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Das Leben als Kutscher hat so seine Tücken. Schlechte Laune, selbstkritische Pferde oder undurchsichtige Aufträge ohne Gefahrenzulage sind da nur Begleiterscheinungen. So wird der ruppige Mav ungewollt in eine turbulente Geschichte verwickelt, in der auch Übergrosse Sandläufer und deprimierte Tropfsteinhöhlen nicht fehlen dürfen. Und während die Welt um Egaril ihren seltsamen Gewohnheiten nachgeht, wächst im Schatten der Gesellschaft eine dunkle Bedrohung und gefährdet die Existenz allen Lebens. Nun soll ausgerechnet ein beleibter Kutscher mit Hang zu verstärktem Tabakkonsum die Welt vor ihrem Untergang bewahren? Da kommt Hilfe in Form einer illustren Gruppe aus Versagern, Ausgestossenen und schrägen Sonderlingen wie gerufen.
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Seitenzahl: 687
Veröffentlichungsjahr: 2020
Dieses Buch ist den Menschen
in meiner Nähe gewidmet.
Gute Herzen, die mich auf meinem
langen Weg bewusst und unbewusst gefördert
haben.
Herzlichen Dank!
Der Weltraum ist schwerelos, hat ordentlich Tiefgang und verflixt wenig Luft. Manch unheilvolle Dinge geschehen darin und den meisten möchte man eigentlich nicht begegnen. Seien es explodierende Sterne, Gammablitze oder riesige Schwarze Löcher, aus denen selbst der talentierteste Maulwurf nicht herausfindet – sofern er denn der Gravitation gewachsen ist.
Ja, das All ist ziemlich gefährlich. Und doch gibt es Lichtpunkte in der alles verschlingenden Finsternis der Unendlichkeit. Orte, an denen sich die Natur dem Leben verschrieben hat und eben jenes entstehen lässt.
Eine dieser Oasen, die sich in dieser unfreundlichen Wüste der Schwärze behauptet, kommt in farbenfroher Manier und sehr wolkig daher. Ein planetarischer Nebel, dessen Leichtigkeit in allen möglichen Farben leuchtet und der Umgebung etwas Freundlichkeit zurückgibt – ähnlich wie das Gänseblümchen auf einem Haufen Kuhmist.
In der Mitte dieses bizarren Gebildes aus buntem Sternenstaub, Gas und Plasma schwebt ein kleiner Planet, oder zumindest das, was von ihm noch übrig ist. Denn seine Form erinnert stark an den Lutscher eines eifrigen, leicht überzuckerten Kleinkindes. Beinahe die gesamte untere Hälfte des runden Körpers fehlt und sieht aus, als hätten ein paar sehr motivierte Bergleute soeben den Sprengstoff entdeckt.
Dort, wo die Landmassen mit der Leere des Alls in Berührung kommen, erstrecken sich zerklüftete Klippen, die gegen unten wie riesige, auf dem Kopf stehende Berge aussehen und sich schliesslich in felsigen Kratern in der Dunkelheit der Unterseite verlieren. Und als wäre dies nicht schon seltsam genug, kreisen zwei Kleinausgaben von Sonne und Mond munter wie Elektronen um das Objekt herum. 1
Egaril, wie ihn seine Bewohner nennen, ist hauptsächlich auf der Nordhalbkugel bewohnt. Dort, wo die üblichen meteorologischen Abläufe wie Wind und Regen noch vorhanden sind und flauschige Wolken das Firmament durchwandern – sozusagen die vitale Kehrseite der unliebsamen Ödnis, welche nicht mehr als Gesteinssorten in unterschiedlichen Variationen bietet.
Ja, so seltsam und eigen sich der Lebensraum auf Egaril auch anhört, so hat sich in Sachen Fauna und Flora doch eine üppige Vielfalt an Rassen und Pflanzen entwickelt – worunter man einige sogar als intelligent bezeichnen kann.
Schliesslich, nach einer eher düsteren Phase der gesellschaftlichen Entwicklung, schafften es diese scheinbar vernunftbegabten Wesen, mehr oder weniger friedlich miteinander auszukommen, ohne sich bei einer kleinen Auseinandersetzung gleich die Schädel einzuschlagen oder gar zu fressen. Man wurde sesshaft, schuf Erfindungen, und mit der Zeit entwickelten sich Hochkulturen. Zwar erlagen auch diese den natürlichen Niedergängen, wie sie jede übersättigte Form der Gesellschaft durchlebt – wie etwa Krieg, Trägheit oder generelle Hygieneprobleme –, doch wer das Leben kennt, der weiss um dessen Flexibilität und Anpassungsfähigkeit.
Und so entstanden über die letzten Jahrhunderte fünf grosse Reiche: Galrea, das im Zentrum des Kontinents liegt. Sandral, die nördlich gelegene Küstenregion. Qhual, die Wüstenebene im Westen. Das durch den Grossen Wald abgeschirmte Weitfallen im Süden und das entlegene Meotan im Osten.
Das Fazit dieser bunten Mischung aus verschiedenen Gesinnungen, Lebensweisen und artenspezifischen Körperkulturen war eine reiche Auswahl an erstaunlichen Errungenschaften, technischem Fortschritt und mystischen Glaubensansätzen. Aber auch Mistgunst, Neid und andere asoziale Gefühlsregungen sorgen dafür, dass sich die Vegetation des kleinen Planeten nicht langweilen muss.
Da kann selbst ein einfaches Essen schon mal überfordernd wirken. Weil keine allgemeine Deklarationspflicht besteht, schaut der geübte Bewohner von Egaril gerne mal unter das Salatblatt oder gibt schon vor der Einnahme seinem Arzt Bescheid.
Über Egarils eigentliche Entstehung weiss man kaum etwas. Zwar hat die Wissenschaft zahlreiche Theorien aufgestellt, worunter sich jede von ihrem Vorgänger in Sachen Kühnheit und Fantasterei übertrifft, doch letztlich stand stets ein grosses Fragezeichen am Horizont der Erkenntnis. Segi Fliesbart beispielsweise – gelernter Beobachter – sah in der Tatsache, die Nächte hindurch in ein Teleskop zu blicken und dabei auf bunte Wolkenschwaben auf schwarzem Grund zu starren, den mehr als deutlichen Beweis: Es gibt also doch einen überdimensionalen Apparat zur Herstellung von Zuckerwatte – und wir sind mittendrin!
Soin Etwa, Teilzeitphilosoph und Vorsitzender der wissenschaftlichen Fakultät von Galrea, kam hingegen zum Schluss: Der Umstand, sich in einer riesigen Zuckerwattefabrik zu befinden, müsste zu einer drastischen Zunahme von Diabetikern führen, was angesichts der Krankenakten und des derzeitigen Unterangebots an Süssigkeiten nicht der Fall zu sein schien. Vielmehr lag für ihn die These nahe, dass sie sich im Verdauungstrakt einer gigantischen Zirkus-Amöbe2 befinden, was zumindest den grässlichen Humor der Leute erklären würde.
Doch den gewöhnlichen Bewohner Egarils plagen gänzlich andere Existenzfragen. Solange am Abend nichts auf dem Teller steht, spielt es schliesslich keine Rolle, wie viel Süsses um dich herumschwirrt oder ob du gerade in irgendwelchen Verdauungsorganen steckst. Es wäre sogar spöttische Ironie, würde man plötzlich zur Erkenntnis gelangen, dass man gerade selbst auf einem riesigen Teller die Speise zum Besten gibt. Die Gesellschaft ist im Wandel und das Zeitalter des Menschen hält gerade Einzug – eine der weniger intelligenten Wesen, welche mit Vernunft gesegnet sind. Und wie es sich mit den Menschen verhält, läuft auch hier so einiges nicht ganz planmässig, worauf die Geschichte bisweilen sehr chaotische Passagen schreibt. Eine dieser etwas turbulenteren Ereignisse beginnt in einem kleinen Vorort mit dem Namen Unrat.
Es war eine dieser verhängnisvollen Nächte, welche mit Regen und Wind nicht geizte, als eine dunkle Gestalt am Waldrand auftauchte. Vor ihm erstreckte sich ein kleines Tal, in dessen Mitte ein Dorf lag. Vereinzelte Lichter brannten noch.
Der Fremde hatte bereits die ersten Hütten erreicht, als verschiedene Geräusche in das Getöse des Sturms mit einstimmten. Den nassen Mantel um den Körper geschlungen, schlurfte er in Richtung Dorfmitte.
Stimmen kristallisierten sich in den Ohren des Mantelträgers. Nur wenige Meter weiter vernahm man das Klirren von Gläsern. Es handelte sich offensichtlich um eine Kneipe.
Dicke, gelb verschmierte Fenster wiesen auf den freudigen Gebrauch von Tabak hin, der wohl tagtäglich in vollen Zügen genossen wurde. Mit einer müden Bewegung öffnete der Fremde die Tür des Lokals und eine Woge der Wärme schwappte in die Freiheit hinaus, gefolgt von Schweissgeruch und Alkoholausdünstungen. Der Mann trat ein.
Nach guter ländlicher Manier verklangen die Geräusche und alle Augen richteten sich misstrauisch auf die Person im Türrahmen. Ein paar vereinzelte Schnaufer und das Knarzen von alten Stühlen erklang. Der Fremde nutzte die unangenehme Stille und verschaffte sich einen Überblick. Hauptsächlich Bauern und Dorfbewohner waren zugegen. Mit wasserdurchtränkten Schritten ging er in Richtung Tresen.
Als das Scharnier schliesslich zurück ins Schloss fiel und ein nervöser Musiker die ersten Saiten seiner Mandoline zupfte, kam der Alltag ins vernebelte Wirtshaus zurück. Es wurde getrunken, gescherzt und Schaum vom Bart entfernt.
«Und, was soll’s sein?», fragte der Wirt, der den Neuankömmling schon argwöhnisch betrachtete. Er schien keinen Wert auf gastronomischen Charme zu legen.
«Ich suche einen gewissen Mann.» Die Worte krochen zögern ans Tageslicht. «Einen Kurier.»
«Neu, was?» Der Schankwart musterte missbilligend die Wasserlache unter den Füssen des Fremden. «Das hier ist ’n Kuhkaff, hier kommt kaum jemand vorbei. Aber es gibt da die alte Postkutsche. Die kommt einmal pro Woche.»
Der Wirt stellte ein verschmiertes Glas auf den Tresen, rieb sich die Hände an der Schürze ab und bedachte den Fremden mit forderndem Blick.
«Danke, aber ich trinke nicht.»
«Dann schlag ich vor, du verziehst dich wieder in die Kälte. Das hier ist eine Taverne und kein Touristenbüro!»
Hastig kramte der Fremde in seinem Mantel. «Schon gut, schon gut. Ich verstehe.»
Im Gesicht des Schankmeisters spiegelte sich freudige Genugtuung. «Na also. Da begreift jemand schnell. Das hier ist …» Er nahm eine staubige Flasche zur Hand und füllte das Glas. «… ein edler Tropfen. Hab ich selbst gebraut.»
Etwas von der Flüssigkeit perlte von der Flasche auf den Tresen – der Fremde hätte schwören können, eine leichte Verätzung zu erkennen.
«Äh, danke, aber …»
«Ein edler Tropfen!», donnerte der Wirt. «Ach ja, noch etwas. Möglicherweise hätte ich die Lösung für dein Problem.» Das speckige Gesicht grinste triumphierend.
«Lass mich raten …», seufzte der Fremde – seine Hand hatte sich noch nicht zum Glas gewagt, als eine weitere Silbermünze die Seite wechselte.
«Du wirst es weit bringen, vorausgesetzt du holst dir davon keine tödliche Erkältung.» Er deutete auf den Mantel und blickte erneut skeptisch auf die Pfütze am Boden. «Dein Mann heisst Mav, er sitzt da drüben. Und jetzt zieh Leine, bevor ich mit dir den Boden aufwisch!»
Höflichkeit ist nicht jedermanns Sache, dachte der Fremde und triefte hinüber zur besagten Stelle.
«Hallo?» Eine dicke Wand aus Rauch schwebte vor ihm und verdeckte eine dahinterliegende Nische. Die Konturen eines Tisches waren noch knapp zu erkennen, verloren sich dann aber rasch in qualmiger Dunkelheit.
«Ich suche einen gewissen Mav. Der Wirt war so nett …»
«Nett?» Die Stimme hätte Parkett schleifen können. «Nett?»
«Nun … er sagte …»
«Der nette Kerl behauptet, ich hätte immer noch Schulden bei ihm! Elender Geier!» Eine kurze Pause entstand. «Wie ich mich kenne, hat er vermutlich recht. Na ja, was soll’s? Ha! Worauf wartest du? Setz dich endlich. Und das da stellst du vorsichtig auf den Tisch.»
Der Mantelträger blickte nach unten und musste erstaunt feststellen, dass er das Glas mit dem edlen Tropfen in der Hand hielt. Mit der Vorsicht eines Bombenlegers stellte er die vermeintlich tödliche Substanz auf den Tisch. Anschliessend drückte er sich durch die Rauchschwaden auf die Bank.
Es folgte eine unbequeme Stille, in welcher der Fremde entsetzt feststellte, dass plötzlich eine Hand aus der Dunkelheit schoss – in diesem Fall wäre der Ausdruck Pranke passender gewesen –, das Glas in die Finsternis zog und leer zurückstellte.
«Nun …», begann die Stimme im Dunkeln, «was hat dir Luis gesagt?»
«Äh … Luis?»
«Der Wirt.»
«Ach so.» Die Stimme unter der Kapuze wurde fester. «Ich habe einen dringenden Auftrag für dich. Du bist doch Mav, oder?»
«So sagt man jedenfalls. Also, wie sieht’s aus?»
Im Allgemeinen lief eine galreanische Verhandlung darauf hinaus, dass man so lange weitermachte, bis eine der Seiten entweder pleite war oder auf dem Zahnfleisch den Raum verliess. Anders als in den anliegenden Ländern wurde hier das zwischenmenschliche Arrangement zweier Leute auf viel subtilere Weise gewichtet. Ein guter Geschäftsmann vereinte Aspekte wie Durchhaltevermögen, Bissigkeit und Schläue. Alles Dinge, welchen man in einer harten Welt grossen Respekt zollte.
«Wie bitte?»
Es folgte ein genervtes Seufzen.
«Bezahlung?», fragte die Rauchwolke.
«Ach so.» Es folgte ein Rascheln aus der Manteltasche. «Bei erfolgreicher Auslieferung erhältst du fünfzig Silberlinge.»
«Sechzig.»
«Aber … du weisst doch gar nicht, um was es geht.»
«Dann schiess los.»
«Für fünfzig …»
«Sechzig …»
Der Fremde hob protestierend den Zeigefinger.
«… oder du wartest auf die Postkutsche. Was sich aber bis nächste Woche hinziehen könnte.»
Es folgte eine weitere Pause, bei der eine süffisante Beharrlichkeit aus dem Dunkeln zu kommen schien. Wie die Präsenz eines Jägers, der sein Opfer bereits auf sicher hatte.
Der Fremde gab auf.
«Na schön. Sechzig.» Er atmete hörbar ein und ballte die Faust auf dem Tisch. «Und nun hör zu. Es handelt sich um eine Angelegenheit von äusserster Dringlichkeit. Sozusagen eine Eilzustellung.»
Der Fremde kramte in der Tasche seines Mantels und ein Umband aus Leder kam zum Vorschein. Vorsichtig setzte er den Gegenstand auf den Tisch und schob ihn in die Düsternis.
«Davon gehe ich aus», erwiderte der sogenannte Mav. «Und … ich rate einfach mal … es wäre allen gedient, wenn der Staub am Boden bleibt?»
«Äh … ja! Und du lieferst persönlich!»
In der Taverne wurde es lauter. Ein kleiner Mann hatte sich vom Tisch erhoben – offensichtlich lagen seine Gedanken noch im Schosse einer fünfundzwanzigjährigen Flasche Sherry. Er wankte auf die andere Seite des Raums, wo man seine Ankunft bereits mit erhobenen Fäusten erwartete.
Vereinzelte Geräusche von zerbrochenem Glas und berstendem Holz mischten sich in die Geräuschkulisse, als der Fremde fortfuhr. «Dreissig Silberlinge jetzt und dreissig bei der Übergabe. Das Paket muss in fünf Tagen in Labrynt3 sein.»
«Labrynt …» Ein abfälliger Schnaufer erklang. «Nicht gerade mein Lieblingsdomizil. Bei wem melde ich mich?»
«Alles weitere findest du in diesem Schreiben.» Er schob den vergilbten Zettel über den Tisch und wartete gebannt. «Nun? …»
«Nun … was?»
«Willst du nicht aufbrechen? Ich meine sofort?»
«Luis! Noch eine Runde!»
Keine Nadeln rieselten auf das Dach der Kutsche, als ein erneuter Windstoss durch die Bäume zog. Die Temperaturen stiegen zwar bereits, doch der Morgen und die Nacht blieben noch in der kühlen Umarmung des jungen Frühlings. Die Räder der Kutsche waren mit Schlamm und Dreck überzogen, was darauf schliessen liess, dass die mobile Holzkiste wohl schon länger unterwegs war. Kratzer und tiefe Furchen präsentierten sich wie Kriegsverletzungen auf dem rot lackierten Holz.
Ein Gaul, dessen Jugendjahre wohl weit zurücklagen – selbst die Rente glänzte mittlerweile durch Abwesenheit – stapfte im Seniorentempo an den Bäumen vorbei. Zwischendurch kreischten die Räder auf, als eine weitere Wurzel auf dem Wegrand übergangen wurde. Dabei bimmelte jedes Mal eine kleine Glocke, welche am Dach des Fahrersitzes befestigt war, und unterbrach so die Stille der Natur. Kleine Lichtkegel drängten immer mehr durch die Baumkronen, erhellten den Boden und gaben dem Wald ein Stück Freundlichkeit zurück.
«Sieht aus, als hätten wir’s bald geschafft», sagte der Mann an den Zügeln und zerdrückte einen qualmenden Tabakstummel am Holz.
Ein brauner Schlapphut zierte das Haupt des Fahrers, welcher die obere Hälfte des Gesichts verdeckte, während ein stattlicher Schnauzer den unteren Teil übernahm. Kleidung und Schuhe waren abgenutzt und passten zum Bild der Kutsche.
«Hat sich ganz schön was verändert hier, was, Fred?»
Das Pferd wieherte kurz und fiel danach in seinen lethargischen Schnaufrhythmus zurück. Fred, dessen Alter wohl nur die Götter zu deuten vermochten, war schon lange im Schleppergeschäft. Und er war stolz darauf. Nicht nur weil sein Zeugnis keine Krankenabsenz aufwies, nein, er war auch ein treuer und zuverlässiger Arbeitnehmer. Schon als junger Hengst wurde er in die Dienste seines jetzigen Herrchens genommen und seit diesem Zeitpunkt seinen Pflichten stets sauber und zuverlässig nachgekommen.
Ja, es war ein guter Job. Er und der Boss verstanden sich prima. Mav, wie ihn seine Kunden nannten, war stets fair und kompromissbereit, hatte immer eine Decke für kalte Nächte übrig und liess gerne mal einen Bonus in Form einer Karotte oder eines Zuckerwürfels springen. Interessanterweise hatte sich Mav während Freds Dienstzeit kaum verändert. Anfangs dachte er noch, er sei einem alten Mann zugeteilt worden, doch Pferde haben es nicht so mit dem Alter der Menschen.
Mavs Art war direkt, nüchtern und meist etwas schroff. Erst mit der Zeit wurde Fred bewusst, dass sein Herrchen wohl so auf die Welt gekommen sein musste. Niemals wäre es Fred in den Sinn gekommen, schlecht über seinen Herrn zu sprechen, aber jeder, der Mav kannte, wusste von seinen Kanten.
Während andere wie Blätter auf dem Wasser durchs Leben getragen wurden, war Mav der Kiesel auf dem Flussboden. Einzig mit dem Unterschied, dass sich ein normaler Stein mit der Zeit abnutzte und sich so anpasste. Wäre das Leben ein Gartenbeet, so verkörperte der Kutscher das Unkraut, welches beim Jäten stets vergessen wurde. Er war zwar keine Augenweide und sein Nutzen definierte sich irgendwo zwischen gering bis kaum vorhanden, aber er erfüllte seinen Teil in einer Gesellschaft, die ihn lediglich tolerierte. Das schien ihm zu genügen.
Der Waldweg führte gerade um ein Dickicht, als er an einer Gabelung endete und sich in drei weitere Wege auftat. Fred hielt und wieherte den Kutscher fragend an.5
«Das ist ’ne gute Frage.»
Mav stieg ab und schritt ein paar Meter in eine Richtung. Nach einer Weile nahm er seinen Hut ab und kratzte sich am Hinterkopf, seine Hände resigniert in die Hüfte gestemmt.
«Ich würd’ sagen, wir versuchen’s auf gut Glück.»
Das Pferd wieherte erneut und scharrte mit dem Huf.
«Was soll das heissen, hier waren wir schon mal? Glaubst du etwa, ich merke mir jeden Trampelpfad, der sich Weg schimpft? Ausserdem … wie lange ist das her? Das letzte Mal, als wir in der Nähe von Weitfallen waren, hattest du gerade deine Strähnchenphase.»
Fred schnaubte und schüttelte den Kopf.
«Ich bleib dabei. Es sah lächerlich aus. Selbst die Stuten gingen dir aus dem Weg … Was guckst du mich so an? Schliesslich hast du darum gebeten, du wolltest es so.»
Mav fuhr sich mit der Hand über den dunklen Schnauzer und nahm dann eine Münze aus der Hosentasche. Fred, der das Ganze beobachtete, schüttelte erneut den Kopf.
«Natürlich ist mir bewusst, dass die Münze nur zwei Seiten hat.» Vorsichtig legte er die Scheibe auf den Daumen. «Aber du weisst, dass die Mitte für mich wegfällt.»
Mav hatte keine Probleme mit verschiedenen Richtungen, rechts, links, gut, böse, süss oder salzig. Nach seiner Ansicht braucht es beides, jedoch ist es wichtig, sich zu entscheiden. Ein Mittelding, also alles dazwischen, kam einer Kapitulation der Entscheidung gleich.
Weshalb nimmt er immer die gleiche Münze?, fragte sich Fred, der dieselbe Szenerie schon oft beobachten durfte. Mav erzählte ihm einmal, dass es sich dabei um seinen Glücksbringer handelt, womit Fred jedoch herzlich wenig anfangen konnte, schliesslich brauchen Pferde kein Glück.6
Die Metallscheibe landete auf der Kopfseite.
«Also links», sagte Mav und zog seinen Gürtel hoch. «Das riet mir auch mein Urin.»
Fred versuchte erfolglos mit den Augen zu rollen, während Mav wieder aufstieg. Die Kutsche rumpelte gemütlich nach links und schlenderte in gewohnter Trägheit weiter.
Liebhaber von Märchen und sonstigen vernebelten Kindergeschichten wären nun nicht erstaunt gewesen, wenn der Weg hinter den Protagonisten einfach verschwunden wäre oder sich auf sonstige änigmatische Art und Weise in Luft aufgelöst hätte. Tat er aber nicht. Er sandte lediglich die Raben, nach allfälligen Brotkrumen zu suchen.
Unruhige Blicke gingen umher. Mavs Augen schweiften durch die Bäume, und selbst Fred konnte spüren, dass etwas im Busch lag. Seit einer Weile schon war der Wald nicht so ruhig, wie er sein sollte. Vogelschwärme stiegen aus dem Nichts auf und stoben schreckhaft in alle Winde davon.
«Dumme Tiere …», begann Mav, der das Schauspiel beobachtet hatte und nun Freds Blick auf sich spürte. «Du weisst, was ich meine. Eigentlich sollten wir den Waldrand schon längst erreicht haben. Die Münze war wohl keine gute Idee.»
Oder dein Urin, fügte Fred in Gedanken hinzu.
«Ich schlage vor, wenn nach einer halben Stunde keine Änderung in Sicht ist, drehen wir um.» Er zog dabei seinen Tabak hervor und grunzte spöttisch. «Schliesslich wollen wir unsere Kundschaft nicht länger warten lassen als nötig.»
Fred erinnerte sich, wie Mav von einem Mann erzählte, der ihnen ein Paket übergab, mit dem Ziel, es nach Labrynt zu bringen. Im selben Moment überkam ihn auch das Gefühl, als würde eine mystische Aura von dem Gegenstand ausgehen, obwohl dies auch an Mavs neuem Kraut gelegen haben könnte – Smo’s Kräutersenke.
Der Preis ist angemessen, lachte Mav später. Natürlich wusste er, dass es sich um eine Ladung handelte, welche auf offiziellen Listen nie existiert hatte. Allenfalls hätte der Fremde die Postkutsche vorgezogen. Das Schleppergeschäft war hart, was bedeutete, man nahm auch mal Aufträge aus dreckiger Hand an. Und Mavs Hände waren schon so dreckig, dass man die Haut darunter nur erahnen konnte.
«Was ist denn?», fragte Mav, als Fred unerwartet stehen blieb. «Sind das etwa …?»
Er schwang seinen gut genährten Körper von der Kutsche, ging einige Schritte und kniete vor Fred auf den Boden. «Spuren. Also doch.»
Seine Hand nahm etwas Dreck auf und zerrieb ihn zwischen den Fingern. Fred beobachtete den Vorgang aufmerksam.
«Die sind frisch. Siehst du, wie locker die Erde noch ist? … Schwierig zu deuten. Dem Durcheinander zufolge müssten es Tiere gewesen sein.»
In gewissen Wäldern spielt es keine Rolle, welcher Spezies man als Erstes begegnet. In den meisten Fällen sehnt man sich jedoch nach einem kleinen weissen Kaninchen, das an einer Möhre nagt und mit glänzenden Unschuldsaugen nach Schmetterlingen Ausschau hält. In diesem Fall hatte das Kaninchen aber den Auswuchs eines knurrenden Wolfs und die Zähne einer Kettensäge.
Fred bemerkte als Erster die nahende Gefahr und fing an zu schnauben. Mavs Hand griff kurz darauf unter den Fahrersitz, wo ein Präsent für alle unerwünschten Gelegenheiten wartete. Routiniert folgten seine Finger dem Lauf und spannten die kleine Armbrust für Notfälle. Knurrend näherte sich währenddessen der Angreifer und entblösste seine gelb beschlagenen Fangzähne.
«Darauf hab ich nun echt keinen Bock», brummte Mav. Die Bewegung war für das Ausmass eines solchen Körpers erstaunlich schnell. Ohne Vorwarnung drückte er ab und das surrende Geräusch einer sich lösenden Sehne erklang.
Leises Jaulen war das Letzte, was der Wolf von sich gab, bevor er zu einem leblosen Pelzknäuel zusammensackte. Fred stand auf die Hinterbeine und wieherte triumphierend, während der Kutscher ohne mit der Wimper zu zucken bereits das Messer zog.
«Freu dich nicht zu früh», sagte er ernst und schnitt dem Wolf fachmännisch die Kehle durch. «Du weisst ja, Wölfe sind bekanntlich Rudeltiere. Mit anderen Worten …» Er löste langsam den Pelz vom Körper. «… es dauert nicht lange und es wimmelt hier von ungebetenen Gästen.»
Das Blut tropfte noch von seinen Fingern, als er das Fell am Wagen aufzog und wieder auf seinem Sitz Platz nahm. Er schnalzte Fred zu, worauf sich dieser in Bewegung setzte und sogleich wieder stehen blieb. Sie kamen keine zehn Meter weit, ehe sich das Lasttier wiehernd beklagte.
«Was soll das heissen: Du fühlst dich unwohl? Habe ich dich je in Gefahr gebracht? Für den Moment wäre es jedoch besser, erst mal Land zu gewinnen. Der Pelz wird sie anlocken, also schön in Bewegung bleiben. Die Sache können wir ein andermal diskutieren.»
Fred war beleidigt, was er gut konnte. Pferde verstehen etwas davon.
Dasselbe würde ich auch sagen, dachte er. Wenn ich a) nicht die Kutsche ziehen müsste und b) in Sicherheit auf dem erhöhten Führerstand wäre, was uns zu Punkt c) bringt, nämlich einen sicheren Arbeitsplatz!
Während Fred sich überlegte, einer Gewerkschaft beizutreten, öffnete sich vor ihnen eine malerische Lichtung. Schmetterlinge flogen dem warmen Schein der Sonne entgegen und ein kleiner Bach gurgelte friedvoll vor sich hin. Und in der Mitte … stand ein kleines Haus.
«Das soll wohl ein Witz sein», murmelte Mav, dem an Kitsch so gar nichts lag. «Wenn du mich fragst, Fred, dann handelt es sich hier wohl um das verdächtigste Haus auf dem ganzen Kontinent.»
Die Kutsche rollte bedächtig in die Mitte der Lichtung und blieb dort stehen. Mav spannte erneut seine Armbrust und stieg ab. Still fluchend marschierte er zur Tür und klopfte an. So verdächtig ein Haus auch sein mochte, es stand in keinem Vergleich zu den lauernden Gefahren des Unterholzes. Er wartete, doch nichts geschah.
Mav drehte sich zum wartenden Fred um, schnitt eine fragende Grimasse und hob die Schultern. Hinter ihm öffnete sich die Tür einen schmalen Spalt.
«Was willst du?», fragte eine barsche Frauenstimme.
«Lass mich raten, du bist eine Naturtante 7?» Mav nahm etwas mehr Abstand.
«Was denkst du denn? Natürlich bin ich das! Wer würde sonst freiwillig im Nirgendwo zwischen wilden Tieren und ohne fliessendes Leitungswasser wohnen?»
«Na toll», entgegnete Mav und schärfte die Augen. «Hast du gehört, Fred, eine Tante! War ja klar. Hör mal, Lady, wir sind nur auf der Durchreise und wollen keinen Ärger. Wir wären dir also sehr verbunden, wenn du den ganzen Schnickschnack von wegen Hokuspokus lassen könntest.»
Die Frau hinter der Tür war nicht sichtbar, dennoch hatte Mav den Eindruck, ein leises Prusten zu vernehmen.
«Grosse Worte für jemanden, der offensichtlich mit einem Pferd spricht. Wie heisst du, Reisender?»
«Und danach verwandelst du mich in eine Kröte oder Schlimmeres. Von wegen! Ich kenne euren Schlag!» Er wedelte dabei abschätzig mit dem Finger. «Ein Kumpel von mir verlor seine Katze wegen einer Tante …»
«Schön», seufzte die angebliche Hexe. «Normalerweise tue ich so was nicht, aber du hast Schneid bewiesen und hast eine … interessante Ausstrahlung. Mein Name ist Sarlazaz.»
«Aha … Ich würde zwar nicht freiwillig so heissen wollen, aber man kann es sich ja nicht immer aussuchen.» Er popelte gelangweilt in der Nase. «Es ändert nichts an der Situation, Teuerste.»
«Soll das heissen, dir ist der Name Sarlazaz kein Begriff?» Die Frau wirkte schockiert.
«Sollte es?»
«Die Gute? Sarlazaz die Weise? Noch nie gehört?»
Mav kratzte sich nachdenklich am Kinn. «Also bis jetzt kenne ich nur eine Frau, die sich so nennt, muss wohl Sarlazaz die Alleinwohnende sein.»
Die Tür öffnete sich ganz und entblösste ein Gesicht, welches schon viel erlebt und noch mehr gesehen hatte.
«Komm bitte herein.» Es war ein trauriger Tonfall. «Ich verspreche auch, dir wird nichts geschehen.»
Fred, der gelauscht hatte, fühlte erstaunlicherweise keine Angst vor der fremden Person – was für Fluchttiere ein sehr erhebendes Gefühl ist. Aufmunternd wieherte er Mav zu, dessen Gesicht eine Mischung aus Misstrauen und Magenverstimmung aufwies.
«Keine Ahnung, warum, aber Fred traut dir. Wehe, du versuchst deine Tricks bei mir!»
«Ich glaube, dafür besteht kein Grund. Oder gibt es Anlass dazu? Kann man aus dir einen speziellen Extrakt brauen?», fragte sie neckisch.
«Glaube nicht», gestand Mav.
«Ist dein Blut so besonders, dass es als selten gilt?»
«Hab eine gute Eigenmarke, wenn du das meinst, und wessen Blut ist nicht selten?» Er schob sich genüsslich den kleinen Finger ins Ohr.
«Ich sehe … Wir begraben das Thema wohl besser. Wie wäre es, wenn ich dir hoch und heilig verspreche, dass dir in diesen Wänden nichts geschieht?»
«Du kannst dir denken, dass ich darauf ’nen Scheiss geb.» Die Antwort war so trocken, das sich selbst die Luft daran rieb. «Aber … es muss wohl sein. Du hast nicht per Zufall etwas Tabak auf Lager?»
Die Strassen erholten sich gerade von einem abendlichen Regenschauer, als vereinzelte Ratten eine Mülltonne durchsuchten. Wie Chefköche bei der Auslese ihrer Zutaten, wühlten sie sich akribisch durch die Überreste.
Es war kurz vor Sonnenuntergang und in den Fenstern brannten bereits vereinzelte Lichter. Das schüchterne Tropfen der Wasserrohre hüllte die leeren Gassen ein und gab ihnen eine düstere Schwere, als plötzlich ein fremder Schatten auftauchte und die Stille durchbrach.
Eine Person huschte über Pflastersteine den Mauern entlang und unterbrach die gräberne Ruhe der Stadt. Mit vorsichtigen Schritten blieb sie stehen und sah sich um. Niemand schien ihr gefolgt zu sein.
Ein Ziegelstein wurde in die Wand gedrückt, worauf ein leises, systematisches Klacken erklang.
«Die Losung?», fragte eine piepsige Stimme.
Sofort kramte die Person im Schatten ein zerknülltes Papier hervor und entfaltete es.
«Der Morgen … malet.»
«Malet?», wiederholte die verdutzte Stimme hinter der Wand.
Die verdeckte Person betrachtete nochmals den Zettel. «Ja … ich glaube, das soll malet bedeuten …»
«Welcher Morgen malet denn?», entgegnete die Wand gereizt.
«Woher soll ich das wissen? Diese Sauschrift kann doch keiner lesen.»
Es entstand eine Pause, dessen Inhalt mit peinlicher Stille gefüllt war.
«Lesen? … Streubert, bist du das?»
«Äh, ja?»
«Wann fängst du endlich damit an, dir solche Sachen zu merken? Was, wenn dich jemand damit erwischt?» Die Stimme überschlug sich ein paarmal, bevor sie wieder auf die ruhige Strasse der Sachlichkeit zurückkehrte.
«Und wer, bitte schön? Die meisten wissen noch nicht einmal, dass wir existieren! Ausserdem würde es der Chef nie zulassen.»
Die Gestalt trat aus dem Schatten und warf das zerknüllte Papier in das Wandloch.
«Autsch!»
«Es ist nur Papier, nun tu nicht so! Und lass mich endlich rein!»
Hörbar wurden ein paar Hebel umgedreht und setzten einen Mechanismus in Gang. Die Wand begann zu vibrieren und Steine fuhren zur Seite. Staub wurde dabei gelöst und hing nun schwebend in der feuchten Luft. Zum Vorschein kam eine Pforte, dessen weiterer Verlauf sich in der Finsternis verlor.
«Hast du alles erledigt?», fragte die Stimme aus der Düsternis.
«Natürlich», erwiderte Streubert und betrat den Tunnel. «Die Sache fliesst reibungslos.»
«Fliesst? …»
«Genau. Weshalb fragst du?»
«Ach, vergiss es …»
Mollige Wärme durchflutete den Raum. Dutzende von Kerzen flackerten an den Wänden und kämpften verbissen gegen die Rauchschwaden, welche langsam die Luft verdrängten. Das dabei entstandene schummrige Licht gefiel Mav. Es erinnerte ihn an seine Lieblingskneipe in Balos8 . Dort wurde stets so lange geraucht, bis sich die ersten Atemnotstände zeigten. Natürlich floss dabei auch Alkohol in rauen Mengen.
Sarlazaz hatte ihm ein paar Tabaksorten gezeigt, von denen er die meisten nicht mal aussprechen konnte. Das alte Weibsbild hatte Geschmack. Er behielt jedoch das H-Wort im Hinterkopf und blieb auf der Lauer.
«Also …», begann Mav, dem die Stille nicht sonderlich behagte. «Wie lebt’s sich so in der Abgeschiedenheit?»
«Wie sollte es sich denn leben?» Die alte Frau nippte an ihrer Teetasse. «Man hat seine Ruhe und jede Menge Platz zum Arbeiten.»
«Jetzt mal Klartext.» Der Kutscher nahm einen tiefen Zug. «Wer wohnt noch hier?»
Sarlazaz wirkte erstaunt über den plötzlichen Wandel des Gesprächs. Sie kniff die Augen zusammen und strich eine weisse Strähne aus dem Gesicht.
«Du bist schlauer, als du aussiehst. Wie hast du es herausgefunden?»
«Die Schuhe.» Er deutete in Richtung der Eingangstür.
«Natürlich. Du kommst wohl viel herum, was?»
«Stimmt, was aber nicht meine Frage beantwortet.»
Die Hexe wirkte verlegen. «Die Schuhe gehören meiner Tochter.»
Mav setzte die Pfeife, welche die Hausherrin ihm freundlicherweise zur Verfügung gestellt hatte, auf den Aschenbecher und beugte sich erstaunt nach vorn.
«Eine Tochter? Seit wann haben Tanten Nachkommen? 9 »
Die alte Frau seufzte erneut und betrachtete ihre Hände. Unzählige Narben zeichneten sich darauf ab und bildeten schon fast eine Art Landkarte.
«Das ist eine längere Geschichte. Sagen wir einfach, ich habe sie adoptiert.»
Mav begnügte sich mit der Antwort, da er selbst ungern über sein Privatleben plauderte. Er nahm die Pfeife vom Tisch und lehnte sich wieder zurück.
«Na schön», sagte er und schien sich an etwas zu erinnern. «Du hast vorhin den Eindruck erweckt, als müsste man dich kennen. Ist das so?»
Falten bildeten sich auf der Stirn der Hexe und liessen sie um Jahre älter aussehen. Das bis jetzt müde, aber freundliche Gesicht verformte sich nun in Stein gemeisselten Ernst.
«In der Tat. Ich war einst im ganzen Land bekannt, sozusagen eine Legende. Heute wohl nur noch ein Märchen für Kinder. Vielleicht liegt es an der mangelnden Präsenz. Vielleicht sollte ich mich mal wieder blicken lassen, Wunder vollbringen und andere Dinge.» Sie rieb sich nachdenklich den Oberarm. «Hast du Kinder?»
Schallendes Gelächter kam über Mavs Lippen. «Die Götter mögen es verhindern!»
Sarlazaz legte den Kopf schief und warf Mav einen Blick zu, den er nicht zu deuten vermochte. Es schien, als würde sie versuchen, in ihn hineinzusehen, versuchen, ihn zu verstehen. Ein kleiner Funken Schuld keimte in ihm. Lügen war nicht sein Ding. Aber mit der Zeit wurden Personen wie Mav vorsichtig. Man lernte dazu. Natürlich kannte er den Namen Sarlazaz, kaum jemand kannte ihn nicht. Wie sollte man also reagieren, wenn sich eine fremde Person als eine der grössten Sagenfiguren der Geschichte vorstellte? Ganz einfach, man schwieg und wartete ab.
Das warme Rot der Dämmerung drückte bereits müssig ans Fenster, als eine weitere Pfeife gestopft wurde. Die Kerzen hatten sich mittlerweile ihrem Schicksal ergeben und brannten auf Sparflamme.
«Es wird spät.» Ihre Augen waren dabei auf das Fenster gerichtet. «Ich hoffe, du bist dir den Gefahren da draussen bewusst. Du solltest den Wald nicht unterschätzen.»
«Also gut», sagte Mav resignierend.
«Wie bitte?» Die Hexe wirkte, als hätte man sie gerade aus einem Tagtraum gerissen.
«Nur widerstrebend, aber ich nehme dein Angebot an.»
«Welches Angebot?»
Mav hob beschwichtigend seine bauschigen Augenbrauen. «Na, du willst uns Obdach gewähren. Uns davon abhalten, in die unbekannte Finsternis zu schreiten. Keine … jugendlichen Dummheiten anzustellen. Etwas in der Art. Richtig?»
«Natürlich …» Das Schmunzeln der Frau hätte Gletscher schmelzen lassen. «Ich muss zugeben, dass ich mich, was dein Wesen anbelangt, nicht geirrt habe.»
«In dieser Sache irre ich mich auch nur selten.»
Das Feuer im Kamin war gerade erloschen und verarbschiedete sich mit russigen Schwaden in den darüberliegenden Schacht hinauf, als Intribic Windeglatt konzentriert seinen Nasenrücken rieb. Wie jede Hauptstadt, die etwas auf sich hält, besitzt auch die monarchische Regierung von Labrynt eine spezielle Abteilung, welche eigens dafür ausgerichtet ist, den König in seiner Tätigkeit zu unterstützen. Dies tut in erster Linie der oberste Berater oder, mit anderen Worten: der Minister. Ein Posten, der so einige Aufgaben bereit hält und unter denen die meisten als königlicher Papierkram durchgehen.
Der gestrige Ball forderte einmal mehr sein ganzes Arsenal an Geduld und Nerven. Es war erstaunlich, wie sich Leute in höhergestellten Kreisen benehmen konnten, wenn man ihnen nur genügend Beachtung schenkte.
Es ist allgemein bekannt, dass die reichen Menschen von Labrynt dazu neigen – bei mangelnder Wahrnehmung von Gleichgesinnten –, ihren Frust an der niederen Gesellschaftsschicht auszulassen. Nicht, dass sich Intribic darum scherte – im Gegenteil, er genoss es, und daraus machte er auch keinen Hehl. Da es sich dabei aber um seine Untertanen handelte, war diese Plaisir allein ihm zugedacht.
Natürlich, da gab es noch seinen Arbeitgeber, den weltfremden, etwas dicklichen Mann, der sich König schimpfte. Ein blauäugiger Narr, dessen einfältige Weitsicht gerade mal über den Rand seiner kleinen goldenen Waagschale reichte.
Er hielt kurz inne. Sein Blut raste bereits wieder mit Schallgeschwindigkeit durch die Adern. Ganz ruhig. Bei der ganzen Arbeit, die ihm zugetragenen wurde, durfte er sich sehr wohl als leitendes Arbeitsinstrument des Palasts sehen. Die Flamme auf dem Herd, der Ochse auf dem Feld, das Schmieröl im Getriebe. Ja, ohne ihn lief nichts!
Langsam schritt er hinüber zur anderen Seite seines Arbeitszimmers – der Marmorboden spielte dabei Pingpong mit seinen makellosen Ledersohlen. Normale, vernünftige Menschen hätten sich nicht über solche Räumlichkeiten beklagt. Wahrscheinlich hätten sie verträumt die Eichenbögen an der Decke begutachtet oder die akribisch angeordneten Kerzenleuchter an den Wänden gezählt. Intribic Windeglatt hingegen hielt nichts von Innenarchitektur. Obwohl er ein penibler Beobachter des Kleinen war, so war er doch der Meinung, das Leben biete mehr als schnöde Schnörkelei und verspielte Biegungen an Wand und Decke. Ein Mann sollte wissen, was er will, und sich vollends darauf fokussieren. Wie ein Pfeil auf dem Weg zur Zielscheibe des Lebens.
Er selbst wusste dies seit einer geraumen Zeit, und daher war auch klar, dass eine kleine Räumlichkeit wie sein Büro grosse Träume, wie die seinen, nicht fassen konnte. Zu viele Jahre hatte er sich mit diesem für ihn zu klein geratenen Raum aufgehalten. Er wollte mehr, viel mehr.
Für gewöhnlich trifft man Leute wie Intribic Windeglatt in seinem Leben eher selten. Während der Grossteil des gemeinen Volkes damit beschäftigt ist, schwatzend und unter seinesgleichen durch die Welt zu wandern, bevorzugen Personen wie der Minister das einsame Vornewegmarschieren – mit Betonung auf weit vorneweg – und womöglich mit einem Dirigentenstab wedelnd.
Er stand gerade vor seiner Bibliothek, welche voll mit alten Schinken und dicken Wälzern war, als ein vertrautes Geräusch hinter ihm erklang.
«Ja, Rott?»
Die Kreatur hatte sich lautlos ins Zimmer geschlichen, was auf den ersten Blick doch recht erstaunlich war. Seine Beine hatten nämlich den Anschein, als wären sie in der Evolution des Storches irgendwo stecken geblieben, um anschliessend in Richtung Mensch zu navigieren. Der Oberkörper wirkte in sich zusammengefallen, was auf ein fehlendes Rückgrat schliessen liess.
Mit trüben Augen starrte der in die Jahre gekommene Tiefentrug 10 auf den Boden und schniefte leise.
Rott Schnupfwetter war, soweit Intribic wusste, schon so lange im Palast tätig, dass er schon beinahe zum Inventar gehörte. Generationen von Ministern hatten ihn zur Seite. Für manche als Laufbursche, für andere als Berater. Intribic selbst genoss von Zeit zu Zeit die Anwesenheit des Trugs, da ihm so bewusst wurde, wie gesund er doch war. Rott war von akuter Erkältung befallen und übte die Krankheit scheinbar aus Leidenschaft aus.
«Der König hat mir aufgetragen, euch diese Einladung zu überbringen. Snrrrf.» Ein typisches Geräusch, welches Intribic schon öfter durch seine Albträume verfolgt hatte. Ein Anker, der wie eine Bleisenke im Meer seines Geistes haftete.
Mit schrägem Haupt nahm er das Schriftstück entgegen und liess seinen Blick argwöhnisch darüberschweifen. Rott richtete währenddessen seinen Frack und schaute mit fragendem Blick, ob es sonst noch was zu erledigen galt.
«Rott», begann sein Herr, «ich hätte da eine Frage an dich.»
«Ich stehe stets zu Diensten, snrrrf.»
Wieder dieses unsäglich grausliche Geräusch.
Intribic deutete auf die vielen Bücher vor ihm, bevor er fortfuhr: «Du kennst meinen Lieblingsautor?»
«Gram Schwarzsicht 11?», mutmasste Rott.
«Exakt, wie üblich. Fantastische Werke.» Mit ausgestrecktem Arm deutete er schwungvoll von links nach rechts. «Wie du weißt, habe ich letzten Monat eine Sammlung verschiedener Abschriften Schwarzsichts erhalten.»
Während Intribic fortfuhr, trübte sich Rotts Blick noch mehr.
Das Leben ist ohnehin tragisch genug, dachte der Tiefentrug, wie kann man seine Zeit nur mit dem Schund eines Irren vergeuden?
«Bei meiner gestrigen Bettlektüre stiess ich auf eine Passage kurz vor seinem Ableben …»
Auch das noch …
«… eine Eingebung, hervorgerufen kurz vor der totalen Verdunkelung …»
… bitte erlöse mich …
«… die den ständigen Wechsel der Welt alle Tausend Jahre kund tut.»
… ich könnte mich erhängen …
«Das an sich war schon interessant, aber die letzten Zeilen erst …»
… oder ein Sprung aus dem Fenster …
«… sie besagen die Existenz einer göttlichen Kraft, welche das derzeitige Gefüge zusammenhält.»
… die Kordel umhängen, das Fenster öffnen und …
«Rott?»
… könnte klappen, ich muss nur …
«Rott!»
«Äh? …» Verdattert blickte der Tiefentrug in das skeptische Gesicht des Ministers.
«Hörst du mir überhaupt zu?»
«Natürlich, Meister. Der Wechsel …»
Mit einem Ausdruck des Misstrauens wandte sich Intribic wieder der Bücherwand zu. «Gut. Du hast etwas abwesend gewirkt. Wirst wohl langsam zu alt für den Beruf.»
… wenn es nur das wäre …
«Gram Schwarzsicht beschreibt diese Kraft leider in wirren Worten. ‹Geteilt der Zusammenhalt, wird erneuert am Ende, die Fragmente zum Punkt gebracht, so das Leben weiterbestünde.›»
Tiefe Furchen bildeten sich auf der Stirn des Ministers, während er sich mit dem Zeigefinger auf die Schläfe pochte.
«Es muss doch noch mehr geben!», fluchte er zornig und ballte die Faust.
«Möglicherweise gibt es eine Fortsetzung auf einem anderen Pergament», seufzte Rott. «Oder auf der Rückseite, zum Beispiel …»
«Machst du dich über mich lustig?», fragte Intribic scharfsinnig.
Eins muss man ihm lassen, dachte Rott, er ist einfältig, aber nicht dumm. Egal, mach es wie immer.
«Das würde ich mir nie erlauben, Meister. Es war lediglich eine Mutmassung, aber was weiss ich denn schon? Muss wohl das Alter sein, Herr.» Mit einem Ausfallschritt verbeugte er sich – was aussah, als würde man einen Zirkel um ein paar Grad verstellen – und blickte mit grossen milchigen Augen zu seinem Vorgesetzten hinauf. «Wenn ihr erlaubt, würde ich nun gern dem Koch Bescheid geben, was ihr zu speisen wünscht.»
«Ah ja, das Essen. Wachtel mit Kartoffeln.»
Der Tiefentrug zog die Mundwinkel leicht nach oben und verengte die Augen. «Natürlich. Wie üblich …», sagte er und schlurfte Richtung Tür.
«Ach, und Rott?»
«Ja, Meister Windeglatt?»
«Sag dem Koch doch bitte, er möge die Kartoffeln diesmal bissfest lassen. Ansonsten wird sein Kopf schnell feststellen, wie es sich anfühlt, zu lange gekocht zu werden.»
«Sehr wohl.»
Die Nacht war unruhig. Woge um Woge donnerte der Wind durch die Bäume. Vom Halbschlaf gepeinigt, schloss Mav das offene Fenster. Der Lärm, welcher aus reiner Kraft der Blätter in sein Zimmer drang, war sogar für seine exzessiven Schnarchrituale zu viel. Zumindest hat Fred ein Dach über dem Kopf, dachte er sich. Auch wenn er es nicht offen zugegeben hätte, so war er doch froh darüber, dass die alte Frau dieselben Gedanken teilte wie er. In tiefster Nacht bei Regen und Sturm in einem dunklen, verwilderten Wald unterwegs zu sein, war purer Leichtsinn.
Draussen wurde es langsam hell. Wie lange hatte er geschlafen? Wann ging er zu Bett? Die Gedanken kreisten in seinem Kopf hin und her, erfolglos auf der Suche nach sicherem Halt in Form einer Antwort. Womöglich war der gestrige Tag anstrengender, als seine müden Knochen zugeben wollten. Oder – was der Lösung näherkam – er war einfach nicht mehr der Jüngste.
Wie alt war er eigentlich? Er kannte die Antwort. Sie versteckte sich irgendwo hinter seinen Augen. In einem Gedächtnis, das mehr und mehr einem rostigen Sieb glich. Sein Kopf begann erneut zu kreisen. Er beschloss den unnützen Gedanken beiseitezuschieben. Der Tag wartete.
Das Zimmer war nicht sonderlich gross. Weder das zugestellte Regal noch die vielen verstaubten Kisten neben dem Bett würden auf ein Gästezimmer schliessen lassen. Der Besen in der Ecke bestätigte seine Theorie.
«Sie lässt mich tatsächlich in der Abstellkammer schlafen», murmelte er. «Vermutlich war das Bett nur per Zufall hier drin.»
Alte Stufen knarrten unter dem beeindruckenden Gewicht des Kutschers, als dieser die Treppe hinabstieg. Etwas Vertrautes lag in der Luft. Etwas, das Mav schon seit längerem nicht mehr in der Nase hatte. Es roch nach gebratenem Speck und Kaffee. Seine Nasenflügel zitterten vor Aufregung.
Eine junge Frau wuselte gerade durch die Küche, als Mav im Türrahmen stehen blieb. Mit leichten Füssen wechselte die Fremde zwischen Schrank und Herdplatten hin und her, wobei ein Lied über ihre Lippen summte. Eine Drehung hier, ein Hüpfer dort, und plötzlich haftete ihr Blick auf Mav, der sich derweil an den Rahmen gelehnt hatte und das Schauspiel amüsiert beobachtete. Ihr abruptes Stehenbleiben verlieh dem Inhalt der Pfanne einen ungeahnten Höhenflug.
«Oh! Du bist schon wach?», sagte sie mit hoher Stimme und lächelte.
«Du bist also Celeste?», mutmasste Mav und versuchte seine Begeisterung in Grenzen zu halten.
Die schwarzen Haare waren elegant nach hinten gebunden, sodass sie auf der rechten Schulter wieder zum Vorschein kamen. Auf der makellosen Haut glich ihr Mund einer reifen Kirsche und in den grossen dunklen Augen lag das gewisse Etwas, in dem man sich verlieren konnte. Dazu kam dieses süffisante Lächeln, welches das Ganze in rosa Wölkchen packte und mit einer roten Schleife verzierte.
Doch das Offensichtliche ist ein Meister der Täuschung.
Sie hatte die Arme unschuldig übereinandergekreuzt und hielt dabei die übergrosse Pfanne schon fast lässig in den Händen. Das Bild der zierlichen Frau mit dem schweren Küchengerät wirkte befremdend. Einen jungen Mann konnte man damit wohl täuschen, aber nicht einen alten Haudegen wie Mav. Die Frau war härter im Nehmen, als es den Anschein hatte – und sie war mit Abstand die schönste Frau, die er je gesehen hatte. Jedenfalls soweit er sich erinnern konnte.
«Mutter hat dir also von mir erzählt?»
«Nicht viel.»
«Viel mehr gibt es auch nicht.» Sie lächelte schüchtern. «Wenn man so abgeschieden im Wald wohnt … Die Ereignisse überschlagen sich nicht gerade, wenn du verstehst, was ich meine.»
«Ich verstehe …»
Am Ende des Flurs waren Geräusche zu hören.
«Wie magst du dein Frühstück?», fragte Celeste und deutete auf die vielen Teller auf dem Tisch. Da lagen Rührei, Brot, Butter, Obst, irgendwelches Gemüse, Pfannkuchen, Spiegeleier, geräucherter Speck, saftiger Schinken, Käse und natürlich gebratener Speck. Es waren auch noch andere Utensilien vorhanden, dessen Herkunft und Konsistenz Mav gänzlich unbekannt waren. Er beschloss, sich heute in keine kulinarischen Abenteuer zu stürzen, und begnügte sich mit dem Teller Bratspeck und einer Tasse Kaffee.
Stille herrschte.12
Der Mähdrescher – Mav genannt – gelangte allmählich ans Ende des zweiten Tellers, während Celeste pflichtbewusst mit der Pfanne neben ihm stand.
«Deckst du dich für den Winter ein?»
Sarlazaz kam gerade in die Küche und betrachtete entsetzt das Fressalien-Massaker.
«Hmws?»
«Du schlingst, als gäbe es kein Morgen mehr. So was ist ungesund.»
Mav schluckte den Rest Bratspeck hinunter und wischte sich den Mund ab. «Seh ich aus, als würd’ mich Gesundheit interessieren?»
«Da hast du recht», sagte die Hexe knapp. «Nun, da du ausgeruht bist, kannst du mir ja erklären, was dich in diesen Teil des Waldes verschlägt.»
«Ist das so?», fragte der Kutscher spitzbübisch. «Na gut … ist wohl das Mindeste. Als Dank für eure Gastfreundschaft. Hab mich sowieso gewundert, weshalb du bis jetzt nicht gefragt hast.»
Neugierig auf die Worte des Gastes ging Celeste hinüber zum Herd und stellte die Bratpfanne weg.
Mav schob den Teller beiseite und lehnte sich zurück. Das dreckige Hemd spannte sich dabei avernalisch über seinen runden Bauch. «Wenn ich ehrlich sein soll … keine Ahnung. Es geht um meine Fracht. Ich muss nach Labrynt.» Er zögerte. Vermutlich war es nur ein glücklicher Zufall, aber ihn beschlich das Gefühl, hier genau richtig zu sein. Schützend hob er seine Hand zum Mund, damit nicht noch mehr Zerkautes das Weite suchte. «Das ist aber nicht alles. Dieser Gegenstand … Es ist nicht so, dass ich es nicht betrachtet hätte – obwohl es für Kutscher Richtlinien und derlei Dinge gibt –, aber so etwas hab ich noch nie gesehen.»
Sarlazaz schwieg beharrlich.
«Und ich hab schon jede Menge gesehen», fuhr er fort. «Darunter Dinge, an die nicht mal ich denken will.»
Celeste biss sich auf die Unterlippe. Innerlich schien die Adoptivtochter darauf zu brennen, mehr über diesen geheimnisvollen Gegenstand zu erfahren. Mav, dem die Aufregung der jungen Frau nicht entgangen war, verzog die Mundwinkel und schnippte mit den Fingern.
«Willst du es dir nicht mal anschauen? Ich mein’, so als … Spezialist für seltsame und okkulte Gegenstände. Das seid ihr Naturtanten doch, richtig?».
«Natürlich», krächzte Sarlazaz und schritt mit erhobenem Zeigefinger zur Tür. «Hol dieses Etwas! Ich bereite schon mal alles vor.»
Als die alte Frau den Raum wie ein Sturm verlassen hatte, flüsterte Mav zu Celeste: «Was ist denn in die gefahren?»
«Berufsehre.»
Fred schien es prächtig zu gehen. Wie sich herausstellte, war er nicht das einzige Pferd im Stall. Myrte, die Stute von Sarlazaz, hatte etwa dasselbe Alter wie Fred und belegte die andere Hälfte der Scheune. Mav füllte gerade die Futtereimer mit Stroh, als der Hengst ein paar kühne Annäherungsversuche wagte und feststellen musste, dass man nur eine kalte Fellschulter für ihn übrig hatte. Mit dem Alter wird’s nicht zwingend einfacher, dachte Mav und lief mit einem Grinsen zur Kutsche.
Erst, als sich das dritte Schloss öffnete, schwang die Holztür quietschend auf und kalte, abgestandene Luft drängte Mav aus dem Inneren entgegen. Er nahm einen tiefen Atemzug und stieg zufrieden in den Wagen. Allerlei Dinge schepperten über den Boden, als sich der Kutscher durch das Gerümpel wühlte und im hinteren Teil neben einem Teddy13 schliesslich fündig wurde.
Die Kiste bestand aus massiver Eiche. Kleine, durch einen Kolben eingebrannte Verzierungen liefen den Kanten entlang und verliehen dem Objekt etwas Geheimnisvolles. Staub des Vergessens hatte dort den Platz eingenommen, an dem neuere Exemplare mit sattem Braun und einem glänzenden Ölfilm überzeugen. Und trotz ihres Aussehens konnte man sie problemlos unter den Arm klemmen und mitnehmen, vorausgesetzt man war Kutscher, besass einen Schnauzer, so dick wie ein Gebüsch, und hatte einen Körperumfang von knapp drei Menschen.
Mav spürte eine signifikante Veränderung, als er zurück im Haus war. In der Küche erwartete ihn eine ungeahnte Schwemme von Kerzen, Steinen und anderem Firlefanz mit mystischem Hintergrund. Der Tisch wurde zum vorübergehenden Altar, das Buttermesser zum Opferdolch und die Salatschüssel … Mav wollte gar nicht daran denken.
Mit gefalteten Händen sass die Hexe in einer Ecke und betrachtete das konstruierte Bühnenbild. Irgendetwas schien noch nicht zu stimmen. Sie runzelte die Stirn und kniff das Auge künstlerisch zusammen.
«Einen Moment», murmelte sie und entfernte ein Rattenskelett vom Tisch. «Schon viel besser!»
In der typischen Manier eines Hochzeitsplaners flog das Gerippe aus dem Fenster, wie das Namensschild eines unbeliebten Familienmitglieds. Dann, als wäre nichts gewesen, wandte sie sich zu Mav und betrachtete die Kiste.
«Ein Silberfried Mark II … die sind nicht gerade billig.»
«War ein Geschenk eines Kunden. Der war von der Lieferung so begeistert, dass er mir nebst der Bezahlung auch noch die Kiste samt Bonus überliess.»
«Du hast sie einfach behalten», vermutete die Hexe trocken.
«Natürlich!» In seiner Stimme schwang eine Mischung aus Stolz und Verblüffung. «Der Typ wollte mir nicht mal die Unkosten erstatten. Dabei ging es nur um ein paar Minuten Pinkelpause. Ist das zu fassen?»
So behutsam, als würde er Salomons Schatz persönlich in den Händen halten, nahm er eine Kette vom Hals. Ein kleiner Schlüssel14 war daran befestigt.
Unter Mavs wurstigen Fingern wirkte der filigrane Gegenstand noch zerbrechlicher. Vorsichtig drehte er den kleinen Schlüssel. Ein leises Klacken erklang, wobei Celeste vor Spannung beinahe explodierte. Die Truhe öffnete sich.
«Ein Tuch?», vermutete Celeste. «Etwa ein magisches Tuch?»
Mav überspielte den Kommentar mit einem Räuspern und zog den Stofffetzen beiseite.
«Tadaa.»
Celeste unterbrach als Erste die Stille. «Es ist wunderschön! Als würde man einen Stern betrachten.»
«Zugegeben, es ist schön, aber alles, was ich sehe, ist ein Art Halsband mit einem Stein dran. Schmuck eben.» Sarlazaz vollführte eine abschätzige Handgeste. «Ich habe nie verstanden, was Frauen so toll daran finden.»
«Männer …», flüsterte Celeste dem testosteronhaltigen Teil der Anwesenden zu.
Mav, dem die Situation etwas unangenehm wurde, versuchte das Gespräch wieder in vertraute Bahnen zu lenken. Mit Hexen liess er sich nur im Notfall ein, aber Hexen mit Beziehungsproblemen … da würde sich die schwarze Katze 15 vorher freiwillig mit weisser Farbe überziehen.
«Jedenfalls …», fuhr Mav fort. «Schmuck ist nicht ganz korrekt. Da es aussieht, als ob es was wert wäre, brachte ich das Ding zum Pfandleier – schliesslich will man als Kutscher wissen, wie gefährlich die Reise wird.» Er zog den Gürtel etwas höher. «Der Typ war begeistert! Sagte, so was habe er noch nie gesehen. Und dann hat er’s angefasst.»
Ruckartig zog Celeste die Hand zurück. «Was ist passiert?»
«Hat ’nen Schlag kassiert. ’ne Art elektrische Ladung. Flog quer durch den Raum. Keine Sorge, es geht ihm gut, das Regal hat ihn aufgefangen. Allerdings dürfte sein Friseur weniger Freude haben.»
Sarlazaz rieb sich nachdenklich das Kinn. Es klang nach rauem Leder.
«Es ist wohl verflucht», vermutete die Hexe. «Damit Leute wie du es nicht stehlen.»
«Ach?»
Celeste wich hastig zurück, als Mav in die Truhe griff.
Der Anhänger baumelte munter zwischen den Fingern und machte keine Anstalten einer ungewollten Stromerzeugung.
Mit hochgezogener Braue und einem Funkeln in den Augen sagte die alte Frau: «Ich sehe, es bedarf einer genaueren Untersuchung.»
Schwache Schemen zeichneten sich im diffusen Licht der Fackeln wider. Die gemauerten Steinwände waren mit einer leichten Feuchtigkeit überzogen und verbreiteten den bekannten Geruch eines schimmligen Kellergewölbes. Ein paar Schatten fuchtelten aufgeregt mit den Armen und flüsterten dabei angestrengt.
«Ich sag euch, so kann es nicht weitergehen!», herrschte eine Stimme.
«Du weisst genau, was sie davon halten», erwiderte eine zweite.
«Jeder weiss, wie ungesund das ist», quiekte eine Dritte.
«Als Mitglieder des Bundes haben wir auch Rechte!», betonte die erste Stimme.
«Natürlich», stimmte die zweite Stimme nüchtern zu. «Wir sollten das Ganze vor dem Gremium zur Sprache bringen. Demokratie soll uns leiten.»
«Denkt nur an all die Gefahren, die es mit sich bringt … Ausschläge, Krankheiten und so weiter. Womöglich sogar Ansteckungsgefahr!»
«Verstoss gegen das Arbeitsrecht! So sieht’s aus!»
«Arbeitsrecht? Willst du damit sagen, wir haben das Recht zu arbeiten?»
«Streubert will damit sagen, dass wir das Recht darauf haben, in einem hygienischen Umfeld zu arbeiten. Aber das muss dich ja kaum interessieren, bist du nicht in einem Kanal zur Welt gekommen?»
«Was soll das bedeuten, Mundel? Etwa, dass ich keinen Wert auf Sauberkeit lege?», erwiderte die Kanalgeburt.
«Mundel hat da nicht ganz unrecht, Jasper», sagte Streubert. «Man könnte davon ausgehen, dass du wohl immun gegen jegliche Krankheit bist. Etwa so, als wärst du als Kind in … einen Zaubertrank gefallen … oder so.»
«Zaubertrank? Das klingt ja lächerlich. Und zu eurer Information: Im Gegensatz zu euch kenne ich meinen Körper!»
«Schweigt!»
Das Geräusch von Schritten war zu hören.
Während eilig Roben zurechtgerückt wurden und verlegenes Räuspern erklang, zeigte sich eine Kontur am anderen Ende des Gewölbes. Das Gesicht im Dunkeln verborgen, trat die Person näher.
«Bin ich zu spät?» Die Stimme war leise und besass einen rauchigen Charakter.
«Dem Himmel sei Dank, es ist Rufus!» Die Roben schüttelten sich vor Erleichterung.
«Wir sprachen gerade über Hygiene», meinte Mundel.
«Ah ja. Leben in Steppen und so. Garstige Biester. Man sagt, sie lachen hingebungsvoll, während sie dir die Kehle aufreissen.»
«Hygiene, Rufus! Nicht Hyänen!»
Rufus Rohstück nahm den Hinweis entgegen und verstaute ihn in der Hirnregion für geistige Nebensächlichkeiten. Er hatte in seinem bemerkenswert langen Leben die Erkenntnis erlangt, dass die meisten Dinge nicht als absolut galten, sondern meist frei interpretiert werden konnten. Sollten die Jungen doch denken, was sie wollten, solange er es besser wusste.
«Und was hat es mit dieser … Hygiene auf sich?»
«Nicht sonderlich viel», warf Streubert ein und warf sarkastisch die Hände in die Höhe. «Abgesehen von der permanenten Feuchte, dem Schimmel in der Küche und den Bettwanzen.»
«Ich glaub, ich hab mich bereits angesteckt», schniefte Jasper.
«Was gibt es Neues, Rufus?» Mundel ergriff das Wort. «Schon was Neues vom Gremium gehört?»
Rufus legte seine Stirn in Falten und kratzte sich das Kinn. Seine mit Altersflecken bedeckte Hand erinnerte an einen verwaschenen Dalmatiner. «Leider nein. Diese Jungspunde nehmen sich mehr Zeit als ich auf dem Abort.»
Die Roben schüttelten sich erneut.
«Schon gut, schon gut. So genau wollten wir es gar nicht wissen.»
«Allerdings ist für nachher eine Versammlung in der Grossen Halle angekündigt», entsann sich Rufus.
«Ha!», entfuhr es Streubert. «Dann können wir unsere Sorgen der Obrigkeit an den Kopf pfeffern.»
«Mich juckt es schon …»
«Wir werden sehen», sagte Mundel.
«Im Ernst, seht ihr den Ausschlag?»
«Meine Güte, Jasper! Kann das nicht warten?»
«Hier, seht doch!» Der schlaksige Junge krempelte einen Ärmel hoch.
«Also ich seh da nur Haare …»
«Schluss jetzt! Wir sollten uns vorbereiten.» Mundel zog sich fröstelnd die Robe enger und lief zum Ausgang. Die anderen folgten ihm schweigend.
«Dabei lässt sich auch gleich die Sache mit den Hyänen klären», murmelte Rufus.
Es herrschte beklemmendes Schweigen. Die Fransen des Teppichs richteten sich gerade auf, als ein weiterer nervöser Tritt von oben herabsauste. Seine verschwitzten Hände suchten vergeblich nach Trockenheit. Seit zwei Stunden war sie nun im Zimmer und abgesehen von einem gelegentlichen Poltern war nichts zu hören. Es war nicht seine Art, sich Sorgen zu machen, aber hier stand einfach zu viel auf dem Spiel. Ein weiterer Zigarettenstummel landete im Aschenbecher.
«Warum dauert das so lange? Ist das normal?»
Er tastete bereits nach der nächsten Portion Tabak.
«Es besteht kein Grund zur Sorge. Sie weiss bestimmt, was zu tun ist. Schliesslich ist sie nicht irgendjemand.»
Er hätte diesen Worten nur zu gern getraut. Jedoch: Was, wenn etwas schiefging?
«Und du bist dir sicher?»
Es donnerte hinter der Tür und eine kleine schwarze Rauchschwade schob sich unter dem Holz durch.
«Alles in Ordnung?», rief Celeste und riss die Tür auf.
Der Geruch von Schwefel strömte in den Flur hinaus. Mit dem Lichten des Rauches erschien die Silhouette der alten Naturtante. Ein Wirrwarr aus Haaren sass auf ihrem Kopf und zeugte von einer kurzen Auseinandersetzung mit einem Stubentornado.
«Alles bestens», hustete Sarlazaz. Sie klopfte Russ von ihrem Kleid. «Es gibt gute und es gibt schlechte Neuigkeiten.»
Mavs Augen wurden schmäler. Mit der Aufmerksamkeit eines Vogels, der gerade sein Ei verloren hat, spähte er in den Raum hinein.
«Die gute Nachricht … es handelt sich um keinen Fluch. Vielmehr ist es eine Eigenheit. Mit anderen Worten … ich halte es für ein göttliches Relikt.»
«Was hast du mit dem Scharnier gemacht …?»
«Oh. Du hast die schlechte Nachricht bereits entdeckt.»
«Die schlechte Nachricht?» Das Blut wich aus seinen Wangen. «Sie hatte doch gar nichts damit zu tun! Oh ihr Götter! … Wie soll ich eine Truhe verkaufen, die sich nicht schliessen lässt?»
«Bist du fertig?» Sarlazaz zog ein umfängliches Buch 16 aus dem Regal. «Viel wichtiger ist, was ich dir zu sagen habe. In nächster Zeit wirst du kaum Gelegenheit bekommen, dich an Gegenständen zu bereichern. So wie ich das sehe … wurdest du auserwählt.»
«Ich hatte sogar schon einen Namen für sie …»
«Der Anhänger repräsentiert die Macht einer alten Göttin. Die GÜTIGE ASHIR 17 . Sag Bescheid, sobald du zuhörst – dann folgt der Teil mit dem Leben und Tod.»
Mit den Göttern ist es so eine Sache. Wie alle transzendenten Wesen mit übernatürlichen Kräften und einem Drang zum Sadismus sind auch die Götter Egarils den Sterblichen nicht besonders zugetan. Die weitläufige Meinung, dass man sich ihre Gunst durch Gebete und anderen frommen Schabernack aneignen kann, ist nämlich schnöde Schönrederei. Im Gegenteil, man läuft sogar Gefahr, entdeckt zu werden! Im unendlichen Äther der Dimensionen lebend, schweben sie dösend dahin, ehe ein nichtsahnender Unglücksrabe ihre Aufmerksamkeit in Form von hoffnungsvollen Stossgebeten erregt.
Doch auch unter ihnen gibt es Unterschiede. Während die grossen, allmächtigen Götter in der molligen Essenz des Kosmos gleiten und für gewöhnlich eher interessenlos und in ihrer unendlichen Selbstverliebtheit in der Ewigkeit schwelgen, gibt es auch kleinere Gottheiten.18 Sie sind sozusagen das Mark des Universums und sorgen für einen reibungslosen Ablauf der Dinge.
So gesehen handelt es sich eigentlich um einen kosmischen Verwaltungsapparat, dessen Personalliste sich lediglich ins Unendliche entfaltet.
Widerwillig wandte sich Mav wieder der Hexe zu. «Ist ja gut. Was hat es damit auf sich? Und stellst du bei Schadensfällen auch Gutscheine aus?»
«Diese Sache mit der Auserwählung hat stets zwei Seiten. Womöglich bist du nur der einfache Bote, welcher in der Geschichte jeweils mit einem Berg aus Gold belohnt wird. Vielleicht bist du nur der Überbringer und gehst leer aus. Oder … und das ist am wahrscheinlichsten … du bist der Idiot, der das Paket abliefert und auch noch das Altaropfer spielt.»
«Wer sagt denn was von Altaropfern?»
«Ach, du kennst das doch», winkte Sarlazaz ab. «Bei diesen göttlichen Ritualen gibt es immer einen Teil mit Opfern, Altären und dunklen Monstrositäten. Was ich sagen will: Du solltest vorsichtig sein. Dies ist keiner deiner normalen Aufträge. Obwohl ich nur erraten kann, was du sonst so transportierst.»
«Na hör mal. Auch ich hab Berufsehre», schnappte Mav.
«Ich gebe dir einen Rat. Wenn du in Labrynt ankommst, gehst du als Allererstes zu Roberto Blutini. Er wird dir bestimmt weiterhelfen.» Die Hexe verliess den Raum und redete dabei munter weiter. «Falls nicht …»
«Blutini?», fragte Mav und stolperte hinterher. «Du meinst diesen Illusionisten mit seinen kitschigen Aufführungen? Wie soll denn so einer mir helfen?»
«Wie bitte? Das tut er zurzeit? So dankt er mir’s also!»
Celeste – die bis dato die Unterhaltung still mitverfolgt hatte – wandte verlegen ihren geröteten Kopf zur Seite und ringelte die Haare um den Finger. Mav seufzte innerlich. Romantik war nicht gerade sein Lieblingsterrain.
«Und vergiss deine Berufsehre», fügte Sarlazaz an. «Dieser Auftrag ist mit seiner Auslieferung sicherlich nicht beendet.»
«Na schön. Du glaubst also, wenn ich den Auftrag sauber erledige, erwartet mich der sichere Tod. Man braucht kein Kutscher zu sein, um festzustellen, welches Rad brennt – sag ich immer. Aber, was kann mir dieser Blutini schon zeigen? Bist nicht du die Spezialistin?»
«Mir fehlt die Ausrüstung. Zudem braucht es mehr Informationen. Ich glaube, etwas Grosses bahnt sich an.»
«Meine Güte. Na, wenn das eine alte Dame aus dem Wald sagt, muss wohl was dran sein.»
«Ich hätte aus dir doch eine Tinktur brauen sollen», entgegnete die Hexe matt und blinzelte verschlagen. «Schauen wir mal, ob ich was Nützliches für dein Himmelfahrtskommando auf Lager habe.»
Der Morgen neigte sich langsam dem Ende zu und seit kurzem vernahm man emsiges Treiben aus dem Inneren der Scheune. Kisten wurden verschoben, Säcke verstaut und gelegentliches Hämmern durchbrach die Ruhe. Man hatte sich darauf geeinigt, dass die Gäste am Anfang des Nachmittags aufbrachen.
Mav schnürte noch den letzten Beutel zusammen und lief anschliessend zu Fred hinüber. Das Pferd knabberte lustlos an einem Apfel und seine Augen schweiften verträumt aus dem Fenster.
«Was ist denn mit dir los? Ich dachte, in deinem Alter hegt man keine Hoffnungen mehr.» Er lachte dabei und klopfte Fred ans Vorderbein. Als er sah, dass sich Myrte in eine Ecke zurückgezogen hatte, um ihre Ruhe zu geniessen, griff er zum Zaumzeug und stülpte es Fred über. «Ich glaub, wir gehen jetzt besser. Frauen mit vier Hufen darf man nicht trauen. Stimmt’s?»
Der Hengst schnaubte jovial.
Die Haustür schwang auf, gefolgt von einem Wirrwarr an Frauenstimmen. Mav kniff die Augen zusammen. Es handelte sich um einen gewöhnlichen Disput zwischen Frauen, wobei auf der einen Seite die aufstrebende junge Frau war, deren Hormonüberfluss Abenteuer in weiter Ferne forderte, und auf der anderen Seite eine überbesorgte Mutter, die zufälligerweise auch noch eine uralte, legendäre Hexe war. Alles ganz natürlich.
Seine Nackenhaare beschlossen sich zu erheben.
Mav hatte schon einige Male Gelegenheit, die kämpferische Seite einer Frau kennenzulernen. Aus seiner Sicht durfte man in diesem Zusammenhang gern das Wort Naturgewalt verwenden.
Wie es das universelle Gesetz der Frau vorsieht, fliegen bei einem Streitgespräch die Wörter im Dauerfeuer aufeinander zu. Spielraum für das Hörverständnis wird Mangelware und nachträglich weiss man nicht mehr so genau, worum es ging, was aber nicht tragisch ist, da man endlich wieder mal ordentlich Dampf ablassen konnte.
Celeste gestikulierte wild mit den Armen, wobei ihr immer wieder Haare ins Gesicht flogen, um anschliessend nur noch energischer nach hinten gewischt zu werden.
