Ladies' Lunch - Lore Segal - E-Book

Ladies' Lunch E-Book

Lore Segal

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Beschreibung

Fünf Freundinnen, alle um die Neunzig, treffen sich zu ihrem monatlichen Ladies' Lunch, um über die Rätsel und Kränkungen des Alterns zu beratschlagen und zu lachen. Als eine von ihnen unglücklich in einem Altersheim untergebracht wird, verschwören sich die anderen, um sie zu befreien. Lore Segals titelgebende Kurzgeschichte Ladies' Lunch erschien erstmalig 2017 im New Yorker, als Segal neunzig Jahre alt wurde. Es folgten weitere Fortsetzungen. Für diesen Band kamen fünf weitere Geschichten hinzu, die humorvolle und warmherzige Einblicke in Freundschaft und Sterblichkeit gewähren. Sie stammen aus Segals preisgekrönten Oeuvre, die andere Momente in ihrem langen Leben beleuchten – eine davon handelt von einer Kindertransport-Geflüchteten, wie sie selbst eine war.

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EPUB
MOBI

Seitenzahl: 124

Veröffentlichungsjahr: 2023

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Die Originalausgabe erschien 2023 unter dem TitelLadies’ Lunch bei Sort Of Books, London.

© 2023 Lore Segal

Siehe Publikationsgeschichte für Originalveröffentlichungen

Deutsche Erstausgabe

© 2023 für die deutschsprachige Ausgabe

NAGELUNDKIMCHE in der

Verlagsgruppe HarperCollins Deutschland GmbH, Hamburg

Covergestaltung von Dominic Wilhelm

Coverabbildung von Maciej Bledowski / Shutterstock

E-Book-Produktion von GGP Media GmbH, Pößneck

ISBN E-Book 9783312013104

www.nagel-kimche.ch

Widmung

Dieses Buch ist den »Ladies« gewidmet, die in Wirklichkeit und in meiner Fantasie existieren – Dee, Inea, Leina, Sheila und Susan

Lore Segal, New York, im Januar2023

1 Ruth, Frank und Dario

Im Februar fand der Ladies’ Lunch in der Wohnung von Ruth am Riverside Drive statt. »Ladies’ Lunch« wird mit Anführungszeichen ausgesprochen. Über mehr als dreißig Jahre sind die fünf Frauen miteinander alt geworden. Ungefähr jeden Monat haben sie sich bei einer von ihnen zum Mittagessen getroffen. Ruth, Bridget, Farah, Lotte und Bessie sind langjährige New Yorkerinnen. Sie stammen zwar ursprünglich aus Kalifornien, dem irischen County Mayo, Teheran, Wien und der Bronx, aber diese Wurzeln kommen kaum mehr zum Vorschein.

»Ihr wisst ja«, sagte Ruth, »dass wir die Menschen sind, die einander ihre Geschichten erzählen. Nun, heute habe ich eine Geschichte für euch.«

»Wunderbar!«, sagte Lotte.

»Sehr gut«, sagten Farah und Bessie.

»Eigentlich mehrere Geschichten«, meinte Ruth. »Und am Ende gibt es ein Rätsel.«

»Fabelhaft«, sagte Bridget.

Ruth begann zu erzählen: »Bei Sylvia fand eine Party statt, die eigentlich eine Schiv’a für ihre Cousine war. Sylvia kam zu mir und fragte mich, ob sie mir einen Sessel holen sollte. »Danke, das ist sehr nett von dir«, sagte ich. »Ich finde schon einen, wenn ich mich hinsetzen will.«

»Kann ich dir ein Getränk bringen?«, fragte sie.

»Sylvia!«, sagte ich. »Ich komme schon allein zurecht, wirklich! Den Stock habe ich nur, um das Gleichgewicht zu halten.«

»Soll ich einfach aufhören, um dich herumzuschwirren, und das Weite suchen?«

»Du musst nicht das Weite suchen.« Wir lachten beide, und Sylvia fragte mich, ob es in Ordnung sei, dass sie Frank meine Nummer gegeben hatte. Er könne es kaum erwarten, mit mir zu sprechen.

»Frank? Von welchem Frank sprechen wir?«

»Ruth, du kennst doch Frank Bruno.«

»Ach ja, Frank Bruno. Nur heißt er bei mir immer Bruno Frank.«

»Frank arbeitet in einer Galerie in Chelsea und wollte mehr über deinen alten Freund und Klienten Dario d’Alessi herausfinden. Deshalb wollte er mit dir reden.«

»Wieso kommt er nicht einfach her und redet mit mir?«

»Er sagt, er habe Angst vor dir«, meinte Sylvia.

Ich war genervt. »Das ist ein vollkommener Unsinn. Was soll das überhaupt heißen? Wo ist er?«

»Da drüben«, sagte Sylvia. »Er geht gerade.«

Ruth ärgerte sich darüber, dass sie auf Franks Anruf wartete, erzählte sie ihren Freundinnen beim nächsten Ladies’ Lunch. Die Aussicht darauf, jemandem ihre alten Geschichten über Dario erzählen zu können, hatte ein Fenster in einen wichtigen Abschnitt ihrer Lebensgeschichte geöffnet. Sie rief Sylvia an und bat sie um Brunos Nummer.

»Bruno?«, fragte Sylvia. »Von welchem Bruno sprechen wir?«

»Frank, natürlich, Frank Bruno. Der, der mit mir sprechen will.«

Ruth rief ihn an, hängte aber gleich wieder auf, weil sie sich in jenem Moment nicht daran erinnern konnte, ob sie Bruno oder Frank anrief. Frank. Sie wählte noch mal. »Frank, hier spricht Ruth. Ihre Nachforschungen über Dario d’Alessi haben mir all diese Geschichten wieder ins Gedächtnis gerufen.«

Frank sagte: »Großartig! Genau das hatte ich gehofft! Ich habe Sie gegoogelt. Sie waren Dario d’Alessis Rechtsanwältin.«

»Ja, das war ich«, erzählte ich ihm. »Ich habe mich um den Papierkram für seine Angestellten gekümmert, die ihm dabei geholfen haben, eine seiner Skulpturen zu fabrizieren. Fabrizieren – diesen Ausdruck verwendete er tatsächlich. Ich bin mit ihm in ein Dorf außerhalb von New York gefahren, und wir kamen zu einer Art Hangar, wo Männer an einer 6 Meter hohen schwarzen Locke arbeiteten. Ich war so glücklich damals. Ich liebte es, den Handwerkern zuzuhören.«

»Mein Gott!«, meinte Frank. »Wie haben Sie ihn kennengelernt?«

»Ich war eins von den Groupies, die um ihn herumschwirrten, wenn er nach New York kam«, erzählte Ruth. »Ein paar Jahre später habe ich ihn in seinem Haus in den italienischen Alpen besucht. Es ähnelte einem Höhlenhaus von Mesa Verde, wenn Sie sich ein Bauhausgebäude vorstellen können, das in eine italienische Felswand gemeißelt wurde. Kannten Sie ihn?«

»Ich? Nein!«, sagte Frank. »Ich habe ihn einmal aus einem Restaurant auf der East 17th Street kommen sehen und bin ihm einige Straßen weiter gefolgt. Er ging in einen Supermarkt, und ich beobachtete ihn durch das Fenster. Und er kam wieder heraus, ging in eine Weinhandlung und kaufte eine Flasche. Dann nahm er einen Bus Richtung Westen.«

»Der Gedanke, dass Dario das alles tat, während er auf dem Weg zu mir war, verursacht mir noch nachträglich eine Gänsehaut«, meinte Ruth zu ihren Freundinnen. »Als würde man eine Szene mitverfolgen, die sich vor dreißig Jahren abgespielt hat. Aber dann sagte Frank, er sei damals zwanzig gewesen und zu schüchtern, um Dario zu sagen, dass ihn dessen Ausstellung begeistert hatte. Also muss es sich um eine frühe Werkschau gehandelt haben, die Jahre vor seiner Einzelausstellung im Guggenheim stattgefunden hatte, und noch bevor ich seine Bekanntschaft gemacht hatte. Ich sagte Frank, dass Dario vielleicht dankbar gewesen wäre. Er erzählte mir oft von der Einsamkeit nach seinen ersten Erfolgen und Besuchen in New York, bevor er Leute gekannt hatte.«

Frank erzählte mir, dass seine Galerie gerade einen d’Alessi angekauft hatte.

»Welchen?«

»Eine Skulptur, die ›Hatch‹ heißt.«

»Wie schön! Ich erinnere mich an sie. Ich erinnere mich auch daran, wie eine ganze Gruppe von uns mit einer Flasche Malbec zusammensaß und versuchte, den neuen d’Alessi zu benennen, damit er nicht wieder ›Ohne Titel‹ hieß. Es musste ein Wort sein, das ›bedeutungsleer‹ war, wie es Clement Greenbergs ausdrückte. Zu jener Zeit hatten wir einen Lieblingscartoon: eine Museumsbesucherin, die sich vor einer Skulptur eines russischen Konstruktivisten eine zarte Träne aus dem Auge streicht. Man muss erst einmal versuchen, ein Wort zu finden, das auf keinen Gegenstand, kein Gefühl und keinen Wert hindeutet, um zu wissen, wie schwer das ist. … Ich wachte damals mitten in der Nacht triumphierend mit dem Wort ›Auftritt‹ im Kopf auf. Gegen ›Auftritt‹ wurde gestimmt, weil es als Gegensatz zu ›Abtritt‹ gedeutet werden kann. Es gibt so viel zu erzählen«, sagte ich.

Frank bezeichnete mich als eine wahre Quelle an Informationen und fragte mich, ob er mich zum Mittagessen ausführen könne, aber an dem vereinbarten Tag musste er verschieben. Ein heilloses Durcheinander in der Galerie. Ich habe ihn stattdessen zu mir auf ein Glas Wein eingeladen.«

Im März trafen sich die Ladies bei Bessie in Old Rockingham zum Lunch. Frank Bruno war nicht zu Ruth auf ein Glas Wein gekommen. Jemand aus der Galerie hatte sie angerufen. Frank wäre auf Dienstreise und würde gleich nach seiner Rückkehr zurückrufen.

»Erzähl uns doch die d’Alessi-Geschichten, die du Frank Bruno erzählen wolltest«, meinten die Freundinnen.

»Es gibt etwas, das ich nicht verstanden habe, als ich Dario einmal besuchte. Ich machte ihn auf einen Mann aufmerksam, einen Bauern, der mit einer kleinen Ziege im Schoß auf den Pflastersteinen des Dorfplatzes saß. Der Mann hielt den Huf des Tieres so, wie man die Hand eines Kindes oder eines jungen Mädchens hält. ›Er bringt diese Ziege zum Schlachten‹, meinte Dario, und ich erinnerte mich später immer daran, so wie man sich an etwas erinnert, das keinen Sinn ergibt.«

»Dario wanderte einmal mit mir in den Bergen«, erzählte Ruth. »Er schritt wie ein Bergsteiger voran und setzte bei gleichbleibender Geschwindigkeit einen Fuß vor den anderen. Ich war ganz erstaunt, als ich ihn überholte. Dann musste ich mich hinsetzen und wieder zu Atem kommen. Er zog indessen schnurgerade an mir vorbei.

Und dann war da die furchterregende Fahrt die Bergstraße hinauf, weil er mir die ältesten Häuser auf dem höchsten Bergzug zeigen wollte. Ihr müsst wissen, dass Dario der schlechteste Autofahrer auf der ganzen Welt war. Auf dem Weg zurück ging uns das Benzin aus. Die statistische Wahrscheinlichkeit ist dort größer, ein Kruzifix am Straßenrand zu finden, das an einen tödlichen Autoabsturz erinnert, als eine Tankstelle. Deshalb fahren die Einheimischen im Gegensatz zu Dario immer mit einem Extrakanister Benzin herum. Dario und ich standen mit der offenen Autotür am Weg, und wir warteten eine Ewigkeit, bis der Lkw eines Milchmanns aufkreuzte. Dieser zweigte genug Benzin von seinem Wagen ab, damit wir zurück nach Altamonte fahren konnten. Dario nahm seine Geldbörse heraus. Mein Italienisch reichte aus, um zu verstehen, dass der Milchmann ›No no no, grazie! Signor Dario, no! Che mi faccia un autografo‹ sagte. Ich fragte mich, wie viele Milchmänner in den Dörfern des Bundesstaates New York lieber eine Unterschrift von de Kooning oder Rothko hätten als ein paar Zwanzig-Dollar-Scheine.«

Beim Mittagessen bei Farah im April berichtete Ruth, dass Frank Bruno wieder einmal abgesagt hatte. Er konnte seinen Frühlingsschnupfen nur schwer loswerden. Die Freundinnen mussten schmunzeln.

»Ärgerst du dich über ihn, Ruth?«, fragte Farah.

»Ich hätte gern ›Nicht doch‹ gesagt, wenn ich euch nicht gerade davon erzählen würde.«

Da es Bessies Mann Colin nicht so gut ging, kam sie im Mai nicht zum Lunch bei Lotte.

Frank musste seinen erwachsenen Sohn irgendeinem heillosen Durcheinander entziehen und war zur letzten Verabredung nicht erschienen.

Daraus ergab sich das Rätsel, dessen Lösung den vier Freundinnen viel Grund zur Spekulation gab.

»Also: Wenn dir jemand von einem heillosen Durcheinander, einem Schnupfen und einem Sohn erzählt, musst du ihm glauben«, sagte Lotte.

»Ich kann mir einen Zwanzigjährigen vorstellen, der zu schüchtern ist, um eine berühmte Persönlichkeit anzusprechen, aber was hält einen New Yorker mittleren Alters davon ab, durch ein Zimmer zu gehen, um eine Frau anzusprechen …«

»Eine alte Frau«, sagte Ruth.

»Bei einer Party in New York«, sagte Lotte.

»Bei einer Shiv’a in New York«, sagte Ruth.

Im Juni trafen sich die Ladies bei Bridget.

Frank hatte es noch nicht zu Ruth geschafft, und Bridget sagte, sie hätte eine Geschichte auf Lager. »Ich habe meine wunderbare zwanzigjährige Nichte Lily gefragt, ob sie sich daran erinnert, dass sie meine Wohnung nicht betreten wollte, wenn meine neunzigjährige Mutter da war. Lily sagte, dass sie sich daran erinnert und dass meine Mutter den Bügel ihrer Brille über dem Ohr anstatt dahinter hatte, und sie sich deshalb fürchtete. Sie erinnert sich daran, dass sie weinen musste und nicht in die Wohnung kommen wollte.«

»Wie alt war Lily damals?«, fragte Lotte.

»Vielleicht sechs?«

»Und wie erklärt das, dass ein erwachsener Mann auf einer Party nicht mit Ruth sprechen will?«

»Bei einer Shiv’a«, sagte Ruth.

»Wieder mal eine Geschichte, die keinen Sinn ergibt«, sagte Bridget.

Bevor alle in die Sommerferien fuhren, trafen sich die Ladies Anfang Juli wieder bei Ruth zum Lunch. Nein, Frank war nicht gekommen. Frank hatte angerufen …

Die Freundinnen begannen zu lächeln.

»Frank hat mir erzählt, dass es in der Wohnung neben ihm gebrannt habe.«

Die Freundinnen begannen zu lachen.

»Vielleicht hat es wirklich gebrannt?«, meine Bridget.

»Gut möglich«, sagte Ruth.

2 Von Martinis und vom Vergessen

»How pleasant the sight of a cheerful old person«

Anonym

»Ich liebe Ihre Stola«, sagte Lotte zu der gut aussehenden alten Frau auf der Party. »So wunderschön.« Die Frau bedankte sich bei Lotte, aber ihre Augen wanderten unbewusst nach links. Sie erkannte Lotte nicht, noch konnte Lotte den identischen Ausdruck auf ihrem eigenen Gesicht verbergen. Auch wenn man ihr das Messer angesetzt hätte, hätte sie nicht sagen können, ob sie den Namen der Frau vergessen hatte oder ob sie ihr überhaupt schon einmal begegnet war. Lotte ging an einem Stock, und die Frau mit der Stola bot ihr an, ihr ein Getränk zu holen.

»Danke, aber im Moment möchte ich nichts trinken«, sagte Lotte zu ihr. »Ich kann mir später selbst ein Glas holen.«

Lotte war froh, Bessie beim Kleiderständer zu sehen und ging zu ihr. »Ich werde meinen Stock hier verstauen«, sagte Bessie. »Sonst stolpern die Leute noch drüber.«

»Du hast es geschafft, von Rockingham hierherzukommen«, sagte Lotte.

»Ich habe es geschafft«, sagte Bessie.

»Wie geht es Colin?«

»Colin geht es gut – gut genug. So lala.«

Bessie musste wissen, dass ihre Freundinnen Colin nicht leiden konnten. Er war der einzige Ehemann, der noch am Leben war. Colin besaß Häuser und Autos, sprach über die schlechte Parksituation und starb an einer langsam fortschreitenden, furchtbaren Krankheit.

»Wer ist die alte Frau mit der roten Stola?«, fragte Lotte Bessie.

»Cynthia«, sagte Bessie, »deine Gastgeberin.« Dem fügte Bessie hinzu, dass sie überrascht war, Lotte zu sehen.

»Wieso bist du überrascht? Das dritte Mal, als ich dich angerufen habe, um dich nach der Adresse zu fragen, warst du berechtigterweise ungehalten.«

»Aber du hast gesagt, du würdest nicht hingehen.«

»Nun, ja«, meinte Lotte, »die Vorstellung, meine Wohnung zu verlassen, führt unmittelbar zu dem Bedürfnis, mit dem Kindle ins Bett zurückzugehen. Eine kleine Agoraphobie, aber ich mag Partys.«

»Wenn du das eine Party nennen willst. Ich hoffe, sie haben hier Martinis.«

»Wieso ist das hier keine Party?«, fragte Lotte und folgte ihrer Freundin, die sich in der schönen Wohnung auszukennen schien.

Ein außergewöhnlich riesiger junger Mann stellte sich ihnen in den Weg. Ein jüngerer Mann auf jeden Fall, der Bessie küsste und fragte: »Hat jemand Cynthia gesehen?«

»Wer war das?«, fragte Lotte Bessie.

»Keine Ahnung«, sagte Bessie. »Er erinnert mich an die Studenten aus den Siebzigerjahren, die hinter ihren Bärten hervorkrochen, um einen zu umarmen.«

»Und wer ist Cynthia?«

»Deine Gastgeberin. Die Frau mit der Stola«, sagte Bessie.

Die alkoholischen Getränke befanden sich in der Küche, wo Bessie in ein Gespräch mit einigen Bekannten verwickelt wurde. Lotte streckte ihre Hand einem alten Mann entgegen, der ganz allein dastand. »Mein verstorbener Mann und ich hatten eine Abmachung«, sagte sie. »Auf jeder Party würden wir mit mindestens einer Person sprechen, die wir nicht kennen.«

»Dann habe ich heute das Glück«, meinte der alte Mann, der ein sympathisches Gesicht hatte.

»Das waren noch Zeiten …«, meinte Lotte.

»Wo Wein in Strömen floss und es Rosen regnete.«

»Ich wollte sagen, das waren noch Zeiten, als ich achtzig Prozent der Leute auf einer Party kannte. Heute kenne ich nur zwei.«

»Dann haben Sie mich um eine Person geschlagen«, sagte er. »Welche zwei kennen Sie?«

»Meine Freundin Bessie, die ich schon seit mehr als einem halben Jahrhundert kenne, und die Frau mit der schönen roten Stola, mit der ich gerade gesprochen habe.«

»Die kenne ich auch. Sie ist meine Schwester«, sagte der Mann. »Ruthie war unsere Tante. Ich bin von Albany reingefahren.«

Sie drehten sich um fünfundvierzig Grad, und der riesige jüngere Mann, der Bessie ins Gespräch geküsst hatte, gesellte sich zu ihnen.

»Wir sprechen von all den Leuten, die wir nicht kennen«, erzählte ihm Lotte.

»Ich arbeite gerade an einem Algorithmus, der die Gesichtsmuskeln des Menschen, mit dem man gerade redet, so deutet, dass man weiß, wer der Mensch ist und woher man ihn kennt«, sagte der jüngere Mann.

Bessie servierte Lotte und sich einen Martini. »Setzen wir uns hin«, sagte sie. »Ich kann nicht so lange stehen.«