass ich mir den nie selber machen würde. Kenn ich auch nicht von den Essen mit Julia. Jahre nicht gegessen. Bratwürste schon. Aber wir haben glaube ich wirklich nie Kartoffelsalat gegessen, oder? Hab ich nicht und hat sie nicht zubereitet, nicht gewusst wie, und dann vergessen. Sieht wenig aus in dem Behälter, die Menge, aber das ist immer mehr, als es aussieht. Pass auf. Eine Portion. Und Senf hab ich, steht im Kühlschrank, zwei unterschiedliche. Morgen dann.
Ich weiß auch nicht, vielleicht langsamer. Aber auch heute ist Essen eingeplant, Essen spielt schon eine große Rolle … Gurkengeschmack, Geschmack von junger Gurke am frühen Abend in der Abendsonne. Zum Glück. Abends kommen die Gurken. Ich hab nichts vor sonst. Ist das ein Problem? Aber für wen denn? Niemand erfährt, ob ich etwas vorhabe. Aber ich. Vielleicht langsamer, jede Bewegung ein bisschen beobachtet, gespürt, nicht direkt aus Altersgründen, sondern weil es Spaß macht. Indirekt. Weil es Spaß macht, das zu beachten. Dann rauche ich. Ich rauche wieder. Julia mag das nicht. Ich habe die Erfahrung gemacht, man verliert die Freude an allem, wenn man zu schnell ist. Ich habe wieder angefangen zu rauchen, nach soundsoviel Jahren, nicht mitgezählt wie viele, ich könnte aber nachrechnen. Warum denn nicht? Warum nicht rauchen? So ein bisschen. Ich rauche jetzt langsamer als früher. Julia fiel damals immer auf, dass ich so viel rauche und so hastig. Andauernd. So oft Gelegenheiten. Na klar, ich schade mir wahrscheinlich genauso, wenn ich langsamer rauche, oder? Ich schade mir sicher, selbst wenn ich gut aufpasse. Inwiefern kann man eigentlich gut aufpassen beim Rauchen? Was heißt das? Jeder Zug ein Ereignis. Nicht übertreiben. Ich trinke auch, aber alles überschaubar. Ein Glas Wein, allerdings erst später, vielleicht um zehn. Noch Stunden. Manchmal vergess ich es auch. Nach Sonnenuntergang. Zigarillos bestelle ich, ich habe einen Shop gefunden, im Internet entdeckt, warum bin ich da nicht früher drauf gekommen, da ist in aller Ruhe Auswahl möglich. Hier gibt es Läden, aber sie haben jetzt nicht offen, und als sie noch offen hatten, hatten sie keine Auswahl, keine richtig guten Zigarillos und niemanden, der sich auskannte. Und ich musste mich schnell entscheiden. Dann habe ich schon gar nicht mehr gewollt. Dagegen der Shop hier. Kostet kein Porto, wenn ich genug bestelle. Wunderbar, ich hab teure bestellt, so viel Geld ist da, ich muss nichts sparen. Lebensabend. Die Sonne scheint schon von Tag zu Tag länger herein, es wird schneller warm im Zimmer, auch wenn ich nicht heize. Nachmittags. Nächte sind eiskalt. Raureif morgens, wenn ich früh rausgucke. Aus dem Fenster, beschlagen ein bisschen. Vormittags stell ich die Heizung noch an, sie geht dann gegen elf, zwölf von selbst aus. Die Sonne hat schon Kraft. Einfallswinkel, UV-Licht bei bestimmtem steilem Einfallswinkel zerstört auch das Virus. Muss man wissen. Oder etwa nicht? Gegen zwei Uhr kann ich es wagen, bei ausgestellter Heizung das Fenster zu öffnen und bei gekipptem zu rauchen. Ein Zigarillo, und wenn es gut war, noch einer. Sieht keiner zu. Ist mir aber lieber bei gekipptem Fenster. Julia hätte was dagegen, nicht gegen das Fenster, sondern gegen das Rauchen. Wäre mir lieber, sie wäre da und hätte was dagegen. Dann würde ich aber nach wie vor nicht. Nicht ihr zuliebe nicht rauchen, würde ich sagen, sondern mir zuliebe, würde ich sagen. Sie hat mir das vor Jahren abgewöhnt. Aber nicht gründlich genug offenbar. Siehst du. Man muss nicht immer leben. Du lebst ja auch nicht immer. Nicht wieder. Aber ich glaube nicht, dass die Zigarillos mich krank machen, ich hab überhaupt keine Angst davor, Angst längst abgewöhnt, das ist das Schöne, falls ich mich nicht täusche. Bin sonst aber Experte für Angsthaben, allerfeinste Ahnungen, Angst verengt die Arterien. Entspannung von morgens bis abends, Entspannung vielleicht von der ganzen vorherigen Lebenszeit, das kann schon sein, das hab ich mich gefragt, ich muss es aber nicht wissen, es reicht, dass … Lust, nicht zu denken. Unbelastet davongekommen. Ganz leicht geblieben. Eine Weile. Rauchen, essen. Na ja, etwas zu tun ist gut. Beobachten, was so passiert. Beobachten und Beachten ist auch Tun. Sogar gerade. Das ist nicht wenig, das ist eine, wie hieß das, wie heißt das, was das …? Dass wir zu Hause bleiben müssen oder sollen, kommt mir natürlich entgegen, glaube ich. Offenbar ist das so. Gut. Hätte es mir ganz anders vorgestellt, aber es läuft zum Glück so ähnlich ab und fällt nicht schwer. Keine Quälerei, sondern ich finde wirklich: So ist das zum Glück, so ist das. Muss kein Leben führen, nö. Feriengefühl, aber Disziplin, das war das Wort, das hatte ich gesucht. Zum Beobachten, was passiert. Kleinigkeiten, nehm ich mir vor. Immer diese. Geht auch so weiter, glaube ich.
Krise am Morgen: will nicht aufstehen. Langweilig. Trotz Helligkeit, die trotz der Vorhänge sogar immer mehr wird. Sonne wandert auf mich zu. Aber sie steigt auch, und irgendwann. Verlasse das Bett nur alle zwei Stunden für Klo-Gänge, mühsam hin zum Klo, mühsam zurück, aber erleichtert, nicht wegen des Drucks, der fehlt, sondern wegen der Zeit, der neuen zwei Stunden. Wieder. Irgendwann werden es mehr als zwei Stunden werden, wenn ich nichts trinke inzwischen. Sage endlich, wenn ich mich wieder ins Bett fallen lasse. Schöner Satz. Was für ein schöner Satz. Aber der Moment ist gut. Ins Bett fallen lassen. Ich muss ja nicht. Hunger ist kaum wichtig, Hunger schiebe ich dann zur Seite. Später. Auf später. Sonne scheint herein und wandert sowieso. Weiter, weiter, weiter. Kein Staub in den Strahlen, oder wenigstens kaum. Keine Luftbewegung, trotz des offenen Fensters. Die ganze Nacht das Fenster offen gehabt, und in der Nacht wird es immer noch kalt, ja wirklich sehr. Hereingekommen die frische Luft und zugedeckt geblieben bis zum Hals. Wie als Kind. Solange das Telefon nicht klingelt, kann mich nichts versuchen. Bleibe. Bleibe standhaft und bringe mit jedem weiteren Augenblick den Tag durcheinander. Werden wir ja sehen. Dann eben so. Das kann ich auch. An das Telefon denke ich, das Telefonklingeln löst immer noch einen Reflex aus, ich kann dann nicht nachdenken, ich habe dann keinen Spielraum. Hörst du. Wenn gefragt, dann muss ich auch antworten. Wenn Klingeln, muss ich mich melden. Immer schon eine … eine … hat mich schon immer geärgert. Mangel an Ecken und Kanten. Früh gesagt zu mir selbst: du, ohne Widerstand. Oder etwas anderes fehlt. Egal jetzt auch. Ich habe für den Juni eine Reise nach Irland gebucht, das erste Mal seit sie nicht mehr. Seit sie weg ist. Fahre ich auch weg, wenigstens nach Irland. Siehst du. Oft davon gesprochen. Ist unmöglich, dass ich das jetzt mache, allein. Aber trotzdem. Sie wollte immer lieber in wärmere Gegenden. Das erste Mal, dass ich mich wegbewege seitdem. Mutig oder nicht mutig. Das wird nun vielleicht doch vereitelt, was mich nicht mal traurig machen würde. Ehrlich gesagt. Aber das sage ich nicht. Im Gegenteil. Nein, ich wär gern gefahren, ich könnte immer noch, darauf hab ich Anspruch. Wer weiß außerdem, was im Juni ist. Juni. Über ein Reisebüro gebucht schon im Januar, war das noch im Januar? In dem Reisebüro, das hätte man nicht tun sollen, klar. Und das ich inzwischen ein paar Mal angerufen habe. Klar. Alles unsicher sowieso. Und weil sich niemand gemeldet hat in dem Reisebüro, warum wohl, habe ich auf den Beantworter gesprochen. Hallo. Einmal, zweimal. Hätte auch nach Indien fahren können, noch schlimmer, auch noch teurer. Und erwarte nun seit Tagen den Rückruf. Da kannst du lange warten. Aber es kommt tatsächlich kein Rückruf, auch heute Morgen nicht, ich kann liegen bleiben, obwohl ich dran denke. Kein Reflex auf kein Klingeln. Und wenn die doch anrufen? Beziehungsweise weil ich dran
