Küssen auf eigene Gefahr - Stephanie Rowe - E-Book

Küssen auf eigene Gefahr E-Book

Stephanie Rowe

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Beschreibung

Er braucht eine lebensgefährliche Frau ... Eigentlich sollte Blaine Underhill glücklich sein. Nach hundertfünfzig Jahren in den Klauen der psychotischen Hexe Veronica ist ihm die Flucht gelungen. Aber er musste einen seiner besten Freunde zurücklassen. Blaine ist fest entschlossen, ihn ebenfalls aus der Folterhölle zu befreien. Doch dafür benötigt er die Hilfe der wohl tödlichsten Frau der Welt. Sie ist zum Sterben schön — im wahrsten Sinne des Wortes … Ein Fluch zwingt Trinity Harpswell alle Männer, die sie liebt, zu töten. Doch nun hat es die Schwarze Witwe fast geschafft. Nach fünf abstinenten Jahren fehlt ihr nur noch eine Woche, bis sie endlich für immer von dem verheerenden Fluch erlöst ist. Als Blaine sie findet und dazu überredet, ihm zu helfen, stellt Trinity allerdings fest, dass eine Woche verdammt lang sein kann – und verdammt mörderisch …

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Seitenzahl: 536

Veröffentlichungsjahr: 2013

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Stephanie Rowe

Küssen auf eigene Gefahr

Übersetzung von Katrin Reichardt

Deutsche Erstausgabe

1. Auflage August 2011

Titelbild: Agnieszka Szuba

www.the-butterfly-within.com

©opyright 2011 by Stephanie Rowe

Übersetzung von Katrin Reichardt

Published by Arrangement with

SOURCEBOOKS Inc. Naperville, IL, USA

Lektorat: Franziska Köhler

Satz: nimatypografik

ISBN: 978-3-939239-92-5

Alle Rechte vorbehalten. Ein Nachdruck oder

eine andere Verwertung ist nur mit schriftlicher

Genehmigung des Verlags gestattet.

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Für Ariana, meine beste Freundin,

meine Freude, mein Lachen und mein Herz.

Kapitel 1

Als der eingebrannte Totenschädel auf seinem linken Brustmuskel zu qualmen begann, wusste Alexander Blaine Underhill III, dass er heute Abend wohl keine Gelegenheit mehr zum Sticken bekommen würde. Seine Flucht aus der Höhle der Weiblichen Tugenden, diesem Höllenloch, in dem er seit einhundertfünfzig Jahren von einer schwarzen Hexe gefangen gehalten wurde, fing gerade an, kompliziert zu werden. «Jungs, zeigt euch von eurer besten Seite. Das ist unser Auftritt.»

«Ich habe mich vor zwei Tagen rasiert. Reicht das?» Nigel Aquarius spurtete neben Blaine. Seine Kampfstiefel stampften dumpf auf dem rostfreien Stahlboden des Sticksaals. Er trug lediglich schwarze Lederhosen und hatte eine blassrosa tätowierte Rose auf seiner linken Wange. Seine Handflächen waren nur noch schwarze Kohlen. Glühende Stückchen lösten sich von ihnen und rieselten zu Boden. «Allerdings hab ich das Aftershave vergessen. Passiert mir aber auch jedes Mal, dass ich nach einer Party mit ausgehungerten Piranhas vergesse, mich ordentlich frisch zu machen.» Er hielt seinen kleinen Finger hoch, den er allerdings erst zur Hälfte wieder hatte nachwachsen lassen. «Ich hasse Fisch.»

Blaine sprang über eine Vipern-Brutgrube. «Spinnen sind schlimmer.»

Nigel verzog das Gesicht. «Die Hexe kennt sich bestimmt ziemlich gut mit Spinnen aus.»

An diese Hölle wollte Blaine sich nicht zurückerinnern. «Hat mich nur härter gemacht. War unterhaltsam.»

Nigel warf ihm einen vielsagenden Blick zu. «Oh ja, das war es mit Sicherheit.»

Wenn man einmal hundertfünfzig Jahre der nicht vorhandenen Gnade von Angelica, der Großmutter des Todes, ausgeliefert war, bekam das Wort «Hölle» eine ganz neue Bedeutung. Die schwarze Hexe verfolgte ihr Ziel, die mächtigste Zauberin aller Zeiten zu werden, mit diabolischer Bestimmtheit, und was ihre kleinen Experimente betraf, so ging sie nicht gerade zimperlich zur Sache. Skrupelloses, bösartiges Miststück direkt aus der Hölle war eine recht treffende Beschreibung für sie. Blaine und die anderen Jungs hatten ein Jahrhundert lang an ihrem Fluchtplan gefeilt und heute hieß es endlichhasta la vista!

Blaine schickte ein Grinsen in Richtung der Überwachungskamera, die er vor wenigen Augenblicken deaktiviert hatte. «Hoffentlich vermisst du uns.» Er hätte einiges dafür gegeben, sie unter vier Augen in die Finger zu kriegen und sie für alles, was sie getan hatte, büßen zu lassen. Aber seinem Gehirn hatte sie wenigstens keinen Schaden zufügen können und darum machte er sich jetzt lieber aus dem Staub, anstatt sich in eine Schlacht zu stürzen, die er niemals gewinnen konnte. Dass es eine einzelne Frau schaffte, vier knallharten Kriegern so dermaßen den Hintern zu versohlen, war schon verdammt peinlich. Wenn er hier raus wäre, würde er das in seinem Online-Dating-Profil lieber nicht erwähnen.

Grüne und rosafarbene Diskolichter begannen zu blinken und die Schreie von gefolterten Männern erfüllten den Raum.

«Feueralarm? Jungs, also wirklich. Könnt ihr nicht mal für fünf Minuten den Dampf in euren Hosen halten?» Jarvis Swain schloss zu den beiden auf. Ein kariertes Band hielt sein hellbraunes Haar im Zaum, und er war schweiß- und blutüberströmt, beides Überbleibsel des Kampfes, den er mit Sicherheit gewonnen hätte, hätte Blaine nicht zur Flucht geblasen. Für Jarvis war eine Trainingsstunde immer erst dann zu Ende, wenn sein Gegner blutend und halb tot am Boden lag. In seiner Faust hielt er sein Katana.

«Tolle Hosen», meinte Nigel und wies mit einem Nicken auf die gestickte gelbe Tulpe im Hüftbereich von Jarvis coolem Kampfanzug. Er hob eine Braue und fragte Blaine: «Ist das etwa ein Werk von deiner zarten Hand, Trio?»

Blaine ignorierte Nigels sarkastische Anspielung auf seine Abstammung. Wenn es nach ihm ging, so konnten alle seine Verwandten getrost zur Hölle fahren. Er hoffte sogar darauf, dass das schon längst geschehen war.

Er blickte über seine Schulter zurück, um nachzusehen, wo Christian Slayer blieb, das wichtigste Mitglied ihrer Gruppe. Doch der Sticksaal war leer. «Wo ist denn unser Romeo?»

«Als wir beim Blumenstecken durchkamen, ist er wieder umgekehrt. Wegen seiner Freundin.» Jarvis warf sein Schwert nach einem kleinen schwarzen Kästchen, das an der fünf Meter hohen Decke angebracht war. «Er hat ihren Duft gerochen und gemeint, sie müsse in der Nähe sein. Dann ist er los, um sie zu holen.» Die Klinge traf präzise, Funken flogen und der Alarm verstummte.

Blaine sprang im Lauf hoch und schnappte sich das Schwert. «Wir stecken hier mitten in der waghalsigen Flucht aus unserer ganz persönlichen Folterkammer und er hält sich damit auf, ein Mädchen zu retten?»

«Zumindest hat er das behauptet», erwiderte Nigel. «Und ich nehme es ihm ab, denn er ist ein wirklich beschissener Lügner.»

Sie rannten so schnell sie konnten auf die Tür am Ende des Ganges zu. Weniger als fünf Meter bis zur Freiheit. «Na, verdammt noch mal», fluchte Blaine und warf das Schwert mit dem Griff voran nach Jarvis Herz, «das ist wirklich süß von ihm.»

Jarvis fing das Schwert mühelos ab, seine Finger fanden ohne Zögern den Griff. «Findest du?»

«Klar. Nicht jeder Mann würde, bloß um ein Mädchen zu retten, sein Team in einem Kriegsgebiet auflaufen lassen.» Blaine hetzte weiter und zog im Laufen aus einem Beutel, den er um seine Hüften gebunden hatte, einige blaue Kugeln. «Ich respektiere seine Entscheidung. Aber selbstverständlich werde ich ihm dafür noch den Arsch aufreißen müssen – und bei zukünftigen Missionen ist er auf keinen Fall mehr dabei.»

Die drei Männer, die er für die Flucht handverlesen hatte, waren die einzigen Bewohner der Höhle der Weiblichen Tugenden, denen er auch sein Leben anvertraut hätte. Loyalität war für ihn, wie auch die anderen in seiner Gruppe, eine ernste Sache. Christians Abstecher zeigte, dass Ehre eine weitere wichtige Verpflichtung war, und Blaine war bereit, das zu akzeptieren. Egal, welche Konsequenzen es auch bedeuten mochte, er würde sich hinter jeden Mann stellen, der sich weigerte, jemanden zurückzulassen.

Plötzlich hörte er hinter ihnen das gedämpfte Trappeln kleiner Füßchen, die um eine Kurve geschlittert kamen. Er warf sich herum und drehte dabei die blauen Kugeln in seiner Hand. Die andere Hand wanderte instinktiv zu der langen Röhre hinab, die er an seinem Gürtel festgebunden hatte, um zu kontrollieren, ob das einzige Stickprojekt, das er mitnehmen wollte, noch in Sicherheit war.

Das war es.

«Meiner Meinung nach hat er etwas den Überblick verloren.» Nigel baute sich neben Blaines rechter Schulter auf und erhob seine glimmenden Hände in Richtung ihrer Verfolger. «Gevögelt zu werden beeinträchtigt seine Fähigkeit zum klaren Denken doch erheblich. Für mich ist da das Zölibat die bessere Lösung. Seid ihr dabei, Jungs?»

Blaine schnaubte. «Sex kann gut fürs Gehirn sein. Kommt ganz auf die Situation an.» Blaine schwenkte die blauen Bälle in seiner Hand. Sie begannen zu brennen. Er wollte nichts lieber, als diese Schätzchen nach den Dreckskerlen zu schleudern, die hinter ihnen her waren. Doch wenn Christian in deren Nähe war, würde er ihn mit in die Luft jagen. Wo blieb der Faulenzer bloß?

«Was weißt du denn darüber, dass einem Mann beim Vögeln das Hirn weggebrutzelt wird?», fragte Jarvis. «Wann hast du denn zum letzten Mal eine gehabt, Trio?»

«Ein richtiger Mann spricht nicht über seine Eroberungen.» Blaine hatte plötzlich den Geruch von Trockenfutter in der Nase und erstarrte. Er hoffte inständig, dass sich seine Vermutung über ihre Verfolger als falsch erweisen würde. Klar, eine anständige Schlacht war immer klasse für den Seelenfrieden – aber es gab Dinge, die waren einfach nur Stoff für Alpträume.

Jarvis lachte bellend. «Ein richtiger Mann führt darüber Buch und liest es hinterher seinen sexuell benachteiligten Kumpels vor. Zum letzten Mal durften wir ran, als Nigel mit Zahnpasta Strichmännchen an die Badezimmerwand geschmiert hat.»

Sie alle waren schon vor langer Zeit übereingekommen, dass die Intimitäten, zu denen Angelica sie zwang, nicht als Sex zählten. Manche Dinge waren einfach unantastbar.

Nigel warf Jarvis einen missmutigen Blick zu. «Lästere nicht über mein künstlerisches Talent. Du bist bloß neidisch, weil du dich nicht aus der Wochenendfolter bei der Hexe herausstricken kannst.»

«Ich habe mich bewusst dazu entschieden, mies zu stricken. Ihre Experimente stählen mich mehr.» Jarvis begann, das Schwert über seinem Kopf kreisen zu lassen. Die Energie, die er dabei erzeugte, elektrisierte die Luft. «Du bist ein Weichei. Du malst ihr einfach ein paar hübsche Bilder, damit sie mit dir zufrieden ist und dich die Folter schwänzen lässt.»

«Ich male gerne.» Nigels ungerührte Erwiderung spiegelte eine Erkenntnis wider, die sie alle teilten. Wenn es etwas gab, das sie tun konnten, um eine weitere Stunde, einen weiteren Tag unter der Herrschaft der blonden Despotin zu überstehen, war das jedes Mal ein kleiner Sieg. Nigel hatte Glück, dass sie für ihn die Malerei ausgesucht hatte, denn dem Schlaffi machte das tatsächlich Spaß.

Für Blaines gequälten Geist boten Kreuzstichstickereien nicht gerade eine Zuflucht.

Sein Team bestand aus den letzten vier Überlebenden einer Gruppe von dreißig Jungen, die vor einhundertfünfzig Jahren verschleppt und in das Reich der Hexe gebracht worden waren. Die meisten von ihnen waren gestorben. Einige wenige waren gerettet worden. Auch Jarvis und Nigel hatten einige Zeit auf Rettung gehofft, doch Blaine hatte sich nie mit Gedanken daran aufgehalten.

Schon als Vierjähriger hatte er gewusst, dass niemand kommen würde, um ihn zu holen. Er hatte mit angehört, wie seine eigenen Eltern den Handel mit der Zauberin abgeschlossen hatten. Er konnte sich immer noch daran erinnern, wie er mit dem Wolf in der Hand, den er gerade für seine Mutter zum Geburtstag geschnitzt hatte, auf der oberen Treppenstufe gesessen hatte. An das Geräusch, als das Tier auf den Holzboden aufschlug, an das Knacken, als ein Bein abbrach. Wie er dort gesessen hatte, betäubt und sprachlos, und zugehört hatte, wie seine eigene Mutter seine Seele dem Teufel übergab.

Als Angelica gekommen war, um ihn zu holen, hatte er ihr nichts entgegenzusetzen gehabt. Die breite Narbe, die sich über seinen Arm erstreckte, war der Beweis dafür. Er rieb mit seiner Hand über das Mal, das von der letzten Verletzung zeugte, die er sich zugezogen hatte, bevor er ihr Spielzeug geworden war und die Fähigkeit entwickelt hatte, sich zu heilen.

Diese Narbe sollte ihn daran erinnern, keiner Seele etwas anzuvertrauen, was für ihn von Bedeutung war. Der Tag, an dem sie ihn in diesem Keller fertiggemacht hatte, war der Tag gewesen, an dem er beschlossen hatte, sich selbst zu retten. Manchmal war sein Dürsten nach Freiheit das Einzige gewesen, was ihn aufrecht gehalten hatte. Als er dort gelegen hatte, die Hexe thronend über ihm, und mit seinem Blut auch das Leben aus ihm herausgeflossen war ... seine strikte Weigerung, als Gefangener zu sterben, war oft genug die einzige Kraft gewesen, die ihn vom Rand des Todes zurückholen konnte.

Diese Widerstandsfähigkeit hatte ihn zu einem von Angelicas Lieblingsspielzeugen gemacht.

Und jetzt würde er gewinnen. Rock on.

«Ich hasse Stricken. Für dieses ganze zwei links, zwei rechts sind meine Hände verdammt noch mal zu riesig.» Jarvis positionierte sich neben Blaine und dehnte seine Finger. Sie standen in enger Formation, Schulter an Schulter an Schulter. Die Hexe hatte versucht, sie mit weiblichen Tugenden zu entmannen, um sie so kontrollieren zu können. Aber sie hatte sie damit auch zu stahlharten Kriegern gemacht.

Sie hatte ja keine Ahnung, wie stahlhart sie inzwischen waren.

Aber heute war ihr Glückstag. Nicht mehr lange und sie würde es herausfinden.

«Stricken hat etwas mit Finesse zu tun und nicht damit, wie groß deine Hände sind.» Aus Nigels Handflächen stieg dicker, schwarzer Qualm auf. «Mir scheint, du bist da irgendwie geistig blockiert.»

«Da hat Nigel nicht unrecht, Jarvis.» Blaine konzentrierte seine ganze Energie auf seine Brust. Der Piratenschädel begann zu brennen und er öffnete sich dem Schmerz.Komm schon.«In der Zone hab ich dich schon sehr schöne, detaillierte Sachen mit deinen Stricknadeln machen sehen.»

Die Flammen, die aus seiner Brust leckten, waren orange. Nicht heiß genug. Er dachte daran, wie er das letzte Mal mit Angelica allein gewesen war, und daran, was sie ihm angetan hatte. Die Wut stieg kraftvoll in ihm auf und die Flammen wurden blau-weiß. Schon besser.

Dann erschien ihr Gegner. Der erste Schnudel kam mit gefletschten Zähnen und angelegten Ohren um die Ecke und fing an, wie wahnsinnig zu kläffen. Blaine straffte sich.Mist. Er hätte sich so gerne geirrt.

Sie hätte die Dämonen schicken können.

Oder die Grubenottern.

Aber nein. Sie hatte die Schnudel geschickt.

Ihre Chance, es in die Freiheit zu schaffen, war gerade zum Teufel gegangen.

«Noch sieben Tage und du bist das Morden los!»

«Ja ja, beschrei es auch noch, das macht es viel spannender», spöttelte Trinity Harpswell zurück (okay, vielleicht mischte sich zu dem Spott auch noch ein klein wenig Ernst oder doch eher Panik). Sie hob ihr Wasserglas und stieß damit gegen das Weinglas von Reina Fleming, ihrer besten Freundin. Dass sie hier ihren Sieg über den Fluch der Schwarzen Witwe feierten, erschien ihr ein kleines bisschen verfrüht, aber sie wollte alles tun, was nötig war, um weiterhin guter Dinge zu bleiben. Sie hatte es doch schon so weit geschafft. Sie musste nur fest daran glauben. «Ich schaffe noch eine Woche, oder?»

Trinity hatte Flip-Flops und einen Bleistiftrock an, der derart eng war, dass sie jedes Mal, wenn sie ihn trug, nur noch watscheln konnte wie ein Pinguin. Sie hatte dieses Outfit mit Bedacht ausgewählt, da es, falls der Fluch die Kontrolle über ihren Willen, ihren Anstand, ihre sittlichen und moralischen Vorstellungen und ihre grundlegenden menschlichen Qualitäten übernehmen sollte, das Hetzen von ahnungslosen Opfern deutlich erschweren würde.

Sie konnte dieses Gefühl, die Kontrolle zu verlieren, absolut nicht ausstehen. Diesen Augenblick, wenn die Lichter zu grell wurden, wenn ihr Herz zu rasen begann, wenn ihr Verstand sie anschrie, es nicht zu tun, und sie sich doch irgendwie wieder nicht zurückhalten konnte. Der Fluch der Schwarzen Witwe trieb sie unbarmherzig dazu, sich zu verlieben und dann ihren Angebeteten ins Jenseits zu schicken. Mit Sicherheit nicht gerade der Stoff, aus dem Teenager-Träume gemacht sind. Oder die Träume von neunundzwanzigjährigen Single-Mädels.

«Aber klar, du wirst es schaffen.» Reina trug ein glitzerndes, rotes Cocktailkleid und Riemchensandalen. Sie hatte sich ihr rotbraunes Haar hochgesteckt und wie immer strahlten ihre Augen vor purer Lebensfreude. Ihr positives, munteres Temperament war schon so oft Trinitys Rettungsring gewesen und sie schätzte ihre Freundin sehr. «Du hast jetzt beinahe fünf Jahre ausgehalten. Was macht da eine weitere Woche noch aus?»

«Ich glaube nicht, dass der Fluch mich so einfach davonkommen lassen wird. Etwas liegt in der Luft. Ich kann es spüren.» Trinity schaffte es nicht, die Anspannung aus ihrer Stimme zu verdrängen. Sie lehnte sich auf ihrem Stuhl zurück. «Letzte Nacht hatte ich einen Traum. Ich lief durch den Boston Common Park und eine Blaskapelle kam vorbei. Lauter süße Jungs. Sie wollten mit mir essen gehen, und ich habe sie alle umgebracht.» Bei dem Gedanken daran wurde ihr flau im Magen. «Und sie waren alle Väter. Und jetzt haben ihre Kinder keine Papas mehr und ihre Frauen sind jetzt alle alleinerziehend und –»

«Aufhören!», rief Reina und warf ein Brötchen nach ihr. «Mädchen, um Himmels willen, du musst dich zusammenreißen. Weder wirst du irgendwelche Kinder zu Waisen machen, noch eine ganze Kompanie Männer umbringen. So bösartig bist du nicht!»

«Du steckst nicht in meiner Haut. Ich fühle, wie diese Finsternis in mir pulsiert. Andauernd. Völlig irre.» Ein kokettes Kichern vom Nebentisch erregte plötzlich Trinitys Aufmerksamkeit und sie wandte sich um.

Ein Pärchen war gerade eingetroffen, beide um die Zwanzig. Die Frau trug ein wunderschönes Kleid in gebrochenem Weiß, und der Mann lächelte, während er einen Stuhl für sie heranzog, so sehr, dass man seine Grübchen sehen konnte. Er bot ihr den Stuhl an, wobei seine Hand leicht wie eine Feder auf ihrem Rücken ruhte. Das Mädchen strahlte ihn an. Dann lächelten beide, er beugte sich zu ihr und strich mit seinen Lippen über ihre Wange.

Trinity legte die Hand unter ihr Kinn und stützte den Ellenbogen auf dem Tisch auf. «Okay, also das ist so ziemlich das Süßeste –»

«Hey!», mahnte Reina halblaut und packte Trinitys Arm.

Trinity verkrampfte sich und sah ihre Freundin an. «Ich hab es schon wieder getan, oder?»

«Dumusstdamit aufhören, auf die Männer zu schauen.» Reina zeigte mit zwei Fingern auf sich selbst: «Konzentrier dich ganz auf mich, Killergirl. Du weißt ganz genau, dass es nicht gut für dich ist, die Liebe zu sehen. Du regst dich bloß auf und dann muss ich mich am Ende auf dich draufsetzen, damit du den armen Kerl nicht abmurkst.»

Beinahe hätte Trinity aufgelacht. «Wenn ich unter der Fuchtel des Fluchs stehe, würde es vermutlich auch nicht viel helfen, wenn du auf mir draufsitzt.»

«Ich weiß. Mädel, wenn du dich verliebst, dann schnappst du total über.» Reina drehte ihr Glas zwischen den Fingerspitzen. «Weißt du, ich bin wirklich beeindruckt, dass du schon so lange durchgehalten hast, ohne jemanden zu ermorden. Das hast du gut gemacht, meine Liebe.»

Durch ihre Worte löste sich Trinitys Anspannung etwas und sie spürte einen Kloß im Hals. «Danke. Das ist lieb.»

Reina lehnte sich zurück und seufzte übertrieben verzweifelt. «Dir ist aber schon klar, dass ich nie deine Freundin geworden wäre, wenn ich damit gerechnet hätte, dass du so lange Zeit keinen umlegst.»

Trinity grinste. Reina war ein vielversprechendes Nachwuchstalent des Todes und sie beschäftigte sich nun mal gerne mit allem, was tot war. Darum hatte sie sich gleich zu Trinity hingezogen gefühlt. «Na, da bin ich aber froh, dass du mich so falsch eingeschätzt hast.»

Reina zwinkerte ihr zu. «Ich auch. Dein engelsgleiches Betragen ist zwar bestimmt nicht gut für meine Karriere, aber du bist trotzdem Spitzenklasse.»

«Amen, Schwester.» Trinity hatte bereits ihr Päckchen im Leben zu tragen, aber Reina gehörte, weil sie Leute ins Jenseits karrte, auch nicht zu den sonderlich beliebten Mädchen. Die meisten Menschen und Wesen der Anderswelt konnten die Aura des Todes, die sie umgab, spüren und hielten sich instinktiv von ihr fern.

Zugegeben, als die temperamentvolle fremde Frau eines Tages mit einem Schokoladenkuchen und einem Freundschaftsangebot vor ihrer Wohnungstür aufgetaucht war, war selbst Trinity die Sache nicht ganz geheuer gewesen. Aber am Ende hatte sie der Versuchung dann doch nicht widerstehen können, eine Freundin zu haben, die wusste, was sie war, und sie trotzdem gern hatte – auch wenn Reina nebenbei eigennützige Interessen verfolgte und aus Trinitys Fehlern Profit schlug.

Das Resultat war eine perfekte, dauerhafte Freundschaft zwischen zwei Freaks.

Reina beugte sich vor. «Also, am Sonntagabend um Viertel nach sieben läuft der Fluch der Schwarzen Witwe aus, richtig?»

«Ja, vorausgesetzt, ich tue bis dahin niemandem etwas an.» Seit sie sich vor fünf Jahren dazu gezwungen hatte, ihre letzte große Liebe im Leichenschauhaus zu besuchen – in dessen Halsschlagader immer noch ihre Eiswaffel gesteckt hatte –, hatte sich dieses Datum in ihren Geist eingebrannt. Sie hatte über dem nach Pfefferminz-Schokoladenchip-Eis duftenden Körper gestanden und ihm geschworen, dass sie den Teufelskreis durchbrechen würde und nie mehr jemand Opfer der Finsternis werden würde, die in ihren Adern zirkulierte. Der Fluch der Schwarzen Witwe war nicht endgültig. Wenn Trinity es schaffte, fünf Jahre niemanden zu töten, dann würde er verschwinden.

Sie hatte keine Ahnung, wie sie sich diesen Fluch eingefangen hatte. Niemand wusste das. Als sie noch ein Baby war, hatte man sie entführt, und als die Polizei sie sechs Monate später in einer Tierhandlung friedlich schlummernd in einem Berg Hundewelpen wiedergefunden hatte, wusste niemand, was mit ihr geschehen war.

Bis sie sechzehn wurde und sich zum ersten Mal verliebte. Von da an brauchten Trinity und ihre Eltern nicht mehr lange, um herauszufinden, was mit ihr passiert war. Das Internet bot alle nötigen Informationen, um zu begreifen, was mit ihr nicht stimmte und wie sie damit fertig werden konnte.

Diagnose:fieses männermordendes Miststück (seufz).

Behandlung: Abstinenz. (Ja ja, das ist ja so einfach. Von wegen. Das ist viel schwerer, als sich Koffein oder Zigaretten abzugewöhnen. Ihr glaubt mir nicht? Nehmt eure schlimmste Angewohnheit und versucht, sie loszuwerden. Gar nicht so leicht, was? Und eure Zwänge werden noch nicht einmal von einer bösartigen, übernatürlichen Macht ausgelöst).

Ungünstigste Prognose:Wenn sie fünf Mal tötet, bleibt sie für immer eine Mörderin. (Bis jetzt vier. Die ersten Jahre waren wirklich hart …).

Günstigste Prognose:Wenn sie es schafft, fünf Jahre niemanden zu töten, ist sie für immer frei. (Noch eine Woche durchhalten).

Sie war bereit für den großen Tag, aber sie wusste, dass der Fluch sie nicht so einfach davonkommen lassen würde.

«Also, in meiner Position als Assistentin des Todes befürworte ich selbstverständlich Morde jeder Art, aber als deine Freundin hoffe ich wirklich, dass du dein Ziel erreichen wirst.» Reina zwirbelte ihr Weinglas zwischen Daumen und Zeigefinger. «Ich habe mit dem Tod gesprochen und er hat uns sein Ferienhaus in Minnesota angeboten. Wir könnten uns eine schöne Mädelswoche machen, blöde Filme gucken und den Männern aus dem Weg gehen.»

«Oh, wow.» Der Gedanke, allem entfliehen zu können, löste ein Gefühl der Erleichterung in Trinitys Brust aus. «Das klingt so toll.»

«Fantastisch.» Reina nahm ihriPhoneund wählte. «Ich rufe ihn schnell an und sage ihm Bescheid. Ich möchte vermeiden, dass seine Haremsweiber dort herumlungern, wenn wir ankommen –»

Trinity legte ihre Hand auf das Telefon. «Reina, ich kann mich nicht drücken.»

Reina stemmte ihr Handy aus Trinitys Fingern. «Weshalb denn nicht? Wenn dir die Hölle auf den Fersen ist, ist wegrennen eine ganz natürliche, menschliche Reaktion. Vor mir versuchen die Leute auch ständig wegzurennen.»

Trinity hob die Augenbrauen. «Und hilft es, wenn sie versuchen, sich vor dir zu verstecken?»

«Also, eigentlich nicht, aber ich bin auch richtig hartnäckig», erwiderte Reina achselzuckend.

«Und ist der Fluch das nicht auch?»

«Hm ... stimmt. Aber das ist etwas anderes. Ich meine –»

«Nein.» Trinity neigte sich zu ihr. «Ich muss mir selbst beweisen, dass ich stärker bin als der Fluch.» Wenn sie es schaffen würde, unter dem Diktat des Fluchs der Versuchung zu widerstehen, dann würde sie wieder an sich glauben können und wissen, dass ihre Seele noch etwas wert war. «Ich muss sicher sein, dass ich nicht bloß eine niederträchtige Killerin bin und den Fluch als Entschuldigung für meine niederträchtigen Taten benutze.»

Jedes Mal, wenn sie von dem Fluch übermannt wurde und sich selbst dabei zusah, wie sie guten Menschen Schreckliches antat, starb sie beinahe vor Angst. Reina wie auch ihre Familie schoben dem Fluch alle Schuld an ihrem Verhalten zu, aber sie selbst wurde einfach den Gedanken nicht los, dass sie, wenn sie nur gut genug, stark genug wäre, sich selbst bremsen könnte. Sie musste die Wahrheit erfahren, musste ergründen, ob tief in ihr ein liebenswerter Mensch steckte.

Reina beobachtete sie und schnalzte leise mit der Zunge. «Du hast keine Ahnung, was für eine gute Seele du hast, oder? Du solltest diese Kotzbrocken sehen, mit denen ich es immer zu tun habe.Dassind wirklich schlechte Menschen –»

«Trinity? Trinity Harpswell?»

Trinity sah auf und erblickt zwei Frauen, die an ihrem Tisch standen. Beide trugen Anzüge und sahen sehr nach Business aus. In ihren Jobs arbeiteten sie bestimmt täglich eng mit Männern zusammen – ganz im Gegensatz zu Trinity, die in einer Einrichtung arbeitete, die geschiedenen Frauen half, ein neues Leben zu beginnen. Waren diese Frauen etwa bei einer der Selbsthilfegruppen gewesen? Kannten sie sie deshalb? «Tut mir leid, ich weiß nicht, wer –»

«Siesindes.» Eine der Frauen ergriff Trinitys Hand und schüttelte sie energisch. «Es ist so eine Freude, sie kennenzulernen.»

Trinity warf Reina einen Blick zu, aber die zuckte nur fragend mit den Schultern. «Ähm, ich glaube, Sie verwechseln mich –»

«Sie sind die Frau, die eigenhändig den Boston-Bedtime-Würger in ihrem eigenen Bett erledigt hat?»

Oh ... Trinity machte ihre Hand los. «Er hieß Barry Baldini und er war ein guter Mensch –»

«Ja, sie ist es», quatschte Reina dazwischen. «Aber sie ist immer noch sehr traumatisiert. Wenn es Ihnen also nichts ausmacht –»

«Oh, selbstverständlich.» Die Frau zog respektvoll den Kopf ein. «Ich wollte Ihnen nur sagen, dass Sie eine Inspiration für mich sind. Wie Sie sich gegen einen Mann behauptet haben, der so viele Frauen misshandelt hat und den die Polizei nicht fassen konnte. Sie sind die pure Frauenpower.» Sie grinste einfältig und wedelte mit ihrer Faust. «Wegen Ihnen habe ich Jura studiert und jetzt bin ich die stellvertretende Bezirksstaatsanwältin und schicke jeden Tag Drecksäcke wie den Würger hinter Schloss und Riegel –»

Trinity ballte eine Faust in ihrem Schoß. «Er war kein Dreck –»

«Vielen Dank.» Reina schnitt ihr das Wort ab und trat gleichzeitig unter dem Tisch nach ihr. «Schönen Tag noch.»

Die Frauen eilten davon und Reina funkelte Trinity böse an. «Barry war kein Drecksack, und ich verdiene dafür, dass ich ihn umgebracht habe, kein Lob. Es war Mord –»

«Trink, Mädel. Du musst dich entspannen.» Reina schob ihr Weinglas über den Tisch. «Er hat zwei Dutzend Frauen erwürgt. Für die weiblichen Bewohner von Boston war es ein Glück, dass du dich in ihn verliebt und ihn dann getötet hast. Sei ein bisschen nachsichtiger mit dir selbst. Du hast dich doch nur mit ihm eingelassen, weil du wusstest, dass er ein Frauen hassendes Schwein ist, das du niemals lieben könntest. Selbst wenn man das Serienmörderdings außer Acht lässt, war er kein sonderlich netter Kerl.»

Bei dem Gedanken an ihren letzten gemeinsamen Abend krampfte sich Trinitys Herz zusammen. Barry hatte für sie gekocht, Champagner und Rosen besorgt und ihr gestanden, dass er sich durch sie zum ersten Mal in seinem ganzen Leben selbst lieben konnte. In jenem Augenblick hatte sie ihr Herz an ihn verloren. Eine Stunde später hatte er dann an sie sein Leben verloren. «Ja, mir ist klar, dass er auch schlechte Eigenschaften hatte, aber unter dieser Oberfläche war er ein fürsorglicher und sensibler Mann. Als ich ihn getötet habe, wusste ich nicht, dass er der Würger ist. Ich habe ihn kaltgestellt, weil er ein netter Kerl war –»

«Und wenn der Rest der Welt der Auffassung ist, dass du ihn getötet hast, weil er sich in dein Schlafzimmer geschlichen hat, um dich zu foltern und zu erwürgen, dann solltest du es dabei belassen.» Reina rollte mit den Augen. «Du musst damit aufhören, ihn zu verteidigen. Ich meine, er hatte es verdient, zu sterben. Er hat all diese Menschen ermordet –»

«Dann verdient es also jeder, der unschuldige Menschen ermordet, zu sterben? Ich auch?»

In Reinas Augen blitzte es. «Ach, komm schon. Fang nicht so an. Du weißt, dass es bei dir etwas anderes ist. Du handelst unter Zwang.»

«Genau wie er. Bei ihm war es zwar kein Fluch, dafür aber eine Zwangsstörung. Inwiefern bin ich besser als er?» Ihre Eltern hatten ihr immer versichert, sie wäre kein schlechter Mensch, dass es nicht ihre Schuld war – aber woher wollten sie das wissen? Nur sie allein spürte diese pulsierende Befriedigung, wenn sie neben der Leiche des Mannes stand, den sie liebte. Gut, meistens weinte sie dann auch und hatte das Gefühl, sich übergeben zu müssen, aber tief in ihrem Inneren empfand sie auch Stolz. Vielleicht war das der Fluch, vielleicht war es aber auch ihr wahres Ich.

Sie musste herausbekommen, was von beidem wirklich zutraf.

«Du bist ein guter Mensch!», widersprach Reina. «Du –»

«Begreifst du denn nicht, was für eine Angst ich davor habe, wie Barry zu sein? Dass es besser wäre, mich zu töten, um den Rest der Menschheit vor mir zu schützen?» Trinity nestelte an ihrem Armband mit den Herzanhängern. Auf jedem Herz stand «Glaube!» eingraviert. «Ich muss sicher sein, dass ich anders bin. Ich muss wissen, dass ich mehr bin. Und der einzige Weg, wie ich mir das beweisen kann, ist, wenn ich mich dem Fluch stelle und dann genug Güte in meiner Seele finden kann, um mein Verlangen zu morden damit zu übertrumpfen.»

Reina seufzte. «Ich hasse es, wenn du es schaffst, Irrsinn logisch erscheinen zu lassen.»

Trinity stieß den Atem aus. «Wirst du mir helfen, diese Woche zu überstehen? Ich werde mich nicht verkriechen. Ich muss mich der Sache stellen.»

Reina schüttelte resigniert den Kopf. «Gut. Ich helfe dir, aber ich bin immer noch der Meinung, dass wir einen Mädelstrip zur Ferienhütte unternehmen sollten. Warum möchtest du nur, um dir etwas zu beweisen, ewige Verdammnis riskieren?»

«Das ist nicht so einfach.»

«Ich weiß. Ich werde dich unterstützen, aber ich werde auch weiterhin versuchen, es dir auszureden.» Reina nahm Trinity ihr Weinglas, das sie noch nicht einmal angerührt hatte, wieder weg.

Als ob jetzt der richtige Zeitpunkt für die enthemmende Wirkung von Alkohol gewesen wäre. Also bitte.

Reina trank einen Schluck von ihrem Wein und stellte dann das Glas auf den Tisch. «Okay, also eigentlich wollte ich dich damit überraschen, aber ich habe das Gefühl, als könntest du sofort ein bisschen Inspiration gebrauchen. Das sprichwörtliche Licht am Ende des Tunnels. Einen Tritt in den Hintern, damit du endlich aufhörst, so weinerlich zu sein und griesgrämig damit zu hadern, wie schlecht du doch bist.»

«Ich bin nicht weinerlich. Ich bin realistisch. Das ist was anderes.»

Trinity nahm sich ein Brötchen und fing an, es zu zerpflücken. Es dampfte und sie atmete den Duft des frischgebackenen Teiges ein. Reina hatte für ihr Treffen auf das schönste Restaurant in ganz Boston bestanden und allein wegen der Brötchen war es schon einen Besuch wert. «Und deine Überraschungen machen mir Angst. Erinnerst du dich noch daran, als du für meinen einundzwanzigsten Geburtstag den Tod als Stripper engagiert hast, und meine Mutter geglaubt hat, er wäre gekommen, um mich zu holen?» Sie verdrehte die Augen. «Bis dahin hatte ich nicht gewusst, dass meine Mum einen Baseball mit so viel Wucht werfen kann. Sie hat ihn glatt ausgeknockt.»

Reina zuckte zusammen. «Okay, das war nicht meine beste Nummer, aber dieses Mal ist es eine gute Überraschung.» Sie hielt Trinity ihriPhonehin, auf dessen Display die Silhouette eines Mannes zu sehen war, der an einem Telefonmast lehnte. Das Bild war sehr dunkel und Trinity konnte in den Schatten nicht einmal sein Gesicht erkennen. «Solltest du es schaffen, dem anderen Geschlecht nicht an die Kehle beziehungsweise an die Halsschlagader zu gehen, dann habe ich hier einen Mann für dich, den du kennenlernen solltest.» In Reinas hellblauen Augen blitzte der Schalk. «Ich habe schon eine Verabredung für dich arrangiert, genau eine Minute, nachdem der Fluch ausläuft. Meine liebe Freundin, es gilt, keine Zeit zu verlieren. Du verdienst es, wieder zu leben.»

«Eine Verabredung?» Trinity verkrampfte sich. Verabredungen waren so ein unerfreuliches Thema. Es hatte nicht mal etwas gebracht, einen menschenverachtenden Serienmörder zu daten. Je idiotischer der Mann war, desto mehr erkannte sie sich selbst in ihm wieder und entwickelte Mitgefühl für ihn. «Ich kann nicht –»

«Dukannstsehr wohl. Darum geht es ja. Ab kommendem Sonntag kannst du dich wieder mit Männern einlassen.» Reina grinste. «Wirklich und wahrhaftig.»

Wirklichundwahrhaftig. Trinity holte tief Luft und versucht, ihre verspannten Finger zu lockern. «Der Gedanke, dass ich es zulassen könnte, jemanden zu mögen, das fühlt sich so seltsam an.» Die Jungs, mit denen sie sich in den letzten Jahren verabredet hatte, waren handverlesene, besonders abscheuliche Exemplare gewesen. Der Fluch trieb sie unbarmherzig dazu, nach ihrer wahren Liebe zu suchen, und so hatte sie sich etwas ausdenken müssen, um gleichzeitig dieses Verlangen zu befriedigen und zu vermeiden, Mister Right zu finden. Reina erwies sich bei der Suche nach qualifiziertem, alleinstehendem Abschaum für gelegentliche Dates als sehr hilfreich. «Wie viele Tentakel hat er denn?»

«Keinen einzigen! Und aus keiner seiner Körperöffnungen kommen unangenehme Gerüche.» Reina hob die Augenbrauen. «Ich denke, er ist genau der Richtige für dich. Er ist groß, richtig muskulös und kann mit seinen Gedanken Gebäude zum Einsturz bringen.»

«Ich weiß nicht recht. Ich bin nicht sicher, ob ich dafür schon wieder bereit bin.» Trinity nahm einen Schluck Leitungswasser und ließ die kühle Flüssigkeit in ihrem Mund hin und her rollen. Ein leises Gefühl der Hoffnung stahl sich in ihr Herz, dass sie vielleicht, nur vielleicht, ab Sonntag wieder in der Lage wäre, sich mit einem Mann zu treffen. Dass sie wieder Zutrauen in sich selbst haben könnte. Dass sie wieder daran glauben könnte, dass auch sie eine Chance verdiente, glücklich zu werden.

«Und das Beste ist: Er hat die letzten zwölf Jahre wegen heimtückischen Mordes im Gefängnis gesessen», fuhr Reina fort, «darum wird er dich wegen der vier Jungs, die du umgelegt hast, nicht schief ansehen.»

«Nein», sagte Trinity und stellte ihr Glas hin. «Ich gehe nicht mit einem Mörder aus.»

Reina zog die Brauen hoch und meinte spitz: «Das ist jetzt aber doch ein bisschen heuchlerisch, meinst du nicht auch? Schließlich hast du dich in den Boston-Bedtime-Würger verliebt und ziehst eine Spur aus Leichen hinter dir her.»

Trinity biss sich auf die Lippe. «Wenn ich bis Sonntag durchhalte, dann will ich ganz von vorne anfangen. Die Vergangenheit hinter mir lassen. Ein neues Leben beginnen. Keine Todesfälle mehr. Egal auf welche Art und von wem verschuldet.»

Reina tätschelte Trinitys Hand. «Ich habe dich wirklich gern, meine Süße, und ich halte dich für einen wundervollen Menschen, aber du hast vier Männer umgebracht. Du kannst nicht einfach plötzlich jemand anderes sein. Herrgott noch mal, du riechst nach Tod! Selbst wenn du hundert Meter von mir weg stehst, werde ich noch high von dem Duft. Das wird sich nie ändern.»

«Das muss es aber.» Trinity trommelte mit den Fingern auf die Tischplatte. «Am Sonntag geht es nicht nur darum, den Fluch zurückzulassen, sondern darum, neu zu beginnen und –»

«Trin!»

Der verzweifelte Schrei schreckte die beiden Frauen auf. Elijah Harpswell, Trinitys Vater, rannte auf sie zu und versuchte dabei, den Tischen um ihn herum auszuweichen, die mit teurem Porzellan gedeckt waren. Er sprang über einen distinguiert aussehenden Gast und traf dabei beinahe dessen hübsch ausstaffierte Tischdame. Elijah trug Jeans, ein altes T-Shirt und regenbogenfarbige Flip-Flops. Seine Kleidung war über und über mit feuchtem Ton bespritzt.

Sein Künstler-Outfit.

Er ließ esniemalszu, dass man seine Töpfersitzungen unterbrach.

«Dad!», schrie Trinity und sprang auf. Sie wusste nur zu gut, dass höchstens der Tod es fertigbrachte, ihren Vater von seiner Arbeit loszueisen. Ging es um ihre Mutter? Ihr Magen krampfte sich zusammen und sie klammerte sich an der Tischkante fest. «Was ist passiert?»

Kapitel 2

Der Schnudel näherte sich und Jarvis ließ das Schwert sinken. «Ist das ihr ernst? Sie hetzt einen winzigen Hund auf uns?» Er streckte einen gestiefelten Fuß aus. «Los doch Cujo, versuch mal, mit deinen kleinen Zähnchen da durchzukommen.»

«Das ist kein Hund.» Blaine hatte bei der Vollendung dieser Schöpfung als Testobjekt für die Hexe herhalten müssen. Beim ersten Mal hatte der Schnudel ihm die Hälfte seiner Haut abgerissen.

Beim zweiten Mal hatte Blaine ihn in die Luft gejagt.

Dann hatte sie gleich vierzig Hündchen auf einmal auf ihn gehetzt. An diesem Tag war seine Tierliebe auf eine harte Probe gestellt worden.

«Das sieht nur wie ein Hund aus.» Blaine brachte das Feuer dazu, sich über seinen Körper auszubreiten. Es brannte genau wie das Gift, das die Giftspinnen letzte Woche auf ihn gesprüht hatten. Er hasste Arachniden.

Der Schnudel war gut 30 Meter entfernt. Er sprang hoch in die Luft und schoss direkt auf Jarvis zu.

Jarvis prustete belustigt. «Los geht’s, Killer.» Er setzte die Spitze seines Schwertes auf den Boden und stützte sich auf dem Griff ab. «Oh je, jetzt hab ich aber Angst.»

Blaine verschränkte die Arme und lehnte sich gegen die Wand. Er tauschte einen ironischen Blick mit Nigel. «Das musst du dir ansehen, das wird gut.»

«Man sollte doch meinen, dass auch Karate Kid inzwischen gelernt hat, dass man sie nicht unterschätzen darf.» Nigel hob seine Hände und aus seinen Fingerspitzen schoben sich schwarze, rauchende Klingen. Sie waren heiß wie Brenneisen und sie brannten die Wunden, die sie rissen, sofort aus. Bei Operationen war so etwas sehr praktisch, aber wenn einem jemand mit so einem Ding in den Gedärmen wühlt, ist das eher weniger spaßig. Und das wusste Blaine sogar ganz genau, denn die Hexe zwang sie oft dazu, sich gegenseitig zu foltern. Ihr vorrangiges Ziel war dabei, ihre offensiven und defensiven Talente zu testen, doch es ging ihr ebenfalls darum, dass sie sich gegenseitig hassten. Aber es gibt nichts, was Männer fester zusammenschweißt, als einem Freund einen Stich genau ins Herz zu versetzen. Frauen können das nicht verstehen.

Jarvis steckte sein Schwert weg. «Leute, das ist nur ein dämlicher Chihuahua. Ihr habt zu viele Gruselfilme gesehen –» Plötzlich dehnte sich der Kopf des Hündchens in die Länge, aus seinem Schwanz schossen Dornen, stachelbewehrte Flügel brachen aus seinem Rücken hervor, seine Augen wurden rot und aus den Spitzen seiner Krallen quoll Säure. Dann machte das krause Fell Schuppen Platz und die kleinen, perlweißen Hundezähnchen wurden zu glänzenden, speicheltriefenden Fangzähnen. Die Kreatur schnellte wie von der Tarantel gestochen vor und stürzte sich auf Jarvis Kehle. Er sprang zur Seite und wurde dabei von ihr um ein Haar geköpft. «Was zur Hölle ist das denn?»

«Gute Reaktionszeit. Ich wusste gar nicht, dass du so schnell bist.» Blaines Blick folgte der Killermaschine, die kreischend durch die Luft zischte. «Das ist ein Designermonster. Man kreuze einfach einen Schnudel mit einem Gestaltwandler-Drachen und einem Dämonenferkel und voilà – schon hat man die perfekte Waffe, mit der man sich zudem auch noch sehr gut auf den Partys der Reichen und Schönen einschleichen oder blaublütige Familien ausspionieren kann, die alle unbedingt einen wirklich einzigartigen Köter haben müssen.» Der Schnudämgon erhob sich hoch in die Luft und schwebte über den Köpfen der Männer. Zu nah für Blaines blaue Kugeln. Diesen Knall würde nicht mal er selbst überleben.

Der Flügelschlag des Dämons verursachte ein lautes Geräusch, wie ein herannahender Heuschreckenschwarm, und der Luftzug ließ Nigels Locken flattern. Seine Wallemähne reichte ihm fast bis an den Hintern. Wahrscheinlich hatte er sein breites Kreuz nur davon, dass er damit ständig herumwedelte und sie über seine Schultern warf. Aber den Frauen gefiel sie.

«Es muss auch noch mit einem Kolibri verwandt sein. Seht nur, wie schön das Mistvieh in der Luft steht.» Jarvis hielt sein Schwert bereit zum Angriff, doch er würde nicht den ersten Schritt tun. Er hatte genau wie die anderen zu viel erlebt, um vorschnell auf einen unbekannten Angreifer loszugehen, ohne vorher zu wissen, zu was dieser eigentlich alles fähig war. «Was macht es da?»

«Es überlegt, wen es zuerst fressen soll.» Der Köter wurde immer größer, seine Flügelspannweite betrug nun schon fast drei Meter. Blaine bekam kaum Luft, er hustete und versuchte, tief zu atmen. Dann begann sein Feuer zu flackern und mit einem Mal begriff er, was vor sich ging. «Es saugt den Sauerstoff aus der Luft.» Als er das letzte Mal das Vergnügen gehabt hatte, auf die Kreatur zu treffen, hatte sie diese Fähigkeit noch nicht gehabt. Das Monster war von seiner Herrin eindeutig mit dem Ziel optimiert worden, es mit Blaine aufnehmen zu können.

Sie war ein wirklich verdammt beeindruckendes, wahnsinniges Miststück.

Tweety ließ plötzlich einen Schrei ertönen und stieß herab, direkt auf Blaine zu.

Er grinste. Es wurde auch Zeit, dass er einmal richtig kämpfen konnte, ohne dass eine kontrollfanatische Tussi im Hintergrund die Fäden zog.

Er wartete ab. Und wartete weiter. Und weiter. In dem Moment, in dem der Angreifer in das Feld seiner Aura eindrang, ließ er die Flammen los. Augenblicklich kam es zu einer ohrenbetäubenden Explosion. Die Kreatur schrie auf und die Detonation katapultierte sie direkt auf die Wand zu. Als sie die Mauern berührte, zerbarst sie und verwandelte sich in einen Haufen schwarzen Matsch.

«Also, ich denke, wir können davon ausgehen, dass das kein Schnudel war.» Jarvis Waffe hatte die Energie der Explosion absorbiert und Feuer gefangen, Nigel und Jarvis selbst waren aber unverletzt geblieben. Blaines Team wusste, was zu tun war, um sich vor seinen Feuersbrünsten zu schützen. Darum hatten sie die Fähigkeit von Jarvis Schwert, Energiestöße zu absorbieren, genutzt und sich rechtzeitig dahinter in Sicherheit gebracht. «Guter Schuss.»

Das Scharren kleiner Füßchen, so unangenehm wie tausend Fingernägel auf einer Tafel, erfüllte den Raum.

Jarvis riss sein Schwert hoch. «Das hört sich nach vielen an. Meint ihr, es sind viele?»

«Ach was.» Blaines Griff um seine Feuerkugeln wurde fest. Eine von ihnen würde einen Großteil ihrer Gegner vernichten, doch er wagte es nicht, sie einzusetzen, ehe er nicht wusste, wo Christian war. Es machte ihn verrückt, so wehrlos zu sein – und sobald Christian hier auftauchte, würde er ihm eine seiner Kugeln in den Hals stecken. «Wahrscheinlich sind das nur ein paar Millionen. Damit werden wir schon fertig.» Sie begannen, sich im Gleichschritt auf den Ausgang zuzubewegen.

«Christian», sagte Nigel eher fordernd als fragend.

«Ich weiß.» Wenn sie erst einmal draußen wären und die Tür hinter sich versiegelt hätten, wäre Christian auf sich gestellt. Er allein würde die Wut der Hexe abbekommen und der Verlust von drei ihrer liebsten Spielzeuge würde sie mit Sicherheit ordentlich sauer machen. Christian war Blaines Nummer eins. Sie waren am selben Abend hier angekommen und hatten sich sofort zusammengeschlossen, um gemeinsam der Brutalität dieser Welt, in die sie verschleppt worden waren, zu trotzen. «Mach schon, Christian», flüsterte er, «komm her.»

«Für den Fall, dass er nicht auftaucht, hat er uns angewiesen, ohne ihn zu gehen.» Jarvis bewegte sich auf den steinernen Torbogen zu, Nigel folgte ihm auf dem Fuß.

«Wir warten.» Blaine blickte den Korridor hinab, ohne darauf zu achten, ob sein Team ihm gehorchte. Wenn sie ihn hängen ließen, dann war es eben so. Er war bereit, es allein durchzuziehen. Das war er immer. Er vertraute ihnen schon ein Stück weit, aber wenn es erst einmal hart auf hart kam, bedeuteten Versprechen nicht mehr sonderlich viel. Christian war der Einzige, auf den er sich wirklich verlassen konnte, und ausgerechnet jetzt jagte dieser Softie einem Rockzipfel nach – weil es eben nicht seine Art war, jemanden zurückzulassen. Und verdammt noch mal, dafür würde Blaine ihn nicht draufgehen lassen.

Das Kratzen der kleinen Zehen verwandelte sich in das Schlagen Hunderter Flügel. Schatten tanzten über die Wände und Blaine fluchte leise. «Das hört sich nach einer größeren Veranstaltung an. Meint ihr, wir sind eingeladen?»

«Ich wollte schon immer Mal mit den Schnudeln eine ordentliche Party feiern.» Blaine ließ seine Flammen erneut auflodern. Diesmal war sein ganzer Körper davon bedeckt.

Nigel war direkt hinter ihm «Ich gebe dir Rückendeckung.»

«Ich bin dabei», sagte Jarvis.

Blaine kam nicht umhin, sie verwundert zu mustern. «Ernsthaft?»

Nigel verdrehte die Augen. «Lass gut sein, Trio. Du musst mal über diesen «Alle lassen mich im Stich»-Mist hinwegkommen und akzeptieren, dass wir anders sind als deine Mama.»

Blaine schoss einen Feuerball auf Jarvis Gesicht. «Ich dachte, du hättest zu viel Angst davor, dich den bösen Jungs zu stellen.»

«Ha», schnaubte Jarvis und schnippte die Feuerkugel mit seinem Schwert weg, als wäre sie bloß ein Feuerwerkskörper. «Ich hatte gerade einen vierfachen Espresso. Gegen irgendetwas muss ich kämpfen – da kommt mir die Ausgeburt der Hölle, die uns die letzten paar Jahrhunderte gefoltert hat, gerade recht.»

Blaine schmunzelte. «Du solltest an deiner Koffeinsucht arbeiten. Die ist schlecht für den Teint.»

Jarvis rubbelte mit seiner Hand über seine ledrige Wange. «Wie ein Babypopo. Die Mädels fliegen drauf.»

«Na dann, nichts wie raus hier und dann suchen wir dir eine, die dich ein bisschen tätschelt.» Blaine ließ die Flammen auflodern, bis sie zu den Wänden, dem Boden und der Decke reichten und so eine undurchdringliche Wand aus weißglühender Hitze bildeten. «Ich hoffe sehr, dass ihr Jungs eure Kampffähigkeiten gut trainiert habt.»

Bevor einer von ihnen etwas erwidern konnte, explodierten aus der Finsternis vor ihnen Tausende der kleinen Monster. Blaine verstärkte das Schild, und schon krachte das erste der geflügelten Reißzahnviecher hinein, kreischte und verbrannte zu Staub. Ein weiteres folgte ihm, dann noch zwei.

«Na so was», meinte Nigel und schüttelte die Schnudämgon-Asche aus seinem Haar, «du bist wie eine dieser Mückenfallen. Du solltest dich für Gartenpartys vermieten.»

«Ich werde es mir überlegen. Die Idee, als Gartendekoration zu arbeiten, gefällt mir.» Blaines Muskeln fingen an zu zittern und er begriff, dass die Schnudämgons wieder den Sauerstoff aus der Luft sogen. Er reagierte auf den Sauerstoffentzug empfindlicher als die anderen Menschmutanten, denn er bestand zu fünfzig Prozent aus Feuer. Nie zuvor hatte er sich schwach gefühlt. Interessant zu wissen, dass ihm das nicht besonders gefiel. «Ich glaube, dass Angelica diese Kreaturen speziell dafür gezüchtet hat, um uns zu attackieren.»

«Sie hat sich gedacht, dass wir fliehen würden.» Nigel benutzte Blaine als Schutzschild und band sich sein Haar mit einem Tuch zurück. Das machte er immer dann, wenn es bei ihm gleich ernst wurde. «In letzter Zeit warst du ein wenig launisch und unkonzentriert, gar nicht so mopsfidel, wie man dich sonst kennt. Wenn du mich fragst, hat uns das verraten.»

Blaine fiel auf, dass Nigel eine äußerst künstlerische Version vom Tod der Hexe auf sein Tüchlein gemalt hatte, und lächelte amüsiert. «Ein hübsches Accessoire hast du da.»

Nigel strich die Enden des Tuchs aus seinem Gesicht. «Es inspiriert mich. Ich weiß auch nicht, weshalb.»

«Vielleicht liegt es an dem rosigen Rot, das du für ihr Blut verwendet hast. Das ist so eine fröhliche Farbe.»

Jarvis beäugte das Gemälde. «Vielleicht sind es auch die Blutspritzer, die wie Smileys aussehen. Das erzeugt eine freundliche Stimmung.»

Nigel strich mit seiner qualmenden Hand über das Stirnband und ließ kleine Funken darauf zurück. «Ich glaube, es liegt am Stoff. Ich mochte schon immer das Gefühl von Seide auf meiner Haut.»

Drei weitere Kreaturen trafen das Schild. Für den Bruchteil einer Sekunde flackerte es. Blaine biss die Zähne zusammen. «Ihr macht euch besser bereit, Jungs. Ich bin nicht sicher, wie lange ich noch –»

Er spürte unvermittelt Christians Gegenwart. Der leichte metallische Geschmack in seinem Mund verriet ihm, dass er in Schwierigkeiten steckte. «Christian!» Er schirmte seine Augen gegen den Ansturm der Widersacher ab und suchte in dem Getümmel nach dem Mann, den er nicht zurücklassen konnte.

Und dann entdeckte er Christian. Er lag zusammengekrümmt am Boden, als hätte man ihn ausgeweidet.

«Verdammt noch mal», grunzte Jarvis neben Blaine, «das ist nicht gut.»

«Christian!», schrie Blaine. «Los doch!»

«Ihr seid immer noch hier? Ich dachte, ihr würdet inzwischen schon irgendwo am Strand liegen.» Christian kam taumelnd auf die Füße. Seine Stimme klang gepresst. «Ihr lasst euch ja ganz schön viel Zeit», brüllte er über das Tosen der vielen Flügel und das Geräusch der verbrennenden Viecher hinweg.

Blaine war erleichtert und seine Flammen wurden wieder stärker. «Wird verdammt noch mal Zeit!», schrie er zurück. «Beweg deinen Hintern hierher!»

Um sich vor den Angreifern zu schützen, hatte Christian seine menschliche Haut bereits in Millionen kleiner Metallplättchen verwandelt, die eine schützende Kettenrüstung bildeten, in etwa wie die Anzüge von Hai-Tauchern. Seine leuchtend blauen Augen waren der einzige Teil seines Körpers, der nicht aus Metall bestand. Diese Rüstung war hochgiftig und brachte jedem, der sie berührte, den Tod. Nur mit Nylon konnte man sich schützen. Blaine war wirklich verdammt neugierig, welche unbekannten, gottlosen Eigenschaften Nylon wohl sonst noch hatte. Wenn er hier erst einmal rauskam, würde er ein paar Experimente machen.

Die Schnudämgons griffen Christian an. Alle, die seine Rüstung berührten, zerstoben kreischend und wurden zu einem widerwärtigen roten Gas. Die Luft über Christian war dick und scharlachrot. Er kniete sich hin und hob etwas vom Boden auf. Blaine erkannte, dass das große Bündel in eine Nylondecke gewickelt war, um es vor seinem Panzer zu schützen.

Toll. «Er hat seine Freundin dabei.» Respekt.

Eine Rotte Schnudämgons stürzte sich auf Christian. Er konnte sich in seiner Rüstung nicht gegen ihre ungebremste, erdrückende Kraft wehren. Sie nutzten diese Schwäche gnadenlos aus und setzten alles daran, ihn mit sich zu Boden zu reißen. Die vordersten Dämonen verpufften zwar durch das Gift, aber ihnen folgte schon der nächste Ansturm, der die Sache bald zu Ende bringen würde.

«Das ist aber nicht fair, dass sie unseren Süßen drangsalieren.» Mit einer Bewegung seines Handgelenks schossen ein Dutzend brennende Klingen aus Nigels Hand und erledigten die Dämonenmasse nur Millisekunden, bevor sie Christian in einen Pfannkuchen verwandeln konnten. «Leg mal einen Zahn zu», rief Nigel Christian zu, «wir haben nicht auch noch Zeit, dir den Hintern zu retten.»

Christian zeigte ihm den Mittelfinger und bahnte sich mit eingezogenen Schultern einen Weg durch die schlagenden Flügel. Der Wind, den sie verursachten, war unglaublich stark und Blaine musste sich weit vorbeugen, um nicht umgeweht zu werden.

Wie die Lemminge stürzten sie sich zu Hunderten auf ihn und verbrannten in seinem Kraftfeld. Hallo? Was für eine selbstmörderische Strategie verfolgten sie damit, bitteschön? Er bekam beinahe schon Mitleid mit den stacheligen Dummköpfen.

Aber nur beinahe. Die Tatsache, dass sie damit das Ziel verfolgten, ihn und sein Team auf dem schnellsten Weg zu erledigen, hielt seine Anteilnahme in Grenzen. Sie waren unermüdlich sowie ihr Nachschub unbegrenzt, und er wusste, dass sie sich so lange auf ihn stürzen würden, bis er zusammenbrach. Nigel behauptete sich gegen die Kreaturen, die versuchten, Christian zu zerquetschen, und Jarvis benutzte derweil sein Schwert, um Blaines Energie zu absorbieren und sich und die anderen so davor zu schützen, zu Asche zu verbrennen – aber dieser schöne Moment würde nicht ewig dauern. «Wie wäre es, wenn du dich mal ein wenig ins Zeug legen würdest, Romeo?»

Christian war weniger als dreißig Meter von ihnen entfernt und arbeitete sich schnell voran. Da erreichte das rote Gas, das von den toten Schnudämgons übriggeblieben war, Blaine. Seine Lungen begannen zu brennen. Dann breitete sich ein überwältigender Schmerz in seinen Muskeln aus.

«Was um Himmels willen ist das?» Nigel ging hinter ihm in Deckung. Seine verkrampften Muskeln zeichneten sich überdeutlich unter seiner Haut ab. «Ja ja, und gerade dachte ich, dass es ein bisschen langweilig wird. Aber –» Ein erneuter Muskelkrampf schüttelte seinen Körper und schnitt ihm das Wort ab.

Jarvis hielt sich noch aufrecht. «Sprich mit mir, Trio.» Sie alle hatten ganz unterschiedliche Schwächen und Fähigkeiten und jeden Tag entdeckten sie etwas Neues an sich. Keiner von ihnen konnte sich mehr sicher sein, was er tatsächlich aushalten konnte oder wo er verletzlich geworden war. Dieses Mal kam Jarvis offensichtlich ungeschoren davon. Wie schön für ihn.

«Giftgas, das das Muskelgewebe angreift.» Blaine leitete sein Feuer um und ließ es durch seine Zellen rasen. Das Feuer versengte seinen Körper und er knirschte vor Schmerzen mit den Zähnen. Die Flammen verbrannten das Gift in seinem Organismus – bis es durch einen Atemzug wieder erneuert wurde. Er schickte eine weitere reinigende Woge durch seinen Leib. «Schaff Nigel hier raus.»

«Bin schon dabei.» Jarvis warf sich den zuckenden Krieger über die Schulter und spurtete zur Tür.

Christian war bis auf zwanzig Meter herangekommen. Die angreifenden Kreaturen versuchten weiter, ihn zu Boden zu werfen, und da ihm Jarvis’ Unterstützung nun fehlte, begann er bereits zu taumeln. Zwischen den Platten seines Panzers quoll purpurrotes Blut hervor. «Ich glaube, ich bin doch eher ein Katzenmensch.»

«Katzen sind so unmännlich.» Wegen der Anstrengung, das Schild aufrecht zu halten und gleichzeitig einen Teil seines Feuers zur Reinigung seines Körpers zu verwenden, zitterte Blaine.

«Blumenstecken ist auch unmännlich, aber ich finde es trotzdem beruhigend.» Endlich stand Christian vor Blaine. «Wie lautet das Zauberwort?»

Blaine antwortete ihm grinsend: «Freiheit.» Sie waren nur noch wenige Zentimeter davon entfernt. Wenn sie erst einmal durch diese Tür hindurch waren, hatten sie es geschafft.

Christians Augen leuchteten hoffnungsvoll. «Freiheit», wiederholte er beinahe andächtig.

«Los geht’s.» Blaine hob einen Arm und öffnete ein schmales Fenster in der Flammenwand.

Christian schlüpfte hindurch und Blaine schloss die Lücke wieder.

Doch einer der Schnudämgons nutzte diesen Augenblick der Unachtsamkeit und krachte mit voller Wucht gegen das schwächer werdende Schild. Bevor er sich in verbrannten Toast verwandelte, schrammte eine seiner Klauen über Blaines Brust. Der tiefe Riss brannte und fühlte sich kalt an. Blaine blickte an sich herab. Die Wundränder hatten sich blau verfärbt und Wasser tropfte aus dem Schnitt. Was sagt man dazu. Ihre Klauen gaben keine Säure ab – sondernWasser.

Feuer und Selters vertragen sich nicht besonders gut – und genau so ging es Blaine. Eine Eiswasserinfusion, das war einfach brillant. Diese verfluchte Schlampe war einfach ein genialer Killer.

Sein Feuerschild flackerte und verlosch.

Kapitel 3

«Runter!» Elijah hatte ihren Tisch erreicht und Trinity sofort im Genick gepackt. Er schleuderte sie mit so großer Wucht unter den Tisch, dass das Tischbein, gegen das sie stieß, mit einem lauten Krachen zerbarst. Sie rollte sich zur Seite. Der beißende Schmerz, der durch ihre Schulter schoss, ließ sie die Zähne zusammenbeißen. Herrje. Jetzt war ihr Vater schon beinahe dreihundert Jahre alt, aber es war nichts davon zu spüren, dass seine Kräfte abnahmen.

Reina steckte ihren Kopf unter den Tisch. Ihre Augen glänzten vor Freude. «Ich wittere den Tod! Jemand wird sterben!»

«Wirklich?» Oh, Mann. Trinity setzte sich auf. Tote Menschen – da konnte eine ausgerenkte Schulter wirklich nicht mithalten.

«Wir müssen hier raus», sagte Elijah beschwörend. «Reina! Hoch mit dir!»

«Oh ...» Reinas strahlendes Lächeln verblasste. «Ich hoffewirklich, dass nicht du jemanden umbringen wirst.» Ihr Kopf verschwand wieder über der Tischplatte. Trinity blieb mit Reinas knubbeligen Knien und der Aussicht auf ihren kurzen Rocksaum zurück.

«Vielen Dank auch für deinen Beistand», erwiderte Trinity, warf die Leinentischdecke zur Seite und krabbelte unter dem Tisch hervor.

Derweil hatte ihr knapp zwei Meter großer Vater ihren Stuhl erklommen, drehte sich darauf im Kreis und suchte den Raum ab.

Trinity rieb sich die Schulter und hob sie vorsichtig an. Ganz klares «Autsch!», aber immerhin konnte sie sie relativ problemlos bewegen. «Wonach suchst du denn?»

«Martin Lockfeed.»

Trinity hatte sich nach ihm umgewandt und erstarrte jetzt mitten in der Drehung. «Was?»

Reina ergriff ihren heilen Arm und zog sie auf die Füße. «Wer ist Martin Lockfeed?»

«Mein erster Kuss.» Ihr erste große Liebe. Allein die Tatsache, dass er sofort nach ihrem Kuss weggezogen war und sie erst hinterher realisiert hatte, dass sie ihn liebte, hatte ihm das Leben gerettet. Wenn man erst fünfzehn ist, dann dauert der Schritt von der «Jungs sind widerlich und haben Läuse»-Phase bis zum Verliebtsein etwas länger. Aber nachdem er fort war ... da war sie sich ihrer Gefühle für ihn deutlich bewusst geworden. Sie hatte viele Stunden damit zugebracht, im Internet nach ihm zu suchen, und ihn niemals vergessen können.

Elijah kratzte an einem grauen Tonklumpen herum, der an seiner Jeans klebte. «Martin ist hier.»

«Wie bitte?» Trinitys Mund war ausgetrocknet. «Woher weißt du das?» Ihr Vater bedachte sie mit einem ungehaltenen Blick. «Ich habe sein Blut getrunken, damit ich ihn überall aufspüren kann. Was hast du denn gedacht?»

Trinity blinzelte ungläubig. «Aber es ist illegal, Menschenblut zu trinken.»

«Das ist Mord auch.» Er inspizierte wieder das Restaurant. «Es hat deine Mum und mich einen Haufen Geld gekostet, seine Familie derart schnell umzusiedeln. Aber ich habe dem Jungen nie über den Weg getraut, darum habe ich ihn, bevor er fortzog, ein bisschen zur Ader gelassen. Man weiß ja nie.»

«Entschuldigen Sie bitte, Sir.» Ein Oberkellner im Frack berührte Elijah höflich am Arm. «Es tut mir außerordentlich leid, aber ich muss Sie bitten zu gehen.»

«Da!» Ihr Vater deutete in den Raum hinein und Trinity wirbelte herum.

Sie sah Martin sofort. Er trug einen schwarzen Anzug mit roter Fliege und war nahezu kahl. Sie konnte keinen Ehering entdecken, aber er dinierte mit einer attraktiven Frau in einem dunkelroten Kleid, dessen Farbe auf sein rotes Einstecktüchlein abgestimmt zu sein schien.

Trinity spürte einen Druck auf ihrem Herzen. Sie schloss die Augen und versuchte sich vorzustellen, dass ein reines Licht ihren Brustkorb ausfüllte.

«Was machst du da?», fragte Reinas Stimme direkt an ihrem Ohr.

«Ich meditiere.» Sie schaffte es nicht, sich zu konzentrieren. Sie konnte nur an Martin denken, daran, dass er mit ihr im selben Raum saß. An ihren Kuss. Und daran, wie er an jenem Tag, als sie erfolglos versucht hatte, ins Cheerleader-Team aufgenommen zu werden, mit ihr ein Eis essen gegangen war. Beim Vortanzen war sie blöderweise auf dem Kapitän der Mannschaft gelandet, worauf man sie auf Lebenszeit vom Spielfeld verbannt hatte. Er war damals so lieb zu ihr gewesen.

Okay. Diese Erinnerung war jetzt wirklich nicht hilfreich.

Sie bemühte sich angestrengt an nichts, als das weiße Licht zu denken. Das war die Gelegenheit, sich selbst zu beweisen, dass sie dem Fluch widerstehen konnte und nicht das Monster war, das sie befürchtete zu sein.

«Trinity!» Ihr Vater riss sie mit solcher Gewalt hoch, dass sie sich an einem Stuhl abstützen musste, um nicht hinzufallen. «Los. Wir verschwinden durch den Hintereingang.»

«Jawohl, Sir, das wäre eine gute Idee», stimmte ihm der Oberkellner zu, der immer noch um sie herumschwirrte. Trinity konnte die Hitze fühlen, die von Martins Gegenwart ausging.

Oh oh. Er stand ja einige Meter von ihr entfernt. Eigentlich sollte sie ihn da gar nicht spüren können. Benommen öffnete Trinity die Augen. Der Raum erschien ihr mit einem Mal so hell. Die Lampen so grell. Überempfindlichkeit gegen Hitze und Licht – das konnte nur eins bedeuten: Der Fluch begann soeben mitzumischen.

Ihr ganzer Körper kribbelte, als säßen Hunderte Käfer auf ihr. Sie biss die Zähne fest zusammen. «Ich schaffe es –»

«Trin!» Reina stand mit besorgter Miene vor ihr. «Nur noch sieben Tage! Vermassel es jetzt nicht!»

«Es reicht nicht, den Fluch einfach loszuwerden. Ich muss mir beweisen, dass ich stärker bin als er.» Trinity machte sich aus der Hand ihres Vaters los und sah Martin direkt an. Sie nahm die ganze Fülle seines Wesens in sich auf. Ließ ihre Zuneigung für ihn zu. Schloss die Bedeutung, die er für sie hatte, tief in ihrem Herzen ein. «Er ist ein guter Mensch. Er verdient es zu leben. Er ist ein guter Mensch –»

Oberhalb seines Herzens erschien ein Regenbogen, der wie im Sonnenlicht glitzerte.

«Oh Mann.» Das war ein ganz schlechtes Zeichen.

Sie machte einen Schritt rückwärts, doch sie konnte die Augen nicht von dem strahlenden Prisma lösen, das sie nun leitete, das ihr unfehlbarer Navigator war und ihr zeigte, wie sie ihn töten konnte.

Vor Martins Gestalt baute sich ein holografisches Bild auf. Das halbdurchsichtige Prisma nahm eine amorphe, geschlechts- und identitätslose menschliche Form an, und diese dreidimensionale Figur rammte nun ihre Handfläche auf Martins Herzgegend. Ein holografischer Martin griff sich an die Brust und fiel zu Boden. Tot.

Wieder und wieder tötete ihn das Hologramm in einer mörderischen Endlosschleife.

Es zeigte ihr detailgenau, wie sie ihn umbringen konnte. Martin hatte ein schwaches Herz. Wenn sie mit genug Kraft auf seine Brust schlug, würde es stehen bleiben. Er wäre augenblicklich tot.

Ihre Muskeln spannten sich an, zuckten und dehnten sich und bereiteten sich auf den Angriff vor. Noch dreißig Sekunden und alles wäre vorbei. Für immer eine Schwarze Witwe.

Sie hatte versagt.

Ihre Augen füllten sich mit Tränen. Sie griff nach ihrer Tasche, riss sie auf und suchte das kleine Geschenk, das sie am Vortag für sich selbst besorgt hatte. Als sie die schwarze Waffe erblickte, die neben ihrer Geldbörse steckte, wurde ihr schwer ums Herz. Wie hatte sie nur so tief fallen können? Aber es war geschehen. Es ließ sich nicht leugnen.

Der Fluch übernahm immer schneller und unerbittlicher die Kontrolle, viel schneller als jemals zuvor. Ihr blieben nur noch Sekunden. Sie biss die Zähne zusammen und nahm ihre letzte Rettung aus der Handtasche.

«Ein Elektroschocker? Ist das dein Ernst?» Reina starrte mit offenem Mund die kleine schwarze Waffe an.

Trinity zitterte inzwischen am ganzen Leib und in ihren Ohren summte es. Sie drückte auf den Auslöser und –

«Nein!», kreischte Reina und riss ihr den Taser aus der Hand. «Weißt du eigentlich, was das für Auswirkungen auf deine Gebärfähigkeit haben kann?»

«Ich kann mich nicht davon abhalten, ihn zu töten.» Trinity nahm Reina die Waffe wieder ab und legte sie sich ans Bein. Doch dann hielt sie inne. Es fühlte sich so falsch an. Damit gab sie zu, dass sie gescheitert war. Dass sie aufgab. Doch sie konnte auch spüren, wie das Blut in ihren Adern brannte. Sie war verloren. Sie hatte keine Wahl, nicht, wenn Martin leben sollte. Sie zwang sich dazu, den Auslöser zu betätigen -

«Nicht!» Reina schnappte ihr die Waffe weg und warf sie durch das Restaurant. «Du bist doch kein tollwütiges Tier, das man mit einem Elektroschock einfach außer Gefecht setzt!»

«Das war einewirklich