Ohne Ziel - Andreas Kurz - E-Book

Ohne Ziel E-Book

Andreas Kurz

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Beschreibung

Unschuld verliert man nicht, sie hört einfach irgendwann auf. Simon ist sechzehn und findet auf einem seiner Streifzüge durch den nahen Wald dort versteckte Gewehre. Eines davon nimmt er mit nach Hause. Als er durch Zufall auch noch in den Besitz einer einzelnen Patrone gelangt, ändert sich sein ganzes Leben. Fasziniert vom Gefühl der Macht kreisen seine Gedanken nur noch um die Tatsache, damit jederzeit Schicksal spielen zu können. Als er Blacky kennenlernt, möchte er ihr imponieren und verrät dabei mehr, als gut für ihn ist. Als sich schließlich die Besitzer des Gewehrs auf die Suche nach ihm machen, muss er sich entscheiden, ob er wirklich auf einen anderen Menschen zielen und abdrücken kann ...

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Seitenzahl: 296

Veröffentlichungsjahr: 2013

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Andreas Kurz

Ohne Ziel

1. Auflage Juni 2011

©opyright 2011 by Andreas Kurz

Lektorat: Metalexis

Titelbild von nimatypografik

unter Verwendung eines Bildes von

www.fotolia.de | silver bullet von miro kovacevic

ISBN: 978-3-939239-61-1

Alle Rechte vorbehalten. Ein Nachdruck oder

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1

Jemand hatte diesen Stein unter das Geländer gelegt, einen Pflasterstein, grau und silbrig glänzend, mit schiefen Kanten. Er starrte ihn immer an, wenn er vorüberging, die Brücke überquerte, über die Autos hinweg, die wie Projektile unter ihm hindurchschossen, als hätte sie irgendwo einer abgefeuert. Hinter der Brücke begann diePampa, da wohnte sonst keiner, nur er musste dort hin, aus dem Linienbus aussteigen, über dieschmale Brücke gehen, die höchstens mal ein Radfahrer benutzte oder ein Traktor. Für den Autoverkehr war sie gesperrt. Julio, die fette Sau, hatte ihm gerade noch auf die Schulter gehauen und gefragt, ob er jetzt wieder seine Schweine hüten ginge? Halt die Fresse, hatte er geantwortet.

Er hätte sitzen bleiben sollen, als sich die Türen öffneten, besser diese Penner als die Pampa und ein einsamer Nachmittag. Eines der Mädchen hatte ihmSchweinepriesterhinterhergerufen und dabei wie blöde gekichert. Die Türen waren zugeklappt, der Luftzug des anfahrenden Busses hatte Staub und Dieselruß in sein Gesicht gewirbelt, jetzt stand er allein vor dem Wartehäuschen mit den Graffitis,ÖSlan du SAU,Fick mir.

Willkommen zu Hause,Bandido.

Er zog eine Dose Bier aus seiner Umhängetasche, riss die Lasche auf, es spritze Schaum heraus, es zischte, er trank. Warme Brühe, aber es gefiel ihm, in so einem Moment die Bierdose rauszuholen, sich was reinzukippen, nicht gleich loszulaufen. Schon nach wenigen Schlucken stieg die watteweiche Woge hoch zum Hirn und trieb ihm den Schweiß aus den Poren. Er rülpste, zündete sich eine Zigarette an, wie immer, bevor er auch nur einen Schritt auf diese verdammte Brücke setzte. Sein Kopf fühlte sich an wie ein zum Platzen gespannter Ballon, in dem die Gedanken wie Klumpen trieben. Nichts passte zusammen, überhaupt nichts, er war verkehrt, alles war zum Kotzen verkehrt, er blinzelte in die Sonne, die sich hinter matten Schlieren versteckte, wollte nicht losgehen, wollte eigentlich nirgends hin, fühlte Wut wie in aufsteigenden Blasen, sinnlos und kaum zu ertragen.

Oben auf der Brücke der Stein. Er lehnte sich an das Geländer, trank weiter, betrachtete die Autos, tippte mit der Fußspitze gegen den Stein. Einen könnte es treffen, hier und jetzt, Stunde des Schicksals, macht euch bereit. Genau in die Windschutzscheibe, quer durch das Wageninnere und zur Heckscheibe heraus.

POW!

Der Gedanke war wie ein Flash, als ob er sich einen runterholte. Er trank, schnitt Grimassen,Bandido hasst euch, schüttete etwas Bier von der Brücke hinunter. Der Luftzug verteilte es, noch bevor es die Fahrbahn erreichen konnte. Vollidiot. Man schüttet doch kein Bier weg. Er sollte es lieber hinunterpissen. Sein Ding aus der Hose holen und auf ihre teure Straße pinkeln. Würden sie sicher gleich ne Streife schicken. Nach ihm suchen, ihn jagen, mit Hundestaffeln, Hubschraubern, der ganzen Armee an Pennern. Bandido fickt euch alle.

Als er weiterging, fühlte er sich wie ein Versager. Mit der Fußspitze gegen den Stein, kick und fertig, nicht mal das brachte er fertig. Hinter der Brücke begann ein Schotterweg, musste er sich an der Gabelung unter den krumm gewachsenen Bäumen rechts halten, parallel zur Autobahn, die hinter einem Damm rauschte und wimmerte und sang. Man hatte sie hier weggesperrt, die paar Arschlöcher, die keiner brauchte, deren flaches Haus mitten in den Feldern stand, als wollte sie keiner in seiner Nähe dulden.Mitten im Gemüse, wie Friedel es nannte, sein Großonkel, der Einzige eigentlich, der ab und zu mal auftauchte.

Er hasste es, bei seiner Oma leben zu müssen. In einem Museum, einem Haus, in dem die Zeit stillstand. In dem alles so aussah wie sonst nur auf gelblich verfärbten Schwarzweiß-Bildern, die andere wegwarfen.Hasenheidehieß die Gegend, man hätte sie genauso gutNiemandslandnennen können,Asshole-Country. Als ob irgendeine ansteckende Krankheit von ihnen ausgehen würde. Nur der Elektrozaun fehlte noch und die Wärter auf Türmen mit Gewehren und Scheinwerfern: Jagt die Mistkerle, knallt sie ab!

Er trank aus, warf die Dose in einem weiten Bogen hinaus ins Feld. Sie verschwand im Futtermais. Bald war Erntezeit, dann rollten hier die gewaltigen Maschinen, fraßen alles ab, furzten die Reste aus, danach war alles wieder kahl. Es gefiel ihm so, wie es jetzt war. Könnte immer so sein. Juli war keine schlechte Jahreszeit. Alles stand, quoll heraus, drängte sich um die besten Plätze und leuchtete in einem selbstgerechten, satten Grün.

Er zog sein Messer heraus,U.S. Army, und warf es gegen den nächsten Baumstamm, es blieb aber nicht wie erhofft in der Rinde stecken, sondern prallte nur ab, fiel zu Boden, lasch und lächerlich. An manchen Tagen war er richtig gut im Zielwerfen, diesmal aber nicht, seine Arme waren Fremdkörper, als hätte er sie sich nur ausgeliehen. Noch bevor das Messer den Boden erreicht hatte, kotzte ihn das Spiel schon wieder an, hätte er alles kurz und klein schlagen können, treten, beißen, kicken. In die Eier.

Ein Auto kam von hinten, nicht sehr schnell, die Steine sprangen von den Reifen, es knirschte, knackte. Nur kurz drehte er sich um. Ein alter Transit, grau, verrostet, eine Scheißkarre für Loser. Zwei Männer hockten drin, deren kalte Blicke ihn streiften wie Ohrfeigen, keine guten Gesichter. Auf dem Wagen standTischlereiWagnerin weißer, abblätternder Schrift. Die werden kaum zu seiner Oma wollen. Die hatte noch nie irgendwelche Handwerker ins Haus gelassen, wäre ja noch schöner, kostet schließlich Geld. Seinen Großvater, der das Haus mit eigenen Händen erbaut hatte, Stein für Stein, über Jahre hinweg, hatte er nie kennengelernt. Der war schon gestorben, als seine Mutter noch ziemlich jung war, voll derCrashmit seinem Wagen, nicht sehr weit von hier, er kannte die Einmündung, war oft dort gewesen. Irgendwelche Spuren gab es aber nicht mehr.

Der Lieferwagen hoppelte den Weg weiter, bald war nur noch das Knirschen der Steine zu hören, stand der Staub schwerelos in der Luft. Der Weg führte an ihrem Haus vorbei, hinüber in den Wald, irgendwann auch wieder auf eine Straße. Sicher suchten die Typen nur ein ruhiges Plätzchen, an dem sie sich vor der Arbeit drücken können. Er würde es jedenfalls so machen. Lohnte sich doch eh alles nicht. Was macht ein Tischler schon? Tische? Hat eh jeder. Scheiß Tische. Rennmechaniker könnte er sich vorstellen. Zu den großen Rennen in die USA reisen,StockCars,Nascars, all diese geilen Autos, die Aufregung, Fans, Topfrauen natürlich, Riesentitten, das alles. Leider aber war er hier gelandet, es gab Sonnenauf- und untergänge, mehr nicht, das war’s, sei zufrieden damit und freu dich, wenn es nicht regnet.

Ihr Haus verbarg sich fast unsichtbar hinter einem grünen Dickicht aus Haselnusssträuchern, Birken, Efeu und Dornengestrüpp. Der Weg, der von der Schotterstraße zum Haus führte, war zum schmalen Pfad geworden, eingesäumt von hohem Gras, Zweigen, Kraut. Kein Auto konnte hier mehr hinein, kein Traktor, nichts. Wird schwer für den Leichenwagen werden, wenn seine Oma mal nicht mehr aufwacht, das dachte er immer, wenn er hier entlangging. Heute aber war es noch nicht so weit. Sie saß auf der Bank vor dem Haus, die Hände im Schoß und schien ihn zu erwarten. Sie saß oft dort, in völliger Bewegungslosigkeit, mit dem Kiefer mahlend, die alten Augen offen, aber eigentlich wie schlafend. Sie las keine Zeitungen, keine Bücher, sie interessierte sich auch nicht fürs Fernsehen. Sie hörte Radio in der Küche oder hockte strickend im Wohnzimmer, in vollkommener Lautlosigkeit, nur das Ticken einer uralten Uhr im Hintergrund. Er hatte einen Fernseher, aber der stand oben in seinem Zimmer, wo er machen konnte, was er wollte. Sie kam nur ganz selten zu ihm hinauf in den ersten Stock, wo es außer ihm nur Plunder gab, Zeug, Kram, der zurückbleibt, wenn Leute sterben.

Er murmelte einen Gruß und ließ sich so hart neben ihr auf die Bank fallen, dass die alte Frau einen katapultartigen Hopser machte.

«Kommst spät, Simon.» Sie wandte sich ihm nicht zu, starrte weiter geradeaus.

«Ich komm wie immer … Ist schließlich ein Stück zu gehen. Hab ja kein Rad mehr.»

Man hatte ihm sein Rad gestohlen, obwohl es nichts Besonderes war. Er hoffte, sie würde jetzt sagen, geh und kauf dir eins, in die Tasche greifen und Geld herausholen, bisschen was hatte sie schließlich, aber sie sagte nur: «Du riechst nach Bier. Du hast getrunken.»

«Und wenn schon», murmelte er genervt.

«Ist nicht gut, wenn du trinkst. In diesem Haus wird nicht getrunken.»

«In diesem Haus wird so vieles nicht.»

Er könnte sie erschlagen. Nichts wäre leichter als das. Ein bestürzender Gedanke und dabei so reizvoll. Wie dieser Scheißstein auf der Brücke. Du kannst es tun, niemand hält dich ab. Ganz allein deine Entscheidung. Er starrte auf das Stück Rasen vor sich: die Beete, in denen seine Großmutter Kräuter, Salat und Gemüse anbaute, auch Kartoffeln, die Ernten waren fast immer gut, sie war geschickt, wusste, wie es geht, sie war auf einem Bauernhof aufgewachsen. Er half ihr manchmal, aber er konnte sich nichts merken. Im Jahr darauf hatte er alles längst wieder vergessen. Blödes Grünzeug eben, andere kaufen es im Laden und machen sich nicht diese Mühe.

«Hast sicher Hunger», sagte sie. «Geh rein, gibt gleich was.»

«Was denn?»

«Kartoffeln, Kohlrabi …»

Er lachte müde. Warum nicht nen Big Mac? Sie wusste sicher nicht mal, was das ist.

«Sei froh, dass es jeden Tag was gibt», sagte sie.

Sie provozierte ihn mit diesen Sätzen. Wahrscheinlich wollte sie das sogar. «Warum sollte es nicht etwas zu essen geben? Alle fressen sich doch voll.»

«War nicht immer so.»

«Vor hundert Jahren vielleicht.»

«Unsinn.»

Kann ihm dochscheißegalsein. Sollte er sich vielleicht auch noch dafür entschuldigen, dass er jetzt lebte und nicht beim Hitler oder beim Kaiser Franz oder wie diese ganzen Wichser hießen! Wirklich nicht. Bandido wird nachher noch ein Bierchen zischen. Irgendwo da draußen. Im Sommer war das Leben ganz leicht, brauchte es nicht viel für einen guten Tag.

«Musst nachher Holz hacken, Friedel hat was gebracht. Es liegt hinterm Haus am Schuppen.»

«Warum nicht.»

Es gab Schlimmeres als Holz hacken. Schule zum Beispiel oder Hausaufgaben, oder Mädchen mit geilen Tattoos, die dich nur auslachen und dir im nächsten Augenblick in den Schritt fassen, die dich mit dem Gefühl zurücklassen, gar nichts zu kapieren, nie.

«Vorher isst du was.» Seine Großmutter beugte sich vor, stellte sich auf die Füße, richtete sich auf. Sie streifte ihren verwaschenen Kittel gerade, ihre weißgrauen Haare hatte sie am Hinterkopf zu einem Knoten zusammengedreht. Sie war sehr klein, reichte ihm kaum bis an die Brust, Aber ihre Bewegungen waren rasch, zielgenau und sicher. Ein zähes, altes Wiesel.

«Komm jetzt», sagte sie und mit festen, kurzen Schritten eilte sie hinein.

Er legte die Hände in den Schoß, wie sie es gerade noch getan hatte, und starrte geradeaus. Kaute mit dem Kiefer. Betrachtete den Garten wie ein Kunstwerk im Museum. Außer ein paar tanzenden Mücken bewegte sich nichts. Er wusste genau, wie lang er sie warten lassen musste, bis sie zornig wurde. So lang wartete er immer.

2

Bandidotrug eine wilde, in Fetzen hängende Hose und ein Leibchen, mittlerweile etwas eng, er war ziemlich gewachsen, breiter geworden. Alles aus Kaninchenfell, sie hatten noch ganze Kisten von dem Zeug. Stammte vom Alten. Auch die Stallungen standen noch. Windschief und faulig, aber noch da, hinter dem Haus, zwischen Brennnesseln und Holunder. Darin hatten die Mümmelohren gesessen und gewartet, bis man sie an den Ohren herauszog und ihnen eins über den Schädel gab. Genug gelebt, Zeit für den Abgang. Kaninchenfleisch zum Essen, die Felle verkaufen. Damals muss das ein Geschäft gewesen sein, hatte ihm seine Oma jedenfalls erzählt. Nun aber war Bandidos Zeit gekommen, der Waldmensch, der Einzelgänger und Fährtenleser. Seit Jahren schon spielte er dieses Spiel, hatte es nie aufgegeben. Er besaß einen Bogen, einen Köcher und Pfeile. Wichtig war auch das Messer am Gürtel um den Bauch. Ein Stirnband. Zeit für ein wenig Ablenkung.Time for Bandido.

Er stand zwischen dem Maisfeld und dem Saum des Waldes im Brachland, dort, wo nie einer war, er kannte sich hier aus. Er konnte sich jetzt allein behaupten, war wehrhaft, gefährlich, unberechenbar, wurde zu einem, dem man besser nicht zu nahe kam. Er wollte im Wald überleben können, ohne fremde Hilfe, sich anschleichen, jagen, essen, ruhen. Einfach nehmen, was man braucht. Er hatte seine Routen, seine verschlungenen Pfade, die nur er kannte und nur er benutzte, mit Zeichen an den Baumstämmen, geheimen Codes und Hinweisen, er lief geduckt, warf sich auch mal hin, verharrte minutenlang bewegungslos, lauschte, zog einen Pfeil aus dem Köcher, spannte den Bogen, zielte und schoss.

Besonders war sein Bogen nicht, ein zufälliger Flohmarktfund, er hatte keine Ahnung, wer ihn gebaut hatte, vielleicht ein paar Wilde aus dem südamerikanischen Amazonasdelta. Von denen hatte er mal gelesen. Sie stopften ihre Pimmel in Rohre und wurden von den Holzlastern überfahren, weil sie noch in der Steinzeit lebten und nicht die größtenCheckerwaren. Der Bogen war eindrucksvoll groß, das schon, auch ließ er sich gut spannen, aber die Pfeile eierten davon, als wüssten sie eigentlich nicht, wohin. Mit ihnen etwas zu treffen, war reiner Zufall. Ein Reh war immer sein Traum, seine Oma könnte ihm zeigen, wie es geht, ausnehmen, Fell abziehen, das alles. Aber sie würde es nicht tun, denn es war verboten, und allein traute er es sich nicht zu. Also war er ganz froh, wenn die Pfeile weit an den Rehen vorbeigingen und sie bestenfalls vertrieben, wenn sie es überhaupt mitbekamen. Die Spitzen taugten nichts, mit dem Taschenmesser grob angespitztes Holz, das war im Grunde Pfusch, selbst die Urmenschen hatten schon Steinsplitter genommen, um die Durchschlagskraft zu erhöhen.

Heute hatte er auch noch die Keule dabei. Sie war nicht zu schwer, eher wie ein Baseballschläger, etwas dicker, etwas gröber, aber mit sattem Bums. Er stellte Flaschen auf, die er eigens dafür gesammelt hatte und zertrümmerte sie eine nach der anderen. Schrie dabei, lachte. Die Scherben spritzten. Kein schlechtes Gefühl. Er legte sich die Keule über die Schulter und marschierte herum. Bald nahm er das Ding vor sich in beide Hände, duckte sich leicht und fiel in lockeren Trab. Er spürte seinen Pimmel in der Hose rumhüpfen. Er hatte sie sich selbst genäht, wer sonst hätte sie ihm nähen sollen? Seine Oma ganz bestimmt nicht, da musste alles ordentlich sein. Langweilig, billig, aber ordentlich. Wir sind schließlich anständige Leute. Besonders schwer war es nicht gewesen, die Felle aneinanderzunähen, natürlich sah es vor dem Spiegel komisch aus, zottelig, wild. Aber es hatte was. Er lief, sein Ding hüpfte und wurde steif, er änderte die Richtung, zum Versteck an den Teichen. Mitten im Wald, nahe einer Lichtung, war ein sumpfiger Weiher, der mal mehr und mal weniger Wasser führte, aber eigentlich aussah, als wäre hier so etwas wie die Urwelt, ein noch von keinem Menschen berührtes Paradies. Das Wasser war im Sommer überraschend warm und niemals, auch nicht ein einziges Mal, war ihm hier jemand begegnet. Jetzt müsste er ein Weibchen aufstöbern, es jagen und fangen und ficken, ob es ihr passte oder nicht. Das wäre der Lauf der Dinge im Wald.

Am Teich wichste er. Der Orgasmus rollte über ihn hinweg wie eine heiße, schwere Woge aus Schlamm oder wie eine Walze aus abbrechendem Sand an einer Steilwand, die er hinaufklettern wollte und an der plötzlich alles nachgab, brüchig wurde, ihn mit sich riss und unter sich begrub. Ein Moment, nach dem er sich verzehrte und den er sogleich auch glühend hasste, fühlte er sich danach doch wie Dreck. Wie Auswurf. Ein Getriebener, der sich nicht unter Kontrolle hatte. Er stieg in den Teich und mitten darin ließ er sich umfallen. Nie mehr den Kopf heben und atmen, einfach ertrinken. Im Wasser treiben, bis der Körper sich zersetzt, die Knochen zum Grund sinken, die Seele zum letzten Furz wird, der sich im Wind zwischen den Ästen der Bäume verliert. Das Wasser schmeckte abgestanden, war voller schwebender Teilchen, es rauschte in seinen Ohren, knisterte, kleine Wellen umtanzten ihn. Er drehte sich auf den Rücken, zwischen den zitternden Blättern der Birken hindurch glühten rätselhaft die Lichtsäulen.

3

Er hörte Stimmen und duckte sich sofort. Mal glaubte er, sie oben zwischen den Baumwipfeln zu hören, mal weiter unten, mal schienen sie auch aus gar keiner Richtung zu kommen. Er war nicht mehr nass, aber auch noch nicht trocken. Er fror ein wenig, aber das muss man abkönnen im Wald. Wenn du nicht hart zu dir selbst bist, werden es andere zu dir sein. Das hatte er mal irgendwo gelesen. Es gefiel ihm nicht, wenn hier noch andere waren, er hasste es, jemandem zu begegnen. Natürlich war sein Fellanzug peinlich, lief nur ein Vollidiot in etwas Derartigem herum. Aber eine Weile berauschte es ihn, funktionierte das Spiel, bis irgendwann der Moment kam, an dem er ihn am liebsten endgültig fortwerfen wollte. Doch er wusste, schon am nächsten Tag kam der Drang zurück, diese mundtrocknende Lust, dieser lockende Kick. Er überlegte, die Stimmen zu ignorieren, seine Klamotten zu holen und abzuhauen. Aber vielleicht war es ja ein Pärchen und sie machten es.

Niemand kann einen Waldmenschen entdecken, wenn der es nicht will. Er lief so geduckt wie möglich, blieb immer wieder stehen, um zu lauschen. Nichts war mehr zu hören. Sie machen es, dachte er, sie machen es! Er durfte es nicht verpassen. Würden die beiden auf dem Boden liegen, könnte er plötzlich neben ihnen stehen oder sogar über sie stolpern. Unterholz nahm ihm die Sicht, junge Fichten, Sträucher, stacheliges Kraut, er riss sich die Unterschenkel auf, während er hindurchrannte.

Er entdeckte den Wagen, graues Blech, schimmernde Scheiben. Sofort warf er sich flach hin. Über Moos und feuchte Erde kroch er langsam darauf zu. Es könnte der Transit von vorhin sein. Nur kein Geräusch jetzt. Komischer Platz hier für zwei Typen. Mann, wenn dasSchwuliswaren, die sich hier die Pimmel reinsteckten. Darauf konnte er verzichten. Außerdem würden sie ihn sicher verprügeln, wenn sie ihn entdeckten. Oder sich ihn vornehmen, zu zweit, er hätte keine Chance. Die Hecktür des Kastenwagens stand offen, das konnte er erkennen, die beiden Männer sah er nicht.

Plötzlich wieder Stimmen, er zuckte zusammen, begann zu zittern. Nur die Kälte, wollte er sich beruhigen, nur die Kälte. Zwischen den Ästen und Blättern hindurch sah er die Beine eines Mannes, der hinter den Kastenwagen trat und sich hineinbeugte.

«Müsste man ausprobieren», hörte er den anderen Mann sagen.

«Kannst du vergessen.»

«Schon klar … trotzdem.»

Der Mann, den er sehen konnte, zog eine schmale, lange Tasche aus dem Kofferraum, die ziemlich schwer sein musste und trug sie zu dem anderen, der wohl hinter dem Wagen wartete. Irgendein Insekt krabbelte über sein Bein, es juckte, er schlug danach. Er hörte die Männer wieder reden, aber ihre Stimmen waren zu leise, um etwas zu verstehen. Näher ran konnte er auch nicht, denn der Kombi stand auf einer Lichtung, die nirgends Deckung bot.

Der Mann kam zurück, warf eine Schaufel in den Wagen.

«Lass uns endlich abhauen», rief er, schloss die Hecktür, zündete sich eine Zigarette an. «Wir machen hier schon viel zu lange rum.»

Rauchen, das wär’s jetzt, dachte Simon. Die Männer stiegen ein. Sie waren jung, vielleicht Mitte zwanzig. Den Fahrer konnte er sehen, er trug ein schwarzes T-Shirt und eine gefleckte Militärhose. Seine Oberarme waren kräftig und wild tätowiert, seine Haare sehr kurz. Ringe glitzerten in seinen Ohren. Der Motor sprang an und sie fuhren rückwärts zum Weg, von dem sie abgebogen waren. Endlich würde er aufstehen können. Doch der Wagen hielt und die Türen schwangen auf. Also hatten sie ihn entdeckt. Er wollte aufspringen und losrennen.

«Siehst du die Spuren?», sagte einer der Männer.

«Und? Sind halt irgendwelche Reifenspuren.»

«Voll Scheiße ist das. Wir brauchen Zweige …»

«Was denn für Zweige?»

«Um das wegzumachen … die Spuren. Kapiert?»

«Seh ich aus wie einer, der hier mit Zweigen rumwedelt?»

«Dann such dir was anderes.»

«Was ich brauche, ist ein kleiner Baum. Mit dem geht es, verstehst du? Ein kleiner Baum …»

«Dann such dir deinen Scheißbaum, Mann!»

Einer der beiden kam jetzt direkt auf Simon zu. Er presste sich noch tiefer auf den Boden, hielt den Atem an. Der Mann packte die erste kleine Fichte, die er erreichte und zog daran. Es gelang ihm aber nicht, den Baum herauszureißen.

«Was machst du da?», rief der andere Mann. «Lass den Unfug.»

«Was werde ich schon machen? Wofür hältst du das?»

«Wir wollen die Spuren beseitigen und nicht noch neue hinzufügen. Wenn du den Baum ausreißt und später irgendwo hinschmeißt, kannst du gleich ein Schild danebenhängen, dass wir hier waren. Das merkt ein Förster doch sofort, das fällt auf, er wird sich nur umso genauer umsehen …»

Der Mann ließ von dem Baum ab. «Du bist so ein verdammter Klugscheißer.»

«Nimm das hier.» Der andere Mann hob einen breit gefächerten Fichtenzweig auf, der bei Fäll- und Schälarbeiten liegen geblieben war.

Jetzt konnte ihn Simon sehen. Auch er trug ein schwarzes T-Shirt und gefleckte Militärhosen. Dazu schwarze Springerstiefel. Seine Oberarme waren noch gewaltiger, aber er war nicht tätowiert. Seine kurzen blonden Haare leuchteten, als wären sie künstlich. Er sah beeindruckend aus, ziemlich einschüchternd. Und gefährlich.

Die Männer zogen Tannenzweige über die Fahrspuren, gingen rückwärts dabei. Der Tätowierte tänzelte albern, machte sich lustig.

«Na, mach ich es auch richtig? Schau her … Ich geb mir Mühe, siehst du das? Schau her, du blöder Hund …»

«Mann, lass mich in Ruhe.»

«’N Klugscheißer bist du. Das sagen alle …»

Simon wunderte sich, dass der Blonde so ruhig blieb. Den brachte wohl gar nichts aus dem Gleis.

«Na, isses schön genug?» Der Tätowierte alberte herum, zog den Zweig über den Boden, als wolle er ihn streicheln.

«Okay, hauen wir ab.»

«Ja? Ist es gut genug? … Ist der Chef zufrieden? Sieh nur her … Sieh her.»

Der Tätowierte lachte, als ob er jeden Moment durchdrehen würde.

Endlich stiegen sie in den Kastenwagen und brausten davon. Simon drehte sich langsam auf den Rücken. Seine Hände zitterten, seine Beine waren vollkommen verkrampft. Aber er lächelte und fühlte sich gut. Er hatte es durchgezogen, sich angeschlichen und die beiden beobachtet, und die hatten nichts davon bemerkt. Es war sein Wald, er hatte es drauf, war richtig gut.

Er erhob sich, das Fell roch feucht und dumpf, nach nassem Hund, widerlich. Aus dem Umhängebeutel nahm er eine Zigarette, zündete sie an, sog den Rauch ein, bis ihm schwindelig wurde. Ob die beiden hier wohl irgendwelchen Müll entsorgten? Machten ja viele, um sich die Gebühren zu sparen. Er suchte nach der Stelle, an der der Kastenwagen gestanden hatte, die Reifenspuren waren noch zu erahnen. Wenn die beiden hier irgendwo ein Loch gegraben hatten, müsste er es doch ganz leicht entdecken. Nichts Auffälliges war zu sehen, nur altes Laub, Moos und Farne, Klee, Tannennadeln und braune, weiche Erde. Erst als er etwas einsank, als der Boden unter seinen Füßen eine Spur weicher und nachgiebiger wurde, hatte er die Stelle gefunden. Mit beiden Händen buddelte er in der Erde. Seine Finger ertasteten etwas Hartes, Glattes aus Plastik. Er drückte die Zigarette aus und grub immer weiter. Schwarze Plastikfolie glänzte zwei, drei Handbreit unter der Oberfläche. Es könnte etwas Giftiges sein, schoss ihm in den Kopf. Er betastete den Inhalt, wäre er weich, würde er abhauen. Aber er fühlte etwas Hartes, Metallisches, ein Gerät, eine Maschine, ein Ersatzteil, er riss die Folie ein, sah den matt schimmernden Lauf eines Gewehrs …

Stark.

Vorsichtig, ja ehrfürchtig, nahm er es hoch. Er hielt zum ersten Mal eine echte Waffe in den Händen. Sie war ziemlich schwer und groß, etwas, das er bisher nur auf Bildern, bei Ballerspielen oder im Fernsehen gesehen hatte. Ein Sturmgewehr mit Pistolengriff und kastenförmigem Magazin, Schulterstütze und Griffstück oliv, eine Militärwaffe. Er stand auf und legte an, über Kimme und Korn, sein Finger tastete nach dem Abzug, wollte abdrücken, aber der Bügel gab nicht nach, etwas blockierte. Er fand den Sicherungshebel, ließ ihn nach unten schnappen, legte wieder an, drückte ab, klick. Natürlich nicht geladen.

Behutsam legte er das Gewehr neben sich. Da waren weitere Plastikhüllen vergraben, mehr Gewehre, andere Waffen, wer weiß, was noch alles, die beiden Männer hatten lange Zeit hier verbracht, sie könnten den ganzen Kombi voll mit allem Möglichen gehabt haben. Fieberhaft begann er zu überlegen. Was sollte er jetzt tun? Alles ausgraben, woandershin schaffen? Er fror und hatte keinerlei Werkzeug dabei. Er würde wenigstens eine Schaufel brauchen. Ein Plan musste her, nur rasch. Das Wissen um dieses Geheimnis war wie ein Schatz, den es zu hüten galt. Nervös blickte er sich um, plötzlich hatte er das Gefühl, beobachtet zu werden. Aber da war keiner, nirgends, er war allein.

Er wickelte das Gewehr zurück in die Plastikhülle, legte es an seinen alten Platz und warf Erde darüber. Wenn sie es heute vergraben, werden sie es sicher eine Weile hier liegen lassen wollen. Er könnte also morgen zurückkommen und …

Nein, verdammt, dachte er und nahm das Gewehr mit. Es war schön, es war wertvoll, es gehörte jetzt ihm. Zurück am Waldrand zog er sich um, streifte die Felle ab, warf sie zu Boden, kickte sie weg, schleuderte den Bogen ins Gebüsch, warf Köcher und Pfeile hinterher. Scheiß Waldmensch, dieser lächerliche Wichser interessierte ihn nicht mehr. Er hatte besseres zu tun, war gerade ein anderer geworden.Bandido 2.0. Bisher hatte der Name, den er sich selbst gegeben hatte und den nur er kannte, nie richtig gepasst. Aber das würde sich jetzt ändern. Seine Hände tasteten nach dem Gewehr in der Umhüllung.

4

Kühler Wind ließ die Bäume vor seinem Fenster rauschen, fern bellte ein Hund. Er lag nackt auf seinem Bett, schwitzte und konnte nicht schlafen, nicht eine Sekunde. Sobald er die Augen schloss, sah er das Gewehr. Legte damit an, schoss, traf irgendein winziges, fernliegendes Ziel, wechselte das Magazin, lud durch, legte wieder an, schoss, schoss, schoss. Trug in seiner Fantasie die Waffe auf dem Rücken und sprang geduckt durch Wälder, das Gesicht geschwärzt, in der Camouflage-Uniform einer Elitetruppe. Niemand konnte ihm das Wasser reichen, wenn er ohne einen Laut über Wurzeln und durch Büsche, durch Morast und Stromschnellen sprang. Er ließ sich seitlich aus seinem Bett herausfallen, ging in Deckung, flach auf dem abgeschabten Läufer, tat so, als legte er die Waffe an, drückte ab, fühlte den Rückschlag, stellte sich die Wucht des mit ungeheurer Energie enteilenden Projektils vor, den Einschlag Sekunden später, weit vorne, genau auf den Punkt. Sein Schwanz wurde steif und er rieb ihn am Teppich.

Er würde es allen zeigen. Schließlich nur eine Frage des Trainings, schon morgen könnte er damit beginnen. Sich einfach alles selbst beibringen. Er brauchte schließlich niemanden, scheiß auf die anderen, fickt euch, fresst Müll.

Er stellte sich ans Fenster, starrte hinaus ins blauschwarze Nichts, wichste ein bisschen, hatte eigentlich keine Lust dazu. Über der Autobahn hinter dem Wall schimmerten die wandernden Lichter der Fahrzeuge. Warum hatte er das Gewehr nicht irgendwie hierherauf in sein Zimmer geschafft? Seine Oma war doch leicht zu übertölpeln. Er war ein verdammter Feigling. Würde man die Waffen im Wald vergessen, sie dort liegen lassen für hundert oder für tausend Jahre, wären sie irgendwann unbrauchbar wie die blätternden Reste eines römischen Bronzeschwerts im Museum.

Er starrte in die Nacht, und ein kaum zu bändigendes Verlangen nach der Waffe dort unten entbrannte in ihm. Er zündete sich eine Zigarette an, seine nervösen Hände waren ungeschickt. Er holte sich ein Bier aus der Tasche, riss die Büchse auf, trank den Schaum ab, der herausquoll.

Verfluchte Warterei.

Er sah sich um. Sein Zimmer, diese öde Bude, kotzte ihn an. Sie hatten ihn abgeschoben in dieses Nichts hier, seine Schlampenmama und sein Mir-doch-egal-Papa. Hier würde er immer allein sein, immer. Dazu diese komische Alte da unten, war sie überhaupt seine Oma? Vielleicht war sie ja auch nur irgendjemand, dem sie Geld gegeben hatten, um ihn los zu sein.

Wie gerne würde er so werden wie der Blonde im Wald, so kräftig, so gelassen, alles im Griff, respektiert. Nicht unsichtbar. Er trank hastig aus und das warme Bier trieb ihm den Schweiß aus den Poren. Er warf sich rücklings aufs Bett, spielte an seinem Schwanz, fühlte sich wie ein Tier im Käfig. Nichts konnte er tun, nur warten, abwarten, Zeit absitzen. Er öffnete eine Schublade, zog Hefte heraus, starrte die Körper der Mädchen an, flache, papierne, geile Leiber, die so taten, als wären sie scharf auf jeden, der sie anglotzte. Gesichter mit aufgeworfenen Lippen, kleine Biester mit Tittchen, die er niemals berühren wird …

Er zerdrückte die Zigarette im Gesicht eines der Mädchen, die ihm eigentlich immer besonders gut gefallen hatte. Von der er sich hundertmal schon gewünscht hatte, sie endlich in die Hände zu bekommen. Die er angestarrt hatte, wenn es ihm kam, wenn er den Orgasmus aus sich rauskotzte.

Er löschte das glimmende Papier, blätterte ein paar Seiten um, bis nichts mehr vom Brandloch zu sehen war. Wieder begann er sich zu hassen. Dreck war er, nichts weiter, einfach nur Dreck, sie hatten schon recht.

Ein Auto näherte sich.

Das Geräusch machte ihn sofort hellwach. Nachts kam hier so gut wie nie ein Wagen vorbei. Von seinem Fenster aus konnte er die Straße, die am Haus vorbeiführte, sehen. Scheinwerferlicht zuckte durch die Äste der Büsche und Bäume. Der Wagen fuhr langsam auf dem staubigen Schotterweg. Wie spät war es? Sein Wecker zeigte halb zwei. Sicher der graue Kastenwagen, sie werden ihre Waffen holen wollen, haben irgendwie ein schlechtes Gefühl bekommen, also besser noch mal raus und die ganzeScheißewoanders hin. Der Wagentyp war nicht zu erkennen, keine Limousine, aber ob es der Transit war?

Er starrte auf die roten Rücklichter, presste sein Gesicht gegen die Scheibe, bis der Wagen hinter dem hoch stehenden Mais verschwunden war. Eilig zog er sich an, schlich zur Treppe, ließ sich auf dem Geländer rutschend nach unten gleiten, so vermied er die knarrenden Holzstufen. Durch die hintere Tür in den Garten verließ er das Haus. Sie wurde nie versperrt, blieb oft nur angelehnt, als wäre es nichts anderes als der Durchgang von einem Zimmer ins nächste. In der Dunkelheit sah er kaum, wohin er trat, trotzdem war es ein Leichtes für ihn, sich zurechtzufinden, tausend Mal war er diesen Weg schon gegangen. Vorn auf der Straße begann er zu rennen, hinüber zum Wald. Schnell fand er den Wagen. Er war von der Straße abgebogen und parkte auf dem Brachland eng am hoch aufragenden Mais. Er war enttäuscht. Der unbeleuchtete Wagen war nichts weiter als ein gewöhnlicher Kombi, kein Kastenwagen. Irgendein Pärchen, das hierherumfickte.Er hockte sich am Waldrand auf den Boden, lehnte sich an einen Stamm, stieß mit dem Kopf gegen die Rinde, immer wieder. Wegen diesen Idioten war er hierhergerannt. Gab Zeiten, da sah er gerne zu, wie andere es trieben, aber nicht jetzt, nicht hier. Sehr leise drangen Stimmen aus dem Auto, eine Frau lachte manchmal, zu sehen war nichts. Er nahm einen Tannenzapfen und warf ihn in die Richtung des Wagens, traf aber nur ins Gras. Er hasste die beiden in ihrer Blechbüchse, erhob sich, ging darauf zu, die Hände in den Taschen. Sie lagen auf dem Beifahrersitz, die Lehne war heruntergeklappt, der Rücken des Mannes verdeckte die Frau fast vollständig. Überall nur verrutschte Kleidung, Jacken, Hosen, kein Bild zur Belohnung für einen wie ihn. Mit flachen Händen trommelte er wild aufs Wagendach, schrie irgendwas, keine Worte, eher Schmerz, ein Aufjaulen, rannte fort, kühlte sich an den aufgeregten Stimmen hinter ihm. Zu Hause holte er das Gewehr aus dem Kaninchenstall und schlich damit hinauf in sein Zimmer. Auf der Treppe hörte er seine Oma hinter ihrer Tür schnarchen, sie hatte also nichts bemerkt.

Jetzt lag das Gewehr vor ihm auf dem Bett, metallisch dunkel glänzend, ein Ding aus einer anderen Welt. Lange hockte er nur davor und betrachtete es, mit klopfendem Herzen und gepresstem Atem, mit trocken werdendem Mund, ab und zu streckte er seine Hand danach aus, ließ die Fingerkuppen darübergleiten. Er zog das Magazin heraus, es war leer. Er hielt die Waffe vor sich und starrte in den Lauf. Sein Puls beschleunigte, so würde es ein Gegner sehen, dem man die Knarre an den Kopf hält.

«Pow!», sagte er leise.

Draußen fuhr der Kombi mit dem Liebespaar zurück. Er hechtete zum Fenster, legte die Waffe an, fixierte den Wagen zwischen schwarzen Ästen und Gestrüpp, doch obwohl der langsam fuhr, bot er kaum ein Ziel, war er schon vorbei, rot schimmernde Rücklichter, das Rumpeln der Reifen auf den Steinen und Schlaglöchern.

«Du musst schneller werden», sprach er mit sich selbst.

5

In der Schule schlief er schon in der ersten Stunde ein. Die Lehrerin machte sich lustig über ihn und auch die Klasse lachte ihn aus. Es war ihm egal, er wollte gar nicht mehr dazu gehören. Als die Stunde zu Ende war, packte er seine Tasche und haute ab. Spazierte in der Stadt herum, durchstreifte Kaufhäuser, starrte junge Dekorateurinnen an, die in Schaufenstern arbeiteten und beim Bücken ihren halbnackten Hintern aus den Jeans streckten. An einem Imbiss trank er Bier, er hatte nie Probleme, es zu bekommen, die meisten hielten ihn für achtzehn oder noch älter, auch wenn er es noch lange nicht war, er rauchte, stopfte sich eine Leberkäs-Semmel hinein.

Einer Idee folgend betrat er eine große Buchhandlung und suchte bei Fachbüchern nach Waffen. Die Auswahl überraschte ihn. Es gab alles, von der technischen Entwicklung bis zur Übersicht an modernen Jagdwaffen. Antike, Mittelalter, Neuzeit. Erster Weltkrieg, zweiter Weltkrieg, Bundeswehr, U.S. Marines, Special Forces, prächtige Bildbände mit Panzern und Uniformen, Geschützen und Flugzeugen, U-Booten, Schiffen, alles im Detail, Schnittzeichnungen, Rangabzeichen, Orden. Viele Menschen interessierten sich also für Waffen, für Krieg, für Action. Schon auf der Titelseite erkannte er sein Gewehr.

Die Waffensysteme und Fahrzeuge der Bundeswehr.

Er besaß ein G 3. Unverwechselbar, das war das Gewehr, das er ausgegraben und mitgenommen hatte. Das er zwischen der Matratze seines Bettes und dem Lattenrost versteckte. Auf dem er fortan schlafen, es immer in seiner Nähe haben wollte. Sofort wollte er das Buch kaufen, aber er hatte keine 39,99 €, die das Buch kosten sollte. Er steckte es in seine Tasche, sah sich noch nicht einmal kurz um, erhob sich und verließ das Geschäft. Keiner interessierte sich für ihn. Überall nur Penner, dachte er.

Nicht sehr weit entfernt ließ er sich auf eine Bank fallen und blätterte in dem Buch.

Kaliber 7,62 mm. War das groß? Klein?Kampfentfernung: bis 300 m. Mit Zielfernrohr: 600 m.Patrone: 7,62 x 51 mm. Er nahm das Lineal aus seiner Tasche, hm, das kam ihm klein vor.Anzahl der Patronen im Magazin: 20. Zwanzig Schuss also, nicht schlecht.Kadenz: 550 Schuss/min.

Ratatatat!, dachte er. Geil!

Das G 3 ist eigentlich eine Weiterentwicklung des Sturmgewehrs 44 der Wehrmacht. Seine Vorläufer wurden noch während des Krieges getestet, doch kamen sie nicht mehr zur Serienfertigung …

Das G 3 wurde 1959 bei der Bundeswehr eingeführt.

So altmodisch kam es ihm gar nicht vor. Es sah doch gut aus mit dem Pistolengriff und dem rechteckigen Magazin, richtig gut. 1959, wann war denn das? Selbst seine Mutter war erst 1971 geboren worden, die blöde Schlampe, zur Hölle mit ihr. Vielleicht hatte er jetzt ein Gewehr, das älter war als seine Mutter, zu komisch. Nur spielte das überhaupt keine Rolle, Knarre war Knarre, Hauptsache, sie funktionierte. Allerdings nicht ohne Munition.