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Auf dem Land lässt sich gut morden – Lady Hardcastle und ihre tatkrätige Zofe ermitteln in ihrem 1. Fall!
Der Auftakt der neuen Cosy-Krimi-Reihe aus England
England 1908: Ein geruhsames Leben fernab des Londoner Trubels … genau das ist es, wonach Lady Emily Hardcastle sich sehnt. Kurzerhand lässt die exzentrische Witwe die Koffer packen und zieht mit ihrer tatkräftigen Zofe Florence »Flo« Armstrong in die malerischen Cotswolds. Doch kaum dort angekommen, wird ihr Traum vom ländlichen Idyll rüde gestört: Bei einem Spaziergang stolpern die beiden über einen toten Mann im Wald. Die hiesige Polizei ist rasch vor Ort und ebenso rasch auf der falschen Fährte. Und Lady Hardcastle sieht sich gezwungen, ihren Ruhestand aufzugeben und sich selbst auf die Suche nach dem Übeltäter zu machen …
»Diese Reihe gehört mit Sicherheit zu den besten historischen Wohlfühlkrimis, die ich bis dato gelesen habe.« The Book Decoder
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Seitenzahl: 385
Veröffentlichungsjahr: 2021
Buch
England 1908: Ein geruhsames Leben fernab des Londoner Trubels, genau das ist es, wonach Lady Emily Hardcastle sich sehnt. Kurzerhand lässt die exzentrische Witwe die Koffer packen und zieht mit ihrer tatkräftigen Zofe Florence »Flo« Armstrong in die malerischen Cotswolds. Doch kaum dort angekommen, wird ihr Traum vom ländlichen Idyll rüde gestört: Bei einem Spaziergang stolpern die beiden über einen toten Mann im Wald. Die hiesige Polizei ist rasch vor Ort und ebenso rasch auf der falschen Fährte. Lady Hardcastle sieht sich gezwungen, ihren Ruhestand aufzugeben und sich selbst auf die Suche nach dem Übeltäter zu machen …
Autor
T E Kinsey wuchs in London auf und studierte Geschichte an der Universität Bristol. Er schrieb einige Jahre lang als Journalist für Zeitschriften und Magazine, bevor er der glamourösen Welt des Internets verfiel und viele weitere Jahre für eine sehr bekannte Unterhaltungswebsite arbeitete. Nachdem er dabei half, drei Kinder großzuziehen, Tauchen lernte und sich beibrachte, Schlagzeug und Mandoline zu spielen, beschloss er schließlich, dass es an der Zeit ist, zum Schreiben zurückzukehren. Zum Glück, denn seine Reihe um die exzentrische Hobbydetektivin Lady Emily Hardcastle und ihre tatkräftige Zofe Florence Armstrong wurde in Großbritannien zu einem Megahit.
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T E Kinsey
Lady Hardcastle und der Tote im Wald
Kriminalroman
Deutsch von Bernd Stratthaus
Die Originalausgabe erschien 2016 unter dem Titel »A Quiet Life in the Country« bei Thomas & Mercer, Seattle.
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Copyright der Originalausgabe © 2016 T E KinseyThis edition is made possible under a license arrangement originating with Amazon Publishing, www.apub.com, in collaboration with Literarische Agentur Hoffman GmbH.Copyright der deutschsprachigen Ausgabe © 2021 by Blanvalet in der Penguin Random House Verlagsgruppe GmbH, Neumarkter Straße 28, 81673 München
Redaktion: Susann RehleinCovergestaltung: © www.buerosued.de nach einer Originalvorlage von Thomas & MercerCoverdesign: Lisa HortonJA · Herstellung: sam/erSatz: Vornehm Mediengestaltung GmbH, MünchenISBN 978-3-641-27120-6V004www.blanvalet.de
1
Um Himmels willen!«, rief Lady Hardcastle, als wir aus der Kutsche stiegen. »Es ist viel größer, als ich erwartet habe.«
Der Lenker des leicht heruntergekommenen Gefährts reichte mir Lady Hardcastles Gladstone-Koffer herab, während sie in ihrer Handtasche nach einem, wie üblich, großzügigen Trinkgeld kramte. Mit einem erstaunten »Danke, Mylady« ließ er seine Peitsche knallen, und die Kutsche setzte sich klappernd wieder in Bewegung zum Bahnhof von Chipping Bevington, wo wir eingestiegen waren.
Ich stand neben ihr im hellen Sommersonnenschein und blickte auf unser neues Zuhause. Sie hatte recht, es war ziemlich groß.
»Als Sie vorgeschlagen haben, wir sollten aufs Land ziehen, Mylady«, begann ich vorsichtig, »habe ich mir zugegebenermaßen ein von Rosen überwuchertes Landhaus vorgestellt, vielleicht mit einem kleinen Küchengarten und einem Apfelbaum – idyllisch und altmodisch, mit niedrigen Türen, an denen Sie sich den Kopf anstoßen, während ich problemlos hindurchgehe. Bezaubernd wäre, glaube ich, das passende Wort dafür.«
»Aber das hier ist doch auch bezaubernd, Flo«, erwiderte sie. »Außerdem ist es neu und sauber und aufregend modern. Und wir haben genug Platz.«
Da konnte ich nicht widersprechen. All das und noch mehr traf zu; ich hatte einfach nur etwas anderes erwartet. Unser neues Heim bestand aus roten Ziegeln und sah ganz anders aus als die Häuser, an denen wir auf dem Weg vom Bahnhof nach Littleton Cotterell vorbeigekommen waren. Die freundliche Bevölkerung von Gloucestershire bevorzugte als Baumaterial für ihre Häuser große, unbehauene Quader, versehen mit andersfarbigen Ecksteinen und Türzargen. Bisher war uns hier nichts begegnet, was diesem beeindruckenden Landhaus aus roten Ziegeln, mit seiner überdachten Veranda und den Panoramafenstern, geglichen hätte.
Das Haus lag ein wenig nach hinten versetzt von der Straße, die zurück ins Dorf führte, eine niedrige Mauer, auch diese aus Ziegelsteinen, fasste das Grundstück ein. In den gepflegten Vorgarten gelangte man durch ein verziertes schmiedeeisernes Tor, das genauso grün angestrichen worden war wie die stabil wirkende Eingangstür des Hauses. Beim Öffnen quietschte es.
»Vielleicht müssen wir jemanden aus dem Dorf kommen lassen, der die Angeln ölt«, überlegte Lady Hardcastle, als wir über den Pfad zur Tür gingen. »Wenn dieses Ding jedes Mal quietscht, sobald jemand zum Haus kommt, werden wir ja verrückt.«
»Verrückt ist ja nun beileibe nichts, was Sie schrecken könnte, Mylady«, scherzte ich. »Und ob die Besucher bei uns tatsächlich in Scharen ein und aus gehen? Sie kennen hier doch niemanden. Außerdem dachte ich, Sie wollten in Ruhe das Landleben genießen.«
»Oh, das will ich auch, aber wir werden sicherlich Besuch bekommen. Wenigstens hoffe ich das. Ich möchte zwar ein ruhiges Leben, aber keins wie im Kloster.«
Sie drückte die Klinke herunter, die Tür war unverschlossen, und wir traten ein.
Während wir die neue Umgebung auf uns wirken ließen, hallten unsere Schritte auf dem Holzfußboden wider. Die Eingangshalle war mit dunklem Holz vertäfelt, sodass der kleine Garderobentisch und der Hutständer aus der Londoner Wohnung überhaupt nicht deplatziert wirkten.
»Das sieht doch gut aus«, sagte sie. »Wirklich sehr gut.«
»Im Elend müssen wir nicht leben, so viel ist sicher«, bestätigte ich lächelnd. »Wenn ich den Herd anbekomme, kann er sich schon mal aufheizen, während wir uns im Haus umsehen, und dann mache ich uns eine schöne Tasse Tee, bevor wir uns hier einrichten.«
»Ein ausgezeichneter Plan, Flo. Ich würde gern überprüfen, ob die Umzugsleute meine Anweisungen befolgt haben. Du weißt ja, wie diese Männer sein können. Erst versprechen sie, alles an seinen Platz zu stellen, und dann haben sie doch die Schusterpalme ins Schlafzimmer und das Klavier in die Küche geräumt.«
»Sie hatten doch noch nie eine Schusterpalme«, rief ich ihr aus der Küche zu.
»Und das ist auch gut so«, erwiderte sie, »wenn die Umzugsmänner sie so stiefmütterlich behandeln.«
Neben dem Herd waren Holzscheite aufgestapelt, sodass ich ihn im Handumdrehen angefacht hatte.
»Außerdem dachte ich, dass wir das Klavier gar nicht mitgenommen hätten«, fügte ich hinzu, als ich die Küche wieder verließ. Doch Lady Hardcastle war nicht zu sehen, also versuchte ich die Tür, die rechts von der Eingangshalle abging. Dahinter lag der Salon, in dem sie mit dem Aufstellen der Stühle und dem kleinen Tisch dazwischen kämpfte.
»Was hast du gerade gesagt, meine Liebe?«, fragte sie.
»Ich sagte: Haben wir das Klavier nicht in London gelassen?«
»Oh gewiss, das haben wir«, antwortete sie mit einem verwirrten Stirnrunzeln.
»Gerade haben Sie doch gesagt, dass Sie erwarten würden, es in der Küche vorzufinden«, fragte ich nach.
»Habe ich das? Aber wir haben es ganz sicher zurückgelassen. Ich konnte es noch nie leiden – es hatte einen ganz furchtbaren Klang. Ich habe ein neues bestellt.«
»Verstehe, Mylady.«
»So weit, so gut«, sagte sie dann und zeigte auf ihre alten Stühle und das kleine Tischchen, die den riesigen Raum nicht annähernd ausfüllten. »Sogar die Bücher haben sie in die Regale geräumt. Allerdings bin ich mir nicht sicher, ob ich Charles Dickens neben Isaac Newton platziert hätte, außer vielleicht bei einer Soirée, aber dann auch nur, wenn Nellie Melba nicht aufgetaucht wäre. Na ja, die Männer haben ihr Bestes gegeben.«
»Was ist denn mit den schönen Sesseln passiert?«, fragte ich.
»Die sollten im Salon stehen.«
»Grundgütiger, einen Salon haben wir auch? Wie unfassbar dekadent.«
»Außerdem ein Frühstückszimmer. Jasper und seine Frau haben vier Kinder, also brauchen sie sehr viel Platz, falls sie jemals aus Indien zurückkehren.«
»Hat er denn angedeutet, wann das der Fall sein könnte?«
»Nein«, entgegnete sie. »Diesbezüglich war er leider nicht sehr präzise. ›Das Geschäft, bla, bla, ich muss ein Weilchen dableiben, bla, bla, großes Pech, bla, bla, du möchtest nicht vielleicht ein Landhaus mieten, altes Mädchen? Ich hätte da eins.‹ Du kennst ihn ja.«
Wir durchquerten die Eingangshalle und traten durch die gegenüberliegende Tür ins Speisezimmer. Am Esstisch aus Walnussholz hatten acht Personen Platz, sodass er für die Wohnung stets ein bisschen zu groß gewesen war, doch hier, in diesem großzügigen Raum mit der hohen Decke, wirkte er deutlich weniger fehl am Platz. Lady Hardcastle sah sich im Raum um, ob sich wohl alles an der richtigen Stelle befand.
»Sie haben deutlich bessere Arbeit geleistet, als ich befürchtet hatte«, erklärte sie dann und öffnete eine der Türen des Sideboards. »Sieh nur, sie haben sogar daran gedacht, das Geschirr wegzuräumen.«
Bevor ich einen Blick auf das weggeräumte Geschirr werfen konnte, war sie schon nach draußen gefegt, in Richtung der Hausrückseite und in Richtung Küche. Statt jedoch links abzubiegen wie ich vorher, als ich den Herd gesucht hatte, wandte sie sich nach rechts und betrat einen kleinen quadratischen Raum. Dort stand ihr Schreibtisch, von dem aus sie in den großen Garten sowie auf die dahinterliegenden Felder und Hügel blicken konnte.
»Das sieht doch wirklich alles sehr gut aus«, bekräftigte sie noch einmal und legte die Hand auf die Rückenlehne ihres Schreibtischstuhls. »Irgendwann müssen wir vielleicht umdekorieren – diese Pastelltöne finde ich doch ein bisschen fad – , aber für den Moment wird es so gehen. Als Nächstes sollten wir uns oben umsehen.«
»Nur eins noch, Mylady«, sagte ich, als wir unseren Rundgang durchs obere Stockwerk beendeten und uns wieder auf den Weg in die Küche machten.
»Nur eins?«, fragte sie.
»Für den Moment. Sie haben doch sicher vor, weiteres Personal einzustellen, nicht wahr? Allein werde ich mich nicht um dieses ganze Haus kümmern können. Die Wohnung in London, das war kein Problem, vor allem, da wir die Wäsche auswärts erledigen lassen konnten, aber hier …«
»Keine Angst, meine kleine Dienerin«, erwiderte sie. »Als Jasper mir das Haus vermietet hat, hat er gleich den hiesigen Grundbesitzern Bescheid gegeben, und die haben ein paar Leute herausgesucht, die sich bei uns vorstellen werden. Ich habe alles unter Kontrolle.«
»Nun, das ist eine Erleichterung«, sagte ich und setzte den Wasserkessel auf.
»Viel drängender ist die Frage«, fuhr sie fort und sah sich dabei um, »was wir essen werden. Die Eisenbahngesellschaft transportiert einen zwar zuverlässig von A nach B, aber das Mittagessen war doch eher lieblos. Bis zum Abendessen werde ich bestimmt schon verhungert sein.«
»Keine Angst, meine alternde Arbeitgeberin«, erwiderte ich. »Ich habe ein paar Vorräte bestellt, bevor wir aus London aufgebrochen sind. Falls alles geklappt hat, sollte die Speisekammer gut gefüllt sein.«
Ich öffnete die Tür und zeigte auf die Regale, die sich unter den Lebensmitteln förmlich bogen.
»Das hast du gut gemacht«, lobte sie. »Lass uns also erst einmal Tee trinken, dann darfst du deine kulinarischen Zauberkräfte anwenden, während ich mich davon überzeuge, dass meine Ausrüstung sicher in der Orangerie verstaut worden ist.« Sie zeigte auf die Tür neben dem großen Spülbecken. »Geht es dort hinaus in den Garten?«
»Durchs Schuhzimmer, jawohl«, entgegnete ich.
Bald kochte das Wasser, ich goss den Tee auf und setzte mich zu ihr an den Tisch.
»Lampen!«, rief sie unvermittelt aus.
»Wie bitte?«
»Haben wir denn Lampen? Ich habe mich so sehr an das elektrische Licht in der Wohnung gewöhnt, dass ich das Problem vollkommen aus den Augen verloren habe.«
»Darum habe ich mich gekümmert, Mylady«, konnte ich sie beruhigen. »Lampen, Öl, Kerzen, Streichhölzer … Alles liegt in der Umzugskiste dort drüben.«
»Was würde ich nur ohne dich tun?«
Einen Augenblick lang überlegte ich. »Verhungern, Mylady. Und zwar im Dunkeln.«
Am nächsten Morgen wachte ich beizeiten auf und machte mich an die Arbeit. Neues Personal wäre ein Segen, aber es bestand kaum die Aussicht, dass wir in den nächsten Tagen überhaupt dazu kommen würden, auch nur ein Vorstellungsgespräch zu führen, geschweige denn jemanden einzustellen. Außerdem muss ich zugeben, dass ich der Meinung war, qualifizierter für die wichtige Aufgabe der Einrichtung des Hauses zu sein, als irgendeine Hilfskraft aus dem Dorf es hätte sein können, ganz egal, wie viel Mühe diese sich gäbe.
Ich weckte Lady Hardcastle mit einem Tablett mit Tee und Toast, und es dauerte nicht lange, bis sie nach unten zum Frühstück kam, das wir gemeinsam im dafür vorgesehenen Zimmer einnahmen.
»Was haben Sie denn für heute geplant, Mylady?«, fragte ich und schenkte ihr Tee nach.
»Ich muss die Orangerie in Ordnung bringen«, erwiderte sie. »Ansonsten finde ich, dass wir uns ein wenig Muße gönnen sollten. Die Monate, die auf diese schreckliche Geschichte in der bulgarischen Botschaft folgten, waren recht hektisch, und ich finde, dass wir uns beide eine kleine Verschnaufpause verdient haben. Was hast du denn vor?«
Ich skizzierte ihr die wichtigsten Aufgaben des Tages und erwähnte nebenbei auch einige der weniger wichtigen.
Sie lachte auf. »So viel zu dem Vorsatz, es langsam angehen zu lassen. Na, überanstreng dich nicht. Wir haben bis zum Wochenende eine Haushaltshilfe und eine Köchin, und die müssen ja auch noch irgendwas zu tun haben.«
Skeptisch zog ich die Brauen hoch. »Ich werde versuchen, noch etwas übrig zu lassen, Mylady«, sagte ich, war aber weiterhin nicht überzeugt, dass wir so schnell jemanden finden würden.
Wir beendeten das Frühstück unter weiterem Geplauder, dann stand sie auf und suchte ihren Overall. Üblicherweise bevorzugte sie elegante Kleidung, die ihre hoch aufgeschossene, anmutige Gestalt umschmeichelte. Oft entschied sie sich für Dunkelblau, um das Blau ihrer Augen zur Geltung zu bringen, oder für tiefes Purpur, neben dem ihr dunkles Haar besonders glänzte. Mausgraue Overalls taten hingegen nichts für sie, vereinfachten allerdings die Wäsche, wenn sie mal wieder einen Tag in ihrem Atelier verbracht hatte.
Ich machte mich an meine Liste von Aufgaben, die Herkules hätte erbleichen lassen. Im Laufe des Morgens wurde meine Arbeit allerdings kaum weniger, da ein halbes Dutzend Mal die Türklingel schellte. In London lernte eine Lady im Laufe einiger Jahre gerade mal ihre direkten Nachbarn kennen, und auch das nur, wenn sie außergewöhnlich gesellig war. Hier draußen im Südwesten Englands schien jedoch jeder Einzelne, und auch noch dessen Hund, mehr über die neu zugezogene Fremde herausfinden zu wollen.
Reverend James Bland, der Vikar der Kirche St. Arild’s, war der Erste, der vorbeischaute und als Gastgeschenk einen ziemlich Respekt einflößenden Früchtekuchen mitbrachte, den seine Frau zu Lady Hardcastles Ehren selbst gebacken hatte. Sie werde, so versicherte er, sich innerhalb der nächsten beiden Tage auch noch persönlich vorstellen. Der Gehilfe der Metzgerei Spratt kam mit einer Nachricht vorbei, um das Geschäft seines Arbeitgebers anzupreisen. Ihm folgten auf dem Fuße zwei Burschen von der Bäckerei und dem Lebensmittelladen, die beide ähnliche Nachrichten überbrachten. Ich konnte nicht umhin, mir zu überlegen, dass die drei Geschäfte besser einen einzigen der Burschen hätten losschicken sollen, der sie alle auf einmal vorgestellt hätte, aber so strahlten die Burschen vor Freude, als Lady Hardcastle jedem von ihnen für ihre Mühen ein paar Kupfermünzen zusteckte.
Als Nächster erschien der Dorfpolizist. Sergeant Dobson bestand darauf, dass er nicht hereinkommen könne. Nichtsdestoweniger wollte er Lady Hardcastle seinen Respekt zollen und ihr versichern, dass er und sein Assistent (dessen Name mir zum einen Ohr hinein- und zum anderen wieder hinausrauschte) stets zur Stelle seien, um für unsere Sicherheit zu sorgen. Nicht etwa, fügte er hastig hinzu, dass wir sie brauchen würden. Sein Dorf sei das sicherste im gesamten Distrikt. Falls wir allerdings irgendetwas benötigen sollten, sollten wir ihm einfach nur Bescheid sagen.
Gemäß seiner Ankündigung bestand er nicht auf einer Tasse Tee mit uns, wie es die Londoner Polizei gewiss getan hätte. Stattdessen wünschte er uns beiden einen guten Tag und marschierte dann einen Schlager pfeifend über den Gartenweg zurück zum Tor.
Den sechsten Besucher, Dr. Fitzsimmons, bat Lady Hardcastle ins Haus und führte ihn in ihren Salon. Ich machte noch einmal Tee und grübelte darüber nach, ob es wohl klug wäre, den armen Kerl mit dem Kuchen der Vikarsgattin zu drangsalieren. Einerseits erschien es so ziemlich das Gegenteil von Gastfreundschaft zu sein, den Mann einem so furchterregenden Früchtebrot auszusetzen, andererseits hatten wir nichts anderes. Ich beschloss, dass er sicherlich schon vorher mit Mrs. Blands Gebäck konfrontiert gewesen sein müsste und inzwischen abgehärtet wäre. Also schnitt ich ein paar dünne Scheiben ab und reichte sie ihnen zum Tee.
Von der Küche aus konnte ich einige Fetzen ihres Gesprächs mithören. Lady Hardcastle schien darum bemüht, dem Doktor ihre neueste Leidenschaft zu erklären.
»… alles sehr interessant«, entgegnete er, dann hörte ich, wie die Tassen und Untertassen klimpernd wieder auf dem Tablett abgestellt wurden. »Ich nehme nicht an, dass Sie damit bei den Dorfbewohnern auf Begeisterung stoßen werden – bisweilen hege ich den Verdacht, dass viele von ihnen sogar meine bescheidenen Fähigkeiten als eine Art Hexerei betrachten …«
Sie lachte. »Das merke ich mir.«
»Nun, dann lasse ich Sie mal wieder allein«, sagte er, und ihre Stimmen echoten durch die holzvertäfelte Eingangshalle. »Ich bin sicher, Sie haben eine Menge zu tun. Der Einzug ist immer so eine anstrengende Zeit.«
Ja, dachte ich, das ist er tatsächlich. Für manche von uns.
»Danke, Doktor«, erwiderte sie.
»Ganz schön was los, nicht wahr?«, sagte sie, als sie daraufhin zu mir in die Küche trat.
»Offensichtlich«, entgegnete ich. »Anscheinend habe ich die Häufigkeit von Besuch vollkommen unterschätzt.«
»Deine Annahmen haben sich bisher als falsch erwiesen, stimmt. Was gibt es denn zum Lunch?«
»Mittagessen, Mylady?«, fragte ich erstaunt. »Nach dem ganzen Kuchen?«
Sie stöhnte auf. »Leider habe ich keinen Bissen von Mrs. Blands Kuchen gegessen. Er wirkt auf mich wie etwas, womit man Kanonen laden würde, wenn einem die Munition ausgegangen ist. Glücklicherweise hat Dr. Fitzsimmons seine Herkunft richtig erraten, also ist dein Ruf als Pâtissière noch intakt. Allerdings haben wir uns beide entschieden, nicht davon zu kosten.«
»Das kann ich Ihnen nicht verübeln«, antwortete ich. »In diesem Fall haben Sie eventuell Lust auf eine oder zwei Scheiben der Pastete, die ich vor unserer Abreise aus London bestellt habe und die immer noch in unserer ungewöhnlich gut ausgestatteten Speisekammer wartet?«
»Sie wird sicher nicht so gut wie die von dir selbst gemachte sein, aber ich bin sicher, sie erfüllt ihren Zweck. Haben wir auch Chutney? Vielleicht ein paar Tomaten?«
»Das alles und noch viel mehr, Mylady. Wollen Sie sich vor dem Lunch umziehen?«
Sie musste lachen. »Vielleicht wasche ich mir die Hände – anscheinend bin ich ziemlich schmutzig geworden. Sowohl der Vikar als auch der Doktor schienen von meinem Erscheinungsbild doch eher überrascht zu sein.«
»Ich vermute, das hatte weniger mit den schmutzigen Händen als vielmehr mit dem Arbeitsoverall zu tun.«
»Hm, möglich«, räumte sie ein. »Na ja, das wird sie lehren, dass man eine Lady nicht einfach so unangekündigt überfällt. Man kann ja nicht von mir erwarten, dass ich den ganzen Tag angekleidet bin, um Besuch zu empfangen – schließlich habe ich Arbeit zu erledigen.«
»Ganz recht, Mylady. Lunch in zehn Minuten?«
Der Nachmittag verging mit nur noch einer einzigen Unterbrechung in Form einer Nachricht, die von einem livrierten Chauffeur überbracht wurde. Er bestand darauf, eine Antwort mitzunehmen, lehnte aber das Angebot ab, in der Küche zu warten, und blieb stattdessen auf der Türschwelle stehen.
Die Nachricht stammte von Sir Hector und Lady Farley-Stroud, den örtlichen Grundbesitzern. Sie lebten auf The Grange, jenem großen, charmant heruntergekommenen Gutshaus, das wir auf dem Hügel gesehen hatten, als wir tags zuvor durchs Dorf gefahren waren. Die Farley-Strouds entschuldigten sich für die Kurzfristigkeit, fragten aber, ob Lady Hardcastle am Abend nicht zum Dinner vorbeikommen wolle, »um ein paar Leute kennenzulernen«. Diese Einladung hatte sie natürlich ohne zu zögern angenommen. Bert – so hieß der Chauffeur – nahm ihre Antwort entgegen und versicherte mir, dass er, falls sie »Ja« lautete, um halb acht wieder hier sein werde, um sie nach The Grange zu fahren.
Ich war Lady Hardcastle beim Ankleiden behilflich. Nachdem sie aufgebrochen war, setzte ich mich mit einem Buch und einem Sandwich in einen der bequemen Sessel im Salon. Sie hatte mir vorgeschlagen, doch eine der Weinflaschen zu öffnen, die wir aus der Londoner Wohnung mitgebracht hatten, aber ich begnügte mich mit Wasser. Wein war etwas, was geteilt werden musste.
In die Lektüre vertieft, verging die Zeit für mich wie im Flug. In meinem Tagebuch steht nicht, was ich gelesen habe, aber ich erinnere mich daran, dass es mir gefiel, also war es wohl nicht Thackeray. Thackeray konnte ich noch nie leiden.
Kurz vor Mitternacht rauschte Lady Hardcastle dann in den Salon.
»Hallo, Flo«, rief sie. »Ich hatte nicht erwartet, dass du noch auf bist.«
»Sie kennen mich doch, Mylady«, antwortete ich und winkte mit dem Buch.
»Ach ja, du und deine Bücher.«
»Genau. Wie war’s beim Dinner?«
»Tatsächlich angenehmer als erwartet. Ich hatte schon mit einem langweiligen Abend in Gesellschaft irgendeines aufgeblasenen Landjunkers und seiner grässlichen Frau gerechnet, aber sie haben sich als ziemlich großartig herausgestellt.«
»Erzählen Sie«, bat ich und setzte mich ein wenig bequemer hin.
Ihr Blick fiel auf ihr Bild in dem Spiegel über dem Kamin. »Findest du eigentlich, dass diese Perlenkette zu dem blauen Kleid passt?«
»Als ob das Ganze von dem feinsten Pariser Couturier entworfen worden wäre, Mylady. Sie haben wirklich die Aufmerksamkeitsspanne einer Wespe. Was war denn nun so großartig an den Farley-Strouds?«
»Ach ja, entschuldige. Sie sind nicht nur die bezauberndsten alten Leutchen, denen ich jemals begegnet bin, tatsächlich hat Gertie Farley-Stroud meine Mutter gekannt. Als ich eintrat, sagte sie: ›Verraten Sie mir, meine Liebe, bevor wir fortfahren, lautet Ihr Mädchenname Featherstonhaugh?‹ Ich antwortete gedehnt: ›Ja-aa …‹ Darauf sie wieder: ›Und haben Sie einen älteren Bruder namens Harry?‹ Ich entgegnete aufs Neue: ›Ja-aa‹, in demselben gedehnt-fragenden Tonfall, weil ich vermutete, dass sie mich in einem Who’s Who oder so etwas nachgeschlagen hatte. Aber dann erläuterte sie: ›Meine Liebe, ich habe Ihre Mutter gekannt.‹ Anscheinend haben sie und Hector meine Eltern kennengelernt, als mein Vater in Indien war, danach haben sie den Kontakt gehalten. Das letzte Mal, dass sie mich gesehen hat, war ihr zufolge in unserem Londoner Elternhaus. Ich war vier und habe ihr Newtons Gesetze der Bewegung vorgebetet und dann – ihrer Angabe nach ziemlich schlecht – Frère Jacques auf dem Klavier vorgespielt, bevor ich erklärte, dass ich ein Eisbär werden wolle, wenn ich einmal groß sei.«
»Schon damals waren Sie furchtbar ehrgeizig«, warf ich ein.
»Allerdings, meine Liebe, immer. Offenbar haben Mummy und sie einander noch jahrelang geschrieben, und Gertie hat meine Entwicklung verfolgt: meine Jahre in Cambridge, meine Heirat mit Roddy, all unsere Versetzungen ins Ausland, einfach alles. Als Jaspers Makler mich als die neue Mieterin dieses Hauses angekündigt hat, hat sie sich gefragt, ob ich wohl dieselbe Emily Hardcastle sein könnte, die sie von früher her kannte. Und wie sich herausstellte, bin ich es tatsächlich.«
»Gewiss kann es von Ihnen kein zweites Exemplar geben, Mylady.«
»Da hast du wohl recht. Sie waren so freundlich und bezaubernd und so verrückt wie ein Sack voller Gibbons, also hatte ich wirklich einen wundervollen Abend. Die einzige Suppe im Haar war, dass sie darauf bestanden haben, mich mit den Ortsansässigen bekannt zu machen, damit ich ordentlich in die Gesellschaft von Gloucestershire eingeführt werde. Darauf hätte ich ehrlicherweise verzichten können, aber es erschien mir ungehörig, mich zu widersetzen, also habe ich mir alle Mühe gegeben. Obwohl ich nur mit einem Abendessen im kleinen Kreis der hiesigen Landbesitzer gerechnet hatte, sah ich mich plötzlich mit allem konfrontiert, was Rang und Namen hat und sich furchtbar wichtig nimmt.«
»Gibt es irgendwelchen interessanten Tratsch?«
»Gar keinen, leider. An Bemerkenswertem passiert derzeit lediglich, dass die Tochter der Farley-Strouds sich mit dem Sprössling einer ortsansässigen Kaufmannsfamilie verlobt hat. Sie haben irgendwas mit Spedition auf dem Seeweg zu tun. Im Moment gibt es kein anderes Thema. Ich muss gestehen, dass ich nicht richtig zugehört habe.«
»Es könnte trotzdem schlimmer sein. Man hätte Sie dazu auffordern können, den Mord am bulgarischen Botschafter zu vereiteln. Schon wieder.«
»Das war aber doch ein Riesenspaß, oder nicht?«
»In der Tat, Mylady. Und dennoch glaube ich, dass wir ohne die ganze Aufregung besser dran sind.«
»Da hast du wahrscheinlich recht. Wie war denn dein Abend?«
»Sandwiches und ein gutes Buch – etwas Besseres kann ich mir nicht vorstellen.«
»Abgesehen von einem Abend mit mir natürlich. Hast du Lust auf einen kleinen Schlummertrunk? Ich könnte vor dem Zubettgehen noch einen Brandy vertragen.«
Also holte ich die Flasche und zwei Gläser. Das Landleben war am Ende gar nicht so übel.
2
Mir war versichert worden, dass unser neues Leben in Gloucestershire friedlich und ohne Zwischenfälle verlaufen werde. Aus der nächstgelegenen Stadt bestehe nordwärts eine Zugverbindung nach Cheltenham oder Gloucester beziehungsweise in südlicher Richtung nach Bristol oder Bath, sodass wir in Nullkommanichts in einer dieser lebendigen Städte sein könnten. Wir wären also nicht vollkommen von der Zivilisation abgeschnitten, aber mir war außerdem versprochen worden, dass nach unseren Jahren voller Abenteuer (gelegentlich sogar voller Schrecken) Ruhe einkehren werde. Lady Hardcastle und ich könnten uns endlich entspannen. Uns ausruhen. Es langsam angehen lassen. In sicherer Distanz zu der ganzen Gewalt.
So kam es, dass wir an unserem zweiten vollen Tag im Dorf kurz nach Sonnenaufgang gemeinsam im dafür vorgesehenen Zimmer frühstückten.
»Sie haben mir ein angenehmes Leben versprochen«, protestierte ich, während ich ihr noch ein Würstchen auf den Teller legte.
»Und das bekommst du auch«, versicherte sie mir, spießte das Würstchen mit der Gabel auf und wedelte es vor sich durch die Luft. »Gertie hat zwei vielversprechende Hausangestellte ausfindig gemacht, die sich bei uns vorstellen werden, du hast also bald so viel Freizeit, dass du gar nicht wissen wirst, wohin damit.«
»Und doch sitze ich schon hier am Frühstückstisch, während sogar die Vögel finden, dass es noch ein bisschen früh ist, und lieber noch eine halbe Stunde in ihrem Nest bleiben, bevor sie auch nur daran denken, die Mühen des Tages in Angriff zu nehmen.«
»Nachher wirst du es mir danken«, erwiderte sie. »Wir machen nämlich einen Spaziergang, um unsere neue Umgebung zu erkunden. Vielleicht fertige ich auch ein paar Skizzen an. Dann machen wir einen Abstecher ins Dorf und geben einige Bestellungen bei den örtlichen Geschäften auf – es kann ja nicht schaden, sich persönlich vorzustellen. Ich frage mich, ob es hier einen Teesalon gibt – da könnten wir ein Tässchen trinken und uns dazu etwas Hefegebäck genehmigen.«
»Und das alles schon vor dem Mittagessen«, warf ich ein.
»Ganz recht. Wir können all das tun und haben trotzdem immer noch den Großteil dieses wunderbaren Sommertags vor uns.«
»Das ist ein sehr überzeugendes Plädoyer, Mylady«, sagte ich und begann den Frühstückstisch abzuräumen. »Aber ich bin mir ziemlich sicher, dass ich eine zusätzliche Stunde Schlaf bevorzugt und mich auch dann noch auf all diese Dinge gefreut hätte.«
»Ich lande sicher im Handumdrehen wieder bei meinen alten Faulenzergewohnheiten. Wahrscheinlich ist es nur die Luftveränderung.«
»Dann gibt es ja auf jeden Fall etwas, auf das ich mich freuen kann.«
Sie erhob sich und wandte sich zum Gehen.
»Ich habe Ihnen die Schuhe für draußen neben die Eingangstür gestellt«, rief ich ihr noch hinterher.
»Du bist wirklich wunderbar. Können wir in zehn Minuten los?«
Zehn Minuten später waren wir tatsächlich fast fertig zum Aufbruch. Fast.
»Ach, sag mal, Flo, könntest du mir nicht vielleicht den Gefallen tun, noch mal für mich in die Orangerie zu gehen? Ich würde gern ein paar Zeichenutensilien mitnehmen. Die Tasche muss dort irgendwo liegen.«
Lady Hardcastle war eine unermüdliche Zeichnerin. Daher hatte sie stets eine Tasche mit Stiften und einem Block griffbereit und für das nächste Abenteuer fertig gepackt … Nun ja, gepackt war sie immer, allerdings war die Tasche nie wirklich griffbereit für das nächste Abenteuer, weil sich Lady Hardcastle nämlich nie erinnern konnte, wo sie sie abgestellt hatte.
Ich nutzte die Gelegenheit, um mir anzusehen, was sie mit der Orangerie angestellt hatte. Ihr ununterbrochenes Zeichnen war ein Symptom für eine viel umfassendere Besessenheit von den bildenden Künsten. In unserer Londoner Zeit hatte sie die aufregende neue Welt der Bewegtbilder kennengelernt und sich eine Ausstellung der Werke einiger experimenteller Filmkünstler angesehen. Besonders hatte es ihr die fotografische Illusionskunst von Georges Méliès angetan, der es vermochte, geradezu magische Effekte zu erzielen.
So sehr hatte sie das alles begeistert, dass sie sich mit dem ihr eigenen Eifer ins Studium der wissenschaftlichen Grundlagen der Erzeugung bewegter Bilder gestürzt hatte. Die Ideen purzelten nur so aus ihrer Fantasie heraus, sodass sie damit begonnen hatte, selbst mit dem Erstellen von Filmen zu experimentieren. Als sie sich dann entschieden hatte, nach Gloucestershire zu ziehen, war einer ihrer sehnlichsten Wünsche der nach einem großen, gut ausgeleuchteten Raum gewesen, in dem sie ihre fotografische Ausrüstung aufstellen konnte. Die Orangerie hatte sich für diesen Zweck als geradezu ideal erwiesen.
Ich benötigte mehrere Minuten entschlossener Suche zwischen den rätselhaften Apparaturen, bis ich die Zeichentasche aus Segeltuch unter einem Haufen winziger Kleidungsstücke und einigen Entwürfen für etwas, was wie Tiermodelle aussah, entdeckt hatte. Oder war Animalodelle die bessere Bezeichnung?
Ich dachte noch immer über diese Frage nach, als ich die Tür der Orangerie abschloss und ins Haus zurückkehrte.
Hinter dem Tor bogen wir nach rechts ab, weg vom Dorf und in die Wildnis hinein. Als ich noch ein kleines Kind war, waren wir viel herumgekommen, von einem Ende der Insel zum anderen, sodass ich einen Großteil ihrer Landschaften kannte. Allerdings stellte das Land für mich, wie für jedes Stadtkind, etwas dar, was durchquert werden musste, um ins nächste Stück Zivilisation zu gelangen. Vom Fahrersitz eines Fuhrwerks aus ist das britische Land zwar schön, aber es ist nie etwas gewesen, wonach ich eine besondere Sehnsucht verspürte. Es gab hier weder Bibliotheken noch Museen, stattdessen Kühe, Schafe und Tausende nicht identifizierbarer Bäume.
Zwar hatte ich später die Welt zusammen mit Lady Hardcastle bereist, aber Teile meiner Heimat waren mir fremd. Daher war diese einfache Rechtskurve, die uns von den Häusern und Geschäften wegführte, ein genauso großes Abenteuer wie eine Wanderung durch Zentralchina. Die Hecken raschelten vor Leben, als wir sie passierten, und die Luft war angefüllt mit Vogelgezwitscher und dem Duft nach … Mir ist es immer ziemlich seltsam vorgekommen, dass sich die Menschen über die Gerüche beschweren, die ihnen in der Stadt entgegenschlagen – der Rauch, der Abfall, die Fabriken, die Brauereien – , als ob es auf dem Land nur nach Paradiesgarten duften würde. Wenn, was mich hier umgab, tatsächlich der Geruch des Paradieses wäre, sollte ich vielleicht einmal darüber nachdenken, wie ich meine unsterbliche Seele mit einer Art Schutzmaske ausstatten könnte.
Nach einer weiteren Kurve entschied Lady Hardcastle, dass wir den Weg lieber verlassen und uns stattdessen querfeldein schlagen sollten.
Auf der anderen Seite des riesigen Feldes entdeckte ich einen Bauern, der seine Rinderherde durch ein Tor auf ein Gehöft zutrieb, vielleicht, um sie zu melken. Anscheinend bemerkte er uns, denn nach kurzem Zögern ließ er seine Kühe einfach stehen und kam auf uns zu.
Die Kühe waren gar nicht einverstanden mit dieser Unterbrechung ihrer Routine und begannen gereizt zu muhen. Einige von ihnen trotteten weiter auf ihr allmorgendliches Ziel zu, angezogen wahrscheinlich von der Aussicht, gemolken zu werden. Die anderen hingegen liefen führungslos und verloren umher. Ich hatte es Lady Hardcastle nie verraten, aber vor Kühen hatte ich mich schon immer ziemlich gefürchtet. Daher war ich froh, dass sie sich in sicherem Abstand befanden und sich eher von uns zu entfernen schienen.
»Aufgepasst«, warnte ich. »Jetzt sind wir fällig.«
»Wie bitte?«, sagte Lady Hardcastle, die den Bauern noch nicht bemerkt hatte.
»Hundertfünfzig Meter backbord voraus«, erläuterte ich. »Und nähert sich rasch.«
Sie wandte sich um. »Grundgütiger«, rief sie. »Für so einen molligen kleinen Kerl bewegt er sich aber ziemlich flott.«
Wir verlangsamten unser Tempo und warteten.
»Morgen, Ladys«, rief er, als er in Grußweite war. Dabei tippte er sich an die Mütze.
»Auch Ihnen einen guten Morgen«, erwiderte Lady Hardcastle leutselig. »Was für ein schöner Morgen, nicht wahr?«
»Das ist wahr, Ma’am«, antwortete er. »Sie gehen wohl ein bisschen spazieren.«
»So ist es, ja. Ich hoffe, wir sind hier nicht auf privatem Grund.«
»Zufällig sind Sie das«, entgegnete er.
»Mein lieber Freund, das tut mir furchtbar leid. Aber an so einem schönen Tag mochte ich nicht auf dem Weg bleiben, eingeschlossen von Hecken, wo wir doch diese wunderbare Landschaft genießen können.«
»Ach, na ja«, antwortete er, da ihm der Wind ein wenig aus den Segeln genommen war. »Wenn Sie dran denken, die Tore wieder hinter sich zu schließen, und die Tiere nicht aufscheuchen, kommen wir sicher klar miteinander.«
»Vielen Dank, Mr. …?«
»Thompson, Ma’am, Toby Thompson.«
»Sehr erfreut, Mr. Thompson. Ich bin Lady Hardcastle, und das hier ist meine Zofe, Miss Armstrong.«
»Ahhh«, machte er wissend. »Dann sind Sie also die Lady aus London, die in das neue Haus an der Straße eingezogen ist.«
»Ganz recht.«
Sie tauschten weitere Höflichkeiten aus, aber ich klinkte mich aus ihrem Gespräch aus. Meine Aufmerksamkeit wurde vollständig von den verwirrten und misslaunigen Kühen in Anspruch genommen, bis ich Mr. Thompson auf die Wälder deuten sah, die ungefähr eine halbe Meile entfernt lagen. Dabei sagte er in seinem mir unvertrauten, verwaschenen Dialekt des Südwestens: »Im Wald lässt es sich um diese Uhrzeit schön spazieren gehen, Mylady. Wie Sie sagen, es ist ein schöner Tag. Ich selbst gehe oft in den Wald, um an einem Sommertag ein bisschen Ruhe und Frieden zu finden, sobald ich mit dem Melken fertig bin.«
»Danke, Mr. Thompson«, erwiderte Lady Hardcastle. »Ich denke, das tun wir jetzt auch.«
»Recht haben Sie. Dann wünsche ich Ihnen einen guten Tag, Mylady.«
Lady Hardcastle bedankte sich noch einmal, dann gingen wir quer über die Wiese auf die dicht stehenden Bäume zu.
»Das ist besser ausgegangen als erwartet«, sagte ich zu ihr, als wir den Kurs änderten. »Ich habe schon damit gerechnet, dass er auf uns schießt.«
»Er war doch einfach nur neugierig. Außerdem hatte er gar keine Waffe bei sich. Vermutlich begegnen sie hier nicht allzu vielen Fremden, wir sind so etwas wie eine Sehenswürdigkeit.«
»Schade, dass wir uns nicht kannten, als ich noch jünger war. Hätten sie gewusst, was für ein Zuschauermagnet Sie sind, hätten meine Mum und mein Dad Sie in ein kleines Zelt setzen und den Leuten eine Sixpence-Münze abknöpfen können, damit sie Sie angaffen dürfen.«
»Frechheit«, widersprach sie. »Ich bin doch wenigstens zwei Schilling wert. Also ehrlich, nur Sixpence. Pff.«
Beim Betreten des Waldes sah ich noch einmal über das Feld zurück, das wir gerade überquert hatten, sowie auf unsere Spuren im taufeuchten Gras. Auf einmal durchzuckte mich Panik, dass wir so eine sichtbare Fährte hinterlassen hatten, aber genauso rasch fiel mir wieder ein, dass wir uns nun um solche Dinge keine Sorgen mehr machen mussten. Schon seit einer ganzen Reihe von Jahren hatte uns niemand mehr den Tod gewünscht, einfach nur weil wir Engländerinnen waren. Tatsächlich war es hier in Gloucestershire sogar von Vorteil, »englisch« zu sein, aber so war das nun mal mit alten Gewohnheiten, sie waren hartnäckig.
Vor mir stieg Lady Hardcastle leichtfüßig über eine morastige Stelle und wandte sich dann zu mir um. »Nicht trödeln«, mahnte sie lächelnd. »Und pass auf den Matsch auf.«
»Ja, Mylady«, sagte ich in meiner besten Imitation des lokalen Zungenschlags, während ich über den Miniatursumpf hüpfte. Dann sah ich mich noch einmal um, bevor wir weiter in das Zwielicht des Waldes vordrangen.
»Um Himmels willen«, rief sie, »jetzt hör aber auf, dich wie ein verdammter Bodyguard aufzuführen, damit machst du den Einheimischen sonst noch Angst. Seit wir das Haus verlassen haben, siehst du dich ständig nach irgendwelchen Verfolgern um.«
»Verzeihung, Mylady, es ist nur, dass …«
»Ich weiß doch, Liebes.« Sie streckte die Hand aus und berührte mich beschwichtigend am Arm.
Die Morgensonne hatte Mühe, einen nennenswerten Effekt auf die Welt unter dem reichhaltigen grünen Blätterdach zu entfalten. Die dunkle Erde unter unseren Füßen war weich und feucht, und die Luft war erstaunlich kühl. Ich begann mir zu wünschen, ich hätte eine Jacke eingepackt oder wenigstens meinen Schal.
Lady Hardcastle begann wieder mit ihrer begeisterten Schilderung der örtlichen Flora und Fauna. Sie hatte ein Faible für die Naturwissenschaften und wurde niemals müde, ihre Begeisterung mit mir zu teilen, aber ich muss zugeben, dass ich trotz ihrer ehrlichen Bemühungen noch nicht einmal eine Buche von einem Buch unterscheiden könnte. Natürlich wäre es außerordentlich schwierig gewesen, in einer Buche zu lesen – allermindestens hätte ich Mühe gehabt, sie aufzuschlagen und nicht überall von hervorspringenden Ästen gepikst zu werden. Andererseits können hervorspringende Extremitäten auch in Büchern manchmal zu Problemen führen. Mein Gelächter brachte mir einen fragenden Blick ein, und ich wollte meine Überlegungen bereits teilen, als wir unvermittelt auf eine wunderbar sonnenbeschienene Lichtung stießen.
»Und inmitten der Lichtung, meine liebe Florence«, sagte sie, ohne den Gesprächsfaden abreißen zu lassen, »sehen wir … Ach was!«
»Eine Leiche, Mylady?«
»Eigentlich wollte ich sagen: Eine majestätische englische Eiche«, erwiderte sie zerstreut, »aber die Leiche ist zweifellos der faszinierendere Anblick.«
Wir gingen einige Schritte weiter, um sie genauer in Augenschein zu nehmen. In der Mitte der Lichtung stand tatsächlich eine majestätische Eiche. Nach dem Umfang des Stammes zu urteilen, war sie schon ziemlich alt. Und an einem der unteren Äste des ehrwürdigen Baumes schaukelte, am Hals aufgeknüpft, der Körper eines Mannes.
Wir traten noch ein wenig näher. Der Mann war ziemlich jung, vielleicht Ende zwanzig, in einem ordentlichen dunkelblauen Anzug, wie zum Beispiel ein Büroangestellter einen tragen würde. Und ganz zweifellos war er tot. Selbst jemandem ohne Lady Hardcastles wissenschaftlicher Ausbildung musste klar sein, dass es sich nicht mit einem langen Leben vertrug, an einem dicken Seil am Hals aufgeknüpft zu sein.
Unter seinen Füßen lag ein umgekippter Holzklotz. Sofort stand mir das Bild des armen Kerls vor Augen, wie er mit dem Seil um den Hals darauf herumschwankte, bevor er ihn beiseitekickte, um so dem Leid ein Ende zu bereiten, das ihn gequält haben musste.
»Gib mir mal meine Tasche, Liebes, und dann lauf rasch zurück ins Dorf. Weck den Sergeant auf und berichte ihm, dass wir eine Leiche im Wald gefunden haben«, sagte sie ebenso ruhig wie bestimmt. »Wir sind nicht allzu weit von der Straße entfernt«, erklärte sie und deutete in die entsprechende Richtung. »Da entlang, glaube ich.«
Ich nahm die Segeltuchtasche von der Schulter und reichte sie ihr. »Ich bin so schnell wie möglich wieder da, Mylady«, versprach ich und machte mich in die angegebene Richtung davon.
Lady Hardcastle hatte recht: Die Straße ins Dorf zurück verlief nur ein paar Hundert Meter hinter den Bäumen. Mein Orientierungssinn ist noch nie der beste gewesen, aber es gelang mir, mich richtig zu entscheiden, als ich sie erreichte: Ich wandte mich nach rechts und eilte hügelabwärts.
Ich ging über den Dorfplatz zur Bäckerei, da diese das einzige Geschäft war, bei dem ich mir sicher war, dass es um diese Uhrzeit geöffnet hätte. Der Bäcker Mr. Holman verwies mich auf ein Haus ein paar Türen weiter und versicherte mir, dass ich Sergeant Dobson dort antreffen würde. Also eilte ich wieder hinaus in die Morgensonne.
Ein paar Augenblicke später erreichte ich leicht schwitzend und ein wenig außer Atem die beiden Häuschen am Dorfplatz, die der Polizei von Gloucestershire gehörten. Eins davon diente sowohl als dörfliche Polizeiwache als auch als Wohnhaus von Sergeant Dobson. Der große, gusseiserne Türklopfer an der dunkelblauen Tür machte ein zufriedenstellend lautes Geräusch, als ich ihn fest niedersausen ließ, und bald darauf hörte ich im Inneren des Häuschens geschäftiges Treiben.
Nachdem er die Tür geöffnet hatte, erkannte mich der füllige Sergeant sofort wieder, und seine harsche Zurechtweisung dafür, den polizeilichen Schlummer gestört zu haben, erstarb ihm auf den Lippen.
»Ach, Miss Armstrong«, begrüßte er mich besorgt. »Was gibt es denn? Sie sehen ja ganz aufgewühlt aus.«
So knapp wie möglich berichtete ich ihm von unserem Fund. Er brauchte nur ein paar Augenblicke, um seine Kappe zu holen, schnürte sich die Uniformjacke zu und führte mich zu der Tür des kleineren Häuschens, das neben seinem eigenen stand.
»Der junge Hancock schläft sicher noch tief, also klopfen Sie so lange, bis er aufwacht. Erzählen Sie ihm, was Sie mir erzählt haben, und sagen Sie ihm dann, er soll Dr. Fitzsimmons holen. Dann sollen sie beide mit Dr. Fitzsimmons’ Kutsche zur alten Eiche in Combe Woods kommen, damit wir die Leiche abtransportieren können. Entschuldigen Sie, Miss.« Er lief ein wenig rot an, da er vor einer Frau von solchen Dingen sprach, wandte sich dann eilig ab und stieg auf sein schwarzes Polizeifahrrad.
Er drehte sich noch einmal zu mir um und winkte, bevor er die Straße hinauf in Richtung Wald radelte. Ich klopfte an die Tür.
Genau wie Sergeant Dobson vermutet hatte, war es kein leichtes Unterfangen, den Constable zu wecken. Fast fünf Minuten waren vergangen, bevor ein verschlafener junger Mann in einem langen Nachthemd die Tür öffnete.
»Was in drei Teufels Namen wollen Sie von …« Auch er kam durch den unerwarteten Anblick einer Frau auf der Schwelle ins Stocken. »Entschuldigen Sie, Miss, ich dachte, Sie wären … Egal. Miss …?«
»Armstrong«, stellte ich mich vor. »Ich bin Lady Hardcastles Kammerzofe.«
»Natürlich, natürlich«, erwiderte der groß gewachsene junge Constable. Er gähnte beeindruckend und kratzte sich dann am Bart. »Was kann ich für Sie tun, Miss?«
»Lady Hardcastle und ich haben in Combe Woods einen Spaziergang unternommen und dort einen Erhängten an der alten Eiche auf der Lichtung gefunden.«
»Ist er tot?«
Nein, dachte ich bei mir, trotz des Stricks um seinen Hals ging es ihm tatsächlich bemerkenswert gut. Zwar war sein Gesicht ein bisschen blau angelaufen, und seine Atmung hatte er so ziemlich … eingestellt, aber gemessen an den Umständen wirkte er eigentlich ganz aufgeräumt. Ich entschied mich allerdings dafür, ihm das nicht mitzuteilen. Sei höflich, Flo, ermahnte ich mich.
»Ja, Constable, mausetot. Sergeant Dobson bittet Sie, Dr. Fitzsimmons zu holen und ihn mitsamt seiner Kutsche zur Lichtung zu bringen. Er möchte die Leiche damit hierhertransportieren, aber ich nehme an, der Doktor wird wohl auch den Tod feststellen wollen.«
»Könnte schon sein«, überlegte er. So stand er kurz in Gedanken versunken da, bevor er einen Entschluss darüber fasste, was nun zu tun war, und strahlend vor die Tür trat. Als jedoch seine nackten Füße das kalte und taubenetzte Gras berührten, wurde er sich plötzlich seines Aufzugs bewusst. »Oje«, sagte er. »Geben Sie mir zwei Minuten, um mich präsentabel zu machen, dann bin ich wieder bei Ihnen.«
»Danke. Könnte ich Sie vielleicht überreden, mich mit zurück in den Wald zu nehmen? Es war doch ein etwas anstrengender Marsch bis hierher.«
»Sie sind zu Fuß gegangen?«
»Das bin ich, ja.«
»Aber Sie sind doch eine …«
»Ja, eine von denen bin ich auch. Es ist schon erstaunlich, wozu wir in der Lage sind, wenn wir uns unbeobachtet fühlen.«
Für einen kurzen Moment wirkte er verwirrt, bevor er wieder ins Haus eilte und die Tür zuschlug. Drinnen hörte ich ihn die Treppe auf und ab laufen, während ich geduldig auf seine Rückkehr wartete.«
Angezogen, behelmt und bereit zum Dienst erschien Constable Hancock einige Minuten später wieder vor seiner Haustür. Dann überquerten wir den Dorfplatz und gingen zu Dr. Fitzsimmons’ Haus.
»Darf ich Ihnen eine Frage stellen, Constable?«
»Selbstverständlich, Miss.«
»Das Dorf wirkt auf mich eher klein. Warum gibt es hier denn zwei Polizisten? Noch dazu so luxuriös untergebracht?«
Hancock lachte auf. »Wir sind nicht nur für Littleton Cotterell zuständig, Miss. Hier haben wir nur unser Hauptquartier. Wir kümmern uns um zahlreiche Dörfer in einem Umkreis von mehreren Meilen.« Bei diesen Worten schien seine Brust vor Stolz anzuschwellen. »Es ist eine ziemlich große Verantwortung, außerdem eine, die die Jungs in der Stadt häufig unterschätzen.«
»Na, dann bin ich aber froh, dass wir Sie heute früh ganz für uns haben. Ich weiß nicht, was ich getan hätte, wenn ich bis nach Chipping Bevington hätte eilen müssen, um Hilfe zu holen.«
»Sie wär’n sicher enttäuscht, wenn Sie dort hinkämen, Miss«, erwiderte er. »Das sind da alles Idioten. Aber Sie hätten auch das Telefon benutzen können, fällt mir da ein. Wir haben jetzt eins.«
Das hatte ich mich bereits gefragt. In London war der Telefonanschluss für uns eine Selbstverständlichkeit gewesen, aber ich hatte keine Ahnung gehabt, ob diese Annehmlichkeit es bereits bis hier heraus geschafft hatte. Wenigstens die Polizeiwachen schienen also damit ausgestattet zu sein.
Am Haus des Doktors angekommen, klopften wir an. Umgehend öffnete eine Frau mittleren Alters die Tür, die von Kopf bis Fuß schwarz gewandet war.
»Hallo, Margaret, ist der Doktor da?«, begrüßte Hancock sie.
»Wen darf ich melden?«, erwiderte sie.
»Ich bin’s, Margaret, Sam Hancock.«
»Ich weiß, wer du bist, du Einfaltspinsel, sei nicht so frech. Ich meine die … Lady?«
Hancock verlor allmählich die Geduld. »Ist er jetzt da oder nicht? Wir sind in einer dringenden Polizeiangelegenheit hier, und ich habe keine Zeit für deine Albernheiten. Ich hätte große Lust zu …«
In diesem Moment erschien Dr. Fitzsimmons hinter seiner misstrauischen Haushälterin. »Danke, Mrs. Newton, ich kümmere mich schon darum.«
Widerstrebend ging Margaret in den Flur zurück und wieder an die Arbeit.
»Ich muss mich für die unfreundliche Begrüßung entschuldigen, Constable. Wie kann ich Ihnen behilflich sein?«
Hancock stellte mich vor, und ich wiederholte noch einmal den kurzen Bericht darüber, wie wir die Leiche gefunden hatten.
»Ich werde Newton sagen, sie soll das Pferd anspannen, dann brechen wir gleich auf. Treten Sie doch solange ein. Darf ich Ihnen etwas anbieten, während wir warten? Vielleicht einen Tee? Haben Sie denn schon gefrühstückt, Constable? Ich bin sicher, Mrs. Newton kann irgendwo noch eine Extraportion auftreiben.«
Als wir schließlich die Lichtung wieder erreichten, war über eine Stunde vergangen, seit wir unsere schaurige Entdeckung gemacht hatten. Wir trafen Lady Hardcastle, ins Gespräch mit Sergeant Dobson vertieft, ein kleines Stück abseits der baumelnden Leiche an. Offenbar betrachteten sie gemeinsam einige ihrer Skizzen.
»Schauen Sie sich das nur an, Hancock«, rief der Sergeant entzückt. »Lady Hardcastle hat für uns eine Zeichnung vom Tatort angefertigt.«
Hancock sah sich die Skizzen an und nickte ernst mit etwas im Blick, was er wohl für professionelle Anerkennung hielt. »Sehr gut. Wirklich sehr gut.«
»Das wird uns gute Dienste bei den Ermittlungen leisten, Lady Hardcastle«, bekräftigte der Sergeant. »Danke. Oh, und wo bleiben nur meine Manieren? Lady Hardcastle, darf ich Ihnen Dr. Fitzsimmons vorstellen?«
»Wir haben uns gestern bereits kennengelernt, danke, Sergeant. Wie geht es Ihnen, Doktor? Wirklich bedauerlich, dass unsere zweite Begegnung nicht unter angenehmeren Umständen stattfindet.«
»Da haben Sie recht, Mylady, ganz meine Meinung. Und was haben wir denn hier? Anscheinend einen Selbstmord. Wissen wir, wer der junge Mann ist?«
»Noch nicht, Sir, nein«, erklärte Dobson. »Aber ich habe das eigenartige Gefühl, den Gentleman vorher schon mal irgendwo gesehen zu haben, mir will nur nicht einfallen, wo. An seine Taschen komme ich leider nicht ganz ran, sonst hätte ich nachgesehen, ob er ein Dokument oder sonst irgendwas bei sich hat, was ihn identifizieren könnte.«
Constable Hancock hatte derweil die Leiche nicht aus den Augen gelassen. Er wirkte mit der Situation überfordert, und ich fragte mich, ob er schon viele Leichen in solch einer Lage zu Gesicht bekommen hatte, nicht ordentlich ausgestreckt in einem Sarg, damit ihre Lieben ihnen die letzte Ehre erweisen konnten.
