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Ein Toter, der vom Himmel fiel, Spionage auf dem Flugplatz und ein Wettrennen um die Vorherrschaft in der Luftfahrt – Lady Hardcastle und Florence Armstrong ermitteln in ihrem 7. Fall.
August 1911: Lady Hardcastle und ihre einzigartige Zofe Florence genießen den Sommer, als ein Unglück die Idylle zerreißt. Ein Fallschirmtest in der örtlichen Flugzeugfabrik läuft schrecklich schief – der Pilot stürzt in den Tod. Lady Hardcastles Bruder Harry ist sich sicher, dass hinter diesem vermeintlich tragischen Unfall mehr steckt. Denn auf dem Flugplatz wurden streng geheime Informationen an ausländische Rivalen weitergegeben. Kurzentschlossen ermittelt das unerschrockene Duo undercover. Da internationale Mächte massiv in die Luftfahrt investieren, steht viel auf dem Spiel. Kann Lady Hardcastle den Schuldigen finden, bevor eine weitere Person sterben muss?
»Diese Reihe gehört mit Sicherheit zu den besten historischen Wohlfühlkrimis, die ich bis dato gelesen habe.« The Book Decoder
Lesen Sie auch die anderen Fälle des charmanten Ermittlerduos wie zum Beispiel »Lady Hardcastle und der Mord am Meer« oder »Lady Hardcastle und der tote Reporter«.
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Seitenzahl: 439
Veröffentlichungsjahr: 2024
Buch
August 1911: Lady Hardcastle und ihre einzigartige Zofe Florence genießen den Sommer, als ein Unglück die Idylle zerreißt. Ein Fallschirmtest in der örtlichen Flugzeugfabrik läuft schrecklich schief – der Pilot stürzt in den Tod. Lady Hardcastles Bruder Harry ist sich sicher, dass hinter diesem vermeintlich tragischen Unfall mehr steckt. Denn auf dem Flugplatz wurden streng geheime Informationen an ausländische Rivalen weitergegeben. Kurzentschlossen ermittelt das unerschrockene Duo undercover. Da internationale Mächte massiv in die Luftfahrt investieren, steht viel auf dem Spiel. Kann Lady Hardcastle den Schuldigen finden, bevor eine weitere Person sterben muss?
Autor
T E Kinsey wuchs in London auf und studierte Geschichte an der Universität Bristol. Er schrieb einige Jahre lang als Journalist für Zeitschriften und Magazine, bevor er der glamourösen Welt des Internets verfiel und bei einer sehr bekannten Unterhaltungswebsite arbeitete. Nachdem er dabei half, drei Kinder großzuziehen, Tauchen lernte und sich beibrachte, Schlagzeug und Mandoline zu spielen, beschloss er schließlich, dass es an der Zeit ist, zum Schreiben zurückzukehren. Zum Glück, denn seine Reihe um die exzentrische Hobbydetektivin Lady Emily Hardcastle und ihre tatkräftige Zofe Florence Armstrong wurde ein Megahit.
Von T E Kinsey bereits erschienen
Lady Hardcastle und der Tote im Wald · Lady Hardcastle und ein mörderischer Markttag · Lady Hardcastle und das tödliche Autorennen · Lady Hardcastle und ein filmreifer Mord · Lady Hardcastle und der tote Reporter · Lady Hardcastle und der Mord am Meer · Lady Hardcastle und der Todesflug
T E Kinsey
Lady Hardcastle und der Todesflug
Kriminalroman
Deutsch von Bernd Stratthaus
Die Originalausgabe erschien 2020 unter dem Titel The Fatal Flying Affair bei Thomas & Mercer, Seattle.
Der Verlag behält sich die Verwertung des urheberrechtlich geschützten Inhalts dieses Werkes für Zwecke des Text- und Data-Minings nach § 44 b UrhG ausdrücklich vor. Jegliche unbefugte Nutzung ist hiermit ausgeschlossen.
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Copyright der Originalausgabe © 2020 by T E Kinsey
This edition is made possible under a license arrangement originating with Amazon Publishing, www.apub.com, in collaboration with Literarische Agentur Hoffman GmbH.
Copyright der deutschsprachigen Ausgabe © 2024 by Blanvalet in der Penguin Random House Verlagsgruppe GmbH, Neumarkter Straße 28, 81673 München
Redaktion: Susann Rehlein
Umschlaggestaltung: www.buerosued.de nach einer Originalvorlage von Thomas & Mercer
Coverdesign: Tom Sanderson
Coverillustration: Jelly London
StH · Herstellung: lor/DiMo
Satz: Vornehm Mediengestaltung GmbH, München
ISBN 978-3-641-31681-5V003
www.blanvalet.de
Inhaltsverzeichnis
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Nachbemerkung des Autors
Newsletter-Anmeldung
1
Lady Hardcastle war im Garten und bot dem neuen Gärtner einen Scone an. Es war unser vierter Sommer in Littleton Cotterell, und wir hatten endlich Jed Halfpenny engagiert, damit er sich um die zugewucherte Wildnis hinter dem Haus kümmerte. Natürlich hatten wir es erst selbst versucht, und Dan, der Ehemann unserer Haushälterin, hatte getan, was er konnte, und das Schlimmste verhindert, aber es brauchte wirklich die liebevolle Fürsorge von jemandem, der tatsächlich wusste, was er tat. Und dieser Jemand war, wie ich schon eine ganze Weile vorgeschlagen hatte, Jedediah Halfpenny.
Wir hatten ihn kurz nach unserer Ankunft im Dorf kennengelernt. Er hatte uns wertvolle Informationen geliefert, mit deren Hilfe wir den Mörder eines Farmers festgesetzt hatten, der am Markttag über seiner Rindfleisch-Pilz-Pastete gestorben war. Jed wohnte in einem Wagen im Wald und lebte zum Großteil von den Früchten des Waldes und gelegentlicher Wilderei. Mir war er stets wie der ideale Kandidat vorgekommen, sich um den Garten zu kümmern.
Als ich jetzt zu ihm kam, lehnte er sich auf einen Spaten und lauschte geduldig Lady Hardcastle, die ein Loblied auf die Scones sang.
»Sie sind wirklich köstlich. Ich weiß, ein Scone ist für sich genommen kein kulinarisches Wunderwerk, aber Miss Jones kann tatsächlich zaubern oder so etwas. Probieren Sie einen.«
»Danke, Ma’am«, erwiderte Jed. »Das tu ich gern.«
»Flo ist derselben Meinung, nicht wahr, Liebes?«
»Welcher Meinung, Mylady?«, antwortete ich.
»Dass Miss Jones’ Scones hervorragend sind.«
»Sie gehören zweifellos zu den gelungeneren Beispielen für die Kunst der Sconeherstellung«, pflichtete ich ihr bei.
»Gerade habe ich Mr. Halfpenny gefragt, ob …«
»Jed, Ma’am. Ich sag es Ihnen immer wieder, mir wär es lieber, wenn Sie mich einfach Jed nennen würden. Das machen alle.« Weder die Jahre im Militärdienst im Ausland noch das lange Leben im West Country hatten seinem Yorkshire-Akzent irgendetwas anhaben können.
»Ich habe Jed gefragt, ob es möglich wäre, hier ein kunstvoll wildes Flair zu kultivieren.«
»Im Gegensatz zu der tatsächlichen Wildnis, die hier im Augenblick besteht?«, entgegnete ich.
»Na ja, so in etwa. Ich mochte französische Gärten noch nie – ordentliche Begrenzungen und disziplinierte Pflanzen. Ich dachte mir, wir könnten vielleicht etwas ein wenig … na ja, Natürlicheres haben.«
»Was meinen Sie dazu, Jed?«, fragte ich.
»Für mich hört sich das nach einer großartigen Idee an. Sie könnten auf dieser Seite Wildkräuter und Wildblumen pflanzen. Ich könnte da auch ’ne kleine Mauer oder so anlegen, für Ranken.«
»Anscheinend denken wir diesbezüglich gleich«, erwiderte Lady Hardcastle. »Ich hätte gern Pflanzen und Blumen, die Bienen und Schmetterlinge anlocken. Ich möchte Dickicht für Mäuse, und vielleicht einen Teich für Frösche. Ach, und für Molche. Ich möchte morgens aufwachen und sehen, dass Maulwürfe und Dachse das Gras umgegraben haben und dass das niemanden kümmert, weil das hier kein Krocketrasen ist. Ich möchte irgendwo mit einer Tasse Tee sitzen und eins mit der Natur sein können.«
Er lachte leise. »Kann ich schon alles machen. Aber der Tisch und die Stühle brauchen ein bisschen Arbeit. Die haben sie hier draußen einfach vermodern lassen.«
»Können Sie die noch irgendwie retten, was meinen Sie?«
»Das Holz oben ist wohl noch zu gebrauchen«, antwortete er. »Aber die Beine sind hin.«
»Wir könnten natürlich einfach neue Möbel kaufen, aber es wäre ein Jammer, die hier wegzuwerfen. Könnten Sie die noch zu irgendwas gebrauchen? Etwas anderes daraus machen?«
»Könnte ich wohl«, erwiderte er. »Wie wär’s mit Vogelhäuschen? Das wär doch nett. Aber wenn Sie einfach neue Stühle und einen neuen Tisch kaufen, kriegen Sie die gleichen Probleme wieder.«
»Ach, Vogelhäuschen wären doch zauberhaft«, rief sie. »Und was übrig bleibt, können Sie haben.« Dann betrachtete sie erneut den Tisch und die Stühle unter dem Apfelbaum. »Wie wäre es denn mit ein paar Fliesen hier? Nicht zu etepetete, nur ein paar grobe Steinplatten.«
»Klar, das würde helfen«, erwiderte er lächelnd. »Dann verrotten die Möbel nicht so schnell. Und ich glaube, ich weiß auch schon, wo ich genau das herkriege, was Sie brauchen.«
»Wunderbar.« Sie wandte sich mir zu. »Und was ist mit dir, Liebes? Wolltest du was von mir?«
»Harry ist hier, Mylady«, entgegnete ich.
»Harry? Mein Bruder Harry?«
»Wie er leibt und lebt.«
»Was um alles in der Welt macht er denn hier draußen?«
»Er möchte mit uns sprechen.«
»Tatsächlich? Gütiger Himmel! Dann sollten wir besser reingehen. Wenn Sie uns bitte entschuldigen würden, Jed. Die Pflicht ruft und so weiter. Ich sage Edna Bescheid, dass Sie Ihnen eine Tasse Tee bringen soll.«
»Danke, Ma’am. Ich mach dann hier weiter. Gehen Sie ruhig zu Ihrem Bruder.«
Und damit kehrten wir ins Haus zurück.
Obwohl es kaum vorstellbar war, dass irgendwer irgendeine Art von Kontrolle über Lady Hardcastle ausüben konnte, war ihr Bruder Harry theoretisch ihr Chef. Und meiner auch. Er arbeitete für das neue Geheimdienstbüro in irgendeinem Keller in Whitehall und hatte uns im letzten Jahr nach unserem »Urlaub« in Weston-super-Mare darum gebeten, in den Staatsdienst zurückzukehren. Natürlich hatten wir zunächst abgelehnt – schließlich hatten wir uns gerade erst nach Gloucestershire zurückgezogen, um dem ganzen Unsinn zu entkommen – , aber Harry war genauso stur wie seine Schwester und weigerte sich rundheraus, unsere Weigerung anzunehmen. Irgendwann gaben wir also seinen wiederholten Bitten nach und nahmen unseren Dienst als Agentinnen der Krone wieder auf. Bisher waren unsere Pflichten überschaubar gewesen, und abgesehen von ein bisschen Überwachen im Hafen von Cardiff hatten wir noch kaum etwas zu tun gehabt.
Allerdings hatten wir oft Harry und seine Frau Lavinia getroffen, aber ausschließlich privat. Ihre Tochter war am 15. Januar zur Welt gekommen, und Tante Emily war ihre erste Besucherin gewesen und die zweite auch. Sie liebte die kleine Addie – das Kind der Featherstonhaughs war nach ihrer Großmutter auf den Namen Ariadne getauft worden, die auch ihr ganzes Leben lang nur Addie gerufen worden war – , und wir waren seitdem wenigstens einmal im Monat nach London gefahren.
»Wie läuft’s, Schwesterherz?«, begrüßte Harry sie, als wir den Salon betraten, und spähte über die Zeitung, die er gerade noch gelesen hatte.
»Hallo, Harry, mein Lieber«, erwiderte Lady Hardcastle. »Schon gut, bleib sitzen.«
Harry grinste. »Das bist doch nur du, Schwesterherz, warum sollte ich aufstehen, wenn du einen Raum betrittst? Vielleicht würde ich das für deine entzückende Kammerzofe tun, aber sie mag das nicht, oder, Strongarm?«
Es war zwischen uns zur Gewohnheit geworden, dass ich Featherstonhaugh fälschlicherweise wie Feather-stone-haff statt wie Fanshaw aussprach und dass er mich Strongarm statt Armstrong nannte. Das war zwar schon lange nicht mehr richtig lustig, aber es lag eine heimelige Vertrautheit darin.
Ich lächelte.
»Hat dir jemand Tee angeboten, Lieber?«, fragte Lady Hardcastle. »Oder Scones?«
»Edna ist schon unterwegs«, warf ich ein.
»Wunderbar, wunderbar. Also, mein liebster Bruder, was bringt dich in unsere bescheidene Hütte? Brauen sich etwa finstere Machenschaften zusammen?«
Er faltete die Zeitung zusammen, in der er gerade gelesen hatte – Seite drei der Montagsausgabe der Bristol News –, und reichte sie ihr, wobei er auf einen Artikel in der Mitte der Seite tippte. »Schau dir das an, altes Mädchen. Ah, und da ist auch schon der Tee. Danke, Edna.«
Edna, die Haushälterin, war mit einem schwer beladenen Tablett hereingekommen.
»Haben Sie sonst noch einen Wunsch, Mylady?«, fragte sie. »Ich hab auch Old Jed eine Tasse rausgebracht. Er muss schrecklichen Durst haben von der Arbeit in dieser Hitze.«
»Ah, danke sehr«, erwiderte Lady Hardcastle. »Ich wollte Sie schon darum bitten. Haben wir übrigens noch etwas von Mrs. Blands Marmelade übrig?« Sie wandte sich an Harry. »Die Frau des Vikars macht die allerköstlichste Erdbeermarmelade – sie würde wunderbar zu diesen Scones passen.«
»Ich glaube, es steht noch ein Glas in der Speisekammer«, schaltete Edna sich ein. »Das heißt, wenn Miss Jones sie nicht für irgendwas benutzt hat.«
»Würden Sie bitte mal nachschauen?«
»Bin gleich wieder da«, erwiderte Edna und eilte davon.
»Bleibst du zum Abendessen?«, fragte Lady Hardcastle.
»Leider nicht, Schwesterherz, tut mir leid. Ich muss mit dem nächstmöglichen Zug zurück nach London. Ich bin schon drei Tage weg gewesen.«
»Du warst drei Tage hier, und heute kriegen wir dich zum ersten Mal zu Gesicht?«, staunte Lady Hardcastle.
»Ich war nicht mehr zu Hause«, präzisierte er, »aber nicht hier draußen. Ich hatte in der Stadt Dinge für die Arbeit zu erledigen.«
»Dann ist es ja gut. Du kannst jederzeit hier übernachten, wenn es nötig ist, weißt du? Wir haben viel Platz.« Sie klopfte die Taschen ihres leichten Sommerjäckchens ab.
»Danke«, erwiderte er.
»Keine Ursache, Lieber. Wo habe ich nur meine Brille liegen lassen?« Sie richtete sich im Sessel auf und begann sich im Zimmer umzusehen. »Das ist wirklich außerordentlich frustrierend. Ich wette, du weißt, wo sie ist, oder, Flo?«
»Ja«, bestätigte ich. »Sie ist …«
»Nein, sag’s mir nicht – du wirst es mir sonst wieder unerträglich süffisant unter die Nase reiben. ›Wenn Sie nur mal hinter sich aufräumen würden‹, wirst du sagen. ›Ich weiß immer, wo die Dinge sind, weil ich sie immer wieder an denselben Platz zurücklege‹, wirst du sagen. Ich finde sie schon selbst.«
»Schwesterherz, sie …«, setzte Harry an.
»Und du hältst dich ebenfalls zurück. Es ist schon schlimm genug, dass sie mich in der Stunde der Not aufzieht, ohne dass du dich auch noch daran beteiligst.«
»Aber …«, versuchte er es erneut.
»Aber nichts. Ich finde das verfluchte Ding schon, und wenn es das Letzte ist, was ich tue.«
Sie stand auf und begann das Zimmer abzusuchen.
Edna kam derweil mit einem Marmeladenglas und einem Löffel zurück. Sie sah Lady Hardcastle leicht verwirrt an. »Ich würde meine Brille nicht einfach so da oben in mein Haar stecken«, sagte sie dann, »sonst fällt sie noch raus und geht kaputt.«
Sie stellte die Marmelade auf das Tablett und trollte sich wieder.
Lady Hardcastle nahm die Lesebrille von ihrem Kopf und setzte sich dann hin, um den Zeitungsartikel zu studieren.
»Ach, darüber haben wir uns doch gestern erst unterhalten. Es geht um den armen Tropf, der in der Flugzeugfabrik gestorben ist, Flo.«
»Ach ja«, erwiderte ich. »Die Geschichte war aber nicht weiter interessant, oder? Ein tragischer Unfall … Ein Ingenieur ist ums Leben gekommen. Schreckliche Nachrichten, aber keine Einzelheiten.«
»Letzteres ist vor allem uns zuzuschreiben«, schaltete Harry sich ein. »Ihr wisst doch, was ein Fallschirm ist, nehme ich an?«
»Natürlich«, entgegnete Lady Hardcastle. »Ich bin ziemlich sicher, dass wir bei Paris mal einen Kerl beobachtet haben, der mit so einem Ding aus einem Heißluftballon gesprungen ist. Oder war das in Berlin?«
»Paris«, bestätigte ich. »Es war sehr beeindruckend, wenn auch ein wenig umständlich.«
»Umständlich, genau«, sagte Harry. »Das ist stets das Problem gewesen. Aber wir haben ein paar Jungs bei der Bristol Aviation drangesetzt, ein neues Design zu entwerfen. Das Tragen und das Entfalten sind die Knackpunkte, wisst ihr? Es gab zwar schon welche zum Umschnallen, aber die Leute hatten Schwierigkeiten beim Öffnen. Außerdem gibt es ein Modell, in das man einfach die Arme steckt und dann losspringt, aber es mit sich herumzuschleppen, ist eine Qual.«
»Wenn es keine dumme Frage ist«, mischte ich mich ein, »wozu braucht man die Fallschirme?«
»Für Flugzeuge«, antwortete Harry. »Wir sind der Ansicht, dass Flugzeuge in kommenden Konflikten ziemlich nützlich sein werden – um Artillerie auszukundschaften und solche Dinge, allgemein zur Überwachung, so was in der Art. Wir müssen also sicherstellen, dass unsere Späher wieder sicher festen Boden erreichen, wenn irgendwas schiefläuft. Und das ist bei Flugzeugen anscheinend beunruhigend häufig der Fall.«
»Ich würde trotzdem gern mal in einem fliegen«, sagte Lady Hardcastle.
»Merk dir doch diesen Gedanken, altes Mädchen. Also, unsere Leute in Bristol haben einen Fallschirm entwickelt, der in eine Art Rucksack gepackt werden kann. Er ist immer noch furchtbar schwer und unhandlich, aber immerhin kann man ihn beim Fliegen tragen, und er öffnet sich ganz von allein, wenn man ihn am dringendsten braucht. Bis letzten Freitag ging auch alles gut. Sie hatten mehrere Tests mit Puppen gemacht, und es sah wirklich so aus, als hätten sie das Problem gelöst. Nach einem letzten Test wollten sie ihn in ein paar Wochen den hohen Tieren bei der Armee zeigen. Sie haben einen jungen Burschen in einem Fesselballon raufgeschickt, der eins der neuen Modelle getragen hat. Er ist gesprungen. Der Fallschirm ging tadellos auf – hat sich aufgebläht, behaupten sie, wie eine Riesenblume. Hat seinen Fall gestoppt, und er ist anfangs sanft abwärts geschwebt. Doch dann hat das Ding versagt. Ist allen Berichten zufolge zerrissen. Und der junge Dickie Dupree ist zweihundert Fuß nach unten in den Tod gestürzt.«
»Gütiger Himmel«, rief Lady Hardcastle. »Wie entsetzlich.«
»Na ja, schon ziemlich. Aber natürlich mussten wir das geheim halten. Flugzeuge mit Piloten, die funktionierende Fallschirme tragen, könnten unseren Jungs einen entscheidenden Vorteil verschaffen, falls es auf dem Kontinent rauer wird, und wir wollen ja nicht, dass irgendwer mitbekommt, was wir vorhaben. Daher die spärlichen Details in dem Zeitungsartikel.«
»Und was haben wir jetzt damit zu tun?«, fragte Lady Hardcastle.
»Na ja, der Tod des Burschen wird der Öffentlichkeit mehr oder weniger als tragischer Unfall verkauft. Fliegen ist ein gefährliches Geschäft, und bei neuer Ausrüstung muss es zwangsläufig herzzerreißende Tragödien geben. Aber wir haben von einer undichten Stelle in der Fabrik Wind bekommen. An diesem Wochenende haben wir bei einem der ausländischen Geheimagenten, die wir überwachen, detaillierte Informationen über den misslungenen Fallschirmtest gefunden. Wir haben ihn zwar abgefangen, bevor er irgendetwas weitergeben konnte, aber die Sache ist trotzdem ziemlich besorgniserregend. Irgendwer plaudert.«
»Abgefangen?«, hakte ich nach.
»Tödlich.«
»Seid ihr nicht darauf gekommen, den Kerl vielleicht mal zu befragen, bevor ihr ihn umlegt?«, fragte Lady Hardcastle.
»Es war leider alles ein bisschen chaotisch. Wir wollten ihn uns schnappen, aber die Aktion ist aus dem Ruder gelaufen. Eins führte zum anderen, und bevor wir noch fragen konnten: ›Wo haben Sie diese Pläne her?‹, mussten wir ihn schon erschießen.«
»Aha. Geschmeidig wie eh und je also.«
»Das ist eben nötig, wenn der Teufel eine Waffe auf einen richtet und so was.«
»Für wen hat er gearbeitet?«, fragte ich.
»Das haben wir leider auch nicht rausgefunden. Er war freischaffend, ein Geheimagentensöldner, wenn ihr so wollt, der für jedes Land spioniert hat, das bereit war, ihn zu bezahlen. Um ehrlich zu sein, hätte es jedes Land sein können.«
»Es war also kein konkurrierendes Unternehmen?«
»Nein, da sind wir uns ziemlich sicher. Er war definitiv ein Akteur auf dem internationalen Spionagemarkt. Aber das nur nebenbei. Jetzt bereitet uns Sorgen, dass wir, da es in der Firma einen Feind gibt, weder vorsätzliche Beschädigung noch Spionage ausschließen können.«
»Und wo kommen wir da ins Spiel?«, hakte Lady Hardcastle nach.
»Ah, nun ja. Es hat etwas mit euren guten Freunden, den Farley-Strouds, zu tun.«
Sir Hector und Lady Farley-Stroud hatten Lady Hardcastles Eltern kennengelernt, als sie alle zusammen in Indien gelebt hatten, und sich mit Lady Hardcastle nur ein paar Tage, nachdem wir hier ins Dorf gezogen waren, angefreundet. Sie waren ein entzückend schrulliges Pärchen unbestimmbaren Alters – obwohl ich sie auf Mitte sechzig schätzte – , das in dem örtlichen Herrenhaus namens The Grange wohnte.
Lady Farley-Stroud – die von ihren Freunden einfach nur Gertie genannt wurde – herrschte über das Anwesen, während Sir Hector fröhlich in ihrem Kielwasser mitgezogen wurde, während er den liebenswürdigen Herrn des Hauses gab und üblicherweise genau das tat, was ihm aufgetragen wurde. Sie hatten eine Tochter namens Clarissa. Sie war mir immer recht jung vorgekommen, aber dieser Eindruck rührte mehr von ihrer kicherigen Albernheit als von ihrer äußeren Erscheinung her. Ich war recht erstaunt gewesen, als ich erfuhr, dass sie tatsächlich schon um die dreißig Jahre alt war, und ihr Erfolg als Autorin für eine angesagte Londoner Zeitschrift hatte mich auch ihre vermeintliche geistige Leere neu bewerten lassen. Offenbar steckte in dieser Frau mehr, als auf den ersten Blick zu erkennen war.
Ihre neue Karriere hatte begonnen, kurz nachdem sie in der Folge einer gescheiterten Verlobung mit dem Sohn eines ortsansässigen Geschäftsmannes nach London gezogen war. Dort hatte sie einen jungen Flugzeugingenieur namens Adam Whitman kennengelernt und bald darauf geheiratet. Kurz darauf hatte sie geglaubt, schwanger zu sein und ihren Eltern mitgeteilt, dass sie Anfang 1910 Großeltern werden würden, aber sie hatte sich im Datum getäuscht – Kalender können verwirrend sein. Termine wurden gewälzt und Ärzte befragt, sodass sich das nächste Datum als korrekt herausstellte. Die kleine Louisa war in Frankreich im Juli desselben Jahres zur Welt gekommen.
Um ihren ersten Geburtstag mit allen vier in sie vernarrten Großeltern zu feiern, war Louisa nach England gebracht worden, und obwohl Adams Eltern nach Suffolk zurückgekehrt waren, hielten sich die jüngeren Whitmans noch immer auf The Grange auf.
»Was du tun sollst, Schwesterherz …«, setzte Harry zwischen zwei Bissen von seinem Scone an, »… Donnerwetter, diese Scones sind wirklich ein Gedicht. Mir ist immer versichert worden, dass Scones die einfachste Sorte Kuchen seien, aber die hier sind fantastisch. Deine Köchin ist ein Wunder.«
»Gerade als du gekommen bist, habe ich genau dasselbe zu unserem neuen Gärtner gesagt, aber du scheinst ein bisschen abzuschweifen. Was soll ich also tun?«
»Wie? Ach ja, was du tun sollst, ist, deine alte Freundin Gertie Farley-Stroud kontaktieren und sie fragen, ob du zum Tee vorbeikommen kannst, oder was auch immer ihr Landbewohner so tut. Dort sollst du dann den jungen Adam Whitman in ein Gespräch über Flugzeuge verwickeln und ganz nebenbei fragen, ob er wohl einen Besuch bei Bristol Aviation einfädeln könnte, damit du dich dort umsehen kannst. Weil dich Flugzeuge angeblich so faszinieren.«
»Flugzeuge faszinieren mich tatsächlich«, warf sie ein.
»Dann musst du ja nicht mal schauspielern, altes Mädchen. Es wird ein Kinderspiel.«
»Aber Mr. Whitman arbeitet doch für Louis Blériot in Frankreich«, wandte ich ein, »nicht für Bristol Aviation.«
»Genau genommen ist er Materialingenieur für Aéroplanes Vannier, aber es stimmt, die Firma ist in Frankreich ansässig – in der Nähe von Bordeaux, um genau zu sein – , und Blériot hat tatsächlich bisweilen für sie gearbeitet.«
»Hector hat behauptet, Blériot würde die Firma gehören«, erklärte Lady Hardcastle. »Er kann manchmal so ein Wirrkopf sein.«
»Dazu kann ich nichts beisteuern«, entgegnete Harry. »Aber ich weiß, dass Adam Whitman das Bristol-Aviation-Werk schon besichtigt hat, als er in England war. Eingedenk der guten alten Entente cordiale und so weiter. Diese Ingenieursburschen tauschen sich gern über ihre Erkenntnisse aus. Mir wäre es ja lieber, sie würden das nicht tun.«
»Du hast ihn überwachen lassen?«, fragte Lady Hardcastle.
»Ich hab dir doch gesagt: Flugzeuge werden wichtig, und für die Männer, die sie entwerfen und bauen, gilt das umso mehr. Wir beobachten sie alle, vor allem die Ausländer und die Engländer, die für die Ausländer arbeiten, selbst wenn es sich dabei um unsere Alliierten handelt. Ich bin über Mr. Whitmans Unternehmungen bestens im Bilde.«
»Aha«, erwiderte sie. »Flo und ich sollen also eine kleine Werksbesichtigung machen, die fliegenden Maschinen bestaunen und … dann was genau?«
»Das überlasse ich ganz dir, liebste Schwester. Du bist die Expertin für Geheimniskrämerei. Ich bin ja mehr der Mann für die Verwaltung und die Organisation.«
»Wir werden auf keinen Fall einen Spion auf einer Werksbesichtigung entlarven können, mein Lieber. Sie tragen ja keine Plaketten.«
»Dann musst du eben irgendeinen Vorwand finden, um dich da noch weiter rumzudrücken, oder?«
»Ach«, sagte ich ein bisschen aufgeregter, als ich eigentlich vorgehabt hatte, »meinen Sie denn, die würden mich ein Flugzeug fliegen lassen? Wenn ich Unterricht bekäme, hätten wir einen Grund, anwesend zu sein.«
Harry lachte auf. »Nichts für ungut, Strongarm, aber warum sollten die eine Kammerzofe eine ihrer kostbaren Maschinen fliegen lassen?«
»Wenn ich so tue, als ob ich eine kaufen will, würden sie vielleicht«, überlegte Lady Hardcastle. »Bisher habe ich noch niemanden getroffen, der seine Bedenken nicht beiseitegeräumt hat, sobald ich ihm mit Geld vor der Nase herumgewedelt habe. Wenn ich ein Flugzeug kaufen will und möchte, dass meine Zofe es für mich fliegt, wären sie doch schön dumm, Nein zu sagen.«
Harry lachte erneut auf. »Die Feinheiten überlasse ich ganz dir. Aber Whitman ist deine Eintrittskarte. Vielleicht könntest du auch ein Auge auf ihn haben, wenn du schon dabei bist, damit würdest du mir wirklich einen großen Gefallen tun – wir haben gerade eine ziemlich dünne Personaldecke, und ich würde meine Leute gern auf andere Dinge ansetzen.«
»Also, für mich klingt das alles wie ein großer Spaß«, verkündete Lady Hardcastle. »Bist du dabei, Flo?«
»Versuchen Sie doch mich aufzuhalten«, erwiderte ich. »Flugstunden und Rumschnüffeln? Ich kann mir keinen besseren Sommer vorstellen.«
»Also, abgemacht«, sagte sie. »Bleibst du denn wenigstens noch zum Lunch, mein lieber Harry? Gertie rufe ich dann später am Nachmittag an und schaue morgen bei ihnen vorbei.«
»Ach, na gut«, erwiderte er mit gespielter Erschöpfung. »Wenn es denn sein muss. Dann nehme ich eben doch einen späteren Zug. So bin ich immer noch rechtzeitig zu Hause, bevor Addie schlafen geht.«
»Ich sage Miss Jones Bescheid«, verkündete ich und ging in die Küche.
Harry brach kurz nach dem Lunch auf. Lady Hardcastle bot ihm an, ihn zum Bahnhof nach Chipping Bevington zu fahren, aber er bestand darauf, die Viertelmeile ins Dorf zu laufen, wo er darauf gefasst war, den Kutscher, der ihn hergebracht hatte, noch immer im Dog and Duck bei der Mittagspause vorzufinden.
»Wenn er doch nicht da ist, sag ich dir Bescheid«, versprach er und ging dann den Gartenweg hinunter.
»Da wird er aber ziemlich laut schreien müssen«, sagte Lady Hardcastle, als ich die Tür schloss. »Das einzige Telefon befindet sich auf dem Polizeirevier.«
Dann nahm sie den Hörer von unserem eigenen Telefon und bat die Telefonistin, sie mit The Grange zu verbinden.
»Hallo, meine liebe Gertie«, sagte sie, nachdem sie einige Augenblicke gewartet hatte. »Ich bin’s, Emily … Emily, meine Liebe … Sehr gut, danke. Und dir? … Freut mich zu hören. Und wie geht’s der kleinen Louisa? … Sie ist wirklich eine Freude, nicht wahr? Es ist so schön, dass sie bei euch wohnen … In der Tat, ja. Wann fahren sie denn wieder? Wir hatten gehofft, euch alle noch mal zu sehen, bevor sie wieder nach Bordeaux aufbrechen … Ach, sie bleiben noch ein paar Wochen? Dann haben wir ja genug Zeit … Morgen? Ach, das wäre wundervoll, danke … Zum Tee am Nachmittag? Famos. Es ist immer ein Vergnügen, bei euch auf The Grange zu sein, Liebes. Mrs. Brown mag vielleicht eine ziemliche Furie sein, aber die Auswahl an Gebäck, die sie zum Tee auftischt, ist wirklich wunderbar … Eine Furie … Nein, Liebes, keine Burenziege, eine … Ach, nicht so wichtig … Ja, wir sind dann um vier bei dir … Grüß Hector und Clarissa … Bis dann, Liebes.« Damit hängte sie den Hörer wieder auf die Gabel.
»Sie hört also immer noch nicht besser?«, fragte ich.
»Sie tut ihr Bestes. Der Apparat ist auf die höchste Lautstärke eingestellt, aber sie kann noch immer keine Furie von einer Burenziege unterscheiden.«
»Na ja, sie … meckern beide gern.« Ich war ziemlich zufrieden mit dieser Bemerkung.
»Da hast du wohl recht, Liebes«, erwiderte sie geistesabwesend. Sie war mit den Gedanken schon wieder woanders.
»Weiß Jed Bescheid?«, fragte ich. »Oder soll ich draußen mal nachsehen?«
»Er hat alles im Griff«, antwortete sie. »Um drei muss er wieder los. Ich weiß zwar nicht, was für Termine ein Kerl einhalten muss, der im Wald lebt, aber wenn er gehen muss, muss er gehen.« Wir waren unterwegs in Richtung ihres Arbeitszimmers. »Ich will noch ein paar Briefe schreiben. Sollen wir früh zu Abend essen und dann noch einen Spaziergang machen? Es ist ein so schöner Tag.«
»Dann also einen Abendspaziergang«, willigte ich ein. »Abendessen ist um sechs fertig. Rufen Sie einfach, wenn Sie irgendetwas brauchen.«
Wir nahmen das Abendessen zeitig im Garten ein, und zwar auf dem vermoderten Mobiliar unter dem Apfelbaum. Es war ein weiterer wundervoller Sommerabend und eine Freude, im Freien zu sein. Sogar die Wespen waren friedlich.
Miss Jones und Edna arbeiteten weiterhin nur halbtags, also räumte ich ab, während Lady Hardcastle durch den Garten stapfte und Notizen für Jed machte. Ich war noch immer vollkommen unfähig, den Unterschied zwischen einer Lupine und einer Lokomotive zu erkennen, aber sie hatte Begeisterung für dieses Gartenprojekt entwickelt und war entschlossen, ein bukolisches Paradies zu erschaffen.
Um sieben Uhr hatten wir dann Schuhe an und Hüte auf und waren bereit für einen Spaziergang ins Dorf.
»Ich hatte an eine Runde um den Dorfanger und dann an etwas Flüssiges im Dog and Duck gedacht«, sagte Lady Hardcastle, als wir losliefen.
»Ich mag Ihre Art zu denken. Obwohl es schade ist, an so einem Abend drinzusitzen.«
»Das stimmt«, überlegte sie. »Ich habe mich schon oft gefragt, ob wir Old Joe nicht davon überzeugen könnten, im Sommer ein paar Tische nach draußen zu stellen – so wie es die Leute auf dem Kontinent machen.«
»Ein Pariser Straßencafé in Littleton Cotterell?«
»Oder ein Bayerischer Biergarten – in einem Eckchen des Angers. Wir könnten die Leute bei einem Glas Cider vorbeiziehen sehen.«
»Für die zwei Wochen im Jahr, in denen das Wetter gut genug ist.«
»Papperlapapp – es gibt viele Tage, an denen es ein Genuss wäre, im Freien zu sitzen. Und außerdem könnten wir so der Kricketmannschaft zuschauen, wenn sie spielt. Ich frage mich, ob heute Abend ein Spiel stattfindet. Ich schaue ja gern beim Kricket zu.«
»Ich weiß«, entgegnete ich. »Und ich verstehe das immer noch nicht, aber ich gebe zu, dass es ein seltsam entspannender Zeitvertreib ist. Sollen wir?«
Zu Lady Hardcastles Entzücken war tatsächlich eine Kricketpartie im Gange. Wir umrundeten den Anger und begrüßten im Vorbeigehen die Ehefrauen und Fans der Spieler.
»Dein Davey muss das Gewicht mehr auf den Fußballen verlagern, wenn er so einen Cover Drive schlagen will«, sagte Lady Hardcastle, als wir an einem Pulk junger Frauen vorbeikamen.
»Stimmt«, pflichtete eine von ihnen ihr bei. »Arthur sagt ihm das die ganze Zeit, und ich bin bestimmt nicht diejenige, die es wiederholt. Ich hab ihm schon eine Million Mal gesagt, dass er auf seinen Kapitän hören muss, aber er ist dann einfach nur sauer auf mich.«
»Davey Bishop!«, rief also Lady Hardcastle. »Verlagere dein Gewicht nach vorn, wenn du so einen Cover Drive schlägst. Lehn Kopf und Schultern in den Ball hinein.«
Davey suchte den Angerrand ab, um zu sehen, wer ihm diesen ungebetenen Rat erteilte.
Arthur Tressle, der Mannschaftskapitän, stand am anderen Ende des Pitchs dem Schlagmann gegenüber. Bevor Davey noch etwas entgegnen konnte, sagte er laut: »Sie hat nicht ganz unrecht, Davey, sie hat nicht ganz unrecht.«
Die gegnerische Mannschaft lachte, und Davey Bishop schaute böse drein. Der Bowler nahm einen langen Anlauf und warf den Ball dann in einer außergewöhnlichen Geschwindigkeit. Davey vollführte noch einmal den gleichen Schlag, und der Ball schoss auf uns zu.
»So?«, fragte er, als der Schiedsrichter vier Runs erklärte.
»Genau so, mein Lieber«, rief Lady Hardcastle. »Gut gemacht.«
Ich klaubte den Ball vom Weg auf und warf ihn Richtung Wicket zurück, wo der schlecht gelaunte Bowler ihn aufhob.
Dann gingen wir weiter.
Als wir uns der Dorfhalle näherten, konnten wir von drinnen jemanden Klavier spielen hören.
»Das hört sich aber nicht nach dem Stickklub an, der sich hier jeden Dienstagabend versammelt«, sagte Lady Hardcastle. »Es sei denn, sie brauchen Musikbegleitung für ihre Spaltstiche und französischen Knoten.«
»Sie mussten doch sämtliche Club- und Gesellschaftstreffen absagen, damit die Halle für die Proben der Dorfschau genutzt werden kann«, erinnerte ich sie. »Das heißt, da drin probt gerade jemand seine Nummer.«
»Ich hoffe, die Nummer ist nicht Klavierspielen. Es klingt ziemlich schief.«
»Und genau darum sind Sie auch nicht eingeladen worden, als Jurorin beim Wettbewerb mitzumachen. Es soll ja noch ein bisschen Spaß machen. Alle reißen sich ein Bein raus, und wir jubeln und applaudieren, als würden wir der besten Show im West End beiwohnen. Dann vergeben wir den Preis für die beste Nummer und gehen dann auf einen wohlverdienten Drink in den Pub.«
»Ach, ich wäre doch die Liebenswürdigkeit in Person, das weißt du doch. Aber unter uns spreche ich lieber offen aus, dass es ziemlich schief klingt.«
»Na ja, schon. Da haben Sie nicht unrecht. Haben Sie denn noch mal drüber nachgedacht, ob Sie irgendetwas aufführen wollen?«
»Ich kann mich nicht entscheiden«, antwortete sie, als wir weiter in Richtung Pub spazierten. »Ich habe ja kein wirklich einzigartiges Talent. Krethi und Plethi und deren Hund werden doch Klavier spielen.«
»Ich würde extra zahlen, um einen Hund Klavier spielen zu sehen.«
»Falls wir einen auftreiben können, könnte er mich vielleicht begleiten, wenn ich meinen neuen Webstuhl vorführe. Weben zu Musik.«
»Damit würden Sie mit links gewinnen. Aber ich bin in einer noch schlechteren Lage, denn ich habe ja überhaupt kein Talent.«
»Du kannst sehr schön Banjo spielen.«
»Wie sagt Harry immer? Ein Gentleman ist jemand, der Banjo spielen kann, es aber nicht tut.«
»Papperlapapp, ich finde dein Banjospiel ganz famos. Außerdem bist du ja kein Gentleman. Ach, ich weiß, du könntest doch Messerwerfen.«
Ich lachte auf. »Mit Ihnen als meiner glamourösen Assistentin, die in einem strassbesetzten Gymnastikanzug vor der Zielscheibe steht?«
»Ach, das gefällt mir. Die todesmutigen Messerkünste der Großen Coltellina und ihrer furchtlosen Assistentin … Wie würde ich denn heißen?«
»Meinen Assistentinnen gebe ich nie Namen. Assistentin einer Messerwerferin ist ein gefährlicher Job, ich habe so viele davon verschlissen – es ist wirklich nicht gut, zu sehr an ihnen zu hängen.«
»Sehr, sehr weise.«
»Aber ich denke mal drüber nach.«
»Ach ja, bitte. Ich finde die Vorstellung, einen strassbesetzten Gymnastikanzug zu tragen, ziemlich reizvoll.«
Inzwischen waren wir am Dog and Duck angekommen, vor dem etliche Gäste mit Getränken in der Hand auf der Straße standen und beim Kricket zuschauten.
»Siehst du?«, sagte Lady Hardcastle. »Ein paar Tische und Stühle hier draußen wären perfekt.«
»Sie haben wie immer recht«, entgegnete ich. »Brandy?«
»Nein, ich glaube das Wetter verlangt nach einem kleinen Glas Cider. Oder doch lieber ein Pint – es hat ja keinen Sinn, immer wieder zur Bar zu laufen.«
Ich zog die Augenbrauen hoch.
»Ach, das macht doch keinem etwas aus. Sei nicht so zimperlich, immerhin leben wir im zwanzigsten Jahrhundert.«
Ich ging an den Tresen und versuchte, die Aufmerksamkeit der Kellnerin zu erregen, meiner guten Freundin Daisy Spratt.
»Wie geht’s, wie steht’s, Flo?«, sagte sie grinsend, als sie endlich auf mich aufmerksam wurde. »Bist du allein unterwegs?«
»Nein. Die Dame ist draußen und schaut Kricket.«
»So geht das den ganzen Sommer. Ich sage Joe ständig, dass er ein paar Tische rausstellen soll, den Leuten würde das gefallen.«
Ich musste lächeln. »Ich kenne wenigstens eine Person, die deiner Meinung ist – sie hat den ganzen Weg hierher von nichts anderem geredet.«
»Ihr seid also auf einem Abendspaziergang hier? Habt ihr irgendwas Nettes gesehen?«
»Wir sind einmal um den Anger gelaufen. Haben kurz irgendwem bei seiner Probe in der Dorfhalle zugehört und sind dann schnurstracks hierher auf einen Drink gekommen.«
»Hört sich für mich ziemlich nett an. Zwei Brandys?«
»Heute Abend nicht, nein. Offenbar ist Cider-Wetter.«
»Das stimmt wohl. Zwei kleine?«
»Ein kleines und ein Pint«, entgegnete ich. »Ach was, zwei Pints. Sie hat schon recht – so muss ich nicht immer wieder zurück zum Tresen trotten.«
Daisy lachte. »Ich schätze, Old Joe würde es gefallen, wenn alle Ladys hier anfangen würden, Pints zu trinken.«
»Sie hat sich ja schon immer gern gegen die Konventionen aufgelehnt.«
Daisy zapfte zwei Pints aus dem Ciderfass. »Hast du irgendwas für die Schau geplant?«
»Darüber haben wir uns gerade unterhalten. Ich glaube ja nicht, dass ich irgendwelche Talente habe, die es wert sind, vorgeführt zu werden. Wir dachten an Banjospielen oder Messerwerfen, aber ich bin nicht wirklich scharf drauf. Abgesehen davon will mir allerdings gar nichts einfallen, also läuft es vielleicht auf eins von beidem hinaus.«
»Oder auf beides zusammen.«
Ich musste lachen. »Das ist gar keine schlechte Idee. Was hast du denn vor?«
»Ich weiß noch nicht. Unser Dad holt seine Geige raus. Und unsere Ma singt zusammen mit Edna Gibson ein Lied. Aber mir fällt nicht wirklich was ein.«
»Kannst du singen?«
»Ich bin völlig unmusikalisch.«
»Tanzen?«
»Zwei linke Füße.«
»Witze erzählen?«
»Ich kann mich nie an die Pointe erinnern.«
»Dann bist du aufgeschmissen«, bestätigte ich. »Du solltest wohl einfach hinter dem Tresen stehen.«
»Ich weiß, wo ich hingehöre. Moment mal, was ist mit Tierlauten und Vogelstimmen?«
»Kannst du die nachmachen?«
»Nein, du Dummkopf, du. Du machst doch gern Laute nach.«
»Ich bin mir aber nicht sicher, ob das für eine ganze Nummer reicht – die Tiernamen fallen auch mir nie ein. Und nun der eindringliche Ruf des Skandinavischen Elchs.« Ich schürzte die Lippen und trötete los. »Nein, tut mir leid, das war ein Elefant. Welcher ist noch mal der Elch? Lady Hardcastle müsste hinter den Kulissen stehen und mir einflüstern, wie die ganzen Tiere heißen.«
Das schien sie auf eigenartige Weise zu begeistern. »Nein, das kann doch ich machen. Wir könnten das als Witz einbauen.«
»Ich weiß nicht. Vielleicht …«
»Wir denken mal drüber nach. Das wird bestimmt zum Schreien komisch.«
Ich bezahlte den Cider und ließ sie dann über ihre – unsere – neue Nummer brüten.
»Du hast dir aber Zeit gelassen«, sagte Lady Hardcastle, als ich ihr ihr Glas reichte. »Davey Bishop hat gerade sein Half-Century vollgemacht.«
»Gut gemacht, Davey Bishop«, lobte ich. »Ich hab mich mit Daisy unterhalten. Anscheinend führen wir bei der Schau zusammen eine lustige Nummer mit Tierstimmen auf.«
Sie schmollte. »Also muss ich letztendlich doch Klavier spielen. Aber ich trage dabei trotzdem den Gymnastikanzug.«
Wir sahen weiter beim Kricket zu und plauderten, bis es dunkel wurde, dann machten wir uns auf den Nachhauseweg. Möglicherweise hatte Littleton Cotterell gewonnen, aber beim Kricket ist das immer schwer zu sagen.
2
Mittwochmorgen saß ich in der Küche über ein paar Näharbeiten. Miss Jones war bei mir, Lady Hardcastles Köchin, außerdem Edna, Hausmädchen und Haushälterin in Personalunion. Der Kaffee war aufgesetzt, Eier und Speck brutzelten in der Pfanne, und vier Ladungen Toast bräunten hübsch auf dem Grill.
»Ich wünschte, wir hätten Strom«, sagte Miss Jones, als sie zum zwanzigsten Mal nachsah, dass der Toast auch ja nicht anbrannte. »Ich hab einen dieser elektrischen Toaster gesehen, als ich mit unserer Ma letzte Woche mit dem Bus in die Stadt gefahren bin. So ein Ding würde mein Leben wirklich verändern.«
»Mir würde elektrisches Licht schon reichen«, erwiderte ich. »Ach, und ein elektrisches Bügeleisen. So was haben sie oben in The Grange.«
»Sie haben aber auch einen eigenen Generator, oder?«, fragte Edna bedächtig. »Da oben gehen sie wirklich mit der Zeit. Wenigstens halbwegs.«
»Ich wäre auch nicht enttäuscht, wenn es in Littleton Cotterell bald Strom geben würde«, sagte Miss Jones. »Sie behaupten, sie wollen es machen, aber wir sind eben die arme Verwandtschaft vom Lande. Das erste Telefon gab es hier, kurz bevor Sie und Lady Hardcastle hergezogen sind. Und selbst das nur auf dem Polizeirevier. Sie mussten Masten und so Zeug aufstellen lassen, um die Leitung hier raus bis zum Haus zu legen, wissen Sie noch?«
»Daran erinnere ich mich gut«, bestätigte ich. »Und trotzdem würde ich das Landleben immer noch nicht gegen eine Rückkehr in die Stadt eintauschen wollen. Wir wohnen hier zwar erst seit drei Jahren, aber es fühlt sich schon mehr wie ein Zuhause an als sonst ein Ort, an dem ich je gelebt habe.«
»Drei Jahre«, echote Edna. »Ist das wirklich wahr? Donnerwetter.« Sie lachte auf. »Es hat also nur drei Jahre gedauert, bevor Sie den Garten in Ordnung gebracht haben.«
»Es lag nicht daran, dass ich ihr nicht damit in den Ohren gelegen hätte«, beteuerte ich. »Ich habe schon, kurz nachdem wir ihn kennengelernt haben, vorgeschlagen, Jed als Gärtner einzustellen, aber irgendwie haben wir das nie geschafft.«
»Er ist ein feiner, alter Kerl, wenn man ihn mal besser kennt«, sagte Miss Jones. »Unsere Ma hat von ihren Freundinnen im Dorf Geschichten über ihn gehört. Sie hat immer davon geredet, dass sie einem Kerl nicht traut, der in einer Hütte im Wald lebt. Aber er ist wirklich sehr nett.«
»Er wohnt in einem Wagen«, korrigierte ich sie. »Und er ist wirklich nett. Er ist, glaube ich, ein ehemaliger Soldat.«
»Mit dem Gärtnern kennt er sich jedenfalls aus«, sagte Edna. »Gestern hab ich ein bisschen mit ihm geplaudert. Ich hab ihn gefragt, ob wir hinter dem Haus ein kleines Kräuterbeet anlegen können. Darauf hat er irgendwas von Sonne und Entwässerung erzählt, dann aber gesagt, dass Lady Hardcastle sowieso Wildkräuter haben wollte und dass er sie fragen würde, ob sie einverstanden ist, einen kleinen Kräutergarten an der hinteren Mauer anzulegen.«
»Das würde mir gefallen«, sagte Miss Jones. »Ich hab sonst immer Kräuter aus dem Garten unserer Ma mitgebracht, wenn ich welche gebraucht hab, aber es wäre schön, eine kleine Auswahl hier zu haben.«
Als das Frühstück fertig war, lud ich es auf ein Tablett, und Edna half mir dabei, alles ins Frühstückszimmer zu tragen. Von Lady Hardcastle noch keine Spur.
»Soll ich schnell mal raufgehen und anklopfen?«, fragte Edna. »Ich muss mich heute Morgen sowieso um die Zimmer oben kümmern.«
»Nur wenn Sie tatsächlich gerade vorhatten hochzugehen. Wenn Sie erst noch Ihre Utensilien zusammensammeln müssen, habe ich einen anderen Plan.«
»Na ja, ich brauche meinen Staubwedel und ein bisschen Politur. Und einen Eimer. Und eine Bürste. Und …«
»Überlassen Sie es mir«, unterbrach ich sie.
Ich ging in die Eingangshalle hinaus, steckte zwei Finger in den Mund und stieß einen schrillen Pfiff aus.
»Das sollte klappen«, sagte Edna kichernd und ging dann in die Küche, um ihr Putzzeug zu holen.
Ich kehrte unterdessen ins Frühstückszimmer zurück, wo sich einige Minuten später eine verschlafen dreinblickende Lady Hardcastle einfand.
»Sie haben gepfiffen, Mylady?«, sagte sie und ließ sich auf einen Stuhl plumpsen.
»Frühstück ist fertig.«
»Das sehe ich. Und es ist auch eine hübsche Auswahl. Danke, meine Liebe.«
»Miss Jones hat die ganze Arbeit gemacht. Ich habe so lange das geblümte Kleid geflickt, das Sie zerrissen haben.«
»Nun, dann danke dafür.«
»Ich dachte mir, Sie würden es vielleicht gern heute Nachmittag tragen.«
»Ach ja, Tee auf The Grange. Man braucht ja eine hübsche Garderobe für gesellschaftliche Anlässe, auch wenn sie bei Freunden stattfinden.«
»Vor allem wenn man die Beziehungen der Freunde zu einem Flugzeugwerk ausnutzt, um für seinen Bruder herumzuschnüffeln.«
»Für König und Vaterland, meine Liebe. Ich liebe Harry, aber wir haben beide wirklich Besseres zu tun, als nur zu seiner Belustigung irgendwelche Werksbesichtigungen zu machen. Er behauptet jedoch, Flugzeuge sind die Zukunft – überlebenswichtig für die nationale Dings in Zeiten von Bums – und dieser neue Fallschirm wird dies oder jenes zum Besseren verändern.«
»Mit den Einzelheiten haben Sie’s offensichtlich nicht so.«
»Ach, du weißt doch, was ich meine. Er trägt immer ein bisschen dick auf, aber ich sehe schon, was er meint. Wenn es also eine undichte Stelle gibt, die wir verschließen können, dann sollten wir das auch tun.«
»Und dabei können wir vielleicht sogar eine Runde in einem Flugzeug drehen.«
»Das wäre doch ein ziemlicher Spaß, oder?«
»Wäre es. Woher wissen wir, wonach wir suchen?«
Bevor Lady Hardcastle mir noch antworten konnte, klingelte es an der Tür. Es folgten das Scheppern von Putzutensilien und ein paar Flüche. Ziemlich viele Flüche.
»Ich sollte wohl besser aufmachen«, sagte ich. »Hört sich so an, als hätte Edna ein paar Schwierigkeiten.«
Also stand ich auf und ging in die Eingangshalle hinaus, wo Edna gerade eine große Lache Seifenwasser aufwischte.
»Ist bei Ihnen alles in Ordnung?«, fragte ich.
»Geht schon, meine Liebe«, entgegnete sie. »Die Klingel hat mich erschreckt. Ich wollte schnell hingehen und aufmachen und bin dabei über meine eigenen Füße gestolpert.«
»Ich mache auf. Dann helfe ich Ihnen beim Aufwischen.«
»Ach, überlassen Sie das mir. Es ist ja nur ein bisschen Wasser. Solange ich es schnell wegfeudele, ist es halb so wild.«
Draußen stand der Postbote mit einem großen in braunes Packpapier gewickelten Paket. Ich bedankte mich bei ihm und trug es ins Haus. Edna hatte inzwischen schon den Großteil der Pfütze aufgewischt und sammelte gerade den Inhalt ihres kaputten Putzkastens auf.
»Jed kann den für Sie bestimmt wieder in Ordnung bringen«, sagte ich im Vorbeigehen.
»Ach, das wird er bestimmt auch«, entgegnete sie. »Ich hätte sonst meinen Dan gefragt, aber bei ihm dauert es wieder Wochen. Jed erledigt das im Handumdrehen.«
»In der Speisekammer sind noch ein paar Flaschen Bier«, sagte ich. »Wahrscheinlich macht er es auch umsonst, aber bieten Sie ihm trotzdem ein Getränk an.«
Sie lächelte und trug dann die Sachen wieder zurück in die Küche. Ich kehrte derweil ins Frühstückszimmer zurück.
»Irgendwas für mich?«, fragte Lady Hardcastle.
»Es ist immer für Sie«, entgegnete ich und reichte ihr das Paket.
»Du bekommst doch auch Briefe. Du erzählst mir ständig die letzten Neuigkeiten von deiner Schwester oder von der jungen Eleonora Wilson.«
Ellie Wilson und ihre Tante hatten wir letzten Sommer in Weston-super-Mare kennengelernt. Sie waren zu Besuch aus Amerika gewesen und hatten nicht ganz den Aufenthalt gehabt, den sie sich vorgestellt hatten. Nachdem die Aufregung vorüber war und die beiden wieder nach Annapolis zurückgekehrt waren, hatten Ellie und ich begonnen, uns zu schreiben. Zu meinem großen Vergnügen war sie auch immer noch in Kontakt mit unserem Musikerfreund »Skins« Maloney.
»Nun, das hier ist nicht von Ellie«, erklärte ich. »Es kommt aus London. Haben Sie irgendwas Aufregendes bestellt?«
»In letzter Zeit nicht. Na, da bin ich jetzt aber neugierig.«
Sie öffnete das Paket und war etwas enttäuscht, als darin nur zwei dicke Aktenordner und eine Nachricht von Harry lagen.
»Wie geht’s, wie steht’s, Schwesterherz?«, las sie vor. »Anbei ein bisschen Papierkram über Flugzeuge, Fallschirme und Bristol Aviation. Die üblichen Regeln – kein Wort darüber zu irgendwem. Liebe Grüße, Harry.«
»Er hat Ihnen Hausaufgaben geschickt«, merkte ich an. »Wie aufmerksam.«
»Mein Bruder ist ein freundlicher und großzügiger Junge. Na ja, wenigstens muss ich mich jetzt nicht mehr entscheiden, was ich heute bis zum Tee so mache. Hattest du schon irgendwas vor?«
»Nichts, was nicht warten kann.«
»Dann suchen wir uns ein stilles Eckchen und bereiten uns gemeinsam vor. Aber erst Frühstück.«
Ich arbeitete seit 1894 für Lady Hardcastle. Seit siebzehn Jahren. Mein halbes Leben lang. In diesen siebzehn Jahren war ich offiziell immer ihre »Kammerzofe« gewesen, aber meine Rolle war die meiste Zeit über eher die einer Adjutantin und rechten Hand, die außerdem noch ein paar Näharbeiten erledigte.
Selbst jetzt, da Harry uns überredet hatte, als Teil des Geheimdienstes in den Staatsdienst zurückzukehren, kam es uns entgegen, die Rollen eines walisischen Mädchens aus der Arbeiterklasse und einer geadelten Lady aus London aufrechtzuerhalten. Als Kammerzofe wurde ich ungefragt akzeptiert, konnte mich unbemerkt in Bereichen der hohen und niederen Gesellschaft bewegen, in denen ein ehemaliges Zirkusgör aufgefallen wäre wie ein … »bunter Hund« widerstrebt mir – ich habe mich nie als bunten Hund gesehen – , aber ich kam nicht weiter als bis zu »eine Art Blume inmitten eines Feldes ganz anderer Blumen«. Hier brachte mich meine erniedrigende Ahnungslosigkeit über die Wunder der Natur abrupt zum Innehalten. Allerdings ist wohl klar, was ich meine. Niemand nimmt von einer Kammerzofe weder im Wohnzimmer noch in der Dienstbotenhalle eines Landhauses Notiz. Sie bleibt sowohl in einem eleganten Bekleidungsgeschäft als auch in einer dunklen Spelunke so gut wie unsichtbar. Wenn die beste Freundin und enge Kollegin ein lauter, extrovertierter Wirbelwind geselligen Überschwangs ist, zahlt es sich aus, unauffällig zu sein und die Dinge im Hintergrund unbemerkt zu erledigen.
Man musste Lady Hardcastle lassen, dass es sie lange gestört hatte, dass die Welt mich »nur« als eine Zofe betrachtete. Nicht dass sie die Arbeit von Dienstpersonal für irgendwie minderwertig hielt, aber es wurmte sie zu wissen, wie gering viele der ihr Gleichgestellten mich schätzten. Oft hatte sie mir angeboten, mich zur Gesellschafterin zu »befördern«, aber das hätte ganz eigene Probleme mit sich gebracht. Gesellschafterinnen stammten üblicherweise aus der Oberschicht, also hätte meine Herkunft zu hochgezogenen Augenbrauen geführt. Und als Gesellschafterin wären mir viele der bereits erwähnten Türen auf einmal verschlossen geblieben. Mein Zugang zur Welt des gemeinen Volkes wäre empfindlich eingeschränkt worden.
Also hatten wir entschieden, dass meine offizielle Berufsbezeichnung weiterhin »Kammerzofe« lauten würde, was mir ehrlicherweise entgegenkam. Ich kümmerte mich nämlich gern um sie. Meine Tagesfreizeit hätte ich auf tausenderlei Weise gestalten können, aber es machte mir wirklich Spaß, ihre Kleider zu stopfen, ihr Haar zu frisieren und ihr damit in den Ohren zu liegen, dass sie ihr Studio in der Orangerie aufräumen solle. Edna und Miss Jones arbeiteten nun seit drei Jahren für uns, und selbst als Halbtagskräfte hielten sie das Haus mit routinierter Leichtigkeit in Schuss. Lady Hardcastles Kammerzofe zu sein, war also nicht wirklich beschwerlich.
In manchen Situationen verschwamm das alles allerdings ein bisschen. Lady Hardcastle hatte Sir Hector und Lady Farley-Stroud nur wenige Tage nach unserer Ankunft in Littleton Cotterell kennengelernt. Sie waren umgehend gute Freunde geworden, und ich wurde ihnen nur kurz darauf vorgestellt. Lady Farley-Stroud hatte ein bisschen gebraucht, bis sie sich an Lady Hardcastles Umgang mit mir gewöhnt hatte, aber nachdem ihre Einwände über eine kurze Zeitspanne einfach ignoriert worden waren, begann sie, meine Gegenwart als unumgängliche Folge ihrer Freundschaft mit Lady Hardcastle zu akzeptieren. Ich sollte anmerken, dass Sir Hector die Leute nahm, wie sie kamen, und sie alle mit derselben herzlichen Jovialität behandelte.
Das alles war großartig und zauberhaft, aber es bedeutete eben auch, dass ich nie wusste, wie ich mich kleiden sollte, wenn wir The Grange besuchten. Zu Hause trug ich meine Uniform, da ich damit rechnen musste, schmutzig zu werden, und bei unserer »Arbeit« hatte ich sie stets als meinen Tarnumhang dabei, aber im Lauf der Zeit war ich immer häufiger in Zivil unterwegs. Doch wie sollte ich das auf The Grange halten? Sie wussten, dass ich weniger Zofe als vielmehr Assistentin war, aber ich wollte einfach nicht, dass sie sich unwohl fühlten. Denn was würde ihr Unwohlsein auslösen? Würden sie sich schlechter fühlen, wenn eine Freundin wie eine Dienerin gekleidet war oder umgekehrt? Es war stets vermintes Gelände, und ich war mir nie sicher, ob ich das Richtige tat.
Wie üblich fragte ich Lady Hardcastle um Rat. Sie saß in ihrem Arbeitszimmer.
»Du wirkst ein bisschen durcheinander«, sagte sie und blickte von ihrer Korrespondenz auf. »Was hast du auf dem Herzen, alte Freundin?«
»Das Übliche«, erwiderte ich. »Was soll ich zum Tee anziehen?«
Sie lachte auf. »Irgendein Kleid wäre wohl angemessen, glaube ich – die Bewohner von The Grange sind keine bekennenden Nudisten. Wenigstens wüsste ich nichts davon. Falls sie es sind, gehen sie damit jedenfalls sehr diskret um. Obwohl sie in ihrer Jugend gesellschaftlich ziemliche Rebellen gewesen sein müssen.«
»Sie sind wie immer eine unschätzbare Hilfe. Kommen Sie schon, Sie wissen doch, wie sehr mich das belastet.«
»Stimmt. Etwas Leichtes, Sommerliches. Und einen großen Hut – ich würde denken, dass wir uns an einem so schönen Tag wie heute nach draußen setzen.«
»Also nicht meine Uniform.«
»Glaubst du denn, dass du irgendwelche Zofenpflichten erfüllen musst?«
»Mein Leben besteht von morgens bis abends aus Zofenpflichten, aber nein, ich habe gehofft, Sandwiches und Kuchen zu essen und dabei mit der kleinen Louisa zu spielen.«
»Falls du also nicht befürchtest, die klebrigen Händchen des Whitman-Kindes könnten deine Garderobe ruinieren, würde ich das weiße Kleid mit dem Spitzenkorsett vorschlagen. Und die weißen Schuhe.«
»War das wirklich so schwer?«, fragte ich.
»Dich zu necken, fällt mir nie schwer, Liebes. Wer fährt?«
»Ich dachte, wir gehen zu Fuß. Sir Hector geizt ja nie mit alkoholischen Getränken.«
»Dann auf zu deinem Kleiderschrank, kleine Dienerin. Zieh dich gleich um, dann haben wir genug Zeit, den Hügel hinaufzuspazieren.«
The Grange war im Jahr 1561 als Wochenendhaus eines reichen Bristoler Kaufmanns entstanden. In den dreihundertfünfzig Jahren seither hatte es häufig den Besitzer gewechselt, und jeder einzelne von ihnen hatte versucht, es nach seinem Geschmack umzubauen. Da auf diese Weise jede architektonische Mode bedient worden war, war es bis zu der Zeit, als die Farley-Strouds es übernommen hatten, zu einer ziemlich wilden Mischung geworden. Die Eingangshalle aus der Tudor-Zeit bildete das Herzstück, aber die Fassade und die Zimmer des »neuen« Vorderhauses waren im georgianischen Palladianismus errichtet, während der zuletzt angefügte Flügel im neugotischen Viktorianismus erbaut worden war.
Das Haus stand auf einem Hügel oberhalb von Littleton Cotterell, sodass es zwar den seltenen Winterstürmen ein wenig ausgeliefert war, aber dafür einen großartigen Ausblick über das Dorf und über das Tal des Severn bot.
Man näherte sich dem Haus durch einen steinernen Torbogen (das althergebrachte Adjektiv dafür lautet »imposant«). Das Tor selbst war nie geschlossen und zum gegenwärtigen Zeitpunkt war auch nicht ganz klar, ob das überhaupt noch möglich gewesen wäre – die Tür aus Eichenholz mit den Eisenbeschlägen war mittlerweile von Rankgewächsen überwuchert. Die Besucherinnen und Besucher gingen dann über eine lange Auffahrt (»ausladend«) zur riesigen Eingangstür (»beeindruckend«), die erst vor Kurzem marineblau gestrichen worden war (»geschmackvoll«).
Unsere Schuhe knirschten auf der gekiesten Auffahrt, während Vögel unbekannter Art und unbestimmten Alters überall um uns herum zirpten, zwitscherten und auf andere Weise piepten. Krähen konnte ich noch erkennen. Außerdem Dohlen – den Ruf einer Dohle hatte ich oft als unser geheimes Erkennungszeichen benutzt. Das furchterregende Hexengekreisch der Schwalben war auch leicht zu bestimmen, genau wie das »Schau nur, wie toll ich fliegen kann«-Geschnatter einer vorbeiziehenden Amsel. Alles andere blieb hingegen ein schrilles Rätsel für mich.
»Wusstest du, dass Schwalben nur zum Brüten landen?«, fragte mich Lady Hardcastle und blickte gen Himmel. Das erzählte sie mir jedes Mal, wenn wir eine sahen.
»Nein«, erwiderte ich also. »Wie beeindruckend.«
»Nicht wahr? Ich würde wirklich gern fliegen können.«
»Wenn Sie sich mit Adam Whitman gutstellen, könnten Sie sogar eine Chance dazu bekommen.«
»Ich stehe schon jetzt gut mit Adam Whitman, Liebes«, entgegnete sie. »Er findet mich ganz entzückend.«
»Ach ja?«
»Tut er.«
»Woher wissen Sie das?«
»Alle finden mich entzückend. Das Kunststück besteht darin, ihn dazu zu bringen, uns auf eine Besichtigungstour bei der Bristol Aviation and Aeronautics Company einzuladen.«
»Das ist übrigens eine ziemlich umständliche Tautologie«, merkte ich an.
»Langatmig. Dabei hatte man doch beim Zusammenschluss der Bristol Aviation Company und der Bristol Aeronautics Corporation die Gelegenheit, sich einen neuen, aufregenden Namen auszudenken, oder nicht? In Richtung Ruhm etwa. Auf und Davon vielleicht. Fantastische Fliegeleien. Die Fliegenden Wunder des Heiligen Josef.«
»Ich frage lieber gar nicht nach.«
»Josef von Copertino ist der Schutzheilige des Fliegens, Liebes. Das weiß doch jeder. Genau wie jedem außer dem Aufsichtsrat die Einfältigkeit der Bristol Aviation and Aeronautics Company sofort auffällt, weshalb alle sie einfach nur Bristol Aviation nennen.«
Sie drückte auf die Klingel.
Beinahe umgehend öffnete Jenkins, der Butler der Farley-Strouds, die Tür.
»Guten Tag, Mylady. Und Miss Armstrong«, begrüßte er uns.
»Guten Tag, Jenkins«, erwiderte Lady Hardcastle. »Noch zwei Leute zum Tee?«
