KurzLeben - Lolita Büttner - E-Book

KurzLeben E-Book

Lolita Büttner

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Beschreibung

Bei einer Tasse Kaffee plaudert ein Rabbi mit einer Pastorin über Sex, irgendwo tauscht ein Elch den Wald gegen den Beifahrersitz eines Autos, in einer überfüllten Hotelhalle trifft ein Maler die schönste Frau der Welt und das Glück einer Familie wird vom Raben auf dem Nachbarshaus beschützt.Täglich begegnen sich Menschen und ziehen wie Wolken aneinander vorbei. 12 kostbare Augenblicke, Abenteuer und zwischenmenschliche Begegnungen.

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Seitenzahl: 64

Veröffentlichungsjahr: 2014

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Lolita Büttner

KurzLeben

 

 

 

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Inhaltsverzeichnis

Titel

AUTOBAHN

STICHTAG

RABENTAG

ANNA

DÉJÀ-VU

MITTAGSPAUSE

GROSSSTADT-SCHNEELEOPARD

DEAUVILLE

WAS IST EIN BUCH

KINDER

EUKALYPTUS UND ZIGARETTEN

GESPRÄCH EINES RABBI MIT EINER EVANGELISCHEN PASTORIN

Impressum neobooks

AUTOBAHN

von Lolita Büttner

Autos. Autos. Autos. Überall.

Das ich muss mal dringend Gefühl war kaum noch zu ertragen.

Endlich.

Ein Schild.

Er nahm die Ausfahrt ohne zu bremsen und kam mit quietschenden Reifen direkt neben den Toiletten zum Stehen.

Wie im Film, dachte er.

Übervorsichtig stieg er aus.

Nur eine falsche Bewegung und es könnte eine Sauerei geben. In einer Wolke aus Kloakendunst fand er Erlösung und als er zurückkam, blieb er vor seinem Wagen stehen.

Stumm.

Nachdenklich.

Auf seinem Beifahrersitz saß ein riesiger Elch aus Plüsch.

Er ließ seinen Blick über den Rastplatz schweifen.

Nichts.

Weit und breit keine Menschenseele.

Eigentlich war ihm das schon vorm Pinkeln aufgefallen.

Er ging ein paar Mal um das Auto herum.

Nichts Verdächtiges.

Ist das mein Auto?

Er las das Kennzeichen laut.

Nur um auf Nummer sicher zu gehen.

Eindeutig. Mein Auto.

Gut, dann fährt er eben mit, der Elch aus Plüsch.

Er kramte nach seinem Schlüssel und steckte ihn ins Schloss.

Abgesperrt habe ich auf jeden Fall.

Während er sich auf den Sitz plumpsen ließ und den Motor startete, sah er nicht ein einziges Mal zu dem Elch hinüber.

„Ich hoffe, dir wird beim Autofahren nicht schlecht!“

Er griff nach dem Beifahrergurt und befestigte ihn.

„Nur zu deiner Sicherheit.“

Mechanisch reihte er sich in die endlose Autokolonne ein, die nun eine fast beruhigende Wirkung auf ihn hatte.

„Ich bin Nimo.“

Seine Stimme bohrte sich durch das laute Motorbrummen. Der Blick des Elches war geradeaus auf die Straße gerichtet.

Kein Lebenszeichen.

Es regnete.

„Du bist mein erster Beifahrer. Kannst du das glauben?“

Er fummelte, drückte und drehte an den Radioknöpfen.

Es rauschte, fiepte, quietschte.

„Ich krieg’ leider nur selten Empfang. Muss an der Elektrik liegen.“, kommentierte er ernst und schnappte gleich darauf wie ein Fisch nach Luft, denn die Hand des Elches lag nun vertraut auf seiner. Eine Geste, die er nur von Frauen kannte.

Keine Einbildung. Weniger Tempo.

Er fühlte eine Anspannung in der Brust, ein Pochen im Hals und starrte auf das Profil des Elches, in der Hoffnung, jetzt werde er gleich etwas Beutendes sagen.

Nichts.

Nur das Radiorauschen, welches sich zaghaft in eine Radio-Dolby-Surround-Klangwelt verwandelte.

Dann Musik.

Listen to your heart, when he's calling for you...

In meinem Auto? Ein Wunder!

„Schon kapiert.“, hörte er sich selbst beruhigen.

„Du fährst lieber mit Musik.“

Er gab wieder mehr Gas und lenkte den Wagen auf die linke Spur, um den bedrohlich wackelnden LKW vor sich zu überholen. Der Plüscharm kehrte zurück an seinen Platz. Eine Weile lauschte er konzentriert der Musik bis er nicht mehr aushielt.

„Wie zum Teufel bist du nur in mein Auto gekommen?“, fragte er den Elch, der ihn doch tatsächlich mit seinen leblosen Plastikaugen aus milchigem Weiß und bernsteinfarbigen Kreisen direkt ansah. Eine Antwort, die er nicht erwartet hatte und er bremste.

Heftig.

Wieder quietschende Reifen, wieder filmreifes Parken seines Autos.

Alle Funktionen auf Null. Das Radio tot.

Auf dem Seitenstreifen - Atmen.

Du bist überarbeitet.

Alles wird gut. Alles ist gut.

Er schloss die Augen.

Gedankenblitze zuckten über seine Lieder. Im Kopf versuchte er nun den Lärm der Autobahn in Musik zu verwandeln.

1. Satz: Das Echo eines Hupkonzertes.

Das aber war nicht nur in seinem Kopf sondern draußen auf der Straße. Ein LKW stand quer auf der Fahrbahn. Der Gleiche, den er kurz zuvor überholt hatte. Die Heckklappen waren weit geöffnet und ein Teil der Ladung verstreute sich auf dem nassen Asphalt.

Wann war das passiert?

Plötzlich panisches Autobremsen.

Quietschen.

Schlittern.

Ein Crash.

Und Schreie.

Der Gestank von verbranntem Gummi zwang ihn, zum Handy zu greifen und den Notruf zu wählen. Gefasst und sachlich schilderte er die Situation und als er auflegte, stauten sich die Autos kilometerweit. Erschöpft sah er zu dem Elch hinüber, der wie zu Beginn ihrer Fahrt geradeaus auf die Straße blickte.

„Danke!“, flüsterte er und griff nach seinem Arztkoffer auf dem Rücksitz.

„Ich geh da jetzt raus. Helfen. Du bleibst hier und behältst uns im Auge!“

Er öffnete die Tür und ihm war als würde der Elch nicken.

Hastig zog er sich den zerknitterten Arztkittel über, hing sich sein Stethoskop um und lief auf die Unglücksstelle zu.

Da waren Autos, Autos, Autos. Überall.

STICHTAG

von Ute Bronder

Ich sage mir jedes Mal, das passiert dir nie wieder. Das nächste Mal wirst du die Zeichen erkennen. Aber der Klügere gibt nicht immer nach.

Oktober 2002, zu jeder Zeit.

Ort der Handlung: München, überall.

Ich saß in meiner Küche und rauchte die zehnte Zigarette. Neben mir lag das neue Rasiermesser, das ich Oliver zum Geburtstag geschenkt hatte. Gerade hatte er angerufen und mich gefragt, ob ich ihm nicht die Haare im Nacken schneiden könne, bevor er sich zu einem Geschäftsessen begibt.

„Ich gehe lieber alleine hin, Schatz. Du würdest dich sowieso nur langweilen!“, meinte er zu wissen. Komisch, dass er immer weiß, was mir gut tut, wenn es darum geht, dass er mich nicht dabei haben will. Meine Magensäure weiß schon gar nicht mehr wohin mit ihrem Saft. Die Einspritzlöcher sind überlastet, verstopft und wenn ich nicht aufpasse, platzt eine Röhre und die Flüssigkeit schießt in rasender Geschwindigkeit in meine Gehirnwindungen.

Ich wusste längst, dass da was läuft und normalerweise würde ich mich in meine Ecke zurückziehen und leiden. Lang und ausführlich. Aber etwas war mit mir geschehen. Ich würde meinem Leben einen Sinn geben. Endlich war das, wonach ich so lange gesucht hatte, plötzlich vor mir.

Ich begehe einen Mord, dachte ich fast euphorisch, und damit schlage ich zwei Fliegen mit einer Klappe. Der Person meiner Wahl bräuchte ich nie mehr über den Weg zu laufen und ich hätte mich verwirklicht. Oliver kann stolz auf mich sein. Er sagt doch immer, ich soll endlich mal was aus mir machen. Morden kann überaus kreativ sein.

Seit langer Zeit hatte ich wieder gute Laune.

„Was ist denn mein Kind?“

Meine Mutter stand auf einmal in der Küche. Sie hat einen Riecher dafür, mich in den unmöglichsten Situationen zu stören. Wahrscheinlich ist sie ein gescheitertes Medium oder so was.

„Hat er dich betrogen?“

Und ohne meine Antwort abzuwarten, griff sie nach der Keksschachtel und verschwand wieder im Wohnzimmer. Das macht sie immer so. Der Form halber fragt sie nach, wie es einem so geht und möchte aber um Himmels Willen keine Antwort.

Es gibt zwei Kategorien von Menschen: die einen zerstören und die anderen werden zerstört. Ich war zu diesem Zeitpunkt 35 Jahre alt, habe in den Medien gearbeitet und führte ansonsten ein stinklangweiliges Leben. Nicht zu auffällig, schön angepasst. Eine meiner Haupteigenschaften: Ich funktioniere. In meinem Job, in meiner Beziehung, in meiner Familie. Bloß nicht auffallen, war immer meine Devise.

„Juuudithhh!!!!“

„Jaaa, was ist denn, Mutter!“

„Meine Brille, bring' mir doch schnell mal meine Brille! André Rieu ist im Fernsehen.“