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Astyages, der König der Meder, hatte einen schrecklichen Traum. Seine Tochter schien darin in großer Gefahr zu sein. Wie alle Eltern es tun würden, so versuchten auch Astyages und seine Frau Aryenis, die Schwester des Lydierkönigs Krösus, ihre Tochter zu retten. Astyages trifft eine folgenschwere Entscheidung. Es entwickelt sich eine spannende, unterhaltsame und informative Geschichte um einen der größten Herrscher aller Zeiten, den Gründer des altpersischen Reichs der Achämeniden, Kyros den Großen. Am Ende seines Lebens herrschte Kyros über ein Reich, das vom Bosporus bis nach Indien und an die Grenzen zu China reichte. Die meisten Forscher sind sich heute einig, dass er ein so riesiges Reich nur zusammenhalten konnte, weil er den Völkern weitgehende Eigenständigkeit sowie die Ausübung ihrer Sitten und Gebräuche beließ. Es ist eine Geschichte von Respekt, Toleranz und Achtung gegenüber anders Denkenden, anders Aussehenden und anders Glaubenden. Kyros erscheint heute aktueller denn je.
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Seitenzahl: 172
Veröffentlichungsjahr: 2021
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Thomas Höferth
Kyros
und das große
Land
Eine historische Erzählung
Text und Umschlaggestaltung
© 2020 Thomas HöferthVerlag
Thomas Höferth Mackensenstr. 13 75397 Simmozheim [email protected] neopubli GmbH Köpenicker Straße 154a 10997 Berlin www.epubli.de
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Für alle lieben Menschen
Kyros der Große – das ist ein Name, der Vielen, die sich nicht tagtäglich mit der Geschichte des Altertums im Vorderen Orient beschäftigen, heute nicht mehr geläufig ist. Diese Zeit scheint aus dem Blickfeld gerückt, nur wenige Dokumente haben die Zeiten überdauert. Die Überlieferungen sind bruchstückhaft, die Namen, Daten und Ereignisse müssen mühsam aus Keilschrifttexten hergeleitet werden, die Aufschriebe nachfolgender Generationen sind oftmals ‚gefärbt‘ und entsprechen eher Wunschdenken als der Realität.
Umso erstaunlicher ist es, dass offenbar die Wesenszüge dieses zweifelsohne großen Herrschers der Geschichte heute wieder beachtenswert erscheinen. Offenbar besteht bei vielen Menschen eine tiefe Sehnsucht nach Harmonie, Respekt, Toleranz und Achtung gegenüber anders Denkenden, anders Aussehenden, anders Glaubenden. Und das nicht nur bei den Führenden dieser Welt, auch innerhalb der Gesellschaften haben Viele den Eindruck, als mangele es gelegentlich an diesen Werten.
Der „Kyros-Zylinder“, dessen Original heute im Britischen Museum in London zu sehen ist, wird gerne als die „Erste Menschenrechtscharta“ der Geschichte bezeichnet. Auch wenn diese Umschreibung sicherlich pathetisch überzeichnet ist und den eher stereotypen Charakter des Dokuments außer Acht lässt, so kann man dies doch als eine Mahnung an uns alle verstehen, sich an diese tradierten Eigenschaften des Kyros und seines Herrschaftsstils zu erinnern.
Durch die Verknüpfung von Legenden und faktischen Überlieferungen soll eine Geschichte entstehen, die diese Zeit lange vor unserer modernen Zeitrechnung wieder lebendig werden lässt.
„Mandane, Mandaanee!“ Astyages wälzte sich schweißgebadet auf seiner Lagerstatt. „Mandane!!“, schrie er noch lauter und seine Stimme begann sich zu überschlagen. Benommen richtete er sich auf und blickte durch das Halbdunkel seines Schlafgemachs auf die fahlen Wände. Sein Blick fiel durch das geöffnete Fenster auf die Stadt und versuchte, wenigstens ein kleines Anzeichen der drohenden Katastrophe zu erhaschen. Astyages zwang sich, seine Gedanken, die wie aufgeregte Bienen umherschwirrten, zu ordnen. Nichts. Ruhe ringsherum, seine Untertanen schliefen. Was war das nur für ein fürchterliches Erlebnis. „Mandaaaneee!“ Nach einigen Augenblicken der Ungewissheit hörte er draußen kleine, lauter werdende Schrittchen. Er sah schemenhaft, wie sich die schwere Holztür unter dem kräftigen Einsatz der kleinen Händchen langsam öffnete. „Was ist mit dir, mein Vater?“, fragte Mandane. Aus dem Schlaf gerissen durch das Rufen des Vaters war sie trotz der nächtlichen Stunde hellwach. „Was ist geschehen, warum rufst du nach mir in der Nacht?“
„Komm her zu mir, mein Liebling, komm her!“ Er hob das kleine Mädchen mit seinen kräftigen Händen zu sich aufs Bett und drückte seine Tochter liebevoll an sich. „Geht es dir gut, mein Engel?“, fragte Astyages, der mittlerweile ob der offensichtlichen Unversehrtheit seiner Tochter wieder beruhigt war. „Ja, aber ich bin müde. Warum nur hast du so laut nach mir gerufen?“ - „Ich hatte nur einen schlechten Traum“, entgegnete Astyages. „Es ist nichts weiter. Jetzt, da ich dich bei mir habe, ist alles gut. Geh wieder ins Bett und schlaf weiter.“ Er drückte seiner Tochter einen Kuss auf die Stirn und hob sie wieder auf den Boden. Sie trottete davon und Astyages sank erschöpft zurück auf sein Lager. Was hatte dieser böse Traum zu bedeuten? Astyages lag mit offenen Augen da und starrte an die Decke. Erst im Morgengrauen schlief er wieder ein, aber die Bienen schwirrten immer noch in seinem Kopf.
Die Sonne stand bereits hoch am Himmel, als er wieder erwachte. Rasch erhob er sich von seinem Lager, als er draußen vor seinem Schlafgemach Stimmen hörte. „Wieso habt ihr ihn nicht geweckt? Es ist schon mitten am Vormittag und die Zusammenkunft mit den Beamten des Steueramts findet bald statt.“ Er erkannte die Stimme seiner Frau Aryenis. „Seine Hoheit gab uns Anweisung, ihn nicht zu wecken. Er würde schon zur rechten Zeit aufwachen.“ - „Ach was. Ihr seht doch, dass das nicht klappt. Jetzt geht und weckt ihn“, herrschte sie die Dienerschaft an. Kurz darauf öffnete sich die Holztür seines Schlafgemachs unter vorsichtigem Klopfen und der Kopf eines seiner Diener erschien.
„Hoheit…“ – „Ja, ist schon in Ordnung. Kommt nur herein und bringt mir meine Kleider.“ Erleichtert, einer königlichen Zurechtweisung entronnen zu sein, betraten die Diener geschäftig den Raum und begannen mit ihren allmorgendlichen Aufgaben beim Ankleiden des Königs. Auch Aryenis trat ein und ging mit ungeduldiger Miene auf ihren Mann zu. „Was ist mit dir? Wieso schläfst du so lange? Du bist doch nicht etwa krank? Du weißt, nachher ist das Treffen mit den Steuerbeamten. Harpagos und seine Leute werden bald da sein!“ - „Ja, ich weiß. Ich habe nur schlecht geträumt in der Nacht und lag dann lange wach. Erst in den Morgenstunden fand ich wieder in den Schlaf, aber auch der war recht unruhig.“ Astyages atmete tief durch und versuchte, die Gedanken an den Traum abzuschütteln und sich auf den Tag einzustimmen. „Ach, du Armer!“, entgegnete Aryenis Mitleid heuchelnd, „erzähle mir aber später davon. Jetzt wäre es schön, wenn du dich ankleiden ließest. Wir wollen die Herren doch nicht allzu lange warten lassen, oder?“ Aryenis drehte sich lächelnd um und ging zur Tür. Seine Gedanken waren noch zu träge, um auf diese Ironie eine passende Antwort zu finden. „Wenn die Herren Diener sich nun endlich bemüßigt fühlen würden, mir beim Ankleiden zu helfen würde das nicht geschehen!“ war alles, was ihm dazu einfiel. Der tadelnd-befehlende Unterton entging den Dienern allerdings nicht und sie beeilten sich, die Morgentoilette des Königs vorzubereiten. Aryenis drehte sich in der Tür um und warf ihrem Mann lächelnd einen angedeuteten Kuss zu. Wie liebte er diese Frau.
Harpagos kam mit zwei seiner leitenden Beamten pünktlich zur vereinbarten Zeit. Es war eine Stunde vor Mittag und Astyages erwartete sie bereits in seinem Empfangssaal. Seit einigen Monaten ließ sich der König ein Mal wöchentlich über die finanzielle Situation des Staates informieren. Früher geschah dies nur ein Mal im Monat – wenn überhaupt – oder wenn es außergewöhnliche Ereignisse gab wie Kriege, die viel Geld verschlangen oder Eroberungen von neuen Staaten oder Satrapien, die größere Einnahmen versprachen. Doch die Zeiten hatten sich geändert. Seit der Eroberung der assyrischen und persischen Gebiete war das Reich der Meder nicht mehr wesentlich gewachsen. Misswirtschaft und das Aufflammen der uralten Streitigkeiten der einzelnen Stämme des Reiches trugen nicht gerade dazu bei, die finanzielle Situation zu verbessern. Es zeigte sich immer deutlicher, dass es sich bei seinem Reich in Wahrheit um eine Konföderation, gewissermaßen um ein Zweckbündnis handelte. Eine innere Einheit und eine Identifikation der Bevölkerung und der einzelnen Stämme mit dem Gesamten war nicht wirklich vorhanden. Und so nahm auch die Bereitschaft der Bevölkerung, Steuern und Tribute zu entrichten, immer mehr ab. Hinzu kam ein König, der sich in Wahrheit mehr für seinen eigenen Luxus interessierte als für das Wohl seiner Bevölkerung und des Landes.
So war er froh, dass er mit Harpagos einen Verwalter gefunden hatte, der aus seiner Sicht den Laden zusammenhalten konnte. Trotz seiner jungen Jahre war Harpagos sehr versiert im Umgang mit Geld und den Verwaltungsstrukturen. Er konnte Menschen begeistern und überzeugen. Seine natürliche Autorität und seine hohe Intelligenz verhalfen ihm schon jetzt zu dieser verantwortungsvollen Position am Hof des Königs. Astyages vertraute ihm.
„Ahura Mazda möge dich immer beschützen, mein König.“ Harpagos und seine Begleiter knieten vor dem König nieder. „Möge sein Feuer nie erlöschen und dir auf alle Zeiten Glück, Frieden und vollkommene Reinheit schenken.“ Astyages senkte fast unmerklich sein Haupt und bedeutete den Gästen, sich zu erheben.
„Nehmt Platz und berichtet.“ Sie setzten sich auf weiche Sitzkissen, die auf dem mit kunstvollen Mosaiken verzierten Fußboden ausgelegt waren, während Astyages auf seinem Thron sitzen blieb.
Harpagos begann seinen Bericht über die finanzielle Situation des Landes vorzutragen. Er berichtete vom Stand der Steuereinnahmen, der Grundsteuer, Gewerbesteuer, dem Zehnten, den Zöllen, den Tributen aus Edelmetallen, der Einkommensteuer, der Vermögenssteuer. Die Rückläufigkeit der Einnahmen vor allem beim Zehnten erklärte er mit Überschwemmungen, die in diesem Frühjahr große Teile der Ernte der Bauern vernichtet hätten. Ausführlich und detailliert waren seine Ausführungen, man spürte die Gewissenhaftigkeit, mit der er sich der Aufgabe annahm.
Astyages hörte anfangs aufmerksam zu, jedoch bei den Überschwemmungen angekommen schweiften seine Gedanken ab. Wieder dachte er an den Traum der vergangenen Nacht. Sollte es da womöglich einen Zusammenhang geben? Doch was hatte Mandane damit zu tun?
„Mein König…“, hörte er aus der Ferne rufen. „Mein König, was meinst du dazu?“ Astyages schreckte auf und blickte in fragenden Augen. „Mein König, sollen wir noch mehr Steuereintreiber ins Land hinaus schicken? Was meinst du?“ - „Äh, ja … oder – nein – oder doch, noch mehr Steuereintreiber, aber auch Berater, die den Bauern beim Hochwasserschutz helfen können. Sie sollen Vorschläge machen, wie sich die Bauern in Zukunft vor Überschwemmungen schützen können. Das scheint mir ganz wichtig! Sie sollen nicht noch einmal ihre Ernte verlieren – und wir die Einnahmen. Hörst du, das ist wichtig!! In der nächsten Woche möchte ich einen Bericht über den Fortschritt! Und nun geht!“
Harpagos und seine Begleiter waren überrascht von der plötzlichen Heftigkeit und Aufgeregtheit des Königs. Eigentlich hatte man solche Maßnahmen bereits angedacht und war dabei, diese umzusetzen. Was hat ihn plötzlich so energisch, ja fast panisch werden lassen? Sie verneigten sich mehrfach und verließen rückwärts gehend den Audienzsaal.
„So, mein Lieber. Augenblicklich erzählst du mir jetzt, was dich bedrückt. Das ist ja nicht zum Aushalten! So schweigsam und abwesend wie beim Mittagsmahl bist du doch sonst nicht.“ Aryenis nahm ihren Mann am Arm und führte ihn zum Garten des Schlosses. „Komm, wir gehen ein Stück.“
Der Garten des Palastes war prächtig angelegt. Palmen, Zypressen und andere Nadelbäume sowie zahlreiche exotische Bäume und Sträucher waren so durchdacht gepflanzt, dass sie zu einer unvergleichlichen Einheit verschmolzen. Zahlreiche Wasserläufe, die ebenso geschickt angelegt waren, speisten sich aus einer gemeinsamen Quelle. Dieses Qanat-System ist überliefert von den Vorvätern und ermöglicht seit Jahrhunderten das Leben in diesen eigentlich trockenen Gebieten. Kunstvolle Statuen, schattige Wege und zwitschernde Vögel schaffen eine einzigartige Atmosphäre der Ruhe und Entspannung. „Paradaidha“ nannten sie diesen Garten, eine Vorfreude auf das, was sie nach dem Tod im Paradies erwartet. Das Herz und die Sinne öffnend ist er genau die richtige Umgebung für ein Gespräch zwischen den beiden.
„Heute Nacht“, so begann Astyages, „hatte ich einen seltsamen Traum. Ich weiß nicht, was er zu bedeuten hat, ob er überhaupt etwas zu bedeuten hat. Ich sah Mandane beim Spielen zu. Sie vergnügte sich an einem kleinen Wasserlauf, ließ Blätter als Schiffchen schwimmen, beobachtete die Tierchen am Wasser, setzte Steine als Hindernisse für das Wasser hinein, sie war so selbstvergessen und glücklich. Da kam plötzlich ein anderer Junge dazu, sie schien ihn zu kennen, denn er trat zu ihr und sie spielten zusammen weiter am Bach. Ich weiß nicht, wer er war oder wer er sein könnte, er hatte in meinem Traum kein Gesicht. Sie schienen sich jedenfalls gut zu verstehen. Da plötzlich begann Mandane aufzuschreien, sie schien plötzlich starke Schmerzen zu haben. Ich hörte es nicht, erkannte es nur an ihrem Gesichtsausdruck. Diese lautlosen Schreie, es fühlte sich so unwirklich an. Sie hielt sich den Bauch, dort schienen die Schmerzen ihren Ursprung zu haben. Auf einmal sah ich, wie aus ihrem Bauch Wasser drang. Zuerst nur ein kleines Rinnsal. Der Junge begann zu lachen. Doch das Rinnsal wurde größer, es lief immer mehr Wasser aus ihrem Bauch. Bald war der Wasserlauf so groß wie der Bach, an dem die beiden spielten. Der Junge begann immer lauter zu lachen. Mandane schrie, das Wasser schoss nun förmlich aus ihr heraus. Wie eine Sturzflut bahnte es sich langsam den Weg durch das Gelände. Sie nahm zuerst Sand und Erde mit, riss dann immer größere Steine aus dem Boden. Die Flut schwoll immer weiter an, das Wasser bedeckte nach und nach die Landschaft ringsum, stieg immer weiter an. Der Junge lachte noch immer, er plantschte vergnügt in den Fluten. Der Wasserspiegel stieg weiter und weiter. Bald bedeckte die Flut das ganze Land, so weit das Auge reichte. Der Junge jedoch trieb an der Oberfläche, er ertrank nicht. Auch Mandane schwamm oben, sie schrie nicht mehr. Sie blickte sich nun angstvoll um, nur hie und da ragten noch die Spitzen einiger Bäume aus dem Wasser. Dann schien sie gar froh und erleichtert, als sie den Jungen in ihrer Nähe sah. Er schwamm auf sie zu, dann erwachte ich.“
Aryenis war eine kluge Frau. Sie stammte aus hohem Hause. Ihr Vater war Alyattes, der König von Lydien, ihr Bruder war Krösus. Sie kannte sich aus mit den Spielen der Macht. Sie wusste, was es bedeutete, ein Reich zusammenzuhalten, zu regieren, gegen Feinde von innen und außen zu verteidigen, gleichzeitig die Bevölkerung bei Laune zu halten sowie Macht und Einfluss zu vergrößern. Kluge Heiratspolitik war seit jeher eine wichtige Säule dabei. Das wusste sie ja aus eigener Erfahrung. Es war damals ein kluger Schachzug ihres Vaters, sie mit dem König der Meder zu verheiraten. Er vergrößerte so seinen Einfluss auf die Nachbarn ohne einen Tropfen Blut zu vergießen. Dass dies für die Tochter den Verlust der Heimat bedeutete und sie von Sardes, der Hauptstadt der Lydier, nach Ekbatana, der Hauptstadt der Meder, umziehen musste war dabei nicht von Bedeutung. Das Wohl des Landes stand immer über dem Wohl des Einzelnen. Im Gegenteil. Aryenis empfand diesen Umstand nie als Verlust, sondern immer als Gewinn. Nicht nur für das Land, nein, auch für sie ganz persönlich. Sie war schon als Kind sehr wissbegierig und aufgeweckt. Es genügte ihr nicht, immer nur zuhause zu sein. Sie wollte raus, die Welt außerhalb des Palastes erkunden.
So kam es ihrem Wesen sehr entgegen, dass ihr Vater die Hochzeit mit Astyages einfädelte. Die Meder bedrohten damals Lydien und es bestand durchaus die Gefahr, dass Lydien erobert worden wäre. Somit brachte die Hochzeit den Frieden. Als glücklicher und durchaus nicht selbstverständlicher Umstand kam hinzu, dass sie sich mit ihm gut verstand. Mehr noch, sie verliebten sich ineinander. So ergänzten sie sich aufs Prächtigste, sie baute ihn auf, wenn es ihm schlecht ging, hielt ihm den Rücken frei. Und er hatte in ihr eine Vertraute, auf die er sich immer verlassen konnte. Als König kann es gefährlich werden, wenn man den falschen Leuten vertraut. Aryenis hatte ein feines Gespür für Menschen. Sie erkannte sofort, wenn Gefahr in Verzug war oder jemand Unlauteres im Schilde führte.
So war es auch jetzt. Der Traum ihres Mannes beunruhigte sie. Sie spürte, dass von nun an Wachsamkeit geboten war. Sie deutete den Traum so, dass Mandane unter Schmerzen etwas hervorbringt, was das ganze Reich zerstört. Der unbekannte Junge freut sich augenscheinlich darüber. Von ihm ging also offenbar die Gefahr für das Reich aus. Aryenis und Astyages waren gewarnt.
Die Jahre gingen ins Land, aus Mandane wurde eine junge Frau, die ihrer Mutter immer ähnlicher wurde. Nicht nur in ihrem Wesen, sie war selbstbewusst, neugierig, unternehmungslustig. Auch ihr Äußeres ähnelte immer mehr dem ihrer Mutter. Das dunkle, lockige Haar, die dunklen Augen, die glatte, samtige Haut. Wenn Aryenis ihre Tochter manchmal unbemerkt beobachtete musste sie lächeln. Sie erkannte sich selbst in ihr und ihr war bewusst, dass eines nicht allzu fernen Tages die Frage der Hochzeit auf sie und ihren Mann zukommen würde. Auch Astyages war nicht entgangen, dass seine Tochter zu einem überaus hübschen Mädchen herangereift war.
Da ihnen außer Mandane kein weiteres Kind vergönnt war und somit auch kein männlicher Nachkomme, der den Thron erben könnte, stellte sich für Asytages die dringliche Frage nach der Thronfolge und dem Fortbestand des Reiches.
Die letzten Jahre waren geprägt von relativer Ruhe im Inneren. Die Streitigkeiten der einzelnen Stämme und das Aufbegehren der Bevölkerung waren weitgehend beigelegt, zumindest hatte es nach außen hin den Anschein. Dies war auch das Verdienst der Arbeit des Harpagos. Er behandelte die Bevölkerung respektvoll, die Menschen liebten ihn zwar nicht – wer liebt schon jemanden, dessen Aufgabe es ist, Steuern und Abgaben einzutreiben – aber sie respektierten ihn. Sie spürten, dass er sie fair behandelte. Vor allem in Zeiten der Not, in denen die Bauern selbst ums Überleben kämpften, presste er sie nicht aus. Andererseits gab es außenpolitisch aber auch keine wesentlichen Veränderungen. Es wurden keine Gebiete hinzugewonnen, die Tribute liefern könnten und der Bevölkerung zu mehr Wohlstand verholfen hätten.
Und genau dieser Umstand gefiel einigen Stammesfürsten seines Reiches nicht. Sie hielten den König insgeheim für schwach, trauten ihm nicht zu, das Wohl zu mehren und die Macht des Reiches auszuweiten. Gerne würden sie die Sache selbst in die Hand nehmen. Wieso es nicht mit den Persern aufnehmen, wieso nicht die Lydier attackieren und was ist mit Babylon? Mit denen hatte man zwar ein Bündnis, aber was heißt das schon. Sie sahen sich insgeheim vorbereitet und trauten sich zu, jederzeit loszuschlagen. Dass sie es bislang nicht taten lag zum einen daran, dass sie doch noch zu wenige Unterstützer in den eigenen Reihen hatten, zum anderen daran, dass sie im Falle einer – durchaus realen – Möglichkeit des Scheiterns nicht nur ihr Leben, sondern ihr Stamm auch seine Privilegien innerhalb des Reiches verlieren würden. Also warteten sie geduldig bis sich eine günstige Gelegenheit bot.
Es war nun keineswegs so, dass Astyages dieses Grundrauschen nicht wahrnahm. Als erfahrener Herrscher war er durchaus im Bilde, was die Stimmung und Befindlichkeiten bei seinen Stammesfürsten betraf. Der Informationsfluss in den Palast war verlässlich.
Und so fragte er sich, ob es in seinem Reich wohl einen geeigneten Schwiegersohn geben würde. Dieser wäre dann eines Tages zwangsläufig sein Nachfolger. Eine schwierige Entscheidung stand an. Sie würde nichts weniger als den Fortbestand des Reiches bestimmen. Und Astyages hatte seinen Traum von damals nicht vergessen. Dem Reich drohte Gefahr. Da war dieser Junge ohne Gesicht. Wer war er? Offenbar war er befreundet. Er freute sich über den Untergang des Reiches. Mandane hat ihm vertraut. Eine böse Falle.
Für Astyages konnte dies nur eines bedeuten: die Gefahr lauerte in den eigenen Reihen. Niemals durfte er seine Tochter einem Meder zur Frau geben!
Über Anschan ging die Sonne auf. Der Palast des Königs lag auf einer Anhöhe und das erste wärmende Licht des Tages ließ ihn in all seiner Pracht erstrahlen. Für die Bewohner war dies seit Alters her Zeichen und Sinnbild für die Macht des Herrschers, der über sein Volk wacht und von der ewigen Sonne beschienen den Schutz der Götter erhielt.
Dies war so seit Anbeginn der Zeit und wird auch bis zum Ende aller Zeiten so sein. Seit Jahrtausenden wohnten Menschen in dieser Stadt und nichts lag näher, als diesen von den Göttern auserwählten Ort zur Hauptstadt zu machen.
Kambyses regierte das Königreich Anschan seit vielen Jahren. In seine Rolle als Vasall des Königs der Meder hatte er sich eingefunden. Schließlich war er nach außen hin selbständiger König, was natürlich entsprechende Ehre und Privilegien mit sich brachte. Andererseits genoss er als Mitglied der Konföderation der Meder auch deren Schutz. Auch wenn er als Perser die Meder eigentlich eher mied, war dies ein nicht zu unterschätzender, ja geradezu lebensnotwendiger Vorteil. Schließlich arrangierte man sich bereits seit vielen Jahren mit dieser Situation. Schon, als sein Großvater Teispes die Stadt Anschan eroberte und diese somit persisch wurde, gelang es nicht wirklich, die Oberherrschaft der Meder abzuschütteln, ebenso wenig wie seinem Vater Kyros. Jedoch hielten sich die Bemühungen, an diesem Zustand dauerhaft etwas zu ändern, auch in Grenzen.
Kambyses hatte eine kurze Nacht hinter sich, als die ersten Sonnenstrahlen in sein Schlafgemach fielen. Pochende Schmerzen ließen seinen Kopf im Rhythmus seines Herzschlags erbeben. Was war nur geschehen? Mühsam und unter Schmerzen versuchte er, sich umzudrehen, um den Sonnenstrahlen in seinem Gesicht zu entkommen. Vergeblich. Die Sonne von Anschan konnte auch Fluch sein. „Hee“, rief er stöhnend und unter Aufbringung aller Kräfte. „Hee, ihr Taugenichtse! Wo seid ihr?“ Die Tür zu seinem Schlafgemach öffnete sich augenblicklich und zwei seiner Diener stürzten herein. „Wieso sind die Vorhänge nicht geschlossen… oh, mein Kopf“, stöhnte er in sein Kissen. „Du hast es uns in der Nacht verboten“, rechtfertigte sich einer der Diener. „Du wolltest die frische Nachtluft genießen und hast uns weggeschickt.“ - „Was? Kann mich nicht erinnern…“ – „Und deine Kleider durften wir dir auch nicht ausziehen!“ – „Was??“ Erst jetzt bemerkte Kambyses, dass er noch sein festliches Gewand am Leib trug - zumindest Teile davon. Was hatte das zu bedeuten? Er versuchte sich zu erinnern, aber in seinem Kopf drehte sich alles.
„Lasst mich in Ruhe. Verschwindet – und zieht die Vorhänge zu… ich muss erst wieder klar denken können.“ Die Diener taten, wie Ihnen geheißen und verließen das Schlafgemach des Königs. Sie wussten, dass es keinen Zweck hatte, mit ihm in diesem Zustand sprechen zu wollen. Obwohl sie ihn daran erinnern mussten, dass sich für heute hoher Besuch angekündigt hatte.
Es war durchaus nicht ungewöhnlich, dass im Palast ausschweifende Feste gefeiert wurden. Kambyses war bekannt dafür, kein Kind von Traurigkeit zu sein. Die Tafeln waren immer reich gedeckt und der Wein floss in Strömen. Zu seinen Gästen zählten zumeist Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens, hochrangige Beamte und Staatsbedienstete, Adlige und die Oberschicht der Gesellschaft aus Anschan. Man war stolz, zu einem Fest im Königspalast eingeladen worden zu sein. Zeigte dies doch, dass man gesellschaftlich anerkannt und etabliert war. Die Chancen auf eine Einladung stiegen zudem beachtlich, wenn man noch eine unverheiratete Tochter hatte. Dass der König bislang ebenfalls noch unverheiratet war machte ihn natürlich zu einem äußerst begehrten Objekt in der Damenwelt. Wer würde sich nicht gern „Königin von Anschan“ nennen? Also fieberte man förmlich dem nächsten Fest beim König entgegen, in der Hoffnung auf eine der begehrten Einladungen – und tat zwischenzeitlich alles, um seine Aufmerksamkeit zu erregen. So schadete es sicher nicht, dem König von Zeit zu Zeit eine kostenlose Lieferung seines Lieblingsweins zukommen zu lassen, edle Gewürze oder Tee, gerne auch Seidenstoffe, aus denen sich beispielsweise Vorhänge fertigen lassen. Alles mit untertänigsten Grüßen von Familie soundso.
