Krügers Bericht - Erik J. Roberts - E-Book

Krügers Bericht E-Book

Erik J. Roberts

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Beschreibung

Doktor Marcus Krüger sitzt in Untersuchungshaft. Vorwurf: sexueller Missbrauch einer Jugendlichen. Verzweifelt schreibt Krüger seinem Anwalt – und atemlos erfahren wir aus dem Bericht von einem verhängnisvollen Strudel aus Leidenschaft und Zerrissenheit. In der Klinik wird der Assistenzarzt gemobbt, seine Ehe ist die Hölle. Nach endlosem Zögern wagt es Krüger, sich der fünfzehnjährigen Laura zu nähern. Sie werden trotz aller Konventionen ein Paar, denn jenseits des Altersunterschiedes verbindet sie tiefe Liebe. Doch Krüger hat die Rechnung ohne seine Frau gemacht … Wird das Gesetz Marcus und Laura trennen? Wird die Gesellschaft den gestrauchelten Arzt verdammen? Oder gibt es für die Liebenden Hoffnung? Ein mitreißendes, hochverdichtetes Kammerspiel über verbotene Leidenschaft und die Macht unserer Gefühle.

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Seitenzahl: 145

Veröffentlichungsjahr: 2016

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Krügers Bericht

Eine Erzählung über die Liebe

Erik J. Roberts

Impressum

© 2016 Erik J. Roberts, all rights reserved

2. überarbeitete Fassung

Druck und Verlag: epubli GmbH, Berlin, www.epubli.de

ISBN 978-3-7375-8641-2

Printed in Germany

Coverbildlizenz von Aliaksei Lasevich © 123RF.com

Mein besonderer Dank gilt Dr. Gregor Ohlerich (freie-lektoren.de) und Jonas-Philipp Dallmann (lektorat-dallmann.de), meinen Lektoren, Stefanie Groß, Diplom-Grafikdesignerin, die das Cover gestaltete, Dr. Patrick Baumgärtel (Schoneburg. Literaturagentur), der das abschließende Korrektorat übernahm, und meiner Familie.

Alle Ähnlichkeiten mit lebenden oder verstorbenen Personen, realen Handlungen und Orten wären rein zufällig. Es handelt sich um eine fiktive Geschichte.

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek: Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.

Gepriesen sei der Tag, der Mond, das Jahr,

die Jahr- und Tageszeit, der Augenblick,

das schöne Land, der Ort, da mein Geschick

sich unterwarf ein schönes Augenpaar.

Gepriesen sei die erste süße Qual

der Strahlen ihres Blicks, die mich bezwangen,

die Pfeile Amors, die mein Herz durchdrangen,

die Herzenswunden tief und ohne Zahl.

Gepriesen sei’n die Stimmen, die im Leeren

verhallten, nach ihr rufend, dort und hier,

das Seufzen, Weinen, Bitten und Begehren,

gepriesen seien Feder und Papier,

die ihren Ruhm verkünden und die schweren

Gedanken, die ihr nah sind, einzig ihr.

in Francesco Petrarca (1304-1374):

Canzoniere(Sonette an Laura)

Brief von Dr. med. Marcus Krüger, derzeit in Untersuchungshaft in der Justizvollzugsanstalt Berlin-Moabit, an Ralph Wiechmann, Rechtsanwalt, Berlin-Steglitz:

Berlin, den 14. Mai 2015

Sehr geehrter Herr Wiechmann,

wie bei unserer letzten Zusammenkunft vereinbart, sende ich Ihnen anbei den Bericht über die Abfolge der Ereignisse, die zu meiner Untersuchungshaft wegen des Vorwurfs des sexuellen Missbrauchs einer Jugendlichen nach § 182 StGB geführt haben. Zunächst möchte ich Ihnen noch einmal danken, dass Sie als angesehener Anwalt mit großer Berufserfahrung im Sexualstrafrecht sich bereiterklärt haben, mich vor Gericht zu vertreten. Ich habe Vertrauen zu Ihnen geschöpft, und so fühle ich mich heute in der Lage, über meine Angelegenheit zu berichten.

Ich habe versucht, in meinem Bericht alles so offen und wahrheitsgetreu wie möglich wiederzugeben – zuversichtlich, dass meine Darlegungen nicht zu einer „subjektiven Betroffenheit“ Ihrerseits führen, wie es im Juristendeutsch heißt. Sie werden meine Einlassungen gewiss auf ihre Plausibilität hin untersuchen, und ich denke, mit dieser Darstellung und weiteren Beweismitteln werden Sie eine geeignete Verteidigungsstrategie für mich finden.

Gestatten Sie mir zu Anfang ein paar persönliche Bemerkungen. Für mich bleibt es nur schwer verständlich, dass ich aufgrund meiner Liebe zu einer jungen Frau im Gefängnis sitze. Meine gesamte Existenz basiert auf der Möglichkeit, weiterhin meinen Beruf als Arzt ausüben zu können. Der Besitz einer gültigen Approbation, gebunden an ein einwandfreies Führungszeugnis, ist dafür eine essentielle Voraussetzung, wie Sie wissen. Schon deshalb liegt mir sehr viel an einem Freispruch.

Die Entlassung aus der Inneren Klinik des St. Josef Krankenhauses durch meinen ehemaligen Chef, Professor Dr. Meier-Finsen, die mich im Zusammenhang mit meiner Verhaftung betroffen hat, hat sich trotz ihrer Dramatik für mich als Segen entwickelt. Ich lebe beruflich auf und schmiede bereits neue Pläne. Hoffentlich bekomme ich die Chance, diese bald umzusetzen!

Die Trennung von meiner Tochter Mathilda dagegen empfinde ich als Folter, weil zwischen uns eine starke emotionale Bindung besteht. Es ist für mich nur schwer vorstellbar, dass ich für immer von ihrer Erziehung und Entwicklung ausgeschlossen werden soll, nur weil der Hass meiner Frau offenbar keine Grenzen kennt. Ich muss hier schnellstens raus und um mein Sorgerecht kämpfen.

Die Scheidung von meiner Frau Iris steht leider unter einem düsteren Stern und dürfte problematisch werden. Bis auf meine Eltern und zwei Freunde haben sich alle Menschen meines Umfelds von mir abgewandt.

Trotz all dieser Probleme und Sorgen wiegt für mich doch am schwersten, dass ich seit meiner Verhaftung keinen Kontakt mehr zu Laura hatte. Bislang habe ich es Ihnen gegenüber nur andeuten können, welche tiefe, echte Liebe ich zu ihr empfinde. Herr Wiechmann, lassen Sie mich in diesem Bericht näher darauf eingehen, auch wenn es für Ihre Verteidigung nicht wesentlich sein mag. Laura ist eine unglaubliche Persönlichkeit, so viel darf ich vorwegnehmen. Sie ist kein Kind, sondern eine junge Frau, deren Schönheit, Charme und Intelligenz mich sofort gefangen nahmen. Ich liebe sie mit jeder Faser meines Körpers. Sie besitzt mit ihren gerade einmal sechzehn Jahren für mich eine Faszination, die ich nur in dürre Worte kleiden kann, zumal ich kein Schriftsteller bin.

Wie Sie in Erfahrung bringen konnten, sind Laura und ihre Mutter mittlerweile unbekannt verzogen. Räumliche Trennung ist ein Bestandteil der Strategie ihrer Mutter, mich von Laura fernzuhalten. Als Nebenklägerin in meinem Verfahren will sie ein psychologisches Gutachten beibringen, das den Beweis der „Unreife“ ihrer Tochter liefern soll – gegen die Aussagen und Beteuerungen Lauras! Ich empfinde diese Machenschaften als perfide, als unerträglich. Das Gutachten soll vermutlich belegen, dass Laura zwar freiwillig eine Beziehung mit mir einging, ihre Entscheidungen aber nicht eigenständig verantworten konnte. Dabei ist Laura eine selbstbewusste junge Frau mit starkem Willen und klarer Zukunftsplanung. Sie überragt ihre Mutter in allen Belangen, besonders auf intellektuellem Gebiet. Zu Beginn unserer Beziehung habe ich, wie es unser (natürlich nicht wegzudiskutierender) Altersunterschied nahelegt, gegenüber Laura wohl die Rolle des reifen Mannes ausgefüllt und sie die des Mädchens, das bewundernd und dankbar zu mir aufblickte. Inzwischen jedoch kommt es mir so vor, als hätten die Gewichte sich verschoben, sich die Vorzeichen umgekehrt: Ist Laura in der Art, wie sie handelt, denkt und agiert, in Wahrheit nicht viel reifer als ich? Wie auch immer: Für mich ist es sehr wichtig, zu Laura Kontakt herzustellen. Seit meinem Verschwinden hinter den Mauern des Untersuchungsgefängnisses wurden sämtliche Kommunikationswege zu ihr gekappt. Offenbar kontrolliert ihre Mutter sie lückenlos. Wir hatten an anderer Stelle schon einmal über einen durch Sie vermittelten Kontakt geredet, und leider waren Sie diesbezüglich etwas skeptisch. Ich verstehe Ihre Beweggründe gut, aber vielleicht findet sich doch die Möglichkeit einer Verbindungsaufnahme? Sie könnten Laura zum Beispiel (auf welchem Wege, wäre Ihnen überlassen) in den Besitz meiner Adresse bringen. Wenn Sie sich dazu außerstande sehen, würde ich mit dieser Angelegenheit einen Privatdetektiv beauftragen.

Glauben Sie mir bitte: Ich habe dieses ganze Theater satt, und ich verstehe es auch nicht. In anderen Zeiten und Kulturen hätte ich Schwierigkeiten gehabt, mein Problem überhaupt zu vermitteln.

Gestatten Sie mir nun, Ihnen die Abfolge der Ereignisse so genau zu schildern, wie es mir aus dem Gedächtnis möglich ist. Ich habe in meinem Bericht alles, was geschehen ist, nach bestem Wissen und Gewissen und so genau wie möglich wiederzugeben versucht und dabei stellenweise auch Originaldokumente eingefügt – natürlich, ohne irgendetwas zu verändern. Ich verbinde mit dieser Arbeit, die mich einige Mühe gekostet hat, die Hoffnung, dass Sie Ihre Verteidigungsstrategie so gut wie möglich auf meinen Fall abstimmen können. Das Verfahren muss für mich einen günstigen Ausgang nehmen. Sie sind ein guter Strafverteidiger, einer der besten. Bitte ziehen Sie alle Register!

Mit freundlichen Grüßen

Ihr Dr. Marcus Krüger

Anlagen:

Bericht über meine Beziehung zu Laura Könnecke

Dr. med. Marcus Krüger

Bericht

über meine Beziehung zu

Laura Könnecke

angefertigt vom

03.04.-12.05.2015

in der

Justizvollzugsanstalt Berlin-Moabit

Alt-Moabit 12 a, 10559 Berlin

Zelle 345a

VERTRAULICH!

Abschnitt 01

Um das Ausmaß der Empfindungen verstehen zu können, das die Begegnung mit Laura Könnecke in mir auslöste, sollten Sie zunächst über einige Hintergründe informiert sein. Die Lebensfreude, die Aufrichtigkeit und Leidenschaft dieser jungen Frau rissen mich mit Wucht aus dem trostlosen Rinnsals meines Lebens. Ihr Erscheinen brachte das Kartenhaus aus faulen Kompromissen, abgestumpften Gefühlen und Heucheleien, in dem ich zuvor gelebt hatte, zum Zusammenbruch. Dafür werde ich ihr immer dankbar sein. Laura weckte in mir zum ersten Mal die Fähigkeit zu lieben, zur wahren Liebe.

Ich will Ihnen hier keine vollständige Beschreibung meiner gescheiterten Ehe mit meiner Frau Iris geben, doch ein paar Bemerkungen scheinen mir nötig, um ihren unbändigen Hass gegen mich zu erklären.

Iris und ich lernten uns gegen Ende meines Medizinstudiums kennen, als mein Praktisches Jahr begann. Vor dieser Zeit hatte ich das Dasein eines emotional verwahrlosten Singles geführt, der sich in ungezählten Nächten durch die medizinische Fachliteratur quälte. Sie ahnen nicht, welches Glück die Abwechslung für mich bedeutete, endlich unter Menschen zu kommen und etwas Nützliches tun zu dürfen! In meinem Praktischen Jahr wurde ich Teil eines junges Teams, das sich mit Leidenschaft um schwerbehinderte Kinder kümmerte. Diesen von Geburt an benachteiligten Geschöpfen ohne Zukunft etwas geben zu können, erwies sich als dankbare und befriedigende Tätigkeit. Ärzte, Pfleger, Pädagogen und andere Beteiligte brachten den Kindern auf unbeschwerte Weise Sinn, Perspektive und Spaß ins Leben, wie sie es anderswo vermutlich nie erfahren werden. Hingebungsvoll versuchten wir, jeder Bastelstunde, jedem Kindergeburtstag, jeder Mahlzeit Außergewöhnlichkeit einzuhauchen. Wir ließen uns auf die Kinder ein und wurden Teil ihrer Familie. Und die Kinder nahmen es dankbar an.

In diesem Klima lernte ich Iris kennen, eine junge Krankenschwester. Sie hatte es von Anfang an auf mich abgesehen, damit ich ihre Träume von einem behüteten Leben in finanzieller Unabhängigkeit erfüllte. Heute weiß ich, dass Iris und ich schon vor unserem Kennenlernen nicht zueinander passten. Mit ihrer sperrigen Figur, den zu klein geratenen Brüsten, dem gelockten, kurzen roten Haar und ihrer schwachen gesundheitlichen Konstitution kam sie nicht annähernd heran an mein erotisches Frauenideal, von dem ich in meinen einsamen Nächten träumte. Aber damals, als ein nach Zärtlichkeit und Erotik lechzender Hund, fiel ich herein auf ihre geschickt ausgelegten Köder. Bei Stationspartys und Ausflügen goss Iris mir Wein nach, tätschelte mein Knie, machte mit kichernden Kolleginnen schlüpfrige Bemerkungen und schmachtete mich an aus ihren dunklen Rehaugen. Bei einer Feier verlor ich schließlich die Geduld und beging den Fehler, nicht länger auf eine Frau warten zu wollen, die ich lieben konnte. Nach einem Glas Weißburgunder zu viel verlor ich die Kontrolle und ließ mich in Iris’ Arme sinken, wobei es natürlich nicht blieb.

Bei unserem ersten umnebelten Mal blieb mir zunächst verborgen, dass sie nie zu einem Höhepunkt kam. Anfangs dachte ich, die Ursachen lägen bei mir, aber weder eine ausgefeilte Liebestechnik noch Sitzungen beim Sexualtherapeuten vermochten an ihrer Anorgasmie etwas zu ändern. Ihr Körper versagte ihr einfach dieses Grundrecht. Erst Laura brachte mir später die Erleuchtung, welches Maß an Lust zwei Menschen einander schenken können. Nach den sexuellen Magerkostjahren des Studiums empfand ich die Regelmäßigkeit der erotischen Bemühungen mit Iris anfänglich als angenehm. Nach ein paar Monaten jedoch bekam diese Annehmlichkeit für mich einen bitteren Beigeschmack. Ich bin ein Mensch, für den es auf Dauer unerträglich ist, wenn die Partnerin nie zur Erfüllung kommt, und nach einiger Zeit fühlte ich mich ebenso unbefriedigt wie sie.

Sie mögen sich fragen, warum ich mich überhaupt auf die Ehe mit einer Frau einließ, die ich weder liebte noch dauerhaft wirklich attraktiv fand. Auf diese Frage fallen mir nur dünne Antworten ein. Einsamkeit stellte gewiss den Hauptgrund dar, der andere war wohl der alte Bruder Bequemlichkeit. Immerhin liebte Iris mich bis zum spektakulären Untergang unserer Ehe mit ganzer Kraft, und sie tat alles für den Erhalt ihres Lebenskonstrukts: Sie briet mir Frühstückseier, bügelte meine Wäsche, hielt unsere noble Vierzimmerwohnung vorzüglich in Ordnung und organisierte klassische Konzertabende und Feten mit ihren zahllosen Freunden, von denen mir die meisten auf die Nerven fielen. Ich bin ein Mensch, der gern mal alle Türen für ein paar Tage verschließt, sich einigelt und zwei Kilo Bücher vertilgt. Kommunikation im Überfluss bringt mir schon der Beruf.

Wenn Sie mich fragen, ob es für mich mit Iris echte Glücksmomente gab, antworte ich mit einem klaren Nein – allenfalls Eheroutine und emotionales Gleichgewicht auf niedrigem Niveau. Doch nie von Glück erfüllte Augenblicke, wie ich sie später mit Laura erfahren durfte.

Ob es für Iris Glücksmomente mit mir gab? Ich glaube schon. Nach mehreren gescheiterten Beziehungen verschaffte unsere labile Ehe ihr eine gewisse Stellung in ihrem Kreis. Verheiratet mit einem Arzt, der bald eine eigene Praxis eröffnen würde, war sie durchdrungen von dem brennenden Wunsch, ein florierendes Familienunternehmen aus dem Boden zu stampfen. Sie selbst konnte übrigens nicht Medizin studieren; ihr bescheidenes Abendabitur ließ es nicht zu.

Vor acht Jahren dann gab es in unserer trostlosen Ehe einen Wendepunkt, den selbst Iris aus medizinischen Gründen für unmöglich gehalten hatte: Sie gebar uns unsere Tochter Mathilda. Ich brauche Ihnen als dreifachem Vater bestimmt nichts über die Liebe zu Kindern zu erzählen. Mathildas Geburt war ein Ereignis, das alles veränderte, sogar das Verhältnis zu meiner Frau. Sie ist das wunderschönste Kind auf Erden, aufgeweckt, voller Sanftmut und Güte, ausgestattet mit einer enormen Portion Intelligenz und hervorragenden Talenten. Sie sollten sie einmal Gitarre spielen oder singen hören! Mathilda ist für mich ein unablässiger Quell der Freude. Für sie beschloss ich, eigene Bedürfnisse in den Hintergrund zu stellen und ihr eine harmonische Kindheit zu bereiten. Ich begann, Iris gegenüber manches zu schlucken und zu verschweigen, Kompromisse zu schließen. Die Schwangerschaft schenkte meiner Frau die vermutlich glücklichsten Jahre ihres Lebens. Leider brach infolge der jüngsten Ereignisse auch für Mathilda die Welt, sprich, die Vorstellung einer heilen Familie, zusammen. Ich kann ihren Schock nur ahnen, und natürlich quälen mich Selbstvorwürfe. Kein Tag vergeht, an dem ich nicht verzweifelt ins Kissen boxe. Die Untersuchungshaft treibt mich noch in den Wahnsinn! Es ist das erste Mal, dass ich von ihr so lange getrennt bin. Ich kann nur hoffen, dass Iris Mathilda nicht für ihre Zwecke instrumentalisiert und ihr einimpft, dass ihr Vater ein Monster ist. Doch in dieser Hinsicht vertraue ich auf Mathildas Intelligenz und ihre Instinkte, denn zwischen uns existiert ein starkes Band aus Liebe, Verständnis und Vertrauen.

Damit Sie meine persönliche Situation vor dem Kennenlernen Lauras besser einschätzen können, vielleicht ein paar Details über meine Arbeit. Der Berufseinstieg nach dem Studium geriet für mich zu einem Schock, gegen den sich meine triste Ehe ausnahm wie das Paradies. Sie müssen sich vorstellen, dass ich nach dem Ende meines Praktischen Jahres den Arztberuf über alles liebte. Und dann dieses Desaster! Schon am ersten Tag in der neuen Klinik, in der ich nach langer Suche endlich eine Stelle als Assistenzarzt bekommen hatte, zappelte ich hilflos im Netz der Sozio- und Psychopathen der Station für Innere Medizin des St. Josef Krankenhauses. Von der ersten Minute an beging ich den Grundfehler, defensiv und konfliktscheu aufzutreten. Gegenwärtig ereilen mich Konflikte ja im Überfluss, damals aber hätte ich auf meiner Brust sofort ein Schild mit der Aufschrift „STOPP!“ anbringen sollen. Bis hierher und nicht weiter! Ich kann das nur jedem raten, der in die Netze des allgegenwärtigen Phänomens Mobbing gerät. Dieses Monster treibt leider fast überall sein Unwesen, und es wütet besonders brutal in Zeiten gesellschaftlicher Umbrüche und Krisen, wie wir sie gegenwärtig erleben. Obwohl dieser Horror jetzt seit ein paar Wochen hinter mir liegt, möchte ich immer noch meine Wut auf einem großen Platz herausschreien. Manchmal direkt und frontal, meist aber subtil und hintergründig mobbten meine Kollegen einander, wobei es natürlich nur um eins ging: die oberen Sprossen der Hierarchieleiter zu erreichen – und dabei alle anderen aus dem Weg zu räumen.

Doch von Anfang an: Voller Tatendrang schlüpfte ich am ersten Tag in meinen frisch gestärkten weißen Kittel. Iris hatte ihn fein hergerichtet, gute Arbeit. Wie üblich, wenn man eine neue Stelle antritt, wo man Lokalitäten und Abläufe noch nicht kennt, spürte ich ein unsicheres Gefühl in der Magengrube. „Das schaffst du schon, keine Angst!“ Diesen Spruch hatte Iris mir mit auf den Weg gegeben.

Keine Stunde verging, da begann bereits der Kompetenzentzug: Doktor Krüger, der Laufbursche. Auf traurige Einzelheiten möchte ich lieber verzichten. Das Grauen bahnte sich seinen Weg und hieß für den Rest des Vormittags Chefvisite. Professor Dr. Meier-Finsen versprühte unwiderstehlichen Charme, besaß Charisma und ein entwaffnendes Lächeln. Aus strahlend blauen Augen zwischen graumelierten Schläfen sah er mich an, und einen Augenblick lang fühlte ich mich plötzlich doch noch willkommen in der Abteilung. Meine sonst so gesunde Menschenkenntnis versagte bei ihm kläglich, und ich brauchte lange, um dahinterzukommen, dass sich hinter der Fassade aus Charme, Noblesse und Eloquenz ein egoistisches und gewissenloses Schwein verbarg – und damit drücke ich mich noch vornehm aus! Aber natürlich war ich nicht der einzige, der auf ihn hereinfiel. Hätte Prof. Dr. Meier-Finsen Sie, Herr Wiechmann, zur Teilnahme an einer klinischen Studie überreden wollen, bei der die Hälfte aller Probanden mit Sicherheit stirbt, hätten selbst Sie als erfahrener Jurist voller Vertrauen unterschrieben und noch geglaubt, Ihrer Gesundheit etwas Gutes zu tun. Ich habe nie wieder jemanden getroffen, der Menschen raffinierter manipulieren konnte – leider auch mich, eine Zeitlang. Beiläufig, am Rande unserer ersten Visite, stellte er mir in Aussicht, dass ich wichtige wissenschaftliche Studien betreuen könnte: Veröffentlichungen, Drittmittel, der Facharzt, eine Spezialisierung zum Gastroenterologen und, wer weiß, wenn alles gut lief, vielleicht sogar die Habilitation winkten! Das motivierte mich, den unsicheren Berufsanfänger, natürlich nachhaltig – und schon zappelte ich in seinen Fängen.

Nach der Chefvisite fielen Stationsarzt Dr. Michel und Oberärztin Dr. Hager sofort über mich her wie Heuschrecken über das frische Grün. Ich will wirklich nicht jammern, aber ich sage Ihnen: Das berühmte Sprichwort mit dem Sprung ins kalte Wasser trifft diesen Albtraum nicht einmal annähernd! Ich kam mir vor wie ein Krebs, der in kochendes Wasser geworfen worden ist.

Iris und mein Arbeitsumfeld boten zu dieser Zeit also manche Gründe für Enttäuschungen und Frustrationen, und vermutlich hätte ich, wäre es so weitergegangen, meinem Leben eines Tages mit einem Sprung vom Klinikdach ein Ende gesetzt. Doch da war ja noch mein großes Glück Mathilda. Da Iris auf der Kinderrehabilitation im Dreischichtsystem arbeitete, oblag es mir, unsere Tochter zur Schule zu bringen und sie von dort abzuholen. Kann es für einen stolzen Vater schönere Pflichten gegeben? Liebend gern ließ ich mir von ihren Einsen berichten und von ihren kleinen Sorgen, um deren Lösung wir uns gemeinsam bemühten; kindliche Kleinigkeiten, keine schlafraubenden Probleme. Oft verbrachten wir die Nachmittage im Museum, in der Tobewelt, gingen Eis essen, im Park spazieren oder einfach schwofen. Geduldig unterhielt ich mich in der Schule regelmäßig mit ihrer Lehrerin, der Hortnerin oder den Supermüttern (von denen ich übrigens nie eine attraktiv fand) über die Organisation des nächsten Schulfestes, die Milchverteilung, den Kuchenbasar oder den Unsinn der Schulreform. Jeder betrachtete mich als voll integriertes, angesehenes Mitglied der Gesellschaft. Niemand ahnte etwas von meinen geheimen Träumen, meinen Süchten – oder gar von meiner latenten Parthenophilie.

Mit meinem starken, zeitweilig suchthaften Interesse an pubertären Mädchen, das ich an dieser Stelle offen eingestehe, lebe ich schon seit meiner eigenen Pubertät, obwohl es mir erst seit ein paar Jahren bewusst geworden ist. Damals fixierte sich offenbar ein bestimmtes Frauenbild in meinem Kopf. Vielleicht liegt es daran, dass ich in dieser Phase bei Mädchen selbst nie große Erfolge verbuchen konnte? Bedauerlicherweise setzte dieser Trend sich aufgrund meiner Schüchternheit fort bis in das frühe Erwachsenenalter. Meine erotische Vorliebe möchte ich nicht als absolut bezeichnen, denn ich finde auch Frauen über fünfzig attraktiv; ebenso wenig könnte ich behaupten, jedes picklige, zickige, ungelenke oder gar pummelige junge Ding fessle meine Aufmerksamkeit. Aufgrund meines anspruchsvollen Geschmacks weckt nur ein ganz bestimmter, sehr seltener Typ meine Begierde.

Lassen Sie mich an dieser Stelle den Idealtyp jener jungen Frau schildern, deren unvergleichlicher Körper die Gabe besitzt, in mir Ströme untröstlicher Lust zu wecken, deren Erfüllung ich vor der Beziehung mit Laura selbst für unmöglich gehalten hätte.