Kühe - Matthew Stokoe - E-Book

Kühe E-Book

Matthew Stokoe

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Beschreibung

Ein blutgetränkter Albtraum. Aber auch ein Meisterwerk der Literatur. Steven ist 25 Jahre alt. Im Fernsehen beobachtet er all die perfekten, fröhlichen Menschen und träumt davon, selbst das normale Glück zu finden. Vielleicht mit Lucy, die eine Etage über ihm wohnt – auch wenn ihre Besessenheit für Vivisektionen echt krank ist. Aber Stevens Mutter würde das niemals zulassen. Sie hasst ihn und will ihn zerstören: »Sie verabscheuten einander seit dem Augenblick, als sie ihn aus ihrer Fotze gedrückt hatte. In der zugemüllten Küche hatte sie ihn auf dem Tisch, an dem sie heute noch aßen, aus dem blutigen Schlamassel zwischen ihren Beinen gezogen und verflucht. Und er hatte ihr, da er spürte, dass es sein ganzes Leben lang noch schlimmer kommen würde, gleich in die Augen gepisst.« Als Steven Arbeit in einem Schlachthaus findet, offenbart ihm der unvorstellbar perverse Vorarbeiter Cripps, wie man durch das Töten von Kühen ›echte Erfüllung‹ findet. Doch die Tiere beginnen mit Steven zu reden und sie bitten um Hilfe … COWS, weltweit gefeiert als Kult-Klassiker des Urban Horror, gilt als der extremste Roman, der je geschrieben wurde. Abstoßend, traurig, aber auch originell. AMERICAN PSYCHO ist dagegen Kinderkram. Kirkus Review: »Der literarische Underground-Schocker Stokoe schlägt seine Leser mit dieser blutigen, wirklich ekligen Verhöhnung der Normalität voll ins Gesicht.« Publishers Weekly: »Eine Phantasmagorie der extremen Gewalt, des Todes, der Sexualität, der Bestialität, der Selbstchirurgie, der Folter und einer wirklich, wirklich, wirklich schlechten Mutter-Sohn-Beziehung, die da beginnt, wo der Marquis de Sade aufhörte. Stokoe ist ein begabter Schriftsteller, was den Inhalt umso schrecklicher macht …« Dennis Cooper: »Sehr verstörend und überirdisch begnadet. Die vernichtende Schilderung des Lebens in der britischen Unterschicht. COWS gilt als der mutigste englischsprachige Roman der letzten Jahrzehnte.« FESTA MUST READ: Große Erzähler ohne Tabus. Muss man gelesen haben.

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Seitenzahl: 233

Veröffentlichungsjahr: 2017

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Aus dem Amerikanischen von Joachim Körber

Impressum

Die amerikanische Originalausgabe Cows

erschien 1997 im Verlag Creation Books, London.

Copyright © 1997, 2015 by Matthew Stokoe

© dieser Ausgabe 2017 by Festa Verlag, Leipzig

Lektorat: Felix F. Frey

Alle Rechte vorbehalten

eISBN 978-3-86552-529-1

www.Festa-Verlag.de

Für Roseanna

1

Im Bett.

Steven spürte die Toxine langsam durch seinen Blutkreislauf rasen, unebenmäßige schwarze Teilchen, die in Zeitlupe in einer unterseeischen Strömung trieben und en passant weiches Gewebe beschädigten. Wenn er in dem dunklen Zimmer die Lider schloss, sah er die Landkarte seiner Blutgefäße wie in einem Biologiebuch vor dem geistigen Auge. Blut: keine zähe, rote Flüssigkeit, sondern Milliarden Teilchen, alle schwarz umrissen, wie von einem Feuerschein beleuchtet, und um den besten Startplatz in einem Wettrennen zum Herzen bemüht, das sie liebevoll empfangen und den guten, guten Sauerstoff in die Lunge pumpen würde. Das Herz wollte, dass sie lebten, und feuerte seine Mannschaft mit der unerschütterlichen, unerschöpflich dauerhaften Liebe von Eltern in einer Fernsehserie an.

Doch auf dem Rücken dieser Teilchen bohrten sich die harten, schwarzen Körnchen von Mamas verdauten Mahlzeiten, die aus der Magenwand und den glitschigen, grauen Windungen seiner Gedärme dort aufsprangen und sich einen Scheiß darum scherten, was das Herz begehrte, in sein Fleisch, sein Fett, seine Knorpel.

Wenn er auf den speckigen Bettlaken auf dem Rücken lag, spürte er, wie dieser Dreck die Tausende von Systemen seines Körpers verstopfte.

Er drehte sich auf die Seite und betrachtete durch das einzige, vorhangfreie Fenster die Stadt um drei Uhr morgens. Es zeigte keine Wirkung. In dem kalten, spartanischen Zimmer spürte er trotz allem, wie sein Körper alterte.

Seine Ohnmacht erfüllte ihn mit Wut. Tag für Tag zwang sie ihm ihren Ekelfraß auf und er konnte nichts dagegen tun. Aber er wollte es. Er wollte ihre gespreizten Beine festbinden, ihr einen Hammer in die Fotze rammen, hinaus auf die Straße gehen und nie wiederkommen. Aber er konnte es nicht.

In den langen Nächten, bevor er einschlief, kannte der Fernseher keine Gnade. Er zeigte ihm, wie die Welt aussah. Er zeigte ihm den ganzen Wahnsinn der Menschen da draußen. Natürlich war er schon selbst draußen gewesen und hatte es bei Spaziergängen in der Stadt mit eigenen Augen gesehen. Doch das ängstigte ihn so, dass er nie lang draußen blieb. Er war nicht wie die Leute auf der Straße. Sie lebten so perfekt. Sie wussten genau, was man machen musste, um glücklich zu sein, und machten es, ohne auch nur darüber nachzudenken. Und der Fernseher strahlte ihr Leben als Träume in seinen Kopf.

Auf dem kahlen Dielenfußboden lag Hund schlafend in einem eklig orangeroten Lichtfleck und streckte die gelähmten Beine steif von sich, wie die Griffe einer Schubkarre. Steven schloss die Augen. An Straßenrändern überall auf der Welt köchelten Natriumdampflampen die Nacht fort, in der Wohnung eine Etage höher lief die neue Mieterin hin und her und führte Selbstgespräche.

2

Morgens, wenn das Wasser heiß war, stand Steven gern stundenlang in der betonierten, schmucklosen Duschkabine. Eine Flucht, genau wie der Schlaf. Das fließende Wasser beruhigte ihn, warf eine Decke über seine Leere. Wie die paar Male, als er mit dem Bus fuhr – dabei tat man etwas, ohne etwas zu tun, man bewegte sich, und die Bewegung absorbierte einen. Die Stimmen im Kopf verstummten und man konnte sich vorstellen, dass man alles hatte, was man im Fernsehen sah, zum Beispiel Liebe, eine Ranch im Wald, mit einem Pferd, einem nagelneuen Jeep, ein Kind und eine Frau, die einen liebte und einem, wenn man nach Hause kam, so zärtlich über die Wange strich, dass man wusste, sie lebte nur für einen selbst, und wenn man durch den Wald ging, oder die Stadt, tat sich stets ein Weg auf und man wusste genau, welche Richtung man einschlagen musste, nichts kam je herausgesprungen, hielt einen auf oder schnitt einen vom Leben ab, weil man mittendrin war, ein Teil von allem, und man musste nichts missen. Und wenn man in den Fernseher sah, blickte man in einen Spiegel.

Doch wenn Steven herauskam und sich mit einem alten Lappen abtrocknete, wenn er mit den Füßen auf die verdreckten Fliesen vor der Toilette trat, hatte sich nichts je verändert.

Gargantua. Das Muttertier. Die lieblose Hurenfotze stand über dem Gasherd mit seinen zwei Flammen und rührte ranziges Schweinefleisch in einer Pfanne um. Die Küche roch nach Gas, Öl und dem Gestank toter Fische zwischen ihren Beinen.

Steven setzte sich an den kleinen, wackeligen Tisch und beobachtete Hund, der sich auf dem klebrigen Linoleum zum Hundeklo schleppte. Bei jedem hopsenden Schritt der Vorderpfoten rutschte das nutzlose Hinterbein zur Seite, wie die gebrochene Schwanzflosse eines Fisches. Der Hund gehörte Steven, seit er ein Welpe gewesen war – neun Jahre – und er hatte einst hilflos und starr mit ansehen müssen, wie das Muttertier das Tier mit einem Backstein zum Krüppel schlug. Vollkommen grundlos.

An jenem Tag sah er als Teenager bestätigt, was er seit seiner Geburt schon vermutete – dass er nicht fähig war, das Leben zu manipulieren so wie andere. Im Gegensatz zu ihnen hatte er keinen Einfluss auf das Netz der Ereignisse um ihn herum, er konnte keine Veränderungen herbeiführen. Hund hatte nicht wütend oder schmerzverzerrt zu ihm aufgesehen, sondern verwirrt, als wollte er sagen: Wie kann Steven so etwas zulassen?

Damals war Hund noch jung und hatte noch nicht gelernt, wie ohnmächtig Steven im Angesicht des Muttertiers war.

Draußen, auf dem Flur, schiss das Tier eine dunkle Kackwurst auf eine Lage zerrissener Zeitungen. Guter Junge. Halb zerschmettert, und trotzdem wollte er noch um jeden Preis gefällig sein.

Das Muttertier brachte das Frühstück.

»Hier, Liebling. Das muss Mamas Goldjunge alles aufessen.«

Sie setzte sich ihm gegenüber und schaufelte Brocken nicht durchgegarten Fleisches auf seinen Teller. In dem Öl, das die Brocken überzog, befanden sich Flecken, die wie grüner Auswurf aussahen.

»Iss auf, iss auf. Von Mamas Essen, das sie einem gemacht hat, darf man nichts übrig lassen.«

Steven betrachtete das teigige Gesicht, die runzligen Fettwülste und die ölige Haut mit den schwarzen Mitessern, die im Lauf der Jahre gewachsen waren wie Jahresringe an einem Baum. An dem grauen Haar an ihren Wangen klebten Reste von tausend Mahlzeiten; sie hatte Rotz auf der Oberlippe. Er nahm allen Mut zusammen.

»Ich kann das nicht essen.«

Er stocherte mit der Gabel in dem Essen herum und schlug die Augen nieder. Er wollte ihr trotzen, ertrug aber ihren grässlichen Blick nicht. Das Muttertier seufzte, ihre Stimme wurde hart.

»Jeden Tag. Jeden Tag dieselbe Scheiße. Ich habe das Essen mit Liebe zubereitet, Steven, und will, dass du es aufisst.«

Sie ballte die Faust um den Löffel und schaufelte den Glibber in sich hinein. Ihre Bewegungen waren bedächtig und unerbittlich, als würde ein überdrehter Mechanismus unter dem schlaffen Fleisch ihres Körpers kreisen. Fett hing wie Teigtaschen von ihren Oberarmen; sie atmete beim Kauen schnaubend durch die Nase.

Steven holte tief Luft und hielt den Atem an, bis er dachte, er würde platzen. »Das ist Dreck«, stieß er dann hervor. »Es ist nicht mal richtig angebraten.«

Das Muttertier spuckte einen Mundvoll Fleisch aus und fing an zu kreischen.

»Dreck? Dreck? Du undankbarer kleiner Scheißer. Da draußen gibt es Leute, die würden für das Essen sterben.«

Steven klammerte sich am Tischbein fest und schubste die Worte wie kleine Boote in den Sturm ihres Gebrülls.

»Leute würden durch dieses Essen sterben.«

»Iss den verdammten Teller leer!«

Ihre Worte hallten von den schmutzigen Kachelwänden wider. In diesem engen Raum außerhalb der Welt ließ ihre Wut die ganze Stadt verstummen. Sie richtete sich auf, wartete, forderte ihn heraus, sich ihr zu widersetzen, gab ein kehliges Knurren von sich und knirschte mit den Zähnen.

Steven hatte nicht die Kraft, weiter Widerstand zu leisten. In seiner Angst vor dem Monstrum am Tisch zerfiel das bisschen Widerstand, mit dem er den Tag verwandeln wollte, zu Staub. Er spießte ein Stück Fleisch mit der Gabel auf. Ihm drehte sich der Magen um, aber wie bei jeder Mahlzeit stopfte er sich den Mund voll, kaute und schluckte. Und hörte nicht auf, bis der Teller leer war.

3

Im Bus zur Fleischfabrik fühlte er sich verhärmt und beschmutzt, als er die von Obst und Cornflakes wohlgenährten Gesichter der anderen Fahrgäste betrachtete. Er wollte die Hand ausstrecken und sie anfassen, um sich zu vergewissern, dass er zur selben Welt gehörte wie sie. Aber er wusste, dass das nicht stimmte und sie von ihm wegrücken würden, sollte er es versuchen, wie bei einem Spezialeffekt im Film.

Stattdessen beobachtete er sie nur. Sie waren so viel realer als er selbst; ihre klar umrissene Existenz ließ die Luft um sie herum erstrahlen. Er dagegen spürte, wie er durch das Sonnenlicht und die Bewegung des Busses unscharf wurde, als würde sein Umriss aus Sand oder feinem Pulver bestehen.

Auch Pärchen saßen gemeinsam auf den aufgeschlitzten Sitzen; sie wiesen von allen die dichteste Färbung auf. Ihr Dasein, ihre Vollständigkeit hob sie für Steven so klar und deutlich von dem Hintergrund aus Sicherheitsglas und gepresstem Stahl ab, dass er spürte, wie die Liebe zwischen ihnen floss. Sie gehörten zu denen, deren Leben im Fernsehen gezeigt wurde. Sie kannten die Geheimnisse des Spiels, das sie spielten, und dachten niemals daran, dass sie verlieren könnten.

Sie waren Götter aus einer anderen, goldenen Welt. Sie hatten Arme, Beine, ihre Gesichter drückten ihre Empfindungen aus wie seines, sie alterten sogar. Und doch waren sie anders als er. Die Luft, die sie atmeten, war nicht seine Luft, und das Licht, das auf sie schien, kam von einer wärmeren Quelle als seiner Sonne. Er verzehrte sich vor Sehnsucht, sie nachzuahmen, Anteil zu haben an der Massennormalität, die wie Kathodenwellen über die toten Nächte seiner Einsamkeit rollte.

Der Bus war fast menschenleer, als Steven endlich ausstieg und in den Gestank von Tod am Stadtrand trat.

4

Die Fleischfabrik lag geduckt, kauernd und zusammengekrümmt wie ein Tier mit Bauchschuss in der gitterförmigen Wüste eines Industriegebietes. Rauch und Dampf stiegen aus Schloten an der Seite empor; in den Wasserpfützen der rissigen Betonschürze sammelte sich ein dünner Film aus Öl und kondensierter Kuhangst, der den gelbsüchtigen Himmel auf sich selbst zurückspiegelte.

Auffällige Lastwagen trafen in endloser Folge ein. Sie hielten vor den Viehpferchen, spuckten Scheiße und schwarze Abgase aus und entluden ihre Kühe, die furzten, muhten, zappelten und sich überlegten, ob Mama jemals etwas von so einem Ort gesagt hatte. Viel Zeit für solche Fragen blieb ihnen natürlich nicht; ein ständiges Kommen und Gehen herrschte in den Pferchen, die durch einen Durchlass in der Wand vier Tiere pro Minute in die Fabrik ergossen.

Im Büro gaben sie ihm einen weißen Kittel nebst Mütze und beigefarbene Gummistiefel, die wie gegerbte Gedärme aussahen. Es war sein erster Tag, da musste er angemessen gekleidet sein.

Es herrschte ein gewaltiger Lärm und Leute sprachen ihn an, aber er antwortete nur, wenn es sich nicht vermeiden ließ. Er schwebte losgelöst durch ihre Welt und war nicht sicher, welche Bedeutung ihm darin zukam; hätte er sich so weit geöffnet und Gespräche zugelassen, dann hätte er damit nur gezeigt, wie verschieden er von ihnen war.

Cripps führte ihn durch Büroflure, wo die Atmosphäre schuldbewusst ihr Wissen um das Töten atmete, das weiter hinten stattfand, und als sie tiefer in das Werk vordrangen, weiter weg vom Verwaltungsbereich, spürte man die Veränderung – die Temperatur fiel, das Licht wurde trüber, das Personal weniger und diese wenigen machten einen gequälten und hohläugigen Eindruck.

»Memmen.«

Cripps spie auf den Teppichboden.

»Die ganze Scheißbande. Die unterschreiben Dokumente und schieben sie hin und her, und dabei stirbt jede Minute eine Tonne Fleisch. Aber keine dieser syphiliskranken Arschgeigen hat je den Schwanz in einer Kuh gehabt. Die wissen nicht, was es heißt, eine ganze Achtstundenschicht lang zu töten und weiter zu töten, bis einem der Tod eines Tieres von etwas singt, das größer ist als man selbst.«

Steven folgte dem Vorarbeiter, hörte ihm aber nicht richtig zu, sondern sog die Einzelheiten der Kulisse in sich auf, um sie später mit denen im Fernsehen zu vergleichen – Edelsteine wahrhaftiger Erfahrungen, die er mit nach Hause nehmen und im Geiste betrachten konnte.

Sie kamen zu einer rostigen Eisenwand, die zehn Meter hoch bis zur Decke und den fernen Ecken des Gebäudes reichte. Cripps hielt eine Tür auf; das weiße Licht, das hereinströmte, blendete Steven und verlieh den Männern auf der anderen Seite das Aussehen von Engeln in einem Film über den Himmel.

»Das hier ist das einzig Wahre.«

Cripps stieß ihn ins Licht.

Steven stand blinzelnd vor einer Fertigungsstraße, die gekrümmt um drei Seiten einer riesigen Halle reichte. Kadaver, die durch ein mit Plastikstreifen verhülltes Quadrat an einem Ende in die Halle befördert wurden, hingen an Haken von einem Transportband. Feuchte Scheiße lief an ihren Flanken hinab, aus ihren Nasen tropfte Blut in Abflussrinnen aus poliertem Edelstahl unter dem Band. Fabrikarbeiter in blutverschmierten weißen Kitteln bevölkerten verschiedene Stationen entlang der Fertigungsstraße, spülten die schweren, toten Kühe ab, schlitzten sie mit kleinen, kreisrunden Sägen auf, kratzten die Eingeweide heraus, häuteten, hackten, beinten aus, verstümmelten und verwandelten die bislang fest verwachsenen Tiere in Brocken losen Fleisches. Der schrille Gesang elektrischer Messer, die Haut und Fleisch zerteilten, schnitt Löcher in das tiefere Summen der Knochensägen und das rhythmische Knirschen einer hydraulischen Schädelpresse. Cripps, der Steven eine Hand auf die Schulter legte, musste schreien.

»Das da drüben, das ist der beste Teil, Junge. Der Schlachtraum.« Er zeigte zu dem Vorhang aus Plastikstreifen, wo die letzte Reise der toten Kühe ihren Anfang nahm. »Aber wir setzen dich zuerst am Fleischwolf ein.«

Die Fabrikarbeiter beachteten Steven gar nicht, während er Cripps folgte, aber er betrachtete sie genau und stellte sich das Leben vor, das sie führen mussten, wenn sie nach Hause zu ihren bildschönen Frauen und Kindern gingen.

»Das ist das Ende.«

Sie blieben vor dem Edelstahltrichter einer Maschine stehen. Cripps nahm ein Stück Fleisch, das die Größe eines Kleinkindes hatte, von der Arbeitsfläche, in die das Förderband mündete, und schob es hinein. Fleischfetzen spritzten heraus, aber der größte Teil quoll – zu einem Brei aus Blut und Gewebe zermalmt – am anderen Ende raus und fiel in einen Behälter mit Rädern. Cripps nahm eine Handvoll hoch und rieb den Brei zwischen den Fingern, während er den Unterleib an Stevens Hüfte drückte.

»Sieh dir das an, Junge. Wir haben nicht nur getötet, wir haben ausgelöscht.«

Er roch an den Fingern.

»Glaubst du, dass das, was sie lebendig gemacht hat, jetzt glücklich auf den Weiden des Jenseits grast? Glaubst du an so was? Vergiss es. Fleisch hat kein Gehirn. Es arbeitet einfach, bis es stirbt oder jemand es aufschlitzt.«

Cripps sah verträumt durch die Halle und betrachtete die Prozession zunehmend zerstückelten Viehs.

»Schieb das Zeug einfach so schnell rein, wie du kannst.«

Er tätschelte Stevens Nacken, dann schlenderte er Richtung Schlachtraum davon. Steven schaute ihm nach.

Nach einer Weile brannte der Fleischsaft an Stevens Händen, aber sonst bekümmerte ihn wenig. Seine Schultern schmerzten etwas von der Anstrengung, das Fleisch zu schieben, aber die Bewegungen waren rhythmisch und einfach und lullten ihn mit ihrer Hirnlosigkeit ein. Er träumte, dass er arbeitete, um eine bildschöne Frau und einen kleinen Sohn zu ernähren. Sie warteten zu Hause auf ihn, mit zwei Autos, in einer ruhigen Gegend, wo alle Häuser große Vorgärten hatten. Sie waren auf ihn angewiesen; die Frau fragte sich, wie es ihm bei der Arbeit ergehen mochte, und erzählte dem Sohn, wie sehr sie seinen Vater liebte, während die Gewissheit, dass sich daran niemals etwas ändern, dass kein anderer Mann ihr jemals etwas bedeuten und sie für immer und ewig nur Steven lieben würde, sie mit einem inneren Leuchten erfüllte. Und sie hatte auch einen schönen Körper, und Haut wie alle Frauen im warmen Licht der Filmscheinwerfer – leicht gebräunt und glatt wie Seide.

Um ein Uhr durfte er Pause machen und schlenderte an der Verarbeitungsanlage entlang. Nachdem die Kühe gehäutet und ausgeweidet waren, wurden sie geköpft, die Köpfe zur Schädelpresse befördert. Gummy bediente diese Maschine wie seine ganz persönliche Waffe, als würde die Stahlramme, die auf die blutenden Köpfe heruntersauste, die Schädelhöhle zertrümmerte und das Gehirn in einer heftigen Gischt klarer Flüssigkeit freilegte, allein seiner Befriedigung dienen. Jedes Mal, wenn er sie auslöste, stöhnte er und drückte die Knie zusammen.

Steven sah dem Mann in den Schritt und rechnete fast damit, dass er eine Erektion sehen würde.

»Glotzte mein’ Mund an?«

Die Worte kamen wie Sabber über Gummys Kinn. Steven betrachtete seinen Mund – keine Zähne, Lippen weggerissen, die linke Gesichtshälfte eine offene, scharlachrote, spuckenässende Narbe, durch die man das Zahnfleisch sah.

»Du glotzt mein’ Mund an, du kleiner Drecksack? Das macht jeder neue Pisser. Wie ich sehe, bist du da nich’ anders. Du würdest bestimmt alles geben, um zu hören, wie das passiert ist, was?«

Gummy kickte den nächsten Kopf an Ort und Stelle und traf ihn genau in der Mitte. Etwas von dem Zeug, das herausspritzte, blieb an Stevens Kittel kleben. Er überlegte, ob er einfach weggehen sollte, aber wohin?

»Man muss diese Kühe im Auge behalten, das kann ich dir sagen, du kleiner Arsch. Ich hatte die Hand an der weichen Stelle hinter den Ohren, wo sie’s am liebsten haben … Gott, die Haut dort ist wie Seide … und die Lippen direkt an denen von dem Rindvieh. Ich konnte die Barthaare spüren, und das Samtige unter diesen Haaren, das dunkel war und nach Heu roch. Also mach ich wie immer den Mund auf und schmecke die Kuh. Ich hab gespürt, wie sie mir die Zunge innen Mund gesteckt hat, und hab dagegengedrückt – oben sind die echt rau, aber so was Weiches wie die Unterseite hast du noch nie erlebt. Egal, ich hab das klebrige Zeug abgeleckt, das sie an den Zähnen haben, als das irre Mistvieh mir in den Mund gebissen und den Kopf geschüttelt hat. Die mussten mich mit ’ner Brechstange befreien und das Vieh dabei kaltmachen. Da war’n meine Zähne schon futsch und meine Lippen so zerfetzt, dass sie die nie wiedergefunden haben. Gefällt dir das, du kleiner Arsch? Du hältst das garantiert für ’ne echt tolle Geschichte, was, du kleiner Wichser? Du solltest besser immer dran denken. Kühe schmecken himmlisch, aber man kann ihnen nicht über’n Weg trauen.«

Gummy nahm sich den nächsten Kopf vor und Steven ging zurück zum Fleischwolf.

5

Vor dem Gebäude, in der Dunkelheit. Natriumdampflampen sogen die Farbe aus den schwarzen Mauern der Ruine; Steven fiel es schwer, sich auf die bröckelnden Ebenen zu konzentrieren. Alles war entweder zu grell oder zu schwarz, der Ockerschein der Straßenlaternen tat ihm in den Augen weh. Die ganze Anlage machte einen menschenleeren Eindruck, als wären alle, die einem Gebäude Persönlichkeit gaben, schon lange angewidert daraus geflohen. Das verfallende, viergeschossige viktorianische Haus, das verlassen auf einem Feld rülpsender, furzender, kotzender Fabriken stand, wurde gemieden und war darüber autistisch geworden.

Steven blieb auf der Treppe stehen, sah den abendlichen Lastwagen nach, die Abfall auf den einsamen Bürgersteigen aufwirbelten, und fragte sich, wohin sie fuhren.

Als er auf dem Treppenabsatz im vierten Stock im Halbdunkel vor der Wohnungstür stand und sich gegen das Muttertier wappnete, spürte er, wie sich die abweisende Luft regte. Dunkelheit kreiste auf der Treppe, teilte sich, und dann kam sie mit Zeitlupenschritten auf ihn zu. Lucy – schwarzes T-Shirt, schwarze Leggings, dunkles Haar, das wie in einem selbst entfachten Wind auseinanderwirbelte. Halb Inderin, halb Jüdin. Sie ließ den Blick über ihn schweifen wie eine Blinde, die mit den Fingern tastet; sie schien aber keine Angst vor einer möglichen Unterhaltung zu haben, sondern nach eventueller Feindseligkeit zu suchen. Steven blieb untätig stehen, als sie ein Stück zerquetschtes Fleisch aus seinen Haaren klaubte. Sie ließ es auf der Handfläche liegen und sah es an.

»Das mache ich bei der Arbeit. Es ist mein neuer Job.«

Sie hob den Kopf und sah ihn durchdringend an.

»Wenn du sie aufschneidest, kannst du dann reinsehen? Greifst du rein und siehst dich um?«

Steven trat von einem Fuß auf den anderen. »Wonach?«

»Sie leben, oder nicht? Sie leiden. Wie wir. Hast du das Gift in ihnen nicht gesehen? Schwarz und fest, wie es in den Eingeweiden festklebt? Oder unter der Leber, oder sonst wo?«

»Ich hab nur Eingeweide gesehen. Toxine sitzen sowieso in den Muskeln. Nicht als Klumpen zwischen den Organen.«

»Ich spreche nicht von Toxinen. Glaubst du, ich meine Zucker und Koffein und den ganzen Scheiß? Mann, allein das Leben tut einem das schon an. Das, und was deine Eltern mit dir machen, bevor du stark genug bist, sie daran zu hindern. Und selbst wenn du sie nicht hindern kannst, ist es zu spät. Die Saat ist da und sie geht auf und wächst und wächst, bis sie sämtliche Systeme in deinem Körper verstopft und dein Verstand im Arsch ist. Hast du so was nicht gesehen?«

Sie hörte sich verzweifelt an.

Ihre Hartnäckigkeit machte Steven nervös, aber sie war eine Frau, ein möglicher Quell der Liebe. Er wollte sie nicht enttäuschen, darum erfand er einfach etwas.

»Ich habe nicht so genau hingesehen. Aus nächster Nähe konnte ich nur das Herz sehen. Das wiegt drei Kilo, weißt du? Es schlug noch, als ich es gehalten habe, als wollte es etwas ansaugen. Aber am Ende blieb es stehen.«

Plötzlich sah Lucy müde aus.

»Unsere Herzen wiegen nur ein Kilo – nicht viel Platz für Liebe.«

Er sah ihr nach, wie sie die Treppe zum fünften Stock hinauf entschwebte, sah ihre braunen Finger auf dem Geländer und stellte sich vor, sie würden über seine Wange streichen.

In der Wohnung war es kalt. Das Tier mit seinem gierig angefressenen Fett spürte das natürlich nicht. Steven ging direkt ins Bad, weil er scheißen musste. Er spürte den enormen Druck in den Eingeweiden, der ihm die dicken Adern in den Lenden so zusammenpresste, dass seine Beine wehtaten. Winzige Fäkalteilchen passierten seine Darmwand, drangen schnurstracks in seine Gesichts- und Hirnzellen vor, ließen sie altern, altern, altern … und stahlen ihm die Zukunft.

Er schloss die Tür, ging in die Hocke, schnippte den Pimmel hinter den Rand der Klobrille, beugte sich vor und drückte. Einen Moment pisste er nur und spürte Widerstand, dann entspannte sich sein Schließmuskel und 40 Zentimeter graue Scheiße schossen aus seinem Arsch und hinterließen eine dicke Schmierschicht auf dem trockenen Porzellan über dem Wasser. Steven drehte sich um und betrachtete alles. Obwohl die Wurst groß war, sah ein Ende abgehackt und unebenmäßig aus, und da wusste er, dass er noch nicht fertig war. Das war er nie, sein Körper schaffte es niemals, das ganze Gift auf einen Rutsch auszuscheiden. Er fragte sich, ob Lucy das gemeint hatte.

Er verbrauchte eine Menge Zeitung, um sich abzuwischen.

6

In seinem Schlafzimmer. Hund schlurfte auf dem Boden daher und begrüßte ihn schnuppernd. Steven tätschelte ihn traurig. Ein Hund war ein Symbol, im Fernsehen und der Welt da draußen bedeutete er immer so vieles. Er stand für Spaziergänge auf sonnigen Wiesen, sorgloses Lachen, Arm in Arm mit einer leicht geschürzten Dame, die mit einem fröhlich glucksenden Kind Ball spielte. Aber Hund wusste kaum etwas von Sonnenlicht. Der arme Teufel von einem Hund hatte sein ganzes Leben in der Wohnung verbracht, ohne ihren Schatten auch nur einmal zu entkommen.

Draußen stapfte etwas Schweres durch den Flur – das Muttertier kam aus dem hinteren Teil der Wohnung und schleppte sich grunzend in die Küche wie ein Schwein, das sich durch einen Misthaufen wühlt. Er sah sie genau vor sich – Kopf nach vorn gesenkt, Nasenlöcher gebläht, Spucke zog sich von ihrem Kinn zu dem dreckigen Blumenmusterstoff über ihrer Brust. Und die Kehrseite – ein Fleck feuchten Menstruationsblutes klebte ihr Kleid an dem wogenden Arsch und den Rückseiten der Schenkel fest, hängende Schultern, bloße, fleckige Waden, so geschwollen wie alles an ihr. Die Aura ihres Hasses spürte er selbst durch die abblätternden Wände und die geschlossene Tür. Er fragte sich, ob sie den seinen spürte, der ebenso stark war.

Das war nie anders gewesen. Sie verabscheuten einander seit dem Augenblick, als sie ihn aus ihrer Fotze gedrückt hatte. In der zugemüllten Küche hatte sie ihn auf dem Tisch, an dem sie heute noch aßen, aus dem blutigen Schlamassel zwischen ihren Beinen gezogen und verflucht. Und er hatte ihr, da er spürte, dass es sein ganzes Leben lang noch schlimmer kommen würde, gleich in die Augen gepisst.

Steven verließ die Wohnung zum ersten Mal, als er fünf wurde. Da war ihm schon klar, dass er allein nicht überleben könnte, auch wenn sein zunehmend schweres Herz ihm sagte, dass er weglaufen sollte, so schnell ihn seine kleinen Beine trugen. Wenigstens vorläufig war das Muttertier der Garant für sein Überleben. Doch von dem Moment an, als sich ihm Möglichkeiten eröffneten, zählte sein Kinderhirn die Monate, bis er erwachsen werden und fliehen könnte. Fortan steckte in jedem Jahr, das verstrich, ein weiteres Jahr, das ihm Eigenständigkeit und Freiheit bringen würde.

Aber es kam ganz anders. Als sein 13., 14. und 15. Jahr verstrichen (und alle anderen), musste er feststellen, dass er irgendwie zu lange gewartet hatte, auch wenn sein Hass auf das Muttertier und sein beengtes, dröges Leben nie kleiner wurde. Die Furchtlosigkeit des Fünfjährigen war in einem Maß verkümmert, dass er sich längere Zeiträume außerhalb der vier Wände ihrer Wohnung gar nicht mehr vorstellen konnte. In den Jahren, in denen er erwachsen wurde, hatte das Muttertier ihm sämtliche prägenden Merkmale, die ihn möglicherweise selbstständig machen konnten, so sehr ausgesaugt, dass die Vorstellung, einfach aus der Wohnung auszuziehen, lächerlich wurde.

Steven blieb solange er konnte in seinem Zimmer, saß auf dem Bett und streichelte geistesabwesend Hund, während Fernsehbilder wie die Verheißungen von Huren in sein Zimmer flackerten. Aber letztendlich ertönte es doch, wie erwartet – dieses zweifach verstärkte Horrorfilmkreischen, mit dem sie die Zügel ihrer Alleinherrschaft straff zog.

»Steven!«

Er bekam eine Gänsehaut.

»Steven, Essen ist fertig!«

Wenn er noch länger wartete, würde sie ihn holen kommen, also ging er auf den Flur und schlurfte zur Küche. Hund kroch grunzend hinter ihm her.

Er merkte sofort, dass sich etwas verändert hatte, dass ihr Verhalten von der Norm abwich. Kleinigkeiten – wie sie dort stand und ihn ansah, wie sie ihre Fettwülste fast unmerklich anders ausrichtete, wie sogar der Blutfleck an der Rückseite ihres Kleides eine geringfügig andere Form hatte … tausend Hinweise, die den Beginn einer neuen Phase des Elends andeuteten. Steven ging misstrauisch zum Tisch und setzte sich, behielt sie aber genau im Auge.

»Du wolltest Mama doch nicht warten lassen, oder?«

»Ich war müde.«

»Na klar doch. Hier.«

Sie stellte etwas vor ihn. Steven sah es fassungslos an – ein Stück Schafsmagen, dessen dampfende Falten über den Tellerrand hingen. Sie hatte ihn nicht gereinigt; halb verdaute Gemüsereste überzogen noch fleckig die rüschengleichen Rillen der Innenseite. Er berührte ihn mit dem Finger.

Dem Muttertier, das schon kaute, entging die Bewegung nicht.

»Ich weiß, dass du das magst. Ich wollte was ganz Besonderes machen, damit du nach deinem ersten Arbeitstag etwas Leckeres kriegst. Na los, hau rein.«

Steven bewegte sich nicht; das Muttertier grinste ihn an.

»Hmmm. Butterzart. Beeil dich, lass es nicht kalt werden.«

»Nein.«

»Oh, mjam, mjam, mjam. Ich hab dir einen wahren Leckerbissen zubereitet. Iss, iss.«

Ihre Singsangstimme beunruhigte ihn, sie besaß einen tödlichen Unterton. Die Situation eskalierte.

»Ich sagte Nein. Ich esse das nicht.«

Das Tier legte langsam den Löffel weg.

»Und was genau stimmt damit nicht, du kleiner Schwanzlutscher?«

»Menschen essen so was nicht. Menschen schneiden nicht etwas aus einem Tier raus und legen es so auf den Teller. Es ist nicht sauber.«

Das Muttertier erstickte fast vor Lachen und prustete Rotz und Spucke über den Tisch.

»Oh, Menschen. Menschen. Sieh dir den Pisser an, ist jetzt ein richtiger Experte. Oooh, schon einen ganzen Tag da draußen. Da musst du ja alles wissen.«

Steven drückte die Gabel, bis ihm die Hand wehtat.

»Du bist ein verdammter Idiot, Steven. Glaubst du, nur weil du einen Tag da draußen verbracht hast, bist du wie die? Glaubst du, du bist heute stark geworden? Zeig mir, wie stark du bist, Pisser. Geh da raus und such dir eine andere Bleibe … du Schwachkopf. Ohne mich, ohne dieses Heim, das ich dir gebe – wie lange würdest du wohl überleben?«