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»Krummes Holz« entwickelt einen Sog, dem man sich nicht entziehen kann. Unbedingte Leseempfehlung!« Florian Valerius Ausgezeichnet mit dem ZDF-aspekte-Literaturpreis 2024 Es ist ein drückend schwüler Sommer, in dem Jirka an den Hof seiner Eltern im Krummen Holz zurückkehrt. Mehrfach hat er die Bitte seiner älteren Schwester Malene ignoriert, ihr gegen den Vater beizustehen. Als Jirka jetzt auf dem heruntergewirtschafteten Gutshof eintrifft, scheint keiner mehr auf ihn zu warten. Vom Vater findet sich keine Spur, und von seiner dementen Großmutter und seiner unversöhnlichen Schwester schlägt ihm eine Wand des Schweigens entgegen. Nur einer spricht mit ihm – Leander, der Sohn des letzten Verwalters. Doch obwohl die Feindseligkeit seiner Schwester kaum auszuhalten ist, lässt sich mit Leanders Nähe noch schwerer umgehen. Zu intensiv sind die Erinnerungen, die sich mit jedem neuen Tag in den Vordergrund drängen. »Krummes Holz« erzählt mit flirrender Intensität von der Kraft eines Geschwisterbandes in einer glücklosen Kindheit und darüber, wie zwischen all den enttäuschten Hoffnungen die Liebe zu finden ist. Die Jury des ZDF-aspekte-Literaturpreises: »Nichts wächst einfach und gerade in Julja Linhofs fesselndem Anti-Heimatroman 'Krummes Holz'. In einem Alter, in dem andere von zu Hause weggehen, um fürs Leben zu lernen, kommt der 19-jährige Jirka aus dem Internat auf den Hof seiner Familie zurück. Es ist ein Zuhause, in dem niemand auf ihn wartet. In dem alten Bauernhaus dominieren Gefühlskälte und Schweigen. Die depressive Mutter ist verstorben, vom gewalttätigen Vater fehlt jede Spur, Jirkas Schwester Malene redet nicht mehr mit ihm. Und mit dem älteren Verwaltersohn Leander verbindet ihn ein Geheimnis …«
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Seitenzahl: 309
Veröffentlichungsjahr: 2024
Julja Linhof
Krummes Holz
Roman
Klett-Cotta
Dieses E-Book basiert auf der aktuellen Auflage der Printausgabe.
Klett-Cotta
www.klett-cotta.de
© 2024 by J. G. Cotta’sche Buchhandlung Nachfolger GmbH, gegr. 1659, Stuttgart
Alle Rechte vorbehalten
Cover: © Laura Fuchs Illustration
Gesetzt von C.H.Beck.Media.Solutions, Nördlingen
Gedruckt und gebunden von GGP Media GmbH, Pößneck
ISBN 978-3-608-96609-1
E-Book ISBN 978-3-608-12300-5
Für M.
Aus so krummem Holze,als woraus der Mensch gemacht ist,kann nichts ganz Gerades gezimmert werden.
Immanuel Kant
»Heh.«
Leander hat Runzeln zwischen den Augenbrauen.
»Kannst du das lassen?« Sein Blick huscht zu dem abgegriffenen Knopf der Beifahrertür, ich ziehe ihn nach oben und schiebe meine Hände zwischen die Oberschenkel.
Es ist wirklich so, wie ich mal gelesen habe: Wenn man als Erwachsener an einen Ort zurückkehrt, an dem man zuletzt als Kind war, ist plötzlich alles zusammengeschrumpft und eng. Nur die Bäume, denke ich und lehne die Stirn gegen die Autoscheibe, die sind gewachsen.
Der Wagen biegt von der Landstraße auf den von Pappeln geränderten Feldweg. Licht und Schatten flimmern durch das Laub. Pappeln schießen unheimlich, hat Leander früher mal gesagt, und im Alter brechen sie dann.
Ich habe ihn vorhin sofort erkannt. An den roten Haaren. Noch bevor er den Taunus rechts rangefahren hat und ausgestiegen ist. Die Ellbogen auf der offenen Tür und dem Autodach, ein Fuß auf der Straße und die schwimmbadblauen Augen gegen die Julisonne zusammengekniffen.
Bisher sind wir ohne Worte ausgekommen. Ich habe die Straßenseite gewechselt, er hat die Beifahrertür aufgeschlossen und mir den Rucksack abgenommen.
Die Getreidefelder draußen gehörten mal zum Hof. Versprengtes Pachtland und verlorene Flurstücke, die mein Vater nicht halten konnte, weil er schon damals schlecht gewirtschaftet hat. Nicht mehr grün und noch nicht golden. Rechts die langen Grannen der Gerste, links grauer Roggen. Und darüber der klare Sommerhimmel. Keine Wolkenschlieren. Nur die Stromleitungen, die zwischen den Holzmasten das Blau in Streifen schneiden.
Ich habe vergessen, wie anders der Sommer hier riecht. Nicht nach heißem Bitumen, wie man es in den engen Straßenzügen großer Städte riecht. Nicht nach Jungenschweiß und Pubertät. Und auch nicht nach Chlor und nassem Waschbeton. Diese vertrauten Gerüche liegen hinter mir. Hier ist es etwas, das Nase und Hirn nicht recht greifen können, das ich als Kind als Heißeluftgeruch bezeichnet habe.
Vor Wochen hat der Sommer mit dem Gasblau des Freibeckens begonnen. Im Takt der Trainingseinheiten. Mit kilometerlangen Bahnen, die nachts an den Schultermuskeln zerrten und zu den letzten gehörten, die ich in diesem Jahr im Dunstkreis des Internats zurückgelegt habe. Kurz denke ich an das Gespräch mit Jochen und die Entscheidung, die mich hergebracht hat. Den Schwimmer habe ich zurückgelassen. Der, der heimkehrt, konnte nicht schwimmen, als er gegangen ist.
Vielleicht ist das immer so, wenn man wieder in die Heimat zurückgeht. Einen Teil bringt man mit, und einen Teil lässt man hinter sich. Einen Teil hat man für immer abgestreift, als man Jahre davor aufgebrochen ist, und einen anderen zieht man wieder bereitwillig über, obwohl er unbequem geworden ist. Wie bei einem alten Pullover, den man früher oft getragen hat und der jetzt nicht mehr passt.
Ich kurble das Fenster herunter. Der laue Fahrtwind wirft mir ein paar Locken zurück in die Stirn, wo sie haften bleiben. Ich klappe die Beine auseinander, um das kleisterige Gefühl in der Leistengegend loszuwerden. Vergeblich. Meine Jeans klebt im Schritt und in den Kniekehlen, das T-Shirt am Leder des Sitzes.
Auf dem Höhenzug über der Ortschaft liegen die Höfe aufgefädelt wie an einer Perlenkette. Es sind große Güter und rundherum Flickenteppiche aus Ackerland, das manch einer hier noch in Morgen rechnet. Felder, auf denen ich im Herbst mit Legeflinten pinken Giftweizen in Mäuselöcher geschüttet und im Frühjahr Reihe um Reihe Fuchsschwanz aus der Saatgutvermehrung gerissen habe.
Eine Landschaft wie unruhige See und zwischen dem Wellenschlag die alten Namen: Tappenhof, Windhof, Sekkenhof, Ulmhof. Die Haupthäuser aus Fachwerk, Bruchstein oder weiß verputzt mit breiten Treppenaufgängen. Irgendwo das riesige Tor zur Diele und dahinter ein hoher toter Raum, den heute keiner mehr zu nutzen weiß.
Der Taunus quält sich über den Hügelrücken, im Seitenspiegel verwischt die Gegend wie Pastellkreide. Hier beginnt das Krumme Holz, die Mulde hinter der Perlenkette und die Zufahrt zum Gut meiner Familie.
Ich suche meinen eigenen Blick im Spiegel, mein verschwitztes Gesicht, das schon jetzt von Sommersprossen gesprenkelt ist.
»Ich hab noch mal versucht anzurufen«, sage ich. Und weil ich den Satz, seit ich eingestiegen bin, von der einen in die andere Backentasche geschoben habe, klingt er nicht mehr so geschmeidig wie in meiner Vorstellung.
Leanders Gesicht ist ernst, sein Mund eine neutrale Linie. Ich kriege keine Antwort, stattdessen beugt er sich vor, fummelt an den Knöpfen des Autoradios herum und schiebt nach einer Weile mit einem genervten Raunzer die herauslugende Kassette ins Deck. Es rauscht. Die Boxen knacken, und dann singt Christine McVie den Song, den ich letztes Jahr wieder und wieder mit Rosa gehört habe, bevor alles den Bach runterging.
Vor fünf Jahren bin ich gegangen, die haben Leander verändert. Das rote Haar ist gerade so lang, dass er es am Hinterkopf zusammengebunden hat. Kinn und Wangen verstecken sich hinter rostigen Stoppeln. Man sieht ihm an, dass er viel näher an der dreißig als an der zwanzig ist. Der Dreck ist verschwunden. Die schwarzen Sicheln unter den Fingernägeln, die schmuddeligen Arbeitsklamotten. Vielleicht ist er noch ein wenig drahtiger geworden, denke ich. Mein Blick bleibt an den sehnigen Unterarmen hängen.
»Ich wollte Bescheid sagen, aber die Leitung war tot.«
Es ist das Schweigen – auch ein bisschen Leanders bloße Anwesenheit –, aber vor allem sein Schweigen sorgt dafür, dass ich mich sofort rechtfertigen will.
»Oder, weiß nicht was … aber ich bin nicht durchgekommen.«
Ich beobachte, wie er sich den Handrücken gegen die Stirn drückt. Er fängt meinen Blick auf, seine Augen werden eine Spur schmaler, sein Mund verzieht sich kurz. Zu kurz, um sagen zu können, ob es Spott oder Missmut ist.
»Was?«
»Deine Stimme.«
Er schmunzelt. Es ist Spott.
»Das ist krass.«
»Was?«, wiederhole ich. Schon ein wenig genervter.
Bevor ich wegsehen kann, hat er die Augen wieder auf die Straße gerichtet.
»Du warst noch nicht im Stimmbruch damals. Das ist ’n krasser Moment gerade.«
Ich merke, wie mir das Blut ins Gesicht schießt, und schaue in den Fußraum, auf meine ramponierten Turnschuhe. Drei oder vier Schuhgrößen sind seit damals dazugekommen. Vierzehn Jahre wächst man langsam vor sich hin, und dann schießt der Körper von heute auf morgen in die Länge. Wie die blöden Pappeln, denke ich, ätzend. Jetzt sind es neunzehn Jahre – fast zwanzig eigentlich –, und die Zeit hat meinen Körper von der Streckbank gelassen. Lang und schmal. Ein Endprodukt, mit dem ich kein bisschen zufrieden bin. Auch dagegen bin ich angeschwommen, mit mäßigem Erfolg.
»Angemeldet, hm?«, fährt Leander dort fort, wo ich ursprünglich angefangen hatte.
»Keine schlechte Idee«, fügt er hinzu, und ich erwidere nichts. Meine Stimme erscheint mir plötzlich wie etwas unfassbar Peinliches.
Die Hitze flirrt über dem vernarbten Asphalt. Leander drosselt das Tempo. Malenes Kindergesicht taucht kurz vor mir auf. Flackert über meine Netzhaut wie ein Dia. Dafür braucht es nicht viel. Den dunstigen Schweißgeruch im Auto. Das abklingende Licht der Nachmittagssonne. Und mein Wachstum stagniert, ich schrumpfe, werde zurückgeworfen in meinen Kinderkörper.
Ich auf der Rückbank in Schwarz gekleidet. Ein Siebenjähriger, unterm Hintern zwei Sitzkissen. Die Erinnerung an eine lang zurückliegende Beerdigung und die Heimfahrt danach.
Im Rückspiegel das Gesicht meiner Tante, die zwischen den Gräbern steht. Fassungslos und zerschmettert, weil Georg sie nach der Beileidsbekundung angegangen ist. Ihr Jahre der Schuld aufgeladen und sie damit am Grab ihrer Schwester zurückgelassen hat.
Georg fährt. Damals schon den Rekord und neben ihm sitzt – wie ein Wachhund – Agnes. Der Schilling und seine Mutter. Das ist das Bild, das nun Jahre prägen wird. Zum offenen Fenster dringt die Brandung der Baumkronen herein. Neben mir Malene, die die Hände auf- und zuklappt und nicht müde wird, das Vaterunser aufzusagen. Ich will sie zum Schweigen bringen, aber ich fühle mich gefesselt und geknebelt. Seit Stunden schlucke ich Steine. Mein Bauch ist voll davon. Schwere, traurige Steine, die ungeweinte Tränen sind. Vielleicht mache ich mir deshalb in die Hosen, kurz bevor wir vorm Haus halten. Pipi aus Tränen.
Es gibt kein Richtig und kein Falsch, wenn man trauert, fährt Agnes dazwischen, als Georg mich an den Ohren aus dem Auto zerrt. Du kriechst tagelang durch deine Kornzellen, und dein Sohn macht eben wieder in die Hose.
Das war dieselbe Großmutter, die später einmal zu mir sagte, meine Mutter sei eine schwächliche Frau gewesen. Nur deshalb habe sie der Tod so früh ereilt.
Meine Hände zappeln. Immer mehr, je näher wir kommen. Mit Mühe zwinge ich sie in den Rhythmus der leiernden Kassette.
Kurz bevor der Wagen die Waldgrenze durchbricht, tauchen rechts die Arbeiterhäuser auf. Eins wie das andere. Wie drei Legobausteine akkurat nebeneinandergesetzt. Gissel, Teuken und Wisniewski. Familiennamen, die mir nicht abhandengekommen sind. Die Gesichter allerdings sind verschwommen.
»Wohnt da noch jemand?«
Leander schüttelt den Kopf. »Wisniewskis sind vor anderthalb Jahren als Letzte weg.«
Linker Seite, unter den ersten Bäumen, duckt sich das Verwalterhaus. Leanders Elternhaus. Anders als die Arbeiterhäuser in ihrem schlichten, gräulichen Putz kleidet sich das Verwalterhaus, genau wie die Hofgebäude, in Bruchstein, mit Treppenaufgang zur Haustür, fast eine Miniatur des Haupthauses.
Der letzte Verwalter, den der Hof gekannt hat, war Vilém Dorodzala. Ein Sudetendeutscher, den mein Großvater meinem Vater aufdrängte, weil er seinem Sohn nicht zutraute, den Betrieb allein zu führen. Eine alte Bitterkeit, die in meiner Familie vererbt wurde, wie bei anderen Leuten Krebs.
Vilém Dorodzala war mit zwei Armen aus dem großen Krieg zurückgekehrt. Bezwungen hat ihn erst vierundzwanzig Jahre später ein schrottreifer Miststreuer. Ein Jahr, nachdem ich geboren wurde. Die Maschine fraß seinen rechten Arm, als hätte sie nur auf diesen Moment gewartet.
Ich drehe den Kopf und schaue zurück, während die asphaltierte Straße unter den Autoreifen zu einem Kiesknirschen wird. Das schmale Bruchsteinhaus verblasst hinter der Staubwolke, die der Taunus aufwirbelt.
Der alte Hofverwalter wohnte gut dreißig Jahre in dem Haus, bis er schließlich darin starb. Bis Malene und ich ihn fanden. Er lag in seinem Bett. Rechts neben ihm auf dem Stuhl seine ordentlich gefaltete Kleidung und links, die verbliebene Hand fest umklammert, Leander.
Ein Tod, den man einem nur wünschen kann, war Agnes’ nüchterne Aussage, nachdem wir brüllend auf den Hof gestürmt waren, um jemanden zu Hilfe zu holen. Nicht wegen des Alten, sondern wegen Leander, der das Bett seines Vaters auf keinen Fall verlassen wollte.
»Du hast Glück, dass ich schon Feierabend hab«, sagt Leander und schaut kurz herüber, wie um zu prüfen, ob ich noch neben ihm sitze.
Ich bin mir nicht sicher, ob die Bushaltestelle hier oben an der Landstraße überhaupt noch befahren wird. Die nächste liegt im Tal, kurz vor der Ortschaft. Von da bis zum Hof ist man mit dem Rad eine halbe Stunde unterwegs. Zu Fuß noch mal um einiges länger. Aber das sind Kindermessungen, wer weiß, wie lang ich heute gelaufen wäre.
Ich stoße von innen die Zunge gegen meine schiefen Schneidezähne. Der linke schiebt sich schon immer ein wenig vor den rechten. Rosa fand das gut, und ich nur deshalb irgendwann auch.
»Was ist es denn letztendlich geworden?«, nuschele ich.
Leander hat früher alles angefangen und alles abgebrochen. Das einzig Beständige in seinem Leben war die Arbeit bei meinem Vater.
Der Taunus holpert über die Zufahrt und spuckt das französische Gejaule von Desireless aus dem Kassettendeck. Die Musik verstummt. Ich würd’s nicht zugeben, aber eigentlich mag ich den Song.
Leander beugt sich herüber, öffnet das Handschuhfach und wirft die Kassette hinein, dann knallt er die Klappe wieder zu. Ich höre, wie er sich leise räuspert.
»Krankenpfleger. Hab angefangen, kurz nachdem du weg warst.« Seine rechte Hand rutscht am Lenkrad hinunter, bis er es nur noch mit Daumen und Zeigefinger hält. Den linken Arm hat er wie ich im Fenster aufgestützt, die langen Finger massieren die Stirn. Migräne, denke ich. Ich weiß, dass Leander früher oft darunter gelitten hat.
»Im Krankenhaus?«
»Heila.«
Die Heilanstalt liegt ein bisschen außerhalb der Kreisstadt, im Tal, nahe der alten Bahntrasse, von wo aus zwei Jahre vor Kriegsende die letzten achtundachtzig Patienten nach Pfafferode abtransportiert wurden und nie zurückkamen. Wenn früher wieder einer aus der Anstalt abhaute, brachten die Eltern ihre Kinder tags drauf mit dem Auto zur Schule. Malene und ich fuhren mit dem Fahrrad, und darüber schüttelten sie im Ort nur die Köpfe.
Unsinn!, sagte Agnes dann beim Mittagstisch. Die sollen mal einen Blick in ihre guten Stuben werfen. Das Küchenbuffet lässt man sich drunten schreinern, aber wehe, einer steckt die Nase zu weit über den Zaun.
Gibt keinen Zaun mehr, Mutti, brummte unser Vater dann.
Und sie: Mir doch egal!
Die Schauergeschichten der Ängstlichen trieb Agnes uns bald aus, ersetzte sie durch andere Schauergeschichten, die noch hanebüchener waren, aber nichts mit der Heila zu tun hatten.
Malene begann währenddessen mit jedem in der Schule eine Prügelei, der den Flüchtigen zum Anlass nahm, sie mit ihrer toten Mutter aufzuziehen. Es war überall im Ort bekannt, dass die Frau vom Schilling in der Klapse gestorben war, nicht mal genug Anstand besessen hatte, ihr Leben der Kinder wegen zusammenzuraffen. Schwäche, wie Agnes schon ganz richtig erkannt hatte, war etwas Schändliches, das man – zumindest als Katholik – allenfalls in den Beichtstuhl trug und dort auch gefälligst zurückließ, ehe man sich wieder zwischen die ordentlich gestärkten und gefalteten Pflichten wagte.
Vielleicht ist es keine Migräne, denke ich, vielleicht ist es mein Auftauchen, das Leander Kopfzerbrechen bereitet.
Wieder mustert er mich. Mit dem unversehrten und mit dem kaputten Auge. Eins ist wach, das andere – unter dem schweren Lid – scheint konzentriert, blickt tiefer.
Ich bin nicht der Einzige, der nervös ist. Irgendwas ist komisch. Und dann endet der Wald plötzlich. Leander lenkt den Taunus durch hüfthohes Gras, unter dem die Kiesauffahrt meiner Kindheit begraben liegt. Gestrüpp schlägt gegen den Seitenspiegel, durchs offene Fenster, und lässt Pollen und Blütenblätter auf meiner Hose zurück. Im Licht des späten Nachmittags schimmert der Bruchstein vom Haupthaus fast golden. Es ist das Erste, was man sieht, wenn man das Ende der Zufahrt erreicht hat. Der hohe Mittelrisalit, der sich einem entgegenbeugt. Unter dem Giebel die Holzverzierungen, die Georg offenbar zuletzt hat streichen lassen, als ich noch zur Grundschule gegangen bin. Und das ziegelrote Gesims unter den viel zu großen Fenstern. Die vielen Schornsteine, wie Fabrikschlote, aus den Jahren vor der Ölheizung, und das bisschen Fachwerk, das sich unter der Traufe duckt.
Nicht nur die Kiesauffahrt ist von Wildwuchs bedeckt, eine Lawine aus Mauerwein ergießt sich über das Hausdach, fließt aus den Regenrinnen und hangelt sich an den Stromleitungen entlang Richtung Wald. Im aufkommenden Wind beginnen die Ranken behäbig zu schwingen wie nasse Wäsche.
Das Gewächshaus, rechts, im Schatten des Wohnhauses, schimmert grün. An die Innenseite der Scheiben drücken sich große speckige Blätter, dort, wo das Dach zusammenläuft, hat sich Grünspan abgesetzt. Es scheint dem früheren Dienstboteneingang, der eingekeilt zwischen Wohn- und Gewächshaus und unter dem Vorhang aus Mauerwein nur ein dunkler, offener Gang ist, die Luft abzupressen. Unter der Platane, die mit ihrer ausladenden Krone einen Teil der rechten Hausfront verdeckt, stehen Gartenmöbel. Kreuz und quer und verwittert. Dem Tisch knicken schon die Beine weg.
Die Zeit hat sich geholt, wogegen mein Vater auch damals bereits nicht mehr angekämpft hat. Mit Technisierung und schwindendem Personal verlor der Hof sein herrschaftliches Gesicht. Bekam ein neues. Ein wilderes.
Mein Blick verheddert sich für Sekunden in den gedrehten Eisen der alten Hundezwinger.
Ich höre Georg brüllen. Seine behaarten Hände wie Schraubstöcke um meine Handgelenke. Der Eisenbolzen, der ins Schloss rutscht. Die Hosenbeine seines Blaumanns rascheln im Gras, als er mich allein lässt, um in den Hof zu gehen. Über der Schulter den 98er-Karabiner, mit dem er Malenes Hund erschießt. Und in meinem Rachen der Gestank von Angst, Schweiß und Pisse. Ein feiner Schleier, der sich auf die Schleimhäute legt, den man schmecken kann.
Leander zieht neben mir geräuschvoll die Handbremse an. Er hat den Wagen vor dem Gewächshaus neben Georgs Rekord geparkt und steigt aus. Ich räuspere mich, schaue noch mal zu den Zwingern, die hinter wuchernden Sträuchern, hinter Unkraut und jungen Bäumen kaum noch zu sehen sind.
Leander wirft die Fahrertür hinter sich zu und geht zu der breiten Freitreppe, die von zwei Seiten zur Haustür hinaufführt. Er nimmt zwei Stufen auf einmal. Ich beuge mich vor, sehe zu, wie er nach meiner Schwester ruft und im Haus verschwindet. Er ruft sie Lene.
Ich lasse mich zurück gegen den Sitz fallen. Meine Schwester hatte viele Namen. Malen. Lene. Mali. Manchmal, wenn Agnes sich über sie ärgerte, war es: Malesche. Eines von Agnes’ Alte-Leute-Worten.
Ich hatte nur einen Namen. Und der gehörte nicht mal mir, sondern meinem Vater. So wie auf den Höfen der Gegend alle erstgeborenen Söhne die Namen ihrer Väter trugen. Und die Erwartungen. Eine Begleiterscheinung, fest verankert in der Lücke zwischen Vor- und Nachnamen. Später dann der Stolz. In meinem Fall die Enttäuschung. Jene Enttäuschung, die mich von hier wegbrachte. Ich denke an Malenes Brief. An ihre Enttäuschung. Und an die Endgültigkeit ihrer Worte.
Komm nicht. Er hat sich entschieden.
Mit rechts taste ich noch mal nach dem Türknopf. Ziehe und drücke, ziehe und drücke. Bis ich mit den schwitzigen Fingern wegglitsche.
Angekommen.
’N alter Suffkopp ist das, sagt Agnes halblaut.
Was ist ein Suffkopp?
Einer wie der Dorodzala.
Ich sehe nach draußen, wo Vilém Dorodzala sich mit Karl Teuken unterhält. Grinsend. Die gelben Zähne entblößend, die mich an Runkelrüben erinnern.
Drei Monate zuvor hatte Vilém Dorodzala mich zum ersten Mal früh morgens aus den Hundezwingern befreit. Die Sonne hing gerade so über den Baumwipfeln und trocknete den Tau von der Wiese, als sich die Männer, die dieses Jahr Arbeit bei uns gefunden hatten, um meinen Käfig scharten. Von den meisten kannte ich nicht mal die Namen. Ihre sonnenverbrannten Gesichter feixten, während sie einander die Selbstgedrehten ansteckten, die sie abends zuvor beim Kartenspiel gewonnen hatten.
Als Leanders Vater auf den Hof kam und mich hinter den Zwingertüren entdeckte, zusammengefaltet in der hintersten Ecke wie eine verschreckte Fledermaus, rutschte das breite Grinsen von seinem Gesicht. Dem, der ihm am nächsten stand, schlug er die Zigarette aus der Hand. Mann für Mann machte er sie klitzeklein, bis sie alle betreten zu Boden schauten, obwohl sie kein Wort verstanden. Niemand lachte mehr.
Schämt euch! Alle Mann!
Er scheuchte sie davon. Dann holte er einen Bolzenschneider aus der Werkstatt und knackte das Schloss. Manch einer hätte das auch mit zwei gesunden Händen nicht geschafft. Vilém, der Einarmige, vollbrachte das Werk mit nur einer.
Dass es nicht die Arbeiter gewesen waren, die mich eingesperrt hatten, sondern Georg, das sagte ich ihm nicht. Erst als es ein zweites, ein drittes und viertes Mal passierte, musste es ihm dämmern.
Jetzt steht er dort – Runkelrüben bleckend –, schwatzt lachend mit den gleichen Männern, die er noch vor Monaten zusammengepfiffen hat, und niemand stört sich daran.
Agnes kippt das Fenster und beugt sich über das Spülbecken.
Halt sie nicht von der Arbeit ab, Vilém.
Vilém Dorodzala drückt das Grinsen hinter die Lippen, und die Männer trollen sich in den Hof.
Im Gegensatz zu Agnes hatte meine Mutter eine besondere Verbindung zu Vilém. Flüchtlingsseele, hat sie das genannt. Weil sie beide ihre Heimat zurückgelassen und versucht hatten, hier eine neue zu finden. Ich mochte die Geschichten über das verlorene Zuhause, das sie in den schillerndsten Farben heraufbeschwören konnten, wenn sie einmal darüber ins Plaudern kamen. Aber seit meine Mutter in der Anstalt verschwunden war, hatten die Märchen über Viléms Heimatort mit dem zuckerbäckerhaften Schloss, dem Fluss, der sich wie eine Spirale um das Dorf wand, und den Bären im Schlossgraben einen bitteren Beigeschmack. Sie fanden kein Echo durch das Fabulieren meiner Mutter. Standen in dem hohlen Raum, den sie in mir zurückgelassen hatten, sprangen von den Wänden und irrten einsam umher. Ich hörte auf, danach zu fragen, und Vilém hörte auf zu erzählen.
’N Säufer als Verwalter und die Wirtschafterin in der Klapse, murrt Agnes neben mir, und dann sieht sie zur Uhr und folgert: Lottchen verspätet sich wieder.
Sie bremst meine schlenkernden Beine und schiebt das Kinn vor.
Na hopp!
Vorsichtig rutsche ich vom Spültisch. Sie krempelt mir die Ärmel auf.
Hände waschen.
Lottchen heißt eigentlich Charlotte, aber niemand hier nennt sie so. Sie ist seit Jahren die einzige Konstante in diesem Haushalt.
Oma?
Agnes’ schrumpelige Spülfinger halten inne. Sie schaut mich an.
Wo wohnt Lottchen?
Im Ort.
Ja, aber wo im Ort?
Das geht dich nichts an. Nu mach!
Ich recke mich über den Rand der Spüle und stecke meine Finger ins Wasser, zwischen die Weckgläser, die leise klimpernd gegeneinander schaukeln. In Agnes’ Küche riecht es nach Essig. Sie will einkochen.
Am selben Tag, nach dem Mittagessen, frage ich Leander, warum sein Vater ein Suffkopp ist, und fange mir einen Klaps in den Nacken ein.
Leander liebte seinen Vater. Und ich liebte ihn auch. Egal, was er war.
Ich genoss die Heimlichkeiten, an denen er mich teilhaben ließ. Wenn ich zum Beispiel nach kurzen Schultagen am Verwalterhaus vorbeikam, lehnte Vilém Dorodzala sich zum Küchenfenster hinaus und winkte mich heran. Ich sprang vom Rad und schob es hastig über die Kiesauffahrt zur Außentreppe. Ich hatte einen festen Platz auf seiner mit Teppich bezogenen Truhe in der Stube, von wo aus ich in unveränderlicher Reihenfolge zuerst ein Glas Milch und dann eine Handvoll Bonbons in Empfang nahm. Meistens von Lottchen. Weil es keine Mutter im Haus gab, machte sie vormittags bei den Dorodzalas den Haushalt. Und seit es auch bei uns keine Mutter mehr gab, huschte sie zwischen Hof und Verwalterhaus hin und her, um Agnes ebenfalls zu unterstützen.
Die Agnes hält euch viel zu kurz, ließ Vilém Dorodzala gerne verlauten. Ich nickte daraufhin. Das Karamell verfugte mir die oberen und unteren Backenzähne, bis ich wieder auf dem Rad saß und nach Hause strampelte. Meist konnte ich schon von Weitem die Glocke im Giebel hören. Auf dem Hof war die Mittagspause vorbei.
Zügig, rief der Alte dann, scheuchte mich mit weiten Armen vor sich her, und ich trat noch heftiger in die Pedale, bis ich ihm davonfuhr.
Ich liebte Vilém Dorodzala nicht nur wegen seiner Karamellbonbons. In Leanders Familie wurde keine Bitterkeit vererbt. Goldjunge, nannte Vilém Leander oft. Aus dem wird mal richtig was. Das sagte er voller Stolz und Inbrunst und war einem Vater, wie ich ihn kannte, damit vollkommen fern.
Seit ich denken konnte, blieb der alte Dorodzala im Sommer nach Feierabend noch auf ein oder zwei Zigaretten auf dem Hof. Und wenn er dann abends mit den Männern beim Kartenspielen in der Leutestube zusammensaß, zog er mich auf seinen Schoß. Während er die Kippe in den Mundwinkel klemmte, kraulte mich seine knorrige Hand zwischen den Schulterblättern. Ich vergrub das Gesicht in seinen viel zu großen Leinenhemden, schloss die Augen und atmete den Geruch seines Tabaks ein.
Bis ich acht war, zog er mich auf seinen Schoß. Bis der Tod den besten einarmigen Suffkopp, der jemals gelebt hatte, aus meinem Leben pflückte.
Eine Schar Hühner nähert sich gackernd, als ich vom Beifahrersitz des Taunus’ rutsche und meinen Rucksack aus dem Kofferraum hole. Eins der Tiere schafft es aufs Gartenmobiliar und beobachtet mit ruckendem Kopf, wie ich die Autotür noch einmal öffne, um Leanders Kassette aus dem Handschuhfach mitgehen zu lassen.
Auf dem Treppenabsatz verharre ich, schaue über das ganze ausufernde Grün hinweg. Seit wann durchdringt die Wildnis die Grasnarbe schon? Wann ist sie endgültig übergesprungen auf alles, was sich nicht zu wehren weiß?
Ich trete über die Schwelle der offenen Haustür und bleibe in der Eingangshalle stehen. Hier ist es deutlich kühler als draußen, die dicken Mauern sperren die Hitze aus, das ist gleich geblieben. Ich atme tief ein. Es riecht nach nassen Schuhen. Und nach diesem Phantomgeruch, den eigentlich nur Fremde wahrnehmen können. Bis man selbst fremd wird. Da erkennt man nach Jahren plötzlich: So riecht Zuhause.
Alles ist noch genauso alt wie damals. Das ganze innere Gehäuse meiner Kindheit, angeführt vom Bakelit der Drehschalter, über die oberflächliche Verkabelung der Elektronik bis hin zu den Lampenschirmen.
Das Schachbrettmuster der Fliesen unter meinen Schuhsohlen ist lasiert von braunen Schlieren. Mein Blick gleitet durch die Eingangshalle, über den Korridor, hinter dem das Wohnzimmer im Schatten liegt. Vorhänge sperren den Tag aus. Brokatvorhänge, die schwer sind von hässlichen Blumenmotiven.
Und rechts, ein paar Stufen hinauf durch einen viel zu schmalen Türrahmen, den Georg nachträglich eingesetzt hat, die frühere Leutestube. Dreckkammer, hat Agnes gern gesagt. Der letzte Überrest einer zurückgebildeten Küchenherrschaft. Ein Denkmal der Veränderung.
Wenn früher jemand von der Küche sprach, dann war die große Wirtschaftsküche im Keller gemeint. Die Größte aller umliegenden Höfe. Die Einzige mit einer gemauerten Eistruhe und einem Speiseaufzug ins darüberliegende Esszimmer. Die Wirtschaftsküche war das Refugium meiner Mutter. Bis die Großeltern die Stadt verließen, den Hof ihres Sohnes bezogen und Georg für Agnes im Altenteil des Hauses eine kleinere Küche ergänzte. Eine Kompromissküche zwischen Schwiegertochter und Schwiegermutter im Buhlen um die Haushaltsführung.
In den Jahren, in denen meine Mutter schließlich in sich verschwand und wir mittags immer häufiger auf Agnes’ Eckbank Platz nahmen, begann Georg damit, Küchenbruchstücke aus dem Keller zu reißen, bastelte sie neu zusammen, baute meiner Mutter eine Küche auf der Wohnetage. Wie zuvor seiner Mutter. Schwiegermutter und Schwiegertochter ebenbürtig.
Allerdings verschwand meine Mutter nicht nur in sich selbst, sondern bald darauf in der Heila, und die frühere Leutestube wurde zu einem Sammelsurium. Einem Raum, der nie vorgesehen war, keinen rechten Nutzen hatte und doch am allermeisten von uns genutzt wurde. Und der Name blieb. Dreckkammer. Nicht Küche. Nicht Stube.
»Was treibst du denn?«, zerstreut Leanders Stimme meine Gedanken.
Ich mache einen Schritt vor den Durchgang mit den drei Stufen. Leander lehnt mit dem Steiß an dem großen Steinbecken, das irgendwann mal ein Futtertrog gewesen ist. Er raucht. Und beobachtet mich. Der Qualm zwirbelt sich vor seinem Gesicht. Ernte 23. Er raucht die Marke seines Vaters.
»Sagt Georg nichts?« Ich blicke auf seine Zigarette und setze den Rucksack vor einem Schuhregal ab.
Ein kurzes Lachen lässt Leander zucken. Es klingt wie ein Husten, das er unterdrücken will. Gleichzeitig fasst er sich wieder an den Kopf, ascht in das Steinbecken. Ich schaue ihn perplex an. Leanders Verhältnis zu meinem Vater ist eins, das ich nie ganz durchschaut habe. Aber es war nicht geprägt von Respektlosigkeiten.
Er zuckt mit den Schultern, nimmt einen letzten Zug, bevor er die Zigarette auf dem Küchenboden austritt und unter das Buffet kickt. Meine Augenbrauen rücken zusammen.
Leander wirft mir einen kurzen abschätzenden Blick zu, bevor er sich abwendet und das Innere einer herumstehenden Blechdose inspiziert.
»Ist er gar nicht zu Hause?«
Die Antwort ist ein müdes Kopfschütteln, bevor Leander fragt: »Trinkst du Kaffee?«
Ich nicke und steige die wenigen Stufen zur Küche hinauf. Im hinteren Teil des Raums verrammelt ein wurmstichiges Vertiko die Tür zum Dienstboteneingang. Ich brauche mich nicht anstrengen, um sie aus der Vergangenheit hereinschlurfen zu sehen. Die Männer auf Socken, schweißglänzend bis zu den Haaransätzen, wie sie an den beiden Resopaltischen Platz nehmen. Wie sie stumm und in beachtlichem Tempo vertilgen, was aufgetragen wird, und erst vor der Haustür wieder in fremden Sprachen Dinge erzählen, die ich damals nicht verstehen konnte.
Ich lehne mich neben Leander an das Steinbecken, das die Funktion einer Spüle hat und Türme aus gebrauchtem Geschirr beherbergt. Leander setzt den Filter in die Kaffeemaschine und schaufelt Kaffeepulver aus der Blechdose. Er ist ein paar Zentimeter kleiner als ich. Das Hemd spannt an den Schultern. Immer noch Leinen. Auch die Hose. Ich frage mich, ob ich es auch so halten könnte. Einfach in das Leben des Vaters schlüpfen. Seine Hemden überstreifen, seine Zigarettenmarke rauchen und seinen Wagen fahren.
»Und?« Leander klappt den Filter ein und schaltet die Maschine an. »Was hast du hier zu suchen?« Er räuspert sich. Vielleicht um die Schärfe aus der Frage zu nehmen. Vielleicht ist da gar kein Vorwurf in seinem Tonfall. Trotzdem verschränke ich die Arme vor der Brust und pinne den Blick zwischen unsere Schuhe.
Wie will ich antworten?
Mit der Wahrheit?
Oder mit der halben Wahrheit?
Die liegt unter den Klumpen aus dreckiger Wäsche am Boden meines Rucksacks. Ordentlich eingefasst in einen Briefumschlag, wie sich das gehört. Formell. Offiziell.
»Post vom Kreiswehrersatzamt.« Ein sperriges Wort, das ich mit der Ferse in den Küchenfliesen festtrete, um Leander nicht in die Augen sehen zu müssen.
»Hm«, macht er.
Was ich aus dem winzigen Laut heraushöre: Leander rechnet und kommt zu dem Schluss, dass ich erwachsen geworden bin. Ein bisschen prickelt die Enttäuschung darüber in meiner Brust, denn offenbar ist er nicht durch mein bloßes Äußeres zu der Erkenntnis gekommen.
»Vielleicht wirst du ausgemustert.«
»Pfff … vielleicht will ich ja zum Bund«, blaffe ich, und eigentlich will ich hinzufügen Du kennst mich nicht, du weißt nicht, wer ich bin und was ich will.
Leander lächelt nur und begutachtet eine Tasse, die er aus dem Spülbecken gefischt hat. Ohne besondere Präferenz, vermute ich. Wenigstens wäscht er sie aus, bevor er sie mir reicht.
»Und da hast du dir gedacht, endlich mal Zeit für einen Besuch bei der Familie?« Die ungleichen Augen blitzen. Das rechte Lid zieht sich, wie unter schwersten Anstrengungen, zusammen, und Leander wendet sich ab, sieht über die Sitzecke hinweg zum Fenster hinaus.
Ich verschweige Leander, dass es für mich gar keine Musterung mehr geben wird. Dass ich denen längst eine Antwort geschickt habe, weil ich so oder so noch ein Jahr die Schulbank drücken muss. Auch das scheint Leander entgangen zu sein. Dass ich damals eine Runde rückwärts gedreht hab.
»Und du hast angerufen, hast du gesagt?«, murmelt er nachdenklich.
»Bin nicht durchgekommen. Seit Tagen.«
»Ja«, antwortet er bloß. Er weiß, dass die Leitung tot ist. Das habe ich schon im Auto vermutet.
Ich stelle keine weiteren Fragen. Leander stößt irgendwann die Hüfte von der Spülwanne ab. Ich sehe den ausgetretenen Lederschuhen nach, wie sie die Küche verlassen.
»Willkommen zu Hause«, höre ich ihn noch sagen. Die Haustür donnert ins Schloss und springt wieder auf. Das war alles. Gespräch beendet.
Ich rutsche an der Wanne hinab auf den Boden und stelle die Beine auf. Der Kaffee schmeckt bitter. Ich starre in die Tasse, stelle sie neben mich auf die Fliesen. Von hier aus kann ich Leanders Zigarettenstummel unter dem Buffet gegenüber sehen. Er hat Gesellschaft dort unten.
Ein Teil von mir wappnet sich. Für den Moment, wenn unten im Keller die schweren Stahltüren schlagen und die Heimkehr meines Vaters ankündigen.
Gegenüber der Dreckkammer steht die schmale Tür zur Telefonstube auf. Es ist nur ein kleines Kabuff, in dem nicht mehr als ein Bord mit einem Telefon und ein Stuhl Platz finden. Der Zufluchtsort meiner Mutter, wenn sie früher allabendlich den Kontakt zur Außenwelt suchte. Zu Klara Früchtenich vom Windhof. Oder zu ihrer Schwester Anja, die nur ungern und nach dem Tod meiner Mutter gar nicht mehr zu Besuch kam. Wegen Georg.
Ich denke an das letzte Weihnachten mit Anja. Das letzte überhaupt mit ihr. Manchmal frage ich mich, ob es ein übergeordnetes Gesetz in meinem Leben gibt, das mir immer diejenigen wegnimmt, an die ich mein Herz hänge.
Ich stoße die Kabufftür nach innen auf und finde das orangefarbene Telefon mit der Drehscheibe vor, der Hörer liegt wie abgeschüttelt auf dem Rücken. Unten in der Ecke die elektrische Heizung. Gegen kalte Füße an Winterabenden. Und dann, als ich die Tür schon wieder zuziehe, finde ich unter dem Bord das herausgerissene Kabel der Anschlussbuchse. Ich schiebe den Stuhl zur Seite, starre einen Moment auf die hervorsprießenden, bunten Adern und stelle mir vor, wie viel Gewalt dazu nötig war.
Und du hast angerufen, hast du gesagt?
Was für ein Idiot.
Hat er es aus der Wand gerissen?
Oder Georg?
Ich ziehe die Tür hinter mir zu, trete die Turnschuhe von den Füßen und pelle die verschwitzten Socken von den Hacken. Dann durchquere ich die Eingangshalle, gehe die drei Stufen hinauf zum Korridor, der sich über die gesamte Länge des ersten Stocks erstreckt. Wie eine Wirbelsäule. Und in der Mitte ein Querschnitt: die Wand, die Georg für meine Großeltern einzog. Mit der schweren Pendeltür darin, die manchmal, wenn jemand im hintersten Winkel ein Fenster aufgelassen hatte, leise quietschend im Türrahmen fächerte. Aber jetzt steht sie still. Kein Luftzug.
»Hallo?«, rufe ich der Pendeltür entgegen. »Agnes?«
Nichts tut sich.
Als mein Großvater noch lebte, traute ich mich an dieser Tür nicht vorbei. Ich blieb auf der Schwelle stehen, drückte sie nur ein Stück auf und rief den Namen meiner Großmutter in den dunklen Flur, wie ein Sesam öffne dich. Und wenn sie dann kam – meist aus der Küche, die Finger teigverschmiert, in der blauweißen Kittelschürze –, stemmte sie die Fäuste in die Hüfte und hob vorwurfsvoll die Augenbrauen.
Was hast du, Junge?
Sie nannte mich nicht Georg. Der Name war meinem Vater vorbehalten. Manchmal frage ich mich, warum ich nicht einmal einen Zweitnamen bekommen habe. Alexander hätte mir gefallen. Oder Johannes. Stattdessen erweiterte Vilém Dorodzala meinen Namen um eine Sprache, und so klang er fast wie ein anderer.
Jirka!
Agnes konnte einen scharfen Unterton darin verflechten.
Ich wollte zu dir, druckste ich.
Dann steh da nicht rum.
Sie winkte mich von der Schwelle, und ich folgte ihr, vorbei am Wohnzimmer, in dem der Großvater in seinem Sessel saß, mit dem Rücken zur Tür, sodass ich nur seinen blanken Kopf über die Lehne ragen sah.
Wie früher drücke ich auch jetzt die Tür ein Stück auf und rufe erneut in den dunklen Korridor. Auf der Schwelle verharrend, in Erwartung meiner Großmutter. Sie wird dann so etwas sagen wie Ach ja, dass ich das noch erleben darf oder Was willst du denn hier. Oder vielleicht sagt sie auch nichts, dreht sofort wieder um und schüttelt den Kopf, und darin liegen dieselben abfälligen Worte begraben.
Aber niemand antwortet. Die Wohnung der Großeltern bleibt still. Ich trete zurück, entferne mich, und die Pendeltür schwingt mir eine Weile nach.
Vor der langen Fensterwand, durch die man vom Korridor ins Wohnzimmer dahinter schauen kann, bleibe ich stehen. Ein Schaukasten. Unsere Familie in einem nachgebildeten Lebensraum für Familien. Ich überlege, wie oft wir darin als solche wahrgenommen worden wären. In den Jahren, in denen meine Mutter noch gelebt hat. In denen noch alles halbwegs in Ordnung gewesen ist. Wie oft sind wir da in diesem Raum gewesen, diesem Ausschnitt unseres Lebens?
Später jedenfalls kaum noch. Und wenn, dann in unsere Einzelteile zersetzt. Meistens war es mein Vater, der Gesellschaft verschmähte, zum Rauchen auf den Balkon ging und dann für die Abendstunden – wie schon sein Vater vor ihm – in einem staubgrünen Ohrensessel versank und ins Leere starrte. Irgendwann döste er ein. Manchmal, wenn ich hereinkam und eins der ächzenden Dielenbretter erwischte, fuhr er mit einem Schreckenslaut zwischen den Lippen aus dem Schlaf. Immer fragte ich mich, was er in seinem Kopf kurz zuvor noch gesehen hatte. Aber ich glaube, die eigentliche Frage war – und das verstand ich erst viel später –, was erwartete er vorzufinden? Wohin, glaubte er, aus seinem Traum zurückgeholt zu werden?
Mein Atem beschlägt die dünnen Glasscheiben. Die Haut in meinen Augenwinkeln spannt.
Sonnenlicht bricht durch die Schlitze der Vorhänge. Darin Staubpartikel, die im Licht schweben. So langsam, dass man das Gefühl bekommt, in dem Zimmer liefe alles in Zeitlupe.
Ob ich auch irgendwann so einen Ohrensessel besitzen werde? Und von da aus an die Wand gegenüber oder im besten Fall aus dem Fenster gegenüber starre? Und wenn ich einschlafe, was wird mich dann beim Aufwachen erwarten? Oder wer?
Ich sehe hinab auf meine nackten Zehen. Neben meinem linken Fuß verläuft eine Ameisenstraße. Die Treppe hinunter bis in die Eingangshalle. Vielleicht auf dem Weg in die Dreckkammer. Ich steige darüber hinweg und betrete das Wohnzimmer durch die Flügeltür. Unter meinem Gewicht knacken die Dielen, in der Vitrine gegenüber klirrt Porzellan.
Ich husche durch den Raum auf die Balkontür zu, ziehe den Hebel herunter, und sie schwingt mir entgegen. Ich atme tief ein, obwohl mir nur Wärme entgegenfließt.
Der Balkon ist schmal – zwei verhaltene Schritte von der Balkontür bis zur Reling. Er säumt beinah die gesamte Rückseite des Hauses. Darunter der Garten, hinterm Garten der Wald.
Schwalben, wie Papierflieger, die jemand besonders scharfkantig gefaltet hat, flirren durch Mückenschwärme über dem Schwimmbecken. Das alte Becken, das nicht mehr so tief scheint wie damals. Das Wasser liegt grünlich unter einem Läufer aus Seerosenblättern und spiegelt das Bild eines Reihers. Der spannt seine Flügel und flieht in die nahen Bäume, als er mich bemerkt.
Ich schiebe meine großen Zehen in die Lücken zwischen den Planken unter meinen Fußsohlen, stütze die Hände aufs Balkongeländer und lehne mich vor – aufgeplatzten Lack und Vogelscheiße unter den Handballen.
Der Garten ist mir fremd. Fremd, wie einem nur ein Flecken Land werden kann, sobald man ihn umgräbt und neu anlegt.
