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Das vorliegende Buch enthält eine besondere Sammlung wilder Punk-Anekdoten, hanebüchenen Unsinns und nachdrücklicher Schellen. Durch diese Geschichten werden die Ausbildungsjahre des Autors, diverse Ausflugsfahrten oder Verfolgungsjagden und ehemalige Arbeitskollegen unvergesslich. Immer mit dabei: Ein gesunder Abstand zu Erlebtem und viel Humor, um unhaltbare Zustände in Unterhaltung zu verwandeln.
Publikum und Leser_innenschaft bleibt gelegentlich das Lachen im Halse stecken. Das liegt nicht nur am Gefühl des Ertapptwerdens, sondern auch daran, dass die Geschichten nicht nur lustig sind. Sie bieten, neben der beißenden und schönen Verachtung für so Einiges, einen kleinen Einblick in das Leben vieler Menschen in Ostdeutschland nach der Wende.
Was auf den Lesungen bisher in einem Raum voller Unterhaltungshungriger und einem Autor mit Entertainment-Potential nicht ganz so gewaltig zuschlägt, passiert beim Lesen zu Hause: eine intensive Begegnung mit einer brutalen Lebensrealität.
Manche Geschichten entfalten eine größere Ernsthaftigkeit – und das steht ihnen gut. Es gibt extrem viel guten Nonsens auf den folgenden Seiten, aber eben nicht nur.
[...]
Aber es sind keine Geschichten, die Mitleid wecken oder irgendwen sensibilisieren wollen. Sie sind einfach. Ohne moralische Absicht. Frei heraus. Angetreten um zu unterhalten, zum Lachen zu bringen oder zum Schweigen. Wer nicht über sich selbst lachen kann oder die eigenen politischen Ideale, ist hier falsch.
Liebevoll gepflegter Klassenhass und die Verachtung für die Idee, Lohnarbeit verrichten zu müssen, lassen mein Herz höher schlagen und stellen ebenso die Hingabe vieler Linker an den akademischen Betrieb in Frage.
Mögen quasi viele derer irgendwie die Geschichten lesen und sich sozusagen zu Herzen nehmen.
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Veröffentlichungsjahr: 2023
Punk, Antifaschist, Rasenpfleger
Geboren und aufgewachsen in Eisenach zwischen Plattenbauten, Weltkulturerbe, Nazi-Terror und wunderschönen Landschaften. Relativ erfolgloser Abschluss der Hauptschule und Abbruch einer Lehre als Plastikmodellierer. Kein Studium in Gießen. Dafür Punkrock, Müßiggang und Nazis ärgern. Umzug nach Leipzig. Geldsorgen, Kioskknechtschaft und eine toxische On-Off-Beziehung mit dem Jobcenter. Nun Realisierung des unrealistischen Traumes, mit dem Wort „Autor“ auf der Visitenkarte anzugeben.
Das vorliegende Buch enthält eine besondere Sammlung wilder Punk-Anekdoten, hanebüchenen Unsinns und nachdrücklicher Schellen. Durch diese Geschichten werden die Ausbildungsjahre des Autors, diverse Ausflugsfahrten oder Verfolgungsjagden und ehemalige Arbeitskollegen unvergesslich. Immer mit dabei: Ein gesunder Abstand zu Erlebtem und viel Humor, um unhaltbare Zustände in Unterhaltung zu verwandeln.
Publikum und Leser_innenschaft bleibt gelegentlich das Lachen im Halse stecken. Das liegt nicht nur am Gefühl des Ertapptwerdens, sondern auch daran, dass die Geschichten nicht nur lustig sind. Sie bieten, neben der beißenden und schönen Verachtung für so Einiges, einen kleinen Einblick in das Leben vieler Menschen in Ostdeutschland nach der Wende. Was auf den Lesungen bisher in einem Raum voller Unterhaltungshungriger und einem Autor mit Entertainment-Potential nicht ganz so gewaltig zuschlägt, passiert beim Lesen zu Hause: eine intensive Begegnung mit einer brutalen Lebensrealität. Manche Geschichten entfalten eine größere Ernsthaftigkeit – und das steht ihnen gut. Es gibt extrem viel guten Nonsens auf den folgenden Seiten, aber eben nicht nur.
Einen kurzen Aufwind im medialen Diskurs bekamen die 1990er Jahre vor einiger Zeit, als unter dem Hashtag #baseballschlägerjahre viele Berichte erschienen, die einen schmalen Eindruck lieferten, was nach der Wende auf den Straßen in unzähligen Städten und Dörfern der ehemaligen DDR passierte. Diese Zeilen hier entstehen am Jahrestages des Mordes an Oleg Valger. Der damals 27-Jährige wurde 2004 in Gera von Neonazis brutal mit Tritten, Hammerschlägen und Messerstichen getötet. Wie nah diese Erlebnisse rücken können, wird in einigen Geschichten spürbar. Für Leser_innen im Osten nichts Neues, das Westpublikum ist schockiert.
Aber es sind keine Geschichten, die Mitleid wecken oder irgendwen sensibilisieren wollen. Sie sind einfach. Ohne moralische Absicht. Frei heraus. Angetreten um zu unterhalten, zum Lachen zu bringen oder zum Schweigen. Wer nicht über sich selbst lachen kann oder die eigenen politischen Ideale, ist hier falsch. Liebevoll gepflegter Klassenhass und die Verachtung für die Idee, Lohnarbeit verrichten zu müssen, lassen mein Herz höher schlagen und stellen ebenso die Hingabe vieler Linker an den akademischen Betrieb in Frage. Mögen quasi viele derer irgendwie die Geschichten lesen und sich sozusagen zu Herzen nehmen.
Fine, Januar 2023
Den ganzen Tag bin ich schon aufgeregt.
Papa holt mich heute Nachmittag aus dem Kindergarten mit dem neuen Auto ab. Ein blauer Trabi.
Zehn Jahre hat er auf ihn gewartet. Nächtelang schwarz irgendwo auf dem Bau gearbeitet, um die zehntausend Mark zusammenzubekommen.
Hätte er gewusst, dass er sich ein Jahr später auch 'ne Westkarre hätte kaufen können ...
Aber das konnten damals alle schlauen, selbstverliebten Politikwissenschaftler der ganzen Welt nicht voraussehen.
Dass der Staatssozialismus, der hässliche kleine Bruder des noch hässlicheren Kapitalismus im Herbst den Arsch hoch machen würde.
Unser Familienfahrzeug war bis dato das grüne Simson-Star-Moped.
Ein wunderschönes Stück Technik, das ich acht Jahre später mit zwei Vollidioten kaputt reparieren würde.
Aber das gehört erst mal nicht hierher.
Den ganzen Tag prahle ich vor den anderen Kindern und den Erzieherinnen herum, dass ich heute mit dem Auto abgeholt werde und halte die Vorfreude nicht mehr aus.
In meiner Hosentasche habe ich mein Matchbox-Feuerwehrauto versteckt. Ein wohl gehüteter Schatz.
Es war eines von vier Matchern, deren stolzer Besitzer ich war. Geschenke von Leuten mit Westverwandtschaft.
Wenn die Erzieherinnen so etwas entdeckten, kassierten sie ihn ein. Und die Eltern konnten sie erst nach einer Strafpredigt, wieso die Kinder mit dem Spielzeug des Klassenfeindes protzten, wieder abholen.
Das wollten sich viele nicht antun und die Autos wanderten zu den Kindern der Erzieherinnen.
In der Kleinejungenwelt waren die Matcher so wertvoll wie ein Goldbarren.
Immer wenn ich mit Opa Hugo durch den Bahnhof ging, schauten wir in den Intershop, in dem man für Westgeld alles kaufen konnte, und drückten uns die Nasen platt.
Dort gab es dutzende Matcher und kleine Plastikschlümpfe, Maoam und weiße Schokolade.
Aber wie gesagt nur für Westgeld.
Kein Wunder, dass die Arbeiter und Bauern einen unbändigen Konsumhunger entwickelten – wie ein Esel, dem man solange eine Möhre vor die Nase hält, bis er die Schnauze voll hat, nicht mehr hinterhertrabt und stattdessen den Zaun eines Möhrenfelds am Wegesrand niedertrampelt, um seinen Appetit zu stillen.
Endlich ist es Nachmittag. Papa kommt. Wir gehen raus, es regnet. Obwohl es kalt ist und es eigentlich schneien müsste.
Wir kommen zum Auto und es ist nicht blau. Papyrus heißt dieser Farbton. Nicht mehr weiß, aber noch nicht grau. Bei den blauen Wagen entstand ein kleiner Lieferengpass und mein Vater hätte noch sechs Monate länger warten müssen.
Dann doch lieber der papyrene Trabi. Innen riecht er sehr gut nach neuem Auto. Das lange Warten hatte für die Familie ein Ende.
Das heißt, ich hatte bis jetzt nur sechs Jahre gewartet und das auch noch ohne es zu wissen.
Wir fahren in die Stadt. Mutti von der Arbeit abholen. Auf dem Weg nach Hause sinkt die Temperatur unter null Grad und die Straßen werden zur Eisbahn.
Mit Schrittgeschwindigkeit erreichen wir unser Plattenbauviertel in Eisenach-Nord. Im Volksmund Kuhgehänge genannt.
Weil es wie ein Euter an die Kuhstadt Eisenach gebaut wurde. So die Erklärung für den ausgefallenen Namen. Fragt mich nicht.
Als wir in der Wohnung ankommen, fällt der Strom aus.
Im batteriebetriebenen Kofferradio wird gesagt, dass der Eisregen einige Stromleitungen zum Einsturz gebracht hat. Und fieberhaft daran gearbeitet wird.
Das mochte ja stimmen.
Aber der helle Lichtschein hinter den Geisköpfen und dem Ramsborn, zwei Hügeln im Eisenacher Westen, zeigte, dass der Strom nicht überall ausgefallen war.
Als Kind dachte ich immer, dass es in der BRD sehr hell sein musste und die Leute sehr gute Rollos bräuchten zum Schlafen.
Weil immer gesagt wurde: Dort hinten ist Westdeutschland, nur wenige Kilometer hinter dem Kuhgehänge.
Der Westen, eine abstrakte, viel zu helle Welt voller Matchbox-Autos, Alfs und Pumuckels.
Das helle Licht rührte natürlich von den Flutlichtmasten am Grenzübergang und dem Todesstreifen her, der das Werratal und die Welt teilte.
In Eisenach gab es deswegen immer Stromschwankungen. Wenn Durchbruchsalarm war, liefen alle Scheinwerfer auf volle Pulle. Wir hatten an unserem Fernseher einen kleinen Kasten, der die Stromschwankungen ausglich, sonst wäre die Kiste irgendwann kaputtgegangen.
Obwohl ich klein war, kann ich mich an Vieles erinnern.
Vielleicht weil es noch ein bisschen heile Welt war, die schnell untergehen würde im Übergang in die schrecklichen neunziger Jahre. In denen alle auf einmal merkten, wie grau und kaputt das Land war und Zukunftsangst und Gewalt die Straßen regierten.
Der Frühling kam und wir bastelten im Kindergarten bemalte Papierfähnchen für den 1. Mai. Ich malte eine schöne DDR-Fahne und eine rote Arbeiterfahne und wurde sogar von der Erzieherin gelobt.
Zwei Wochen vorher hatte sie meinen Eltern einen Brief auf die Rückseite eines Bildes geschrieben.
Wir sollten einen Wartburg malen, aber mein Auto sah so aus wie eine rollende Mülltonne, ungefähr so wie die Autos heutzutage.
In dem Brief hieß es, dass ich zu doof sei und Formen nicht erkennen könne und sie sich Sorgen mache, dass ich im sozialistischen Wettbewerb nicht bestehen könne. Weil ich das viereckige Auto nicht malen konnte.
Danach musste ich zu Hause einen ganzen Tag üben, wie man einen Wartburg malt. Den kann ich heute noch im Schlaf zeichnen.
Diese Erzieherin sprach die meisten Kinder mit ihren Nachnamen an. Wenn man beim Mittagessen den Teller nicht aufessen wollte, musste man so lange sitzenbleiben, bis der Teller leer war. Vor einem Teller Kartoffeln mit Quark saß ich einmal einen ganzen Nachmittag, bis meine Mutter mich abholte.
Während die anderen Mittagsschlaf machten, saß ich draußen an dem Esstisch und starrte auf die verkackten Kartoffeln mit Quark, in dem nach und nach Blattläuse landeten und andere Insekten.
Am 1. Mai ging ich mit meiner Mutter zur Demo.
Ich schämte mich ein bisschen für die selbst gemalte Fahne, weil die anderen so schöne Stofffahnen und Transparente hatten.
Ich verstand zwar nicht, um was es da eigentlich ging, aber alles war schön bunt. Wir kamen an einer Tribüne vorbei, auf der sich viele graue Opas mit Hipsterbrillen stapelten, ich winkte den seltsamen Opas zu. Und sie winkten zurück.
Sie hätten sich nicht träumen lassen, dass es sich schon sehr bald ausgewunken hatte.
Der Alltag war sehr militarisiert.
In und um Eisenach befanden sich damals vier Truppenübungsplätze, drei von der NVA und Grenztruppen und von der Roten Armee. Wegen der Nähe zur Grenze.
Falls der Westen angegriffen hätte, wären wir als erste dran gewesen.
Direkt hinter unserem Wohngebiet befand sich ein Schießplatz. Manchmal wurde ich vom Geballer wach, wenn bei einer Großübung hunderte MPs knatterten und Übungsgranaten explodierten.
Dann hatte ich immer Angst und kroch zu meinen Eltern ins Bett.
Im Kindergarten spielten wir mit Bauklötzen, Teddys und Panzern.
Zum Tag der Nationalen Volksarmee besuchten wir die Grenztruppen in der Kaserne und durften uns in Panzerwagen setzen. Ich zog mir eine Vollgummigasmaske über und kriegte Panik als ich sie nicht vom Kopf bekam.
Auf den Straßen waren überall Uniformen präsent. Von den Grenztruppen, Volkspolizei, Grenzpolizei, Zoll und die Russen mit ihren riesigen Schirmmützen.
Im Sommer fehlten auf einmal viele Kinder im Kindergarten und als ich bei meinem Freund Kai klingelte, um mit ihm auf den Spielplatz zu gehen, machte niemand mehr auf.
Meine Mutter sagte mir, dass die alle „abgehauen“ sind über die Felder in Ungarn.
Ich konnte damit nichts anfangen.
Abends hörte ich, wie meine Eltern sich darüber unterhielten, ob wir auch abhauen sollten. Wir blieben.
Im Hauseingang nebenan war eine Familie geflüchtet und hatte ihre kleine Tochter alleine in der Wohnung zurückgelassen. Krasse Nummer.
Am ersten September kam ich in die Schule, in die 15. Polytechnische Oberschule Friedrich Engels.
In der Aula sang ein Pionierchor Arbeiterlieder und ein finsterer Typ betrat die Bühne.
Das musste der Genosse Direktor sein. Er hielt eine Rede, die ich inhaltlich als auch akustisch nicht so recht verstand. Mein Vater murmelte unentwegt Sachen wie: „Die Rote Sau!“
Er war auch schon der Klassenlehrer meines Vaters gewesen und der konnte sich noch gut erinnern, dass er von ihm einen Tadel vor der ganzen Schule kassiert hatte, weil er es gewagt hatte stehenzubleiben, während die anderen in der Hofpause wie im Knast im Kreis gehen mussten.
Die Schule machte Spaß. Wir lernten Lesen, Rechnen und dass es keinen Gott gibt.
Weil die Kosmonauten im Himmel nachgeschaut hatten und da war keiner. Wir sollten die zwei Christen aus unserer Klasse trotzdem nicht diskriminieren.
Ich freute mich darauf, Jungpionier zu werden und endlich beim Fahnenappell auf dem Schulhof nicht mehr ohne Uniform dazustehen.
Wenn die Parole kam: „Pioniere seid bereit!“,
brüllten wir die Antwort: „Immer bereit!“, mit.
Aber wir waren noch keine Pioniere. Der Pioniergeburtstag sollte, glaube ich, im Dezember sein. Der einzige Makel war, dass ich dazu ein weißes Hemd tragen musste und ich hasste Knöpfe wie die Pest.
Eines Tages war ich mit meiner Mutter in der Stadt einkaufen.
Auf dem Markt standen Leute mit Transparenten und Kerzen in den Händen.
Fast wie am 1. Mai.
In den Seitengassen standen Polizei-LKW und Polizisten mit Helmen und Schilden. So etwas hatte ich noch nie gesehen. Meine Mutter zog mich schnell weiter und wir stiegen in den Bus nach Hause.
Als Kind kriegst du noch nicht mit, wenn um dich herum gerade Geschichte geschrieben wird.
Alles was passiert ist normal und nicht wirklich ungewöhnlich.
Wie heute: Der Faschismus schleicht sich an, aber wir leben unser kleines Leben.
Auch der berühmte 9. November passierte einfach so.
Mein Vater las meiner Schwester und mir gerade ein Buch vor. Es war „Die Ameise Ferdinand“, eines meiner Lieblingsbücher.
Plötzlich kam meine Mutter hereingestürmt und schrie: „Wir fahren nach drüben! Los zieht euch an!“
Mein Vater sah sie an, als hätte sie den Verstand verloren und fragte nur: „Hä? Spinnst du?“
Sie schüttelte den Kopf und sagte: „Nein die haben es gerade im Fernsehen gesagt. Die Grenze ist offen!“
Wir gingen ins Wohnzimmer. Im Flimmerkasten wurde immer wieder eine Sequenz gezeigt, wie ein wirrer Typ mit grauem Anzug irgendwas mit Reisefreiheit murmelte.
Wir wurden wieder ins Bett geschickt.
Am nächsten Morgen liefen im Fernsehen Bilder von Leuten, die auf der Berliner Mauer tanzten und lange Schlangen mit Trabis, Wartburgs, Ladas und Škodas am Grenzübergang Wartha-Herleshausen.
Direkt hinter dem Berg, wo es immer so hell war, hinter unserm Plattenbau spielte Weltgeschichte. Ich schaute aus dem Fenster, von dem ich die Autobahn sehen konnte und sah den ersten Stau meines Lebens.
In Richtung Hessen standen die Autos kilometerweit. Vorher kamen nur wenige Autos Richtung Grenze, und wir Kinder machten uns den Spaß und rannten auf der Autobahn zwischen den Autos immer hin und her.
Bis uns ein Mann erwischte und sagte er wüsste, wie wir heißen und er es der Polizei erzählen würde.
Dann ließ er uns gehen. Ich hatte noch jahrelang Angst, dass die Polizei irgendwann bei uns klingelt und meinen Eltern das mit der Autobahn erzählt.
Meine Eltern hatten beschlossen, noch bis zum Wochenende zu warten, um nach Drüben zu fahren. In der Zwischenzeit besuchten wir die Dörfer, die im Zehnkilometersperrgürtel an der Grenze lagen und nur mit Passierschein betreten werden konnten.
Erstmal herantasten.
Ich hielt es vor Aufregung nicht aus.
Wir fuhren wirklich ins Land der Matchbox-Autos, der Alf-Puppen und der weißen Schokolade!
Wo alle Leute Porsche fahren und alles toll ist.
Dort gab es das, was wir uns im Intershop immer nur anschauen, aber nicht kaufen konnten. Weil wir kein Westgeld hatten.
Samstagmorgen war es soweit, wir fuhren nach Kassel. Wir hatten keine Ahnung, was für eine Stadt das war.
Meine Eltern kannten sie von der ZDF-Wetterkarte, also musste das wohl eine Großstadt sein und sie war nur 60 Kilometer entfernt. Wir ordneten uns an der Autobahnauffahrt Eisenach-West ein und standen direkt zwei Stunden im Stau.
Nun sahen wir die Grenze das erste Mal aus der Nähe. Das heißt, mein Vater kannte sie schon, er hatte seinen Wehrdienst an der Berliner Mauer gemacht.
Riesige Flutlichtmasten leuchteten alles aus. Überall Wachtürme und Stacheldraht. Wir passierten ungefähr zehn Schlagbäume und Panzersperren bis wir zur Passabfertigung kamen.
In einem Häuschen, das aussah wie ein mit Neonröhren beleuchtetes Kasperletheater.
Ein grimmiger Grenzbulle erwartete uns. Er stempelte die Pässe und winkte uns verächtlich weg.
Auf der großen Brücke, die wir bis jetzt immer nur vom Turm der Wartburg aus gesehen hatten, war ein Wegweiser angebracht. Auf dem stand: „Republikflüchtlinge nach da“.
Der Pfeil führte in den Abgrund, diese Spaßvögel.
Wir erreichten den Grenzübergang im Westen. Dort standen Kamerateams. Der hessische Ministerpräsident Hans Eichel warf Chipstüten und eine Straßenkarte der BRD in die Autos. Sachen für umsonst. Die wussten, welches Knöpfchen sie drücken mussten.
An der ersten Abfahrt im Westen fuhren wir ab und hielten an. Mein Vater sprang wie Rumpelstilzchen auf dem Asphalt auf und ab und schrie: „Wir sind im Westen, wir sind Drüben!“
Als der Morgen graute, erreichten wir Kassel.
Aha, sieht ja aus wie bei uns, graue Plattenbauten am Stadtrand.
Der erste Laden, den meine Eltern ansteuerten, war ein Sanitärfachgeschäft, in dem mit leuchtenden Augen Klodeckel gehoben und Wasserhähne inspiziert wurden.
Saulangweilig. Aber es es gab Werbegeschenke: Ein Schlüsselanhänger in Toilettenform. Und einen Ball.
Danach ging es zum Rathaus, Begrüßungsgeld abholen.
Den Weg dahin wies uns eine kilometerlange Schlange aus Leuten in Synthetikanoraks.
Nach Stunden des Wartens und Schiebens und Drückens hielten wir 200 Mark in den Händen.
Auf ging es in den ersten Supermarkt.
Unterwegs fiel uns ein mysteriöser Kasten an der Wand auf. Ein Kaugummiautomat. Nur wo war der Münzschlitz?
Eine vorbeikommende Passantin zeigte uns, wie das Gerät funktionierte. Die Münze muss oben rein und dann der Griff gedreht werden. Peinlich.
Das zweite Highlight war die Lichtschrankentür. Die war auch im Westen noch relativ neu, aber die Einheimischen hatten sich schon daran gewöhnt.
Dort hatte sich eine Traube von Ossis gebildet. Und wie von Zauberhand ging die Tür auf und dann wieder zu und wenn man zu schnell ging, knallte man mit der Nase dagegen.
So viel Spaß kostenlos!
Neben mir erbrach sich ein Junge. Ein gelber Brei, der verdächtig nach Banane roch.
Als wir genug hatten von der Lichtschrankentür, erwartete uns die nächste Hürde.
Meine Landsleute versuchten die Einkaufswägen durch das Drehkreuz zu schieben, dabei verkeilte sich ein Wagen. Also krabbelten wir durch diesen Durchgang für die Körbe in den Markt.
Dann Ansturm auf die Südfrüchte. Meine Mutter hielt eine Kiwi hoch und sagte, dass sie noch nie eine Kartoffel mit Pelz gesehen hatte.
Wir kauften viele exotische Sachen und ich bekam einen Karton voll Spielzeugautos aus Metall, nicht wie bei uns aus Plastik. Nun konnte ich sterben. Alles war erreicht, was man erreichen kann.
Von Fruchtzwergen und Coca Cola musste ich hingegen die ganze Nacht kotzen, das setzte sich auch die nächsten Wochen fort. Zu viele neue Farbstoffe und Lebensmittelchemie.
Eine verrückte Zeit.
Eine Woche später fuhr ich mit meinem Onkel, meinem Vater und meinem Opa los, um Kasse zu machen.
Wir fuhren im Morgengrauen über die Bayerische Grenze und sackten das Begrüßungsgeld ein. Danach ging es nach Hessen und dann wieder in einem Schlenker nach Niedersachsen.
In jedem Land 100 Mark pro Kopf. Irgendwie gab es keine Kommunikation zwischen den Bundesländern. Und so wurde irgendwann jedem, der einen DDR-Perso hinhielt, einfach 100 Mark ausgeteilt.
Und das sind die Leute, die heute was von kriminellen Ausländern erzählen!
Diese Story bringe ich gerne auf den Tisch, wenn sich bei Familienfeiern die Dummheit wieder hochschaukelt.
Fast ein Jahr später kam die Vereinigung und alle freuten sich 'nen Ast.
Es war wie Silvester, nur im Oktober. Punkt zwölf gingen überall Raketen in die Luft.
Gegenüber in dem Haus wohnten Arbeiter aus Kuba und Mosambik.
Dorthin zog nun die freudentrunkene Menge, schrie „Sieg Heil“ und beschoss das Haus mit Raketen. Erste Fenster gingen zu Bruch.
Bei den Kubanern gab es sehr viele gute Boxer und die hielten sich das Pack so gut wie es ging vom Hals.
Die Bullen ließen sich erst nach einer Stunde blicken, aber vertrieben dann halbherzig den Mob.
Ich wurde ins Bett geschickt, konnte aber wegen des Lärms nicht schlafen. Nachdem die Nazis vom Heim abzogen, standen sie an der Bushaltestelle bei uns gegenüber und grölten Parolen.
Wie ein Mantra plärrten sie: „Deutschland den Deutschen, Ausländer raus!“
Das ging die nächsten Nächte so weiter. Das alles ein Jahr vor Hoyerswerda. Diese Szenen spielten sich überall in der Zone ab. Willkommen in den ekelhaften Neunzigern.
Sie hatten ihr Land für Pornos und Farbfernseher verkauft und rächten sich nun an Leuten, die gar nichts dafür konnten.
Fortsetzung folgt …
Die Geschichte, die ich jetzt erzähle, ist genauso passiert. Zumindest zu 90 Prozent. Aufgrund der langen Zeit, die seit damals schon vergangen ist, könnte ich etwas vergessen haben oder mich falsch erinnern.
Wir schreiben das Jahr 1999. Ich war sechzehn und hatte einen schlechten Hauptschulabschluss in der Tasche, mir standen also alle Tore offen ...
Meine Bemühungen um eine Lehrstelle führten erst mal zu nichts.
Ehrlich, ich war stets bemüht.
Eines schönen Morgens eröffnete meine Mutter mir freudestrahlend, dass sie mir ein Vorstellungsgespräch klargemacht hatte, in irgendeiner Fabrik als „Mechaniker für Gummi oder so“.
Wow, genau mein Ding.
Sie hatte im Radio die Stellenbörse von Antenne Thüringen gehört. Das sollte verboten werden.
Also ab ins Auto und in ein kleines Kaff bei Eisenach gefahren.
Der Geschäftsführer schien nett zu sein, mein Zeugnis schaute er sich nicht mal an. Er hätte wahrscheinlich auch einen Besenstiel mit einem Fußball als Kopf eingestellt.
Die Suche nach einem Lehrling war ihm einfach lästig und für 350 Mark im ersten Lehrjahr konnte er auch nicht viel falsch machen.
