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In ewiger Verbannung Unter all den Schilderungen aus dem Gulag ragt dieser erschütternde autobiographische Roman einer österreichischen Autorin und Ärztin heraus, die von Anfang an das System Gulag durchschaut und gnadenlos kühl beobachtet, wie ihre Heldin zu überleben versucht, um „das Gedächtnis für alle Zeit zu sein“. „Der Name Rohr gehört in jenes Firmament von Schrecken und Schönheit, dessen Fixsterne Franz Kafka und Primo Levi, Jorge Semprun und Warlam Schalamow heißen. Angela Rohrs Stern ist kleiner. Aber er leuchtet in der gleichen hellen Unerbittlichkeit.“ Elke Schmitter, DER SPIEGEL Als die namenlose deutsche Ich-Erzählerin 1942 in ein Lager des Gulag gebracht wird, gerät sie in eine Welt jenseits aller Normalität. Von nun an ist Rechtlosigkeit das einzige Gesetz. Sie wird als Ärztin in Lazaretten arbeiten, fast ohne Medikamente, ohne brauchbare Instrumente. Hunger und Kälte ist sie ebenso ausgeliefert wie der erbarmungslosen Lagerhierarchie. Als ihre völlig ungerechtfertigte Strafe abgebüßt ist, erwartet sie die „ewige Verbannung“ – eine andere Art von Unfreiheit, nicht weniger demütigend und gefahrvoll. Eine Drachenhaut aus Gefühlskälte soll sie schützen, doch die bekommt Risse, wenn unter dem Hass und der Niedertracht ringsum manchmal Reste von Zuneigung und Hilfsbereitschaft aufleuchten. – Angela Rohr hat mit diesem bereits 1964 geschriebenen autobiographischen Roman ein grandioses Dokument des Überlebenswillens unter düstersten Umständen hinterlassen.
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Seitenzahl: 522
Veröffentlichungsjahr: 2015
In ewiger Verbannung
Unter all den Schilderungen aus dem Gulag ragt dieser erschütternde autobiographische Roman einer Autorin und Ärztin heraus, die von Anfang an das System Gulag durchschaut und gnadenlos kühl beobachtet, wie ihre Heldin zu überleben versucht, um »das Gedächtnis für alle Zeit zu sein«.
Als die namenlose Ich-Erzählerin 1942 in ein Lager des Gulags gebracht wird, gerät sie in eine Welt jenseits aller Normalität. Von nun an ist Rechtlosigkeit das einzige Gesetz. Sie wird in Lazaretten arbeiten, fast ohne Medikamente, ohne brauchbare Instrumente. Hunger und Kälte ist sie ebenso ausgeliefert wie der erbarmungslosen Lagerhierarchie. Als ihre ungerechtfertigte Strafe abgebüßt ist, erwartet sie »ewige Verbannung« – eine andere Art von Unfreiheit, nicht weniger demütigend und gefahrvoll.
Eine Drachenhaut von Gefühlskälte soll sie schützen, doch die bekommt Risse, wenn unter dem Hass und der Niedertracht Reste von Zuneigung und Hilfsbereitschaft aufleuchten. – Ein grandioses Dokument des Überlebenswillens unter düstersten Umständen.
ANGELA ROHR
LAGER
Autobiographischer Roman
Herausgegeben und mit einem Nachwort von Gesine Bey
Inhaltsübersicht
Informationen zum Buch
Buch lesen
Anhang
Gesine Bey Entdeckung eines Romans
Abbildungen
Zeittafel
Anmerkungen
Zu dieser Ausgabe
Dank
Bildnachweis
Über Angela Rohr
Impressum
Wem dieses Buch gefallen hat, der liest auch gerne …
Wir gingen nicht weit, um in unbebautes Gelände zu kommen. Das Lager, aus dem wir kamen, hatte sich an der Grenze der Stadt niedergelassen. Das Gehen war durch den vereisten Weg erschwert und mühsam, und der Wind versuchte alles, um uns am Weiterkommen zu hindern. Der Soldat marschierte vor uns her, sah sich recht selten nach uns um in der Gewißheit, daß wir ihm nicht entgehen konnten.
Es mochte wohl eine Stunde vergangen sein, als wir an ein Geleise kamen und Halt machten. Es lagen da hölzerne Schienen auf einem Damm, einer kleinen Erhöhung über dem Ackerboden, schmale Bretter, um die Räder der Lastautos zu tragen.
Die hiesige Bezeichnung für einen solchen Weg ist in keinem Wörterbuch zu finden. Er heißt »nur« oder »bloß«, ein Schienenweg, den ich allerdings dann späterhin an vielen Orten vorfand, in den Tiefen der sibirischen Taiga, in den Sumpfgebieten der Lager.
Endlich kam der Lastwagen, der uns mitnehmen sollte. Er rumpelte heran, die Schienen, auf denen er sich bewegte, lagen anscheinend nicht genügend fest auf dem Boden und klapperten. Er war voll beladen, so voll, daß ich keine Möglichkeit sehen konnte, auf ihm noch Platz zu finden. Solches zu denken war gewiß unrichtig, und ich habe es mir dann auch bald abgewöhnt. Ich mußte einsehen, daß in der Sphäre des Lagers alles, selbst das Unwahrscheinlichste, noch möglich ist.
Man zog und stieß uns, bis wir endlich auf einem Berg von Säcken saßen, die uns nur einen geringen Halt gewährten, denn unsere erstarrten Finger konnten die prall gefüllten Säcke nicht fassen. Wir waren ständig in der Gefahr herunterzufallen. Der Wagen machte Sprünge, der hölzerne Weg hatte nämlich Lücken, über die er ratterte, so gut es eben ging. Er tat dies übrigens nicht lange, vielleicht nur einige Stunden, aber diese Zeit war gerade genug, um mir die Zehen eines Fußes abzufrieren.
Zuerst fuhren wir über freies Feld, dann durch einen hohen Wald, eben durch die Taiga. Ich möchte sie geheimnisvoll, ja diskret nennen, sie erlaubt nur schwer einen Einblick, es wird in ihr niemals voller Tag.
Unser Wagen blieb endlich vor einem Lagertor stehen. Er sollte sich wohl vor allem seiner lebendigen Last entledigen, was aber nicht ohne weiteres möglich war. Wir konnten den Befehl herunterzukommen beim besten Willen nicht ausführen, unsere Glieder gehorchten uns nicht, wir waren ganz erstarrt. Schwierigkeiten für andere, uns zu helfen, gab es eigentlich nicht, aber sie hielten es anscheinend für unter ihrer Würde, es zu tun. Man versuchte uns lediglich mit dem Gewehrkolben zu erreichen, stieß aber nur in eine Leere, wir saßen für sie zu hoch. Endlich machte sich der Chauffeur auf, das Hindernis, das wir darstellten, zu beseitigen. Wir standen danach, wenn auch etwas benommen, auf dem Boden. Man nahm uns aber im Lager, so wie wir es erwartet hatten, nicht auf, führte uns etwas seitlich zu einem niedrigen Holzgebäude, das ein Lazarett war.
Wir wurden von einer bejahrten und bösen Frau empfangen, einer Ärztin, einer Gefangenen, die uns nach unserem Hunger fragte, so wie sich die Leute in der Welt draußen nach dem Wetter erkundigen, gleichgültig, ohne Anteilnahme, wenn sie es auch für notwendig fand, hinzuzusetzen, daß sie für uns kein Brot habe.
Man gab jedem von uns ein Schüsselchen Gerstenbrei, der schnell gegessen war. Wir konnten natürlich nicht auf mehr hoffen, aber wir waren fast sicher, daß man uns heißes Wasser zu trinken geben würde. Da aber lange nichts nachkam, wagten wir diese Bitte, aber kaum hatten wir das Wasser erwähnt, als uns auch schon ein Schwall von groben Worten bedeckte. Die Ärztin stand vor uns mit verzerrtem Gesicht, fuchtelte mit den Armen und schrie mit ihrer lautesten Stimme, daß sie eine solche Forderung von Gefangenen bis jetzt nie vernommen habe. Es sei eine unerhörte Frechheit, heißes Wasser zu verlangen, wo man uns doch schon ganz freiwillig Brei gegeben hatte, ohne daß wir in der Versorgungsliste eingetragen waren.
Das Wasser bekamen wir zwar nicht, aber dafür einen Platz, um zu schlafen. Es war ein kleiner Raum, der uns aufnahm, in dem nur ein großer Kessel eingemauert war, in welchem sich verunglückte Schwaben abmühten, seinen Rand wieder zu erreichen. Wie sinnlos diese Versuche waren, hätten sie selbst verstehen müssen, denn sie fielen auf eine Schicht toter Leiber zurück, die vor ihnen diesen Bemühungen erlegen waren.
Wir bekamen eine Unterlage, dünn und kurz, die in ihren Ausmaßen nur genügen konnte, wenn wir uns ganz zusammenrollten, was uns aber die Kälte auch ohne diese Beschränkung empfohlen hätte. Dieser Raum hatte aber auch ein Gutes, er war nicht vollkommen finster, man hatte vergessen, uns die Funzel abzunehmen, ein Medizinfläschchen mit Petroleum gefüllt. Wir hatten in der letzten Zeit unsere Nächte in vollkommener Dunkelheit zugebracht, und man kann sich schwer vorstellen, was so ein kleines Lichtchen einem Menschen geben kann. Wir hatten es auf den Rand des Kessels gestellt, wir behielten es im Auge. Es brannte nicht ruhig, es flackerte, hielt sich am Leben anscheinend gegen einen Widerstand, den wir nicht kannten, zu dem wir nicht hindenken konnten. Wenn die Flamme fast knisternd versank, erschraken wir wie vor einer Gefahr, die aber weniger dem Lichte als vielmehr uns selbst galt. Der Geruch, den das Lämpchen ausströmte, war uns fremd, aber doch erweckte er Erinnerungen, bildlose zwar, ferne Gefühle, die zu unserer jetzigen Welt nicht gehörten. Das Flämmchen rußte, und erst am Morgen, als wir uns betrachteten, als wir unsere schmutzigen Gesichter sahen, verstanden wir, daß wir widerrechtlich eine ganze Menge des kostbaren Öls verbraucht hatten, was uns Strafe einbringen konnte.
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