Kursverlust - Marlen Albertini - E-Book

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Marlen Albertini

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Beschreibung

Georg von Lakin – Romanfigur und Hauptdarsteller dieser szenisch aufbereiteten Persiflage – lässt nichts anbrennen. Inmitten der wohl größten Finanz- und Wirtschaftskrise seit dem Zweiten Weltkrieg kämpft er mit allen Mitteln und unlauteren Praktiken um den ersten Platz auf der Karriereleiter. Halsbrecherische Finanztransaktionen begleiten seinen Weg in ein politisch herausragendes Amt ebenso wie Betrügereien, Veruntreuungen, undurchsichtige Beziehungsgeflechte und illegale Machenschaften. Lakin setzt aufs Ganze und verliert doch alles: Macht, Ansehen, Geld und Ruhm. Der steinige Weg zurück in ein Leben, das ein wenig Anerkennung, Ansehen und Status zurückbringen soll, gestaltet sich abenteuerlich und äußerst schwierig. Kann ihm der Kraftakt gelingen? Marlen Albertini kratzt mit ihrem neuen Roman an den gesellschaftlichen Fassaden und bietet vor dem Hintergrund der weltweiten Wirtschaftskrise seit 2008 szenische Einblick in die Welt der Zocker, Blender, Verlierer und Gescheiterten ...

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Seitenzahl: 269

Veröffentlichungsjahr: 2018

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Der Blick fällt auf seine Schuhspitzen, die wie immer frisch poliert glänzen und mit dem scheinbar neu verlegten Linoleumbelag der riesigen Wartehalle um die Wette spiegeln. Ein seltsamer Geruch von Bohnerwachs, Schweiß und Misserfolg schwebt über den Wartenden, die wie angewurzelt auf den an der Wand befestigten Klappstühlen verharren. Eine überwältigende Stimmung der Resignation schnürt ihm fast die Kehle zu, als sein Blick die LED-Anzeige der Nummernanlage streift.

Das Buch

Georg von Lakin – Romanfigur und Hauptdarsteller dieser szenisch aufbereiteten Persiflage – lässt nichts anbrennen. Inmitten der wohl größten Finanz- und Wirtschaftskrise seit dem Zweiten Weltkrieg kämpft er mit allen Mitteln und unlauteren Praktiken um den ersten Platz auf der Karriereleiter. Halsbrecherische Finanztransaktionen begleiten seinen Weg in ein politisch herausragendes Amt ebenso wie Betrügereien, Veruntreuungen, undurchsichtige Beziehungsgeflechte und illegale Machenschaften. Lakin setzt aufs Ganze und verliert doch alles: Macht, Ansehen, Geld und Ruhm. Der steinige Weg zurück in ein Leben, das ein wenig Anerkennung, Ansehen und Status zurückbringen soll, gestaltet sich abenteuerlich und äußerst schwierig. Kann ihm der Kraftakt gelingen?

Marlen Albertini kratzt mit ihrem neuen Roman an den gesellschaftlichen Fassaden und bietet vor dem Hintergrund der weltweiten Wirtschaftskrise seit 2008 szenische Einblick in die Welt der Zocker, Blender, Verlierer und Gescheiterten ...

Die Autorin

Marlen Albertini ist gelernte Journalistin und Publizistin und befasst sich schwerpunktmäßig mit den Themen Politik, Wirtschaft und Soziales sowie Bürger- und Menschenrechte. Seit 1994 arbeitet sie als freie Journalistin und Redakteurin für verschiedene Medien in Deutschland, Österreich und der Schweiz.

Marlen Albertini

KURSVERLUST

 Szenen einer Krise

Herausgeber: SPREEZEITUNG, Berlin

www.spreezeitung.de

Dezember 2018

© Marlen Albertini - https://kursverlust.de

Druck: epubli || neopubli GmbH, Berlin

Lüneburger Lektorat || Klaus Schröder

Cover-Gestaltung: Steffen Pidun

Printed in Germany

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über: http://dnb.de/DE abrufbar.

»Vor dem Boom und nach dem Krach

herrscht große Stille.

Was sich dazwischen abspielt,

NUMMER 811, BITTEIN RAUM 21!

Der Blick fällt auf seine Schuhspitzen, die wie immer frisch poliert glänzen und mit dem scheinbar neu verlegten Linoleumbelag der riesigen Wartehalle um die Wette spiegeln. Ein seltsamer Geruch von Bohnerwachs, Schweiß und Misserfolg schwebt über den Wartenden, die wie angewurzelt auf den an der Wand befestigten Klappstühlen verharren. Eine überwältigende Stimmung der Resignation schnürt ihm fast die Kehle zu, als sein Blick die LED-Anzeige der Nummernanlage streift.

»763 bitte in Raum 16!«, fordert eine blechern klingende Stimme eindringlich und bestimmend auf. Sein Blick taxiert das Stückchen verstärktes Papier in seinen Händen. Es trägt die Nummer 811 und sieht aus wie eine billige Kinokarte. Langsam lockert er seinen steifen Krawattenknoten und hebt vorsichtig den Kopf, um sich ein genaueres Bild von seinem Umfeld zu verschaffen. Gegenüber redet sich gerade eine ungepflegt wirkende Blondine in Rage, während ihr Sitznachbar zur Linken wohl eingeschlafen ist. Ein Mann weiter rechts nestelt an einem Stapel Unterlagen herum, den er umklammert, als wäre er sein ganzer Besitz.

»Auch arbeitslos?«, raunzt es plötzlich neben ihm. Georg von Lakin dreht sich zur Seite und sieht in lauernde, leicht blutunterlaufene Augen. Klingt das etwa nach Schadenfreude? Grimmig und beinahe etwas zu hektisch wehrt er den aus seiner Sicht allzu neugierigen Angriff auf seine Person mit einem schroffen »NEIN!« ab und wendet sich wieder der schrillen Blondine zu. Mit ihrer viel zu großen Klappe scheint sie der puren Angst vor der Zukunft davonlaufen zu wollen, während sich alle anderen Gespräche in einem unverständlichen Gemurmel verlieren.

»811 bitte in Raum 21!« scheppert es nun energisch aus dem Lautsprecher über der LED-Anzeige. Als könne es der ungeduldig wartende Sachbearbeiter gar nicht abwarten, den nächsten Fall unter seine Fittiche zu bekommen, scheppert es gleich noch einmal: »811 bitte umgehend in Raum 21!« Hastig richtet Lakin seinen gelösten Krawattenknoten zurecht und klemmt den mitgebrachten Aktenordner unter den Arm. »Ferdinand Trompt, Fallmanager« steht in sauberen Lettern auf dem Schild an der Tür. Es hört sich irgendwie unausweichlich an.

»Herr Lakin?« Der abschätzende und unpersönliche Blick des Sachbearbeiters berührt ihn flüchtig, aber unangenehm. Eine kurze Geste weist ihm den Platz hinter dem aufgeräumten und blitzsauberen Schreibtisch.

»Von ...«, haucht der Angesprochene korrigierend, »von Lakin,« und nimmt den ihm zugewiesenen Platz ein. Unsicher wie ein Schuljunge und voller Unruhe reibt er seine Handflächen auf dem Stoff seiner Hose hin und her, als gäbe es Bedrohliches zu verhindern ...

AUFSTIEGMITALLEN MITTELN

»Beeil dich«, zischt Lydia von Lakin ihrem Mann zu. Planmäßig findet die Veranstaltung mit anschließender Podiumsdiskussion in einer guten Viertelstunde statt. Noch immer steht Georg vor dem mannshohen Spiegel im Flur der großen Villa. Schnell übt er noch große Gestik und äußert dazu eine Passage aus jener Rede, die später ganze Menschenmengen begeistern soll.

»Wie sehe ich aus?«, fragt er etwas unwirsch und nun schon zum dritten Mal. Ohne auch nur andeutungsweise auf die Frage einzugehen, zieht Lydia ihren Mann in Richtung Haustür und weiter zur Garage. Natürlich sieht er gut aus, wie stets. Exzellent gekleidet zeigt er sich in einem dezenten, modischen und sündhaft teuren Anzug und wirkt unwiderstehlich. Die Haare perfekt gestylt und mit vielleicht einem Hauch zu viel glänzendem Gel taff zurückgekämmt, schreitet Lakin wie das wandelnde Erfolgsmodell des 21. Jahrhunderts daher. Schwungvoll öffnet er die Beifahrertür der blitzblanken eleganten Luxuslimousine und atmet tief durch. Die eben noch stark empfundene Anspannung fällt langsam von ihm ab, und er lehnt sich in den feinen Ledersitzen bequem zurück. Geschickt angelt er sich eine der Markenzigarillos aus seinem eleganten Etui, ohne die er niemals das Haus verlassen würde. Lydia, die ihren Mann wie immer zu wichtigen Veranstaltungen chauffiert, rümpft die Nase. Nicht in 20 Ehejahren konnte sie sich an den beißenden Geruch dieser Nobeltschipetten gewöhnen. Resigniert nimmt sie zur Kenntnis, wie der penetrante Geruch langsam aber dominant die Luft im Fond durchdringt und sogar die Sicht verschleiert.

»Herr von Lakin, werden Sie noch heute mit Ihren Forderungen an die Öffentlichkeit gehen?«

»Ab wann sollen denn die Gesetze in Kraft treten ...?«

»Wie stellen Sie sich die Umsetzung dieser Politik vor?«

Lakin, der soeben seinen Wagen verlässt, wird von einer Traube Menschen erwartet, die sich vor dem Klaubrühler Hof formiert hat und nun ungeduldig Einlass begehrt. Die heimische Presse und auch große Sender bedrängen ihn mit Fragen und strecken ihm respektlos Mikrofone unter die Nase. Andere bringen sich mit gezückten Schreibutensilien direkt vor seiner Nase in Position und lauern wie eine Horde kläffender Kampfhunde.

»Wichtigtuerische Schreiberlinge ...«, denkt Lakin und schaut in ihre erwartungsvollen Gesichter, die lüstern auf Sensationsnachrichten lauern wie Drogenabhängige auf den ganz großen Kick.

»Die Gesetze müssen nur noch den Rat passieren, dann können sie in Kraft treten«, ruft er der Meute entgegen und bahnt sich mühsam einen Weg in die große Vortragshalle. Links und rechts weichen Menschen zurück. Einige applaudieren und rufen laut seinen Namen. Andere halten Schilder hoch mit säuberlich geschriebenen Lettern:

MIT LAKINBEGINNTDIE ZUKUNFT!

HOFFNUNGSTRÄGER LAKIN

LAKINFÜRDIE MITTE!

LAKIN, DAS WIRTSCHAFTSWUNDER

Letzteres erfüllt Lakin mit besonderem Stolz. Junge Leute schwingen dunkelblaue Fähnchen mit weißen Buchstaben. Sie tragen das Kürzel »WGP«. Es steht für »Wirtschafts- und Globalisierungspartei«. Die Newcomer-Partei – Lakin nennt sie stolz sein Baby – kostet ihn ein Vermögen. Doch mit sensationellen 16 Prozent hat sie gleich beim ersten Anlauf 146 von 622 Sitzen im Parlament erobert. Lakins Brust schwillt angesichts des vollen Saals deutlich erkennbar an. Alle sind gekommen: Parteifreunde, eine üppige Delegation maßgeblicher Stimmen aus Wirtschaft und Mittelstand, Parteispender, die politische Konkurrenz sowie alles von Rang und Namen aus der Abteilung Politische Berichterstattung. Sogar das dreiste und etwas pickelige Gesicht des Chefredakteurs vom Bad Schlirnauer Tageblatt, dem Boulevardblättchen Nr. 1, lugt zwischen den Menschenmassen hervor.

Aufrecht und dynamischen Schrittes betritt Lakin die Bühne und nimmt sogleich Rednerpult und Mikrofon in Beschlag.

»Wir schaffen mit dieser Reform nicht nur den größten Niedriglohnsektor und damit ein hohes Maß an Wettbewerbsfähigkeit auf dem globalen Markt. Wir schaffen damit auch eine neue Selbstverantwortung jedes einzelnen Bürgers, der damit allein seines Glückes Schmied ist«, schmettert Lakin in die Menschenmenge. »Wer es so nicht schafft, wer also da nicht mitkommt, der wird verpflichtet, jeden erdenklichen Job anzunehmen, sei er auch noch so unterqualifiziert. Damit geben wir erheblich bessere Anreize zu mehr Eigeninitiative, als es eine leistungsorientierte Sozialpolitik jemals tun könnte«, führt er forsch weiter aus. Die jubelnde Masse applaudiert angesichts der markigen Worte umso heftiger.

»Wir erzielen damit Einsparungen im neunstelligen Bereich per anno und sind in der Lage, mit den freigewordenen Geldern eine wesentlich kompetentere und flexiblere Wirtschaftspolitik zu gestalten.« Verhohlen wischt sich Lakin einige Schweißperlen von der Stirn, bevor er zum Schlussakkord ansetzt. Die stickige Luft macht ihm zu schaffen, und die Anstrengung der Rede steht ihm ins Gesicht geschrieben.

»Hinsichtlich der verschärften Politik im Niedriglohnbereich sind wir anderen Ländern um Lichtjahre voraus. Wer als Unternehmer in unser Land kommt, soll wissen, dass er hier ein lukratives, schier grenzenloses Angebot qualifizierter und dabei billigster Arbeitskräfte vorfindet. Wir werden unsere Wettbewerbsfähigkeit in Europa, aber auch weltweit weiter festigen. Exportweltmeister, das sind wir und zwar nur wir ...!«, beendet er seine Ausführungen.

Minutenlanger, tosender Beifall, der in anhaltenden Jubel übergeht, suggeriert Lakin, dass er sich auf der richtigen Spur befindet. Er trifft eben den Nerv der Zeit und den Ton der Menschen. Diese sind es einfach leid, ihr sauer verdientes Geld in immer mehr Sozialausgaben fließen zu sehen. Mit seinen Parolen konnte er sogar die Konkurrenzparteien überzeugen, und sein Gesetzesentwurf unter dem Motto »Arbeit für alle und zu jedem Preis« nahm erst jüngst äußerst glatt und geschmeidig die  parlamentarischen Hürden. Ähnlich glatt wird in Kürze auch sein Gesetzentwurf zur Weiterentwicklung und Stabilisierung der Finanzmärkte die parlamentarischen Hürden passieren. Da ist sich Lakin absolut sicher. Es wird erforderlich, weil die größte Finanzkrise in der Nachkriegsgeschichte ihre ansonsten so ruhige politische Bühne aufmischt. Seitdem laufen viele Politiker wie aufgescheuchte Hühner durch die Gegend, und Lakin erweist sich auch hier als Retter in der Not. Die meisten haben gar nicht verstanden, dass sie mit ihrer Zustimmung zum neuen Gesetz ein »Weiter so!« hinsichtlich katastrophaler Agitationen am Finanzmarkt heraufbeschwören. Sie sind einfach froh, sich handlungsfähig zu zeigen ...

Das Gesetz, das Lakin in mühsamer Vorarbeit zusammenzimmert, erlaubt es Banken, ihre wertlosen und toxischen Schrottpapiere künftig in sogenannte Bad Banks auszulagern. Solche »schlechten Banken« sind keine Kreditinstitute im herkömmlichen Sinne, wie das Wort suggerieren könnte, sondern Zweckgesellschaften. Sie dürfen mit wesentlich weniger Eigenkapital als reguläre Banken wirtschaften. Eine derartige Eigenkapitalunterdeckung hatte ursprünglich einmal die Krise mit ausgelöst. Praktisch bedeutet es, dass wertlose Fonds gegen staatlich garantierte eingetauscht werden können. Lakin kratzt sich am Kopf und freut sich noch immer und nicht ohne Häme, dass er das durchboxen konnte. Unter dem Deckmantel der hochtrabenden und bandwurmähnlichen Bezeichnung einer »Maßnahme zur kurzfristigen Bereinigung der Bilanzen von Finanzholding-Gesellschaften oder Kreditinstituten oder deren Tochtergesellschaften von strukturierten Wertpapieren bei gleichzeitiger Schaffung von Planungssicherheit hinsichtlich erforderlicher Abschreibungen« verbirgt sich nichts weiter als staatlich legitimierte Bilanzfälschung. Doch was sich kompliziert und wie ein Zungenbrecher liest, ist eigentlich ganz einfach: Die Finanzinstitute dürfen ihre wertlosen Papiere künftig mit einem Abschlag des Buchwertes an diese neu einzurichtenden Zweckgesellschaften auslagern und erhalten dafür aus einem eigens zur Verfügung gestellten staatlichen Rettungsfond garantierte Anleihen. Damit sind die »Miesen« erst einmal aus den Bilanzen ge-»trickst«. Die Rückabwicklung darf sich gesetzmäßig einen Zeitraum von sage und schreibe zwei Jahrzehnten hinziehen. Praktischerweise kann sich das Volk dann kaum noch erinnern, um was es damals ging. Kommt Zeit, kommt das Vergessen, und ganz unmerklich und fein in dieses Kuddelmuddel versteckt, haben einmal mehr die Steuerzahler sämtliche Verluste bezahlt. Besonders stolz ist Lakin auf eine Sonderklausel, die er geschickt und beinahe unbemerkt in das Gesetz eingewoben hat. Sie zählt ebenfalls zu einem seiner genialen Schachzüge und betrifft die jährlichen Zinszahlungen für die großzügigen Zuwendungen der Steuerzahler. Denn die müssen nur dann an den Staat entrichtet werden, wenn die Bilanz Gewinne ausweist. Bei vielen Banken ist das jedoch gar nicht der Fall.

Glücklicherweise hat bisher niemand die bohrende Frage gestellt, zu welchem Preis die Schrottpapiere von den Bad Banks übernommen werden. Nur solche Zahlen könnten Aufschluss darüber geben, wie hoch die Bürgschaft für die Steuerzahler am Ende tatsächlich ausfällt. Eine seriöse Bewertung des Risikos für die Allgemeinheit ist unter solch defizitären Kriterien ausgeschlossen. Das wollte Lakin auch erreichen, um Unruhe im Volk zu vermeiden. Ist erst einmal eine gewisse Zeit vergangen, interessiert sich der Bürger längst nicht mehr für diese Angelegenheit. Das weiß er aus Erfahrung. Bis dahin ist allerdings äußerste Vorsicht geboten. Immerhin verschleiern Bad Banks wichtige Fakten, und die Bilanzierungstricks bewegen sich außerhalb aller ursprünglichen kaufmännischen Regeln, die einmal als eherne Gesetze Gültigkeit hatten und ein ordentliches Geschäftsgebaren begründeten.

Das neue Gesetz macht aus der Forderung nach wahrheitsgemäßen Bilanzierungen nichts anderes als »Wünsch-dir-was-Regeln« für eine bestimmte Klientel. Es muss mit Bedacht taktiert werden, damit die Bevölkerung von den Zusammenhängen nicht zu viel mitbekommt. Lakin ist auch deshalb mit dem Ergebnis rundum zufrieden, weil seine brillanten rhetorischen Fähigkeiten die Parlamentarier am Ende dazu bringen werden, das seltsame Prozedere übereinstimmend als »alternativlos« zu bewerten. Etwas Besseres kann ihm nicht passieren. Nicht zuletzt seit Bekanntmachung seiner Ideen zu den Bad Banks geistern die Worte »alternativlos« und »systemrelevant« wie Modeworte durch die Republik. Jeder, der politisch etwas auf sich hält, trägt diese Formulierungen locker und stets abrufbereit auf der Zunge. Einer wie Lakin weiß natürlich, dass das völliger Nonsens ist. Die verallgemeinernden Aussagen, alle Banken seien »systemrelevant« und »alternativlos«, entspringen einem Märchen aus Tausendundeiner Nacht. Sie treffen schlichtweg nicht zu und werden lediglich bedient, um die zornige Volksseele zu beschwichtigen. Deren Unmut hat umso mehr zugenommen, weil versagende Banken nicht angemessen zur Rechenschaft gezogen, sondern vielmehr üppig belohnt werden – obwohl sie nach einem teilweise kriminellen Anlage- und Beratungsgebaren gegenüber ihren Kunden auf einem seriösen Markt gar nichts mehr zu suchen haben.

Solche Fakten gibt Lakin allenfalls sich selbst gegenüber zu. Denn er will Karriere machen. Da haben Skrupel keinen Platz, und so verschanzt er sich hinsichtlich der Bilanztricksereien im Namen des Parlaments auch hinter fadenscheinigen Aussagen. Eine davon lautet, es müsse schließlich Sorge dafür getragen werden, dass Unternehmen ausreichend kreditwürdig sind. Dumm nur, dass die Banken besonders dieser Kernaufgabe trotz milliardenschwerer Stützungen durch die Steuerzahler nach wie vor nicht angemessen nachkommen. Anfragen von Bürgern und Institutionen, was denn mit den zur Verfügung gestellten Geldern geschieht, wenn die Mittel nicht dort ankommen, wofür sie gedacht sind, beunruhigen Lakin schon ein wenig. Einige fragen, ob sich die Banken etwa mit Staatsmitteln auf Kosten einer Kreditklemme im Mittelstand sanieren. Andere wollen wissen, warum es für Finanzinstitute hinsichtlich des bereits zurückliegenden Konjunkturprogramms keine klaren Regeln zur Verwendung der Mittel gibt. Und auch die bohrende Nachfragen, warum Kanzleien, die ansonsten für die Banken tätig sind, an Gesetzen mitwirken, kommen bei Lakin und den anderen Politikern unangenehm an. Doch sie werden mit der stets gleichen stereotypen Antwort bedacht, es müsse in solch schweren Zeiten eben beherzt zugepackt werden. Das hinterlässt bei den Fragestellern zwar einen bitteren Nachgeschmack. Aber in der Krise hilft es den Verursachern, sich hinter mangelndem Fachwissen zu verstecken. Für krisengeschüttelte Privatanleger, die sich in der Vergangenheit eben genau von dieser nun privilegiert behandelten Kreditwirtschaft betrogen und über den Tisch gezogen sehen, muss dies alles wie eine schallende Ohrfeige wirken. Einen Profi wie Lakin interessiert Kritik allerdings wenig. Auch kümmern ihn die Probleme gebeutelter Privatinvestoren nicht. Ungeachtet all dieser Fakten zieht Lakin sein Ding pragmatisch durch. Er freut sich über die tiefgreifenden Folgen, die seine Maßnahmen nicht nur für die Kreditwirtschaft bereitstellen. Ein weiteres Highlight für das taumelnde System ist schon in Planung. Das jetzt beschlossene Bad-Bank-System soll großzügig ausgebaut werden. Es wird mittels »Konsolidierungsmodell« nicht allein für toxische Papiere bei dieser Form der Entsorgung bleiben. Auch Firmen- und Staatsanleihen, die nicht mehr handelbar sind, weil wertlos, sowie ganze Geschäftsfelder können künftig von diesem Prozedere profitieren.

Lakin schreckt aus seinen Gedanken auf. Er genießt weiter den frenetischen Beifall, der nicht enden will. Die kolossale Anspannung löst sich langsam und fällt schließlich ganz von ihm ab. Seine Gesichtszüge glätten sich, und er lächelt in die Massen. Dann reicht er einzelnen Anhängern die Hände und bewegt sich langsam Richtung Ausgang. Lakin scheint es geschafft zu haben.

TROMPTSSCHWERSTER FALL

»Von Beruf sind Sie ...?« Trompt von der Integration schaut Lakin streng und herausfordernd in die Augen.

»Manager, Politiker und Börsenmakler mit viel Berufserfahrung«. So, nun war es heraus. Lakin erwidert den Blick des Fallmanagers vom Amt schon viel selbstbewusster. Gerade so, als sei nun alles geklärt. Er, Lakin, hat es zu etwas gebracht und kann vorweisen, wovon andere nur träumen: Erfolg und Karriere, aber auch Bildung, gute Manieren und die Beherrschung mehrerer Sprachen. Gut, es gibt auch weniger Erfreuliches, doch mit etwas Geschick sollten sich die dunklen Flecken schon irgendwie kaschieren lassen. Immerhin überwiegt das Positive!

Rüde wird Lakin aus seinen einlullenden Gedankenspielen gerissen. »Sie haben also BWL und Politikwissenschaften studiert und mit Examen abgeschlossen? Sie sind zudem Finanzmakler und Übersetzer?« Im Raum herrscht plötzlich eisiges Schweigen und der Redefluss wirkt wie abgeschnitten.

»Herr Lakin, pardon, Herr von Lakin ..., bitte, ich habe Sie etwas gefragt. Sie verfügen also über Examen in Politikwissenschaften und BWL. Dazu haben Sie Sprachen studiert und können darüber ebenfalls Abschlüsse nachweisen?«

Leichte Zornesfalten zeichnen sich auf Lakins Stirn ab. Er, der Widerspruch niemals duldet, antwortet barsch: »Hören Sie, Trompt, oder wie auch immer Sie heißen, ich benötige keine Abschlüsse, sondern bin jede verdammte Sprosse auf der Erfolgsleiter höchstpersönlich und ohne großartige Vorkenntnisse nach oben geklettert. Entweder kann man es, oder man kann es nicht. Ich gehöre zu denen, die es können. Und dann spielen Abschlüsse ebenso wenig eine Rolle wie gelegentliche Fehler, um die niemand herumkommt, der nach oben will. Ich war einer der einflussreichsten Politiker des Landes und ich verlange, dass Sie das respektieren!«

»Richtig, Sie waren es, Herr von Lakin. Sie gehörten – möglicherweise – zu den einflussreichsten Politikern, doch das liegt lange zurück. Ich beschäftige mich mit dem Jetzt und Hier, und meine Aufgabe ist es, Sie in Beschäftigung zu bringen. Sie verfügen also über keinerlei Abschlüsse, wenn ich es recht verstehe?«

»Nein, ich habe keine Abschlüsse«, antwortet Lakin zögerlich und und beklommen. Und da ist es wieder, dieses Gefühl. Erneut reibt er seine Handflächen unruhig auf dem Stoff seiner Hose. Gerade so, als könne er damit tatsächlich eine Lawine aufhalten, die unaufhaltsam auf ihn zuzurollen droht.

LAKINUNDDER MINISTERPRÄSIDENT

»Verbinden Sie mich doch bitte mit Dr. Kaulmann!« Lakin beugt sich flüchtig in Richtung Schreibtisch seiner Sekretärin, um seiner Anordnung mehr Nachdruck zu verleihen. Annegret Buchheimer, auch liebevoll Blümchen genannt, arbeitet schon seit über zehn Jahren für Lakin. Genauer gesagt obliegen ihr seit seiner Wahl zum Stadtrat von Bad Schlirnau alle Aufgaben im Bereich Verwaltung und Organisation. Sie kennt Lakin besser als den unaufgeräumten Inhalt ihrer Handtasche. Allein der gerade angeschlagene Tonfall suggeriert einen mittelschweren Flächenbrand. Während sie hastig wählt, um die Verbindung herzustellen, verschwindet Lakin bereits hinter der üppig gepolsterten Tür zum Chefzimmer.

»Wilhelm, die Sache gerät ins Schleudern«, prustet Lakin atemlos in den Hörer.

»Was soll das bedeuten, Georg?«, fragt Kaulmann. Seine Stimme nimmt einen seltsam scharfen Ton an.

»Na, eben das, was ich sage«, antwortet Lakin ungehalten. »Wenn kein Wunder geschieht, fliegt uns die gesamte Chose um die Ohren und du sitzt ebenfalls im kenternden Boot. Ich sage nur Spread Ladder Swaps…, du weißt schon, das Schweinchen auf der Leiter-Spiel.«

Kaulmanns Stimme klingt nunmehr schrill und unangenehm laut. »Bist du von allen guten Geistern verlassen? Ich habe nicht das Geringste mit deinen Finanzleichen im Keller zu tun. Todsichere Zinswetten hast du damals angepriesen. Ich habe nur abgenickt gegen Provision, versteht sich. Was also soll das bedeuten, die Chose fliegt auf?«

Lakin räuspert sich kurz und kontert: »Ich habe, wie du weißt, den Zweihundert-Millionen-Kredit bei unserer Hausbank aufgenommen und das Ding dann mit Spread Ladder Swaps abgesichert. Auf ausdrückliche Anweisung deinerseits übrigens. Wir haben auf die Entwicklung der Differenz zwischen Zwei- und Zehnjahreszins gewettet, und das Ding implodiert gerade ganz gewaltig. Die Zinsstrukturkurve ...«

Wieder unterbricht ihn Kaulmanns aufgeregtes, hysterisches Geschrei. »Was ist mit der Zinsstrukturkurve, Georg? Was? Sag es ..., sag es sofort!«

 Lakin atmet tief durch und müht sich um Haltung. »Sie verläuft halt anders als angenommen, Wilhelm. Anders heißt nicht marktgerecht...!«

Am anderen Ende der Leitung wird es deutlich ruhiger. Nur das angestrengte Atmen eines schwergewichtigen Kerls ist noch vernehmbar.

»Wilhelm? Bist du noch dran?«, fragt Lakin ganz vorsichtig nach.

»Ja doch!« antwortet dieser hastig. »Wenn herauskommt, auf welche Weise du die städtischen Finanzen ›sanierst‹, sind wir dran, Georg.

Lakin zündet sich eine seiner feinen Zigarillos an. Er inhaliert tief und formt beim Ausatmen mit dem Rauch ein paar Ringe in die Luft und seine Gesichtszüge entspannen sich ein wenig.

»Mach dir nicht gleich in die Hose, Wilhelm. Das ist ja nicht grundsätzlich verboten, solange dem Absicherungsgeschäft eine Kreditaufnahme gegenübersteht. Wir sind nicht die einzige Kommune, die so agiert, und bisher haben die Swap-Geschäfte gut gefluppt. Die Entwicklung konnte so niemand vorhersehen.«

»Was willst du tun, Georg?« Kaulmanns Stimme klingt kleinlaut, angstvoll und ziemlich panisch.

»Abwarten, Wilhelm, abwarten und Tee trinken. Notfalls die Bank verklagen wegen Fehlberatung. Auf keinen Fall klein beigeben.« Langsam bekommt sich Lakin wieder in den Griff und nimmt eine deutlich straffere Haltung ein. Gleichwohl ist ihm klar, dass am Ende der Staatsanwalt winkt. Besser gesagt winken kann, wenn ihm nichts Kluges einfällt. Denn es handelt sich bei diesen Swap-Sorten um äußerst komplizierte Finanzprodukte, die geradezu um Vorsicht wimmern. Das weiß natürlich auch Lakin. Und der ist als Stadtrat verpflichtet, Sorgfalt walten zu lassen. Denn Steuergelder werden treuhänderisch verwaltet und müssen umsichtige Verwendung finden.

Lakin betet sich die Vorschriften in Gedanken noch einmal vor. Zwei eiserne Verpflichtungen binden die Finanzverantwortlichen in Städten und Kommunen: Erstens müssen sie Anlageprodukte verstehen, bevor sie genutzt werden. Zweitens muss eine Risikobegrenzung durch breite Streuung auf unterschiedliche Produkte erfolgen. Über solch lästige Verpflichtungen sieht Lakin allerdings stets großzügig hinweg. Schon immer, denn zu viel Um- und Vorsicht blockieren den wohlverdienten Erfolg nur – findet er. Für einen kurzen Moment verspürt Lakin ein undefinierbares, aber tiefes Unbehagen, doch er schiebt es innerlich schnell und energisch beiseite.

»Gib Nachricht, wenn die Bombe definitiv tickt«, flüstert Wilhelm in den Hörer. »Du weißt, ich habe in meiner Eigenschaft als Ministerpräsident Möglichkeiten, notfalls auch Anweisung an die Staatsanwaltschaft zu geben. Wenn sonst nichts mehr hilft, Georg, hörst du? Nur, wenn sonst nichts mehr hilft.«

PUZZLEDER VERGANGENHEIT

»Reden wir nicht um den heißen Brei herum, Herr von Lakin. Ihre Vermittlung ist kein Kinderspiel. Sie sind nicht mehr der Jüngste, und Sie haben keine abgeschlossene Ausbildung. Multiple Vermittlungshemmnisse nennen wir das in der Fachsprache. Es müssen aber alle bei uns gemeldeten Kunden arbeiten, egal was.« Trompt von der Integration macht einen ratlosen Eindruck.

»Außerdem klafft in Ihrem Lebenslauf eine dreijährige Lücke«, führt er lakonisch weiter aus. »Die müssen wir jetzt schließen. Also, erzählen Sie erst einmal der Reihe nach, über welche Qualifikationen und Berufserfahrungen Sie tatsächlich verfügen und welche Sozialleistungen Sie möglicherweise schon genutzt oder beantragt haben.« Trompt bringt sich in Position, um per Tastatur in die Eingabemaske einzubringen, was ihm sein Schützling mitteilen soll. Dieser aber starrt seltsam entrückt in die Ferne und schweigt.

Was weiß der Kerl von mir?, denkt Lakin. Mehr als er offenbart? Hatte nicht er selbst, der große Lakin, zu aktiven Politikerzeiten vor Jahr und Tag dafür gesorgt, das Programm DKADS und damit eine digitale Komplettarchivierung aller Daten der Sozialleistungsantragsteller auf den Weg zu bringen? Einerseits, um den Behörden mehr Transparenz hinsichtlich ihrer Bürger zu gewähren, und andererseits, um die Effizienz aller Behördenvorgänge drastisch zu steigern. Lakin hat zwangsläufig einiges beantragt, der Umstände halber sozusagen. Was also weiß der Typ? Trompts Gesicht jedenfalls spricht nicht Bände, sondern gleicht eher einem Pokerface in Beamtengestalt.

»Nun, Herr von Lakin?« Trompts Stimme wird im Ton schärfer und herausfordernder. Sie klingt nun absolut nicht mehr kundenfreundlich.

Lakin gibt sich einen Ruck, und langsam beginnt er aufzuzählen. Zunächst seine Ausbildungen, die sich auf eine Banklehre und ein Praktikum im damaligen Unternehmen des Vaters beschränken. Dann fügt er die späteren Stationen als Manager im Familienbetrieb, Stadtrat, Politiker für die neue gegründete Partei WGP und seine sagenumwobenen Broker-Kenntnisse hinzu. Trompt tippt fleißig, korrigiert gelegentlich, wiegt bisweilen bedenkenschwer den Kopf und schenkt Lakin immer wieder einen Blick, der nicht allzu viel Gutes verheißt.

»Und die letzten drei Jahre, Herr von Lakin. Was haben Sie da anzubieten?« Trompt nimmt eine lauernde Haltung ein. Der befehlerische Ton erinnert eher an Kasernenhof und weniger an eine Agentur, die mit dem Begriff »Kunden« wirbt. Erneut wird die Geduld des Fallmanagers auf eine harte Probe gestellt. Lakin wirkt wieder seltsam entrückt, abwesend und unkonzentriert. Er scheint den Integrationsbeamten nicht wirklich wahrzunehmen.

»Herr Lakin, haben Sie mich nicht verstanden?«, bekräftigt Trompt seine Aufforderung. Doch Lakin schweigt. Der will mich nur aus der Reserve locken, dieser blasierte Beamten-Heini, besänftigt er sich selbst. Wieder gleiten seine Handflächen über den rauen Stoff seiner Anzughose. Sie sind feucht und zittern. Das Gefühl, einer nahenden Bedrohung endgültig nicht mehr ausweichen zu können, verfestigt sich in erschreckender Weise.

KAULMANNS RECHERCHE

Dr. Wilhelm Kaulmann pustet vorsichtig eine Fluse von seinem Jackett. Minutenlang schon wippt er nervös mit den Schuhspitzen herum und rudert unkoordiniert mit den Armen. »Dieser Lakin bringt uns Ärger, ich rieche das auf 100 Kilometern Entfernung«, nuschelt er leise vor sich hin. Er nimmt dabei kaum seinen Büroleiter Frank Blomberg wahr. Der hat soeben recht geräuschlos das Büro des Chefs betreten, um einige Unterschriften und weitere Anweisungen zu beschaffen.

»Bringen Sie doch mal in Erfahrung, ob Stadtrat von Lakin zu jenen Witzbolden gehört, die sich seit den 1990er Jahren mit Cross-Border-Leasing-Geschäften selbst das Fell über die Ohren gezogen haben. Checken Sie alles durch. Bad Schlirnaus Kanalisation, Klärwerk, Straßenbahnen, Betriebsbahnhof ... und so weiter. Prüfen Sie gegebenenfalls die Laufzeiten dieser Geschäfte – wenn es sie denn tatsächlich gibt – und klären Sie, ob sich ab 2004 etwas verändert hat. Damals hat der amerikanische Kongress derartige Deals ja als Scheinverträge eingestuft und gleichzeitig beschlossen, Transaktionen dieser Art steuerlich nicht mehr zu begünstigen.«

Kaulmann schnäuzt sich umständlich die Nase und prustet noch ein wenig, bevor er seinen Büroleiter weiter aufklärt. »Das war schon damals der Beginn einer Kette von Sachverhalten, die auch vielen Kommunen, welche sich an solchen Geschäften beteiligen, geradezu exorbitante Probleme bringen. Viele amerikanische Investoren wollen seither aus den Verträgen aussteigen – koste es, was es wolle. Und die Amerikaner sind nicht zimperlich, wenn sie sich erstmal etwas in den Kopf gesetzt haben. Das dürfte auch Ihnen als Politikwissenschaftler nicht entgangen sein, Blomberg. Oder?«

Der Angesprochene nickt Zustimmung signalisierend, obwohl er im Moment noch nicht ganz begriffen hat, was Kaulmann eigentlich meint. Er will sich später im Internet genauer kundig machen und konzentriert sich zunächst auf die Aufgaben, die ihm der Chef stellt.

»Listen Sie auch die Investitionssummen der Amerikaner und die Leasinggebühren auf, die Bad Schlirnau berappen musste oder möglicherweise noch immer zahlt«, führt Kaulmann weiter aus. Hektisch gestikuliert er dabei Kreise in die Luft, als könne er seinen Anweisungen damit drastisch Nachdruck verleihen.

Blomberg schreibt emsig mit. Schließlich will er nicht Fehler, sondern Karriere machen. Dafür ist er zu allem bereit, sogar zu permanent unbezahlten Überstunden. »Selbstverständlich, Dr. Kaulmann«, pariert er daher unverzüglich im Bewusstsein, als Büroleiter des Ministerpräsidenten einen unerhört wichtigen Job ausführen zu dürfen.

»Ach ja ..., Blomberg, stellen Sie auch fest, wohin die liquiden Mittel geflossen sind, falls de facto Unternehmensteile der Daseinsvorsorge in die USA verkauft wurden. Sämtliche Nachforschungen finden natürlich streng vertraulich statt – so, wie der gesamte Vorgang unter uns bleibt. Haben Sie das verstanden? Alles streng vertraulich!«

Blomberg bestätigt mit einem klaren und lauten »Jawohl, Herr Ministerpräsident!« und verschwindet dienstbeflissen und genau so lautlos durch die Tür, wie er zuvor hineingehuscht war.

LYDIAS WELT

Sanfte Mozartklänge schmeicheln Lydias Ohren. Wohlig entspannt räkelt sie sich auf der Liege im Kosmetiksalon und träumt ein wenig vor sich hin, während sie auf ihre Behandlung wartet. Verena Wolters, Chefin des Salons Beauty Conversion, lässt es sich niemals nehmen, ihre besten Stammkunden höchstpersönlich zu bedienen. Sie versteht es vortrefflich, selbst schwierige Fälle mittels kostspieliger Massagen, Tinkturen, Cremes, Peelings und aufwendiger Kosmetika in einen – wenngleich nur kurzfristigen – Zustand atemberaubender Verjüngung zu wandeln. Lydia von Lakin hat mit ihren knapp 50 Lenzen zweifelsfrei die besten Tage hinter sich. Das luxuriöse, ausschweifende Leben an der Seite ihres äußerst erfolgreichen und wohlhabenden Mannes hat unübersehbare Spuren hinterlassen. Chirurgische Tricks jeglicher Art lehnt sie allerdings entschieden ab, sondern liefert sich lieber auf Gedeih und Verderb Verenas Künsten aus.

In der Tat, unter den fachkundigen Händen der Salonbesitzerin entsteht das kleine Wunder. Ohne Nachhaltigkeitsfaktor zwar, jedoch mehr als ausreichend, um beim heutigen Presseball einige Stunden lang für Aufsehen, Anerkennung und Neid zu sorgen. Lydia schwelgt in Glückseligkeit. Das augenscheinliche Ergebnis versetzt sie in Hochstimmung. Wohlwollend betrachtet sie sich von allen Seiten und nickt ihrem eigenen Spiegelbild bestätigend zu.

»Guten Tag, Frau von Lakin. Sie sehen fantastisch aus!« Lydias letzte Drehung vor dem Spiegel endet beinahe in den Armen der jungen Dame, die sie so freundlich begrüßt. Strahlend steht Dr. Sybille Aingsbacher, Politikberaterin und gelegentliche Mitarbeiterin im Stadtratsbüro Ihres Mannes, dem frischgebackenen Beauty-Kunstwerk gegenüber.

»Auch zu Gast beim Presseball heute Abend?«, beginnt Lydia von Lakin mit Handschlag den obligatorischen Smalltalk. »Eine Schönheitskur haben Sie in Ihrem Alter doch gar nicht nötig«, ergänzt sie scheinheilig, ohne Sybilles Antwort abzuwarten, und taxiert auffällig das mindestens zwei Jahrzehnte jüngere Gegenüber.

»Nein, nein ...«, erwidert Sybille Aingsbacher hastig. »Ich bin mit Verena zum Mittagessen verabredet. Die Schlirnauer Stuben bieten eine hervorragende Mittagskarte. Übrigens auch mit schmackhaften, kalorienreduzierten Gerichten«, ergänzt sie mit seltsam süffisantem Unterton. Sybilles aufdringlich wirkender Kennerblick scheint sich in Lydias mehr oder weniger gut kaschierter Speckrolle zu verfangen, die sich mit der Zeit in der Taillengegend verfestigt hat. Die eben noch dominierend vorherrschende Glückseligkeit weicht augenblicklich einer Verärgerung, die Lydia nur schwer verbergen kann.

Noch bevor sie zu einer schlagkräftigen Erwiderung ausholen kann, erklärt Sybille mit fester Stimme, dass sie selbstverständlich zum Presseball erscheinen wird. »Wir sehen uns also!«, resümiert Dr. Sybille Aingsbacher und wendet sich abrupt den frisch dekorierten Auslagen mit den sündhaft teuren Schönheitsprodukten des Salons zu.

Lydias Stimmung sinkt Richtung Gefrierpunkt. Sie geht zur Kasse, um die Rechnung zu begleichen und bedankt sich noch einmal bei Verena, der Künstlerin in Sachen Metamorphose. Schnell füttert sie noch das für jedermann sichtbare Sparschwein der Mitarbeiter. Dann stakst sie aufgedonnert und eilig davon.

»Sie ahnt nichts, sie sieht nichts, sie merkt nichts ...«, seufzt Sybille mit Blick auf die Salon-Tür, hinter der nur noch der davoneilende Schatten Lydias zu erahnen ist.

»Sie will es nicht merken ...«, ergänzt Verena, die ihre Freundin unterhakt, um endlich mit ihr in die wohlverdiente Mittagspause zu starten.

LAKINUNDDIE WAHRHEIT

»Wissen Sie, Herr von Lakin, ich habe tagtäglich mit vielen Menschen zu tun. Die meisten haben außer einer gebrochenen Biografie nicht viel zu bieten. Meine Erwartungshaltung ist daher nicht sonderlich hoch.« Trompt dreht ungeduldig an seinem Kugelschreiber, fletscht etwas seltsam mit den Zähnen und atmet tief . »Aber ...«, raunzt er und macht eine kurze Pause, »... ich erwarte zumindest Antworten auf meine Fragen. Ansonsten kommen wir hier nicht weiter. Sie müssen doch wissen, was Sie in den vergangenen drei Jahren gemacht haben? Sie müssen es mir sagen!«

Georg von Lakins leerer Blick gleitet in Richtung der beiden großen Fenster. Gerade so, als erhoffe er sich von ihnen den so dringend notwendigen Beistand. Langsam dreht er den Kopf und lässt den Blick über Trompts Schreibtisch gleiten. Dort hat alles seine Ordnung. Wenigstens dort. Trompts akribisch angeordnetes, beamtentypisches Sammelsurium trägt tatsächlich dazu bei, seinen Gedanken wieder mehr Klarheit zu verschaffen.

Abrupt hebt er den Kopf und schaut dem Fallmanager erstmals geradewegs und offen ins Gesicht. Die Blicke der beiden so unterschiedlichen Männer treffen sich: Augenblicke zweier Menschen, deren Lebensläufe unterschiedlicher nicht sein könnten. Doch bilden sie an diesem Punkt eine Art Schicksalsgemeinschaft mit beiderseitiger Hoffnung und Erwartung. Er, Lakin, wünscht sich, möglichst menschenwürdig aus der Sache herauszukommen und natürlich ein wenig Glück in Hinblick auf den Katalog der Anforderungen, die nun an ihn gerichtet werden. Trompts Erwartungen hingegen liegen in der möglichst erfolgreichen Vermittlung einer verkrachten Existenz. Das sichert seinen Arbeitsplatz. Vielleicht bringt es ihm sogar eine Beförderung.