Küss mich in der Werbepause - Andreas Kurz - E-Book

Küss mich in der Werbepause E-Book

Andreas Kurz

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Beschreibung

Laura ist wunderschön, leider küsst sie nur in den Werbepausen eines alten französischen Films. Zwei Männer jagen komplizierte Fremdwörter in den Weiten der Natur. Ein Handwerker soll ausgerechnet ein Hexenhäuschen im dunklen Wald renovieren. Eine junge Frau pisst ins Bett ihres Ex, von dem sie noch den Schlüssel hat. Eine Nachbarin hat so fette Träume, dass diese vom Dach fallen. Gott läutet, aber erst will keiner aufmachen, dann gibt es Fegefeuer-Aktionstage im Keller. 30 Storys, die teilweise preisgekrönt wurden. Voller Humor und unerwarteter Wendungen, dazu einer großen Lust, mit Worten und ihrer Bedeutung auf einzigartige Weise zu spielen. Manchmal verträumt und poetisch, mal derb, mal zum lauthals loslachen. Ein gewaltiger Spaß für alle, die beim Lesen gerade die Abwechslung lieben.

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Seitenzahl: 190

Veröffentlichungsjahr: 2023

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Inhalt

Ich, ein anderer

Sorgen

Alles im grünen Bereich

Zu den Sternen

Fette Träume

Ein netter Abend

Mann im Angebot

Das verdammte Glück

Duftmarken

Chancen

Job im Wald

Der Rest vom Sommer

Müllers Zeit

Welt der Lizenzen

Erdbeerjoghurt

Seufzen

So Gefühle

Küss mich in der Werbepause

Papierschiffchen

Traumjäger

Etwas ändern

Die Katastrophe will ein Bier

Sommer

Schicksal

Dr. med. Wurst

Land der wilden Worte

Gott läutet

Höhlengeflüster

Keiner stirbt wie du

Kommen und Gehen

1 / Ich, ein anderer

Vielleicht lag es an der Jahreszeit. Winter. Da räumt man schon mal auf und kümmert sich um den Krempel, der sonst immer liegen bleibt. Auf jeden Fall sagten sie mir, es hätte einen Irrtum gegeben, schon vor langer Zeit und das Ganze sei auch recht peinlich. Doch jetzt sei man entschlossen, alle Fehler zu korrigieren, ein Beschluss der neuen Regierung, die dem Bürger ja viel mehr verpflichtet sei als die alte. Meine Identität sei falsch, eine Verwechslung gleich nach der Geburt, ein Softwareproblem oder so, der Verantwortliche sei bereits zur Rechenschaft gezogen und in den vorzeitigen Ruhestand geschickt worden. Mit vollen Bezügen versteht sich. Auf jeden Fall müsste hier an meiner Stelle ein anderer leben, der wäre auch schon mitgekommen und warte unten vor dem Haus im Wagen. Ich glotzte den Beamten nur an und der lächelte bemüht, sagte, ich solle mich bloß nicht aufregen, dazu gäbe es überhaupt keinen Grund, alles würde nun ins Lot kommen. Ich verstand nicht, aber der Typ, der auf ein Zeichen die Treppe herauf und auf mich zukam, lächelte freundlich und streckte mir gleich die Hand hin.

„Hallo“, sagte der Typ und wir schüttelten uns flüchtig die Hand. Er sah komisch aus in seinem weißen Overall.

„Das ist nun der Echte“, sagte der Beamte und prüfte noch einmal das Schild an der Tür. Er beugte sich dabei vor, wohl weil es ihm unangenehm war.

„Der Echte?“, fragte ich.

„Ja, ja“, sagte der Beamte. „Er hat bisher als Lothar Gubinsky in Essen-Fischlaken gewohnt und auch nicht geahnt, dass er eigentlich Sie ist, während Sie ja ein anderer sind.“

„Ich, ein anderer?“

„Das Softwareproblem, verstehen Sie?“

Ich lachte. Die Ahnung, dass ich eigentlich ein anderer bin, hatte ich schon oft gehabt.

„Wie wohnst du denn so?“, fragte der Typ und versuchte über meine Schulter hinweg in die Wohnung zu spähen. „Bei mir war’s nicht so großzügig.“

Mir schien, er freute sich richtig auf meine Bude, und ich neigte mich zur Seite, um ihm den Blick zu versperren.

„Die Heizkosten sind ziemlich hoch“, sagte ich, um seine Vorfreude gleich mal zu dämpfen.

„Alle diese Fälle werden nun rasch abgearbeitet“, sagte der Beamte und lächelte bürgernah.

„Das ist toll“, sagte ich.

„Darf ich?“, fragte der Typ, der jetzt ich sein sollte, aber er fragte den Beamten, nicht mich, und der Beamte sagte: „Nur zu, ist ja jetzt Ihr Leben.“

Der Typ schob mich zur Seite und strebte schnurstracks hinüber ins Wohnzimmer, wo noch der Fernseher lief und meine Frau Irmchen auf der Couch schlief.

„Moment mal“, rief ich, aber der Beamte hielt mich am Arm fest.

„Kommen Sie“, sagte er devot. „Wir müssen los.“

Ich wollte Schuhe anziehen und die Jacke nehmen, schon wegen dem Sauwetter draußen, aber das erlaubte er nicht. Das sei jetzt alles nicht mehr meins, sagte er und reichte mir einen billigen, weißen Overall mit dem Emblem seiner Behörde darauf, zwei Männchen, zwischen denen Pfeile hin und hergehen. Ich musste mich umziehen, komplett, auch die Unterhose. Bei einem Identitätswechsel sei das unabdingbar, erklärte der Beamte und wandte sich diskret ab. Ich wollte mich von Irmchen verabschieden, aber auch das war verboten. Der Identitätswechsel solle so behutsam und zurückhaltend wie möglich vollzogen werden, das sei die von Psychologen ausgearbeitete Vorschrift und schließlich ganz im Sinne des Bürgers. Der Lebenspartner soll es so wenig wie möglich als Bruch empfinden. Ich sagte, sie schläft und der Beamte meinte, das wäre sehr gut. Sie wird aufwachen, und der Wechsel ist bereits vollständig abgeschlossen. Es hat sich im Grunde nicht wirklich etwas geändert.

„Außer ich halt“, sagte ich, und er nickte.

„Natürlich. Aber die Partner sind nur selten ein Problem.“

Der Beamte lächelte. Er hatte wohl große Erfahrung.

Der Overall kratzte und zwickte zwischen den Beinen, als wir die Treppe nach unten gingen. Die weißen Gummischuhe waren zu eng und sie quietschten auf dem Parkett bei jedem Treppenabsatz. Ich maulte und der Beamte versicherte mir, dafür sei alles frei von Giftstoffen und hätte auch irgendein tolles Umweltzeichen. Auf der winterdunklen Straße stand ein Kleinbus im Schneetreiben, da saßen noch andere drin, alles Männer im Alter wie ich zwischen nicht mehr und noch nicht, also nicht mehr jung und noch nicht in Rente. Frauen waren nicht dabei, ging wohl getrennt und es war mir auch lieber.

„Tagchen“, sagte ich, aber die Gesichter blickten nur trübsinnig ins Leere. Alle trugen diese billigen Overalls und Plastikschuhe mit dem Umweltzeichen. Los ging’s die Straße runter und mitten im dicksten Schneetreiben auf die Autobahn. Keiner sagte etwas, und ich beugte mich über den Sitz nach vorn zu dem Beamten und fragte: „Sind das hier alles eure Irrtümer?“

„Leider Gottes, da hat sich viel angesammelt. Wenn man irgendwo anfängt, ist das wie eine Kettenreaktion.“

„Sie alle haben also im falschen Leben gelebt? Wieso hat sich da nie einer beschwert?“

Der Beamte zog ratlos die Schultern hoch. „Der deutsche Bürger ist eben sehr duldsam. Anders kann man sich das nicht erklären.“

„Aber er ahnt es“, sagte ich großkotzig und ließ mich zurück ins Polster fallen. „Irgendwie ...“

Der Beamte konzentrierte sich auf das Fahren, der Wischer schubberte hin und her, wir schlingerten mitten durch die Flocken und erst in der nächsten Stadt hielten wir wieder an. Der Beamte deutete auf einen Typen hinter mir.

„Rüdiger Müller, Sie gehören hier in den Drosselweg 7, dritter Stock.“

„Ich will wenigstens ein Haus“, sagte der Mann gereizt und hing im Sitz wie ein Fragezeichen. „Und Rüdiger will ich auch nicht heißen. Rüdiger ist Scheiße.“

„Tut mir leid“, sagte der Beamte und blätterte verlegen in seinen Unterlagen. „Es ist die Wirklichkeit, der wir uns alle stellen müssen. Rüdiger Müller hat es noch nicht weiter als bis hierher gebracht.“

„Dann steige ich erst gar nicht aus.“

„Aber das verlangt das neue Gesetz. Keiner soll mehr im falschen Leben verharren ...“

„Leckt mich ...“

Minutenlang ging es hin und her. Rüdiger ließ den notwendigen Bürgersinn vermissen und wir anderen begannen zu murren, es nervte. Schließlich packten wir Rüdiger und warfen ihn hinaus in den Schnee. Soll sich nicht so anstellen, der Blödmann. Der Beamte führte ihn nach oben. Ich sah, wie er Rüdiger auf die Schulter klopfte und ihm Mut zusprach. Viel bürgernäher als früher, dachte ich. Damals hätte man wahrscheinlich einen dämlichen Wisch gekriegt, melden Sie sich bis 31. Januar bei folgender Adresse und so weiter. Wenn Sie’s nicht tun, wird eine Strafgebühr über Euro dreihundert verhängt. Im Auftrag Huber, Amtmann. Wie ein Gestellungsbefehl der Bundeswehr, kennt man ja.

Ein anderer Mann wurde gebracht. Er trug wohl sonst eine Brille, weil er die Augen zukniff und unsicher wirkte.

„Schönen guten Abend“, sagte er höflich, als er zu uns einstieg und sich dabei das Knie anstieß. Ich hatte den Eindruck, als wäre er ganz froh, endlich wegzukommen. Ich glaube mal, alle dachten so, schon wegen dem Namen.

Wir rutschten weiter durch Kälte und Nacht und ich hatte viel Zeit, mir mein neues Leben vorzustellen. Wie würde ich wohl in Wirklichkeit heißen? Wo würde ich wohnen? Und mit wem? Wahrscheinlich hatten Irmchen und ich nur deshalb so oft gestritten, weil ich verwechselt worden war und als dieser Falsche gar nicht zu ihr passte. Vielleicht war der Sex darum so langweilig gewesen. Einmal im Monat und nur, wenn ich vorher meinen Krempel vom Küchentisch geräumt hatte. Aber wo sollte ich mit den alten Vergasern hin, wenn sie ne kleine Überholung brauchten?

Mir begann es zu gefallen, in diesem Bus zu sitzen und durch die Nacht zu rollen. Soll der andere ruhig mal morgen in meinen Betrieb gehen und meine Arbeit machen. Wird schon sehen, was es heißt, ich zu sein. Doch plötzlich überfiel mich undeutliche Angst. Was, wenn sie mir auch so einen dämlichen Namen verpassen? Als Rüdiger könnte ich nicht weiterleben, auf gar keinen Fall.

Wir hielten vor einem dieser Reihenhäuser, wie man sie vor dreißig Jahren schon nicht so toll fand.

„Karl Hans Meier“, sagte der Beamte. Sein Finger zuckte knapp an mir vorbei auf meinen Nachbar. Ich atmete auf. Noch mal Glück gehabt.

„Tut mir das nicht an“, stöhnte der Mann, stieg aber aus, ohne zu diskutieren.

„Nettes Häuschen“, versuchten wir ihn aufzumuntern, aber natürlich lachten gleich wieder ein paar Dummköpfe, die sich nicht im Griff hatten. Das Haus brauchte mehr als frische Farbe, das sah man auch im Dunkeln durch den ganzen vielen Schnee. Als eine dicke Frau öffnete und wütend die Augenbrauen zusammenkniff, brachen wir fast zusammen vor Lachen.

„Viel Spaß, Karli!

Diesmal kam kein Neuer mit. Der Beamte diskutierte mit der Frau, aber sie winkte arrogant ab. Gestern hätte die Frau den Kerl rausgeworfen und jetzt weiß keiner, wo er ist. Das bedeutete Überstunden für den Beamten und er fluchte in sich hinein. Im Wegfahren sahen wir, wie die Frau auch den Neuen rauswarf und er uns hinterher winkte. Auch schrie er wie ein Blöder. Der Beamte konnte da nichts machen.

„Weiß ja auch nicht“, sagte er entschuldigend. „Der Staat will sich so wenig wie möglich ins Privatleben der Bürger einmischen.“

Wir kurvten einmal quer durch die ganze Stadt. Als wir in die Straße einbogen, ahnte ich, dass ich jetzt drankam. Ein richtiges Nobelviertel war das, überall hohe Gartenmauern und elektrische Hoftore aus Schmiedeeisen. Die Eingänge der Häuser mit Säulenportalen und Kameras neben den Namensschildern. Ich fühlte meine wahre Identität.

„Dr. Georg Otto von Grafenstein“, sagte der Beamte, deutete auf mich und dann auf eine protzige Villa, die sich hinter verschneiten Tannen inmitten eines Parks versteckte und vor der ein gewaltiger schwarzer Bentley parkte. Die anderen im Bus stöhnten und zogen bedröppelte Gesichter.

„Genau!“ rief ich selbstsicher. „Ich wusste schon immer, dass ich zu mehr berufen bin als dem bisschen mit dieser Ingeborg oder wie immer sie geheißen haben mag.“

Ich schritt durch das Tor und schon fühlte ich mich zu Hause. Endlich. Der Schnösel im Hausmantel mit der Pfeife im Mund, der uns öffnete, hielt nichts von den Maßnahmen der Regierung und wollte mit seinem Rechtsanwalt telefonieren. Aber das ging ja nicht, denn ich war jetzt er und ich wollte ganz und gar nicht mit meinem Rechtsanwalt telefonieren. Er wurde weggebracht und ich zog mir gleich seinen Hausmantel an. Den Overall durfte ich nicht behalten, wahrscheinlich kochen sie ihn aus und nehmen ihn wieder her, wegen Öko oder so, gibt ja sonst Gemecker. Die angelutschte Pfeife ließ ich im Flur in eine Ritterrüstung plumpsen, die so kostbar glänzte, als wäre sie aus purem Silber. Ich wusste erst nicht, wohin, das Haus war riesig, schließlich entschied mich für eine Tür und fand dahinter den Pool. Hier war es warm wie im Sommer, Lichtflecke tanzten über die Decke, und eine blonde Schönheit rekelte sich ölglänzend und vollkommen nackt in einem Stuhl.

„Bring deiner Süßen einen Drink“, flötete sie mir zu. „Ich verdurste schon.“

„Was immer du möchtest“, rief ich, fand die reich sortierte Bar und kippte erst mal selbst einen Doppelten. Neben ihr war noch ein Plätzchen frei auf der Liege, ich ließ mich ins Frottee fallen und wusste, ich war angekommen. Ihr Lächeln war wie ein Stromschlag, reanimierte längst in Vergessenheit geratene Körperregionen und legte sich wie Balsam auf alle Wunden der Vergangenheit, auch die kleinsten.

Sie hieß Angelique - ein Künstlername - und sagte, wir würden uns noch nicht so lange kennen, erst seit der Weihnachtsfeier meiner GmbH und Co KG, bei der man sie und noch andere Mädels gebucht hatte, um ausgesuchte Kunden und natürlich die Geschäftsleitung bei Laune zu halten. Sie hätte auch kein Problem damit, dass ich ja wegen der Verwechslung jetzt an der Stelle des anderen hier wäre. Gar kein Problem. Sie unterstütze die Maßnahmen der neuen Regierung. Ich begann gerade an ihr rumzumachen, als es läutete. Ich beschloss nicht aufzumachen, denn mir war nicht nach Besuch und Smalltalk. Doch das Sondereinsatzkommando der Polizei kam auch so rein. Ich konnte wegen der Erektion nicht gleich aufstehen, also machte ich auf lässig und sagte: „Aber, meine Herren, was soll die ganze Aufregung?“

„Sind Sie Dr. Georg Otto von Grafenstein?“

Ich betrachtete die Blonde, ihre Brüste und ihren ölig glänzenden Körper und nickte emsig.

„Der bin ich“, rief ich aus.

Sie legten mir Handschellen an und schleppten mich mit. Ich sei verhaftet. Erst dachte ich, sie hielten mich für einen Einbrecher und versuchte ihnen von den Identitätskorrekturen zu erzählen, die die Regierung gerade aufarbeitet. Doch das war ihnen egal. Grafenstein, also ich, sei ein Millionenbetrüger und nun, nach Jahren penibler Ermittlungen, sei es endlich gelungen, ihm alles nachzuweisen. Was ein anderes Amt zur gleichen Zeit für notwendig empfindet, dürfe bei der Schwere des Falls keine Rolle spielen. Sie verhörten mich die ganze Nacht, aber ich konnte nicht viel sagen, ich wusste eigentlich nur, dass das Haus sehr schön war und einen Pool besaß, an dem eine Blonde, bei deren Anblick ein Mann verrückt werden konnte, einen Drink nahm. Die anderen Zimmer hätte ich noch gar nicht betreten. Die Polizisten zeigten Verständnis für meine Lage, ich hätte ja bald viel Zeit, mich in mein Leben und meine Taten einzulesen, alles sei notiert, ganze Leitzordner voll, ich bekäme Kopien.

Stolz sitze ich jetzt in meiner Zelle und lese jeden Tag etwas Neues über mich in der Zeitung. Mich ärgert nur, dass die Blonde mich nicht besucht, nicht ein einziges Mal, also versuche ich mich an Inge oder wie der Name auch immer war, zu erinnern, es das ist nicht so leicht, es war ja das falsche Leben, und ich Idiot hab es gar nicht gemerkt. Dabei war es doch ganz offensichtlich eine Nummer zu klein für einen wie mich.

2 / Sorgen!

Die Sorge war wieder da. Sie stand vor der Tür und klopfte. „Mach auf, ich will zu dir!“, jammerte sie, und ihre spitzen Knöchelchen pochten gegen das Holz. „Hau ab!“, schrie ich durch die Tür. „Ich bin nicht da.“ Da kicherte die Sorge und sagte: „Doch, doch, du bist schon da. Mach die Tür auf, damit ich dich umarmen kann!“

Sorgen sind widerlich. Wenn sie dich erst einmal ganz umarmt haben, gehörst du ihnen. Manchen Sorgen genügt das nicht, sie wollen einen auch küssen, Zungenküsse, Sorgenzungenküsse. Sie wollen alles, deine Seele, dein Herz. Sie greifen nach deinem Geschlecht und bieten sich dir an. „Fick mich!“, rufen sie. „Fick deine Sorgen, gib alles ... und denk an nichts anderes mehr!“

Ich glaube nicht, dass die Sorge, die diesmal vor meiner Tür stand und klopfte und klopfte, jammerte, greinte, quatschte, eine jener Sorgen war, die geknutscht und gefickt und geschwängert werden wollte – auf dass sie neue Sorgen gebären konnte, immer neue Sorgen.

Ich riss die Tür auf und schrie hinaus: „Verpiss dich, du scheiß Sorge, ich will dich nicht!“

Da sah ich erst, wie klein die Sorge war, wie sie zusammenschrak und für einen Moment ihr Maul hielt. Ich nutzte die Gelegenheit und verpasste ihr eine aufs Maul und ihre kleinen spitzen Zähnchen. Diese Zähnchen, mit denen die Sorgen immer an einem nagen. Sie taumelte, und ich sah ihren fetten Hintern, breit und weich und wabbelig, ein Sorgenhintern, in den man einfach treten muss.

Das tat ich.

Die Sorge polterte die Treppe hinunter, und ich schlug die Tür wieder zu, hängte die Kette ein und fühlte mich besser.

3 / Alles im grünen Bereich

Sie können es jetzt messen. Keine Ahnung, wie sie es rausgekriegt haben, aber für 'nen Hunderter stülpen sie jedem einen silbern schimmernden Topf auf den Kopf und rechnen am Computer den Faktor aus. Das Ganze dauert keine fünf Minuten, und sie machen viel Geld damit. Ihre chromstrahlenden Lastwagen stehen auf den Marktplätzen, und im Radio wird viel Werbung dafür gemacht.

Jeder ging hin, also auch wir, obwohl ich eigentlich keine Lust hatte. Doch meine Frau sagte, es ist das Geld wert, vor allem wegen der Gewissheit, die man dann hat. Meinen Einwand, für das Geld könnte man genauso gut ein Endspiel im Fußballpokal ansehen, mit Busfahrt und Bierchen in den Pausen, wischte sie weg, von wegen typisch und so.

Wir standen also in der Reihe, es war Samstag, und es kam mir vor, als wären alle da. Hätte ich nicht gedacht, selbst Bertram und seine Olle. Ich wusste, er hatte heimlich was laufen, drüben im Nachbarkaff – mit 'ner Apothekerin, wurde erzählt. Ich hatte die beiden natürlich nie zusammen gesehen, kam eigentlich auch nie in die Gegend. Das war ein Nest, mehr nicht, und die meisten machten Witze über die, die dort wohnen.

„Hallo, Bertie!“, grüßte ich ihn, hob sogar die Hand, aber er sah weg, tat so, als wäre da was unheimlich Interessantes, dabei war da nur ein Fahrradständer und ein Kiosk.

Meine Frau hatte sich bei mir untergehakt, das machte sie sonst nicht. Mich wunderte das, war aber kein schlechtes Gefühl, durchaus nicht. Wir standen in der Schlange vor dem Lastwagen mit den bunten Fähnchen oben auf dem Dach und hatten unsere hundert Euro in der Tasche. Es musste bar bezahlt werden, und zwar im Voraus – klar, gibt ja auch nur Streit sonst. Da sollen schon viele blöd geguckt haben, wenn sie’s erfahren haben, gab’s ja früher auch alles nicht.

„Na, Rudi“, feixte mich der kleine Jahnschmidt an. Ich ignorierte ihn, wollte mit keinem reden. Das brachte ja auch nichts, jetzt, so kurz vorher. Sicher war es besser, wenn man sich sammelte, die Gedanken zusammenhielt, sie nicht schweifen ließ; wenn man den Blick auf dem Pflaster parkte, die Latschen der anderen betrachtete, als würde man bald einschlafen. Nur nicht den Miezen nachstarren, die natürlich hier rumhingen und mit dem Hintern wackelten, weil sie wussten, dass man es jetzt messen kann und wir alle die größten Probleme kriegen würden.

Meine Frau schien wild entschlossen. Sie starrte geradeaus wie ein Feldwebel beim Appell und ließ sich nicht beirren.

„Bin mal gespannt“, sagte sie. Es klang wie eine Drohung, und mein Mund wurde trocken. Die Jugendlichen auf ihrer Bank tranken Bier, und manchmal pfiffen sie auf zwei Fingern, weil sie wollten, dass wir zu ihnen hinübersehen. Da standen ihre scharfen Tussis und schoben sich das T-Shirt hoch, nicht viel, nur über den Bauchnabel, wo das Ringlein blitzte. Wir standen Schlange, unsere Frauen am Arm, den Hunderter in der Tasche, und hatten nichts zu trinken dabei, aber 'nen trockenen Hals. Die Jungs lachten uns aus.

„Ich hol mir 'nen Schluck“, sagte ich und deutete auf Kanoppkes Stand. Der machte das Geschäft seines Lebens, aber Regine meinte: „Nicht jetzt!“, und hielt mich fest, hatte vielleicht auch so 'ne Ahnung, dass ich bei Kanoppke hängen bleiben könnte. Standen ja schon ein paar herum, deren Frauen nach ihnen riefen, aber sie winkten nur ab: „Ja, ja!“.

Es dauerte ewig, bis wir endlich die Metallleiter hochsteigen durften. Wenn ich ehrlich sein soll, hatte ich dauernd den Nabel von so 'ner Tussi im Kopf. Das Bild hing in mir fest wie bei einem abgestürzten Computer, du kannst auf die Tasten drücken und mit der Maus rutschen, so viel du willst, es passiert nichts mehr.

„Willkommen“, begrüßte uns ein junges Ding im Hosenanzug, aber ihr Gesicht war gelangweilt, wahrscheinlich, weil sie ihr Sprüchlein schon das hundertste Mal herunterbeten musste. Sie gab uns Formulare und bunte Kugelschreiber, die wir behalten durften. An einem Tischchen mussten wir alles ausfüllen, während sie denen vor uns die Blechnäpfe aufsetzten und den schwarzen Vorhang zuzogen, damit man nicht sehen konnte, wie sie ihre Messungen machten.

„Füll das lieber nicht aus!“, sagte ich meiner Regine. „Die schicken uns nur Vertreter, wirst sehen.“

Aber sie tippte energisch auf den Zettel und sagte: „Keinen Rückzieher jetzt!“

Also füllte ich alles aus, übertrieb maßlos beim Einkommen, auch bei den Hobbys, schrieb Golf und Polo. Wenn jemand fragte, konnte ich ja sagen, dass ich unsere Autos gemeint hatte.

Das Paar vor uns war schon am Streiten, als wir hinter den Vorhang gebeten wurden. Hinsetzen, Topf auf, Drähte dran.

„Tut nicht weh“, sagte das Mädchen.

„Wär ja noch schöner“, raunzte ich, „hundert Euro, und dann tät’s auch noch weh.“

Regine klatschte aufgeregt in die Hände und rief: „Endlich mal was Konkretes.“

Sie schalteten das Ding ein und wir mussten einander tief in die Augen blicken, so, als würden wir uns gerade ineinander verlieben, sagten sie. Wir sahen uns also an, ich musste lachen, Regine verdrehte die Augen, dann war es auch schon vorbei, und sie nahmen die Töpfe wieder ab.

„Wehe, wenn du wieder alles vermasselt hast“, sagte Regine.

Der Drucker jammerte seinen Text aufs Papier, das Mädchen riss ab. „Herzlichen Glückwunsch“, sagte sie, „3,8 ist ein guter Wert, voll im Durchschnitt.“

Sie gab uns das Papier, und wir mussten auf der anderen Seite wieder raus. Regine stolperte fast auf der Treppe, weil sie lesen wollte, was da stand. Mir war es eigentlich egal. Drei Komma acht, ich fand, das war eine Zahl, mit der man durchaus zufrieden sein konnte. Regine fing an zu jammern, sie habe sich viel mehr vorgestellt, und deutete auf ein Diagramm. Da gab es ein grünes Feld 3,5 bis 3,9 – mittelwohlwollende Zuneigung, eine gute Basis, stand daneben. Sie tippte mit dem Finger darauf und deutete hinüber zum dunkelvioletten Teil wahnsinnige Liebe, dazwischen gab es noch hellrot, mittelrot, blutrot, weinrot, dunkelrot, violett und was weiß ich.

„Ist doch nicht schlecht“, sagte ich und zog sie mit zu Kanoppke. Der hielt uns schon zwei Gläschen Prosecco hin, die gab’s im Sonderangebot für 'nen Fünfer. Kanoppke sagte: „Auf euch!“ Wir nahmen die Gläser, stießen an und kippten das Zeug runter. Regine las nur in dem Zettel, all den Scheiß, den sie über das Feld 3,5 bis 3,9 zum Besten gaben. Mal sagte sie: „Stimmt genau“, aber meistens sagte sie gar nichts, ihre Lippen formten lautlos den Text. Ich nahm noch ein Bierchen, lehnte mich an das Tischchen vor Kanoppkes Wohnwagen und gaffte den jungen Dingern hinterher, die mit ihrem Arsch wackelten, weil sie wollten, dass wir alle nur grüne und blaue Felder kriegen, jetzt, wo sie es messen können und wir endlich Gewissheit haben.

4 / Zu den Sternen