Kung-Fu Mama - Petra Liebkind - E-Book

Kung-Fu Mama E-Book

Petra Liebkind

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Beschreibung

Ich bin Mama - und was sind deine Superkräfte? Die alleinerziehende Marlene bekommt regelmäßig Schnappatmung, wenn die humorlose Schreckschraube von Klassenlehrerin mal wieder ihren Erziehungsstil bemängelt: Ihr Sohn Stephan sei unpünktlich, unsportlich und esse zu viel ungesundes Zeug. Als ob ihr Leben zwischen durchgeknalltem Ex und chronisch überzogenem Konto nicht ohnehin schon chaotisch genug wäre. Dabei gibt es im Leben nun wirklich Wichtigeres als Ballaststoffe und musikalische Frühförderung! Ein echter Hauptgewinn ist da der Kung-Fu-Kurs, für den Marlene sich und Stephan anmeldet. Muskelkater und Herzklopfen inklusive.

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Veröffentlichungsjahr: 2021

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© Piper Verlag GmbH, München 2021

Lektorat: Heiko Arntz

Covergestaltung: FAVORITBUERO, München

Covermotiv: Martina Frank, München

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Inhalt

Cover & Impressum

Teil 1

Misere

Kapitel 1

Schule & schmale Lippen

Kapitel 2

Geldnot & verkohlte Kartoffeln

Kapitel 3

Klamotten & billiger Sekt

Kapitel 4

Panda & kurze Pyjamas

Kapitel 5

Katzenhaare & stilles Feuerwerk

Teil 1

Misere

Kapitel 1

Schule & schmale Lippen

Das Leben war kein Rummelplatz, eher ein Klassenzimmer, aus dem der Lehrer nie rausging. Jeder Fehler wurde gnadenlos notiert und geahndet, so viel hatte Marlene Stern in ihren sechsundzwanzig Jahren auf Erden mitbekommen. Ihre Mantelschöße flatterten im Gegenwind, der die Augen tränen ließ. Es war zwar bereits März, aber davon schien sich das Wetter nicht beeindrucken zu lassen. Mit zusammengebissenen Zähnen raffte sie ihre Secondhand-Trophäe aus dem Caritas-Shop vor der Brust und lief weiter. Nicht, dass man ihrem Wintermantel das Alter ansehen würde – das war schließlich ihre Stärke: Secondhand-Klamotten umschneidern und aufpeppen, bis man sie für Designerperlen hielt. Trotzdem, für eine solche Südpolexpedition war sie untenherum zu leicht angezogen. An ihrem Arbeitsplatz galt die Regel: besser schick als schön warm. Zum Glück hatte sie wenigstens eine Wollmütze übergezogen und machte sich nichts daraus, wie ihre Haare nachher aussahen. Die trug sie sowieso meist in einem praktischen Pferdeschwanz zusammengebunden – schon allein deswegen, um nicht ständig von älteren Damen mit Elizabeth Taylor verglichen zu werden. Dabei hatte sie mit der Diva nichts weiter gemein als das dunkle Haar und die hellblauen Augen. Keine fantastischen Kurven, keinen sexy Augenaufschlag. Nur dünne Beine und kein Geld.

Marlene hob den Blick, um die Entfernung zu ihrem Ziel abzuschätzen, und sah erleichtert Kinder aus dem Schulhaus drängen. Und da stand auch schon Elfriede Wurmser vor dem Schultor und strahlte im Kamelhaarmantel mit der schwächelnden Wintersonne um die Wette. Mit abnehmender Entfernung wurde sie größer und radioaktiver, während Marlenes Keuchen mittlerweile lauter als das vergnügte Quietschen der Kinder tönte. Mit ihrer Kondition stand es wirklich nicht zum Besten.

Lediglich einbeinige Asthmatiker kann ich noch abhängen, dachte sie resigniert und lief einen Takt flotter. Überdimensionale Schultaschen stoben kreuz und quer aus dem Gebäude, lebendige Angry Birds, die einander rempelten und als Ziel die wartenden Eltern anvisierten, fast als wollte die junge Brut ihre Erzeuger vom Trottoir katapultieren. So sah es jedenfalls aus der Entfernung aus. Tatsächlich wurde jedes einzelne Geschoss abgefangen, freudig umarmt, von der veganen Schultasche befreit und an der Hand abgeführt. O ja, Marlene hatte für ihren Sohn eine gute Schule ausgesucht und um seine Aufnahme gekämpft. Selbst diese »Tiger Mom« aus Amerika hätte das nicht besser hinbekommen! Schließlich war es nicht selbstverständlich, außerhalb des eigenen Wohnsprengels einen Schulplatz zu bekommen, noch dazu als Alleinerziehende. Im Kreis der wohlsituierten, ökologisch verantwortungsbewussten Eltern, die sich voller Elan für die optimale Entwicklung ihres Nachwuchses einsetzten, fühlte sich Marlene zwar wie eine Sardine unter Goldfischen, aber mit etwas schauspielerischem Talent gelang es ihr recht gut, die soziale Kluft zu kaschieren. Was für ein Pech, dass unter all den hoch motivierten Junglehrern ausgerechnet die einzige griesgrämige Lehrkraft der Schule die Klasse ihres Jungen übernommen hatte.

Frau Wurmser fing indes einen besonders forschen Rabauken ab, der ihr mit seinem Geigenkasten gefährlich nahe gekommen war. Ehe ihn sein französisches Au-pair-Mädchen in Empfang nehmen konnte, musste er sich eine Standpauke über das ordnungsgemäße Verlassen des Schulgeländes anhören. Die nachströmenden Angry Birds stauten sich, es kam zum Gerangel. Erst, als die Lehrerin den Jungen mit der Geige entließ, entspannte sich die Lage wieder.

Einen molligen Jungen an ihrer Seite ließ Frau Wurmser allerdings die ganze Zeit über nicht los. Die Finger in den Griff der – nicht veganen – Schultasche gekrallt, hielt sie den Kleinen mit dem dunklen Lockenkopf streng bei Fuß. Marlene bahnte sich einen Weg durch die Menge, direkt auf die Lehrerin zu. Damit war sie in deren Radarbereich getreten und wurde von ihren geisterblassen Augen erfasst.

»Ich dachte, Sie kommen nicht mehr.«

Marlene zuckte vor der Autorität in Frau Wurmsers Stimme zurück. Als hätte sie ihre Ausbildung in den Siebzigerjahren bei den US-Marines absolviert, stand die reife Dame in strammer Haltung vor ihr, die Hühnerbrust raus, die Hacken der Gesundheitsschuhe eng beisammen. Leider war Marlene nicht sonderlich groß und musste von ihrer Position aus in die höhlenartigen Nasenlöcher der Lehrerin blicken.

»Die U-Bahn hatte eine Betriebsstörung«, rechtfertigte sich Marlene atemlos.

Der Junge riss sich von der Lehrerin los und warf sich in die Arme seiner Mutter.

»Steffi, wo ist deine Mütze?«, fragte Marlene und strubbelte ihm zärtlich den Haarschopf.

»Mami, wir hatten heute Turnen, und ich bin die Leiter bis ganz nach oben geklettert!«

»Bravo!« Sie drückte ihm einen Kuss auf die Wange und blieb dabei fast an einer Zuckerschicht kleben. Himmel, wo bekam der Kleine ständig die Süßigkeiten her?

Frau Wurmsers Lippen waren schmaler als ein Strich. »Wir warten seit vier Minuten«, sagte sie und sah demonstrativ auf die Uhr. »Pünktlichkeit ist mir sehr wichtig.«

»Tut mir leid.« Marlene holte tief Luft. Vier Minuten – Herrgott noch mal! Die Frau stand nicht im Schneesturm, bedroht von einem Rudel Wölfen. »Ich musste von der Arbeit weg, das Geschäft war voll«, sagte Marlene mit möglichst ruhiger Stimme. »Es ist wirklich ein Jammer, wenn die Nachmittagsbetreuung der Schule ausfällt.«

»Schon gut.« Die Hände vor der Brust gefaltet, blickte Frau Wurmser streng über den Rand ihrer Brille. »Da wären zudem die neuen Turnschuhe ihres Sohnes. Die haben die falschen Sohlen. Im Turnsaal sind nur helle Gummisohlen erlaubt.«

»Oh.« Marlene bekam sofort ein mulmiges Gefühl. Nicht, weil sie Angst vor der Lehrerin hatte, sondern weil sie ein weiteres Paar Schuhe kaufen musste. Keine guten Nachrichten.

»Im Übrigen waren wir heute bei der Schulärztin. Ihr Sohn hat Übergewicht, Frau Stern, aber das sehen Sie ja selbst. In Steffis Schultasche sind Ernährungsratgeber und Broschüren zu dem Thema. Bitte nehmen Sie das Problem ernst. Wollen Sie daran schuld sein, wenn Ihr Kind Diabetes bekommt?«

Marlene schloss die Finger fester um Stephans Hand, der nun mit eingezogenen Lippen zu Boden sah. Am liebsten hätte sie ihm die Ohren zugehalten, um ihm die Erniedrigung zu ersparen. War es für den Kleinen nicht schlimm genug, von den anderen Kindern verspottet zu werden?

»Wir wissen das und …«, fing Marlene an, doch Frau Wurmsers Predigt war noch nicht vorbei.

»Außerdem hat er Senkfüße und ist kurzsichtig. Ich vermute einmal, dass Stephan die meiste Zeit mit Videospielen verbringt und kaum Bewegung hat. Und diese Haare! Das ist doch keine Frisur für einen Jungen.«

»Ich mag meine Haare«, warf Stephan mit hoher Stimme ein, wurde jedoch von den beiden Frauen ignoriert. »Bei meinem Papa sehen die genauso aus.«

»Das geht definitiv zu weit!«, platzte es aus Marlene heraus. Immer noch außer Atem vom Dauerlauf, nahm ihr die Empörung die Restluft.

Frau Wurmser hob beschwichtigend die Hand. »Frau Stern, ich bin doch auf Ihrer Seite«, begann sie mit veränderter Stimme. Ihre Brille rutschte am Nasenrücken tiefer, und der stechende Geruch von Kampferöl breitete sich aus. Marlene machte unwillkürlich einen Schritt zurück. »Eine alleinerziehende Mutter hat es natürlich schwer, da haben Sie mein volles Mitgefühl. Deswegen empfehle ich Ihnen dringend, Hilfe in Anspruch zu nehmen, ehe Ihnen die Probleme über den Kopf wachsen. Glauben Sie mir, das habe ich alles schon erlebt. Das Jugendamt könnte Ihnen …«

Die Blicke der umstehenden Mütter waren Nadelstiche auf Marlenes Haut. Sie sah Henriette Gruber, die Mutter vom dünnen Anton. Sie trug wie immer ihren Lodenjanker aus rein pflanzlich gefärbter Wolle von eigenhändig geschorenen Schafen, die vom Biobauernhof stammte, wie sie vor Kurzem am Elternabend erfahren durfte. Angewidert starrte die Öko-Mutti auf Marlenes Plastiktragetasche. Als sie Marlenes Blick bemerkte, nickte sie mit einem Verlegenheitslächeln auf den Lippen und wandte sich ab.

Daneben stand eine Großmutter im geschorenen Nerz, damit der Pelz wie Plüsch aussah. Auch sie hatte mit hochgezogener Augenbraue das Gespräch verfolgt. Jetzt, beim Wort Jugendamt, klappte ihr Mund auf, und sie musterte Marlene samt Stephan von Kopf bis Fuß, als wären sie beide einer Notunterkunft entsprungen. Unvermeidlich blieb ihr Blick an Marlenes Hals hängen. Rasch zog Marlene den Schal höher, um das chinesische Drachen-Tattoo zu verdecken. Das fein gezeichnete Symbol zog oft die Blicke auf sich, was ihr für gewöhnlich nichts ausmachte. Der Drache war in leuchtenden Farben gestochen und ein wahres Kunstwerk. Jedoch spürte sie deutlich, wenn die Blicke geringschätzig ausfielen, so wie die von Frau Wurmser und den braven Muttis dieser Schule. Marlene reichte es, sie musste hier weg.

»Das wird nicht nötig sein«, fiel sie der Lehrerin ins Wort und blickte herausfordernd in Frau Wurmsers Geisteraugen. »Ich kann sehr gut für meinen Sohn sorgen. Oder wollen Sie mir wegen falscher Turnschuhe das Jugendamt auf den Hals hetzen?«

Ihr Kampfgeist war endgültig aus dem Koma erwacht. Ehe die Lehrerin antworten konnte, bereitete Marlene bereits ihren Abgang vor. »Morgen hat Stephan die richtigen Schuhe dabei. Schönen Tag noch, Frau Wurmser.«

Damit nickte sie ihrem Gegenüber zu und auch noch gleich den anderen Zuhörerinnen.

Sie fühlte ihre Blicke im Nacken, während sie Stephan an der Hand mit sich zog. Ein Schritt nach dem anderen, nicht rennen, dachte sie und konzentrierte sich auf eine gerade noch würdevolle Geschwindigkeit.

»Was hat Frau Wurmser gegen meine Haare?«, fragte Stephan, als sie ein Stück entfernt waren.

»Deine Haare sind prima, Steffi, mach dir keine Gedanken. Frau Wurmser findet bloß, sie könnten mal wieder geschnitten werden. Weißt du, was? Wir spielen heute Abend Friseur, und ich schneide ein klein wenig ab, nur so viel, dass sie dir nicht mehr in die Augen fallen. Was meinst du?«

»Gut, und ich schneide dir vorne auch was ab, dann hast du Stirnfransen, genau wie ich.«

»Na, wenn das kein Spaß wird«, lachte Marlene und fasste sich sicherheitshalber an den noch vollständigen Pferdeschwanz unter der Wollmütze.

Kapitel 2

Geldnot & verkohlte Kartoffeln

Die Kartoffelpuffer brutzelten in der Pfanne, während Marlene ihren Kontoauszug am Küchentisch hypnotisierte. Das Minus vor den Zahlen am Ende der Kolonne wollte einfach nicht verschwinden. Dabei fehlte bei der Rechnung noch das zusätzliche Paar Schuhe. Das Extrageld für den Babysitter musste sie ebenfalls irgendwie auftreiben, denn die Nachmittagsbetreuung in der Schule ging längst nicht bis Ladenschluss, ganz zu schweigen von der Samstagsschicht.

»Mama, haben wir Eistee?« Stephan erschien in der Küchentür, die Hände hinter dem Rücken versteckt.

»Wasser ist gesünder«, erwiderte Marlene und kniff die Augen zusammen. »Was hast du da hinter dem Rücken? Den Nintendo? Ich habe gesagt, erst nach den Hausaufgaben.«

»Ich mag kein Wasser. Ich will Eistee.«

Marlene schnappte eines der Gläser von der olivgrünen Snowboard-Stellage über der Spüle und hielt es unter den Wasserhahn. Daneben, in der weiß getünchten Regalwand aus Gemüsekisten stand ihr Geschirr, so kunterbunt gemischt, dass es schon fast wie ein eigenständiges Service aussah. Die hübschen Einzelstücke fanden sich günstig bei Trödlern und auf dem Flohmarkt. Ihre Low-Budget-Küche hätte es trotz zweifelhafter Herkunft in jedes Wohnmagazin geschafft, weil alle Stücke von ihr mit viel Liebe ausgewählt und wenn nötig mit viel Fingerspitzengefühl ausgebessert worden waren. Die zwei Holzstühle waren mit dem hundertjährigen Brokatvorhang aus dem Fundus ihrer fast ebenso alten Nachbarin Frau Meiser aus dem ersten Stock überzogen, und sogar für Raffrollos am Fenster hatte der Stoff noch gereicht.

»Im Eistee ist tonnenweise Zucker. Den kaufe ich nicht mehr. Trink Wasser«, sagte Marlene und hielt ihrem Sohn das Glas entgegen.

»Du bist so gemein!« Stephans Gesicht mutierte zur Tomate. Noch ein Wort, und er würde platzen.

Marlene widerstand der Versuchung, klein beizugeben. »Gemein ist«, sagte sie mit ruhiger Stimme, »wenn ich dir den Nintendo für eine Woche wegnehme.«

Stephan schnappte nach Luft und machte zwei Schritte zurück.

»Den hat mir der Papa geschenkt, den darfst du mir nicht wegnehmen. Und vom Papa bekomme ich immer Eistee.« Er kniff die Augen zusammen, und die Unterlippe begann zu beben. »Papa ist viel cooler als du.«

Das war ja klar! Der tolle Papa kam alle paar Wochen auf einen Überraschungsbesuch vorbei und war beliebter als der Weihnachtsmann.

»Schatz, ich trage die Verantwortung für dich, nicht Charly. Und Frau Wurmser und die Schulärztin haben recht, du solltest Sport machen, anstatt Nintendo zu spielen, und du darfst nicht so viel Zucker essen.«

»Ich ziehe zu meinem Papa!«, heulte Stephan auf. »Bei dir bleibe ich nicht!« Damit rannte er davon. Der Knall der Kinderzimmertür ließ die Gläser im Küchenregal klirren.

Ein weiterer dumpfer Aufschlag – das klang nach den Büchern aus dem Regal. Marlenes Handy begann zu brummen und wanderte im Rhythmus der Vibrationen über den Küchentisch.

»Stern«, meldete sie sich, ehe das Ding über den Rand stürzte.

»Hier ist deine Mutter.«

Es stimmte einfach: Ein Unglück kam selten allein und am liebsten in Horden. Glücksmomente hingegen verteilte das Leben als kleine Zuckerl, ganz sporadisch – genug, damit man weitermachen wollte, zu wenig, um sich daran gewöhnen zu können. Diabetes bekommt man davon jedenfalls keinen, dachte Marlene und konzentrierte sich wieder auf das Gespräch.

»Ist jemand gestorben?«, fragte sie.

Aus dem Kinderzimmer drang lautes Scheppern.

»Nein. Wir möchten nur unseren Enkel kennenlernen, Mali.« Gerade eben hätte Marlene ihren Sohn liebend gern zum Mond geschickt, und zwar ohne Retourporto. Wie viel einfacher wäre ihr Leben, wenn sie ein normales Verhältnis zu ihren Eltern hätte. Großeltern waren unbezahlbar, ganz besonders für Alleinerziehende.

»Wo hast du meine Nummer her?«

»Von deiner Chefin. Brauchte bloß zu fragen.«

»Gibt es beim Datenschutz Ausnahmen für Eltern?« Marlene schnaubte. Ihren Kolleginnen würde sie morgen etwas erzählen.

»Wir wollen euch sehen.«

»Mein Vater auch?« Natürlich hatte sich Zynismus in ihre Stimme geschlichen. Es war verhext. Warum konnte sie ihren Eltern gegenüber nicht souverän auftreten? Innerlich tobte sie, und dabei fiel ihr die Ähnlichkeit zu den Szenen mit Stephan auf. Aber sie war kein Kind mehr, irgendwie sollte sie mit der Vergangenheit abschließen. Sie sah zum Fenster hinaus in den eisgrauen Himmel.

»Gerade er wünscht sich ein Treffen«, antwortete die Mutter und seufzte. »Es ist so lange her, seit wir uns gesehen haben. Du kannst uns nicht ewig unseren Enkel vorenthalten.«

»Doch, kann ich.«

»Marlene, sei vernünftig!«

Im Flur klapperte die Schranktür. Ein Rascheln verriet Marlene, dass Stephan ein Fach leerte. Vermutlich das mit den Taschen.

»Ich muss mich um Steffi kümmern. Ich rufe dich vielleicht später an.«

»Sag einfach zu«, insistierte ihre Mutter. »Bitte, Mali …«

Sie setzte zu neuen Beschwörungen an, aber Marlene hörte kaum hin, irgendetwas stimmte nicht. Sie schnupperte, und Brandgeruch stieg ihr in die Nase. Um Himmels willen, die Kartoffelpuffer!

Marlene wirbelte zum Herd herum.

»Ich melde mich«, rief sie und warf das Telefon beiseite. Über der Pfanne hatten sich Rauchschwaden gebildet. Hektisch zog sie die Pfanne von der Gasflamme. Dann hob sie mit dem Bratenwender eine der Scheiben hoch und besah sich den Schaden. Die Unterseite war pechschwarz, und im Öl schwammen Kartoffelkohlen. Beide Scheiben wanderten mit einem stillen Fluch in den Müll. Grimmig griff sie nach der Schüssel mit der Kartoffelmasse und formte neuerlich zwei Puffer. Kaum meldete sich ihre Mutter, ging alles schief!

Das Fett brutzelte an den Rändern der Scheiben, als das Klingeln an der Wohnungstür Marlene aufschreckte. Stephan öffnete die Tür, noch ehe Marlene es verbieten konnte.

»Hallo, Steffi«, hörte Marlene eine krächzende Stimme.

»Hallo?« Stephan erkannte den Besucher offenbar nicht. Marlene trat hinter ihren Sohn und schob ihn beiseite. Vor der Tür stand eine Frau in Daunenjacke, auf dem Kopf eine Mütze, den Schal bis zu den Augen hochgezogen.

»Komm nicht näher, ich war eben beim Arzt«, krächzte die vermummte Gestalt mit nasaler Stimme und begann zu husten.

»Anni, um Himmels willen, du bist krank!«

Das war eine Katastrophe! Nicht die Erkältung an sich – Anni war eine junge Frau und würde nicht daran sterben –, aber ihre Nachbarin war der einzige Babysitter, der auf Stephan aufpasste, ohne dass Marlene dafür ihr halbes Gehalt hinblättern musste.

»Grippe. Du brauchst Samstag einen anderen Babysitter.«

»O nein«, entfuhr es Marlene, und ihr wurde bewusst, wie herzlos das klang. Sofort bemühte sie sich um Mitgefühl, auch wenn ihre Gedanken bereits um das neue Problem kreisten. »Sag, wenn ich dir Hühnersuppe bringen soll oder sonst etwas.« Ihr Blick fiel auf Stephan, der in Jacke, Schuhen und Rucksack auf dem Rücken abreisebereit dastand.

»Ich brauche keinen Babysitter, Tante Anni«, mischte er sich ein. »Ich zieh sowieso zu meinem Papa. Der ist nämlich viel lieber als meine Mami.«

Marlene ließ die Schultern sacken. Gott, war sie müde. Zu Charly wollte er ziehen? Der Kerl hatte noch nicht mal eine eigene Wohnung! Annis Husten riss Marlene jäh aus ihren Gedanken.

»Danke, Mali-Schatz. Im Notfall melde ich mich«, näselte Anni und senkte ihren Blick auf Stephan. »Und du sei froh, dass deine Mami so viel Geduld mit dir hat. Tschüssi.« Damit schleppte sie sich zur gegenüberliegenden Wohnung und drückte die Tür auf. Unter dem Schal lugten feuerrote Haarsträhnen hervor. Marlene betrachtete den Rücken der Freundin und ging in Gedanken Optionen für die Kinderbetreuung am Samstag durch. Vielleicht würde Frau Meiser ausnahmsweise einspringen? Die hatte aber mit ihrer Arthritis zu tun. Leon Mutenga vom Dachgeschoss würde möglicherweise aushelfen. Dabei hatte sie allerdings stets Panik, Steffi könne sich an den Acrylfarben vergreifen, um sie über Leons neuestes Meisterwerk zu kleckern. Sie setzte ungern ihre Freundschaft mit den Mutengas aufs Spiel. Immerhin verdankte sie ihnen Steffis Schulplatz. Auch wenn Muriel Mutenga nur zwei Tage die Woche in der Schule arbeitete, hatte sie doch ein gutes Wort für Steffi einlegen können.

»Gute Besserung«, rief Marlene ihrer Freundin hinterher, schlug die Tür zu, drehte den Schlüssel im Schloss herum und zog ihn ab. Mit geschlossenen Augen lehnte sie sich dagegen. Würde sie nicht wundern, wenn sie heute Nacht wieder mal nicht einschlafen konnte. Sorgen kannten keine Nachtruhe.

Stephan stand mit vorgeschobener Unterlippe vor ihr und stemmte die Arme in die Seiten.

»Ich geh zu Papi.«

Was für ein Anblick! Wenn sich Marlene nicht im Organisationsnotstand befunden hätte, wäre ein Lachanfall sicher gewesen.

»Lass mich durch!«, schrie der kleine Giftzwerg vor ihr.

Marlene meinte, in seinem ernsten Gesicht Charly zu erkennen, und das machte es ihr möglich, hart durchzugreifen.

»In. Dein. Zimmer«, sagte sie. »Sofort!«

Etwas in ihrer Stimme schien Stephan zu signalisieren, dass ein schlimmes Donnerwetter unmittelbar bevorstand. Ohne ein weiteres Wort drehte er sich um und verschwand im Kinderzimmer.

In diesem Moment roch sie es.

»Die Kartoffelpuffer!«, quiekte Marlene auf und stürmte los. Um Stephan musste sie sich später kümmern.

Kapitel 3

Klamotten & billiger Sekt

»Ist Frau Marlene da?« Eine Kundin blickte sich suchend um, blieb an einem Hosenanzug-Ensemble hängen und steuerte direkt darauf zu.

»Marlene!«, rief die Filialleiterin die Galerie zum oberen Verkaufsraum hinauf und strich sich ihr dunkel gefärbtes Haar hinters Ohr. Lachfältchen verliehen ihrem Gesicht eine sonnige Ausstrahlung. »Kundschaft für dich!«

So zuckersüß rief Sanja nur, wenn es sich um finanzkräftige Klientel handelte, das hörte Marlene sofort heraus. Obwohl diese spindeldürre Frau, die hauptsächlich von Kaffee lebte, ihr ganzes Berufsleben im Textilverkauf zugebracht hatte, brannte sie nach wie vor für ihr Metier und sah in Marlene ihr jüngeres Selbst, zumindest hatte sie das Marlene bei der letzten Weihnachtsfeier gestanden. Was Marlene als Ehre empfand, denn sie kannte niemanden, der dieses harte Geschäft so souverän beherrschte wie ihre Chefin. Stets perfekt gestylt, freundlich und kompetent hatte sie jede Situation im Griff – von der gefälschten Kreditkarte bis zur Ladendiebin konnte sie nichts aus der Ruhe bringen. Die Firmenleitung versuchte verständlicherweise alles Mögliche, um die Pensionierung ihrer besten Filialleiterin hinauszuschieben, und war bislang damit erfolgreich geblieben.

Rasch legte Marlene die Kleiderhaken in den Karton zurück und richtete sich auf. Für einen Moment schwankte der Boden, und sie dachte mit Bedauern an die unberührte Toastscheibe in ihrer Küche, für die sie heute Morgen keine Zeit gehabt hatte.

»Komme!«, rief sie Sanja zu und schob sich ein Pfefferminz in den Mund. Sofort setzte im Mundraum die erwünschte Kühlung ein. Superfrischewelle auf Bestellung. Mit einem geschäftstüchtigen Lächeln eilte Marlene die Treppe hinunter und erkannte sogleich die Dame neben dem Portal.

»Frau Professor Ferles! Was kann ich für Sie tun?«

»Ah, meine liebe Mali, die Vernissage meiner Tochter steht an. Ich bin unsagbar stolz auf meine Kleine. Für diesen Abend brauche ich etwas Todschickes, schließlich soll sie sich nicht für ihre alte Mutter genieren.« Ein Lachen im obersten Koloraturbereich erklang. »So etwas, wie Sie tragen, das würde mir gefallen.«

»Sie wollen Ihrer Tochter in Himbeerrot die Schau stehlen?«, fragte Marlene und zwinkerte der Kundin zu. »Das Kleid habe ich selbst geschneidert, das kann ich Ihnen leider nicht anbieten.«

»Wie schade«, schmollte die Frau Professor, und Marlene wusste, jetzt waren konstruktive Vorschläge gefragt.

»Dieses Rot ist für Ihren Hauttyp viel zu kühl, das wirkt hart und macht älter. Sie bräuchten etwas mit einem Orangeton darin.« Marlenes Hand glitt suchend die Kleiderstange entlang. »Sehen Sie – das wäre perfekt.« Sie hob einen Kleiderbügel heraus, und sofort befühlte Professorin Ferles den orangeroten Stoff der Jacke.

»Das ist mir gar nicht aufgefallen – wunderbar!«

»Der Stoff gibt nach und sieht trotzdem wie Leder aus. Dazu gibt es eine Bluse, die denselben Farbton im Muster hat. Moment.« Marlene fand das angepriesene Teil in der richtigen Größe und hielt es an die Jacke. »Probieren Sie das gemeinsam mit dem Rock oder dieser Hose. Ich denke, das steht Ihnen sensationell.«

Professorin Ferles’ Gesicht erstrahlte, und Marlene fühlte eine Welle der Zufriedenheit durch ihren Körper strömen. Den Geschmack ihrer Stammkundinnen zu kennen war ihre Stärke, und das wiederum ersparte sowohl den Kundinnen als auch ihr selbst viel Zeit.

Marlene wandte sich zum Lehrmädchen um, das gerade im Schaufenster der Kleiderpuppe einen regenbogenfarbigen Schal um die Schultern drapierte. »Ilona, bring bitte der Frau Professor ein Glas Sekt.«

Eine Stunde später verließ die Kundin das Geschäft – beladen mit zwei Tragetaschen, dafür um siebzehnhundert Euro erleichtert. Lederjacke samt Hose, Stiefeletten, Gürtel, ein Rock und ein paar Shirts – die Kundin hatte fast alles gekauft, was Marlene vorgeschlagen hatte.

»Hier, den hast du dir verdient.« Sanja hielt ihr eine Sektflöte entgegen und lehnte sich dann gegen den Verkaufstisch.

»Der billige Sekt?«, fragte Marlene sicherheitshalber.

»Was glaubst du von mir?« Sanja wirkte fast beleidigt. Die Fältchen um ihre Oberlippe zogen sich jedenfalls dramatisch zusammen, was stets geschah, wenn sie ernst wurde. »Bei dem Umsatz verdienst du auf alle Fälle den besseren. Deinen Bonus für diesen Monat hast du dir jedenfalls gesichert.«

Marlene nahm das Glas entgegen. Noch ehe die nächste Kundin das Geschäft betreten konnte, kippte sie den Sekt die Kehle hinunter.

»Hast du heute eigentlich schon etwas gegessen?«, fragte Sanja, und Marlene schüttelte den Kopf. Der Sekt war keine gute Idee gewesen. Nicht auf nüchternen Magen. Sanja schien die Veränderung zu bemerken und zog die Brauen zusammen. »Im Hinterzimmer liegt ein Vollkorncroissant. Iss das.«

Manchmal hatte ihre Vorgesetzte etwas von einer Glucke, was Marlene heute ziemlich guttat.

»Ich hole es mir, sobald ich aufgeräumt habe.«

Sanjas Augen rotierten in den tief liegenden Höhlen. »Du könntest die Filialleitung bekommen, sobald ich in Pension gehe«, sagte Sanja und faltete dabei ein Tuch. »Wenn du Überstunden machen würdest …«

Marlene verzog das Gesicht. Dieses Thema kam in regelmäßigen Abständen und war der einzige Streitpunkt zwischen ihnen. »Mit dem Umsatz, den du bringst, und der abgeschlossenen Modeschule leckt sich die Geschäftsführung alle zehn Finger nach dir.«

»Was – die Mali war auf einer Modeschule?«, rief Ilona mit klimpernden Spinnenbeinwimpern von der Umkleidekabine herüber. Im Gegensatz zu ihren beiden Vorgesetzten besaß das Lehrmädchen üppige Rundungen und einen Kopf voller Flausen. »Geil.« Den Arm mit Kleidungsstücken behängt, zwängte sie sich durch die Schwingtür der Kabine.

»Mit dem Abschluss könnte sie auf die Universität«, klärte Sanja sie auf.

»Ich hatte sogar einen Vertrag mit einem japanischen Modelabel in der Tasche«, ergänzte Marlene. Ein eigenes Geschäft, eine eigene Modelinie, das war eine Zeit lang ihr Ziel gewesen. Tja, Träume sind leider meist Schäume.

»Du brauchst das Geld, Mali, auf deinen Ex kannst du dich nicht verlassen«, sagte Sanja.

Als hätte sie daran erinnert werden müssen! Seit letzter Woche gab es abwechselnd Nudeln mit Tomatensoße oder Kartoffeln mit Butter.

Marlene schüttelte den Kopf. »Eine Filialleiterin macht regelmäßig Überstunden, muss einspringen. Es ist jetzt schon schwer genug, Steffis Betreuung zu organisieren«, sagte sie. »Der Babysitter kostet mich Unsummen. Außerdem braucht mich Steffi. Der Schuleinstieg ist nicht einfach für ihn.«

Jetzt wäre die Gelegenheit, Sanja um einen Gefallen zu bitten – zu fragen, ob Steffi am Samstag im Hinterzimmer bleiben durfte. Sie sah ihrer Chefin in die Augen, wusste, dass sie es wider besseres Wissen erlauben – und hinterher bitter bereuen würde. Steffi im Hinterzimmer des Geschäfts? Früher oder später würde das Experiment in einer Katastrophe enden.

»Mach dir keine Sorgen, ich komme klar«, sagte Marlene so laut, dass sie es fast selbst glaubte. Bis jetzt jedenfalls hatte sich immer alles irgendwie zum Guten gefügt, und so musste es einfach bleiben.

Kapitel 4

Panda & kurze Pyjamas

Die Lautsprecher des altersschwachen Laptops waren mit den Bässen der Filmmusik heillos überfordert. Dafür war das riesige Bild umso beeindruckender, das der Beamer – eine Leihgabe von Anni – an die Wand warf. Es war wieder mal Kinderkinotag. Stephan und der dünne Anton hüpften im Takt der Musik auf dem Schlafsofa und feuerten die Helden an. Polster flog im hohen Bogen auf den Fußboden, die Decke hing über dem Matratzenrand.

»Pause!«, brüllte Marlene, was aber keinerlei Reaktion vonseiten ihres Sprösslings hervorrief, genauso wenig wie von ihrem Übernachtungsgast. Sie langte zum Laptop und schaltete den Film ab.

»Mama!«, kreischte Stephan. »Du bist gemein!«

»Zieht beide den Pyjama an und ab ins Bad. Zähneputzen!«

»Wir wollen noch eine Folge von Kung-Fu Panda sehen!«

»Pyjama!«

»Morgen ist erst um zehn Uhr Schule!«

»Los – geh.«

»Nein!«

»Sofort«, sagte Marlene gefährlich leise und gewann das Augengefecht mit ihrem Sohn. Stephan senkte den Blick und schob indigniert die Unterlippe vor.

Anton hatte das Duell mit eigentümlicher Spannung verfolgt, sah von einem zum anderen und verknotete seine Finger ineinander. So viel familiären Kampfgeist war er offensichtlich nicht gewohnt.

»Wenn ihr euch sofort den Pyjama anzieht, dürft ihr in meinem Bett liegen und noch eine Folge ansehen.«

Anton stieß einen Jubelschrei aus und sah erwartungsvoll zu Stephan.

»Okay«, willigte ihr Sohn ein.

Die beiden Freunde rannten los, die Kinderzimmertür donnerte gegen die Wand. Ein weiteres Donnern später tappten nackte Füße in zu kurzen Pyjamahosen über den Laminatboden zurück ins Wohn-Schrägstrich-Schlafzimmer. »Fertig.« Dabei nutzte Stephan den Überraschungseffekt und schaltete den Film wieder an.

Sofort sprangen Kung-Fu Panda und seine Freunde über die Wand, begleitet von ohrenbetäubender Musik.

»Was ist mit Zähneputzen?«, rief Marlene verblüfft aus.

»War nicht Teil des Deals«, kam es von ihrem Sohn zurück, und sein Freund kicherte in das Kissen.

Marlene sah ihren Sohn entgeistert an. Der Kleine hatte sie ausgetrickst. War das zu fassen? Er nutzte ihre Müdigkeit aus und zog sie skrupellos über den Tisch. Wahrscheinlich würde der freche Schlaumeier später Anwalt werden – oder gar Politiker.

Seelenruhig setzte sie sich zu den Kindern, nahm die Fernbedienung des Beamers und stellte ihn ab. Im plötzlichen Dämmerlicht des Raums sahen die Kinder sie resigniert an.

»Dürfen wir noch das Caramel-Popcorn aufessen?«, fragte Anton mit flehenden Augen und brachte Marlene zum Schmunzeln. Der Kleine war spindeldürr. Mama Gruber kochte ohne Fett, ohne Zucker und ohne alles, was gute Laune machte. Nicht umsonst bettelte Anton wöchentlich darum, bei Stephan übernachten zu dürfen. Und weil sie sich ein Leben ohne Schokolade und Caramel beim besten Willen nicht vorstellen wollte, willigte Marlene gern ein.

»Also, der Deal ist – ihr verputzt das Popcorn und dann ab ins Bad. Einverstanden?«

Jubel erklang, und Marlene trat den Rückzug an.

»Ich rufe einstweilen Charly an, seid ein wenig leise.« Marlene sah für einen Moment das Aufleuchten in Stephans Augen und verließ den Raum, während sie Charlys Kurzwahl ins Handy tippte.

Nach einer halben Ewigkeit meldete sich eine melodische Männerstimme, unverschämt heiter und selbstbewusst. Im Hintergrund spielte Livemusik, Leute lachten, und jemand grölte lauthals mit der Band mit.

»Kommst du am Samstag?«, sagte sie betont leicht und locker. Funktioniert, dachte sie, ich sollte mich mal am Burgtheater bewerben. »Steffi kann es kaum erwarten, dich zu sehen.«

Am anderen Ende schrie eine Frauenstimme obszöne Texte ins Mikro, die Band traktierte erbarmungslos Schlagzeug und Gitarren. Aber Charly hatte es offenbar die Sprache verschlagen. Verdammt, überlegte er sich eine Ausrede? In Marlenes Brust wurde alles zu Pudding. Wäre nicht das erste Mal, dass er absagte.

»Sorry, ich höre so schlecht. Ich ruf dich morgen an, okay?« Marlene keuchte vor Anspannung. Wenn er jetzt bloß nicht auflegt, fuhr ihr durch den Kopf. Es konnte Wochen dauern, bis Charly sich wieder meldete.

»Charly, dein Sohn will dich sehen. Du warst Weihnachten nicht da und zu Neujahr bloß auf eine Stunde. Enttäusche ihn nicht schon wieder!«

»Was hast du gesagt? Hallo, bist du noch dran?«

In Marlenes Augen brannte es. »Hör zu, Charly Rotter, du stehst am Samstag um zehn Uhr Vormittag auf der Matte, oder du siehst Stephan das nächste Mal auf seinem Abschlussball, wenn sie dich und deine blöde Band für ein Butterbrot engagiert haben. Verstanden?«

Für einige Sekunden klang noch Rockmusik aus dem Handy, dann brach die Verbindung ab.

Die Fingerspitzen an der Nasenwurzel ging Marlene im Flur auf und ab. Sie musste am Samstag arbeiten, das stand fest. Krankmelden war keine Option. Das war eine Notlösung, wenn Stephan das Bett hüten musste und der Pflegeurlaub aufgebraucht war. Aber das Bankkonto war heillos überzogen, also konnte sie keine professionelle Babysitterin bezahlen. Außer … Es gab eine allerletzte Möglichkeit.

»Zähne sind geputzt, Mami«, riss Stephan sie aus ihren Gedanken. Zwei glänzende Kindergebisse mit Lücken, dort, wo die neuen Schneidezähne nachwuchsen, strahlten zu ihr hoch.

»Gut, ihr zwei«, erwiderte Marlene und strubbelte die Haarschöpfe der Jungs, »ab ins Bett, ich sehe nachher noch nach euch.«

Nein, auch die allerletzte Möglichkeit war keine Option – niemals würde sie ihre Mutter um Geld bitten. Ihre Eltern durften von alldem nichts erfahren.

Kapitel 5

Katzenhaare & stilles Feuerwerk

»Ich weiß nicht. Trägt das nicht etwas auf?«

Die Kundin, deren eigene Klamotten mit Katzenhaaren übersät waren, stand vor dem Spiegel und betrachtete ihr Hinterteil.

Marlene unterdrückte den Drang, das Wasserglas vom Verkaufstisch zu nehmen und sich den Inhalt über den Kopf zu gießen. Oder der Kundin. Sie hatte keine Ahnung, was diese Frau im Spiegel sah. Das war ein ganz normaler Hintern Größe achtunddreißig! Außerdem hatte Marlene nach eineinhalb Stunden Probieren, Suchen und Katzenhaare Abzupfen das Gefühl, im Stehen einzuschlafen. Seit sieben langen Stunden betreute sie eine Kundin nach der anderen, oft zwei zugleich, und hatte in einer einzigen erzwungenen Pause einen winzigen Muffin verschlungen. Zum Trinken kam sie nicht, was gut war, sonst hätte sie Klopausen einlegen müssen.

Einen solchen Tag schaffte sie für gewöhnlich ohne Probleme. Doch diese eine Frau gab ihr den Rest.

»Gibt es vielleicht eine Strickjacke für darüber? Das würde meine Hüften kaschieren«, murmelte die Frau, die Marlene mittlerweile insgeheim »Catwoman« nannte.

Sie rang sich ein routiniertes Lächeln ab. »Da hätte ich etwas in Schwarz, Viskose-Strickware, wunderbar weich und fließend, das könnte Ihnen gefallen. Ist eben hereingekommen, noch nicht ausgepackt.«

Die Augen der Kundin leuchteten auf, als hätte Marlene ihr eine verbotene Kostbarkeit unter der Hand angeboten. Darauf standen viele Kundinnen. Hoffnung keimte auf, und Marlene eilte los, um das gute Stück zu holen.

Zurück im Verkaufslokal, hatte sich die Kundin bereits umgezogen. In Marlenes Kopf gingen die Alarmsirenen los. Was ein Umsatz von beinahe tausend Euro hätte werden können, verwandelte sich in die Pleite des Tages.

»Das ist die Jacke!« Es war ihre letzte Chance. »Fühlen Sie mal die Qualität.«

»Ich habe es mir anders überlegt«, entgegnete Catwoman. »Vielleicht komme ich am Samstag mit meinem Mann vorbei.«

»Verstehe.« Marlene versuchte, sich ihren Frust nicht anmerken zu lassen. »Hoffentlich ist am Samstag noch Ihre Größe da«, sagte sie leichthin und holte die Teile aus der Kabine. »Davon haben wir nur ganz wenige Stücke bekommen.«

»Tatsächlich?« Catwoman griff nach der Bluse, die Marlene auf dem Glastisch vor der Garderobe ausgebreitet hatte.

Marlene klopfte sich innerlich auf die Schulter. Die Verknappung der Ware erschafft erst das Bedürfnis nach ihr.

»Diese Bluse kann alles«, hakte Marlene nach. »Elegant und sportlich, je nachdem, welche Hose oder welchen Schmuck man dazu trägt.« Mit sicherem Griff zog Marlene eine Halskette vom Ständer hinter sich und drapierte sie auf dem Ausschnitt der Bluse. »Zusammen mit der Jacke und der Hose ein totaler Hingucker. Das ist dieses Frühjahr der Renner.«

»Aber dann muss ich die grünen Pumps dazunehmen, das ist mir zu viel …«, zierte sich Catwoman, hielt sich aber die Bluse vor die Brust.

»Bestimmt haben Sie schwarze Stiefeletten daheim«, beeilte sich Marlene hinzuzufügen. »Oder schwarze Pumps.«

Die Kundin nickte. Treffer.

»Sie machen es mir schwer.« Sichtlich hin- und hergerissen blickte sie in den Spiegel. »Kann ich die Sachen zurückgeben, wenn sie meinem Mann nicht gefallen?«

Marlene unterdrückte ein Grinsen.

»Selbstverständlich. Gegen eine Gutschrift können Sie alles zurückbringen.« Catwomans Augen leuchteten auf.

»Gut. Ich nehme die Hose, die Bluse und diese Jacke.«

»Was ist mit dem Gürtel?«, fragte Marlene, ganz neutral, damit sich die Kundin nicht unter Druck gesetzt fühlte. »Der würde schick aussehen über der Jacke.« Fragend blickte Marlene auf und sah im Gesicht ihres Gegenübers einen inneren Kampf toben.

»Ach, was soll’s«, kapitulierte Catwoman. »Wegen den neunundsiebzig Euro ist es auch schon egal. Und den Schal geben Sie auch dazu.«

Zufrieden brachte Marlene die ausgewählten Kleidungsstücke zur Kasse. Das waren über fünfhundert Euro Umsatz, und Sanja begann sofort mit dem Einscannen der Preisschilder.

»Ich danke Ihnen für Ihren Einkauf, viel Freude beim Vorführen«, sagte Marlene wenig später und überreichte die Tragetasche.

Da Ilona krankgemeldet war, wartete jetzt ein Stapel Kleidung darauf, wieder an die richtigen Stellen zurückgehängt oder zusammengelegt zu werden. In der Kabine fand Marlene außerdem zwei achtlos zusammengeknüllte Shirts, ein gebrauchtes Papiertaschentuch und eine Tageszeitung. Sie legte gerade die Shirts fein säuberlich zusammen, als Sanja erschien.

»Hätte ich nicht gedacht, dass sie die Sachen nimmt«, sagte sie und übernahm es, die Shirts zum richtigen Regal zu tragen.

»War knapp«, erwiderte Marlene mit einem Schulterzucken und folgte Sanja mit einem Armvoll Hosen. Sie wussten beide genau, wie rasch Kundinnen abspringen konnten. Die Preise waren hoch, vor allem, weil gleich nebenan Mega-Modeketten ähnliche Textilien deutlich günstiger anbieten konnten. Deren Ware war zwar nicht in Europa gefertigt und die Qualität der Stoffe miserabel, doch das sah man ihnen schließlich nicht auf den ersten Blick an. »Apropos knapp – wann kommt Nadja zurück? Jetzt, wo Ilona krank ist …«

Sanja sah sie mit großen Augen an. »Weißt du das nicht? Sie wurde gekündigt. Die mit Gehaltspfändungen sind immer die Ersten.« Sanja legte seufzend ihren Stapel Shirts ins Regal.

»So ein Mist«, murmelte Marlene und warf mit spitzen Fingern das Taschentuch in den Papierkorb. Die Zeitung sollte gerade denselben Weg gehen, als Sanja sie zurückhielt.

»Warte mal! Das ist die Gratiszeitung, oder?« Sie nahm ihr das Blatt aus der Hand und schlug es auf. »Ungefähr in der Mitte«, murmelte sie, »Karate oder so etwas.« Dann lachte sie triumphierend auf und hielt Marlene einen Artikel entgegen.

Sie sah das Foto einer Gruppe Kinder, die in orangefarbenen Trainingsuniformen mit lachenden Gesichtern für die Kamera posierten. »Kung-Fu-Wochen – Gratistraining« prangte in großen Lettern über dem Bild.

»Na, was sagst du?«

Marlene wusste nicht, was sie davon halten sollte. Das erste Training war wohl gratis, aber danach würde es bestimmt teuer werden.

»Ist das nicht zu anstrengend für ein Kind mit Übergewicht? Steffi mag nicht mal Fußballspielen.«

»Du hast erzählt, Steffi ist verrückt nach Kung-Fu Panda«, sagte Sanja, ihr Blick schweifte zu der mondänen Kundin, die eben eintrat, »sonst wäre mir der Artikel gar nicht aufgefallen.«

»Stimmt, aber ob er Kung-Fu trainieren will?«, dachte Marlene laut nach. Dabei bemerkte auch sie die Kundin und wollte sogleich zu ihr hinübergehen, als Sanja sie am Arm zurückhielt.

»Die übernehme ich. Mach in Ruhe Ordnung.«

Marlene riss die Seite aus der Zeitung heraus und warf den Rest in den Müll. Nachdenklich betrachtete sie das Foto. Sie versuchte, sich Stephan in der Gruppe vorzustellen. Ob Kampfsport das Richtige für ihn war? Steffi konnte bestimmt trotz Übergewicht mithalten, da war sie sich sicher. Nach ihrer Vermutung hatte er die überflüssigen Kilos der Abwesenheit seines Vaters zu verdanken. Das musste doch unweigerlich am Selbstvertrauen des Kleinen nagen, und was tröstete besser als Schokolade? Die Hänseleien der Kinder taten ihr Übriges. Marlene seufzte. Womöglich waren die Kinder in dieser Kung-Fu-Schule alles Rabauken und noch schlimmer als die Kinder in der Klasse. Das würde Steffi schrecklich wehtun, da er Kung-Fu geradezu vergötterte.

Marlene faltete den Zeitungsausschnitt zusammen und steckte ihn in die Hosentasche. Sie würde Steffi den Artikel zeigen, und dann konnte er selbst entscheiden, ob er beim Probetraining mitmachen wollte.

Ein Sonnenstrahl durchbrach das Himmelsgrau und fiel durch die Auslagen direkt vor Marlenes Füße. Der Staub in der Luft ringsum begann zu glitzern, ein stilles Feuerwerk aus Lichtreflexen loderte auf und zauberte ein Lächeln in Marlenes Gesicht. Sie hatte nicht die geringste Ahnung, welche Auswirkungen diese Entscheidung auf ihr Leben haben würde, aber in diesem Moment fühlte sie sich einfach nur grundlos glücklich.

Kapitel 6

Marx & rote Zahlen

Der Briefkasten war voller Werbeprospekte, und das, obwohl sie einen »Keine Werbung«-Aufkleber angebracht hatte. Stephan zappelte vor ihr auf und ab, sodass es in der Schultasche auf seinem Rücken wild rumpelte.

»Ich muss Lulu«, jammerte er und hielt sich den Schritt.

»Gleich, Steffi. Zwick zusammen.«

Marlene zog die wenigen Briefe aus dem Papierwust und warf die übrig gebliebenen Prospekte in den Papiercontainer, der heute im Treppenhaus stand und auf die Müllabfuhr wartete. Haushaltsversicherung, Hausverwaltung – und noch ein Brief … Das Logo versetzte Marlene einen Schlag gegen den Solarplexus. Die Bank.

»Mami, jetzt komm schon!«

»Lauf voraus, Steffi.«

Der Junge sauste davon, und Marlene steckte die Briefe in die Einkaufstasche. Eigentlich brauchte sie den Brief gar nicht zu öffnen. Die Kontozahlen kannte sie nur zu gut. Die waren nämlich nicht bloß rot geschrieben – mittlerweile blinkten sie neonfarben, sobald man den Kontostand abrief.

Im dritten Stock stand Stephan ungeduldig vor der Wohnungstür, hatte die Schultasche abgeworfen und die Schuhe abgestreift. Hastig steckte Marlene den Schlüssel ins Schloss.

»Ich halt es nicht mehr aus!«, schrie Stephan und quetschte sich durch den Spalt, sobald sich die Tür öffnete. Und dann war er auch schon im Klo verschwunden. Die Tür blieb offen und knarrte in den Angeln.

Marlene hörte es plätschern und brachte den Einkauf in die Küche. Hatte sie zuvor noch Hunger verspürt, fühlte sie jetzt einen Kloß im Hals. War es so weit? Drohte eine Gehaltspfändung? Wo konnte sie noch einsparen? Nicht weit von ihrer Wohnung gab es einen Sozialsupermarkt, um den sie bislang einen großen Bogen gemacht hatte. Das war die nächste Stufe nach unten. Sie wollte an der Normalität so lange festhalten, wie es ging, aber ihre Geldbörse war erschreckend leer. Ihren Stolz konnten sie und Steffi nicht essen. Mit einem Seufzen sank sie auf den Küchenstuhl und hielt den Brief auf Augenhöhe. Die Mühe, nach der Schere zu greifen, machte sie sich nicht. Stattdessen bohrte sie den Finger unter die Lasche und riss das Kuvert einfach auf.

»Sehr geehrte Frau Stern«, las sie laut. »Wir ersuchen Sie höflichst, einen Termin mit Ihrer Betreuerin Frau Marx …«

Das Schreiben forderte sie zur Umschuldung auf. Nicht nur eine Kreditbürgschaft lastete auf ihr, sondern auch das überzogene Konto. Es war wirklich höchste Zeit, sich um die Finanzen zu kümmern. Am besten, sie rief diese Frau Marx gleich an. Oder nach dem Essen. Oder nein, besser morgen Vormittag. Das war früh genug. Die Schulden würde sie so oder so nie abzahlen können mit einem schulpflichtigen Kind im Schlepptau. Kein Wunder, dass sie abends nie einschlafen konnte – Sorgen brauchten keine Erholung.

In diesem Moment läutete ihr Handy, und Marlene ging ran, ohne die Nummer identifizieren zu können.

»Spreche ich mit Frau Stern?«, meldete sich eine unbekannte Frauenstimme.

Marlene bejahte die Frage.

»Marx mein Name, ich bin Ihre Bankbetreuerin. Frau Stern, wann hätten Sie Zeit für einen Termin? Montag um elf Uhr hätte ich etwas frei.«

»Ich arbeite von zehn bis achtzehn Uhr und kann mir nicht freinehmen«, hielt Marlene dagegen.

»Dann kann ich Ihnen einen Termin am Mittwoch um neun Uhr anbieten – geht das besser?«

Was blieb Marlene anderes übrig, als zuzustimmen. Vielleicht war es das Beste, dem Problem direkt in die scheußliche Fratze zu blicken. Stephan tappte in die Küche, ohne Unterhose, die Socken hinterließen feuchte Abdrücke auf dem Boden.

»Ist alles nass geworden«, jammerte er.

»Ich komme Mittwoch um neun«, antwortete Marlene und nickte gleichzeitig Stephan zu. »Es wird bestimmt eine Lösung für mein Problem geben.«

»Schön, dass Sie so optimistisch sind«, erwiderte Frau Marx und klang dabei mehr als nur spöttisch – oder bildete sie sich das nur ein? »Schönes Wochenende, Frau Stern.«

Ende der Leseprobe