Lady Hardcastle und die tödliche Ernte - T E Kinsey - E-Book
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Lady Hardcastle und die tödliche Ernte E-Book

T E Kinsey

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Beschreibung

Ein Toter im Apfelhain, ein mysteriöser Orden und ein grausiges Geheimnis – da ist doch etwas faul! Ein neuer Fall für Lady Hardcastle und ihre Zofe Flo

Sommer 1911: Eine sengende Hitzewelle erfasst das beschauliche Örtchen Littleton Cotterell und sorgt für eine ungewöhnlich frühe Apfelernte. Die Dorfbewohner sind begeistert – bis einer von ihnen tot in einer Plantage aufgefunden wird, ermordet durch einen Stich ins Herz. Die Amateurdetektivin Lady Hardcastle und ihre treue Zofe Flo haben plötzlich einen saftigen Fall vor sich. Ein zweiter Toter sowie Gerüchte über einen alten Orden und dessen mysteriöse Rituale im Mondschein offenbaren, dass mehr hinter den Todesfällen steckt: ein Geheimnis im Ort, das jemand mit allen Mitteln bewahren möchte ...

»Diese Reihe gehört mit Sicherheit zu den besten historischen Wohlfühlkrimis, die ich bis dato gelesen habe.« The Book Decoder

Lesen Sie auch die anderen Fälle des charmanten Ermittlerduos wie zum Beispiel Lady Hardcastle und der tote Reporter oder Lady Hardcastle und der Mord am Meer.

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Seitenzahl: 452

Veröffentlichungsjahr: 2025

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Buch

Sommer 1911: Eine sengende Hitzewelle erfasst das beschauliche Örtchen Littleton Cotterell und sorgt für eine ungewöhnlich frühe Apfelernte. Die Dorfbewohner sind begeistert – bis einer von ihnen tot in einer Plantage aufgefunden wird, ermordet durch einen Stich ins Herz. Die Amateurdetektivin Lady Hardcastle und ihre treue Zofe Flo haben plötzlich einen saftigen Fall vor sich. Ein zweiter Toter sowie Gerüchte über einen alten Orden und dessen mysteriöse Rituale im Mondschein offenbaren, dass mehr hinter den Todesfällen steckt: ein Geheimnis im Ort, das jemand mit allen Mitteln bewahren möchte …

Autor

T E Kinsey wuchs in London auf und studierte Geschichte an der Universität Bristol. Er schrieb einige Jahre lang als Journalist für Zeitschriften und Magazine, bevor er der glamourösen Welt des Internets verfiel und bei einer sehr bekannten Unterhaltungswebsite arbeitete. Nachdem er dabei half, drei Kinder großzuziehen, Tauchen lernte und sich beibrachte, Schlagzeug und Mandoline zu spielen, beschloss er schließlich, dass es an der Zeit ist, zum Schreiben zurückzukehren. Zum Glück – denn seine Reihe um die exzentrische Hobbydetektivin Lady Emily Hardcastle und ihre tatkräftige Zofe Florence Armstrong wurde ein Megahit.

Von T E Kinsey bereits erschienen

Lady Hardcastle und der Tote im Wald · Lady Hardcastle und ein mörderischer Markttag · Lady Hardcastle und das tödliche Autorennen · Lady Hardcastle und ein filmreifer Mord · Lady Hardcastle und der tote Reporter · Lady Hardcastle und der Mord am Meer · Lady Hardcastle und der Todesflug · Lady Hardcastle und die tödliche Ernte

T E Kinsey

Lady Hardcastle und die tödliche Ernte

Kriminalroman

Deutsch von Bernd Stratthaus

Die Originalausgabe erschien 2022 unter dem Titel Rotten to the Core bei Thomas & Mercer, Seattle.

Der Verlag behält sich die Verwertung des urheberrechtlich geschützten Inhalts dieses Werkes für Zwecke des Text- und Data-Minings nach § 44 b UrhG ausdrücklich vor. Jegliche unbefugte Nutzung ist hiermit ausgeschlossen.

Der Inhalt dieses E-Books ist urheberrechtlich geschützt und enthält technische Sicherungsmaßnahmen gegen unbefugte Nutzung. Die Entfernung dieser Sicherung sowie die Nutzung durch unbefugte Verarbeitung, Vervielfältigung, Verbreitung oder öffentliche Zugänglichmachung, insbesondere in elektronischer Form, ist untersagt und kann straf- und zivilrechtliche Sanktionen nach sich ziehen.

Copyright der Originalausgabe © 2022 by T E Kinsey

This edition is made possible under a license arrangement originating with Amazon Publishing, www.apub.com, in collaboration with Literarische Agentur Hoffman GmbH.

Copyright der deutschsprachigen Ausgabe © 2025 by Blanvalet in der Penguin Random House Verlagsgruppe GmbH, Neumarkter Straße 28, 81673 München

[email protected]

(Vorstehende Angaben sind zugleich Pflichtinformationen nach GPSR)

Redaktion: Susann Rehlein

Umschlaggestaltung: © www.buerosued.de nach einer Originalvorlage von Thomas & Mercer

Coverdesign: Tom Sanderson

Coverillustration: Jelly London

StH · Herstellung: DiMo · ChS

Satz: Vornehm Mediengestaltung GmbH, München

ISBN 978-3-641-31969-4V002

www.blanvalet.de

1

Als wir am Montag im nachmittäglichen Sonnenschein ins Dorf spazierten, wimmelte es in der Hecke am Wegesrand von Vögeln in allen nur erdenklichen Formen und Farben. Sie ignorierten geringschätzig die getigerte Katze, die hoffnungsvoll vor uns den Weg entlangschlich. Sie zuckte mit dem Schwanz, während die kleineren Vögel über ihr herumschwirrten, und kauerte sich einmal in eine tiefe Lauerstellung, als eine Amsel lässig auf dem Weg landete, um irgendetwas unter der Hecke aufzupicken.

Schließlich setzte die Katze zum Sprung an, und ich hätte schwören können, dass die Amsel mit den Augen rollte, bevor sie träge davonflatterte. Ich stellte mir gern vor, dass es sich dabei um denselben Vogel handelte, der uns kurz zuvor in unserem Garten besucht hatte. Er kannte uns und wusste, dass wir seine schlechte Meinung über diesen unfähigen Räuber teilen würden. Die Katze war unterdessen ihrer Wege gegangen, als ob sie ohnehin nie daran interessiert gewesen wäre, irgendeinen Vogel zu fangen.

»Ist das die Katze des Doktors?«, fragte Lady Hardcastle, als wir sie durch eine Lücke in der Hecke springen sahen.

»Sieht so aus«, erwiderte ich. »Sie hat jedenfalls auch ein Schmetterlingsmuster auf den Schultern.«

»Ich habe das immer als Unendlichkeitssymbol gesehen.«

»Ach ja? Tatsächlich?«

»Du bist einfach eine Poetin.«

»Das ist meine walisische Seite. Wussten Sie, dass Schmetterling auf Walisisch glöyn byw heißt? Wörtlich bedeutet das lebendige Glut. Wie könnte ich mit dieser Sprache aufgewachsen und keine Poetin sein?«

Wir überquerten die Straße zum Dorfanger. Ein paar junge Männer, die von einer Schar gaffender Kinder beobachtet wurden, bauten mit Eifer die Bühne wieder ab, die erst gestern eilig neben dem Kricketpavillon für die Dorfschau aufgebaut worden war.

Obwohl die Lunchzeit längst vorbei war, saßen an den Tischen vor dem Dog and Duck noch immer viele der Knechte, die es an den wenigen verbleibenden Tagen, bevor es dann richtig mit der Ernte losging, gemächlich angehen ließen. Denn dann würde es für sie keine Freizeit mehr geben.

Meine Freundin Daisy, die unermüdliche Kellnerin des Pubs, winkte uns fröhlich zu.

»Guten Tag, Flo. Guten Tag, Lady Hardcastle. Ich habe leider keine Zeit – hier draußen ist die Hölle los. Kommt ihr heute Abend?«

»Vielleicht«, erwiderte ich. »Wahrscheinlich ziehen wir ein ruhiges Dinner zu Hause vor, aber mal sehen.«

»Dann vielleicht bis später.«

Mit einem Tablett voll leerer Gläser eilte sie zum Tresen zurück.

Wir gingen weiter zu der kleinen Ladenzeile und durch die offene Tür in den Krämerladen, in dem Mrs. Pantry, die Ladenbesitzerin, auf einem Schemel hinter der Theke saß und an einer Tasse Tee nippte. Als sie unsere Schritte auf dem Dielenboden hörte, blickte sie auf. Trotz der drückenden Hitze hatte sie sich wie immer ihren schweren Wollschal umgelegt und ihr Haar fest mit einem dicken Baumwolltuch zusammengebunden.

»Guten Tag, Mrs. Pantry«, begrüßte Lady Hardcastle sie fröhlich. »Wie geht es Ihnen denn an diesem schönen Tag?«

»Mir ist heiß«, antwortete die Krämerin.

»Es ist schon ziemlich warm, nicht wahr? Hat das irgendwelche Auswirkungen auf Ihre Waren?«

Mrs. Pantry war eine griesgrämige Frau, deren abschätzige Meinung über die Oberklasse jedes Mal in Konflikt mit ihrem Wunsch geriet, ihren Kunden möglichst viel Geld abzuknöpfen. Zu den seltenen Gelegenheiten, zu denen Lady Hardcastle mich hierher begleitet hatte, war mir nie ganz klar geworden, ob sie vorhatte, die übellaunige Ladenbesitzerin für sich einzunehmen, oder ob sie einfach nur Spaß daran hatte, sie aufzuziehen.

Hilda Pantry ließ sich allerdings nicht aufziehen, wenn das denn das Ziel gewesen sein mochte, und antwortete aufrichtig: »Die Butter ist kurz vorm Kippen, und diese Schokoladentafeln halten auch keinen weiteren Tag durch.« Sie zeigte säuerlich auf eine Holzkiste hinter sich, in der einige Tafeln Fry’s Chocolate Cream lagen. »Ich kann Ihnen zwei davon für einen Penny verkaufen.«

Ich kaufte nie Schokolade, aber es hätte mich gewundert, wenn eine Tafel davon mehr als einen halben Penny gekostet hätte, selbst wenn sie nicht in ihrer Verpackung dahinschmolz.

»Heute nicht, danke«, antwortete Lady Hardcastle. »Ich wollte nur nachfragen, ob Sie meine Chemikalien reinbekommen haben.«

Seufzend stemmte Mrs. Pantry sich von ihrem Hocker hoch, bückte sich und kramte irgendwo unter der Ladentheke herum. Als sie ein paar Augenblicke später wieder auftauchte, stellte sie eine Halbliterflasche und eine kleine Ampulle auf die Theke. Beide bestanden aus blauem Glas, und unterhalb des Halses der größeren Flasche war der Name des Herstellers zu lesen.

»Wundervoll«, sagte Lady Hardcastle. »Vielen herzlichen Dank.«

Mrs. Pantry gab die Flaschen aber noch nicht frei. »Wofür brauchen Sie das denn?«

»Raucheffekte für ein Filmprojekt.«

»Sie können mich aber nicht dafür verantwortlich machen, wenn Sie Ihr Haus in Brand setzen. Das verkaufe ich Ihnen auf eigenes Risiko.«

»Es wird keinen Brand geben, Mrs. Pantry, keine Sorge.«

»Und wie machen Sie den Rauch?«

Lady Hardcastle lächelte nur und entgegnete: »Chemie.«

Mrs. Pantry machte ein abschätziges Geräusch, wickelte die Flaschen dann aber in braunes Packpapier, nahm das Geld dafür entgegen und legte es in ihre Kasse.

Als wir wieder draußen im Sonnenschein auf dem Pflaster standen, fragte ich: »Wie wollen Sie denn nun tatsächlich Rauch machen?«

»Man nehme etwas Kaliumpermanganat«, antwortete Lady Hardcastle, »und etwas Wasserstoffperoxid, mische beides zusammen und schwupp. Das gibt zwar eine kleine Sauerei, aber das Haus brenne ich damit bestimmt nicht nieder. Die Rauchentwicklung ist aber ziemlich eindrucksvoll.«

»Aha. Dann ziehen Sie dabei aber bitte Ihren Overall an, ja?«

»Ich werde aussehen wie ein Schieneningenieur, kleine Dienerin, keine Sorge.«

»Ich bitte darum. Ich kann mir vorstellen, dass es eine Heidenarbeit macht, eine kleine Sauerei aus einem Sommerkleid wieder auszuwaschen.«

Ihre zweifellos erschütternd geistreiche Erwiderung blieb ihr im Hals stecken, als eine junge Frau auf uns zukam und uns ansprach.

»Wohnen Sie hier in der Gegend?«, fragte sie mit einer Dringlichkeit, die man leicht als Aggression hätte missverstehen können.

»Allerdings, meine Liebe, ja«, antwortete Lady Hardcastle. »Wie können wir Ihnen behilflich sein?«

Die Frau war bildschön. Kastanienbraune Locken umrahmten ein Gesicht mit feinen Zügen und grünen Augen. Auf der linken Schläfe hatte sie ein kleines Feuermal, das sie mit der Hutkrempe zu verbergen suchte. Sie war beinahe so groß wie Lady Hardcastle, und ich schätzte sie auf ungefähr fünfundzwanzig Jahre. Ihre Kleider waren sauber und gepflegt, aber schon ein paar Jahre aus der Mode. Sie drückte eine fadenscheinige Reisetasche an sich, als ob sie befürchtete, dass wir sie bestehlen könnten.

»Gibt es im Pub immer noch Zimmer?«, fragte sie, ohne lang um den heißen Brei zu reden.

»Im Dog and Duck? Ja, Joe hält immer ein paar Gästezimmer bereit. Das Essen ist … Na ja, es macht immerhin satt. Wenn Sie …«

»Danke«, entgegnete die junge Frau, machte auf dem Absatz kehrt und entfernte sich in Richtung Pub.

»Wie finden wir so ein Benehmen?«, fragte Lady Hardcastle, als die Frau außer Hörweite war.

»Barsch und geschäftsmäßig«, erwiderte ich.

»Ich frage mich, wer sie ist. Oder woher sie stammt. Oder was sie in unserem guten alten Littleton Cotterell tut.«

»Ihrem Akzent nach zu urteilen, ist sie nicht aus der Gegend, obwohl ich schon sagen würde, dass sie irgendwo aus dem West Country stammt. Sie ist nicht wohlhabend, aber stolz – ihre Kleider sind nicht neu, aber gut gepflegt, und ganz offenbar ist es ihr wichtig, was für einen Eindruck sie bei anderen hinterlässt. Ich bin unentschlossen, ob ihre Direktheit das Ergebnis von Ignoranz und Unhöflichkeit ist oder ob sie damit irgendeine Art Schüchternheit überwinden will. Aber bis morgen Mittag werden wir die Antworten auf all unsere Fragen bekommen.«

»Wie kommst du denn darauf?«

»Sie steigt im Dog and Duck ab. Daisy wird alles über sie herausgefunden haben, bevor sie sie mit ihrem Abendkakao auf ihr Zimmer schickt.«

Lady Hardcastle lachte auf. »Wohl wahr.«

Wir aßen zeitig zu Abend. Nach der Abwechslung durch die Ermittlungen im Flugzeugwerk während der letzten paar Wochen und der Aufregung über die Dorfschau am Sonntag hatte Lady Hardcastle beschlossen, dass nun ein bisschen Ruhe und Frieden angebracht wären.

Wir saßen im Garten auf unseren neuen Möbeln unter dem Apfelbaum und erfreuten uns an dem ungewöhnlich warmen Wetter. Lady Hardcastle seufzte zufrieden.

»So lässt es sich leben, oder, Flo?«, schwärmte sie und nahm einen Bissen Makrele. »In den letzten Strahlen der Sommersonne in einem Garten auf dem englischen Land zu Abend essen. Ich glaube nicht, dass das von irgendetwas übertroffen werden kann.«

»Südfrankreich hat schon seinen eigenen Reiz«, erwiderte ich. »Bengalen mit seiner Natur auch. Ich habe immer die Geräuschkulisse geliebt, wenn die nachtaktiven Tiere ihre Schicht antraten.«

»Stimmt schon. Aber ich liebe doch die Ruhe und den Frieden des eigenen Zuhauses. Wir sollten uns jetzt eine Weile hier beschäftigen. Ein bisschen Aufregung hin und wieder finde ich zwar gut, aber das Leben ist doch umso aufregender, wenn es auch kontrastierende Phasen aus Eintönigkeit und Alltag gibt, findest du nicht?«

»Doch, doch«, stimmte ich zu. »Ich bin sehr für ein paar eintönige Tage zu haben. Ich nehme auch ein paar Wochen, wenn sie im Angebot sind.«

»Wundervoll. Was hast du vor?«

»Nun, zum einen wartet ja immer Näharbeit – auch wenn ich eine Million Jahre alt werden sollte, werde ich nie begreifen, wie eine intelligente und fähige Frau wie Sie es schafft, so viel Schaden an ihrer Kleidung anzurichten. Außerdem will Miss Jones die Küche mal ordentlich auf Vordermann bringen, dabei könnte ich ihr helfen. Und dann muss ich noch die Küchenbücher in Ordnung bringen – sie tut ihr Bestes, aber ihre Fähigkeiten in Arithmetik lassen sie manchmal im Stich. Darüber hinaus …«

»Nein, meine Liebe, so geht das nicht. Ich schlage vor, dass wir uns ein paar Wochen freinehmen, und dir fällt nichts anderes ein, als dir die Zeit mit Plackerei vollzupacken?«

»Die Arbeit einer Zofe ist nie getan«, entgegnete ich weise.

»Nun, für den Moment erkläre ich sie für getan. Oder wenigstens für außer Kraft gesetzt.«

»Aber …«

»Warte mit dem Nähen ab.« Sie gestikulierte mit der Gabel in meine Richtung. »Wenn meine Kleider untragbar sind, kaufe ich mir eben neue. Beim Großreinemachen in der Küche kann auch Edna Miss Jones helfen. Und es sei denn, wir werden vors Schuldgericht zitiert, weil wir unsere Rechnungen nicht bezahlen, werden Miss Jones’ mangelhafte Rechenkünste für den Moment genügen müssen. Was, Florence Armstrong, willst du also mit dieser unerwarteten Phase der Muße anfangen?«

Ich lächelte und schüttelte den Kopf. »Keine Ahnung. Ich muss trainieren und lesen …«

»Aber das machst du doch sowieso immer. Etwas Neues. Etwas Aufregendes.«

Ich dachte kurz nach. »Ich habe mich gefragt, ob ich mich vielleicht mal am Schreiben versuchen sollte. Sie haben ja probiert, mir das Malen und das Klavierspielen beizubringen – beides mit bestürzend geringem Erfolg – , also dachte ich mir, ich könnte mal nach einer anderen kreativen Beschäftigung suchen.«

»Großartig. Ich freue mich schon darauf, etwas von dir zu lesen.«

»Oh, das wird aber nicht passieren. Ich schreibe nur zu meiner eigenen Unterhaltung.«

»Dann freue ich mich darauf, dass du dich gut unterhältst. Was sollen wir denn nun heute Abend unternehmen?«

»Wir könnten zum Pub gehen, solange das Wetter noch so schön ist. Ich habe Daisy ja gesagt, dass wir vielleicht kommen.«

»Einen Spaziergang in der Dämmerung und ein Getränk auf dem Dorfplatz mit unseren Freunden aus dem Ort. Ein ausgezeichneter Plan. Ich hole meinen Hut.«

»Ich räume so lange den Abendbrottisch ab, dann können wir los, wenn Sie so weit sind.«

Da die Abende sogar nach Sonnenuntergang noch sehr warm waren, hatten wir schon erwartet, dass vor dem Dog and Duck reges Treiben herrschen würde, aber wir waren überhaupt nicht auf den Anblick vorbereitet, der sich uns bot, als wir den Dorfplatz überquerten. Die Tische waren voll besetzt, und viele Gäste mussten mit ihrem Getränk stehen. Einige lehnten stehend an den Tischen, an denen ihre Freunde saßen, einer von ihnen stützte sich auf sein Fahrrad.

»So viel zu unserem Vorhaben, draußen zu sitzen«, sagte Lady Hardcastle.

»Wir könnten uns auch einfach hinstellen«, schlug ich vor. »Vielleicht wären ein oder zwei dieser wackeren jungen Burschen aufmerksam genug, uns ihre Plätze anzubieten, wenn sie sähen, dass zwei Damen keinen Sitzplatz haben.«

»Vielleicht wären sie das. Ich bilde mir ja gern ein, dass die jungen Männer in diesem Dorf aufmerksam und charmant sind. Lass uns reingehen und uns was zu trinken holen, dann können wir es ausprobieren. Vielleicht kann Daisy uns auch sagen, warum hier so viel los ist.«

Eigentlich hatte ich erwartet, dass der Schankraum fast ebenso voll wäre wie die Bänke vor dem Pub, aber tatsächlich war er so gut wie leer. Aus irgendeinem Grund hatte das Dutzend Männer neben der Kegelbahn den Raum für sich allein.

»Wie außerordentlich eigenartig«, merkte Lady Hardcastle an.

»Man hätte eigentlich erwartet, dass ein oder zwei von denen, die draußen stehen müssen, lieber reinkommen und sich ein bisschen hinsetzen würden«, stimmte ich ihr zu. »Draußen ist es zwar wirklich schön, aber ein bequemer Platz im Haus ist doch besser, als sich auf sein Fahrrad zu stützen.«

Daisy stand hinter der Bar. »Sie haben alle Angst vor den Kerlen da hinten«, erklärte sie und nickte in Richtung der zwölf Männer am anderen Ende des Raumes.

Lady Hardcastle zog eine Augenbraue hoch. »Angst?«

»Na ja, das ist vielleicht das falsche Wort. Rücksicht wäre vielleicht besser. Die Leute zeigen sich gern von ihrer besten Seite, wenn die hier sind. Und die mögen es auch nicht, wenn jemand während ihrer Besprechungen im Raum ist.«

»Warum halten sie ihre Besprechungen dann im Pub ab?«, fragte Lady Hardcastle. »Wenn das alles nicht für fremde Ohren bestimmt ist, könnten sie sich doch in Trenchcoats gehüllt und Geheimcodes murmelnd im Schutz der Dunkelheit bei irgendwem in der Küche treffen.«

»Es ist halt Tradition«, erwiderte Daisy achselzuckend. »Sie haben ihre Besprechungen immer hier im Pub abgehalten, und keiner will ihnen sagen, dass das nicht geht.«

»Wer sind sie denn?«, fragte ich.

»Die Weryers of the Pomary«, erwiderte Daisy feierlich.

Lady Hardcastle schnaubte belustigt. »Die was von wo?«

Daisy sah zu der Gruppe Männer hinüber, um sicherzugehen, dass sie sie nicht gehört hatten.

»Die Weryers of the Pomary«, flüsterte sie. »Das ist ein altmodischer Ausdruck für die Hüter des Obstgartens.«

»Die treiben doch die ganzen Wohltätigkeitsspenden ein«, fiel es mir ein. »Sie sind ziemlich bekannt. Sir Hector hat sie erwähnt. Inspektor Sunderland auch. Normalerweise nennen sie sich die Ciderwächter – das halten sie wohl für ein bisschen eingängiger.«

»Ach, die sind das?«, staunte Lady Hardcastle. »Warum wusste ich denn nicht, dass sie sich die Wachteln des Pommerlands nennen?«

»Wahrscheinlich haben Sie so viel von Ihrer geistigen Energie darauf verwendet, sich pseudolustige Variationen für den Namen auszudenken, dass Sie vergessen haben, wie sie wirklich heißen.«

»Das hört sich jedenfalls nach mir an«, erwiderte sie grinsend. »Aber wenn wir die offensichtliche Frage, warum der Obstgarten Hüter brauchen sollte, für den Moment außer Acht lassen, fragt man sich doch immer noch, woher dieser fantasievolle Name kommt. Du kannst mir nicht übel nehmen, dass mich das amüsiert.«

»Ich weiß nur, Mylady«, schaltete Daisy sich ein, »dass sie schon immer so geheißen haben. Sie sagen, das reicht Hunderte von Jahren zurück.«

»Und wenn sie gerade keine guten Taten vollbringen, was machen sie dann, diese … Weryers?«

»Es hat alles mit Cider zu tun. Sie überwachen sowohl die Apfelernte als auch die Ciderherstellung. Das ist schon seit Generationen so. Es ist eine große Ehre, als Weryer zu dienen, und sie nehmen das alle sehr ernst. Genau wie alle anderen im Dorf.«

»Dann entschuldige ich mich für meinen Spott. Ich liebe ja diese dörflichen Traditionen. Vielleicht sollten wir zwei Cider bestellen, damit wir hierher passen.«

»Kommt sofort.« Daisy nahm zwei Gläser vom Regal über der Bar.

»Schenk dir doch selbst auch was ein, meine Liebe.«

»Das ist sehr nett. Ich nehme das Gleiche.«

Daisy zapfte drei Gläser des örtlichen Ciders und stellte sie auf den Tresen. Ein Knecht kam herein und blickte nervös zu den versammelten Weryers hinüber, dann bestellte er leise acht weitere Gläser der lokalen Marke für sich und seine Kumpel. Lady Hardcastle behielt derweil den Durchgang zum Nebenraum im Auge.

»Wenn der Schankraum heute Abend tabu ist«, sagte sie, als der junge Mann wieder fort war, »und die Tische draußen alle besetzt sind, wäre es wohl vermessen darauf zu hoffen, dass im Nebenraum noch Platz für zwei müde ältere Damen ist?«

»Sie können sich ja nennen, wie Sie wollen«, wandte ich ein. »Ich stehe jedenfalls in der Blüte meines Lebens.«

»Na gut. Ist dort Platz für eine müde Lady mittleren Alters und eine winzige Maid, die vor jugendlicher Kraft nur so strotzt?«

»Das hört sich schon viel besser an.«

Daisy lachte. »Heute Abend leider nicht – Joe hat eine Lieferung bekommen. In den Schankraum konnte er sie wegen der Besprechung nicht stellen lassen, also ist alles im Nebenraum aufgestapelt. Da drin ist kein Platz für Ladys, egal ob jung oder alt.«

»Was denn für eine Lieferung?«, fragte Lady Hardcastle.

»Das wird schon bald enthüllt«, entgegnete Daisy mit einem Augenzwinkern. »Ich schätze allerdings, dass es Ihnen gefallen wird.«

»Du spannst mich wirklich entsetzlich auf die Folter, liebe Daisy. Aber ich bin ja eine geduldige Frau.«

Ich schnaubte verächtlich.

Im Laufe dieses kurzen Gesprächs hatte ich einen Blick auf die zwölf Männer am anderen Ende des Schankraums geworfen. Ein paar von ihnen kannte ich. Old Joe Arnold, der Besitzer des Pubs, saß neben Septimus Holman, dem Bäcker. Ein paar der Männer saßen mit dem Rücken zu uns, ich meinte, Bob Slocomb, den Milchmann, und Lawrence Weakley, den Gemüsehändler, zu erkennen, war mir aber nicht sicher. Auch die meisten anderen kamen mir mehr oder weniger bekannt vor, als hätte ich sie im Lauf der Jahre hier immer mal wieder gesehen.

Zuerst hatten sie uns ignoriert, aber an den immer häufigeren ungastlichen Blicken in unsere Richtung wurde deutlich, dass unsere Zeit im Schankraum sich dem Ende zuneigte.

»Wir sollten unseren Cider besser draußen trinken«, sagte ich also. »Ich glaube, wir sind hier nicht willkommen.«

»Ach, papperlapapp. Die können sich ruhig für ein paar Minuten mit uns arrangieren«, widersprach Lady Hardcastle.

»Sie waren doch diejenige, die gerade noch ihr Wohlwollen gegenüber den dörflichen Traditionen zum Ausdruck gebracht hat. Und eine davon ist eben, dass die …«

»Wichte der Pomade«, unterbrach sie mich.

»Nicht das schon wieder«, ermahnte ich sie seufzend. »Sie haben Daisy zweimal Weryer sagen hören. Sie haben es sogar selbst einmal gesagt. Und versuchen Sie gar nicht erst, so zu tun, als ob Sie sich Pomary nicht merken könnten, obwohl Sie genau wissen, dass es Obstplantage bedeutet.«

Lady Hardcastle grinste.

»Eine der dörflichen Traditionen«, fuhr ich fort, »besteht eben darin, dass die Weryers of the Pomary den Schankraum bei ihren Besprechungen für sich haben.«

Sie hatte schon den Mund aufgemacht, um etwas darauf zu erwidern, da polterte ein Mann mittleren Alters geräuschvoll durch die Tür und knallte sein leeres Glas auf den Tresen.

»Noch ein Pint, bitte, Daisy, meine Liebe«, sagte er. »Das heißt, falls die Herren Weryers es erlauben«, fügte er laut und vernehmlich hinzu. Einer oder zwei von ihnen sahen auf. Er grinste und tippte sich an Lady Hardcastle und mich gewandt zum Gruß an die Kappe. »’N Abend, Ladys. Tut mir leid, dass ich Sie unterbreche, aber ich hab wirklich Durst.«

Wir lächelten ihn beide an und neigten den Kopf in synchronem Einverständnis.

»Kommt sofort, Mr. Swanton«, sagte Daisy und nahm sein Glas. »Wie geht es Ihnen?«

»Kann mich nicht beklagen«, antwortete er.

»Würde mich auch nicht stören, wenn Sie es täten. Wie geht’s Ihrer Mercy?«

»Nicht schlecht. Die Hüften machen ihr zwar immer noch zu schaffen, aber das hält sie nicht auf.«

»Freut mich zu hören.«

Daisy nahm sein Geld entgegen, und mit einem letzten ironischen Gruß in Richtung der versammelten Weryers trampelte er wieder hinaus.

»Kann ich aus diesem Auftritt schließen, dass Mr. Swanton unsere Freunde, die Ciderwächter, nicht allzu hoch schätzt?«, fragte Lady Hardcastle.

»Nein, der mag sie überhaupt nicht«, erwiderte Daisy.

»Und warum?«, fragte ich. »Ich habe ihn bisher eigentlich immer für einen umgänglichen Typen gehalten.«

»Geht mir genauso«, pflichtete mir Lady Hardcastle bei. »Er ist in einem von Gerties Dorfkomitees, obwohl mir absolut nicht mehr einfallen will, in welchem.«

»Er ist schon ein netter Kerl«, stimmte uns Daisy zu, »aber die Weryers haben ihn mal abgelehnt, und deshalb ist er böse auf sie.«

»Sie haben ihn abgelehnt?«

»Vor ein paar Jahren, als der alte Billy Baker gestorben ist – ihr erinnert euch doch an Billy Baker?«

»Das war wohl vor unserer Zeit«, erwiderte ich.

»Na ja, als er gestorben ist, ist jedenfalls ein Platz bei den Weryers freigeworden, und Pat Swanton hat geglaubt, der wäre ihm sicher. Er hatte sich schon jahrelang darum bemüht.«

»Aber sie haben ihn abgelehnt«, wiederholte Lady Hardcastle.

»Haben sie. Sie haben ihm nie einen Grund dafür genannt. Nur drei Mitglieder müssen Einspruch erheben, und wenn sie einmal Nein gesagt haben, war’s das. Seitdem ist er nicht so gut auf sie zu sprechen.«

»Woher weißt du denn so viel über sie?«, fragte ich.

»Durch mich«, hörten wir eine Stimme hinter uns.

Wir drehten uns um, und da stand Cissy Slocomb und grinste uns schelmisch an.

Cissy war die Tochter des Milchmanns und sah ihm auch sehr ähnlich. Früher hätte man sie wohl als dralles Frauenzimmer beschrieben, und sie hatte dazu auch den passenden fröhlichen Charakter und einen dreckigen Humor.

Ich war mit Cissy schon immer sehr gut ausgekommen. Ich kannte sie ganz gut und hatte zahlreiche wilde Abende mit ihr, Daisy, Lady Hardcastles Köchin Blodwen Jones und dem Rest der schlecht beleumundeten Bande im Pub verbracht.

»Hallo, Ciss«, begrüßte ich sie. »Und woher weißt du dann so viel?«

»Weil unser Dad Mitglied bei ihnen ist, schau doch.«

Zufällig wandte sich der Mann, den ich für Bob Slocomb gehalten hatte, gerade in Richtung seines Nachbarn um, sodass ich zweifelsfrei erkennen konnte, dass es sich tatsächlich um den Milchmann handelte.

»Aber … sollte das alles nicht geheim sein?«

»Sollte es«, bestätigte sie. »Aber du kennst ja unseren Dad – er könnte selbst dann kein Geheimnis für sich behalten, wenn sein Leben davon abhinge.«

»Ich dachte, Milchmänner müssen diskret sein«, warf Lady Hardcastle ein. »Sie sehen doch jeden Morgen alles, was bei den Leuten daheim so vor sich geht.«

»Na ja, wenn unser Dad morgens irgendwas sieht, weiß das halbe Dorf bis zum Mittag darüber Bescheid.«

Wir lachten.

Lady Hardcastle trank einen Schluck und betrachtete die ernsten Männer. »Ich frage mich, worüber die den ganzen Abend lang reden?«

»Über Weryer-Angelegenheiten«, erwiderte Cissy weise.

»Über die Wohltätigkeitsarbeit?«, hakte ich nach.

»Heute schon. Unser Dad sagt aber, dass sie früher … wie haben sie es genannt … Geheimriten durchgeführt haben, so heißt es. Damals haben sie Zeremonien und so was abgehalten, um eine reiche Apfelernte zu sichern, aber heutzutage sammeln sie, genau wie du sagst, vor allem Spenden für wohltätige Zwecke und betrinken sich dabei natürlich. Vor allem betrinken sie sich. Ach, und hin und wieder bringen sie dann ein paar Toasts aus. Sie trinken sehr gern auf jemanden.«

Jetzt musste ich kichern. »Wer nicht?«

»Ich trinke auch sehr gern auf andere Leute«, schaltete Lady Hardcastle sich ein. »Obacht jetzt, Ladys, benehmt euch. Da kommt einer von ihnen.«

Ein gut aussehender Mann mit grauen Schläfen und freundlichen Augen war vom Tisch der Weryers aufgestanden und kam zum Tresen herüber.

»Dürften wir Sie vielleicht um eine weitere Runde bitten, Daisy?«, fragte er mit einem Lächeln.

»Natürlich, Mr. Cridland«, antwortete Daisy. »Setzen Sie sich einfach wieder hin, ich komme gleich.«

»Lass mich dir wenigstens beim Tragen helfen«, erwiderte er noch immer lächelnd. »Sonst läufst du den ganzen Abend lang hin und her.«

»Machen Sie sich deswegen mal keine Sorgen – ich werde fürs Hin- und Herlaufen bezahlt.«

»Deine Eltern haben dich wirklich gut erzogen. Wie geht es ihnen denn? Ich hab sie jetzt schon eine ganze Weile nicht mehr gesehen.«

»Ich kann nicht klagen«, antwortete Daisy. »Na ja, sie allerdings schon, und das tun sie auch, aber eigentlich haben sie keinen Grund dazu.«

Mr. Cridland lachte auf, dann schien er zum ersten Mal auch uns zu bemerken. »Entschuldigung, meine Damen. Ich bin wirklich ein Stoffel. Cissy kenne ich. Und Sie sind Lady Hardcastle, richtig? Wir haben uns noch nicht kennengelernt, aber Ihr Ruf eilt Ihnen natürlich voraus. Claud Cridland. Ich hab draußen in Richtung Woodworthy ein Gut. Ein bisschen Ackerland und eine Obstplantage, nichts Großartiges.«

»Sehr erfreut«, entgegnete Lady Hardcastle. »Und wenn Sie von mir gehört haben, dann sicherlich auch von Miss Florence Armstrong.«

»Das habe ich. Retterin der Dorfschau von Littleton Cotterell. Wir hatten gestern alle wirklich großen Spaß. Vielen Dank.«

»Sehr gern geschehen«, erwiderte ich.

»Na ja, jetzt sollte ich wohl besser zurück zur Besprechung gehen. Freut mich, Sie kennengelernt zu haben.«

Damit kehrte er an den Tisch am anderen Ende des Raums zurück.

»Der machte doch einen netten Eindruck«, sagte ich.

»Reizender Kerl«, stimmte Cissy mir zu. »Obwohl er nicht viel Menschenkenntnis hat, wenn er denkt, dass Daisy gut erzogen ist.«

»He«, protestierte Daisy. »Ich bin ja wohl ein leuchtendes Vorbild.«

»Das bist du, meine Liebe«, bestätigte Lady Hardcastle. »Lass dir von niemandem etwas anderes einreden.«

Cissy rollte mit den Augen.

»Jetzt fällt mir wieder ein, was ich dich noch fragen wollte«, sagte ich. »Habt ihr einen neuen Gast?«

»Haben wir tatsächlich«, erwiderte Daisy. »Woher weißt du das?«

»Wir haben sie heute Nachmittag getroffen. Sie hat uns gefragt, ob es hier irgendwo Zimmer zu mieten gäbe, also haben wir sie hergeschickt.«

»Vielen Dank. Old Joe kann ein bisschen extra Geld immer gut gebrauchen. Hier übernachten ja nicht so viele Leute.«

»Was hast du über sie rausgefunden?«, fragte Lady Hardcastle direkt weiter.

»Nicht viel. Ich hab’s aber versucht – ihr kennt mich ja. Leider ist sie nicht sehr mitteilsam. Aus dem Gästebuch habe ich ihren Namen – Miss Grace Chamberlain – , aber außer der Tatsache, dass sie keine Blutwurst zum Frühstück mag, habe ich nicht viel aus ihr rausbekommen.«

»Ist sie denn hier? Vielleicht sollten wir uns vorstellen.«

»Ich hab sie nicht mehr gesehen, seit ich ihr vor einer Stunde ein Stück Pastete gebracht habe. Ich schätze, sie ist in ihrem Zimmer.«

»Wie schade«, sagte Lady Hardcastle. »Ich hatte gehofft, sie wäre vielleicht draußen auf dem Dorfplatz – es wäre doch mehr als nur ein bisschen übergriffig, einfach an ihre Zimmertür zu klopfen und sie über ihre Lebensgeschichte auszufragen. Dann also ein andermal.«

»Wenn ich was rausfinde, lasse ich es Sie wissen«, versprach Daisy.

»Du bist ein Schatz.«

Während unseres Gesprächs hatte ich die Weryers nicht aus den Augen gelassen und bemerkt, dass wir immer offensichtlicher mit missbilligenden Blicken bedacht wurden. Das wollte ich Lady Hardcastle gerade mitteilen, aber jemand kam mir zuvor. Mit einer beschwichtigenden Geste in Richtung seiner Tischgenossen erhob Mr. Cridland sich wieder vom Tisch und kam noch einmal zu uns herüber.

Er wirkte ein wenig verlegen, aber nichtsdestoweniger entschlossen. »Ich muss mich entschuldigen, Sie noch einmal zu stören, meine Damen«, setzte er an, »aber … wissen Sie … es ist so, meine Mitweryers und ich wären Ihnen sehr dankbar, wenn Sie uns den Schankraum überlassen würden. Es tut mir leid, dass ich Sie darum bitten muss«, fügte er entschuldigend hinzu, »aber … nun ja … Sie wissen schon …«

»Aber natürlich, Mr. Cridland«, erwiderte Lady Hardcastle liebenswürdig. »Geben Sie uns noch ein paar Augenblicke, um uns zu verabschieden, dann sind Sie uns los.«

»Danke, Mylady. Und bitte, fassen Sie sich kurz.«

Sie blickte ihn mit gerunzelter Stirn an, entgegnete aber nichts mehr. Er machte auf dem Absatz kehrt und ließ uns wieder allein.

»Der Marschbefehl wurde erteilt, meine Damen«, sagte sie dann. »Wir sollten wohl besser abziehen. Wenn es draußen keinen Platz mehr gibt, Flo, was hältst du dann davon, dass wir heimgehen und Karten spielen?«

Wir verabschiedeten uns und sahen noch einmal bei den Tischen draußen nach. Sie waren noch immer voll besetzt, also gingen wir nach Hause.

Wie üblich stand ich am nächsten Morgen früh auf und machte mich schon in der Küche zu schaffen, als Edna und Miss Jones gemeinsam eintrafen. Sie wirkten ungewöhnlich aufgebracht.

»Haben Sie schon die Neuigkeiten gehört?«, fragte Edna.

»Schreckliche Neuigkeiten«, fügte Miss Jones hinzu.

»Ich bin leider erst seit einer Stunde auf«, erwiderte ich. »Was ist denn passiert?«

»Es hat einen Mord gegeben«, erklärte Miss Jones.

»Jemand ist erstochen worden«, fügte Edna hinzu.

»Um Himmels willen«, sagte ich. »Wer denn? Und wo?«

»Claud Cridland«, sagte Miss Jones. »Constable Hancock hat gesagt, jemand hat seine Leiche ganz früh heute Morgen im Apfelgarten gefunden. Er ist erstochen worden.«

»Und hatte einen Apfel im Mund«, fügte Edna mit taktlos freudiger Erregung hinzu.

Mir fiel die Kinnlade herunter, und ich fluchte leise auf Walisisch. Edna sah mich verwirrt an, konnte an meinem Gesicht aber erkennen, dass, was auch immer ich gesagt hatte, ein Ausdruck des Erschreckens gewesen war.

»Das ist ja furchtbar«, sagte ich schließlich. »Wir haben ihn gestern Abend erst kennengelernt. Kannten Sie ihn denn?«

»Ihm gehörte der Apfelhain, der die Ciderkellerei beliefert. Ein freundlicher Mann ist er gewesen. Hat nie auch nur ein böses Wort über irgendwen verloren. Und großzügig war er auch – er hat viel für wohltätige Zwecke im Dorf getan.«

»Aber im Dorf hat er nicht gewohnt, oder?«

»Nein, der Apfelhain ist auf der anderen Seite des Dorfs. Er ist nicht oft hier gewesen. Hatte auch keinen Grund dazu.«

»Außer bei den Weryer-Treffen«, warf Miss Jones ein. »Deshalb war er wohl gestern Abend hier im Dog and Duck.«

»Ja«, bestätigte ich, »die Weryers of the Pomary – da haben wir ihn kennengelernt. Sie hatten den Schankraum in Beschlag genommen, sodass die Tische davor voll besetzt waren und wir letztendlich doch nicht geblieben sind. Cridland machte einen sehr netten Eindruck. Und gut sah er auch aus.«

»O ja«, stimmte Edna mir zu. »Hat zu seiner Zeit einigen Mädchen das Herz gebrochen, das kann ich Ihnen sagen.«

»Armer Kerl. Hat irgendwer eine Ahnung, was er getan haben könnte, um jemanden dazu zu bringen, ihn zu erstechen?«

»Constable Hancock hat dazu nichts weiter gesagt«, erklärte Miss Jones. »Er hatte es eilig, wieder zur Polizeiwache zurückzukommen.«

»Sie wissen doch, wie Constable Hancock ist«, fügte Edna hinzu. »Er ist ein altes Waschweib. Er war beim Gemüsegeschäft und hat es Weakley erzählt. Larry Weakley gehört ja auch zu den Weryers.«

»Ja«, bestätigte ich. »Ihn haben wir gestern bei dem Treffen auch gesehen. Nun ja, zu gegebener Zeit werden wir sicherlich mehr darüber erfahren. Bestimmt wird Lady Hardcastle versuchen, so viel herauszufinden wie möglich.«

Von der Küchentür her ertönte ein Gähnen. Wir drehten uns um, und da stand Lady Hardcastle im Nachthemd.

»Was werde ich herauszufinden versuchen?«, fragte sie krächzend.

»Einer der Weryers ist gestern Nacht im Apfelhain erstochen worden«, erläuterte ich. »Irgendwer hat ihn gefunden und es heute Morgen Constable Hancock gemeldet.«

»Gütiger Himmel. Wie entsetzlich. Welcher denn?«

»Claud Cridland.«

»Ach«, sagte sie. »Dabei mochte ich den so gern.«

»Er hat uns gesagt, wir sollen uns verziehen.«

»Aber es war ihm unangenehm. Das war doch ganz bezaubernd. Aber du hast recht – ich versuche auf jeden Fall, so viel wie möglich darüber herauszufinden. Ein ungelöstes Rätsel kann ich nicht ertragen, schon gar nicht, wenn es um den Tod eines guten Mannes geht.«

»Ooh«, rief Edna begeistert. »Werden Sie wieder ermitteln?«

Lady Hardcastle lächelte. »Ich denke, wir sollten niemandem in die Quere kommen. Auch wenn in Kriminalgeschichten was anderes steht, mag die Polizei es nicht so gern, wenn Amateure sich einmischen.«

»Ohne Sie sind die doch aufgeschmissen, Mylady. Seit Sie hergezogen sind, haben Sie doch schon zig Morde aufgeklärt.«

»Haben wir wohl. Trotzdem, wir sollten uns da raushalten, es sei denn, jemand bittet ausdrücklich um unsere Hilfe – schließlich habe ich Armstrong eine Zeit des Müßiggangs versprochen.«

»Ein paar Wochen Eintönigkeit«, sagte ich.

»Genau das. Wir halten die Füße still, es sei denn, man bittet uns um Hilfe. Gibt es vielleicht Kaffee?«

»Ich habe gerade Wasser aufgesetzt«, sagte ich. »Machen Sie es sich schon mal im Frühstückszimmer bequem, ich bringe ihn in ein paar Minuten rüber.«

In diesem Moment klingelte es an der Tür.

»Ach, können Sie sich bitte um den Kaffee kümmern, Miss Jones? Ich sollte wohl besser aufmachen.«

Ich öffnete die Eingangstür, dahinter stand Sergeant Dobson. Sein Gesicht war ganz rot und seine Uniform leicht derangiert, als ob er es irgendwie eilig gehabt hätte, zu uns zu kommen.

»Guten Morgen, Miss Armstrong.« Er tippte sich lässig gegen den Schirm seines Polizeihelms. »Ist Ihre Herrin denn zu Hause?«

»Das ist sie, Sergeant. Treten Sie doch ein.«

»Danke, Miss.«

Ich führte ihn ins Frühstückszimmer, wo Lady Hardcastle schon am Tisch saß und die Zeitung aufgeschlagen hatte. Als wir eintraten, blickte sie auf.

»Guten Morgen, Sergeant«, begrüßte sie ihn und klappte die Zeitung wieder zu. Sie lächelte, als sie seine Verlegenheit bemerkte. »Sie müssen das Nachthemd entschuldigen – ich habe leider um diese Uhrzeit noch nicht die Energie, um nach oben zu laufen und mich umzuziehen. Außerdem folgere ich aus Ihrem Aufzug, dass Sie es ziemlich sicher zu eilig haben, um zu warten, bis ich angekleidet bin. Was können wir für Sie tun?«

»Ich dränge mich nicht gern auf, Mylady«, setzte er an und war sich noch immer nicht ganz sicher, wo er hinschauen sollte, »aber ich habe mich gefragt …«

»… ob wir mitkommen und unsere Nase in die Angelegenheit des Mordes an Mr. Cridland stecken würden?«

Er nickte dankbar.

»Ganz ehrlich, Sergeant, ich dachte schon, Sie würden nie fragen«, erwiderte sie mit einem Lächeln. »Bitte setzen Sie sich doch, während ich mich dann doch anziehen gehe. Kaffee ist anscheinend unterwegs, aber wir könnten sicherlich auch eine Kanne Tee aufbrühen, wenn Ihnen das lieber ist.«

Dann eilte sie aus dem Frühstückszimmer und polterte nach oben, bevor Sergeant Dobson ihr noch eine Antwort geben konnte. Mit einem Achselzucken an die Adresse des verwirrten Polizisten folgte ich ihr.

2

Der Apfelgarten lag ungefähr anderthalb Meilen von unserem Haus entfernt auf der anderen Seite des Dorfes, und Sergeant Dobson war mit seinem Polizeifahrrad hingefahren. Wie mir nachträglich auffiel, war das wohl der Grund für sein zerzaustes Erscheinungsbild, aber es bedeutete auch, dass wir ihn nicht im Rolls Royce würden mitnehmen können. Allerdings konnte ich ihn mir ohnehin nur schwer auf dem Gepäckträger unseres Zweisitzers vorstellen, selbst ohne sein Fahrrad, also war es wahrscheinlich besser so.

»Wir treffen uns dort, Sergeant«, sagte Lady Hardcastle und lenkte das Auto auf den Weg hinaus.

Ich blickte noch einmal über die Schulter, als wir losfuhren, und der müde alte Sergeant hatte gerade erst damit begonnen, das Hosenbein mit einem Stück Faden zusammenzubinden, damit es sich nicht in der Kette verfing. Als wir schon um die nächste Kurve bogen, war er noch nicht mal auf seinen treuen Drahtesel gestiegen, und wir verloren ihn aus dem Blick.

Im Dorf war schon einiges los – die Landbewohner sind Frühaufsteher – , und ich erwiderte das fröhliche Winken unserer Nachbarn, als wir an ihnen vorbeifuhren. Lady Hardcastle vertrat die Ansicht, dass ein Automobil immer so schnell gefahren werden sollte wie möglich, also hatten wir die anderthalb Meilen in weniger als fünf Minuten zurückgelegt und hielten am Ende des Wegs, der zum Garten führte. Ein Schild wies uns die Richtung, wir stiegen aus und setzten unseren Weg zu Fuß fort.

Der Pfad führte durch ein dichtes Gehölz, und ich begann mich zu fragen, ob wir vielleicht eine falsche Abzweigung genommen hatten.

»Ich bin ja keine Baumkennerin«, merkte ich an, »aber sogar ich weiß, dass das hier keine Apfelbäume sind.«

»Das stimmt, Liebes. Zum Großteil sind es Ulmen und Erlen, hier und da auch mal eine Hainbuche. Ist die da nicht wunderschön? Wie eine runzlige alte Dame. Ich wette, sie hat Geschichten zu erzählen und Weisheiten weiterzugeben.«

»Aber keine Äpfel«, beharrte ich.

»Nein, nur kleine Samenbüschel im Herbst. Samaren heißen sie. Sie fliegen wie Ahornsamen, weißt du?«

»Aus ihnen kann man aber keinen Cider machen. Sind wir denn auf dem richtigen Weg?«

»Natürlich.«

»Wie können Sie sich da so sicher sein?«

»Nun ja, mein erster Hinweis war das Schild, das in diese Richtung zeigte und auf dem Obstgarten stand, aber jetzt kommt auch noch … das hier hinzu.«

Sie zeigte auf eine großzügige Lichtung, auf der in ordentlichen Reihen Apfelbäume wuchsen, die voller Früchte hingen. Trotz der gitterartig angeordneten Pflanzung fühlte der Garten sich beinahe geheimnisvoll an. An allen Seiten von Wald umgeben, hätte er sehr gut auch eine uralte Kultstätte sein können. Ein Tempel für die Göttin Idun vielleicht – in der nordischen Mythologie die Hüterin der Äpfel der Unsterblichkeit.

»Das ist wirklich schön«, sagte ich.

»Außerordentlich bezaubernd«, stimmte sie mir zu. »Auch wenn es für den kommerziellen Obstanbau nicht wirklich praktisch ist. Ich meine, wie kriegen sie die Äpfel denn zur Mostmühle?«

»Wir fahren sie in Handkarren zur Straße«, hörten wir eine männliche Stimme hinter uns sagen. »Da beladen wir dann die Wagen. Die Kellerei ist nur ein kurzes Stück die Straße hinunter.«

Wir drehten uns um und erblickten einen Mann mittleren Alters in Arbeitskleidung. Er hatte die Ärmel aufgekrempelt, sodass gebräunte, muskulöse Unterarme zu sehen waren, seine Kappe hatte er sich auf den Hinterkopf geschoben.

»Lady Hardcastle, nicht wahr? Sergeant Dobson hat mir angekündigt, dass er Sie herschickt.«

»Sehr erfreut, Mr. …?«

»Mattick. Abel Mattick. Kellermeister und Ciderhersteller.«

»Freut mich, Mr. Mattick. Sie arbeiten also in der Ciderkellerei?«

»Ganz genau, Claud hat sein Gut geleitet und sich um die Obstplantage gekümmert; ich leite die Ciderkellerei.«

»Sie waren befreundet? Sie müssen untröstlich sein. Tut mir wirklich leid.«

»Ja, waren wir.« Er hielt inne und blickte geistesabwesend in die Ferne. Ich meinte, in seinen Augen mehr als nur Kummer zu erkennen – Angst vielleicht? – , aber der Eindruck verschwand, bevor ich mir ganz sicher sein konnte. Er schüttelte den Kopf, als ob er sich plötzlich daran erinnerte, wo er war. »Der Sergeant hat gesagt, Sie möchten ihn sehen. Claud, meine ich. Ich muss zugeben, dass ich daran gezweifelt habe. Ich konnte mir nicht vorstellen, dass zwei Damen gern … Sie wissen schon …«

»Tun wir aber«, entgegnete sie. »Wir würden gern dabei behilflich sein herauszufinden, wer für den Mord an Ihrem Freund verantwortlich ist, und das ist der notwendige erste Schritt.«

Mr. Mattick zeigte quer durch die Apfelbäume. »Dort entlang. In der dritten Reihe. Ich begleite Sie lieber nicht, wenn es Ihnen nichts ausmacht.«

»Das verstehe ich vollkommen. Danke.«

Wir gingen in die angezeigte Richtung.

In der dritten Reihe entdeckten wir tatsächlich die Leiche von Mr. Cridland, die an einem seiner Apfelbäume lehnte. In seinem Mund steckte eine Frucht. Es sah grotesk aus, wie eine Schmähung. Als wäre es nicht genug gewesen, dem Mann mit einem Stich ins Herz das Leben zu rauben, hatte der Mörder sich entschieden, ihm auch noch seine Würde zu nehmen. Ich nahm ihn etwas genauer in Augenschein und bemerkte einen Bluterguss an Cridlands Kiefer, wo der Mörder seinen Mund gewaltsam geschlossen haben musste, damit die Zähne sich in den Apfel bohrten.

Selbst tot war er noch immer als der fröhliche, schöne Mann zu erkennen, mit dem wir uns am Vorabend erst unterhalten hatten. Allerdings trug er nicht mehr seinen eleganten Tweedanzug, sondern stattdessen ein weißes Hemd und eine dunkle Baumwollhose. Der Hemdkragen war aufgeknöpft, und um ein rundes Loch im Hemd auf Höhe seines Herzens war das Blut bereits getrocknet.

Obwohl sie das Haus in aller Eile verlassen hatte, hatte Lady Hardcastle die Geistesgegenwart besessen, ihren Skizzenblock und Stifte aus dem Arbeitszimmer zu holen. Nachdem sie den Platz um die Leiche herum genau untersucht hatte, zog sie also ihre Zeichenutensilien aus der Stofftasche und begann, den Tatort zu skizzieren. Ich wusste, dass sie eine Weile brauchen würde, also sah ich mich derweil allein um.

Der Boden war von der Sommersonne ausgetrocknet, also gab es nur geringe Chancen darauf, den traditionellen Hinweis für jeden Detektiv zu finden: einen verräterischen Fußabdruck. Allerdings entdeckte ich Schrammen auf der Erde, als ob Mr. Cridlands Leiche hierhergeschleift worden wäre, und ich folgte den Spuren, so gut ich konnte, während ich beim Abschreiten der Reihe ohne nachzudenken die Bäume abzählte.

Sieben … acht … neun.

Die Spuren schienen am Ende der Reihe aufzuhören, wo die feste Erde einer Wiese Platz machte. Eine weitere kurze Suche ergab, dass ein Teil dieses Grases sehr gut bei einem Kampf niedergetrampelt worden sein könnte. Ich kniete mich hin, um die Stelle eingehender zu betrachten, und fand ein paar eingetrocknete Blutspritzer.

Die Wiese war ordentlich gemäht und frei von Unkraut. Sie umgab den gesamten Garten und bildete eine Grenze zwischen dem ungezähmten Wald und den ordentlichen Reihen der Apfelbäume. Außerdem gab es allerdings nicht mehr viel zu sehen, also kehrte ich langsam zurück zu meiner zeichnenden Arbeitgeberin.

Als ich von der anderen Seite des Gartens männliche Stimmen hörte, änderte ich meinen Kurs. Inspektor Sunderland und der Gerichtsmediziner Dr. Gosling standen ratlos auf einer beinahe kreisrunden Lichtung inmitten der akkuraten Baumreihen.

»Guten Morgen, Miss Armstrong«, begrüßte mich Inspektor Sunderland und kam auf mich zu. »Auf dem Weg hierher haben wir Dobson überholt. Er hat uns gesagt, dass wir Sie hier finden würden.«

»Sie haben also nicht angehalten und ihn mitgenommen?«

»Wir hatten keinen Platz für sein Fahrrad«, erklärte Dr. Gosling. »Außerdem wird die Bewegung ihm bestimmt guttun. Guten Morgen, Miss Armstrong.«

»Guten Morgen Ihnen beiden«, erwiderte ich. »Ich muss zugeben, dass ich ein bisschen überrascht bin, Sie hier anzutreffen – Sie sind ziemlich weit weg von Ihrem Revier. Ach, haben Kriminalkommissare überhaupt ein Revier? Jedenfalls sind Sie weit weg von zu Hause.«

»Ich kann doch nicht ablehnen, wenn ich einen Hilferuf aus Littleton Cotterell erhalte. Constable Hancock hat auf Anweisung von Sergeant Dobson gleich heute früh im Bridewell angerufen. Ganz offenbar ist sein Misstrauen gegenüber der Kriminalpolizei von Gloucester weiterhin unvermindert, also bin ich für ihn jetzt anscheinend die erste Ansprechperson, sobald hier draußen irgendetwas passiert.«

»Nun, ich freue mich jedenfalls sehr, Sie zu sehen. Sie auch, Dr. Gosling. Wie geht es Miss Caudle?«

»Dinah geht es gut, vielen Dank. Sie lässt Sie grüßen und fragt sich, wann wir uns mal wieder zum Essen treffen.«

Lady Hardcastle kannte Dr. Gosling noch von der Universität her und brüstete sich gern damit, ihn seiner Verlobten vorgestellt zu haben, Dinah Caudle, einer Journalistin bei den Bristol News. So oft wir konnten, aßen wir mit ihnen gemeinsam in Bristol zu Abend.

»Da muss ich die Gnädige leider erst fragen – ich bin nicht autorisiert, selbstständig Verabredungen auszumachen.«

»Ha, ha! Na gut. Und wo ist die Gnädige?«

»Sie und die Leiche befinden sich hier entlang. Folgen Sie mir.«

»Sehr gut«, erwiderte Dr. Gosling. »Wir sind hier eine ganze Weile umhergeirrt. Ich staune schon, dass wir überhaupt diese Lichtung gefunden haben.«

»Die sieht mir wie eine unnötige Platzverschwendung aus«, merkte ich an. »Hat Mr. Mattick Ihnen denn nicht den Weg gezeigt?«

»Mattick?«, fragte der Inspektor.

»Mittelgroß, weißes kragenloses Hemd, dunkles Haar, leitet die Ciderkellerei.«

»Wir sind keiner Menschenseele begegnet, altes Mädchen«, erklärte Dr. Gosling.

»Wie eigenartig«, entgegnete ich. »Na ja, egal – jetzt habe ich Sie ja gefunden.«

Ich führte sie zwischen den Bäumen hindurch zu Lady Hardcastle, die noch immer die Leiche und deren Umgebung skizzierte.

»Guten Morgen, die Herren«, begrüßte sie sie und winkte ihnen mit einem Bleistift zu, während ihr ein anderer im Mund steckte. »Ich halte Sie nicht mehr lange auf. Bin gleich fertig.«

»Ich wollte eigentlich längst mal die Anschaffung einer Kamera beantragen«, sagte der Inspektor, »aber ich bin sicher, dass ich mich damit vollkommen unbeholfen anstellen würde. Meine Frau macht ganz wunderbare Schnappschüsse, aber ich verschwende eine Menge Film damit, aus Versehen den Himmel zu fotografieren oder Leuten auf Porträts den Kopf abzuschneiden. Als Beweismittel würden meine Fotografien nichts taugen. Lady Hardcastles Skizzen haben sich hingegen als außerordentlich hilfreich erwiesen.«

Sie nickte ihm zu und fuhr dabei mit dem Zeichnen fort, ohne sonst noch etwas zu erwidern.

Dr. Gosling hatte die Leiche aus einigen Metern Entfernung betrachtet. »Er ist erstochen worden«, stellte er ernst fest.

»Sehen Sie, Miss?«, sagte der Inspektor und zog ein Notizbuch und einen Bleistift aus seiner Jackentasche. »Darum brauche ich einen ausgebildeten Mediziner, der mich auf diesen Fahrten begleitet.«

»Er liefert doch nützliche Erkenntnisse«, erwiderte ich. »Cridland ist allerdings nicht hier angegriffen worden.«

»Nein, ich habe die Schleifspuren auch gesehen.«

Ich zeigte auf das Ende der Baumreihe und den Rasen dahinter. »Dort hinten hat es einen Kampf gegeben. Auf dem Gras ist Blut, also vermute ich, dass er sich gewehrt, dann die Stichverletzung abbekommen hat, bevor der Mörder seine Leiche hier abgelegt hat.«

»Mit einem Apfel im Mund«, sagte der Inspektor nachdenklich und notierte sich etwas. »Ich frage mich, ob das eine Bedeutung hat oder nur als ultimative Demütigung gedacht war.«

»War dieser Kerl ein Schwein?«, fragte Dr. Gosling und beugte sich hinunter, um die Leiche zu untersuchen.

»Wir wissen noch nicht viel über ihn«, antwortete ich. »Wir haben uns gestern Abend kurz mit ihm unterhalten, haben aber nichts weiter über ihn in Erfahrung gebracht, als dass er charmant und freundlich war. Ihm gehört ein Gut hier in der Nähe, und er hat sich um diesen Obstgarten gekümmert. Außerdem war er ein Weryer of the Pomary, doch abgesehen davon und von der guten Meinung, die unsere Haushälterin über ihn hatte, wissen wir nichts.«

»Wärter des Was?«, fragte Dr. Gosling.

»Das ist eine Wohltätigkeitsvereinigung aus der Gegend«, erklärte der Inspektor. »Sie kennen Sie wahrscheinlich als Ciderwächter. Also war er hoch angesehen?«

»Mattick schien ihn gemocht zu haben.«

»Mattick – der Mann, dem wir bei unserer Ankunft nicht begegnet sind.«

»Genau der – der Leiter der Ciderkellerei. Er war jedenfalls hier, als wir eingetroffen sind. Ich frage mich, wo er wohl hin ist. Er schien ziemlich aufgebracht über den Mord an seinem Freund zu sein – hoffentlich geht es ihm gut.«

»Bestimmt«, entgegnete Inspektor Sunderland. »Es war wohl nur ein Schock, mehr nicht. Ich würde mich nicht wundern, wenn er einfach heimgegangen wäre, sich einen Tee gemacht und sich erst mal hingesetzt hätte. Wir unterhalten uns später mit ihm.«

»Nun, wir haben ihn bei unserer Ankunft hier getroffen. Er hat uns erzählt, dass er mit Cridland befreundet war. Und Lady Hardcastles Haushälterin ist definitiv der Meinung, dass Cridland ein Pfundskerl war.«

»Ich bezweifle sehr, dass Ihre Edna Gibson den Ausdruck Pfundskerl benutzt hat«, erwiderte der Inspektor lächelnd.

»Ich habe es vielleicht nur sinngemäß wiedergegeben, aber sie schien ihn wirklich gemocht zu haben.«

»Danke. Warum hat sie überhaupt von ihm gesprochen?«

»Sie hat von dem Mord erzählt«, erläuterte ich. »Sie und Miss Jones hatten Constable Hancock auf dem Weg zur Arbeit getroffen, und anscheinend konnte er nicht anders, als ihnen alles zu erzählen.«

»Der Kerl ist ein vielversprechender junger Kollege, aber er tratscht wie ein altes Waschweib.«

»Edna hat genau das Gleiche gesagt.«

Der Inspektor lächelte. »Ein guter Mann ist also … in den frühen Morgenstunden erstochen worden?«, fragte er dann und blickte nach Bestätigung suchend zu Dr. Gosling.

»Sieht ganz danach aus, wenn ich mir ihn und den Blutfleck so anschaue. Ich kann eine genauere Schätzung abgeben, sobald ich ihn richtig untersucht habe.«

Der Inspektor nickte. »Er wurde also erstochen und dann auf eine erniedrigende Weise unter einem seiner eigenen Apfelbäume abgelegt. Das ist ja nichts, was ein Dieb tun würde. Und auch niemand, mit dem er einfach nur zufällig in Streit geraten war. Das alles hat eine Bedeutung, da bin ich mir sicher.«

Inspektor Sunderland und ich ließen daraufhin den Doktor mit seiner Untersuchung der Leiche und Lady Hardcastle mit ihren Zeichnungen allein. Ich führte ihn durch die Reihen der Apfelbäume zu der Stelle, wo vermutlich der Kampf stattgefunden hatte. Er stimmte mir zu, dass es sich um den Tatort handelte, zog nachdenklich an seiner nicht angezündeten Bruyèreholzpfeife und machte sich weitere Notizen.

Als wir zurückkehrten, war Lady Hardcastle fertig und steckte ihren Skizzenblock und die Stifte gerade in ihre Tasche. Dr. Gosling war mit seiner kursorischen Untersuchung ebenfalls fertig und machte sich ein paar Notizen.

»Ich werde den Totenschein ausstellen«, erklärte er. »Ganz offenbar ist er an der Stichwunde in seiner Brust gestorben, aber ich weiß erst, welchen Schaden sie angerichtet hat, sobald ich den armen Kerl obduziert habe. Ich suche die Leiche dann auch nach Anzeichen für den Kampf ab, aber Flos Version ergibt schon sehr viel Sinn.«

»Wie lautet denn deine Version, meine Liebe?«, fragte mich Lady Hardcastle.

Ich berichtete ihr knapp, was ich am Ende der Baumreihe entdeckt hatte.

»Gibt es irgendein Anzeichen dafür, dass er vielleicht zu fliehen versucht hat?«, fragte sie.

»Nichts Offensichtliches, aber der Boden ist zu hart für aussagekräftige Spuren.«

»Er könnte seinen Angreifer also gekannt haben«, überlegte sie. »Vielleicht haben sie sich unterhalten, bevor die Sache diese unschöne Wendung genommen hat.«

»Möglich«, bestätigte Inspektor Sunderland. »Andererseits war er ein großer Kerl. Und ich habe noch nicht viele Bauern kennengelernt, die vor einem Kampf weggelaufen wären, egal ob sie groß oder klein waren. Wenn er sich mit jemandem gestritten hat, hat er sich dem Kampf wahrscheinlich gestellt.«

»Vielleicht«, erwiderte sie. »Es ist aber schon komisch, dass er mitten in der Nacht in seinem Obstgarten war.«

»Die Sonne geht schon gegen fünf auf, vergessen Sie das nicht«, warf ich ein. »Vielleicht wollte er vor der Hitze des Tages nach dem Rechten sehen.«

»Das kann gut sein. Oder er ist hergelockt worden.«

Bevor irgendeiner von uns noch weitere Spekulationen anstellen konnte, hörten wir eine weitere Stimme unsere Namen rufen.

»Hier drüben, Sergeant«, rief der Inspektor.

Wenige Augenblicke später gesellte sich Sergeant Dobson zu uns.

»Sie haben ihn also gefunden?«, keuchte er und wischte sich mit einem Taschentuch über das verschwitzte Gesicht.

»Haben wir, danke«, entgegnete Lady Hardcastle.

»Wann hat Mattick ihn denn entdeckt?«, fragte der Inspektor.

»Dem Bericht des jungen Hancock zufolge hat er heute Morgen so gegen sieben auf der Wache angerufen«, keuchte der Sergeant.

»Er hat angerufen?«

»Ja, Sir. In der Mostmühle haben sie ein Telefon. Von da hat er angerufen.«

»Aha. Und die Mostmühle ist …?«

»Ungefähr zehn Minuten zu Fuß da entlang«, erwiderte der Sergeant und deutete in die entsprechende Richtung.

»Wir lassen ihn also ein paar Minuten schockiert sein und geben ihm weitere zehn Minuten, um zu seinem Telefon zu gehen, das heißt, er hat die Leiche um etwa Viertel vor sieben gefunden, wahrscheinlich sogar ein bisschen früher. Es ist ein recht großer Garten, also ist er vielleicht schon eine Weile hier gewesen, bevor er Mr. Cridland entdeckt hat. Das heißt, er könnte schon um … sagen wir sechs Uhr hier gewesen sein? Das ist doch ziemlich seltsam, finden Sie nicht? Ich frage mich, was ein Ciderhersteller um sechs Uhr morgens in einem Obstgarten will?«

»Das ist möglicherweise verdächtig«, pflichtete ihm Lady Hardcastle bei. »Aber es gibt Cridlands Mörder immer noch mehr als eine Stunde Tageslicht, selbst wenn wir vermuten, dass es nicht mitten in der Nacht passiert ist. Und Mattick hat ein plausibles Interesse am Zustand der Äpfel, also hat er jedes Recht, hier zu sein. Es würde mich überhaupt nicht wundern, wenn er den Garten oft besucht hat. Ich nehme an, dass es einen perfekten Zeitpunkt für die Obsternte gibt, genau wie bei Weintrauben. Erinnerst du dich noch an dieses Weingut an der Loire, Flo? Wie hieß der Winzer doch gleich?«

»Georges Rousseau«, erwiderte ich.

»Ach ja, der gute Monsieur Rousseau. Sein Weingut hat einen der besten Pouilly-Fumés hergestellt, die ich jemals gekostet habe, und er hat ein Theater um die Reben gemacht, als wären sie seine Kinder. Ich könnte mir vorstellen, dass jemand, der sich Meister der Ciderkellerei nennt, genauso pingelig ist.«

»Da haben Sie wahrscheinlich recht«, entgegnete der Inspektor. »Ich unterhalte mich zu gegebener Zeit mit ihm. Also gut, Sergeant, haben Sie schon den Abtransport der Leiche des armen Mr. Cridland in die Wege geleitet?«

»Habe ich, Sir«, erklärte Sergeant Dobson stolz. »Der junge Hancock müsste jeden Moment mit Dr. Fitzsimmons’ Kutsche hier sein. Damit transportieren wir die Leiche zu dessen Praxis. Dort können Sie ihn abholen lassen.«

»Guter Mann. Nun, ich denke, mehr können wir im Augenblick nicht tun. Dr. Gosling und ich kommen dann später zu Ihnen auf die Wache.«

»Möchten Sie so lange vielleicht mit zu uns kommen?«, fragte Lady Hardcastle. »Wir sind noch vor dem Frühstück aufgebrochen, Sie also bestimmt auch.«

»Du hast meine Gedanken gelesen, altes Mädchen«, erwiderte Dr. Gosling. »Ich habe schon immer vermutet, dass deine Köchin bestimmt ein ganz vorzügliches Frühstück zubereitet.«

»Das tut sie tatsächlich. Wir treffen uns bei uns zu Hause.«

Lady Hardcastle konnte nicht widerstehen, sich auf dem Nachhauseweg ein Rennen mit Inspektor Sunderland zu liefern. Wir spazierten alle gemeinsam zurück zu den Autos, aber sobald das Tor in Sicht kam, legte sie einen Zahn zu, und mir wurde bewusst, dass nur ein letzter Rest von Anstand und Würde sie daran hinderte, die verbleibenden zwanzig Meter zu sprinten.