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Künstler*innen, Ausstellungen, Kulturorte, -szene und das "Drumherum" bieten Stoff für spannende Geschichten und literarische Auseinandersetzungen mit und über Künstler*innen, Protagonisten, Antagonisten, Visionen, Ängsten und Fragen. Anlässlich des im Sommer 2019 zum zweiten Mal stattfindenden Kunstfestivals GIENNALE in Gießen sammelte der Künstler und Autor Wolf D. Schreiber hierzu Texte von Autor*innen aus dem gesamten deutschsprachigen Raum, mit einem Schwerpunkt auf Kurzgeschichten.
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Seitenzahl: 237
Veröffentlichungsjahr: 2019
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Die Bezahlung zerrt an meiner Hand, wagt aber keinen Laut. Hunger macht das Kind gehorsam.
Keine Klebetütenschnüffler, keine Drogis. Nicht älter als zehn. Nur diese Anweisung. Um Geld geht es hier nicht – der Deal ist Blut gegen Tinte.
Das Gesicht des Jungen ist unter seiner Kapuze verborgen, aber ich bin sicher, dass er nicht weint. Der Schnee ist so weiß wie an gewöhnlicheren Orten, nur die Abgase der Industrieschornsteine hängen über der Stadt, erstickendes Grau, Schwefeldioxid. Kälte presst den Brustkorb zusammen, Klaustrophobie in einer Welt aus Frost. Vor uns ragen neobarocke Monster auf, ein Dutzend Stockwerke erbsengrüner Fassaden mit ihren Halbsäulen. Sie wirken unbewohnt, verlassen wie die Altstadt. Aber es gibt ein Ziel: Cherniy Sneg, Schwarzer Schnee – eher Titel als Künstlername. Er ist ein Tätowiermeister, sein Rezept geheim, doch wird geredet von verbrannten Menschenknochen, Nickel, Aluminium, Schlacke. Das Gift, das die Tundra in eine Totenlandschaft verwandelte. Keine Farbe außer Schwarz in seinen Nadeln. Kein Kunde darf die Motive bestimmen.
Sein Arbeitszimmer findet sich in einem Abbruchhaus. Zur Begrüßung streckt er mir eine Flasche entgegen – ohne Etikett, zu hoch gefüllt. Der Selbstgebrannte beißt auf der Zunge, schmeichelt dann mit ungewohnter Süße. Nach dem zweiten Schluck wird mir schwindelig.
»Erst das Vergnügen, dann die Arbeit!«, witzelt Cherniy und schiebt den Jungen ins Nebenzimmer. Ich schenke mir ein Wasserglas voll und trinke auf ex. Ich will nichts hören.
Das geblümte Wachstuch auf dem Tisch sieht aus, als sei jemand darauf seziert worden. Ich zeichne das Muster mit einem Finger nach. Draußen wirbelt Schnee vom Dach, ein Baum schüttelt seine Äste und verschwindet dann wie hinter einer Nebelwand. Als ich aufwache, meine ich, den Tag verschlafen zu haben. Herzschlag, Atmen dröhnt in meinen Ohren, der Weg zum Bad gleicht dem Vorantasten in einem Tunnel. Eine Hand abgestützt über dem Klo ziele ich nach Gefühl. Die Fliesen sind klebrig unter meinen Fingern, rote Schlieren, Tröpfchen. Neben mir wartet etwas in der Badewanne. Ich höre ein Zucken, Fleisch auf Emaille. Du bist ganz schmutzig, denke ich. Jemand müsste dich mal waschen. Ich schweige aus Angst, er könne antworten. Stehle mich rückwärts hinaus.
»Ich sehe, du hast noch was zum Desinfizieren übrig gelassen«, begrüßt mich Cherniy. Auf dem Tisch eine Plastikflasche mit Tusche und eine archaische Maschine aus Akkus und Kabeln, zusammengehalten von Gummibändern, Schichten getrockneter Tinte. Umständlich schäle ich mich aus den Klamotten. Die Wachsdecke unter mir riecht nach eingelegtem Matjes. Der Alte beklopft meinen Rücken wie ein Kotelett, prüft die Dicke meiner Haut zwischen den Fingern.
»Du hast mich belogen«, sagt er knapp. Die Hand kommt auf meiner Schulter zur Ruhe. »Das werden wir wegmachen.«
Ich finde keine Stimme, um einzuwenden, dass mein Tattoo winzig ist, kein Rivale für sein Meisterwerk. Doch er duldet kein fremdes Handwerk. Unbeschriebene Haut – die einzige Bedingung, die ich missachtet habe. Wodka steigt mir die Kehle hoch. Die Maschine surrt. Ihre Nadeln tauchen in die Haut, als würde ein glühender Nagel hindurchgezogen. Als sei das Gerät längst heiß gelaufen. Mein Atem stockt, die Sicht verschwimmt. Er arbeitet ohne Pause; wird nicht aufhören, bevor der Rücken bedeckt ist. Mein Fleisch ist fieberheiß, die Haut juckt. Was, wenn mein Körper die Tusche abstößt? Das Blut alle Pigmente herausschwemmt und nur toxische Metalle zurücklässt, so wie bei Schneeschmelze der Dreck eines ganzen Jahres an die Oberfläche spült?
Ich tauche aus einem nassen, klebrigen Albtraum auf. Die Maschine schweigt. Ich stemme mich hoch, das Wachstuch haftet am Bauch. Meine Uhr zeigt Viertel vor sechs. Irgendwann fährt ein Bus. Ich sammle verstreute Kleidung auf, die sich nur mit Mühe überstreifen lässt, Stoff kratzt über die Wunden. Nicht ins Bad ... gleich über die Treppe. Draußen sind fünfundvierzig Grad minus – ich stelle mir vor, wie nach und nach die Kleiderschichten am Körper festfrieren.
»Du hast vergessen, den Müll mitzunehmen.« Cherniy drückt mir einen verknoteten Plastiksack in die Hand. Innen glitscht etwas Schweres. Es wird einen Umweg durch die Ruinen der Altstadt geben. Ich darf den Bus nicht verpassen.
Loneliness is the cloak you weara deep shade of blue is always there
Der Mond. Der Mond war das wirklich Ungewöhnliche. Als bleicher Tagwächter tauchte er die doch eigentlich eher heitere Szenerie in ein grüblerisches Licht. Einige diffuse schwarze Striche, die aus der Rahmung hinauszuhuschen versuchten (kitschig, dachte Sarah, wie vom Flohmarkt, Deppenornamente, Blumen des Blöden - passend zum Rest, dieser Rahmen), hätten Rabenvögel darstellen können: ein weiterer Gruß der Nacht, wie schon der Mond, in ein Taggeschehen hinein. Aber, dachte Sarah, es waren wohl einfach noch mehr Kleckse eines großen Klecksers. Das war jetzt nicht ganz gerecht, denn im Grunde genommen war das Ganze diszipliniert gestaltet und gerade nicht dahingekleckst, und besagte Striche waren zunächst das einzige, das man als unkontrolliert, schlendrianhaft, von außen kommend hätte empfinden können. Also doch Rabenvögel? Das böse Wort vom Kleckser war Sarah ja auch nur in den Sinn gekommen, weil von der ganzen Machart her etwas Unzeitgemäßes aus dem Ding herausschwitzte, der völlig zu spät tätig gewordene Adept halt, versucht noch wie Böcklin zu malen, während um ihn herum schon Straßenbahnen fahren und Telefone klingeln (und dann auch noch zu feige, die Nacht zu malen, die er ursprünglich, das war ja jetzt wohl offensichtlich, hatte malen wollen).Nicht, dass Sarah kunsthistorisch sonderlich informiert gewesen wäre, sie selbst wäre nie auf die Idee gekommen, einen Kunstdruck an die Wand zu hängen, sie gab vor nicht zu wissen, was andere Menschen damit bezweckten; aber sie hatte ein feines Epochengespür und eine gute Nase für Prätentiosität, die in diesem Fall reichlich im Spiel gewesen war. Die Wohnung ihrer Freundin, die ähnlich gestrickt war wie Sarah (andernfalls hätte diese dem Wohnungstausch wohl kaum zugestimmt), umgab ansonsten die Anmutung eines Zengartens, wie so viele Behausungen der gutbezahlten und nervösen Arbeitsnomadinnen unserer Zeit; in der Tat ließ der Ikonoklasmus dieser Wohneinheit nur ein weiteres Bild zu: ein hastig an die Küchenwand gepinnter Ausdruck der Köpfe von Sarah und Kendra, die Opfer einer Gesichtertauschsoftware geworden waren.
Das inkriminierte Bild mit dem Mond, vor dem sich Sarah widerwillig immer häufiger wiederfand (einfach um es zu kritisieren, dachte sie zunächst), war also ein absoluter Fremdkörper, aus einer unbegreiflichen Gnade oder Nachlässigkeit heraus hängengelassen. Aber irgendwann sollte Sarah der seltsamen Gedanke heimsuchen, es hätte da schon immer gehangen, jenseits aller Vormieter, wäre der eigentliche Bewohner, und der Rest hätte sich erst drumherum konstituiert.
Was Kendra wohl darüber dachte? Ob sie es überhaupt wahrnahm, die oh so fokussierte Kendra? Sarah hatte es nicht Affäre nennen wollen, für sich nannte sie es gegenseitige Begutachtung (körperlich und in einigen anderen Zusammenhängen), was K. vermutlich abscheulich fände, aber Sarah brauchte einen nüchternen, gewissermaßen technischen Begriff, einerseits weil es ihr ein Gefühl von abgeklärter Gegenwärtigkeit gab, andererseits wollte sie sich nicht zu nah, von romantischem Vokabular umflattert, darauf einlassen; jedenfalls war Zeit für eine Pause, und es war Kendras Idee mit dem Wohnungstausch (ein halbes Jahr plus Kontaktsperre!), und Sarah hatte zugestimmt, gerade weil es absurd war. Vielleicht hatte K. aber doch etwas gespürt, diesen – Magnetismus, diesen irgendwie ungesunden Sog, und warf Sarah bewusst einer noch unbekannten Macht zum Fraß vor. Sarah fand diesen Gedanken erregend. Sie hatte Kendra fokussiert genannt, aber gleichzeitig war sie kaputt. Auf geheimnisvolle und hübsche Weise kaputt, ein bisschen wie Jennifer Jason Leigh. Sie ließ sich auf dem etwas zu weichen, bei der sanftesten Bewegung leicht schmatzende Geräusche absondernden Ledersofa nieder, das jetzt in idealem Blickabstand zu dem Gemälde aufgestellt war, und machte sich auf die Reise. Heute würde sie vom Mond aus starten. Der Mond.
Früher hatte sie bei jeder Gelegenheit auf dieser Bank gesessen, früher, als es noch keiner übermenschlichen Anstrengung bedurfte, die Wohnung zu verlassen. Vielleicht war es der Anblick einer ersten Hummel vom Küchenfenster aus, gepaart mit dem Geruch von Spargelurin (ihrem eigenen, Nigel hatte ihr grünen vom Markt in Notting Hill mitgebracht), der ihr die Kraft gab, sich in den Frühling aufzuraffen und die Tube zum Park zu nehmen. Von hier aus konnte man mitten in der Stadt die Stadt völlig ausblenden und in ein bald pastorales Ambiente eintauchen, Kopfweiden, Schilfrohr, Schwäne, die von Zeit zu Zeit bösartige Geräusche ausstießen (ihrem Sofa nicht unähnlich), das volle Programm. Einmal hatte sie eine Schildkröte beobachtet und versucht, ihr Zeitlupendasein in sich aufzunehmen, Stunden verbrachte sie damit; ein anderes Mal hielt ihr jemand eine ziemlich große, silbrig schimmernde Muschel entgegen, die er angeblich aus dem Teich gezogen hatte. Aber ihr absoluter Favorit waren die Teichhühner, die, einem unbekannten Muster folgend, das Teichufer entlang irrlichterten (im Wasser waren sie so gut wie nie zu sehen, und wenn doch, sah es wie ein Versehen aus), irgendwie ähnelten sie Geheimnisträgern, nonchalante, verwirrte Todesengel. Sarah kam eine Geschichte in den Sinn, worin es um eine Art Hexenwettbewerb ging, und ein Zauber (es wurden wirklich erstaunliche Dinge gezaubert) bestand darin, Entenküken untergehen zu lassen. Total krank.Krank sah auch der Typ aus, der sich jetzt der Bank näherte, ruckartige, koboldhafte Bewegungen, womöglich einem Bandscheibenleiden geschuldet, ein amateurhaft gefertigtes Batikshirt, Bermudashorts. Mein Gott, wehe, diese Kreatur spricht mich an. Aber Gott hatte ein Einsehen und ließ die Kreatur vorher abbiegen, und mit kosmischer Unbeholfenheit näherte sie sich dem Teichrand. Der Typ kniete nieder, als wollte er ein Gebet sprechen, und tunkte seinen hirnverbrannten Schädel in die entenkotgesättigte Flüssigkeit. Trank er etwa? Schnell steckte Sarah eine Salzmandel in den Mund (sie trug stets eine Tüte mit sich, etwas anderes bekam sie momentan kaum runter, na gut, der Spargel), damit ihr bei dem Gedanken nicht schlecht wurde. Oder war er Quasimodo als Narziß? Doch dann, nach längerer Beobachtung, begriff sie: Dies war eine Art Übergangsritual, von einem Element in das nächste, der Typ hatte sowas ähnliches wie ein Portal gefundenFür eine Sekunde schloss Sarah die Augen. Sofort erschien die vertraute unheimliche Landschaft, wie hatte sie sie bloß jemals heiter nennen können, und sie begann sich zu kräuseln wie der Teich, und warum nicht auch einfach mal den Kopf hineintunken? Ein auf unangenehme Weise süßlicher Geruch breitete sich aus. Als Sarah die Augen wieder öffnete, war der Priester verschwunden und die Wasseroberfläche völlig glatt, wie eine Leinwand, bereit für den nächsten aufsehenerregenden Wasservogelstart. Sarah würde nie wieder in ihren Park zurückkehren. Auf der Rückfahrt in der U-Bahn saß ihr ein Inder mit einem übergroßen, freundlichen Gesicht gegenüber. Er schaute sie an, als würde er sie kennen, nur als jemand anderen.
Vor ihrer Haustür auf dem Trottoir erwartete sie eine obszöne Zeichnung, mit blauer Pastellkreide ausgeführt; wobei, von den Dimensionen her war die Zeichnung eher für die Augen von Göttern als die von Menschen bestimmt, erst vom zweiten Stock aus erkannte Sarah, was es darstellte. Vielleicht mögen die Götter ja das Obszöne, falls sie es erkennen.
Man hätte nichts merken müssen, und die meisten merkten auch nichts. Sarah funktionierte, sie applaudierte irgendwelchen Filmchen in den sozialen Netzwerken und reichte sie brav weiter. Es war für sie nicht ungewöhnlich, sich mehrere Wochen nicht blicken zu lassen, und ihre Freunde waren feinfühlig genug, eine verlängerte Winterdepression zu respektieren. Einmal hatte sie Gareth auf eine kleine Party in Islington mitgenommen, und Sarah kam sich sogar einigermaßen geistreich vor, obwohl sie sich fühlte, als müsste sie jede Bemerkung aus einem hunderte Meter tiefen Brunnen hervorholen. Sie brauchte eine Woche, um sich davon zu erholen. Es hätte sie nicht weiter gewundert, ein angegammeltes Kaninchen in ihrer Handtasche vorzufinden. Aber Kaninchen können auch Wegweiser sein. Es gibt fraglos Situationen, in denen nur noch ein Tier weiterhelfen kann, darum ist ihnen in dieser Geschichte ein Platz zugewiesen worden.
Die Exkursionen in das, was sie früher arglos ein Gemälde genannt hatte, als Obsession zu bezeichnen, hätte noch zuviel Platz für eine Distanziertheit gelassen. Gerade betrachtete sie die, wie es schien, einzige menschliche Gestalt in der ganzen Veranstaltung: einen Sikh mit, wie auch anders, verschränkten Armen und kunstvoll gestaltetem Turban, der vor der Mauer, die das gesamte Bild durchzog, postiert war wie ein Türsteher; allerdings konnte Sarah beim besten Willen keine Tür erkennen, sie hatte es aus quasi allen Perspektiven ausprobiert. Fast war sie froh: der Gedanke an eine Tür in der Mauer wäre zuviel für sie gewesen, bei all der Permissivität, die auch ohne Tür schon zu Tage trat. Jedes Mal, wenn ihr Blick den des Sikh traf, wendete sie sich ab. Ein Fleck auf dem Mauerwerk, von Glyzinien umrahmt, den sie früher übersehen hatte und der auf den ersten Blick als abstrakte, der Gesamtkomposition geschuldete Farbsprengsel durchgehen konnte, stellte sich als psychedelisches Plakat heraus, mit menschlichen Köpfen und angeberisch verschwurbelten Schriftzügen, eine Werbung eventuell für ein Event jenseits der Mauer? Und der gestrenge Sikh würde tatsächlich den Eingang kontrollieren? Würde Sarah vor seinen Augen Gnade finden?
Irgendwann fiel Sarah auf, dass sie sich noch nie gefragt hatte, wer der Urheber war. Immerhin handelte es sich um ein Original eines zwar deutlich epigonenhaften, aber doch handwerklich und gestalterisch begabten Künstlers. An manchen Stellen quoll einem die Farbe förmlich entgegen. Auch der versierte Nigel, der an mittelgroßen Auktionen mitarbeitete und sich eine lustlose Expertise abgerungen hatte (er hatte es, strangely enough, ein »Seestück« genannt, Sarah hatte da nicht nachgehakt), wollte diesbezüglich nicht spekulieren. Rechts unten, wo man die Signatur vermuten durfte, war zunächst nichts zu sehen; eine genauere Untersuchung brachte ein paar krümelartige Zeichen hervor, gewissermaßen im Unterholz verborgen, irgendwas zwischen Runen und Termiten. Reine Kaffeesatzleserei, daraus Initialen zu basteln. EAP? HPL? GKC? HGW? RLS? Nein, es waren nur zwei Zeichen... Das erste, da war Sarah sich jetzt sicher, konnte nur ein K sein, das zweite... Moment... es wäre zu grotesk... Fast schien es, als wäre das Zeichen lebendig geworden und würde sich heimtückisch zu dem Buchstaben formen, den Sarah am wenigsten sehen wollte, nicht sehen wollte, einfach um einen fernen absurden Verdacht zu zerstreuen, der aber gewissermaßen durch den Akt des Zerstreuenwollens erst entstanden war. Kein S. Kein S. Kein S.
Aber das Seltsamste kam ja noch. So wie in der Kryptozoologie nach Jahrhunderten der Klassifizierungsarbeit immer noch wie aus dem Nichts neue Walarten entdeckt werden, hatte sie bei ihrem monatelangen Starren das Offensichtliche anscheinend übersehen. Über den Elefanten im Raum unterhält man sich ja auch nicht. Für Sarah war es zu groß. Es gibt Elefanten, die durch die Träume unserer Mütter trampeln. Unsere Mütter waren vielleicht noch stark genug, wir sind es nicht mehr.
Als man ihren leblosen Körper fand, hatte sie das Lächeln der Portalsseligkeit auf den Lippen und das Dunkel des Turmalin in ihren Augenhöhlen. Die Krähen waren inzwischen wieder zurückgeflogen. Der ältere Officer erzählte was von einer leicht defekten Gasleitung und schleichender Vergiftung und so, und der jüngere meinte, na gut, aber das hätte sie doch riechen müssen, und der ältere meinte, na gut, Pollensaison, Nase zu, was weiß denn ich, und der jüngere, aber die Augen, mein Gott, was ist denn mit den Augen, und der ältere, hast du überhaupt mitgekriegt, das ist nicht die Dame, die hier gemeldet ist. Das ist nicht Sarah Lowery. Laut mitgeführtem Bibliotheksausweis handelt es sich um eine gewisse Kendra Smith.
Der jüngere Officer kniete an Kendras Seite nieder, und sein Blick fiel auf eine Tüte angebrochene Salzmandeln, die ihr wohl aus der Hand gefallen waren. Ohne groß nachzudenken, hob er sie auf und wog sie in seiner Hand, als könnte ihr Gewicht irgendwas erklären.
Vladimir Nabokov, der Schmetterlingsliebhaber, hat wohl mal eine Art beschrieben, deren Strategie gegen ihre Fressfeinde der spontane Farbwechsel war. Auch nach dem Verschwinden der Feinde vollzog der Schmetterling diese Farbwechsel noch, aus »reiner Lust an der Transformation«, wie der zum Ästhetizismus neigende Russe notiert. Vielleicht war dieser Fall ja ähnlich gelagert. Aber wer waren Kendras Fressfeinde gewesen?
Höhlen-Kritzelei von Nobi Umsonst
Wir ziehen uns aus. Ich sehe deinen nackten Körper an. Die muskulösen Waden, die festen Pobacken, die Kurve deiner Wirbelsäule. Deine Füße sind sehnig und schlank, die ersten drei Zehen fast gleich lang.
Das mache ich immer so. Ich möchte nicht, dass mein Model sich unwohl fühlt, also ziehe ich mich auch aus. Ich mag es, wenn nach dem Malen die Farbe an meinen Unterarmen klebt, wenn ich noch Tage später dunkelgrüne Streifen an meinen Oberschenkeln und Leim vom Grundieren unter meinen Fingernägeln finde. Du siehst unentschlossen aus. »So ist es okay, ja. Du kannst noch das rechte Bein etwas anwinkeln.« Du verkrampfst dich. »Aber das muss nicht sein, stell dich ruhig hin, wie es für dich bequem ist. Warte, ich hole uns zwei Gläser Wasser.« Ich sehe noch aus dem Augenwinkel, wie du dich zum Fenster drehst und die Schultern kreisen lässt.
Als ich zurückkomme, hast du dich auf die Fensterbank gesetzt. Ich stelle eines der Gläser neben dich. Mir gefällt das Bild. Deine Füße sind überkreuzt, mit den Händen stützt du dich an der Kante der Fensterbank ab, du bist nach vorne gebeugt. Ohne ein Wort zu sagen, trete ich vor die Staffelei. Du gibst dich desinteressiert, lässt den Blick durch den Raum wandern. Ich setze den Pinsel an, skizziere deine Gestalt. Es dauert eine Weile, bis ich den richtigen Winkel für deine Arme gefunden habe, denn du hältst nicht still. Ich mische Ocker, Weiß und Rosa zu einem hellen Grundton zusammen, füge mehr Weiß hinzu, für die Stellen, an denen das Licht an der Silhouette durch dich hindurchzudringen scheint. Licht und Schatten, darauf kommt es an. Ich wähle einen warmen Orangeton für die Schatten unter deinem Haaransatz, am Hals und in den Armbeugen. Deinen Haaren verleihe ich einen kühleren Ton; ich kann sehen, dass sie einmal hellblond waren und mit der Zeit immer dunkler geworden sind.
Du gewöhnst dich nur langsam an die Situation. Nach einigen Minuten des wahllosen Herumschauens bleibt dein Blick an mir hängen. Ich spüre, wie du mich anstarrst, während ich dich male. So, als könntest du dir etwas von dem zurückholen, was ich mir von dir nehme. Du siehst fordernd aus, aber ich komme nicht dahinter, was du möchtest. Ich mische dunklere Hauttöne zusammen, für die Stellen, wo dein Bart dichter wächst, und für die im Schatten liegenden Unterschenkel. Deine Beine wirken schlank, aber stark. Ich kann mir vorstellen, dass du dreimal die Woche joggen gehst, vielleicht mit deinem Hund, vielleicht mit Musik.
Ich kann mich daran erinnern, wie ich Körper als Kind wahrgenommen habe. Sie schienen mir immer viel zu groß für die Menschen, denen sie gehörten. Wenn ich Kleidungsstücke meiner Eltern an der Wäscheleine sah, wirkten sie gigantisch. Ich passte mit meinem ganzen Körper in eines der Hosenbeine und drei Mal in ein weites T-Shirt. Mich ärgerte es, dass die großen Körper die Erwachsenen so ungelenk machten. Sie konnten nicht mit mir unters Bett krabbeln, nicht auf einem Bein um die Wette hüpfen. Mein Körper gefiel mir. Er war klein und flexibel, geeignet zum Verstecken und Kriechen und Klettern. Dann wurde auch mein Körper größer. Ich bekam schlaksige Arme und lange dünne Beine. Meine Bewegungen wurden plump. Die Knochen waren zu schwer geworden, um sie so mühelos tragen zu können wie vorher; die Muskeln kamen nur langsam hinterher.
Ich verlagere mein Gewicht von einem Bein aufs andere, wasche die Pinsel aus, mische den Farbton neu. Da ist auch Grau in deinen Augen. Dein Blick frisst sich in mich hinein. Ich frage mich, ob das nicht meine Aufgabe ist, dich anzuschauen und einzufangen. Ich male deine kurz geschnittenen Fingernägel, die fast so lang wie breit sind. Dann die zarten Ohrläppchen, die feine Narbe, die sich von der Nasenwurzel aus durch deine linke Augenbraue zieht. Das Muttermal auf deiner Wange, deine geschwungenen Lippen. Alles muss plastisch aussehen.
Mit der Zeit entspannen sich deine Gesichtszüge, das beruhigt mich. Die Schatten fallen jetzt anders, lassen deine Kieferknochen weniger kantig aussehen. Zum Schluss skizziere ich die unverputzte Wand, den weißen Vorhang, der nicht bis zum Boden reicht. Als ich fertig bin, wasche ich mir die Farbe von den Unterarmen und Fingern. »Darf ich schauen?« Deine Stimme klingt eingerostet, als du zum ersten Mal seit Stunden sprichst. »Natürlich.« Du räusperst dich und trittst vor die Staffelei. Während ich meine Hände abtrockne, sehe ich, wie du bedächtig nickst. Erst jetzt fällt mir das kleine Tattoo in deinem Nacken auf; es sind zwei Krabben, die sich mit den Zangen berühren.
»Ich habe mir gewünscht, dass es so aussehen würde.«
»Gut«, sage ich.
Ich reiche dir die Kleidung von dem Stuhl, auf dem du sie abgelegt hast. Ein graues T-Shirt, dunkle Unterwäsche und eine ausgewaschene Jeans. Wir ziehen uns an und verlassen den Raum. Die Leinwand lasse ich zurück.
»Moderne Stillleben« hieß die Ausstellung, zu deren Eröffnung ich eingeladen war – dank Johannes, einem guten Freund, den der Job als Museumswärter erst kurz zuvor von Hartz 4 befreit hatte. Ich kannte einen der Künstler, die für die Stillleben verantwortlich waren. Ein weiterer Grund, zur Ausstellungseröffnung zu gehen.
Bunte Variationen zum Thema erwarteten mich. Gleich die ersten Werke gefielen mir: ich ging zwischen Stapeln drei Meter hoher, überdimensionaler Porzellanteller, vorbei an in Plexiglas eingegossenen Basketbällen und Autoreifen auf Johannes zu und begrüßte ihn. Er fragte mich: »Hast Du schon gesehen, was Schmitz gemacht hat?« Das hatte ich noch nicht. Er geleitete mich einen Raum weiter. Dort stand Schmitz und erläuterte einigen Bewunderinnen sein Werk. Es bestand aus einem großen, spiralförmigen Glastisch, der mit Bergen von Obst und Gemüse bedeckt war. Wir gingen näher heran und sahen, dass es sich um echte Nahrungsmittel handelte: Auberginen, Zucchini, Äpfel, Orangen, Kartoffeln, Ingwer und vieles mehr. Dazwischen fand sich büschelweise Minze und andere Kräuter, so angeordnet, dass es so aussah, als ob sie hier wachsen würden. Überragt wurde alles von drei riesigen Kürbissen. Ein üppiger, Appetit anregender Berg. Sofort kombinierte ich in Gedanken das prächtige Aufgebot zu verschiedenen Gerichten. War das beabsichtigt? Schließlich ging es Schmitz immer darum, »Gedanken zu provozieren«, das war sein Credo, sein Mantra. Er wiederholte es so monoton, dass man den Eindruck erhielt, dass jemand bei ihm einmal andere, neue Gedanken provozieren sollte. Er war ein Nachbar meiner Eltern und ich kannte ihn schon lange etwa so gut, wie man Nachbarn in einer Großstadt kennt, die man einigermaßen sympathisch oder interessant findet, viel mehr aber auch nicht. Er hatte mich vor meinem Auszug aus der Wohnung meiner Eltern ein paar Mal eingeladen, seine Werke zu besichtigen. Manches hatte mir gefallen.
Johannes und ich stellten uns die Frage, was mit diesem reich gedeckten Tisch geschehen sollte. Sobald wir die Gelegenheit dazu hatten, befragten wir Schmitz. »Das soll alles langsam vermodern« sagte er und erklärte, damit wolle er Vergänglichkeit und Tod symbolisieren. Johannes erwiderte, dass das seiner Meinung nach schade sei. Schmitz sagte: »Jeder reagiert so! Das ist gut, die Leute reden darüber, es provoziert Gedanken«.
Sein Ausstellungsstück war tatsächlich eine eindrucksvolle Komposition, aber dass sie zum Vermodern bestimmt war, musste vor allem Johannes ärgern. Dieser war ein überzeugter »Mülltaucher«: zunächst aus finanzieller Not, später aus Überzeugung suchte er nachts die Hinterhöfe und Parkplätze der Supermärkte auf, um in den Containern nach leicht angeschlagener oder gerade abgelaufener, aber noch gut essbarer Ware zu suchen. Tatsächlich waren die Container voll davon. Ich hatte ihn ein paar Mal begleitet. Einmal waren wir in einer Winternacht in fast vollständiger Dunkelheit anderen Mülltauchern begegnet – Punks, die sich als sehr nett erwiesen. Einem ersten Schrecken war die Verbrüderung gefolgt. Die gefundenen Waren wurden zusammen in einer von den Punks bewohnten, außergewöhnlich unordentlichen WG verspeist. Sogar Speiseeis hatten wir dort gemeinsam in einer Eismaschine aus gefundenem Obst hergestellt, obwohl wir vom Mülltauchen alle völlig durchgefroren waren.
Johannes hatte jedoch noch andere Sorgen. Er fragte Schmitz, was er sich bezüglich des Modergeruchs für Gedanken gemacht habe, der ja wohl spätestens gegen Ende der vierwöchigen Ausstellung in diesen Räumen unerträglich sein müsse, in denen er schließlich Dienst habe. Schmitz äußerte sein Bedauern, es werde ja gelüftet, davon abgesehen müsse er aber schon dazu bereit sein, dieses Opfer zu bringen. »Hätten sie nicht wenigstens alles in Plexiglas einschließen können wie nebenan?«, fragte Johannes. Schmitz erwiderte, dann würde alles durch die Vermoderung im Undefinierbaren verschwimmen. Johannes ließ nicht locker: »Aber das symbolisiert den Tod doch ganz gut, verschwimmen wir da nicht auch im Undefinierbaren?« Schmitz lachte. Mir fielen die Vitrinen des Beuys-Blocks ein, die auch nach Jahrzehnten wegen der darin befindlichen Würste und toten Ratten noch ausdünsteten. Schmitz ergänzte, der Modergeruch sei Teil des Kunstwerks, ebenso wie die zu erwartenden Schimmelberge und das Nässen auf den Fußboden. Wir ließen Schmitz mit einer weiteren Bewunderin stehen. Es handelte sich um die für den Raum zuständige Museumswärterin, eine Kollegin meines Freundes, die er nicht mochte. Er war verärgert: »So eine Verschwendung! Und wir dürfen hier dann arbeiten bei dem Gestank und giftige Schimmelpilzsporen einatmen! Als ob jetzt im Winter nur wegen uns so viel gelüftet würde. Ich mag diesen Schmitz nicht. Und dann diese blöde Garners, himmelt ihn an mit großen Augen! Nach unten tritt und vernünftig arbeiten kann sie auch nicht. Aber immer in der vordersten Reihe stehen, wenn irgendwo ein Fotoapparat ist«.
Das Museum schloss, wir verabschiedeten uns voneinander.
Am nächsten Tag traf ich Johannes wieder. Er war noch immer verärgert: seine Kollegin hatte sich krank gemeldet, er hatte einspringen und in dem Gemüsezimmer Dienst tun müssen. Noch war nichts verschimmelt, aber er wurde ständig von den Besuchern angesprochen. Er ahmte die Stimmen nach: »Ist das echtes Obst?«, »Was passiert denn damit?« und dergleichen wurde er in einem fort gefragt, um dann vor allem von den älteren Besuchern für die Verschwendung angegriffen zu werden, als sei es sein Kunstwerk. Er äußerte den Wunsch, das ganze Zeug zu zermatschen. »Stehlen müsste man es!« sagte ich zu ihm. Ich hatte überlegt, am folgenden Sonntag mit Freunden ein Fest zu feiern. Man konnte mit einer solchen Beute dreißig Leute satt machen. Obwohl ich Johannes’ Schmerz wegen der Verschwendung nicht ganz teilte, gefiel mir diese Idee. Johannes war begeistert. Wir überlegten gemeinsam, wie wir das Gemüse stehlen könnten. Solange er für den Raum verantwortlich war, würde er sich ins eigene Fleisch schneiden, wenn er den Tischbelag abräumen würde. Seine Kollegin wurde am nächsten Tag zurück erwartet, wir mussten wohl unter ihren Augen handeln. »Ich schlage vor, ich hänge das Zeug tütenweise aus der Toilettentür und Du gehst in den Hinterhof und holst es ab« sagte Johannes. Das war nicht ganz ungefährlich, obwohl wir uns schnell einen recht gut klingenden Plan zurecht legen konnten. Wir überlegten, was uns wohl blühen würde, wenn wir erwischt werden würden. Konnte man sich damit rausreden, das sei Mundraub, wenn man in diesem Fall sogleich mit gespieltem Heißhunger einen Teil der Beute verschlang? Und wie hoch war die Strafe für Mundraub? Wir hatten beide unabhängig voneinander einmal gehört, sie sei nicht sehr hoch, wussten aber nicht, was das genau hieß. Und was es in dem Fall bedeutete, in dem die Zerstörung eines Kunstwerkes damit verbunden war, wussten wir erst recht nicht. Den Job wäre Johannes dann wohl jedenfalls los.
