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Der Chirurg Ben Ahrens erlebt die Liebe auf den ersten Blick, doch Madeleine erwidert seine Gefühle nicht. Sie trägt eine große Angst, die auch bald über Leben und Tod entscheiden wird. Bens Schwester Leni ist nach einem schweren Schicksalsschlag auf der Suche nach ihren familiären Wurzeln und kommt mit dem Polizisten und Frauenheld Alex Thompson hinter eine vor Jahren passierte Familientragödie, die nicht nur ihr ganzes Leben verändert.
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Seitenzahl: 1331
Veröffentlichungsjahr: 2024
Christina Alt
Labyrinth mit Stethoskop & Handschellen
Dieses ebook wurde erstellt bei
Inhaltsverzeichnis
Titel
KAPITEL 1
KAPITEL 2
KAPITEL 3
KAPITEL 4
KAPITEL 5
KAPITEL 6
KAPITEL 7
KAPITEL 8
KAPITEL 9
KAPITEL 10
KAPITEL 11
KAPITEL 12
KAPITEL 13
KAPITEL 14
KAPITEL 15
KAPITEL 16
Impressum neobooks
IMPRESSUM
© 2024 Christina Alt
Autorin: Christina Alt
Schmiedsgasse 8 | 97258 Ippesheim
E-Mail: [email protected]
Umschlaggestaltung, Illustration: Christina Alt
Das Werk ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung der Autorin unzulässig. Dies gilt insbesondere für die elektronische oder sonstige Vervielfältigung, Übersetzung, Verbreitung und öffentliche Zugänglichmachung.
Copyright © 2024 Christina Alt
2. Auflage
Alle Rechte vorbehalten.
Für meine Eltern,
- Hildegard und Richard -
die immer für mich da sind.
Ihr seid für mich das Wichtigste auf der Welt.
Das Leben ist wie ein Buch.
Manche Kapitel sind traurig.
Manche sind lustig, manche aufregend und schön.
Aber wenn du nicht umblätterst,
wirst du nie erfahren, was das nächste Kapitel bringt.
- unbekannt -
30. April
Zwei Minuten hatte Ben.
Zwei Minuten hatte Ben, um für einen Moment abzuschalten. Er hatte die Augen geschlossen. Seit über zehn Stunden hatte er keine Möglichkeit gefunden, für einen kurzen Moment zur Ruhe zu kommen.
„Da sind Sie ja, Herr Dr. Ahrens!“, rief eine Krankenschwester, die schon verzweifelt war, weil sie den 35-jährigen Oberarzt nicht gleich gefunden hatte. „Nimmt das denn heute kein Ende?“, murmelte Ben stöhnend.
Wie konnte er nur glauben, dass er keine zwei Minuten gebraucht würde? Was war das heute nur für ein Tag? In dieser Klinik ging es immer hektisch zu, aber heute war es schlimmer als sonst. Ein Großbrand im Hafen hatte bereits am Vormittag den Einsatz des gesamten Klinikpersonals gefordert. Zusätzlich musste auf einen Assistenzarzt verzichtet werden, der mit einer schweren Grippe zu Hause im Bett lag und auf keinen Fall seinen Dienst in der Klinik antreten konnte. Also tat man das, was man meistens machte - unter scheinbar unmöglichen Bedingungen das Beste zu geben.
„Wir bekommen in wenigen Minuten einen Verdacht auf Herzinfarkt!“, erklärte die Krankenschwester hektisch, der man ebenfalls ansah, dass sie mit ihren Kräften am Ende war. Die Erschöpfung stand ihr ins Gesicht geschrieben. „Ich komme!“
Der Facharzt für Allgemeinchirurgie und Notfallmedizin und die Krankenschwester eilten den Klinikflur entlang und kamen gerade rechtzeitig, als zwei Sanitäter den Patienten mit der Trage in den Schockraum brachten. Eine Kollegin von Ben wartete bereits auf das Rettungsteam. Auch bei ihr verrieten die zerzausten braunen Haare, der zerknitterte Arztkittel und die dicken schwarzen Ringe unter den Augen, dass sie mit Ben im Dauereinsatz in der Notaufnahme war.
„Moin, wir bringen euch den 50-jährigen Herrn Petersen mit akutem Herzinfarkt!“, verkündete der einsatzleitende und alteingesessene Hamburger Notarzt und reichte das Protokoll an Ben weiter, der in der Eile einen groben Blick darauf warf. „Sein Blutdruck war anfangs 220, jetzt 140!“ „Wann ist das passiert? Hatte der Patient schon vorher Herzprobleme oder einen Herzinfarkt?“, überschüttete Ben seinen Kollegen mit Fragen, deren Beantwortung für das weitere Vorgehen notwendig war. „Seine Tochter hat ihn vor etwa einer halben Stunde gefunden!“, teilte der Notarzt mit, „Herr Petersen hatte bis heute keine Probleme mit dem Herzen!“ „Was hat er von euch bekommen?“, fragte Ben weiter. „Nitro, ASS und Heparin!“, antwortete der Notarzt sofort und half dann dem Pflegepersonal, den Patienten von der Trage auf den Untersuchungstisch zu legen.
„Guten Tag, Herr Petersen!“, begrüßte Ben seinen neuen Patienten, „Ich heiße Dr. Ahrens und bin Ihr behandelnder Arzt!" Sein Patient wollte ihm ebenfalls freundlich zunicken, doch sein schmerzverzerrtes Gesicht ließ das nicht zu. Seine Augen verrieten Ben, dass er furchtbare Angst haben musste. Angst davor, dass sein Herz heute vielleicht zum letzten Mal schlagen würde und er nicht mehr weit vom Tod entfernt war. Diese schreckliche Angst trieb ihm auch den Schweiß auf die Stirn.
„Sie brauchen sich keine Sorgen zu machen!“, versuchte der Notarzt seinen Patienten ein letztes Mal zu beruhigen, „Sie sind bei meinem Kollegen in den besten Händen!“ Schließlich nickte er Ben Ahrens dankbar zu und verließ mit seinen Sanitätern die Notaufnahme.
„Wo tut es weh, Herr Petersen?“, fragte Ben erneut und fühlte den Puls am Hals. „Ich weiß nicht!“, krächzte der Mann. Der junge Arzt überprüfte die Sensoren für das Elektrokardiogramm, die bereits mit Klebestreifen an Brust, Armen und Beinen befestigt waren. „Keine Sorge!“, beruhigte Ben seinen Patienten sofort. Er studierte die ersten Ergebnisse der EKG-Streifen, die die Herzfunktion des Mannes anzeigten. Wie das unregelmäßige Muster bestätigte, handelte es sich tatsächlich um einen Herzinfarkt. Ben konnte seinen Patienten bereits beruhigen. Da der Herzinfarkt frühzeitig erkannt worden war, hatte er gute Chancen, bald wieder auf die Beine zu kommen.
Ben pumpte die Druckmanschette auf, die dem Patienten sofort nach seiner Ankunft angelegt worden war. Er griff nach seinem Stethoskop. „Dr. Ahrens!“, hörte der Arzt jemanden in der Notaufnahme verzweifelt nach ihm rufen. Ben wollte sich davon nicht ablenken lassen. „Dr. Ahrens!“ „Was ist denn jetzt schon wieder?“, schimpfte Ben und legte das Stethoskop beiseite. Die Oberschwester der chirurgischen Station war in den Schockraum geeilt. Sie war eine fachkundige Kraft mit über dreißig Jahren Berufserfahrung. Ben schätzte Marie sehr und erkannte sofort an ihren vor Angst und Bestürzung glänzenden Augen, dass wieder etwas Schlimmes passiert sein musste.
„Kommen Sie! ... schnell!“, rief sie. „Was ist passiert?“, fragte der Oberarzt und versuchte erneut, sein Stethoskop anzulegen, „Sie sehen doch, dass ich gerade einen Patienten habe?!“ „Unsere Lernschwester Nina hat sich den Arm verbrüht!“, fügte sie aufgeregt hinzu. „Sie hat was!?“, fragte Ben bestürzt und riss sich die Stöpsel des Stethoskops aus den Ohren. „Das Mädchen hat so geschrien!“, klagte Marie verzweifelt. „Warten Sie!“, unterbrach Ben die aufgeregte Oberschwester und wandte sich an die zwanzig Jahre jüngere Krankenschwester, die ihn vor nicht einmal zehn Minuten zu Herrn Petersen gerufen hatte. „Wir brauchen ein großes Blutbild!“, forderte er sie auf, „Und informieren Sie den Kardiologen!“ „Natürlich!“, versicherte sie ihrem Vorgesetzten. „Gute Besserung, Herr Petersen!“, wünschte Ben dem Patienten, der vor ihm lag, „Mein Kollege wird die weitere Behandlung übernehmen. Machen Sie sich keine Sorgen. Ihre Tochter hat Sie noch rechtzeitig ...!“ „Dr. Ahrens!“, unterbrach die Oberschwester den Arzt noch einmal, „Bitte!“ Ben schenkte seinem Patienten noch ein kurzes Lächeln.
Vor vier Minuten hatte er die Behandlung von Herrn Petersen übernommen, jetzt musste er ihn schon wieder an einen anderen Kollegen abgeben. Das schlechte Gewissen, nicht weiter für seinen Patienten da zu sein, war groß, aber der Gedanke, einem anderen Menschen zu helfen, war größer.
Keine fünf Minuten waren vergangen, als Ben und Oberschwester Marie das Stationszimmer auf der chirurgischen Station erreicht hatten. Die Lernschwester saß auf einem Stuhl vor dem Waschbecken. Eine andere Krankenschwester stützte sie und streichelte sie liebevoll. Aus dem Wasserhahn lief kaltes Wasser auf ihren verbrühten Arm. Der Lernschwester standen die Tränen in den Augen.
„Was machen Sie denn für Sachen, Nina!?“, fragte Ben sofort besorgt, als er mit Schrecken feststellen musste, dass die Situation doch ernster war, als er insgeheim gehofft hatte. „Es ging alles so schnell!“, weinte das Mädchen, „Ich wollte doch nur frisches Wasser kochen!“ „Ganz ruhig!“, versuchte Ben die Lernschwester zu beruhigen. Sie zitterte am ganzen Körper. Sofort zog der Arzt seinen weißen Kittel aus und deckte sie damit zu. „Ich sehe mir mal den Arm an!“ „Es tut so weh!“, weinte das Mädchen, „Es tut so weh!“
Nina klebten die schwarz gefärbten Haare an der schweißnassen Stirn. Sie krampfte sich zusammen, ihr ganzer Körper war angespannt. All das waren für den jungen Arzt Anzeichen dafür, dass die Lernschwester unter schlimmen Schmerzen leiden musste.
„Wir geben ihr erst einmal eine Infusion gegen die Schmerzen!“, murmelte Ben in Richtung der Oberschwester. Diese griff sofort nach dem Schränkchen an der Wand, um alles für eine intravenöse Infusion vorzubereiten. „Die Schmerzen werden bald nachlassen!“, flüsterte Ben seinen üblichen Beruhigungsspruch und streichelte das Mädchen zärtlich über den Kopf. Dann zog er sich Desinfektionshandschuhe an, legte die Infusion an Ninas gesunden Arm und verabreichte ihr das Schmerzmittel. „Darf ich mir den Arm mal ansehen?“, fragte Ben vorsichtig und versuchte, das Vertrauensverhältnis, das er zu der Lernschwester bereits aufgebaut hatte, weiter zu festigen. Nina nickte nur kurz, beobachtete dann aber jede einzelne fachmännische Handbewegung ihres Vorgesetzten. Ben drehte den Wasserhahn zu und griff vorsichtig nach dem verbrühten Arm. Doch seine beruhigenden Worte schienen die Lernschwester nicht wirklich zu besänftigen. Immer wieder schluchzte sie leise auf. Ihre Hautfarbe verfärbte sich plötzlich gelblich-weiß, die Atmung wurde flach, sie bekam kalten Schweiß - was für den Arzt sofort bedeutete, dass das Mädchen kurz vor einem Kreislaufzusammenbruch stand.
„Ich fühle mich plötzlich so...!“ Und schon war es passiert. „Nina!“, rief die Oberschwester sofort besorgt. Die Lernschwester wirkte fast lethargisch. „Wir bringen sie in den Untersuchungsraum!“, entschied Ben Ahrens, „Das Mädchen bricht mir hier noch zusammen, sie steht ja völlig unter Schock!“ Auch Oberschwester Marie nickte zustimmend und wollte schon nach einer Liege für die Lernschwester suchen, doch Ben hielt sie davon ab. Er nahm das Mädchen stattdessen auf den Arm und trug es in den gegenüberliegenden Behandlungsraum. Dort legte er Nina auf die Liege. Tränen liefen ihr aus den Augen. Sofort zog Ben ihr eine Druckmanschette über den gesunden Arm und pumpte sie auf. Er drückte das Stethoskop auf ihren Arm und horchte. Dann fühlte er ihren Puls. „Was ist mit mir?“, seufzte das Mädchen wieder. „Ihr Körper hat viel Flüssigkeit verloren!“, erklärte der Arzt der Lernschwester.
Erst jetzt konnte Ben sich ein genaues Bild davon machen, was das heiße Wasser auf Ninas Arm angerichtet hatte. Auf ihrer Haut hatten sich bereits kleine Brandblasen gebildet.
„Sehen Sie das auch, Oberschwester?“, fragte er Marie leise, „Ich glaube, wir müssen punktieren!“ „Punktieren!?“, hatte Nina aufgeschnappt und schaute den Oberarzt mit ängstlichen Augen an. „Keine Sorge!“, versuchte er sofort, ihr die Angst zu nehmen, „Wir bekommen das wieder hin! Vertrauen Sie mir!“ Völlig fertig schloss Nina die Augen. „Bereiten Sie bitte alles dafür vor!“, bat Ben die Oberschwester, strich der Schwesternschülerin väterlich über den Haarschopf und fühlte noch einmal ihren Puls am Hals. „Der Kreislauf stabilisiert sich langsam!“ Plötzlich ertönte ein Piepton - sein Piepton. „Nicht schon wieder!“, stöhnte er und griff sofort in seine Hosentasche, um das entsprechende störende Gerät hervorzuholen. „Notaufnahme!“, seufzte er. Er sah Nina an, dann die Oberschwester. Er konnte das Mädchen doch jetzt nicht in dieser bescheidenen Situation alleine lassen!?
Wieder ertönte sein Piepser - unaufhörlich. „Gehen Sie, Dr. Ahrens!“, nahm ihm die Oberschwester schließlich die Entscheidung ab, „Ich bleibe bei Nina!“ „Sind Sie sicher?“ „Sie werden in der Notaufnahme gebraucht!“, war sich Oberschwester Marie sicher, „Nina ist einigermaßen stabil. Die Punktion kann notfalls auch ein anderer Kollege machen!“ „Ich beeile mich!“, sagte Ben und streichelte Ninas tränenüberströmte Wange, „Versprochen!“
Wieder rannte Ben Ahrens den Klinikflur entlang. Wieder führte ihn sein Weg in die Notaufnahme. Als er wieder den U-förmigen Empfangsraum der Ambulanz durchquerte, der auch um fünf Uhr nachmittags noch brechend voll war, wurde er von geschäftigem Treiben empfangen. Patienten unterhielten sich oder spielten mit ihren Smartphones, kleine Kinder quengelten ungeduldig, ein paar ältere Herrschaften stöhnten vor Schmerzen, Pflegepersonal und Ärzte eilten von einem Behandlungszimmer zum nächsten.
„Ben! Schön, dass du noch da bist!“ Der Arzt wurde von einer jungen Frau aufgehalten. „Merle!“ „Du hast schon wieder Stress, was? Ich wollte mich eigentlich nur ein letztes Mal von dir verabschieden!“ „Für meine Lieblingskrankenschwester habe ich natürlich noch eine Sekunde Zeit!“, fügte Ben mit einem freundlichen Lächeln hinzu, „Schließlich sehe ich sie jetzt ein halbes Jahr nicht mehr!“ Der junge Oberarzt wirkte schon etwas müde, kein Wunder, denn er hatte schon viele Stunden im OP und in der Notaufnahme verbracht. Herzlich und einfühlsam nahm er die braunhaarige Frau in die Arme und drückte sie fest an sein bereits mehrfach durchgeschwitztes Hemd. Hoffentlich roch er nicht so extrem nach Schweiß. Obwohl - er hatte sich erst vor einer Stunde von oben bis unten mit seinem Lieblingsdeo eingesprüht. „Die Kollegen in Afrika können sich glücklich schätzen, in den nächsten Monaten eine so engagierte und liebenswerte Krankenschwester wie dich zu haben!“
Gut, es waren schon 20 Sekunden vergangen, aber es war wichtig. Sehr wichtig sogar. Es war schließlich Merle. Seine beste Freundin Merle. „Wenn Jacob nur genauso denken würde, dann würde mir der Abschied heute sicher leichter fallen!“, gestand sie und ihre Miene verfinsterte sich. „Was haben wir drei schon alles zusammen erlebt und durchgemacht?“, versuchte er seine gute Freundin noch einmal in Erinnerung zu rufen, „Jacob ist auch Arzt. Er sollte deine Entscheidung am ehesten respektieren. Genau wie alle deine anderen Freunde. Ich rechne es dir hoch an und glaube mir, Jacob auch!“, versuchte Ben der hübschen Krankenschwester - im Moment allerdings in Zivil und im kurzen Sommerkleid - klar zu machen, „Vielleicht kann er es nur nicht so nach außen zeigen!“ „Wahrscheinlich hast du Recht!“, murmelte Merle nachdenklich, „Er wartet draußen und fährt mich gleich zum Flughafen!“ „Wie gerne würde ich mitfahren!“, resümierte Ben, doch dann ertönte sein Piepser noch einmal mahnend, „Aber du siehst ja, was hier schon wieder los ist!“ Er umarmte seine langjährige Freundin noch einmal herzlich, „Jacob ist mächtig stolz auf dich, genau wie ich!“
In der ersten Klasse lernten sich die beiden kennen. Ben saß am ersten Schultag neben ihr, oder besser gesagt, er musste neben Merle sitzen, weil die Lehrerin die Sitzordnung so festgelegt hatte. Was hätte er dagegen auch tun sollen? Eigentlich sollte Frau Neubauer - auch Moby Dick genannt, weil sie so pummelig war und sich immer grau kleidete - wissen, dass Jungs und Mädchen von der ersten bis zur vierten Klasse überhaupt nichts miteinander zu tun haben wollten. Fast so, als würde der Hamburger SV gegen St. Pauli spielen. Das konnte einfach nicht gut gehen. Und so kam es zu den ersten Ausschreitungen. Statt Pyrotechnik benutzte Ben seine Buntstifte und kritzelte ununterbrochen in ihre Hefte. Merle dagegen benutzte eher das scharfe Messer in Form ihres Mundes. Sie war schlagfertig - was sie dachte, sprach sie auch aus. Mal ließ Ben sie stolpern, mal ließ Merle seine Schulhefte und sein Mäppchen verschwinden. Ab der zweiten Klasse kam dann Jacob, und Moby Dick stellte ihm Ben und Merle als Paten zur Seite, die ihm das Schulgelände zeigen und ihm die ersten Wochen in der neuen Schule so angenehm wie möglich machen sollten. Für Jacob war es eher wie ein Fußballspiel, das 5:0 gegen ihn ausging. Es gab nur Streit, Hänseleien und dann ... ja, dann kam die große Freundschaft. Unvorstellbar, wie das passiert ist, aber es ist passiert. Die drei wurden unzertrennlich, vertrauten sich alles an, gaben sich Tipps für den ersten Kuss, halfen sich beim ersten Liebeskummer oder lagen zusammen auf einer Decke an der Elbe und träumten von der Zukunft. Ben und Jacob besuchten gemeinsam das Gymnasium, Merle absolvierte erfolgreich die Realschule und begann anschließend eine Ausbildung zur Gesundheits- und Krankenpflegerin. Die Männer studierten beide Medizin, aber der Kontakt zu Merle riss nie ab. Eine tiefe Freundschaft war entstanden. Und heute, 28 Jahre nach der Einschulung, arbeiteten alle drei in einer Hamburger Klinik und verzauberten die Patienten mit ihrer herzlichen und guten Laune.
Bens Piepser ertönte ein drittes Mal und die junge Frau fiel ihm ein letztes Mal in die Arme. „Ihr werdet mir fehlen! Passt gut auf euch auf!“ „Damit wir keinen Unsinn anstellen!“, lachte Ben und drückte ihr einen kleinen Abschiedskuss auf die warme Wange, „Das verspreche ich dir! Und du versprichst mir, dass du in einem halben Jahr heil aus Afrika zurückkommst!“ „Versprochen!“ Merle winkte dem Arzt zum Abschied zu, als er schon in Richtung Notaufnahme eilte. Eine kleine Abschiedsträne kullerte der Krankenschwester doch noch über die Wange, wo sie vor wenigen Sekunden einen freundschaftlichen Kuss von Ben bekommen hatte. Sie sah ihm noch eine Weile nach, bis er sich sogar noch einmal umdrehte und ihr ein letztes Mal zuwinkte. Merle winkte glücklich zurück, dann erst nahm sie ihren vollgepackten Rucksack und ging in die entgegengesetzte Richtung davon.
„Was haben wir?“, war sein erster Satz, als Ben den Schockraum betreten hatte. „Alkoholvergiftung!“, antwortete der Notarzt und rollte verständnislos mit den Augen, „Wir haben den etwa 25-jährigen Mann auf einer Bank am Hafen gefunden. Er war bewusstlos, als wir ihn fanden. Jetzt ist er wieder ansprechbar!“ Er reichte Ben das Protokoll. „Herr Hansen ist stark unterkühlt. Sein Blutdruck lag anfangs bei 90, jetzt bei 110!“ „Sauerstoffsättigung?“, fragte Ben sofort und leuchtete ihm mit einer kleinen Lampe in die Augen. „Sauerstoffsättigung bei 95!“, antwortete der Notarzt sofort, „Blutzucker bei 90!“ Ben nickte und widmete sich seinem neuen Patienten. „Guten Tag, mein Name ist Dr. Ahrens!“, begrüßte er ihn, wie er es bei all seinen anderen Patienten auch immer tat, während parallel bereits eine Krankenschwester gekonnt einen Venenzugang legte und Blut abnahm. „Ich bin ...!“ Doch Ben brach ab, denn er merkte sofort, dass der junge Mann auf einer ganz anderen Wellenlänge schwebte als alle anderen hier.
Was Alkohol alles anrichten konnte? Ben verstand es nicht und hatte es auch nie verstehen können, wie ein Mensch so viel trinken konnte, dass er die Orientierung verlor.
„Herr Hansen!“ Ben streichelte ihm über die Wange, „Verstehen Sie mich?“ Ziemlich benommen nickte sein junger Patient, aber ob er Ben wirklich verstanden hatte, war mehr als fraglich.
„Sind Drogen im Spiel?“, fragte Ben den Notarzt, der jedoch unwissend die Schultern hob. „Wir machen ein Screening!“, entschied er sofort, ohne lange zu überlegen. Die Krankenschwester nickte. „Soll ich ihn schon auf der Intensivstation anmelden?“ „Auf jeden Fall!“, sagte Ben, „Vitalzeichen überwachen und ein großes Blutbild!“ „Dr. Ahrens!“, hörte er wieder seinen Namen rufen, „Wir haben noch einen Notfall!“ Das darf doch nicht wahr sein ...
„Und jetzt ein heißes Bad!“, murmelte Ben Ahrens einige Stunden später und setzte sich erschöpft auf einen Stuhl im Eingangsbereich der Hamburger Klinik. Für einen kurzen Moment schloss der junge Oberarzt die Augen und hielt sie sich mit den Händen zu. Um ihn herum drehte sich alles. Der Tag zog im Zeitraffer an ihm vorbei.
Erst vor wenigen Minuten hatte er von seinem Kollegen aus der Kardiologie erfahren, dass Herr Petersen mit dem Herzinfarkt über den Berg ist und es ihm von Stunde zu Stunde besser gehe. Herr Hansen, der wegen zu viel Alkohol ins Krankenhaus eingeliefert werden musste, lag gut überwacht in den Armen seiner Freundin auf der Intensivstation. Die beiden hatten wieder zueinander gefunden. Drogen waren zum Glück nicht im Spiel - nur die Liebe hatte ihn so verzweifeln lassen, dass er zum Alkohol gegriffen hatte.
Ben liebte seinen Beruf. Je schwieriger eine Aufgabe war, desto mehr reizte sie ihn. Es war sein Bedürfnis, Menschen zu helfen, ihnen beizustehen, wenn sie Untersuchungen über sich ergehen lassen mussten, die alles andere als angenehm waren - er wollte alles richtig machen und keinen seiner Patienten enttäuschen.
„Guten Abend, Dr. Ahrens!“ Eine hübsche junge Krankenschwester ging mit einer fast noch hübscheren Patientin an ihm vorbei. Wenn Blicke küssen könnten, wäre sein Gesicht jetzt wahrscheinlich voller roter Abdrücke. Im Moment gab es zwei Patientinnen, die ihn anhimmelten. Eine davon war diese. Ben war daran gewöhnt und irgendwie schmeichelte es ihm auch, aber er wusste ihnen auch geschickt Grenzen zu setzen. Am Anfang war es ihm ein paar Mal passiert, dass er sich auf einen Flirt eingelassen hatte. Jetzt war er sehr vorsichtig damit geworden und wollte es auch gar nicht mehr.
„Ach, Oberschwester!“, unterbrach Ben die ältere Krankenschwester, die schon zum Inventar dieses Krankenhauses gehörte, „Wie geht es unserer Nina?“ „Es geht ihr den Umständen entsprechend gut. Sie schläft jetzt!“, antwortete Marie und schenkte Ben ein zufriedenes Lächeln. „Das ist gut!“, freute sich Ben sehr erleichtert, „Ich werde noch einmal nach ihr sehen, wenn ich gehe!“ „Das weiß ich sehr zu schätzen!“, lobte die Oberschwester, „Aber Sie haben heute schon mehr als genug für unsere Nina getan. Gehen Sie jetzt bitte nach Hause, Dr. Ahrens. Sie sehen müde aus, sehr müde!“, verbesserte sich Marie.
Ben nickte dankend, dann schloss er wieder die Augen und versuchte, in seine früheren Gedanken zurückzukehren. Nach seiner Schicht konnte der Arzt das Krankenhaus nie sofort verlassen. Er brauchte immer eine Weile, bis er mit leerem Kopf nach Hause fahren konnte.
Der junge Chirurg musste plötzlich lächeln, als er an den Jungen mit dem Beinbruch dachte, den er am Morgen behandelt hatte. Ihm war es völlig egal gewesen, dass er sich das Bein gebrochen hatte. Emil hatte auch nicht mit der Wimper gezuckt, als Ben ihm von der bevorstehenden Operation erzählt hatte und dass er in den nächsten Wochen erst einmal auf Fußball verzichten müsse. In dem Moment jedenfalls, in dem ein Arzt einem kleinen Jungen sagen muss, dass er die nächste Zeit keinen Fußball spielen darf, bricht normalerweise eine ganze Welt zusammen, und niemand kann ihn mehr beruhigen. Emil war ein Einzelfall. Er hatte nur zwei Dinge, die ihn beschäftigten: Zum einen trauerte er um sein geliebtes Fahrrad, das nun einen Totalschaden aufwies, und zum anderen konnte er sich immer noch nicht damit abfinden, dass ihm plötzlich eine Mauer im Weg stand. Mit voller Geschwindigkeit war er mit seinem Fahrrad dagegen gefahren und heruntergeschleudert worden.
Bens Grinsen wurde lauter. „Wenn ich groß bin, werde ich Stuntman - ihr hättet sehen sollen, wie ich an der Mauer vorbeigeflogen bin. Genial!“, hatte er stolz gesagt, als ihn das Rettungsteam in die Notaufnahme gebracht hatte. Seine Eltern, die mehr als besorgt um ihren verletzten Sprössling waren, konnten den Berufswunsch ihres Sohnes nicht ganz nachvollziehen.
Ben wurde plötzlich traurig, als er an den 80-jährigen Mann dachte, dessen Leben er heute nicht hatte retten können. Er war ihm einfach unter den Händen weggestorben. Herr Clasen hatte ein erfülltes Leben, versuchte Ben sich immer wieder einzureden, aber insgeheim zweifelte er, ob er seinem Patienten nicht doch noch irgendwie hätte helfen können. Sein Herz war einfach zu schwach, um den schweren Schlaganfall zu überleben, den er kurz zuvor in seinem Obstgarten zu Hause erlitten hatte. Er war bereits bewusstlos, als er in die Klinik eingeliefert wurde.
„Guten Abend, Dr. Ahrens!“ Ben wurde wieder aus seinen Gedanken gerissen. Es waren die Eltern von Emil, dem kleinen Fahrradchaoten. „Entschuldigung!“, eine etwas mollige Frau Mitte 40 und ein schlanker Mann mit Dreitagebart standen plötzlich vor ihm. „Nochmals vielen Dank für alles!“, begannen sie, „Emil hat Sie sehr ins Herz geschlossen. Es geht ihm schon viel besser!“ Ben erwachte nur langsam aus seinen trüben Gedanken an den verstorbenen Herrn Clasen und versuchte dennoch, den Eltern aufmerksam zuzuhören. „Ihr Sohn ist etwas ganz Besonderes!“, antwortete Ben, „Emil hat die Operation sehr gut überstanden. Jetzt muss er nur noch ein paar Wochen den Gips am Fuß ertragen!“ Emils Mutter lachte überrascht auf. „Das hält er bestimmt nicht aus, so wie ich meinen Sohn kenne!“ „Da ist das letzte Wort aber noch nicht gesprochen!“, mischte sich nun der Vater mit mahnender Stimme ein, „Der Junge kann froh sein, dass ihm nicht noch mehr passiert ist!“
Schwer und langsam - vor Müdigkeit - richtete sich der Arzt auf und reichte Emils Eltern zum Abschied die Hand. „Sie brauchen sich um Emil keine Sorgen zu machen!“, versicherte er ihnen, „Wir werden uns um Ihren Sohn kümmern. Ich werde mit ihm ein kleines Machtwort sprechen, wenn er sich nicht an die Abmachungen hält, die ich mit ihm getroffen habe!“ Der Vater nahm seine etwas besorgte Frau bei der Hand. „Schau, mein Schatz. Unser Sohn ist in den besten Händen, und vor einem Arzt hat er sicher mehr Respekt als vor seinen eigenen Eltern!“ „Das ist meistens so!“, lachte Ben bestätigend, „Ich werde mir sicher etwas einfallen lassen, wie ich Emil die nächsten Wochen mit dem Gips am Fuß etwas angenehmer gestalten kann!“, versprach der Arzt lächelnd.
Emils Eltern sahen sich an. Keiner wollte der anderem zeigen, wie sehr sie sich um ihren Sohn sorgten. Jeder wollte dem anderen Stärke zeigen. Schließlich ist es nicht leicht, sein Kind in fremde Hände zu geben.
„Auf Wiedersehen, Herr Dr. Ahrens, und einen schönen Tag!“ Beide verabschiedeten sich noch einmal mit Handschlag. Ben nickte dankend und blickte auf seine Armbanduhr, die anzeigte, dass er schon seit einer halben Stunde Feierabend hatte.
Emils Eltern gingen Hand in Hand zum Ausgang. Er sah ihnen nach, bis sie um die Ecke gebogen waren. Mit einem Lächeln machte er sich auf den Weg zum Ärztezimmer.
„Moin, Doc!“, hörte Ben eine Stimme, die ihn ansprach und er drehte sich neugierig um. Doch der Oberarzt zuckte erschrocken zusammen. Die Stimme klang so weit weg, und doch stand die Person, zu der die Stimme gehörte, plötzlich neben ihm. Es war der 15-jährige Manuel, der mit einem silbernen, hochmodernen Roller auf ihn zuraste und erst neben dem Arzt zum Stehen kam. „Um Himmels Willen! Soll ich heute noch einen Herzinfarkt bekommen?“, schimpfte Ben stöhnend und fuhr seinem pubertierenden Patienten durch die prächtige, hochgestylte Haarmähne. Oje, das war keine gute Idee. Wie konnte er nur? In der Pubertät sollte man niemals die Haarpracht eines Jungen zerstören. Niemals. Wenn Blicke töten könnten.
Manu war seit über einer Woche in der Klinik. Er war mit starken Bauchschmerzen eingeliefert worden und klagte über schreckliche Übelkeit. Bisher konnten Ben und seine Kollegen noch nicht herausfinden, warum Manu unter diesen Beschwerden zu leiden hatte.
„Meine Eltern haben mir den Roller zugeschickt!“, erzählte er stolz und strich sich die Haarsträhnen zurück. „Zugeschickt?“, hakte Ben nach, „Deine Eltern haben dich wohl immer noch nicht besucht?!“ Manuel - fast so alt wie Bens kleiner Bruder - schüttelte ein wenig traurig, aber überhaupt nicht enttäuscht den Kopf. „Keine Sorge, Doc!“, beruhigte der kleine Patient seinen behandelnden Arzt, „Das ist nichts Ungewöhnliches, dass meine Eltern kaum zu Hause und ständig auf Geschäftsreisen im Ausland sind. Opa ist sowieso viel cooler!“ Ben runzelte verwundert die Stirn. Er wollte damit sagen, dass er den Worten seines Patienten nicht ganz folgen konnte. „Sie machen sich schon wieder Sorgen, Doc!“, erkannte Manu den Blick seines Arztes, „Das macht mir wirklich nichts aus. Dafür springt wenigstens ab und zu mal ein kleines Souvenir dabei heraus!“ Wobei das Wort Souvenir vielleicht etwas untertrieben war. „Das sehe ich!“, bemerkte Ben prüfend, bevor er einen Blick auf das Geschenk seines Patienten warf, „Das ist doch nicht?“ Der Arzt beugte sich zu dem Roller hinunter und strich mit den Fingern sanft über die glänzende, noch auf Hochglanz polierte Metallschicht. „Ist das nicht der neue Cityroller, der erst nächste Woche auf den Markt kommen soll?“ „Ja, genau!“, sagte Manuel stolz, „Meine Eltern haben da immer die beste Quelle!“ „Darf ich auch mal?“ Manu kam gar nicht dazu, die Frage seines Arztes zu beantworten, da war Ben schon im Besitz seines Rollers. „Ich liebe die Dinger!“, gestand er, nachdem er bereits einige Meter durch den Flur gefahren war, „Die Beschleunigung ist echt der Hammer!“ „Aber der Roller hat hier Hausverbot, Doc!“, rief Manu ihm ergänzend hinterher und blickte ängstlich den Klinikflur auf und ab. Als würde er Schmiere stehen, während andere eine Bank ausrauben.
„Warum hat der Roller hier Hausverbot?“, fragte Ben ganz aufgeregt. „Weil ...!“ Manu folgte seinem Arzt, der immer schneller wurde. „Aufpassen!“, rief er dem Arzt zu, der beinahe mit einer Krankenschwester kollidiert wäre, hätte ihn sein kleiner Patient nicht rechtzeitig gewarnt. „Vorsicht!“, rief er wieder. Jetzt wäre er fast mit einem Essenswagen zusammengestoßen. „Auf diesem Teil könnte ich den ganzen Tag verbringen!“, gestand Ben begeistert und fühlte sich zehn Jahre jünger. Doch Manuel war nicht mehr so begeistert. Überhaupt nicht mehr. „Ja, aber ...!“ „Wer war das denn für ein Spielverderber mit dem Hausverbot?“, hakte Ben noch einmal nach und versuchte, sich zu seinem 15-jährigen Patienten umzudrehen, „Das verstehe ich überhaupt nicht!“ „Ja, Sie vielleicht nicht, aber ... schauen Sie nach vorne, Doc!“ „Warum?“ „Weil ...!“ „Ich sehe wohl nicht richtig?!“ Eine etwa fünfzigjährige Frau stand nun vor ihm, beide Hände in die Taille gestemmt, und schüttelte wütend ihren blonden Haarschopf. Ihre Augenbrauen ragten weit über die Brillengläser hinaus. Ihre Stimme klang eher gereizt und geladen als euphorisch. „Wie können Sie nur, Dr. Ahrens?!“ „Oberschwester!“, wunderte sich Ben über Maries plötzliches Auftauchen, „Was machen Sie denn plötzlich hier?“ „Arbeiten und manchmal jungen Ärzten noch einmal die Hausordnung unserer Klinik erklären!“ „Ach, Sie sind die...?“, Bens Stimme wurde leiser. Ein unschuldiger Blick fiel auf Manuel, „Ist sie die Spaßbremse?“ „Ganz genau, mein lieber Dr. Ahrens!“, bestätigte ihn Oberschwester Marie sofort, „Dieser Roller hat hier Hausverbot! Wir haben schon genug Verletzte!“ „Es ist doch nichts passiert!“, versuchte Ben zu beschwichtigen. „Noch nicht!“, ergänzte Marie streng mit erhobenem Zeigefinger, ließ dann aber plötzlich ein kleines Lächeln über ihre Lippen gleiten. „Wenn ich Sie nicht so mögen würde, hätte ich dieses Gefährt schon längst aus dieser Klinik entfernt!“ Die Oberschwester blickte schauspielerisch auf ihre Armbanduhr, „Aber mir fällt gerade ein, dass ich eigentlich ganz dringend auf dem Weg in die Notaufnahme und schon so in Gedanken war, dass ich mir sogar gerade eingebildet habe, unseren Dr. Ahrens gesehen zu haben, obwohl der schon seit einer Dreiviertelstunde Feierabend hat!“ Sie betonte besonders das Wort Feierabend. „Sie sind ein Engel!“, definierte Ben die Oberschwester und gab ihr einen liebevollen Kuss auf die Wange. „Ich glaube, ich sollte mir wirklich mal einen Termin bei Dr. Meierling in der Psychiatrie geben lassen!“, lachte Marie herzlich, „Jetzt höre ich auch noch Stimmen!“, fügte sie kopfschüttelnd hinzu und verschwand lachend um die Ecke - so schnell, wie sie plötzlich aufgetaucht war.
Wieder einmal fühlte sich Ben bestätigt, dass er nicht nur seine Arbeit in dieser Klinik liebte, sondern auch alle Menschen, die mit ihm zusammenarbeiteten. Das Pflegepersonal und die Ärzte akzeptierten und mochten ihn mit seiner fröhlichen und unkomplizierten Art. Ben hatte immer ein offenes Ohr für die Sorgen und Probleme seiner Patienten und auch seiner Kollegen. Er war kaum aus der Ruhe zu bringen. Vom Aussehen her glich er Dr. Marc Meier aus der Serie Doctor’s Diary, vom Wesen her wohl eher Professor Dr. Brinkmann aus der Schwarzwaldklinik. Er hätte sicher mit vielen Krankenschwestern, Assistenzärztinnen oder anderen weiblichen Personen in dieser Klinik Affären oder Beziehungen haben können, aber Ben glaubte an die große Liebe. Niemals wollte er einen Menschen ausnutzen, nur weil dieser von seinem Aussehen oder seiner fürsorglichen Art angetan war - für Ben zählte Ehrlichkeit. Zu sehr war er noch traurig und verletzt über seine damals gescheiterte Beziehung mit Lucy - er verstand bis heute nicht, warum die beiden sich getrennt hatten. Schicksal - redete sich Ben inzwischen optimistisch ein - anscheinend wartete da draußen in der großen weiten Welt eine andere Frau auf den jungen Oberarzt, die besser zu ihm passte, als es Lucy sicher getan hätte. Aber warum klagen, verzagen, traurig sein? Eigentlich hatte Ben schon eine Partnerin gefunden, die er liebte und die ihn immer wieder vor neue Herausforderungen stellte. Die Klinik.
„Sie haben hier wohl einen sehr guten Ruf, Doc!“, bemerkte Manu und griff nach seinem Roller, „Mir hätte sie den sicher abgenommen!“ „Und da ich einen sehr guten Ruf habe!“, ergänzte Ben, „Ist mir auch nicht entgangen, dass du heute Nachmittag eigentlich einen Termin bei unserem Internisten hattest, den du leider nicht wahrgenommen hast, weil du plötzlich verschwunden warst!“ „Das hatte seine Gründe!“ „So?“ „Ich habe im Internet recherchiert!“, erklärte Manu ehrlich, „Sie wollen doch nicht zulassen, dass ich so einen großen Schlauch schlucken muss!?“ „Eine Magenspiegelung ist doch nichts Schlimmes!“, beruhigte ihn Ben, „Den Schlauch merkst du gar nicht. Du bekommst etwas zur Beruhigung und kannst sogar schlafen, während der Internist schaut, woher deine Beschwerden kommen könnten. Alles ganz easy!“ Easy - hatte Ben gerade wirklich easy gesagt? Na ja, vielleicht konnte er ihn ja mit ein bisschen Jugendsprache besser überzeugen? „Das sagen Sie jetzt nur so!“ „Und du wirst mir nach deiner Magenspiegelung auch Recht geben!“, war sich Ben aus Erfahrung sicher, „Wann hast du denn das letzte Mal etwas gegessen?“ „Das war das Nächste!“, klagte Manu weiter, „Ich habe heute weder zum Frühstück noch zum Mittagessen etwas bekommen und die Cafeteria war zu meinem Pech auch noch geschlossen. Ich bin halb verhungert, Doc!“ Wie Manuel auch immer diesen Doc am Ende des Satzes hinzufügte und betonte. Ben musste fast ein wenig schmunzeln. „Du hast also in den letzten sechs Stunden nichts gegessen?“ „Kaum zu glauben, dass ich noch lebe, oder?“ „Das ist perfekt!“, freute sich Ben zu Manuels Entsetzen, „Dann haben wir beide jetzt nämlich ein gemeinsames Date!“ „Was meinen Sie, Doc?“ „Wir haben jetzt ein Date mit dem Gastroskop!“ „Aber Sie haben doch schon seit einer Stunde Feierabend!“, versuchte Manu seinen Arzt davon abzuhalten. „Ich nehme mir gerne noch eine halbe Stunde Zeit dafür!“ „Aber ...?!“
Während sich Ben Ahrens im Ärztezimmer endlich umziehen konnte, kreisten seine Gedanken immer wieder um die vergangene Stunde. Manuel hatte sich zwar heftig gegen die Magenspiegelung gewehrt, aber Ben hatte ihn schließlich überreden können und natürlich Recht behalten. Der Junge berichtete ihm gleich danach stolz, dass er kaum etwas gespürt habe. Das waren sicher noch die Nachwirkungen der Narkose. Denn Manuel würde nie freiwillig zugeben, dass sein Arzt Recht hatte - dafür kannte er ihn schon gut genug. Ben wartete nun gespannt auf das Laborergebnis der Gewebeprobe. Glücklicherweise hatte er schon bei der Magenspiegelung nichts Auffälliges entdecken können, worüber Ben mehr als erleichtert war.
Plötzlich ging die Tür zum Ärztezimmer auf und sein Kollege Dr. Jacob Beer kam herein. „Na? Endlich Feierabend?“ Ben nickte und zog sich eine Sweatjacke über sein schwarzes Hemd. „Endlich!“, murmelte er, „Was machst du denn hier? Ich dachte, du wärst mit Merle am Flughafen?“ „Sie hasst doch Verabschiedungen!", antwortete Jacob sofort, „Ich durfte sie nur zum Flughafen fahren, sie ist ausgestiegen, das war's!" „Typisch, Merle!“, meinte Ben schmunzelnd. „Ich vermisse sie jetzt schon, obwohl sie noch keine zwei Stunden deutschen Boden verlassen hat!“, musste Jacob zugeben und klang ziemlich bedrückt, „Wir werden Merle ein halbes Jahr nicht sehen. Verstehst du? Ein ganzes halbes Jahr nicht mehr!“ „Es war ihre Entscheidung, Jacob!“, versuchte Ben ihm zu erklären, „Dieser Austausch wird eine Bereicherung für ihr weiteres Leben als Krankenschwester sein. Wir beide waren noch nie in solchen Krisengebieten, aber ich stelle mir die Zustände in Tansania ganz schrecklich vor. Dort wird wirklich jede medizinische Kraft gebraucht! „Merle hat auch meinen vollen Respekt und ich stehe auch hinter ihr, keine Frage!“, betonte der andere Arzt noch einmal, „Aber sie ist nicht nur eine bezaubernde Krankenschwester. Merle ist auch meine ... okay, unsere beste Freundin!“ „Und dieses Jahr wird uns beweisen, dass wir auch danach noch beste Freunde sind!“, meinte Ben und scherzte dann, „Wir könnten sie natürlich im Sommer besuchen, aber ich kenne jemanden, der Flugangst hat und den man auch mit Beruhigungsmitteln nicht in ein Flugzeug bekommt!“ Bens Ironie schien bei seinem Kollegen nicht so gut anzukommen. „Darüber lache ich später!“, kommentierte Jacob trocken, nahm seinen Arztkittel aus dem Spint und zog ihn an. „Gut, dass ich heute Nachtdienst habe!“, sagte Jacob Beer und nahm sein Stethoskop vom Schreibtisch, „Wenigstens bin ich in der Notaufnahme beschäftigt und abgelenkt!“ „Man könnte fast meinen, dass du mehr als nur Freundschaft für Merle empfindest!“, resümierte Ben mit einem zweideutigen Lächeln. „Wie war dein Tag?“, fragte Jacob dann, wechselte schnell das Thema und versuchte ernst zu klingen, „Gab es viele Neuzugänge?“ Keine Antwort war auch eine Antwort.
Ben musterte seinen Kollegen, der sich mit einem kleinen Kamm durch die braunen Haare kämmte. „Als ob sich heute noch einer deiner Patienten für deine Frisur interessieren würde!“, wäre es ihm beinahe herausgerutscht, doch dann riss er sich zusammen und widmete sich dem Schnüren seiner Turnschuhe. „Kannst du bitte später noch eine Sono bei Frau Vogt machen!“ Ben stand derweil auf und suchte auf seinem Schreibtisch nach der entsprechenden Akte, „Sie hat heute Morgen über Bauchkrämpfe geklagt, aber ich konnte nichts feststellen!“ Schließlich fand er die Akte seiner Patientin und reichte sie seinem Kollegen, „Langsam bin ich auch mit meinem Wissen am Ende!“ „Ich werde sehen, was ich tun kann!“, antwortete Jacob. „Lernschwester Nina ist übrigens auch auf der Station!“, fuhr Ben fort, „Sie hat sich heute im Stationszimmer mit heißem Wasser am Arm verbrüht!“ „Sie hat was?!“, fragte Jacob bestürzt, „Wie schwer ist die Verbrennung?“ „Zweiten Grades!“, antwortete Ben, „Ich habe eine Punktion gemacht. Vielleicht schaust du noch mal nach ihr, wenn du Zeit hast!“ „Auf jeden Fall!“, versprach Jacob sofort. Er schüttelte verständnislos den Kopf. „Gut, dass meine Maus noch zu klein ist, um heißes Wasser zu kochen!“ „Das geht schneller, als du denkst!“, bemerkte Ben, „Wie geht es eigentlich deiner Tochter? Ich habe sie lange nicht gesehen!“ „Gestern waren Kira und ich im Zoo!“, erzählte Jacob überglücklich und stolz, schon ein eigenes Kind zu haben. „Sie wird immer schöner und niedlicher!“ „Ganz wie der Papa!“, lachte Ben dazu, „Und Mona? Hast du endlich mit deiner Ex-Frau geredet?“ „Mit Mona?“, fragte Jacob und verdrehte die Augen, „Mit meiner Ex-Frau kann man nicht reden!“ „Nichts gegen ein glückliches Singleleben!“, meinte Ben stattdessen erleichtert und klopfte seinem Kollegen freundschaftlich auf die Schulter. „Aber Zweisamkeit ist doch auch schön!“, fügte Jacob hinzu. „So? Habe ich etwas verpasst?“ Ben zog neugierig seine dunkelblonden Augenbrauen hoch. „Natürlich nicht!“ „Dann wünsche ich dir eine ruhige Nachtschicht mit wenigen Katastrophen!“ „Und ich dir viel Spaß auf der Geburtstagsparty!“, fügte Jacob hinzu, „Ich wäre heute Abend auch gerne dabei, aber was macht man nicht alles für die Klinik?“ „Geburtstagsparty?“, fragte Ben unsicher und verstand nicht, was sein guter Freund ihm damit sagen wollte. Jacob war zur Tür gelaufen und hatte die Klinge schon in der Hand, als er sich doch noch einmal zu Ben umdrehte. „Oh nein!", seufzte er, „Du hast doch nicht etwa den Geburtstag deiner Schwester vergessen?" Er wartete einen Moment, aber Ben reagierte immer noch nicht. Okay, er hatte tatsächlich den Geburtstag seiner Schwester vergessen. „Eure Eltern sind doch mit eurem Bruder im Urlaub und Leni nutzt die sturmfreie Bude, um in ihren Geburtstag reinzufeiern!“ Jetzt erkannte Jacob den Schreck in den Augen seines Kollegen. „Mist!“, fiel Ben plötzlich ein, „Wie konnte ich das nur vergessen?! Ich habe ihr sogar noch versprochen, ihr bei den Vorbereitungen zu helfen!“ „Das hast du tatsächlich!", gab Jacob seinem Freund recht, „Und vergiss nicht, dass du heute pünktlich die Klinik verlassen wolltest. Deine Schwester wird schließlich nur einmal 25!“ Ben schaute erschrocken auf seine Armbanduhr. „Das schaffst du nie!“, kam ihm Jacob Beer kopfschüttelnd und lächelnd zuvor. „Ich kann eigentlich nur froh sein, dass ich es nicht mehr rechtzeitig aus der Klinik geschafft habe!“, bemerkte Ben, „Sonst hätte ich Lenis Geburtstag vergessen - wahrscheinlich vergessen!“, verbesserte er sich schnell. „Du hättest ihn vergessen, Ben!", lachte Jacob Beer herzlich und verließ langsam das Ärztezimmer, „Vergiss nicht, ihr heute Abend auch von mir alles Gute zu wünschen!" Ben nickte und versuchte all die neuen Informationen in seinem Gehirn zu sammeln und abzuspeichern, was am Ende eines solchen Tages kaum noch möglich war. „Ich schreibe ihr zur Sicherheit heute Nacht eine WhatsApp!“, fügte Jacob grinsend hinzu, „Du vergisst es sowieso, wie ich dich kenne!“ „Raus!“, schimpfte Ben lachend, schnappte sich schnell seine Autoschlüssel und verließ ebenfalls eilig das Ärztezimmer.
Er war schon über zwei Stunden zu spät. Aber wenn er an die letzten Tage dachte, war er heute sogar pünktlich. Ob Leni das zu Hause auch so sah? Im Moment wollte er sich darüber nicht den Kopf zerbrechen.
Plötzlich zuckte er erschrocken zusammen, als seine Sweatjacke zu vibrieren begann. Sein Piepser konnte es nicht mehr sein, der gab laute Töne von sich und außerdem lag er im Ärztezimmer. Mit leichtem Schrecken kramte er nach seinem Handy. Er wusste, dass es in diesem Fall nur einen Menschen geben konnte, der ihn jetzt erreichen wollte. Es war natürlich Leni, seine kleine Schwester.
„Hallo Schwesterherz!“, begrüßte er sie herzlich. Doch sein Lächeln verfinsterte sich schnell. „Ich weiß, ich bin zu spät! Ich bin gleich bei meinem Auto, dann kaufe ich noch schnell die Würstchen und ...!“ Ben hielt das Handy kurz vom Ohr weg, denn er kannte die Anfälle seiner Schwester. Sie waren gefährlich, wenn er nicht das sagte, was Leni wollte - vor allem waren diese kleinen Anfälle nicht gut für das Trommelfell. „Bleib bitte ruhig! Ich kann doch nichts dafür, dass ich noch einen Patienten hatte!“, er atmete kurz durch und machte eine kleine Pause, weil Leni ihm wieder ins Wort fiel, „Ich bin in einer Stunde da! Wir schaffen das alles noch rechtzeitig!“ Während Leni ihm am anderen Ende mürrisch erklärte, dass sie sich nun selbst um die Würstchen gekümmert habe, suchte der Arzt wieder nach seinem Autoschlüssel, den er in der Hektik wohl in einer Tasche seiner Sweatjacke verstaut hatte. Nach erfolgreicher Suche setzte er sich in sein Auto, atmete noch einmal kurz durch und versuchte, seine kleine Schwester endlich loszuwerden.
„Ich bin in spätestens einer Stunde da!“, wiederholte er noch einmal, aber seine Schwester ließ sich nicht beruhigen und auch nicht so leicht abwimmeln, „Ich diskutiere jetzt nicht mehr mit dir, bis gleich!“ Leni widersprach ihrem Bruder noch einmal, aber der kümmerte sich nicht mehr darum. Er warf sie schließlich einfach raus, setzte seine Sonnenbrille auf und fuhr mit dem Auto Richtung Wandsbek zu seinem Elternhaus.
Mist. Zum Glück fiel ihm gerade noch rechtzeitig ein, dass er Lenis Geschenk noch nicht abgeholt hatte. Ein Wunder, dass er wenigstens vor einer Woche noch an ihren Geburtstag gedacht hatte - sonst hätte er jetzt nicht einmal ein Geschenk für sie. Das wäre der absolute Supergau gewesen.
Es war ein herrlicher letzter Tag im April und alle genossen die ersten warmen Sonnenstrahlen, die sich nach dem langen Winter endlich durchgesetzt hatten. Die Menschen waren viel freundlicher zueinander, jeder suchte sich ein schönes Plätzchen an der Alster oder am Hafen. Auch der Weg zur Arbeit fiel wieder leichter. Nachmittags und abends füllten sich die Biergärten und Cafés wieder - jeder genoss auf seine Weise den beginnenden Sommer.
Ein lautes Hupen und ein böses Fluchen aus dem Auto hinter ihm riss Ben allerdings an der roten Ampel aus seinen Gedanken, die vor fünf Sekunden auf Grün sprang.
„Ja, doch!“, rief Ben zurück, blickte in den Rückspiegel und sah einen silbernen Porsche Cabrio, der sicher nicht billig gewesen war. Mittendrin erkannte er einen wütenden, fluchenden, älteren Herrn, der mit den Händen, die wohlgemerkt in Lederhandschuhen steckten, auf das Lenkrad einhämmerte und dabei immer wieder ein lautes Hupen auslöste. Ben lachte in sich hinein und löste schnell die Bremse, um weiterzufahren. Schließlich gab es noch die Sorte von Menschen, die das Wetter zwar genossen, es aber irgendwie nicht mit anderen teilen konnten. Das waren auch die Typen, die zum Beispiel glaubten, sie seien die alleinigen Besitzer einer Straße. Unmöglich.
Ben versuchte endlich, die Gedanken an die Klinik, die Patienten und die ungeduldigen Autofahrer hinter sich zu lassen und sich auf den bevorstehenden Geburtstag seiner Schwester vorzubereiten. Er fuhr noch ein paar Minuten weiter, bis er einen schattigen Parkplatz im Stadtteil Bahrenfeld fand. Hier, ganz in der Nähe, musste das Hamburger Fußballstadion sein. Das Volksparkstadion, wie Ben die Fußballarena immer nannte, obwohl der Name des Stadions schon oft gewechselt hatte. Ben war ein leidenschaftlicher Fußballfan. Hätte er sich nicht in jungen Jahren einen Meniskusriss zugezogen, wäre er wahrscheinlich Leistungssportler und nicht Arzt geworden. Ben liebte diesen Sport. Er konnte stundenlang vor dem Fernseher sitzen und die Spiele seines geliebten Hamburger SV verfolgen. Im Stadion selbst war er seit fünf Jahren nicht mehr gewesen. Er hatte einfach keine Zeit, und wenn er sie hatte, kam immer etwas anderes dazwischen. Fußball war für Ben Adrenalin und Leidenschaft pur.
Unruhig blickte er auf die Uhr im Auto. Er glaubte nicht, dass er es noch rechtzeitig zu Lenis Geburtstagsfeier schaffen würde. Wieder einmal bereute er es zutiefst, seiner Schwester dieses Versprechen gegeben zu haben, das er sowieso nicht halten konnte. Mit schnellen Schritten ging er an den verschiedensten Geschäften vorbei. Viele waren mit bunten Sommeroutfits dekoriert und geschmückt, Bikinis hingen an den Stangen und überall saßen Menschen in den Cafés und genossen fröhlich und gut gelaunt ihre ersten Eiskugeln.
„Steine & Perlen“ - das war der Laden. Vor einer Woche allerdings noch mit einer anderen Dekoration im Schaufenster und einem stürmischen Wind mit Dauerregen, als er an diesem Gebäude vorbeigelaufen war und das Geschenk für Leni reserviert hatte. Zum Glück hatte Ben nicht lange überlegen müssen, was das Geburtstagsgeschenk für Leni betraf. In den letzten Jahren war das immer komplizierter geworden, denn entweder hatte seine Schwester schon alles, und wenn nicht, dann kaufte sie es sich bei der ersten Gelegenheit selbst. Da Leni aber vor kurzem ihre Lieblingskette - eine weiße Perlenkette - verloren und nicht wiedergefunden hatte, wusste Ben genau, womit er ihr hoffentlich eine große Freude zu ihrem Geburtstag bereiten konnte. Zumal Leni sehr unter diesem Verlust litt, da sie auch keine ähnliche mehr gefunden hatte, die sie sich hätte kaufen können. Schon damals war die Perlenkette ein Geschenk von Ben gewesen, das er ihr vor den Abiturprüfungen als Glücksbringer geschenkt hatte. Nun war sie seit gut einem Monat verschwunden. Unauffindbar. Zum Glück wusste Ben noch, wo er die Kette damals entdeckt und gekauft hatte. Müde betrachtete er die vielen Schmuckstücke und Anhänger in den Vitrinen. Einer schöner als der andere, aber auch einer teurer als der andere.
„Guten Tag, kann ich Ihnen behilflich sein?“, fragte eine schlanke Dame Mitte 40 und ließ ihren Blick zwischen Ben und den teuren und prächtigen Schmuckstücken in der Vitrine hin und her wandern. „Ja, sehr gerne!“ Der junge Arzt widmete sich nun ganz der Verkäuferin. „Ich habe vor einer Woche eine Kette reserviert!“ Die Dame nickte lächelnd. „Auf welchen Namen?“, fragte sie und lief zum Verkaufstresen. Ben folgte ihr. „Ahrens, auf Ben Ahrens!“ Die Verkäuferin setzte ihre Brille auf, verzog aber trotzdem die Augen, als könne sie trotz der Sehhilfe die Schrift auf dem Computer nicht richtig entziffern. „Genau!“, sagte sie nach kurzem Zögern und nahm die Brille sofort wieder ab. „Eine weiße Perlenkette. Einen Moment bitte, Herr Ahrens!“ Rasch verschwand sie hinter der Tür zum Verkaufstresen. Ben hingegen trat einen Schritt zurück und nahm Kontakt mit einer Vitrine auf, die mit wunderschönen Ohrringen bestückt war. Plötzlich erinnerte er sich, dass er vor zwei Jahren schon einmal vor dieser Vitrine gestanden hatte. Damals hatte er noch überlegt, ob er die Ohrringe mit der roten oder der goldenen Perle kaufen sollte. Es sollte ein Geschenk für seine damalige Freundin Lucy sein. Er selbst dachte an die große Liebe mit ihr, doch sie ließ ihn nach nicht einmal einem halben Jahr eiskalt sitzen und begann mit einer neuen Bekanntschaft im Ausland ein neues Leben. Seitdem hat er nichts mehr von Lucy gehört. Im Nachhinein dachte Ben, die Beziehung hätte sowieso nicht lange halten können. Die beiden waren einfach zu verschieden, hatten völlig andere Interessen. Es heißt zwar immer, dass sich Gegensätze anziehen, aber Ben war eher der Familienmensch. Lucy hingegen wollte die Welt entdecken - beides funktionierte einfach nicht und konnte auch nie funktionieren.
„Hier ist sie!“, sagte die Verkäuferin, als sie an den Verkaufstresen zurückkehrte, „Die Kette ist wirklich wunderschön!“, freute sie sich selbst über das prächtige Schmuckstück. Ben lächelte zufrieden und reichte ihr das Geld. „Vielen Dank!“, freute er sich, „Ich hoffe, meine Schwester sieht das auch so!“ Die Dame nickte überzeugend, als sie das Geld in die Kasse legte. „Ganz bestimmt!“
Der Arzt verabschiedete sich und verließ das Juweliergeschäft. Auf dem Weg zum Auto lachte ihn eine Sektflasche an, die eine junge Frau vermutlich zu einer Feier trug. Erschrocken fiel ihm ein, dass er seiner Schwester versprochen hatte, sich um den Mitternachtssekt zu kümmern. Was er ihr wohl noch alles versprochen hatte? Der Stress in der Klinik hatte ihn das alles vergessen lassen. Wo war er nur mit seinen Gedanken? Ben wusste aber auch, dass er zu Hause nicht einmal mehr eine Flasche Sekt in Reserve hatte. Die letzte hatte er erst am Wochenende zuvor verschenkt, weil er wieder einmal den Geburtstag eines guten Freundes vergessen hatte - wie so oft in den letzten Monaten. Ben fluchte innerlich und war sich sicher, dass er morgen vor Dienstbeginn als erstes einen Urlaubsantrag stellen würde. Einen Urlaubsantrag für mindestens fünf Tage. Er musste endlich wieder Ordnung in seinen Terminkalender bringen und vor allem wäre es nicht schlecht, wenn er mal wieder etwas Zeit für sich selbst hätte. Es blieb ihm also nichts anderes übrig, als noch einmal in den Supermarkt zu gehen. Der Minutenzeiger seiner Armbanduhr ließ das zwar nicht zu, aber was blieb ihm anderes übrig? Pünktlich zum Geburtstag kommen, aber ohne den versprochenen Sekt, oder zu spät kommen, aber mit Sekt? Ben war sich jetzt schon sicher, dass Letzteres wohl die bessere Entscheidung für ihn war, um Leni nicht noch mehr zu enttäuschen.
Verzweifelt stand er vor der großen Sektauswahl und schaute immer wieder abwechselnd auf die Uhr. Warum muss es immer so eine große Auswahl geben, brummelte Ben ungeduldig, früher gab es nur einen Anbieter, den hat man genommen und konnte nichts falsch machen, und jetzt?
„Soll ich Ihnen einen Tipp geben?“, eine junge Frau mit halblangen, schon mehr dunkelblonden Haaren und einem wunderschönen sommerlichen Outfit hatte sich neben den Arzt gestellt, griff nach einem Sekt und reichte ihn ihm. „Das ist mein absoluter Favorit!“, gestand sie. „Deutsch, trocken, frisch und spritzig!“ Ben blickte erschrocken auf die selbstbewusste Frau. Ihre Offenheit gefiel ihm und ihr Lächeln noch mehr. Sie sah ihm tief in die Augen. Plötzlich fühlte er sich darin wie gefangen. Erst jetzt begriff Ben, was der Ausdruck strahlendes Grün wirklich bedeutete. Die Farbe erinnerte ihn an einen Kurzurlaub im Allgäu - an die saftigen, schönen Wiesen mit ihrer bunten Blumenpracht. Für einen Moment schien die Welt still zu stehen, unwillkürlich vergaß er alles um sich herum. Ben hörte weder die nervtötende Hintergrundmusik aus dem Radio im Supermarkt, noch spürte er den Tritt eines kleinen Jungen, der gegen ihn gelaufen war. Doch die Anziehungskraft der beiden erlosch sofort, als die attraktive Frau sich wieder ihrem Einkaufszettel widmete.
Sie war sehr hübsch. Ihr Alter war schwer zu schätzen, aber das interessierte ihn auch nicht. Sie musste in seinem Alter sein, zumindest vermutete er das. Ben wollte sie näher kennen lernen, aber zum ersten Mal in seinem Leben hatte er Hemmungen und traute sich nicht, auch nur einen Schritt auf die freundliche Fremde zuzugehen und sie einfach anzusprechen.
Sein medizinischer Instinkt sagte ihm aber auch, dass sie für diesen Sommertag viel zu blass war und überhaupt keinen gesunden Eindruck auf ihn machte. Schnell versuchte er sich wieder auf die schöne Frau und ihre Sektempfehlung zu konzentrieren, anstatt sich Gedanken über ihren Gesundheitszustand zu machen. Er konnte es einfach nicht lassen. Interessiert betrachtete er den Sekt, den sie ihm empfohlen hatte. „Wenn Sie das sagen, muss es stimmen!“ Sein Blick wanderte vom Etikett der Sektflasche zur freundlichen Frau. „Sie werden bestimmt nicht enttäuscht sein!“, antwortete sie entschlossen und ging mit ihrem Einkaufskorb weiter. Ben eilte ihr hinterher. „Und wenn mir der Sekt doch nicht schmeckt? Wo kann ich mich dann beschweren?“, fragte er ironisch und ein breites Grinsen huschte über sein Gesicht.
Der Sekt interessierte den Arzt überhaupt nicht mehr. Das hatte er schon nicht mehr getan, seit seine Augen diese Frau zum ersten Mal erblickt hatten. Sein Interesse galt jetzt nur noch der hübschen Dame, die vor ihm stand und ihn einfach faszinierte. Ben wurde ganz warm ums Herz, als er ihren wunderschönen, anziehenden Blick sah. Es war diese Herzlichkeit, die sie ausstrahlte und auch ihr liebevolles Lachen. Ein unbeschreibliches Glücksgefühl erfüllte und überwältigte ihn. Alle Strapazen, Sorgen und Probleme, die er in den letzten Wochen, Tagen und Minuten noch mit sich herumgetragen hatte, waren wie weggeblasen. Der Krankenhausalltag war plötzlich Vergangenheit, der Geburtstag seiner Schwester wieder vergessen. In nur wenigen Sekunden hatte diese Frau es tatsächlich geschafft, das Herz des Chirurgen zu erreichen - was in letzter Zeit wirklich sehr schwierig gewesen war. Der Stress in der Klinik hatte ihn regelrecht aufgefressen und ihm keine Zeit für sich und sein Leben außerhalb der Klinik gelassen.
Bevor seine neue Bekannte antworten konnte, krampfte sie sich plötzlich zusammen. Sie griff sich sofort an den Bauch, ihr hübsches Gesicht wurde abweisend und immer angespannter, was dem Arzt aus medizinischer Sicht gar nicht gefiel. Ben wusste, dass diese Frau unter starken Bauchschmerzen zu leiden hatte. Wie gerne hätte er ihr geholfen, aber plötzlich fehlten ihm die Worte. Stattdessen musste der Mediziner mit ansehen, wie sie in ihrer Handtasche nach einer Tablettenschachtel griff und sich vermutlich eine Schmerztablette in den Mund steckte. Ben konnte es sich nicht erklären, aber er empfand so viel Sympathie für diese Frau, dass es ihm umso mehr in der Seele wehtat, zu sehen, dass es ihr nicht gut ging. Er kannte diese Frau gar nicht. Er wusste nicht einmal ihren Namen. Er wusste nichts über sie.
„Sie haben Schmerzen, nicht wahr?“, fragte Ben die junge Frau schließlich. „Ich habe keine Schmerzen!“, fiel sie ihm sofort ins Wort, „Kümmern Sie sich lieber um Ihren Sekt und nicht um mich!“ Einen Moment blieb sie noch stehen, kämpfte mit sich und den plötzlich wieder aufgetretenen Schmerzen, dann lief sie an ihm vorbei. Ben verstand ihr Verhalten nicht, wollte ihr folgen, doch die Unbekannte blickte selbst noch einmal kurz zu ihm zurück. Da war es wieder. Ihr warmes, liebevolles Gesicht strahlte und auch ihr wunderschönes Lächeln war plötzlich wieder da. „Glauben Sie mir, Sie werden es nicht bereuen, wenn Sie den Sekt kaufen. Schönen Abend noch!“ Ben wollte noch etwas sagen, doch schon wieder versagte ihm die Stimme. Es war lange her, dass ihm eine Frau innerhalb weniger Minuten so den Kopf verdreht hatte. Er war perplex, sprachlos, beeindruckt und glücklich zugleich. Er war sich sicher, dass er diese bezaubernde Frau wiedersehen musste. Außerdem versuchte er sich einzureden, dass die Anziehungskraft zwischen ihm und dieser Unbekannten auch bei ihr Spuren hinterlassen haben musste. Aber war es wirklich so?
Erst ein Blick auf die Uhr holte Ben in die Realität zurück. Schnell nahm er noch eine Flasche Sekt der gleichen Sorte aus dem Regal, betrachtete beide Flaschen zufrieden und eilte zur Kasse. Er war so in Gedanken versunken, dass er gar nicht bemerkt hatte, dass sich im Supermarkt eine große Unruhe ausgebreitet hatte.
„Das darf doch nicht wahr sein!“, fluchte Ben etwas lauter, als er erschrocken die große Menschenmenge an der Kasse sah. Doch als er näher kam, stellte er erleichtert fest, dass die aufgebrachten Kunden zum Glück nicht an der Kasse standen, sondern alle daneben. Sie blickten alle in dieselbe Richtung und hatten bereits einen kleinen Kreis um etwas gebildet. „Immer diese Vorführstände!“, dachte sich Ben nur und blickte auch kurz neugierig in Richtung der anderen Schaulustigen, „Und am Ende taugt das Zeug sowieso nichts, von dem so viel versprochen wird!“
Als sich nach ein paar Minuten immer noch niemand an der Kasse um ihn gekümmert hatte, wurde Ben leicht ärgerlich. Normalerweise war er immer geduldig, aber heute waren seine Gedanken bei Leni. Unruhig lief er auf und ab, suchte nach Frauen, die irgendwie wie Verkäuferinnen aussahen, aber vergeblich. Er wurde unruhiger, blickte verärgert auf die zwei Flaschen Sekt, die der einzige Grund waren, warum er überhaupt noch hier war.
„Wir brauchen einen Arzt! Ist hier zufällig jemand Arzt?!“, hörte er plötzlich eine Frauenstimme verzweifelt aus der Menge rufen. Ben zuckte zusammen und fühlte sich durch den verzweifelten Tonfall und die ausdrücklich gesuchte Berufsgruppe sofort angesprochen. Es musste also einen anderen Grund geben, warum so viele Menschen in einer Ecke standen und auf eine Stelle des Marktes starrten.
Ohne nachzudenken, ließ er die beiden Sektflaschen auf dem Kassenband stehen und eilte auf die neugierige Menge zu. Was war passiert? Ben ärgerte sich. Manche Leute hatten nichts Besseres zu tun, als dumm herumzustehen. Anstatt einen Krankenwagen zu alarmieren oder Erste Hilfe zu leisten, stand die bereits große Menschenmenge nur herum. Es hätte nur noch gefehlt, dass jemand ein Handy aus der Jackentasche gezogen und das Ganze gefilmt hätte. Als Notarzt war Ben schon einiges gewohnt. Jetzt konnte ihn nichts mehr erschrecken, wozu gesunde Menschen fähig waren, um sich zu amüsieren.
Eilig versuchte Ben, sich einen Weg durch die aufgeregten Kunden zu bahnen, aber das war gar nicht so einfach. Keiner der Neugierigen wollte auch nur einen Schritt zur Seite gehen, um nicht etwas zu verpassen. „Bitte lassen Sie mich durch! Ich bin Arzt!“, rief er und versuchte sich durchzudrängeln, aber auch das half nicht. Zum Glück bemerkte ihn eine Verkäuferin und versuchte, die Kunden von vorne weg zu schieben, eine andere konnte schon einen Teil der Kunden überzeugen, dass es hier nichts zu sehen gäbe und sie doch bitte ganz normal weiter einkaufen sollten.
Nach kurzer Zeit war Ben Ahrens endlich bei der Verkäuferin vorne angekommen, die mit den Nerven bald am Ende war und vor Aufregung am ganzen Körper zitterte. „Und Sie sind wirklich Arzt?“, erkundigte sie sich noch einmal, bevor sie den wildfremden Mann auf ihre Kundin losließ. Ben nickte, während die Verkäuferin erleichtert aufatmete. „Meine Kollegin alarmiert gerade den Rettungsdienst!“, sagte sie aufgeregt, „Die Kundin scheint große Schmerzen zu haben!“ Bens Blick wanderte von der etwas älteren Verkäuferin zu der Person, die seine Hilfe wirklich brauchte. Plötzlich lief dem Arzt ein Schauer über den Rücken. Nicht, weil die Hilfsbedürftige so schlimm verletzt und blutend war, sondern weil sie ihm nicht mehr unbekannt war. Es war seine neue weibliche Bekannte, die nun mit einer Platzwunde am Kopf, beide Hände verkrampft auf den Bauch gepresst und mit Tränen in den Augen auf dem kalten Boden des Einkaufsmarktes lag.
„Sie!?“ Sofort ließ er sich auf den kalten Fliesenboden sinken und beugte sich zu der hilfsbedürftigen Frau hinunter. Ihr Blick verriet abgrundtiefe Angst und zugleich aufkeimende Hoffnung, nun die Hilfe zu bekommen, die für sie Rettung bedeutete. „Was ist passiert?“ Die junge Frau verkrampfte sich immer mehr, wollte aber nicht antworten. Noch vor wenigen Minuten schien es, als sei Ben eine Welle aufrichtiger Anteilnahme von ihr entgegengeschwappt, und plötzlich war sie wieder völlig verschlossen, zurückhaltend und zugeknöpft. „Sie müssen mir sagen, wo Sie Schmerzen haben. Ich bin Arzt. Ich kann Ihnen helfen!“ Wieder tropfte eine Träne auf sie herab. „Mein Bauch tut so weh!“, keuchte sie weinerlich. Ben nickte, aber seine Augen waren ganz auf die Platzwunde an ihrem Kopf gerichtet. Sie musste sich an einem Regal gestoßen haben, als sie zusammengebrochen war. Zumindest erkannte Ben in einer Regalecke neben den vielen Zeitschriften einen kleinen Blutfleck, der von der Kopfwunde stammen musste. Schnell durchsuchte er den Erste-Hilfe-Kasten, mit dem die Verkäuferinnen wohl schon versucht hatten, ihr zu helfen. Sofort nahm er eine Kompresse aus dem Koffer und drückte sie fest auf die offene, blutende Wunde. Mit der anderen Hand schnitt er ein Pflaster ab und klebte es sorgfältig darauf. „Ihre Platzwunde ist nicht so schlimm!“, beruhigte er die Frau sofort, dann wanderte sein medizinischer Blick vom Kopf zum Bauch. „Hier am Bauch haben Sie Schmerzen, sagen Sie?“ Mit letzter Kraft nickte sie. „Ich werde Sie vorsichtig abtasten!“
Ben Ahrens versuchte, die Hände der Frau von ihrem Bauch zu nehmen, um ihn abtasten zu können, aber sie wehrte sich regelrecht dagegen und versuchte mit letzter Kraft, ihn daran zu hindern. Ben sah schnell ein, dass es keinen Sinn hatte, den Bauch gegen ihren Willen abzutasten, um mögliche Ursachen für ihre Schmerzen zu finden. Stattdessen streichelte er liebevoll ihre zarten Finger. Ihre Hände waren heiß und feucht, aber so wunderbar zart. Ihre gepflegten Fingernägel waren mit einem zarten Violett bemalt. Tiefe, zärtliche Sorge zeichnete das Gesicht des Arztes.
Die Verkäuferinnen hatten die Lage inzwischen gut im Griff. Kaum ein Kunde war noch in der Nähe von Ben und der hübschen Unbekannten. Der Arzt wusste, dass er so schnell wie möglich das Vertrauen der jungen Frau gewinnen musste, ansonsten hatte er keine Chance, ihr zu helfen. Ben stand schon oft vor einer solchen Situation. Oft war es schwierig, seinen Patienten vor einer Operation das Gefühl zu geben, bei ihm in guten Händen zu sein. Sie strahlten fast so etwas wie Todesangst aus - Angst, nicht mehr aus der Narkose zu erwachen. Aber es gab auch immer wieder andere Patienten, die das gelassen sahen. Nach außen hin zeigten sie große Stärke - wollten nicht als Feiglinge dastehen - aber innerlich kämpften sie mit sich selbst und der schrecklichen Angst. Für Ben war es mit jedem neuen Patienten eine neue Herausforderung.
