KUBA (k)ein Reiseführer -Situationsberichte- - AJ Zittebart - E-Book

KUBA (k)ein Reiseführer -Situationsberichte- E-Book

AJ Zittebart

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Beschreibung

Keine spektakuläre Trecking-Tour mit dem Rad, keine sensationelle Bergbesteigung, keine atemberaubende Floßfahrt. Eine Reise. Eine Urlaubsreise für Jedermann. Gut planbar, gut durchführbar und dennoch spektakulär, sensationell, atemberaubend. Zwei in die Jahre gekommene Ottonormalbürger reisen ohne Plan durch Kuba. Nichts weiter als eine Reise sollte es sein und wurde doch so viel mehr.

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Seitenzahl: 161

Veröffentlichungsjahr: 2019

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A.J. Zitterbart

KUBA

(k)ein Reiseführer

-Situationsberichte-

oder

zwei Deutsche (be)suchen

den Sozialismus

Impressum

© Telescope Verlag 2015

www.telescope-verlag.de

Fotos Umschlag/Innen: Andreas Jahn

Ich danke Annette, Joachim, Ute, Maria und Genia.

Ohne euch wäre das Buch nur Schnullipups geworden. Klar, ist es das auch jetzt noch, nur besser.

Vorwort

Zwanzig Jahre Kapitalismus, zwanzig Jahre Kommunismus. Genau der richtige Zeitpunkt, um wertefrei auf die in Deutschland abgeschaffte Gesellschaftsordnung zu blicken und sie auf mich wirken zu lassen. Zwar war die DDR nie ein kommunistischer Staat, sondern ein sozialistischer, aber Kommunist klingt irgendwie gruseliger. Doch mir liegt es fern mit diesem Buch die tausendste Kapitalismusdebatte anzufeuern, denn das kann der Kapitalismus selbst viel besser. Ich möchte in Kuba erlebte Situationen beschreiben, um Lust auf Abenteuer zu machen, ohne danach zu suchen. Naja, Abenteuerchen.

Mein ganzes Leben lang hab ich mich gefragt, wie das System, in dem ich aufgewachsen bin, wohl auf Außenstehende wirkt. Die Parolen an den Wänden, die Plakate in den Fabriken, all die leeren Phrasen. Wir waren nicht in der Lage und auch nicht willens diese mit Leben zu erfüllen und wer ehrlichen Herzens versucht hat, dies zu tun, wurde für seine Engagement ausgelacht. Doch nun verspotten wir wieder diejenigen, die sich mit aller Kraft gegen den Wind stellen, die hohlen Worte ignorieren. Lebensmittel retten? Reparieren? Tauschen? Kleiderkreisel? Konsumiere! Wirf weg und kauf neu! Selber anbauen? Wie dumm bist du denn? Ist doch alles billig.

Wie damals hinterfragen wir nicht, lassen uns im Strudel treiben, greifen nicht ein.

Wir werden bombardiert mit den gleichen Floskeln wie damals, nur aus dem Fünfjahresplan ist die Agenda geworden. Wachstum hieß damals Planübererfüllung. Wie haben wir gelacht. Nennt man Bonzen eigentlich noch Bonzen?

Den Zeitpunkt der Reise hatte ich günstig gewählt, denn in dieser Periode war ich ein transplantierter Dialysepatient.

Mit der maschinellen Blutreinigung habe ich seit sechsundzwanzig Jahren zu tun. Eine Spenderniere wurde mir im September 2001 transplantiert.

Die vielen Medikamente, die ich täglich einnehmen musste, damit eine Abstoßung des Organs verhindert wird, vertrugen die Hitze einwandfrei und ich konnte sie bedenkenlos nach Lateinamerika ausführen. Obwohl ich plante, allein auf die Insel zu fliegen, stellte sich als Glücksfall heraus, dass ich David, einen Freund, einige Wochen vorher fragte, ob er mich begleiten wolle. Das war deshalb gut, weil wir auf Kuba unglaublich viele skurrile Situationen erlebten und es sehr lustig war mit einem Gleichgesinnten bizarre Zufälligkeiten zu teilen und zu kommentieren. Mir war natürlich klar, dass ich das Land nur mit den Augen des Reisenden sehen konnte. Die Situationen als ein auf Kuba Lebender zu beschreiben, würde sicher all das Geschilderte in einem anderen Licht erscheinen lassen.

Erst kommt das Fressen und dann die Moral

Meine Reisesachen zu packen, fiel mir nicht schwer. Visa, Reisepass und das Flugticket, die Sonnenmilch, eine lange und eine kurze Hose, zwei T-Shirts, zweimal Unterwäsche, und zwei Paar Socken. Natürlich etwas Geld. All die Dinge, die ich mitnehmen wollte, passten hinein und ich hatte sogar noch etwas Platz in meinem immer wieder reparierten und zusammengeschusterten braunen Lederrucksack.

Im Reiseführer und in den einschlägigen Internetforen empfiehlt man Seife und Kugelschreiber für die Erwachsenen und Süßigkeiten für die Kinder mitzunehmen. Einhundert Kugelschreiber und Seife, um kleine Gefälligkeiten zu belohnen. Zwölf Stückchen Seife sollten genügen. Fast hätte ich die Haferflocken vergessen. Vier Kilo - Notration. Jetzt noch Toilettenpapier. Angeblich soll das Mangelware sein und ich hasse es, mir mit Zeitung den Hintern abwischen zu müssen oder gar mit Blättern von irgendwelchen Pflanzen. Jetzt noch meinen Sonnenhut. Diesen habe ich mir vor einigen Jahren in Havanna auf einem Markt aufschwatzen lassen, als ich mit meiner Frau auf Varadero Urlaub machte. Doch so im Nachgang gesehen war dies das Beste, was mir konsumtechnisch in jenem Urlaub passierte. Dieser Strohhut wurde für die Ewigkeit gefertigt. Ich mag ihn sehr. Er lässt sich knicken, sogar falten und geht einfach nicht kaputt. Wenn der Ami irgendwann auf Kuba einmarschiert, wird höchst-wahrscheinlich dafür nur noch halb soviel Pflanzenmaterial und Garn eingesetzt. Ich glaube, der Hut besteht nicht aus Stroh, sondern aus irgendeiner Palmenart.

Das Teil hält dann, wie bei uns die Kleidungsstücke, nur noch ein halbes Jahr. Ressourcen? Wie Brecht schon sagte:

„Erst kommt das Fressen und dann die Moral.“

Vokabelsuche

Irgendwie von Havanna nach Santiago. Egal wie, nur nicht in der Touristenklasse. Für Draufgänger wie uns viel zu simpel, denn David und ich suchten das Abenteuer. Ein wenig Abenteuer. Naja, also, Abenteuer für Angsthasen.

Angeblich fahren auf Kuba kaum Busse über Land. Und Züge? Für Ausländer ein unkalkulierbares Risiko, aber wir wollten das Land kennenlernen, mit Leuten sprechen. Die Menschen sind für mich die Sehenswürdigkeiten einer Gegend. Das funktioniert natürlich bedeutend besser, wenn man der Landessprache mächtig ist.

Unsere jüngste Tochter Sina wählte in der Schule Spanisch als zweite Fremdsprache und - ja- ich war bereit für Spanisch. Bereit um mitzulernen, denn was Sechstklässler können, kann ich doch auch. Zumal diese ja noch die Belastungen der anderen Fächer zu bewältigen haben. Also büffelte ich wie ein Irrer, lernte Vokabeln, schrieb die Klassenarbeiten meiner Tochter zu Hause nach und was soll ich sagen, ich hinkte irgendwie immer hinterher. Dass man eine Sprache anwenden sollte, um sie richtig gut sprechen zu können, begriff ich erst später, viel später.

Einige Wochen nach dem ersten Hochgefühl, bald eine Fremdsprache zu beherrschen, sprach ich schon ein paar aufwendig auswendig gelernte Sätze und Redewendungen. „Das funktioniert doch prima. Spanisch ist kein großes Ding!“ „Armer Tor, hast dich schön geirrt.“ Nach zwei Jahren umfasste mein Wortschatz aber dennoch ca. 800 Wörter und ein bisschen Grammatik. Aber sprechen und hören? Ich glaubte, dies würde ich nie begreifen. Ohne vernünftige Vorbereitung durch Kuba? Das wollte ich nicht - doch wie eigne ich mir am einfachsten das Wissen an? In die Volkshochschule? Ich wollte nur sprechen und hören. Das Lernen dort funktioniert anders. Es muss doch einen anderen Weg geben. Also eine CD in den Abspielautomaten und genau hingehört. Die Wiederholtaste und wieder volle Konzentration. Immer und immer wieder hörte ich mir denselben spanischen Satz an. Warum funktioniert das denn nicht? Die Vokabeln alle im Kopf, nun aber die Ohren gespitzt. Was wollte der Sprecher nur von mir? Ich schaute im CD-Begleitbuch nach. Aaaahhhh, der Satz besteht aus sechs Wörtern und nicht wie angenommen aus drei. Ich fing an die englische Sprache zu lieben, denn hier konnte ich wenigstens die Vokabeln auseinanderhalten.

Die Wochen gingen ins Land und ich beherrschte es ganz gut, ein Zimmer zu mieten, zu bezahlen und eine Fahrkarte zu kaufen, aber ich wollte über banale Alltagsdinge reden können. Vielleicht verbessert sich die klägliche Situation, wenn ich mit einem Muttersprachler reden könnte.

Muttersprachler?

Angeblich lernt man eine Fremdsprache am besten, wenn man mit einem Latino oder Spanier reden kann. Nur wo finde ich den? Auf jeden Fall würde ich Einzelunterricht benötigen. Soviel war klar.

Sina ging damals zweimal pro Woche zum Karatetraining und ihr kubanischer Lehrer wäre eine tolle Alternative. Leider war ich meiner Tochter peinlich. Also doch das Bildungs-warenhaus? Oder ein Privatlehrer? Im Treppenhaus der Volkshochschule, wo ich diesen suchte, kam mir ein kleingewachsener, schwarzhaariger, freundlich lächelnder Mann entgegen. Einmal angesprochen gab es kein Zurück. Wir verabredeten uns für kommenden Montag bei ihm zu Hause. So fuhr ich in den Nordwesten unserer Stadt – Torgaus Kreuzberg. Es war Winter und es war nass, kalt und windig - ich fror. Die Straße nebst Hausnummer fand sich schneller als gedacht, doch der Name an der Klingelleiste war fast nicht zu erkennen. Das Licht über der Haustür und auch meine Lesebrille fehlten. Mit der Nase an den Klingelknöpfen hatte ich eine Ahnung. Das könnte er sein. Dieser oder der direkt darunter? Die anderen Namen fielen zu kurz oder zu lang aus. „Wer ist da?“ Ein Fenster in der vierten Etage öffnete sich und einer unsichtbaren Frauenstimme rief ich mein Anliegen entgegen. Ein anderes Fenster öffnete sich ebenfalls und eine bedrohlich klingende Stimme wollte runterkommen, sollte ich nicht Ruhe geben. Sicher wollte er mir die Haustür persönlich öffnen. Der Türöffner summte, ich tastete mich nach oben, trat auf eine Gummiente und erschrak. Ihr lautes Quaken im dunklen Treppenhaus hörte sich genauso gequält an, wie ich mich fühlte. Das Abenteuer hatte also schon begonnen! Dann ging doch noch Licht an. Die Schalter an den Wohnungstüren funktionierten einwandfrei und auch mein sauber ausgesprochenes „Buenos noces.“, denn mein Privatlehrer und ich hatten vereinbart kein Wort deutsch zu reden. „Guten Abend.“, sagte Signore Garcia. „Ich habe schon gewartet.“ Vielleicht zählte das Treppenhaus nicht zur Sprachreservation. Wir wechselten noch zwei-drei deutsche Sätze, dann kam von oben eine ältere Dame und nickte Herrn Garcia freundlich zu. Dieser erwiderte das Lächeln mit einem freundlichen: „Bis zum nächsten Mal, Mutti.“ Zu mir gewandt wiesen seine Augen nach oben und ich ging mit ihm in die fünfte Etage, den Boden. Nur flüchtig zeigte er mir alle Zimmer, denn der Boden war in diverse Abschnitte mit Räumen und Türen eingeteilt und nicht sehr gastlich. Das letzte Zimmer unterschied sich von den anderen in sofern, dass es einen langen Tisch, einige Stühle und einen kleinen Metallofen in sich barg. Dieser erinnerte mich an den, der in meinem früheren Kinderzimmer stand. Er ging mir bis zur Hüfte und die Breite konnte mit zwei Buchrückenlängen beschrieben werden. Eine braune Lackierung. Die Knubbel der Türen, welche sich verschrauben ließen, waren aus Hartplast. Es war kalt im Zimmer. Genau wie einst in meinem. Die Kinderzimmer der Bauerngehöfte dienten früher fast ausschließlich als Schlafstatt. Gespielt haben die Kinder in der Küche, der Stube oder draußen.

Auch hier stand der Ofen links neben der Tür. Das Ofenrohr schwarz, zerkratzt und ungewohnt, denn solche sieht man heute kaum noch in deutschen Wohnräumen. Kleine Rostflecke schimmerten im Licht. Im Ofen meines Kinderzimmers befanden sich immer irgendwelche Hausaufgabenhefte, in denen die Lehrer Unterschriften meiner Eltern für die Information meiner Fehltritte einforderten, oder Klassenarbeiten, die ich, weil mit ungenügend bewertet, selbst unterzeichnete. Ich weiß auch nicht, warum ich glaubte, dass der Ofen mit dem großen schwarzen Loch, welches meine Heimlichkeiten barg, so lange mein Gefährte war. Er behielt die ihm anvertrauten Geheimnisse nie für sich. In schöner Regelmäßigkeit also wurde ich ertappt.

Geräuschvoll fiel das Schulbuch auf den Tisch und holte mich in die kühle Wirklichkeit zurück. Kurz, aber bestimmt, erklärte ich Herrn Garcia erneut, dass ich keinen gewöhnlichen Unterricht haben, sondern mich mit ihm über Kuba unterhalten wolle und zwar ausnahmslos in seiner Landessprache. Er war verwirrt. Hatte er mir bei unserem ersten Gespräch nicht zugehört? Fragend schaute er mich an, bis ich mich genötigt sah, meinen Plan nochmals zu erläutern. Mein Lehrer fiel aus allen Wolken und die nächste halbe Stunde verbrachte Herr Garcia damit, mir solch eine Reise auszureden, denn meine Sprachkenntnisse würden nie und nimmer ausreichen, um im Dschungel und den Klauen der Kommunisten zu überleben. Ich schmunzelte in mich hinein, zog unmerklich meinen Pullover soweit zurück, dass meine Armbanduhr darunter hervor lugte, wollte ihn eigentlich daran erinnern, weswegen ich da sei und sagte erst einmal nichts. Eine dreiviertel Stunde war vorüber und wir hatten noch kein einziges spanisches Wort gesprochen – also er. Ich hatte ihn ja in seiner Muttersprache begrüßt. Ich driftete mit meinen Gedanken ab, beobachtete die Regentropfen, die sanft gegen das Fenster schlugen und in dünnen Rinnsalen herabflossen. Eine viertel Stunde später meinte Herr Garcia, mich fit machen zu müssen, um in „Feindesland“ bestehen zu können. Nie sollte ich die Mutter eines Mannes beschimpfen und auf keinen Fall mit jeder Prostituierten mitgehen. „Mensch Garcia“, dachte ich, „lass uns doch endlich zur Sache kommen! Ich will keine Prostituierte beleidigen oder mit fremden Müttern mitgehen.“

Dann war die erste Stunde auch schon beendet. Ich zahlte die verabredeten zehn Euro und wir beschlossen, uns kommende Woche wiederzusehen. Die nächste Übungseinheit begann, wie die Vorhergehende geendet hatte. Eine viertel Stunde später fragte ich vorsichtig nach einer kleinen spanischen Konversation, um die große Deutsche abschließen zu können. Nach „Wie heißt du?“ und „Wo kommst du her?“ redete mein Lehrer wieder munter auf Deutsch drauf los. Ich war zu höflich, um ihn zu unterbrechen und hoffte er würde alsbald mal auf den Punkt kommen. Kam er nicht und die Zeit war um. Ich verbuchte auch diese Stunde als Informationsveranstaltung und redete mir ein, dass ich nur profitieren könne, mit einem so weltoffenen und eloquenten Menschen. Als Nächstes stand sein Pyramidenzimmer auf dem Programm. Pyramidenzimmer? In Erwartung hunderter zusammengesammelter Pyramiden verschlug es mir die Sprache. Nur eine Pyramide. Zirka zwei Meter hoch und mit vier Quadratmeter Grundfläche, gefertigt aus Aluminiumwinkeln, verschraubt und auf Holzpfosten gestellt. In der Mitte ein Stuhl. Ich musste schmunzeln. Mein Spanischlehrer war nicht nur Spanischlehrer, sondern auch Heiler und Mutti nicht Mutti, sondern Patientin. In der nächsten Stunde erfuhr ich dieses und jenes über Pyramidenheilung, Zukunftspläne und Vergangenheit der Garcias sowie die drei Staatsbürgerschaften meines Gegenübers; Deutsch, kubanisch, mexikanisch. Bald, und zwar dann, wenn sich die kubanischen Grenzen öffnen, wird er auch noch im Außenhandel tätig sein. Import – Export, denn er weiß genau was die Kubaner so brauchen, wollen und natürlich auch bezahlen können. Also ist mein spanisch lehrender Heiler auch noch Geschäftsmann. Junge, was für ein Abend! Irgendwie muss das doch auch anders laufen können! Für das nächste Mal verabredeten wir uns auf eine halbe Stunde, weil ich vorgab keine Zeit zu haben und hoffte dadurch, meine Spracheinheiten zu optimieren. Ihm war es recht, doch der nächste Montag verlief ähnlich. Nach den ersten zwei spanischen Sätzen wurde ich nachdrücklich davon unterrichtet, wo wir nicht schlafen, welche Viertel wir meiden, was wir nicht und was wir unbedingt essen sollten. Die halbe Stunde verging wie im Flug. Ich zahlte fünf Euro und ging. In den folgenden Wochen lernte ich die Familie, den Hund, die Katze, Vögel und Fische, den PC (Herrn Garcias ganzer Stolz) und die neueste Version von Google Earth kennen. Darüber klickten wir uns nach Havanna und schauten uns, 360 Grad drehend, diese wunderbare Stadt an. Nur Spanisch sprachen wir leider nicht. Ich fand mich armselig, denn ich war der Einzige, den ich kannte, der für seine sozialen Kontakte Geld bezahlte. Noch heute treffen wir uns für ´ne halbe Stunde in der Woche. Wir reden, ich bezahle, wir verabreden uns aufs Neue und ich gehe. Ich sollte mit ihm eine Abbuchung vereinbaren, dann spare ich wenigstens die Benzinkosten. Ob Herr Garcia spanisch sprechen kann, weiß ich leider nicht, aber wir haben ja noch jede Menge Zeit, um das herauszufinden. Ich griff nun doch auf Sina´s Karatelehrer zurück und der wusste genau, was ich wollte. Die Bezahlung war ein Getränk in der Kneipe, in der wir uns jeden Dienstag trafen, um intensiv eine viertel Stunde über irgendwelches sinnlose Zeug zu sprechen. Diesmal wirklich Spanisch. Carlos fand meine Sprachkenntnisse gar nicht so übel. Ich schätze mal ´ne gute vier minus. Er ist halt nett. Warum einfach, wenn es auch kompliziert geht?

Leipzig - Paris - Havanna

Unser Flieger startete in Leipzig. Zwischenlandung in Paris, Flughafen Charles de Gaulle, dort zwei Stunden Aufenthalt. Ehe wir unser Terminal fanden, verging eine halbe Stunde, doch wir hatten reichlich Karenz eingeplant. Das Einchecken dauerte eine Weile, aber wir sollten immer noch eine dreiviertel Stunde warten. Ich sah die Masse der Leute, welche vor uns am Terminal stand und dachte so bei mir, dass es wohl eng mit der Zeit werden würde. Vor uns befanden sich etwa zweihundert Menschen, während nur ein Abfertigungsschalter geöffnet hatte. Der Flieger sollte 12.50 Uhr starten. Wir hatten noch eine viertel Stunde Zeit bis zum Abflug und irgendwie bewegte sich nicht viel. Eigentlich gar nichts. Langsam wurden wir unruhig, aber sahen auch, dass es anderen potentiellen Passagieren ebenso ging wie uns, was mich dann in der Hinsicht beruhigte, dass wir uns am richtigen Terminal befanden. Bis zum Start blieben fünf Minuten und immer noch ca. einhundert Leute vor uns. Ein junges Paar drängte von hinten an uns vorbei. „Entschuldigung! Wir müssen unseren Flieger pünktlich erreichen.“ Das war unser Signal. Wir verloren die Nerven, warfen die Rucksäcke über die Schultern und liefen ihnen nach, ehe sich der wütende Menschenstrom hinter uns beiden wieder schloss. Ein bisschen wie bei Alibaba, der in die Wunderhöhle wollte. Nur wenige Minuten später standen wir vor der Abfertigungsangestellten, hatten es sogar noch ein Stück weiter geschafft als unsere beiden Eisbrecher. Nur leider war hier Schluss. Eine junge Dame in Uniform, und dieser waren wir hilflos ausgeliefert, gebot uns freundlich, aber dennoch resolut, stehen zu bleiben, was wir auch taten. Etwas zu deutsch legten wir die Hände an die Hosennaht, deuteten eine leichte Verbeugung an und hofften mit dieser Respektsbekundung schneller an ihr vorbei und in den Flieger zu gelangen. „Bitte lass uns durch. Du siehst doch, dass wir nicht mit einer Bombe unterwegs sind.“ Apropos Bombe. David meinte, als wir warteten, dass wir eine Bombe hätten mitnehmen sollen, weil in keinem je bekannten Fall zwei verschiedene Attentäter mit demselben Flugzeug flogen. Wenn also wir die Bombe hätten, wären wir rein statistisch auf der sicheren Seite und würden unsere Reise sozusagen ein gutes Stück sicherer beginnen. Mit was sich David so beschäftigt? Hinter uns Amis, die sich lautstark über unser Vordrängeln beschwerten. Ich stellte mich dumm und tat so als verstände ich kein Wort, was ich ja auch nicht tat. Aber David, der König der Zeichensprache, fand in seiner eigenen eleganten Art Wege, uns und die Amerikaner miteinander zu versöhnen. Die Damen in Uniform ließen uns am ausgestreckten Arm verhungern. Hinter uns eine unzufriedene Menschenmenge und die Abflugzeit war lange überschritten. Jetzt endlich erfuhren wir Nachsicht und durften uns durchleuchten und überprüfen lassen. Im Laufschritt zum Flugzeug und ich glaubte meinen Augen nicht zu trauen, denn es waren noch nicht einmal die Hälfte der Sitzplätze besetzt. Um es kurz zu machen: der Start verschob sich um eine dreiviertel Stunde, was nirgendwo angezeigt wurde und alle die draußen Warteten durften auch noch mitfliegen. Es wäre halt super gewesen, hätten wir das in unserer Sprache mal hätten lesen können, aber mit Deutsch hatten die es da nicht so. Der Flug mit Air France dagegen? Es gab keinen Grund zur Klage.

Die passende Schlafstatt

Als wir in Havanna ankamen, war es dunkel. Wir suchten unser Gepäck zusammen, tauschten etwas Geld und sahen zu, dass wir aus dem Flughafengebäude kamen. Vom Routenplaner wusste ich, dass es von hier bis zu unserer Primärunterkunft, die erste Nacht in Cuba muss noch vor der Einreise gebucht werden, etwa fünfzehn Kilometer weit ist. Die Adresse hatte ich mir notiert und wusste deshalb, dass wir ca. zwanzig Minuten zu fahren hätten. Wir wollten zu dritt ins Zentrum, da wir in der Maschine eine junge Deutsche kennen gelernt hatten, die wohl ihre erste Unterkunft irgendwo in unserer Nähe hatte.

Wir gingen an allen Taxifahrern vorbei, weil die mehr als fünfzehn CUC pro Nase von uns haben wollten. Das ist die harte Währung, also das Westgeld Kubas und wird eins zu eins mit dem Euro verrechnet. Also wir gingen erstmal an allen Taxis vorbei, denn ich fand es schon unanständig, wenn in einem Land, in dem ein Lehrer ca. 15,- CUC zur einheimischen Währung dazu verdient, ein Taxifahrer 45,- CUC für 15 km bekommen sollte. Mehr als fünfzehn für uns alle war es uns einfach nicht Wert. Notfalls würden wir laufen.