Nizza Blues - Andreas Kurz - E-Book

Nizza Blues E-Book

Andreas Kurz

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Beschreibung

Josef Kaspari, Spitzname "Joe der Vollstrecker", ist freier Fernsehkameramann und mittlerweile fünfzig. Seine letzte Beziehung "Claudi-Schatzi" hat sich grußlos von ihm verabschiedet. Er ist wütend und fühlt sich ausgebrannt. Wenigstens fällt der einwöchige Dreh in Nizza für ein billiges Boulevardmagazin etwas aus dem Rahmen. Den preist er seinem siebzehnjährigen Sohn Chris gleich mal als Spontanurlaub an, will ihn aber später als Assistenten mit auf die Rechnung setzen. Chris lebt seit der frühen Trennung seiner Eltern bei seiner Mutter in einer protzigen Villa am Bodensee. Joe rechnet nicht damit, doch Chris nimmt das Angebot seines Vaters tatsächlich an. Als Joe seinen Sohn abholen will, steht allerdings noch Viviane vor ihm, Chris neue Freundin, bereits zwanzig und von betäubender Schönheit. Zu dritt machen sie sich auf den Weg nach Südfrankreich. Eine Fahrt ins perfekte Chaos. NIZZA BLUES ist eine bitterböse Satire auf die Welt der Medien, voller Wendungen und Überraschungen.

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Seitenzahl: 320

Veröffentlichungsjahr: 2022

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When the moon hits your eye

like a big pizza pie, that’s amore …

Dean Martin

Inhaltsverzeichnis

INTRO

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Kapitel 16

Kapitel 17

Kapitel 18

Kapitel 19

Kapitel 20

Kapitel 21

Kapitel 22

Kapitel 23

Kapitel 24

Kapitel 25

Kapitel 26

Kapitel 27

Kapitel 28

Kapitel 29

Kapitel 30

Kapitel 31

Kapitel 32

Kapitel 33

Kapitel 34

Kapitel 35

NACHTRAG

INTRO

Wie ein Tag eben so begann. Ich erwachte und fühlte nichts als leere Wut. Ich zwang mich aufzustehen und die ganzen kleinen Morgenrituale in Bad und Küche durchzuhalten. Ich musste dazu noch eine Reisetasche packen und eine Woche vorausplanen. Das hätte ich besser schon am Abend vorher erledigen sollen, in aller Ruhe nämlich, planvoll und überlegt. Es war mir nur leider unmöglich gewesen, meinen Hintern auch nur eine Handbreit vom Sofa hochzukriegen. Mir wäre auch der Weltuntergang scheißegal gewesen. Ich öffnete also den Schrank, nahm die jeweils an oberster Stelle liegenden Kleidungsstücke heraus und ließ sie in die Tasche fallen. Diese Methode der Wahl des Nächstbesten wiederholte ich im Bad. Dabei schrie ich nicht herum oder warf etwas gegen die Wand, was eine echte Leistung war, könnt ihr mir glauben.

Als ich in meinem Wagen saß und mir an der nächsten roten Ampel die Zeit stehlen ließ, nannte ich den unerträglich gut aufgelegten Moderator im Radio ein blödes Arschloch, wobei ich mein Lenkrad malträtierte. Es war das erste, was ich nach einem sehr langen, sehr einsamen Wochenende von mir gab. Nicht mal telefoniert hatte ich, kein Wort, zu niemandem. Nur zu viel Bier getrunken, zu viel Netflix geglotzt und zu viel Aldi-Pizzas gefressen. Das alles mit 500g Vanille-Eiscreme Happy-Family-Poppy-Chrispies aus der Sonderaktion abgerundet. Und mit Chips. Burgern. Heavy Metal. Pornos. Noch mehr Pornos. Dem üblichen Trost des 21. Jahrhunderts in schwerer Stunde.

Wisst ihr, was mal mein Spitzname war?

Interessiert euch wahrscheinlich einen Scheiß, sag ich euch aber trotzdem.

Joe, der Vollstrecker.

Klingt doch gut, oder? Nach echter Ansage. Kommt schon, gebt es zu. Wen würdet ihr erwarten, wenn es hieße, da käme Joe der Vollstrecker? Ihr würdet innerlich in Deckung gehen, zumindest ein bisschen, ihr wärt neugierig geworden, wolltet mehr über den Typen wissen. Dabei hatte ich nichts weiter als einem zugekifften Punk, der mir die Kamera von der Schulter stoßen wollte, eine gescheuert. Gott im Himmel, ich bin Kameramann, das war ein Reflex gewesen, mehr nicht, bloß hatte ich ihn halt noch, diesen Reflex, während sie den anderen Typen um mich herum längst die Eier amputiert hatten. Der Punk fiel hin wie ein nasser Sack und Ruhe war, eigentlich nicht der Rede wert, also für mich war das damals weiter kein Thema mehr gewesen, abgehakt und vergessen. Doch damit hatte ich ein paar Jungredakteure ziemlich beeindruckt. Sportlich war diese Sorte Kommunikationsstudenten ja eher selten, dafür voller Sendungsbewusstsein, von wegen Klimaschutz und Weltverbesserung per Online-Botschaft, tipp-tipp-tipp, wir haben uns jetzt alle lieb. Mit ziemlicher Sicherheit hatten sie ihre letzte Rauferei bereits in der Vorschule hinter sich gebracht. Danach schmiss sich dann immer schon beim leisesten Ansatz eines Konflikts irgendeine Blümchentante dazwischen, oh, das wollen wir hier nicht, sprecht lieber über eure Gefühle, alle Menschen sind doch Brüder, oder sie sind Schwestern, oder queer, was weiß ich, was sie denen über die Geschlechter erzählt haben, Pimmel oder Möse war es jedenfalls nicht, kommt mir vor. Viel zu simpel. Dafür mussten sie sich wahrscheinlich dauernd die Hände geben und schon ging’s ab in den Waldkindergarten, wo sie ihren Namen tanzen und Bäume umarmen durften.

Oder so.

Hey, ich hab keine Ahnung.

Woher soll ich das auch wissen? Not my generation, versteht ihr?

Mir hatten sie damals eine Anzeige verpasst, das volle Programm, sogar vor einen Richter schoben sie mich, besser gesagt, eine Richterin, ein heimtückisches, kleines Luder. Notwehr? Aber nicht doch. Ich hätte den Wichser zuerst darauf hinweisen müssen, dass ich sein Verhalten nicht billige. Ihn mehrfach vorwarnen müssen. Am besten schriftlich in drei Ausfertigungen. Aber sicher doch. Da saß der Vogel mit seinem Kopfverband und machte auf Opfer, 60 Kilo erbärmliche Jämmerlichkeit, und daneben ich. Mehr als einen Kopf größer, doppelt so breit, doppelt so schwer, und komplett angepisst von dem ganzen Stuss, den alle verzapften. Schmerzensgeld, Sozialstunden und die Teilnahme an einer Therapiegruppe standen am Ende auf meinem Deckel. Die hatten sie nicht mehr alle.

Fortan aber war ich in der Redaktion Joe, der Vollstrecker. Immerhin etwas.

Eine Weile geilt sich dein Ego an so einem Spitznamen ja auf, muss ich zugeben. Dann nutzt es sich nach und nach ab, irgendwann wird es einfach nur lächerlich.

Früher gab’s wenigstens noch Helden im Kino. Eineinhalb Stunden Loneley-Wolf-Idylle, die Gerechtigkeit siegt, wunderbar anzusehen und mit zu träumen. Man sitzt im Dunkeln, Pulle Bier, hat Spaß. Das sind Märchen für Kerle, die im echten Leben nur auf die Fresse kriegen, aber auch das schaffen sie gerade ab. Die Jugend ballert sich in endlosen Schleifen durch virtuelle Räume und mäht grußlos nieder, was sich ihnen in den Weg stellt, Männer, Frauen, Kinder, egal. Nur Kill, kill, kill, was für ein Kindergarten. Irgendeine Story brauchen die gar nicht mehr, alles nur Just for fun. Aber wenn’s zur Tür raus geht in die dritte Dimension, ist alles unerwünscht, verboten, abgeschafft.

Muss ich das verstehen?

Und wollt ihr das überhaupt hören?

Wahrscheinlich nicht.

Joe, der Vollstrecker, also ich, war mittlerweile fünfzig, verkatert, und fand sich selbst zum Kotzen. Womit ich ausnahmsweise mal einer Meinung mit meiner Ex gewesen wäre, Claudi-Schatzi, aber die war ja seit einer Woche nicht mehr da, hatte Schluss gemacht, und ich wusste nicht mal, warum. Sie hatte ihre wenigen Sachen aus meiner Wohnung geholt, als ich auf einem mehrtägigen Dreh in Frankfurt war. Gut, ich hätte ihr eine Nachricht hinterlassen können, bevor ich aufbrach, vielleicht mich auch mal bei ihr melden sollen, oder Emojis schicken, all diese bescheuerten Grinsegesichter, Kussmäuler, Herzchen, Einhörner, Kackfressen, die sich alltäglich milliardenfach durchs Internet multiplizieren wie Bakterien und die Köpfe zumüllen. Hab ich aber nicht, weil mir nicht danach war, zu viel anderes im Sinn, was weiß ich, faule Sau halt. Ich möchte es auch nicht begründen müssen, ich hab mich eben auf mein Ding fokussiert und mir mental eine Auszeit gegönnt. Wenigstens hatte Claudi-Schatzi die Größe, die Tür abzuschließen und den Schlüssel durch den Briefkastenschlitz zu werfen, als sie mich für immer verließ. Sie war stets sehr korrekt in allem, selbst in ihren Gefühlen. Auch diese wurden täglich einer genauen Analyse unterzogen und gegebenenfalls neu justiert, als Ausdruck moderner Selbstoptimierung.

Als ich aus Frankfurt zurückkehrte, fand ich keinen Zettel, keine Lippenstiftschmierereien auf dem Badezimmerspiegel, keine aufgeschlitzten Kopfkissen, ich fand einfach nur – tja, äh, nichts. Sie hatte all ihre Spuren getilgt, auch die geringsten. Und sich danach noch der Peripherie gewidmet. Also auf ihrer Facebook-Seite alle Bilder von mir gelöscht, ebenso bei Instagram. Ihr Status war wieder Single und auf Suchend gestellt. Sie war durch und durch Pragmatikerin.

Ciao bella.

In meiner Erinnerung zerbröckelte seitdem alles, was mit ihr zu tun hatte, als wäre es morsch geworden, irgendwie durchsichtig. War ich überhaupt verliebt gewesen? Gab es dafür einen Maßstab? Sie war jung, sie sah gut aus, sie ließ sich mit mir ein – drei unschlagbar gute Gründe, um sie in mein Leben zu lassen. Ich war aber wohl eher geschmeichelt als verliebt gewesen, und das sollte sich allzu bald als Problem erweisen, wahrscheinlich sogar als die Urmutter aller unserer Probleme. Unseres Problemkatalogs. Von A wie Aufräumen bis Z wie Zusammen ziehen und schleunigst eine Familie gründen. Wenn ich mich nicht gerade mit ihrem Körper beschäftigte, ging sie mir nämlich tierisch auf den Sack, also war ich wohl nicht besonders verliebt. Sie warf mir auch nicht vor, dass ich sie nicht lieben würde, oh nein, das war Madame zu klein. Sie warf mir vor, gar nicht lieben zu können.

Unter Liebe stellte sie sich Männer vor, die in ihren Armen den Verstand verlieren und verrückte Sachen machen, die etwas riskieren, was gleichbedeutend war mit dem Plündern des Kontos, um mit ihr eine Weltreise zu unternehmen. Oder ihr einen Mini Cooper zu schenken. Einen S natürlich in Chili Red. Oder einen rosafarbenen Brillantring mit genau so viel Karat wie ihre üppige Oberweite. Sie wollte sich an mir beweisen und ihr kleines, eitles Ego gepinselt bekommen. Sie wollte auf der Ehrentribüne des Lebens sitzen und dabei ganz bequem zuschauen, wie ich mich zum Affen mache.

Genau genommen haben wir beide nur abgewartet und auf die große Sensation gehofft, die eigenen Gefühle dabei hübsch außen vor gelassen, um selbst nichts zu riskieren. Soll sich erst mal der andere aus dem Fenster lehnen, dann kann man sich immer noch entscheiden. Es war im Grunde verlorene Zeit. Für uns beide. Aber an diesem ersten Wochenende seit ihrem Abgang vermisste ich sie ungeheuer und flennte ins Kissen wie ein Mädchen. Und hasste mich auch darum nur umso mehr.

Okay, anderes Thema.

Live goes on. Ich hatte schließlich einen neuen Job für TOTAL ONE, ihr wisst schon, der Fernsehsender, den keiner guckt, wenn man gezielt danach fragt. Dessen Müll aber irgendwie alle kennen. In der Redaktion von Come on hatten sie mir eine Adresse fürs Equipment gegeben, den Laden kannte ich bisher nicht, das sagte ich auch, und sie zogen Gesichter, als ob ich mich damit selbst disqualifiziert hätte. Point-of-View oder so ähnlich, irgendwo in Pasing. Momentan die besten. Na, wenn du’s sagst, Kleine. Ich hätte viel lieber mein eigenes Kamera-Equipment verwendet, aber das wollte bald keine Redaktion mehr, zu teuer. Kriegen wir woanders billiger. Haben da so unsere Connections. Und meistens blies sich nach so einem Satz auch noch einer von der U20-Kindergarten-Fraktion vor mir auf und dozierte mit erigiertem Zeigefinger, dass die Mietpreise für Equipment früher, also zu meiner Zeit, mittleres Pleistozän, keine große Rolle gespielt haben mochten, aber jetzt wären sie superstreng hier, neues Controlling, da ginge gar nichts mehr einfach so. Ich würde doch hoffentlich mitgekriegt haben, dass der Sender einem neuen Investor gehöre, dazu einen neuen Chef hätte und der drücke extrem auf die Kostenbremse.

Ja, sie hatten uns alle an die nächste verdammte Heuschrecke verramscht, und es waren unsere Knochen, an denen sie genüsslich nagte. Soweit blickte ich noch durch.

Point-of-View, drauf gepfiffen.

Ich war jetzt bald dreißig Jahre dabei, erst als Studentenjob, bis ich das Physikstudium hingeschmissen hatte, also nach zwei verdämmerten Semestern, die ich brauchte, bis ich kapierte, gar nicht das Gemüt zum Eierkopf zu haben, dort außerdem kaum Frauen waren und wenn, dann nur jene Sorte, die Sex nicht nur vor der Ehe ablehnten, sondern insbesondere auch danach. Ich war schnell angefixt von den Medien, von der Abwechslung, die sie boten, von der Möglichkeit, selbst was aus sich zu machen, als Praktikant, Volontär, Kamera-Assistent und Kameramann. Ich war nie angestellt, immer selbständig, bei vielen Sendern im Einsatz, Dutzenden Redaktionen, ich hab einen ganzen Haufen Leute kommen und wieder gehen sehen, da waren viele Sternschnuppen dabei, könnt ihr mir glauben. Nur was man früher als Erfahrung verkaufen konnte, musste man heute sorgsam verstecken, weil es den Geruch von Staub und Moder und der Vergangenheit an sich trug. Du bist schon so lange dabei? Wie alt bist du denn? Ja, wenn wir das gewusst hätten, dann hätten wir uns für einen Jüngeren entschieden, der noch richtig heiß drauf ist und nicht mal Geld dafür will. Hab ich wortwörtlich gehört, das ist kein Witz.

Fickt euch alle ins Knie, ihr verdammten Medienpenner.

Die Klitsche lag in einem Hinterhof, in dem viel zu wenig Platz für die Autos und Lieferwagen war, die durchs selbe, enge Loch hinein und wieder hinaus drängten. Risse durchzogen die Wände des Altbaus wie nach einem Erdbeben, der schmuddelig graue Nadelfilzboden wölbte sich und warf Wellen, darunter knarrten faulende Dielenbretter. Es stank nach Zigarettenqualm, Espressomaschine und feuchtem Beton. Üble Hip Hop Scheiße quäkte aus einem Lautsprecher an der Decke und häckselte in atemberaubender Geschwindigkeit meine Nervenrestbestände. Das Kabel hing leider so hoch, dass ich es nicht herausreißen konnte. Alle trugen schwarze T-Shirts mit dem Firmenlogo, einer Art Piratenschiff mit Schlagseite. Den Jungs hingen die Hosen in der Kniekehle, ihre blassen Gesichter wurden vom Schirm ihrer Monster-XXL Baseball Cap abgedeckt. Die Mädchen wogen deutlich unter fünfzig Kilo und trugen so viele Piercings und Tattoos zur Schau, als hätten sie begeistert bei der Aktion Zahl eins, krieg zehn mitgemacht. Niemand außer mir schien schon ausgewachsen zu sein oder wenigstens über eine geschlossene Fontanelle zu verfügen.

„Hey“, begrüßte mich ein Spargel, der sich noch nicht entschieden zu haben schien, ob er mal ein Mädchen oder ein Junge werden wollte. Oder etwas abartiges Drittes mit zum Zopf gebundenem Ziegenbärtchen am Kinn. Er war viel kleiner als ich und wenn er mit mir sprach, hob er nicht mal den Kopf. Ich sah nur eine Kappe und einen kleinen, hektischen Mund mit aufgeworfenen Lippen darunter.

Ich räusperte mich. „Kaspari … Hier soll eine komplette Ausrüstung auf mich warten …“

„Welche Redaktion?“

„Dings …“ Für einen Moment hatte ich den vollen Blackout. „Du weißt schon.“

Der Schirm der Kappe hob sich etwas.

„TOTAL ONE? … Come on?“, riet er.

„Bingo!“

Es war nun wirklich kein Dreh, auf den ich stolz sein konnte. Unterstes Boulevard, sicher würde ich wieder irgendwelchen Irren, die sich nicht filmen lassen wollen, hinterher rennen müssen, das Equipment auf der Schulter und ein Arschgesicht von Redakteur im Nacken, der mir etwas ins Ohr brüllt. Etwas wie Schwing die Hufe, ich bin noch in der Probezeit.

Der Bubi mit der Kappe kaute Kaugummi und rauchte gleichzeitig. Allein sein Anblick erzeugte Übelkeit in mir, in säuerlichen Wellen kroch sie nach oben in meine Kehle.

„Stellen wir gerade zusammen, dauert noch nen Moment“, meinte er. „Aber wir sind dran, Meister.“ Er grinste, rauchte, kaute und redete gleichzeitig. Er war ein echter Multitasker.

„Dann macht hin, Jungs, ich muss heute noch nach Nizza.“

Sollte ich mir wirklich eingebildet haben, ihn damit beeindrucken zu können, lag ich falsch.

„Klar … vorher noch n’ Käffchen?“

Sein Angebot überraschte mich. Freundlichkeit war ich nicht gewohnt.

„Warum nicht?“

Die Tasse, die er mir in die Hand drückte, war so winzig, dass noch nicht mal Zucker hineinpasste. Das leere Papiertütchen ließ ich fallen. Ich fühlte mich auf beängstigende Weise völlig leer, tot und ausgesaugt, ich lief eigentlich nur im Notprogramm auf Autopilot. Im Prinzip war mir alles furzegal, es war ein Tag wie tausend andere vorher und ich hegte keinerlei Illusionen, dass mich die Glücksgöttin in meinem Leben auch nur noch ein einziges Mal küssen würde. Viele Möglichkeiten dazu bot sich ihr eh nicht.

Himmel, ich war sowas von am Arsch.

Es würde ein hartes Stück Arbeit werden, auf der Autobahn wach zu bleiben. Hunderte Kilometer geradeaus zu starren, nur um irgendwann in der Nacht in einer billigen Absteige in ein gummiweiches Bett zu fallen, waren keine Aussichten, die mich euphorisch stimmten. Dazu noch zum halben Tagessatz, versteht sich, schließlich wurde ja heute nicht gedreht. Aber es war der Job, den ich mir ausgesucht hatte. An dem ich kleben geblieben war wie ein Insekt am Honigtropfen. Ein alternder Jammerlappen, mit dem ich eigentlich nicht zusammen auf einer Insel ausgesetzt werden wollte.

Was für eine Bilanz, Herrgott nochmal.

Wie ich vermutet hatte, war das Equipment alt und in tausend Einsätzen runtergenudelt und ausgeleiert. Es funktionierte noch, jetzt, in diesem Moment, das war alles, was sich darüber verbindlich sagen ließ. Nicht ein einziges Neuteil, selbst beim Zubehör, konnte ich entdecken. Eine abgewichste Kameramöhre, von einer Konkursmasse zur nächsten durchgereicht.

„Von welchem Dachboden stammt die denn?“, knurrte ich das Käppi an. „Als das Ding neu war, haben sich eure Eltern ja noch nicht mal in der großen Pause Zettelchen zugesteckt.“

Er fand das nicht lustig. Sein Kiefer konzentrierte sich ganz auf den Kaugummi. „Stammt alles noch von unseren Vorgängern“, ätzte er zurück. „Kannst auch die neueste Sony haben, wenn du willst. Frisch aus’m Karton, bist der erste, darfst sie quasi entjungfern.“ Er grinste den Boden an und der rosa Kaugummi quoll dabei zwischen den schiefen Vorderzähnen hervor. „Allerdings nicht zu diesem Tagespreis, versteht sich.“

„Versteht sich“, brummte ich zurück.

Ein Wunder, dass sie mir diesen Job überhaupt angeboten hatten, Come on war sonst kein großer Fan von mir, absolut nicht, da lag sofort Spannung in der Luft, wenn ich bei denen mal persönlich aufschlug. Alles Frauen unter Dreißig, eine selbstgewisser als die andere und voll auf dem #MeToo-Trip, von wegen Guck nicht so sexistisch, du potenzielles Monster, du. Wahrscheinlich war ihnen im letzten Moment auch noch die Letzte ihrer Liste abgesprungen und es musste irgendwer her, sogar ein alter Sack. Auf der Seite Besser-als-gar-keiner stand ich wenigstens ziemlich weit oben.

Nachdem wir gemeinsam alles durchgesehen hatten und das Käppi tausendmal mit seiner Fingerspitze auf den Tablet Computer geklopft hatte, malte ich mit meinem Wurstfinger ein unbeholfenes X als Unterschrift drauf und lud die Ausrüstung in den Kofferraum meines Kombis. Um aus dem Innenhof wieder raus zu kommen, brauchte ich eine Viertelstunde. Wenigstens konnte ich dabei andere anschreien, was mir kurzfristig Erleichterung verschaffte.

1

Die Sonne kam raus und blendete mich. Trotz Sonnenbrille tränten mir die Augen, dass ich sie kaum offen halten konnte. Auf was für eine Scheiße hatte ich mich nur wieder eingelassen? Ausgerechnet einen Dreh mit meinem Sohn zu verbinden, welch ein Schwachsinn! Als ich eine Woche Nizza hörte, hatte ich nichts Besseres zu tun, als diesen Dödel anzurufen und zu fragen, ob er nicht Lust hätte, mitzukommen, schließlich wären doch gerade Sommerferien. Ein erbärmlicher, sentimentaler Moment, in dem ich mich allein und verlassen gefühlt hatte und mal nicht ins übliche Notprogramm umschalten konnte. Also Kumpels, Saufen, Puff. In eben dieser Reihenfolge.

Christian lebte mit seiner Mutter und seinem Stiefvater Steffen am Bodensee, und ich musste sowieso da vorbei. Das war es wahrscheinlich, warum ich überhaupt auf diese abstruse Idee gekommen war. Aber es sollte auch nichts weiter als eine rhetorische Frage sein, ich frage, er findet es scheiße, Life goes on. Wie konnte ich ahnen, dass er gleich Ja sagen würde? Das hatte er nämlich noch niemals vorher getan, never ever! Immer hatte ich nur Nö – Kein Bock – Mag nicht – Was soll das sein? zur Antwort hingerieben bekommen und jetzt auf einmal das. Sagt er glatt, ein paar Tage Südfrankreich, warum nicht? Sonst war ich nur der peinliche alte Furzer gewesen, der nervt. Seine Zusage hatte ich vorher überhaupt nicht in Erwägung gezogen gehabt, ich wollte mir einfach nur gepflegt leidtun, mehr nicht. Eine Frage wie zum Rückzug in den gewohnten Schmollwinkel, von wegen Keiner mag mich, von allen vergessen, eine grausame Welt, diese Schiene. Ein Ja war da wie Atmen unter Wasser. Also unmöglich.

Seine Mutter Miriam und ich hatten uns getrennt, da war er noch klein gewesen. Natürlich war ich fortan der Böse und sie die unschuldig Verletzte, das verlangte schon der Zeitgeist. Jetzt war er siebzehn und kam mir wie ein Fremder vor. Ich Irrer hatte ihn mir jetzt auch noch freiwillig ans Bein gebunden.

In Lindau verfuhr ich mich, obwohl ich den Weg längst kannte. Auf das Herumgefummele mit dem Saugnapf-Navi hatte ich aber keine Lust. Und all diese Zuckerbäcker-Schlösschen, die gemütlich und selbstzufrieden wie fette Hühner in ihren Gärten brüteten, setzten mir zu als würde mich einer auf der Streckbank in die Länge ziehen. Als ob diese Welt in Wahrheit gar keine Probleme hatte, sondern sie sich irgendwelche Narren wie ich in ihren überfüllten Städten nur selbst machten, wenn sie sich gegenseitig auf die Füße traten. Steffens Haus war eine absurd futuristische Ansammlung von Glasscheiben und Metallstützen, schiefen Betonwänden und Edelstahlblenden, bei der man von der Straße aus bis in den Garten hindurch glotzen konnte, an der spärlichen Möblierung vorbei. Bestimmt folgte auch die Verteilung der zu Kugeln und Kegeln zurecht gestutzten Sträucher einem bestimmten Gesetz des Feng Shui, und war der in kleinen Haufen abgelegte rostende Eisenschrott in Wirklichkeit große Kunst. Zur Abrundung des Ganzen nuckelte natürlich ein Tesla Model S in gediegenem Arschloch-Schwarz genüsslich am Stromkabel unter einem Solardach-Carport.

Ich hatte gehofft, dass Steffen nicht da ist und ich ihn nicht sehen muss, doch Steffen öffnete die Tür, da war ich noch nicht mal ganz ausgestiegen.

„Hab deinen ollen Dieselstinker schon von weitem gehört“, begrüßte er mich gleich volle Attacke. „Wird Zeit, dass auch du mal umdenkst, meinst du nicht? … Wie geht’s?“

Seine Hand schnellte auf mich zu, als wollte er mir ein Messer in den Bauch rammen, ich ergriff sie und wir bemühten uns beide redlich, dem anderen die Finger zu zerquetschen.

Er trug eine helle Armani-Hose und ein zartblaues Hemd, sicher handgewebt und mehrfach zertifiziert. Auf Giftstoffe, Arbeitsschutz, Gutmenschenverträglichkeit. Obwohl es schlicht war, wirkte es edel und extrem teuer. Auch war sein Gesicht leicht gebräunt und vermittelte die unzerstörbare Gesundheit eines Asketen. Er verunsicherte mich zutiefst, ich fühlte mich ihm hoffnungslos unterlegen.

„Wie soll’s mir schon gehen?“, murmelte ich. „Blendend wie immer.“

„Na, das freut mich aber.“

Er war so falsch wie ein mit dem Handy abfotografierter Fünfzig-Euro Schein. Dabei hatte mich Miriam nicht mal wegen ihm verlassen. Steffen lernte sie erst später kennen, nach Stationen, die für sie sehr wichtig waren, um zu sich selbst zu finden, wie sie es ausdrückte. Dabei war sie kontinuierlich aufgestiegen und hatte sich stets verbessert. Jetzt lebte sie hier am See und behauptete, angekommen zu sein, ihre Seelenheimat gefunden zu haben. Und ich hockte noch immer in meiner alten Pupsbude in München-Haidhausen und ärgerte mich über ständig steigende Mieterhöhungen und Tickets wegen falschen Parkens. Meine eigene Suche geht mit Sicherheit erst zu Ende, wenn meine Adresse Waldfriedhof lautet. Wenn sie mich dort überhaupt nehmen und mich nicht irgendeine neue Verordnung auf die anonyme Kompostieranlage verbannt. In München kann man sich da niemals sicher sein.

„Wo ist Chris?“, fragte ich ihn.

Steffen richtete sich auf, hob sein markantes Kinn und lächelte süffisant in Richtung des Sees. „Keine Ahnung. Schwimmen oder so. Sie sind schon vor Stunden hinunter gegangen.“

„Sie?“ Wahrscheinlich machte ich ein ziemlich blödes Gesicht.

Er hob eine Augenbraue. „Na, Viviane ist bei ihm.“

Ich verzog den Mund. Den Namen hörte ich zum ersten Mal.

„Wer – bitteschön – ist Viviane?“

Er fing zu grinsen an und zeigte mir seine makellosen Architekten-Beißerchen, mit denen er wohl sonst seine Flipchart-Runden blendete.

„Seine Freundin ... Seine große Liebe. Sag nur, du wusstest das etwa nicht?“

„Doch, natürlich, er schrieb es mir in seinen täglichen Bulletins.“

Das einzige, was ich von meinem Sohn bekam, ohne ihn vorher mit Nachrichten zu löchern, waren zweimal im Jahr WhatsApp-Botschaften.

herzl glueckw z geb dad lass dich feiern chrissy

So in etwa zum Geburtstag.

froehl weihn ihr torfnasen *lol*

Das kommt dann zu Weihnachten.

Weihnachten war ich aber nur einer von vielen in seinem Verteiler.

„Ich nehme an, er will sie mitnehmen auf eure Reise … wohin war das nochmal?“

Steffen mischte so einen ganz bestimmten Unterton in seine Stimme, der schlimmer zu ertragen war als ein Tritt ins Kreuz.

„Nizza?“, ergänzte er.

Ich nickte nur knapp. Wie gerne hätte ich ihm eine verpasst. Immer hübsch rein in die arrogante Fresse. Frustabbau durch zügellose Aggression. Wird heutzutage von der Gesellschaft aber leider nicht mehr wertgeschätzt.

„Sie kam auch mit einer großen Tasche hier an.“ Er breitete die Arme aus als umfasse er eine tausendjährige Eiche.

„Da liegst du falsch“, sagte ich. „Ich werde sie auf keinen Fall mitnehmen.“

„Dein Wagen ist doch groß?“

Er deutete auf meine Karre, als ginge er davon aus, ich könnte vergessen haben, wo sie stünde.

„Was soll ich mit ihr anfangen? Chris muss mir außerdem ein wenig helfen, als Kamera-Assistent, das wollte er schon immer mal …“

„Tatsächlich?“, quatschte das Sackgesicht dazwischen.

„Ja, tatsächlich. Wir werden Promis treffen …“

„Promis? Stell dir vor …“ Er griente.

„Promis …“, wiederholte ich, weil mir nichts Besseres einfiel. „Ja, die gibt es.“

„Wen denn? … Wir hatten hier in Lindau gerade ein Treffen der Nobelpreisträger.“

Steffen deutete in Richtung der Insel. Sie lag im Dunst über glitzerndem Wasser wie eine Fata Morgana.

„Nobelpreisträger?“, entfuhr es mir. Ich war verblüfft. Was wollten die in Lindau? Ihr Preisgeld heimlich nachts mit dem Boot in die Schweiz verfrachten?

„Ganz großartige Menschen“, schwärmte Steffen. „So unkompliziert. Und bescheiden.“

Er ließ mich voll auflaufen mit seinem Stuss und genoss jeden Moment.

„Ich dreh richtige Promis“, höhnte ich.

Er lachte auf. „Ja, dann viel Spaß mit deinen richtigen Promis.“

Er malte Anführungszeichen in die Luft.

Ein Moment des Schweigens strich über uns hinweg. Ein Moment wie an der innerkoreanischen Grenze. Er als Kim Ping Pong was weiß ich.

„Wie geht’s Miriam?“, fragte ich um mich abzulenken.

Er sah mich plötzlich an wie einen seiner Studenten. So viel ich mitbekommen hatte, war er jetzt Professor an einer Uni. Nachfragen wollte ich aber auf keinen Fall.

„Das willst du doch nicht wirklich wissen, oder?“

Ich zog nur die Schultern hoch. „Wo ist sie?“

„Shoppen ... Auf der Insel.“

Fast hätte ich Typisch gesagt. „Wann kommt sie wieder?“

„Sobald du fort bist, denke ich mal.“ Er sagte das ohne auch nur mit der Wimper zu zucken.

In diesem Moment tauchte mein Sohn auf. Er trug eine vergammelte, nasse, bayerische Lederhose mit Hosenträgern, die ihm viel zu weit war, sonst nichts. Um seinen Hals wand sich ein pinkfarbenes Handtuch. Seine blonden, langen Haare standen verstrubbelt in alle Richtungen. Sein Gang war lässig federnd wie der eines Leichtathleten, seine beneidenswert breiten Schultern wirkten fast künstlich. Er musste sich mit einem Kajalstift im Gesicht herum gemalt haben, was ihn seltsam androgyn wirken ließ, tuntig, affig. Aber das durfte man ja nicht mehr sagen. Wahrscheinlich versuchte er mich damit zu provozieren, hatte das extra gemacht. Also hielt ich mein Maul, ignorierte es einfach. Außerdem war er schon wieder gewachsen. Er überragte mich inzwischen, und ich war mit eins dreiundachtzig nicht eben ein Zwerg. Aber er hatte vielleicht fünfundsiebzig Kilo reine Muskelmasse und ich hundertzehn alles Mögliche. Sämtliche Hormondrüsen in seinem Körper schienen auf Anschlag zu arbeiten. Man glaubte, das Testosteron in seinen Augen schwappen sehen zu können, dazu roch er wie ein Ziegenbock, nur Brusthaare hatte er keine, wahrscheinlich rasierte er sich die bereits.

„Hi, Dad.“

Er stellte sich vor mich hin und musterte mich. Sicher gefiel ihm nicht, was er sah. Ein übellauniger Knacker in T-Shirt und Lederjacke, mit Jeans und rissigen Dockers an den Füßen, also genau in der Garderobe, die er auch schon vor fünf oder zehn Jahren an mir gesehen hatte. Auf meinem T-Shirt stand New day, same Shirt. Es passte sehr gut zu meiner Art Humor, falls man das überhaupt Humor nennen wollte.

Wir gaben uns nicht die Hände, wir umarmten uns nicht, wir standen nur so da und mimten die Coolen. Wir wussten im Grunde nicht, was wir miteinander anfangen sollten. Auf der Straße hätten wir uns nicht beachtet, bestenfalls. Wahrscheinlich hätten wir uns ein paar stille Verwünschungen hinterher geschickt. Oder laute. Je nach Tagesverfassung eben.

„Hallo, Christian“, presste ich hervor.

Es gefiel mir nicht, dass er mich amerikanisch Dad nannte. Aber auf Papi war auch geschissen.

„Wie lange habt ihr euch schon nicht gesehen?“, kam es von Steffen und es klang keinen Furz interessiert, sondern wie ein Vorwurf, der mich zum Trottel und ihn zum Sieger machte.

„Was interessiert es dich?“, blaffte ich ihn an.

„Ziemlich lange“, meinte mein Sohn, der Verräter.

„Muss eben arbeiten“, zog ich das wohl dümmste Argument überhaupt aus dem Ärmel.

„Das müssen wir doch alle“, lächelte Steffen es auch sogleich an die Wand.

Ein weiterer Moment der Stille überschattete uns wie ein böses Omen. Als würden die feindlichen Truppen bereits ihre Stellungen beziehen. Nicht mehr lange und wir würden zum Faustkampf übergehen, wie mir schien. Wenn ich Pech hatte, war Steffen ein Meister irgendeiner japanischen Kampftechnik, mit der er mich nach Belieben vorführen könnte. Denn mehr wie irgendwie draufschlagen hatte ich nie gelernt. Ich überlegte, wie schnell ich an meinen Wagenheber kommen könnte. Oder das Radkreuz. Beides würde eine Weile dauern, mein ganzer Krempel türmte sich darüber. Ich hätte das vorher bereits einplanen sollen.

Mitten in unsere gepflegte Herrenrunde wehte plötzlich eine märchenhafte Elfe, mit der ich niemals gerechnet hätte, nicht in hundert Jahren. Viviane hatte schwarze, lange und leicht gelockte Haare, war schmal, hoch gewachsen, sehr, sehr schlank, und sie hatte extrem schöne Beine, auf geradezu magische Weise perfekt. Das bemerkte ich, noch bevor ich ihr ins überirdische Gesicht gesehen hatte. Sie trug einen pinkfarbenen Bikini mit neongelben Bändern, der ihren runden, vollen Busen betonte. Wie siebzehn wirkte sie nicht, eher älter, aber ich vermochte das nicht mehr einzuschätzen. Nur wenige Jahre Abstand und du gehörst nicht mehr dazu. Dann bist du einer von jenen geworden, die nur nerven und sich bitteschön im Hintergrund halten sollen.

Viviane streckte mir ihre zarte Elfenhand hin und hauchte ein „Hallo“, dagegen war Marilyn Monroes Happy Birthday, Mister President ein lahmes Bäuerchen.

Mein Sohn stellte sie mir vor, indem er mit dem Finger auf sie deutete und ihren Namen sagte. Vivi. Ich deutete auf Steffen und sagte, er hätte es mir bereits erzählt. Viviane. Jetzt deutete Vivi auf mich und flüsterte, ich wäre witzig. Allein ihr ausgestreckter, auf mich weisender Finger mit dem rosa lackierten Nagel ließ meinen Schwanz in der Unterhose zucken wie er schon ewig und drei Tage nicht mehr gezuckt hatte.

„Stört dich doch nicht, wenn sie mitkommt“, meinte mein Sohn wie beiläufig.

„Stört?“ Es war so was von schwer, diesem magischen Wesen nicht dauernd auf den Busen zu glotzen. „Mitkommt?“

„Ja, mitkommt.“

„Nach Frankreich?“

„Ja, scheiße nochmal, nach Frankreich.“

„Ich liebe Südfrankreich“, schwärmte Viviane.

„Hatten wir das ausgemacht?“, stammelte ich. Mit einer Stimme, die so matt war, als hätte ich mich bereits vollständig ergeben.

„Ist doch egal“, maulte Chris und stemmte seine Daumen in die Hosenträger. Man konnte sehen, dass er nichts darunter trug, nicht mal Haare.

Steffen lachte auf, sicher hatte sein Analytiker-Hirn genau gecheckt, was hier gerade abging. Er schmückte sein Gesicht mit einem Siegerlachen und verabschiedete sich ins Haus.

„Ich muss dann mal wieder.“

Er federte davon mit dem Schwung eines vom Schicksal Auserwählten.

„Mann …“, stöhnte Chris und schwenkte sein Handtuch herum, als wolle er Mücken vertreiben. Dabei entdeckte ich ein gewaltiges Tattoo auf seinem Rücken, dicke schwarze Linien, Zacken und Kanten, der letzte dilettantische Murks. Aber gerade weil er es mir so nebenbei unterjubelte, sparte ich mir jeden Kommentar dazu. Diese Freude wollte ich ihm nicht gönnen.

„Wieso sagst du mir das mit deiner Freundin nicht vorher?“, presste ich heraus.

„Hat sich halt gerade erst ergeben.“ Er seufzte so theatralisch, als wäre jedes einzelne Widerwort eine Zumutung.

„Ich mach mich auch ganz klein“, kam es von Viviane, die mir dabei ein überzuckertes Lächeln zusandte, wie es nur alte Säcke geschenkt bekommen, die man glaubt, mit einem lässigen Fingerschnippen um den kleinen Finger wickeln zu können.

Sie hatte mich längst voll in der Hand.

Also waren wir ab sofort zu dritt.

Ich musste warten, bis sich die beiden geduscht und gecremt, angezogen, ewige Liebe geschworen und höchstwahrscheinlich noch ne schnelle Nummer geschoben hatten. Ich hockte in meinem Wagen und ließ die Stones für mich schreien. (I Can’t Get No) Satisfaction. Manchmal half mir das ganz gut. Diesmal ging die Welt in meinem Inneren trotzdem unter, schwere Sturmtiefs zogen über meine Seelenlandschaft und schlugen Schneisen der Verwüstung, gegen die es kein Entrinnen gab, während ich mich von üblen Mächten verfolgt sah. Claudi-Schatzi schwebte natürlich auch herbei und zeigte mir den Finger. Donnernde Stimmen riefen Loser, Loser und rundeten es mit schallendem Gelächter ab.

Als Steffen aufs Autodach klopfte und mir ein Glas mit Strohhalm hinhielt, zuckte ich wie blöd zusammen.

„Smoothie?“, grinste er mich an.

Der Inhalt sah aus wie püriertes, frisch gemähtes Gras. Und schmeckte auch genauso. Der Kerl wusste wirklich, wie er mich kleinkochen konnte.

2

„Herrje, immer noch dieser uralte Volvo?“, nölte mein Sohn, da hatte er noch nicht einmal die Tür zugezogen. „Wann kaufst du dir mal was Neues? … Einen Stelvio fänd ich geil … Diese Schweden-Briketts fahren sonst nur beknackte Studienräte. Fehlt bloß noch der Free Tibet-Aufkleber.“

„Der Wagen ist doch cool“, flötete Viviane von der anderen Seite. „Da kommt’s nicht so drauf an. Meine Alten führen sich immer auf mit ihren Kisten, gerade meine Mutter mit ihrem neuen Evoque.“

Mir sagte weder die eine noch die andere Karre etwas. Stelvio, war das nicht der Zuckerersatz?

„Das nächste Mal komm ich mit dem Prinz“, drohte ich.

Chris rollte die Augen. „Gibt’s den etwa immer noch?“

„Logisch.“

Ein orangefarbener 71ger NSU TT mit Rallyestreifen und aufgestellter Motorhaube. Er rostete seit Jahren in einer teuer angemieteten, ziemlich feuchten Garage vor sich hin. Eigentlich wollte ich ihn längst herrichten. Aber dazu hätte ich ja mal meinen Hintern hoch bringen müssen. Keine Ahnung, ob er überhaupt noch ansprang, im Grunde war es mir egal. Soll er meinetwegen wie alle meine anderen schalen Jugendträume zu Staub zerfallen.

„Was für ein Prinz?“, wollte Viviane wissen.

„Ne beschissene alte Karre“, brummte Chris und winkte ab.

„Ein Auto?“

„Na ja.“ Er drehte seine Hand wie eine Waage. „So was ähnliches.“

„Der kleine Prinz.“ Sie lächelte versonnen.

Auch im Rückspiegel sah sie bezaubernd aus, die vielleicht schönste Frau, der ich jemals begegnet war. Und ausgerechnet mein Sohn hat sie in den Fingern, dieser aufgeblasene Niemand. Konnte das sein? Ich litt schon vor der Abfahrt wie ein Hund. Chris registrierte natürlich mein Starren, er lauerte regelrecht darauf. Er beugte sich zu ihr hinüber und murmelte in ihr süßes Hühnerohr, dass ich voll peinlich wäre. Er sagte das sehr leise, aber ich hörte es trotzdem, mir entging nichts, das war schließlich meine Karre, in der wir saßen. Auch wenn sie nichts mehr wert war. Ein dunkelblauer 740 GL mit original 543.000 Kilometern auf der Uhr. Schwedische Wertarbeit und der einzige Neuwagen, den ich mir jemals geleistet hatte. Und an dessen Raten ich fast verreckt wäre.

Steffen kam, nahm das leere Glas vom Dach und klopfte aufmunternd aufs Blech. Ich hatte mich schon so darauf gefreut, das Glas bei unserer Abfahrt im Rückspiegel zerschellen zu sehen. Auf das er später mit den Bioreifen seiner Elektrokarre darüber fräst.

Er wünschte den beiden auf dem Rücksitz viel Spaß und winkte uns zum Abschied auch noch hinterher. Hinter ihm protzte seine Villa mit dem Garten und dem See, und vor ihm lag ein ruhiger, entspannter Abend mit Miriam, die ihm immer wieder versichern wird, wie froh sie sei, hier bei ihm leben zu dürfen. Nur Blasen wird sie ihm dann trotzdem keinen, nahm ich mal an, denn Sex war nie wirklich ihr Ding gewesen. Sollte sich das plötzlich verändert haben? Das glaubte ich eher nicht. Schon aus Selbstschutz.

Har. Har.

Wir rollten aus Lindau hinaus in die große weite Welt. Im Rückspiegel sah ich Viviane ihre Zunge im Mund meines Sohnes versenken. Er hatte seinen Kopf auf die Lehne gelegt und sie beugte sich über ihn wie der aufgehende Mond über die taufeuchten Wiesen.

„Darf ich dich fragen, Viviane, wie alt du bist?“, sagte ich, schon um die beiden in ihrer Zweisamkeit zu stören.

„Sie ist zwanzig“, antwortete mein Sohn.

„Zwanzig?“

„Ja, zwanzig.“

„Fast einundzwanzig“, ergänzte sie und unsere Blicke streiften sich im Rückspiegel. Schlagartig breitete sich Wärme in mir aus, vor allem in südlicheren Gefilden.

Wie kommt ein Siebzehnjähriger an ein drei Jahre älteres Mädchen? Ich verstand es nicht. Früher war es der Mann, der älter sein und dazu etwas bieten musste, einen Wagen, Geld, Status. Heute reicht es wahrscheinlich schon, wenn du süß bist.

Süß.

Ein Mann.

Das hat uns die Emanzipation eingebrockt. Früher wurden wir noch als potenzielle Kinderficker beschimpft, wenn wir mal andeuteten, dass uns eine rasierte Muschi besser gefiel als der allgemein verbreitete Naturkostladen-Look. Heute gibt es Läden dafür in jeder Stadt und es ist das Normalste der Welt, wenn sie dir mit heißem Wachs auch noch das letzte Härchen von deinem Hintern reißen, egal ob weiblich oder männlich. Hatte ich erst vor kurzem gedreht, für die Redaktion eine Tür weiter. Im Titel schrieben sie zwar meinen Namen falsch, aber wenigstens nannten sie ihn. Nach der dritten Werbeunterbrechung gab’s endlich die Bilder aus dem Reich der Mitte, ich wunderte mich oft, wie es die Redakteure immer wieder schafften, hübsche Mädchen aufzutreiben, die sich dabei auch noch filmen ließen. Beim Muschi-Rasieren, ausgerechnet.

In Bregenz kaufte ich für Österreich und die Schweiz Autobahn-Vignetten, tankte voll, deckte mich mit Cola und Süßigkeiten und dem üblichen Krimskrams ein, den man zwar nicht brauchte, an dem man aber auch nicht einfach vorübergehen konnte. Mein bevorzugter Supermarkt war schon lange die Tankstelle, da gab es Parkplätze vor der Tür und es war immer offen, vor allem nachts. Die beiden auf dem Rücksitz richteten es sich häuslich ein, stöpselten sich gemeinsam an ein iPhone und ließen mich fortan allein.

Viviane rieb ihr Pfirsichbäckchen an Chris‘ Gesicht, sie kicherten, prusteten, flüsterten. Wahrscheinlich trieben sie es fünfmal am Tag. Am liebsten hätte ich den nächsten Parkplatz angesteuert und sie rausgeschmissen, um später flennen zu können und meinen Kopf in aller Ruhe gegen die schorfige Rinde einer alten Eiche zu hämmern. Es wäre ihnen wahrscheinlich egal gewesen. Einen Siebzehnjährigen erreichst du nicht, wenn er alles hat, was er sich wünscht. Vor allem ein Mädchen, das ihm das Gefühl gibt, der größte Überflieger dieser Erde zu sein.

So durchquerten wir die sauber gefegte Schweiz. Die Geschwindigkeitsbegrenzung einzuhalten war eine Qual, aber diese Raubritter hier hatten mich schon zweimal abkassiert, ein drittes Mal konnte ich mir schlicht nicht leisten. Wenigstens hockte jetzt nicht ein Redakteur neben mir, der es lächerlich fand, wenn sich einer an die Verkehrsregeln hielt. Genau genommen hatte ich nämlich die beiden Male, wo ich erwischt worden war, nur deswegen Gas gegeben. Um irgend so ein blödes Milchgesicht zu beeindrucken, der mir nach dem gesalzenen Ticket auch noch frech ins Gesicht lachte und sagte, ihn hätten sie noch nie erwischt. Als ob es allein meine Dummheit gewesen wäre.