Verlag: MIRA Taschenbuch Kategorie: Gesellschafts- und Liebesromane Sprache: Deutsch Ausgabejahr: 2018

Küsse, Liebe, Kinderlachen E-Book

CELESTE HAMILTON  

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E-Book-Beschreibung Küsse, Liebe, Kinderlachen - Celeste Hamilton

Wie sehr genießt Lainey das süße Kinderlachen auf ihrer Farm! Seit der alleinerziehende Adam mit seinem Sohn das Nebengebäude bezogen hat, fühlt sich alles so richtig an. Als wären sie eine Familie. Aber diese Hoffnung hat Dauersingle Lainey längst aufgegeben.

Meinungen über das E-Book Küsse, Liebe, Kinderlachen - Celeste Hamilton

E-Book-Leseprobe Küsse, Liebe, Kinderlachen - Celeste Hamilton

MIRA® TASCHENBUCH

Copyright © 2018 by MIRA Taschenbuch in der HarperCollins Germany GmbH, Hamburg

Titel der amerikanischen Originalausgabe: Family Home Copyright © 1995 by Jan Hamilton Powell erschienen bei: Silhouette Books, Toronto

Published by arrangement with Harlequin Enterprises, Toronto

Covergestaltung: büropecher, Köln Coverabbildung: photoiconix, Creative Travel Projects / Shutterstock Lektorat: Maya Gause E-Book-Produktion: GGP Media GmbH, Pößneck

ISBN E-Book 9783955768256

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Prolog

»Wach auf, Kleines. Wir sind gleich da.«

Die freundlichen Worte rissen Lainey aus dem Schlaf. Für einen Moment wusste sie nicht, wo sie war. Verängstigt drückte sie ihre neue Puppe an sich. Langsam erst kam die Erinnerung. Sie fuhr mit einer Frau, die sie Miss Polly nennen sollte, in einem Wagen. Es wurde schon dämmerig. Die Gegend draußen war fremd für Lainey. Sie bemühte sich tapfer, in ihrer Angst nicht zu wimmern.

»Aber, aber«, beruhigte Miss Polly sie. »Ich bringe dich zu deiner Tante und deinem Onkel.«

Tante Loretta war nur ein Name für Lainey, den ihre Mutter hin und wieder einmal erwähnt hatte und dann immer mit einem ganz merkwürdigen Gesichtsausdruck, manchmal sogar unter Tränen.

»Deine Tante und dein Onkel freuen sich auf dich. Sie haben sich immer ein kleines Mädchen gewünscht.«

»Ich will zu meiner Mutter«, stieß Lainey unglücklich hervor.

»Ach, Schätzchen, ich weiß.« Seufzend strich Miss Polly über Laineys Arm. »Aber es ist ihr Wunsch, dass du zu deiner Tante kommst.«

Auch wenn Miss Polly wirklich nett war, so rückte Lainey doch von ihr ab und verschloss die Ohren vor dem, was die Frau sagte … was alle Leute in der letzten Zeit gesagt hatten. Ihre Mutter sei weggegangen, niemand wisse, wohin. Lainey sei mit ihren vier Jahren doch schon ein großes Mädchen, groß genug, um nicht mehr so zu weinen. Lainey wusste das alles, aber dennoch musste sie gegen die Tränen ankämpfen.

Der Wagen bog in eine andere Straße ein, und endlich hörte Miss Polly auf, über Laineys Mutter zu reden. »Jetzt sind wir gleich da.«

Lainey richtete sich auf. Vor ihr sah sie das Haus. Ein großes, solides Haus, dessen Fenster alle hell erleuchtet waren. Es erinnerte Lainey an die Häuser in der schicken Gegend der Stadt, an denen sie und ihre Mutter immer wieder einmal vorbeigegangen waren. Eines davon, ein großes mit ganz vielen Fenstern und einer riesigen Veranda, war das Lieblingshaus ihrer Mutter gewesen. »Perfekt«, hatte ihre Mutter mit leiser und sehnsuchtsvoller Stimme gesagt und dabei Laineys Hand gedrückt. »Das ideale Haus für eine Familie.«

Lainey wusste gar nicht, was eine Familie mit einem so riesigen Haus sollte. Aber ihre Mutter sagte, dass sie eines Tages, wenn Laineys Vater erst wieder da wäre, vielleicht ein Haus haben würden, und Lainey hätte dann ihr eigenes Zimmer und viele Brüder und Schwestern. Daran glaubte Lainey ganz fest. Und in den Nächten, in denen sie allein war oder ihre Mutter Männer mit lauten Stimmen und kalten Augen mit in die Wohnung brachte, fand sie Trost in den Träumen über das Haus, in dem sie eines Tages als Familie zusammenleben würden.

Aber der Vater, den sie nicht kannte, tauchte nie auf.

Und nun hatte auch ihre Mutter sie im Stich gelassen.

Doch hier war das Haus.

Lainey beugte sich erwartungsvoll und aufgeregt vor. Vielleicht war alles nur ein Spiel. Vielleicht gab es gar keine Tante und keinen Onkel. Vielleicht warteten ihre Mutter und ihr Vater hier auf sie.

Hoffnung stieg in Lainey auf. Die Straße fiel jetzt leicht ab und führte an dem Haus vorbei. Lainey drehte sich um und hatte nur Augen für die erleuchteten Fenster. Sie bemerkte es kaum, als der Wagen anhielt. Dann knallte eine Tür, und Lainey drehte sich wieder um. Ein Mann und eine Frau kamen aus einem kleineren, weißen Haus auf den Wagen zugeeilt.

Tante Loretta hatte das Lächeln von Laineys Mutter. Mit Tränen in den Augen drückte sie Lainey an sich und lobte dabei überschwänglich das schöne, lange rote Haar. Onkel Coy war ein freundlich dreinschauender Riese, der Lainey auf starken Armen vom Wagen ins Haus trug. Die beiden waren so lieb zu ihr, dass Lainey auch keine Angst bekam, als Miss Polly wieder abfuhr.

»Alles wird jetzt gut«, versprach Tante Loretta, als sie Lainey an diesem Abend zu Bett brachte.

Und von der Tür ihres Zimmers her fügte Onkel Coy hinzu: »Jetzt bist du zu Hause. Auf der Applewood Farm.«

Doch kaum waren die beiden gegangen, da schlüpfte Lainey aus dem Bett und ging zum Fenster. Das große Haus auf der Anhöhe war immer noch hell erleuchtet. »Perfekt«, flüsterte Lainey und ahmte damit genau ihre Mutter nach. »Das ideale Haus für eine Familie.«

Und das war eine Meinung, die Lainey nie mehr änderte.

1. Kapitel

»Nun mach schon, Dad, wirf ihn mir richtig hart zu!«

Adam Cutler lächelte seinen Sohn herausfordernd an. »Und du meinst, du packst es?«

Mit ernster Miene schwenkte Gabriel seinen für ihn zu großen Schläger. »Ziel nur gut.« Er hatte die Kappe bis tief über die Augen gezogen, und sein Mund drückte Entschlossenheit aus. In drei Monaten wurde er sechs Jahre alt, doch er hatte schon jetzt das Herz eines Kämpfers.

Adam erinnerte sich, wie er selbst in dem Alter gewesen war. Mit fünf Jahren hatte er seine Liebe fürs Baseballspiel entdeckt. Das war an einem heißen Nachmittag im August gewesen, einem Tag ähnlich dem heutigen, auf einem der unzähligen Campingplätze, auf denen er und sein Vater in jenem Sommer gelebt hatten.

Heute war seine Zeit als aktiver Spieler vorbei. Knieprobleme hatten ihn langsamer werden lassen. Die rechte Schulter war schon dreimal operiert worden. Aber das alles spielte in diesem Augenblick keine Rolle, wo er im Hof seiner Schwester dem kleinen, aber doch ernstzunehmenden Schlagmann gegenüberstand.

»Mach schon, Dad!«, forderte Gabriel ihn wieder auf.

Die Rothaarige, die hinter seinem Sohn vorgebeugt stand, rief Adam in bester Laune zu: »Wirf ihn genau hierher!«

Adam ließ sich Zeit und passte den Ball seiner Hand an. Es war ein schönes Gefühl. Ähnlich dem Gefühl, wenn man die Brust einer Geliebten mit der Hand umschmiegte.

Der Vergleich verwirrte Adam so, dass sein in diesem Augenblick ausgeführter Wurf absolut schwach ausfiel. Der Ball flog weit nach links, und die Rothaarige musste nach ihm springen. Adam gefiel es, wie sie den Ball noch auffing und sich darüber freute und lachte. Und er musste sich eingestehen – wenn auch widerstrebend –, wie sehr ihm das leichte Wippten ihrer Brüste unter dem hellblauen T-Shirt gefiel und der Anblick ihrer schlanken Hüften in der enganliegenden Jeans.

Sein Interesse war geweckt. Ach, verdammt, mehr als das! Es war reine Lust … und nicht nur erweckt, sondern voll erregt.

Vor zwei Wochen erst hatte er Lainey Bates kennengelernt und sich von Anfang an stark zu dieser für ihn so falschen Frau hingezogen gefühlt. Falsch, weil sie nicht der Frauentyp war, von dem er sich normalerweise angezogen fühlte. Und falsch waren auch seine Reaktionen auf sie, zumindest unangemessen. Wenn sie auch keine Blutsverwandte war, so war sie seine Cousine und damit ein Teil der Familie, die er bis vor einem Monat noch gar nicht gekannt hatte.

Er wollte auf keinen Fall den frisch geschmiedeten Familienverbund durch seinen plötzlich erwachten Geschlechtstrieb gefährden.

Ihre Stimme riss ihn aus seiner Gedankenversunkenheit. »Bist du dahinten inTrance oder so was, Cutler?« Der Ball, den sie ihm zuwarf, rutschte ihm glatt aus der Hand.

Grabriel stöhnte auf. »Was ist los, Dad?«

»Vielleicht sollte Lainey werfen«, schlug Adam vor.

»Das würde mir fürs Schlagen gar nichts bringen«, brummte Gabriel. »Lainey ist ein Mädchen.«

Während Lainey gegen die sexistische Bemerkung protestierte, hob Adam den Ball auf und ging zu ihr. Lächelnd beobachtete er, wie sie Gabriel herausfordernd die Schirmkappe tiefer ins Gesicht zog. Ihr langer roter Zopf fiel ihr über die Schulter.

Dann blickte Lainey auf und lächelte Adam an. Er hatte auf einmal das Gefühl, als würde die Sonne an diesem schwülen Sommertag noch heißer brennen. Und statt, wie er es eigentlich vorhatte, Lainey in ihrer Einschätzung über die athletischen Qualitäten von Frauen Schützenhilfe zu geben, sagte er: »Stimmt, Gabriel, Lainey ist ganz eindeutig eine Frau.«

Laineys Augen wurden größer. Eine leichte Röte legte sich auf ihre mit kleinen Sommersprossen überzogenen Wangen. Sie starrte Adam an. Adam starrte sie an. Die Spannung knisterte direkt.

Sogar Gabriel entging es nicht, dass etwas nicht stimmte. »Was ist mit deinem Gesicht los, Dad?«

Lainey starrte mit einem plötzlichen Interesse ihren Baseballhandschuh an, während sich Adam zu einem leichten Ton zwang. »Wieso?«

»Du siehst so aus.« Gabriel schnitt eine Grimasse.

»So?« Adam ahmte die Fratze nach.

»Oder so?« Lainey machte das Spiel sofort mit.

Das Grimassenschneiden lenkte Gabriels Interesse von dem sonderbaren Intermezzo der Erwachsenen ab. Und außerdem wählte zum Glück Caroline, Adams Schwester, diesen Augenblick, um sie alle ins Haus zu rufen.

»Das Eis ist fertig!«, rief sie ihnen zu.

Gabriel, der selbstgemachtes Eis erst vor einer Woche kennengelernt hatte, aber schon richtig süchtig danach war, rannte aufs Haus zu. Und Adam, froh über diese Möglichkeit, sich aus ­Laineys Nähe zu entfernen, nahm gleich die Verfolgung auf.

Vater und Sohn sprangen die Stufen zur Veranda hoch und warfen ihre Kappen und Handschuhe auf einen Tisch. Caroline, deren Baby gerade auf ihre rosa Bluse sabberte, lachte.

»Was kommt denn da für eine wilde Horde angestürmt?«

Mit völlig unpassender Verzweiflung stieß Gabriel aus: »Ich brauche Eis.«

Caroline zeigte zur Küche. »Dort.« Und schon fiel die Küchentür hinter Gabriel zu. Caroline sah Adam an. »Die Schnelligkeit war wirklich beeindruckend für jemanden, der behauptet, wegen angeschlagener Knie nicht mehr in der Profi-Liga mithalten zu können.«

Nach Luft ringend, beugte sich Adam über den Tisch und konnte erst nach einigen Augenblicken sprechen. »Du hättest mich im College sehen sollen. Damals war ich so schnell, dass jeder Talentsucher der Profi-Liga auf mich aufmerksam geworden ist.«

»Wie gern hätte ich dich gesehen.« Bei den ruhig gesprochenen Worten richtete sich Adam wieder auf. Trauer und Wehmut zeigten sich deutlich in Carolines dunkelbraunen Augen. »Wenn ich es doch nur gewusst hätte, dann …«

»Nicht«, unterbrach Adam sie. »Lass die Vergangenheit ruhen. Das haben wir uns versprochen.« Und so war es am klügsten. Auch wenn es, das wusste Adam selbst, verdammt schwerfiel, den Seelenfrieden zu bewahren, wenn ihm und Caroline Jahre der Gemeinsamkeit geraubt worden waren. Bis vor einem Monat noch hatte Adam geglaubt, dass seine Schwester tot sei.

Sie zwang sich zu einem Lächeln. »Ja, ich weiß. Aber immer wieder steigt die Wut in mir auf.«

»Was soll Wut schon bringen?«

»Nichts. Natürlich.« Aber ihr zusammengepresster Mund, während sie ihr Kind in die Babyschaukel setzte, verriet ihre innere Aufgewühltheit. »Ich möchte es Vater ja verzeihen, dass er mit dir damals von hier weggegangen ist. Und Mutter, weil sie es zugelassen hat. Ja, ja, ich weiß, Großvater hat …«

»Du musst aufhören, unentwegt daran zu denken.«

Mit gerunzelter Stirn sah Caroline ihn an. »Du scheinst das alles so hinzunehmen. Wieso nur?«

»Vielleicht liegt es am Indianerblut. Unsere Vorfahren mussten vieles hinnehmen.«

»Aber wir haben dasselbe Blut. Und mir fällt es unglaublich schwer, die Geschehnisse der Vergangenheit einfach hinzunehmen.«

Das indianische Erbe ihres Vaters zeigte sich in Carolines hohen Wangenkochen und ihrer geraden Nase. Und Adam entdeckte den entschlossenen Zug seines Vaters um ihren Mund. Im Stillen fragte sich der Bruder, ob Caroline in seinem Gesicht etwas von ihrer Mutter wiederfand. Er hatte sich zwar lange die wenigen Fotos angesehen, die Caroline von ihrer Mutter besaß, aber er konnte sich überhaupt nicht mehr an ihr Gesicht erinnern.

»Wenn doch Großvater nicht … wenn er nicht alles zerstört hätte.« Carolines Stimme verklang.

»Er hat deine Tränen nicht verdient«, sagte Adam leise. »Und du hast deinen Frieden mit der Vergangenheit geschlossen, bevor ich aufgetaucht bin. Ich habe wieder alles in dir aufgewühlt.«

Lainey kam auf die Veranda mit den Bällen und Schlägern, die sie im Hof gelassen hatten, und verschwand kurz darauf mit Caroline in der Küche.

Von dort her konnte Adam Gabriels Kichern und das Lachen der anderen hören. Es war schön, seinen kleinen Jungen wieder lachen zu hören. Zu lange war Gabriel nach dem Tode seiner Mutter ernst und traurig gewesen, auch während der Monate, die sie beide bei Debbies Eltern gelebt hatten. Adam wusste jetzt, dass er die richtige Entscheidung getroffen hatte, als er seine Schwiegereltern wieder verlassen hatte. Seine Schwiegermutter neigte dazu, sich zu sehr anzuklammern, und sie übertrieb es mit dem Bemuttern. Und außerdem konnte Adam für seinen Sohn sorgen, genauso wie sein Vater für ihn gesorgt hatte.

Aber sein Vater hatte Caroline verlassen.

Mit gerunzelter Stirn versuchte Adam, den Mann, der ihn erzogen hatte, mit dem Mann in Einklang zu bringen, der die eigene Tochter verlassen hatte.

Wie hatte sein Vater das nur tun können?

Adam kannte einige Gründe dafür. Sein Großvater, der Vater seiner Mutter, hatte John Cutler gehasst. Robert Parrish wollte es einfach nicht hinnehmen, dass sein einziges Kind, Linda, einen Mann heiratete, für den ihr Vater nur die verächtliche Bezeichnung »dreckiger Indianer« übrighatte. Und Robert Parrish tat alles, um die Ehe zu zerstören … mit Erfolg. John verließ mit dem Sohn die Farm, während Caroline bei ihrer Mutter und ihrem Großvater zurückblieb.

Nachdenklich ließ Adam den Blick über die grünen Felder von Reids und Carolines Farm wandern. Ein leichter Wind bewegte die Blätter der Bäume und strich über die Veranda. Er trug die Gerüche von frischem Heu und fruchtbarer Erde mit sich. Nach Osten hin wurde die Farm von den Ausläufern der Berge begrenzt. Im Süden bildete ein Bach die Grenze zwischen dieser und der Applewood Farm, die einmal seinem Großvater gehört hatte und nun in Laineys Besitz war.

Adam wusste, er und Caroline waren als knapp Einjährige mit ihren Eltern auf die Applewood Farm gekommen. Robert Parrish hatte fast zwei Jahre dazu gebraucht, die Familie auseinanderzureißen. War die Familie hier einmal glücklich gewesen? Eigentlich fiel es nicht schwer, sich glückliche Kinder in diesem fruchtbaren, kleinen Tal vorzustellen, das versteckt in den Bergen Tennessees lag. Vielleicht hatten er und Caroline sich in den wogenden Kornfeldern verirrt, so wie Gabriel gestern. Vielleicht hatten sie nachts in ihrem Zimmer wach gelegen und auf den Chor der Frösche vom Bach her gelauscht. Oder sie hatten Versteck in den kühlen Schatten des großen Hauses auf Applewood gespielt, des Hauses, in dem heute Lainey lebte. Adam hätte sich gern erinnert.

Aber er hatte nur ein einziges klares Bild aus dieser Zeit. Er erinnerte sich, dass er auf dem Sitz von Dads rostigem alten Truck stand, das Gesicht an die Rückscheibe gepresst, und dass er winkte. Er konnte heute noch den Staub schmecken, den der Truck aufwirbelte. Er konnte noch seinen Vater hören, wie der ihn zum Schweigen ermahnte. Er konnte noch die Tränen sehen, die den Schmutz auf der Scheibe, an die er seine Wange hielt, verschmierten.

Hatte er Caroline zugewunken? Seiner Mutter?

Und irgendwann hatte ihm sein Vater die Lüge über den Tod Carolines und seiner Mutter erzählt.

Warum? Robert Parrish hatte die gleiche zerstörerische Lüge benutzt und Caroline und ihrer Mutter erzählt, dass Adam und John tot seien. Zwei unfassbare Lügen von zwei so unterschiedlichen Männern.

Doch ansonsten hatte sein Vater ihn nicht belogen. Denn so weit sich Adam zurückerinnern konnte, hatte er von Robert Parrish und diesem Tal am Rande des Städtchens Parrish gewusst, das seine Vorfahren vor langer Zeit einmal gegründet hatten. Adams Vater hatte von diesem Flecken Erde immer mit einer eigentümlichen Mischung aus Sehnsucht und Hass gesprochen.

In einem Frühling … damals spielte Adam noch in einem Baseball-Team der Unterliga … hatte er sich fest vorgenommen, dieses Tal zu suchen. Doch er hatte der Versuchung widerstanden. Das war wahrscheinlich auch gut so gewesen. Denn heute wusste er, dass er Caroline hier nicht angetroffen hätte. Sie war nach dem Tode der Mutter von Großvater Parrish weggelaufen und hatte sich in Kalifornien ein neues Leben aufgebaut. Sie hatte geheiratet und sich wieder scheiden lassen und unter dem Namen ihres ersten Mannes populäre Fantasy-Romane geschrieben. Romane über ein Zwillingspärchen, einen Prinzen und eine Prinzessin, die in einer gefährlichen Fantasiewelt überleben mussten.

Debbie, Adams Frau, hatte Carolines Bücher regelrecht verschlungen. Und Adam hätte sich nie träumen lassen, dass der Autor seine Zwillingsschwester war, die er verloren hatte.

Im letzten Sommer war Caroline in dieses Tal zurückgekehrt. Und hier hatte sie Reid kennen und lieben gelernt.

»Adam?«

Er sah sich um. Lainey stand hinter ihm und hielt in jeder Hand eine Schale mit selbstgemachtem Eis. Und anscheinend hatte ­Lainey ihn schon mehrmals angesprochen.

»Entschuldigung.« Er nahm die Schale, die sie ihm hinhielt.

Sie nickte zur Küche hin. »Reid und Gabriel starten einen Dame-Marathon, wenn du auch Lust hast.«

»Ich bleibe lieber hier draußen und zupfe Flusen.«

Ein Lächeln ließ ihre Augen aufblitzen. »Den Ausdruck habe ich schon lange nicht mehr gehört.«

»Mein Vater hat mir häufig vorgehalten, dass ich Flusen zupfe.«

»Meine Tante Loretta mir auch.«

»Dir?« Lainey hatte auf Adam bisher überhaupt nicht den Eindruck der Tagträumerin gemacht. Er kannte sie eigentlich nur in Aktion. Sie hielt ihr Haus und die Farm in Schuss, und sie war immer für andere da … brachte Caroline Essen, nähte eine Bluse für Sammi, Reids Teenager-Tochter aus erster Ehe, sah bei einem kranken Nachbarn nach dem Rechten.

»Tante Loretta hat Träumerei nicht hingenommen«, erklärte Lainey. »Dafür hatte sie kein Verständnis. Selbst ein Buch zu lesen war für sie Faulheit.«

Adam nahm einen Löffel Vanilleeis und ließ es genussvoll auf der Zunge zergehen. »Klingt nach einer echten Zuchtmeisterin.«

»Tante Loretta und Onkel Coy waren sehr gut zu mir.«

»Ich habe meine Worte nicht als Kritik gemeint.«

»Lass nur. Und es stimmt ja, Tante Loretta war streng. Sehr streng, damit ich nicht meiner Mutter nachschlage.« Mit plötzlich gerunzelter Stirn schob sie ihren Löffel wieder in das Eis.

»Und wie war deine Mutter?«

»Ich kann mich kaum noch an sie erinnern.«

Sie wich aus. Wie Adam selbst war Lainey hinsichtlich ihrer persönlichen Angelegenheiten ein verschlossener Mensch. Sie war neunundzwanzig, so viel wusste er, also sechs Jahre jünger als er und Caroline. Und sie war auf die Applewood Farm gekommen, weil ihre Mutter sie im Stich gelassen hatte. Ein Vater existierte nicht. Die Schwester ihrer Mutter, Loretta, und Coy, der jüngere Halbbruder von Robert Parrish, hatten sie aufgezogen.

Lainey stellte ihre Schale mit dem halbaufgegessenen Eis auf den Tisch. »Adam, da ist etwas, worüber ich mit dir reden will.«

Ihre Nervosität übertrug sich auf ihn. Er fühlte sich alarmiert. Er dachte daran, wie es eben im Hof zwischen ihnen gefunkt hatte und wie er sich überhaupt vom ersten Augenblick an zu ihr hingezogen gefühlt hatte. Innerlich bereitete er sich auf alles Mögliche vor.

»Ich möchte, dass du einen Teil der Applewood Farm bekommst.«

Ihre Worte ergaben zunächst keinen Sinn. Adam starrte Lainey an.

Sie errötete. »Und? Was sagst du dazu?«

»Ich weiß nicht, wovon du redest.«

Lainey sprach überhastet, als sie ihm erklärte: »Deine und ­Carolines Mutter hätte zusammen mit Onkel Coy nach dem Tode von Großvater die Farm geerbt. Aber sie starb, und alle hielten dich und deinen Vater für tot. Und Caroline war nach Kalifornien verschwunden. Darum bekam Onkel Coy alles. Das war nicht richtig. Caroline will keinen Teil von der Farm. Aber du …«

»Ich will die Farm nicht.«

»Dem Gesetz nach müsste sie dir gehören.«

»Es ist deine Heimat.«

»Aber du … du und Gabriel, ihr braucht …« Verunsichert brach Lainey ab.

Adam konnte die Lücke selbst füllen … arbeitsloser, körperlich verbrauchter Baseballspieler, der jede Hilfe bitter nötig hatte. »Ich will die Farm nicht. Außerdem hätte Robert Parrish es nicht gewollt, dass ich sie bekomme.«

Überrascht zog Lainey die Brauen hoch. »Was hat das damit zu tun? Er ist seit fast siebzehn Jahren tot. Es spielt keine Rolle, was er gewollt hätte.«

Adam richtete den Blick nach Applewood hinüber. Im Geiste konnte er das große Haus auf der Anhöhe sehen, dahinter den großen Rasen und dann den alten Obstgarten. »Robert Parrish hat mich und meinen Vater von diesem Land verjagt.«

»Das ist nur ein weiterer Grund, es dir zurückzuholen. Von Rechts wegen müsste es dir gehören.«

»Nein.« Die Wut ging wieder mit Adam durch. Eine irrationale Wut, die nichts mit der Frau hier oder dem zu tun hatte, was sie ihm anbot. »Ich will deine verdammte Farm nicht. Okay?« Er schrie es fast.

Auf der anderen Seite der Veranda bewegte sich der kleine Christopher und wimmerte im Schlaf. Lainey warf Adam einen verwirrten Blick zu, bevor sie zu dem Baby ging und es mit sanften Schaukelbewegungen wieder beruhigte.

Adam holte tief Luft. Was zum Teufel war nur los mit ihm, dass er Lainey so anbrüllte? »Es tut mir leid.«

»Ich wollte nur gerecht sein. Ganz bestimmt wollte ich dich nicht aufregen. Ich finde, du und Caroline, ihr solltet beide das haben, was eure Mutter euch hinterlassen hätte.«

»Das ist wirklich sehr großzügig von dir. Aber ich kann es nicht annehmen. Ich erinnere mich nicht einmal mehr an meine Mutter. Ich will nichts von ihr. Außerdem, nach dem, was ich sehen kann und was Caroline und Reid mir gesagt haben, hast du aus der Farm das gemacht, was sie ist … du und dein Onkel.«

»Er war auch dein Onkel.«

»Ich weiß. Trotzdem kann ich dein Angebot nicht annehmen. Wegen meines Vaters«, erklärte er nach längerem Schweigen. »Ich glaube, dass er hier eigentlich leben wollte. Aber er ist vertrieben worden. Und ich … ich will nicht das haben, was er nicht haben konnte.« Er runzelte die Stirn. »Kannst du das verstehen?«

»Nein.« Lainey hatte den Kopf auf die Seite gelegt, und, was Adam überraschte, sie lächelte … ein Lächeln, das den letzten Rest seiner Wut vertrieb.

»Du hältst mich für verrückt, stimmt’s?«

Sie nickte. »Jeder, der nicht einen Teil von Applewood will, ist meiner Meinung nach nicht mehr ganz richtig im Kopf. Es ist doch unmöglich, das alles hier nicht zu lieben.« Mit einer Bewegung ihres Arms umfasste sie das Land um sich herum. »Ich habe nicht viel von der Welt gesehen, im Gegensatz zu dir. Aber es kann einfach nichts Schöneres geben als dieses Tal.«

Auch Adam ließ den Blick über das Land wandern, und dabei regte sich etwas in ihm. Aber er kämpfte gegen das Gefühl an. Das unstete Wanderleben hatte ihn gelehrt, sich nicht darum zu kümmern, wo er sich gerade aufhielt. Etwas Neues wartete doch schon an der nächsten Ecke.

Also betrachtete er lieber Lainey. Einige Haarsträhnen hatten sich aus ihrem langen Zopf gelöst und glänzten rotgolden in der Spätnachmittagssonne, die über die Veranda fiel. Die leuchtende Farbe war ganz besonders schön, dazu noch die tiefgrünen Augen, die von schwarzen Wimpern umgeben waren … Nicht, dass Lainey eine hinreißende Schönheit war. Manche Leute könnten sie sogar für unscheinbar halten. Aber in diesem Licht, den Kopf so wie jetzt gedreht, mit diesem Lächeln auf den Lippen, war sie … war sie einzigartig. Nur dieses Wort fiel ihm dazu ein.

Vielleicht spürte sie die Richtung, die seine Gedanken nahmen. Sie warf ihm rasch einen Blick zu und sah gleich wieder weg. Das Licht veränderte sich. Der Augenblick war vorbei. In Adam blieb der Wunsch, Lainey berühren zu wollen.

Diesen Gedanken verscheuchte er mit einem nervösen Lachen. »Das sollte wirklich festgehalten werden. Schließlich wird einem nicht jeden Tag eine Farm angeboten.«

»Stimmt.«

»Vielleicht bedauere ich es sogar, wenn ich wieder weg bin.«

»Weg?« Das war Carolines Stimme, und Lainey und Adam drehten sich um. Sie kam mit zusammengezogenen Brauen auf sie zu. »Was meinst du damit? Du darfst nicht wegfahren. Noch nicht.«

»Caroline …«

»Du bist erst zwei Wochen hier. Viel zu kurz.«

»Ich bin nicht gekommen, um hierzubleiben.«

»Aber du könntest.«

Adam musterte seine Schwester nur schweigend.

»Ich möchte, dass du bleibst, und …« Carolines und Laineys Blicke trafen sich, und Carolines Gesicht hellte sich plötzlich auf, als wäre ihr gerade eine großartige Idee gekommen. »Und Lainey will auch, dass du bleibst.«

Die überraschte Lainey versuchte, die stumme Botschaft zu verstehen, die Carolines Augen ihr zu übermitteln schienen.

»Lainey braucht Hilfe auf der Farm«, fuhr Caroline fort.

Adam lachte auf. »Ich habe den Eindruck, Lainey könnte zwei Farmen ohne meine Hilfe führen.«

»Nein«, betonte Caroline und warf wieder einen beschwörenden Blick in Laineys Richtung. »Erst heute Morgen hat sie mir erzählt, wie hart ihr die Arbeit in diesem Sommer fällt. Es ist so heiß. Und eine ihrer Aushilfskräfte hat sich aus dem Staub gemacht.«

Dieser Sommer war nicht heißer oder härter als die vorherigen, und dass die Aushilfskraft sie im Stich gelassen hatte, das war keine wirkliche Überraschung gewesen. Aber Lainey hatte verstanden, worauf Caroline aus war. Sie wandte sich an Adam und sagte: »Ich könnte wirklich Hilfe gebrauchen.«